(Nachdruck verboten.) Geächtet. Roman von LotharBrenkendorf. (Fortsetzung.) Zweites Kapitel. Während des ganzen übrigen Tages gab es für den General und seinen Adjutanten so viel zu thun, daß Elisabeth. keinen von ihnen wieder zu Gesicht bekam. Die Ordonnanzen gingen beständig ein und aus, und schon die ungewöhnlich lebhafte Unruhe im Hause ließ erkennen, daß sich irgend etwas außerordentliches vorbereite. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, als das junge Mädchen, das in bewegter und sorgenvoller Stimmung auf eine Nachricht vom Vater harrte, durch? den Eintritt ihrer Zofe Sophie aus ihren halb bangen und halb glücklichen Träumereien aufgeschpeckt wurde. Ein Blick in das Gesicht der Dienerin belehrte sie, daß es sich um etwas wichtiges handeln müsse; denn die ziemlich beschränkte Person, die sich schon seit einer Reihe von Jahren im Hause befand, hatte die für eine richtige Kammerjungfer so unentbehrliche Kunst, bedeutsame Geheimnisse hinter einer gleichgiltigen Miene zu verbergen, auch in dieser langen Zeit noch; nicht erlernt. Mit allen Anzeichen des Schreckens und der Bestürzung näherte sie sich ihrer jungen Herrin und flüsterte so dicht an ihrem Ohr, als wäre hinter jedem Möbel ein Lauscher verborgen: Der gnädige Herr von der Räcknitz ist in meiner Kammer und bittet das. Fräulein um Gottes willen, ihm unter vier Augen Gehör zu scheuten." Elisabeth sah die Sprechende mit großen Augen an. „Bist Du bei Sinnen?■—■. Mein Vetter Franz — in Deiner Kainmer? Was in aller Welt hat er dort zu schaffen?" „Gott helfe mir, Fräulein — ich? weiß es nicht. Aber es müssen schlimme Dinge geschehen sein. Der gnädige Herr ist ganz außer sich?. Und seine Wäsche — ich habe es deutlich! gesehen, wie er den Mantel lüstete, feine Wäsche ist über und über mit Blut befleckt." Jetzt wurde auch das Fräulein von Marschall totenbleich. „Ist das Wahrheit? Und mich! wollte er sprechen? Hast Du ihn auch recht verstanden — mich?" 5'<» itel "(®lruSlDenb'9 ‘n Schul' lernst du dm Spruch verständig, Inwendig macht ihn erst Erfahrung dir lebendig. Auswendig hab' ich leicht gelernt in jungen Jahren, Inwendig, da ich alt war, die Wahrheit schwer erfahren. Güll, Leitstern. „Ja — ja! Nicht einmal, dreimal hat er mirs auf die Seele gebunden, daß niemünd im Hause ihn sehen dürfe außer mir und dem Fräulein. Es gelte fein Leben — daI waren des gnädigen Herrn eigene Worte, cklnd xr habe keine Minute zu verlieren." „So führe ihn schnell hierher! Doch nein —- mein Vater könnte in jedem Augenblick eintreten und ihn bei mir finden. Wo, um des Himmels willen, soll id)| dann aber mit ihm sprechen?" „In meiner Kanrmer würden Sie auch nicht sicher sein, denn die Thür läßt sich; nicht verschließen. Aber vielleicht in des Fräuleins Zimmer." „Welch ein Gedanke! Nein, Sophie, das ist unmöglich! Und doch, wenn er sagt, daß es sein Leben» gilt —" „Ich bitte das Fräulein inständig, nicht lange zu überlegen. Er sieht so schrecklich aus, der junge Herr! Und die Zähne klapperten ihm vor Angst, ich habe es ganz deutlich gehört." „Meinetwegen denn! Auf dem hinteren Gang wirft Du ihn unbemerkt in mein Zimmer bringen können. Aber Du (Mußt in der Nähe bleiben, Sophie! Ich fürchte mich, mit ihm üllein zu sein. Er war mit Blut, befleckt, sagst Du, vielleicht verwundet?" „Ich weiß nicht, es ist möglich. Bevor ich hierher ging, mußte ich ihm eine Schüssel mit Wasser bringen!" „O mein Gott, was ihm nur zugeftoßen sein mag! Aber wäre es nicht dennoch besser, sogleich meinen Vater zu benachrichtigen? Ich kann ja doch nicht das Geringste zu seinem Beistände thun." „Beileibe nicht, Fräulein! Gerade das ist es ja, wovor sich der junge Herr am meisten fürchtet. Es war fein erstes Wort: „Wenn der Oheim etwas von meinem Hiersein; erfährt, bin ich verloren." „So eile, ihn in mein Zimmer zu bringen. Und wenn mein Vater später nach mir fragen sollte, mußt Tu irgend eine Ausflucht ersinnen, meine Abwesenheit zu erklären." Die Zofe, die an allen Gliedern zitterte, entfernte sich rasch?, und Elisabeth begab sich klopfenden Herzens in ihr Zimmer, das allerdings der abgelegenste von allen Räumen das Hauses war. Noch hatte sie kaum zwei Minuten dort verweilt, als die Thür behutsam geöffnet wurde und die große, aber schmächtige Gestalt eines trotz der sommerlichen Wärme in einen langen grauen Mantel gehüllten jungen Mannes auf den Fußspitzen über die Schwelle schlüpfte. Erst als er sich ganz sich?er wußte, nahm er den ties über die Stirne gezogenen Hut vom Kopfe, ein hageres, aschfahles Gesicht mit angstverzerrten Zügen enthüllend. Es war das Gesicht eines Jünglings, der die Zwanzig noch nicht lange überschritten haben konüte, aber um Mund und Augen hatten sich? in dies jugendliche Antlitz bereits scharfe Linien eingezeichnet. Scheu durch- 414 — (Fortsetzung folgt.) „Höre mich, erst an, Elisabeth!" stieß er mit zuckendem Munde hervor. „Wenn Du mich von hier vertreibst, überlieferst Du mich dem sicheren' Verderben. Ich habe einen Menschen getötet; aber es geschah im Streit. Und ich war der Angegriffene, ich mußte mich verteidigen, ^eder andere hätte an meiner Stelle dässelbe gethan. Bei dem Andenken Deiner Mutter beschwöre ich Dich, verlaß mich nicht in meiner Not!" seinen bleichen Lippen. lu/. wu toäee; denn es ist viel schlimmer. Ich Menschen erschlagen." Elisabeth flüchtete mit einem Aufschrei bis in die Diese des Zimmers, wo unter einem faltenreichen Bett- 7tmn,I.teL ^ager stand. „Komm mir nicht zu nahe. Unglückseliger! Geh! Geh! Ich will nichts zu schaffen haben mrt einem Mörder." Ende gut — alles gut Humoreske von H. du Plessac. Nachdruck verboten. Einzig autorisierte Uebersetzung von A. Friedheim. Herr Langero kam wie ein Wirbelwind in den kleinen Salon, in dem Frau Vermans, seine Schwägerin, und Klotrlde seine Nichte, mit Handarbeiten beschäftigt, am Fenster saßen. a Herr Langero kam übrigens immer „a la Wirbelwind"- denn auf der ganzen Welt gab es keinen Menschen, der so vrel zu thun hatte wie er! Eigentlich! ab er hatte' er gar nichts zu thun, sondern !nur den sehr angenehmen Beruf, als Rentier sein Leben zu verbringen. Er hatte sich jedoch eine solche Menge ver- merutlrcher Pflichten geschaffen, daß ihm im wahren Sinne des Wortes auch nicht eine Minute gehörte. Von früh bis spat war er unterwegs, lief von einem Ort zum andern, ohne doch an einem einzigen wirklich nötig zu sein; er U.?M"ckte im Stehen, nahm sich kaum zum Mittag die notige Ruhe, und wenn er einen Bekannten traf, so war seine stete Begrüßung: „Sehr erfreut. Sie zu seh . . . Pardon, habe gar keine Zeit... in größter Eile Kurrerzug war gar nichts dagegen! Herr Langero war das personifizierte Perpetuum mobile! Diese Eigenschaft wäre ja für die Menschheit im allgemeinen und für die lieben Nächsten im besonderen ganz ohne Belang gewesen, wenn Herrn Langeros Gedächtnis bei dieser Treibjagd der eigenen Person nicht etwas gelitten hatte. Auf ganz besonderem Kriegsfuß stand er mit den Namen und Adressen seiner Bekannten: zu einem Ohr drangen sie hinein, zu dem anderen gingen sie toieber hinaus, und da Herr Langero eben keine Zeit hatte, sie schwarz auf weiß zu fixieren, so entstand eine traurige Verwirrung in diesem Ressort seines Gedächtnisses. „Welch glücklicher Zufall führt Dich' her, lieber Hektor ?" sagte seine Schwägerin und legte die feine Stickerei aus der Hand. „Kein Zufall, meine Liebe", antwortete Herr Langero außer Atem, „eine Sache von außerordentlicher Wichtigkeit, über die ich so rasch wie irgend möglich ein vaar Worte mit Dir reden muß". „Setz' Dich doch wenigstens". $ ^„Habe keine Zeit, meine liebe Hortense, absolut keine „Was hast Du denn zu thun?" „Alles nur Mögliche! . . . Sieh mal: jetzt ist es 2 Uhr, „Wenn Du in der Verteidigung Deines eigenen Lebens gehandelt hast, Franz, brauchst Mu Dich auch nicht zu fürchten, meinem Vater alles zu entdecken. Er allein ist es, der Dir raten und helfen kann. Weshalb kommst Du mit Deinem Geständnis zu mir?" „Weil Du mir helfen sollst, zu entfliehen. Denn ich muß fort aus Berlin, noch in dieser Nacht. Sonst kann ich mich nur noch durch einen freiwilligen Tod vor dem Galgen oder dem Zuchthause retten. Der Mensch, den ich getötet habe, war einer -von den französischen Komödianten, einer von den besonderen Lieblingen des Königs. Ob ich ihn auch in der Notwehr erstochen, kein Richter würde es wagen, mich freizusprechen, wenn des Königs Zorn meine Verurteilung fordert." Eine so grenzenlose Verzweiflung, ein so hilfloser Jainmer war in seinen Worten, wie in seinem ganzen Gebühren, daß eines siebzehnjährigen Mädchens Herz davon unmöglich ungerührt bleiben konnte. Schon kämpfte in ihrem Innern das Mitleid mit dem Verzweifelnden gegen das Entsetzen, das ihr der Mörder eingeflößt hatte, und ob auch eine leicht lbegrpifliche Angst sie drängte, sich seiner unheimlichen Gesellschaft zu entledigen, wollte ihr doch das harte Wort, das -seine letzten Hoffnungen zerstören mußte, nicht mehr über die Lippen. Sein von der Todesfurcht geschärftes Auge aber las die Ungewißheit in ihren Zügen, und wie ein bittendes Kind streckte er seine Hände gegen sie aus. „Denke an die Vergangenheit, Elisabeth, denke daran, daß Deine Mutter auch mich als Knaben oftmals auf ihren Knieen gehalten! Wenn sie noch am Leben wäre, o, ich weiß es gewiß, sie würde mir in einer solchen Stunde ihre Hilfe nicht versagen." „Wer ich kann doch nichts für Dich thun, Franz, ich kann nicht, selbst wenn ich den rechtschaffenen Willen dazu hätte. Wie sollte ich es denn anfangen, Mr zur Flucht zu verhelfen? Ich, ein machtloses Mädchen! Sieh, ich will ja gern zu meinem Vater gehen, um ihn auf Dein Geständnis vorzubereiten. Ich will Deinen Fürfprechjer 6ei, ihm machen, und ihn, wenn es sein muß, auf den Knieen anflehen, daß er Seine Majestät für Mch um Gnade bittet. Der König ist großmütig und gerecht. Wenn man ihm die Wahrheit mitteilt, wird er Dich nicht für die Schuld eines anderen büßen lassen!" Mit Heftigkeit schüttelte der Flüchtling den Kopf. Z8MMWMMM MVKMMSZ8 bist 2tounbet?"6Iei6en‘ Dir widerfahren? Du Es mußte etwas in dieser Einwendung sein, das m,t Er erbob iicb, ärbrend nnh , I ihrer eigenen Ansicht von dem Charakter des Vaters über- Zm «d-E d?s L-d-»s “'ÄfS ÄJT'Ä'ÄÄÄft 1 gerade an mich- zu wenden." Die heiß ersehnte Gewißheit, daß er ihre Teilnahme gewonnen habe, ließ einen Strahl der Hoffnung in seinen Augen aufleuchten. Er eilte auf sie zu und erfaßte mit beiden Händen ihre herabhängende Rechte. Bei der Berührung seiner eiskalten Finger ging es wie ein Erschauern über ihren Leib. Sie zuckte zusammen, aber sie stieß ihn doch nicht zurück. 415 in einer halben Stunde muß ich bei der Kunstauktion von Druod sein; der Nachlaß der Gräfin von Vertaleur wird versteigert... es sollen die wunderbarsten Bilder dort ■jettt, und ich möchte das nicht versäumen". „Willst Du eins lausen?" „£), nein, durchaus nicht! . . . aber ich darf nicht fehlen ... es ist zu umständlich, Dir das jetzt auseinander .zu, setzen! Hör mal, Klotildchen, liebes Nichtchen", wandte sich Herr Langero an das junge Mädchen, „hast Du jetzt nicht eigentlich Deine Malstunde?" „Ich verstehe den zarten Wink mit dem Zaunpfahl", lachte Klotilde lustig, und stand auf, „das heißt so viel: .als ich bin bei der „außerordentlich" wichtigen Angelegenheit, die Du mit Mama zu besprechen hast, überflüssig!" Und die hübschen Augen sprühten vor Schelmerei, als sie fortfuhr: „Sag' mal, Onkelchen, hat Deine „außerordentlich" wichtige Angelegenheit blonde oder schwarze Haare, einen Schnurr- oder Vollbart? ... Du weißt doch ich ziehe entschieden den Schnurrbart, und zwar schwarz, sehr schwarz, vor! ..." Und lächelnd lief das junge Mädchen hinaus. Sie war fest überzeugt, daß der Onkel einen Freier vorzuschlagen hatte, und der Gedanke war ihr gar nicht erschreckend. „Der kleine Schlauberger"", sagte Herr Langero, sobald sch die Thür hinter ihr geschlossen hatte, „sie trifft den Nagel auf den Kops! Und ich bin ihr dankbar dafür; denn das spart mir Zeit, weil ich keine Vorreden zu machen brauche... ja, liebe Hortense, ich glaube eine wunderbar gute Partie für Klotilde gefunden zu haben . .. wie? . . . durch einen Zufall, den ch Dir ein andermal erklären werde ... ein prächtiger Mensch, geistig und körperlich . . . ein bedeutender Jurist, der eine große Zukunft vor sch hat ... 28 Jahre . . . 150 000 Francs eigenes Vermögen. . . ebenso viel von einer gelähmten Tante zu erwarten, die ihn wie einen Sohn liebt... ich habe mit ihm von Klotilde gesprochen... er findet alles sehr gut. . . wünscht eine Zusammenkunft. . . höchst einfach . . . ch habe alles verabredet. . . schreibe Du ihm, daß er zu Euch kommen soll . . . finde irgend einen geschickten Vorwand ... Du verstehst wohl, daß ch mch nicht damit beschäftigen kann . . . und zwar ganz rasch... Du weißt ja, daß ich ganz und gar, soweit es mir meine verschiedenen Verpflichtungen nur irgendwie gestatten, zu Deiner Verfügung stehe!" „Ja, aber, lieber Hektor, das geht doch ncht; wie denkst Du Dir denn das?"" fagte Frau Vermans, „ich kann den jungen Mann doch ncht so ohne weiteres zu mir bitten! . . ." „Glaube mir, es ist eine ausnahmsweise günstige Partie! . . . Die darf man sch nicht entgehen lassen . . . unter irgend einem Vorwand ... ist doch ncht zu schwer , zu finden, ch muß fort ... es ist schon zehn Minuten über .Zwei! . . ." „Ein Wort noch, Hektor, ch muß doch den Namen und die Adresse des jungen Mannes haben?" „Ach ja! Das ist wahr . . . das kommt davon, wenn .man so viel in seinem Kopse hat! . . . Sein Name: Dupin, Jules Dupin . . . seine Adresse. . . ach, Donnerwetter! Ich kann mch nicht besinnen! . . . Wart' mal. . . 123 ... ja, es war 123, in der. . . Herrgott, wie war doch nur der Name? Hilf mir doch, ein bischen ... Ah! Ich hab's! ... es ist ein Boulevard . . . was mit St." „St. Martin? ... St. Denis? ... St Marcel? . . . St. Michel? . . ." „Michel, ja, so war's! . . . also Nummer 123 . .. schreibe ihm! . . . Adieu! . . . Auf baldiges Wiedersehen! Ich komme, mch erkundigen! . . ."" Als der Schwager fort war, blieb Frau Vermans mit sehr gemischten Gefühlen zurück. Sie hatte Lust, zu lachen, ärgerte sich aber doch über das so wenig korrekte Ansinnen des Schwagers. Wie konnte sie wohl an einen jungen Mann schreiben, den sie nie gesehen hatte, ihn direkt in ihr Haus einführen, ohne auch nur das geringste von ihm zu wissen! Das war doch sehr riskant, jedenfalls ganz gegen alle Sitte. Andererseits hatte das, was Langero über Jules Dupin gesagt hatte, recht günstig geklungen. Als Witwe lebte sie sehr zurückgezogen, und die Erfüllung des Wunsches, ihre Tochter zu verheiraten — und das Töchterchen hatte denselben Wunsch — war somit ziemlich verlockend. Wäre es klug, eine durch den Schwager gebotene Aussicht kurzer Hand zurückzuweisen? Für das, was man gern möchte, findet man stets gute Gründe, und so erging es denn auch Frau Vermans. Am Tage nach der durch Herrn Langero geinachten Mitteilung, schrieb sie folgendes Briefchen: „Frau Vermans.würde Herrn Jules Dupin dankbar verpflichtet sein, wenn derselbe sich freundlichst zwischen 3 bis 6 Uhr, Bonaparte-Straße 40, zwecks Rücksprache in einer wichtigen Angelegenheit zu ihr bemühen wollte. „Da der Herr Jurist ist"", sagte sich Frau Vermans, „so werde ich ihn in dem Erbschaftsprozeß mit den Verwandten meines Mannes um Rat fragen, dann ist ein guter Anknüpfungspunkt gefunden"". Charles Dupin, ein talentvoller Maler, der zufällig 123 Boulevard zum heiligen Michel wohnte, war sehr überrascht, aber auch angenehm berührt, als er die so dringliche Aufforderung von Frau Vermans erhielt. „Vermans? . . . Vermans?" sagte er sich, „ich habe keinen Bekannten des Namens! . . . Wer ich werde mW Wohl hüten, einer Aufforderung von schöner Hand nicht zu folgen! Wahrscheinlich hat die würdige Dame von meinem Talent gehört und will mir nun einen Auftrag geben . . . mir soll's recht sein, denn die Zeiten sind nicht gerade rosig für die Kunst." Am nächsten Tage machte Charles Dupin die für einen solchen Besuch notwendige, sorgfältige Toilette, und zur festgesetzten Zeit llingelte er bei Frau Vermans. Klotilde war unter einem Vorwand fern gehalten. Aber Frau Vermans war darum doch in einer leichten Verlegenheit, und Charles Dupin, obgleich er ein sehr gewandter Gesellschafter, fühlte sich auch ziemlich befangen. „Verzeihen Sie meine Indiskretion, Herr Dupin"", sagte Frau Vermans, „aber der eigentliche Schuldige ist Herr Langero, der mir geraten hat. Ihnen zu schreiben"". „Ah!" sagte Charles Dupin, dem der Name Langero ganz fremd war, „also Herr Langero war es . . . und wie geht es dem lieben Herrn Langero?" „O, sehr gut, . . . immer äußerst beschäftigt, wie Sie wissen!" „Ja... ja . . . ich weiß!"" antwortete der Maler, der gar nichts wußte, aber als er Frau Vermans lächeln sah, in ein herzliches Lachen ausbrach. „Merkwürdig"", dachte Frau Vermans, „Hektor hat mir gesagt, daß der junge Mann so sehr ernst und gemessen sei. . . er ist ja sehr lustig, das paßt auch viel besser für Klotilde"". Und zu ihrem Besuch gewendet, fuhr Frau Ber- mans fort: „Und so habe ich, mir denn gedacht, daß ich mir auf Empfehlung meines Schwagers erlauben dürfte . . ." „Ihres Schwagers"" „Nun ja. . . Herrn Langero . . ."" „Ach ja, ja, ich verstehe. . . Ihr Herr Schwager Langero. . ." „Eine alleinstehende Frau, Witwe, wie ich es bin, bedarf gar oft guten Rates". „Gnädige Frau sind Witwe?"" „Wie? Das wissen Sie nicht? . . . Hat mein Schwager Ihnen das nicht gesagt?" „Nein, davon erwähnte er nichts ... es ist aber auch, wie vermute, nebensächlich bei der Sache, um die es sich handelt." „Durchaus nickst, Herr Dupin, denn gerade seit ifcm Tode meines Mannes sind sind für mich all diese Sorgen gekommen ... der Vater meines Mannes besaß eine sehr schöne Bildersammlung. . ."" „Nun sind wir ja so weit"", dachte Charles Dupin. „Diese Sammlung war noch nicht zwischen die Erben verteilt, als mein armer Mann starb, und nun machen mir die Verwandten meines Mannes darüber Schwierigkeiten"". „Das ist ja schrecklich", rief der Maler, während er bei sich dachte: „Zum Kuckuck noch mal, wozu erzählt sie mir das eigentlich?" 416 „Sie wollen mir nur einen „Grenze", einen Fragonard und eine Skizzenmappe von David abtreten". „Aber gnädigste Frau, das sind ja Schätze!" „Meinen Sie?" Charles Dupin hätte vielleicht seine Ansicht über die Maler des. Längeren entwickelt, wenn nicht in demselben Augenblick Klotilde liebreizend und frisch wie ein Heckenröschen ins Zimmer gekommen wäre. „Ei! Ei!" sagte sich der Maler, „was den „Greuze" anbelangt, so scheint mir dies ein lebendiger „Greuze", der alle Werke des berühmten Meisters in den Scharten stellt". Die Gegenwart des jungen Mädchens bestimmte Frau Vermans, das Erbschaftsgesprstch, das ihr ein so willkommener Vorwand gewesen war, abzubrechen. Aber Charles Dupin war auf dem Gebiet der Kunst viel zu beschlagen, um das Thema fallen zu lassen. Mit einer geschickten Schwenkung kam er wieder daraus zurück rmd sprach mit einer wahren Begeisterung von den großen Malern. Frau Vermanns dachte: „Langero hat recht! Der junge Mann ist wirklich äußerst redegewandt, wenn er das auf einem ihm doch fremden Gebiete vermag, muß er ja in seinem Fach alles für sich! gewinnen!" Klotilde hörte ihrerseits mit größtem Vergnügen das, was Charles Dupin sprach, und in ihrer Naivetät huschte sie sogar hinaus und holte einige ihrer Aquarelle, um sie zu zeigen; natürlich war Dupin ganz entzückt davon. „Gnädiges Fräulein sind ja eine Künstlerin!" ries er, und mit allen technischen Ausdrücken hob er Klotildes Eigenart der Pinselführung hervor. „Malen Sie denn auch?" fragte das junge Mädchen. „Ein wenig", antwortete Dupin, den die Frage verwunderte. „Ach! Das ist ja beizend!" rief Klotilde, die als schlaues Evatöchterlein wohl verstanden hatte, welche Motive den Fremden in ihr Haus führten, und die gleich bemerkt hatte, daß er einen prächtigen schwarzen Schnurrbart besaß. „Und Ihre arme Frau Tante? . . ." fragte Frau Vermans voller Interesse, „wie geht es ihr?" „Gnädige Frau meinen wohl den Onkel . . . immer im Gange trotz seines Gebrechens!" „Im Gange? . . . Ich glaubte, er sei gelähmt!" „Blind, leider Gottes . . . aber sonst doch noch ganz rüstig". „Hektor ist doch immer derselbe", dachte Frau Vermans, „den Onkel hält er für eine Tante und einen Blinden für einen Gelähmten! . . . aber der junge Mann gefällt mir wirkliche. Der Gast verabschiedete sich'. „Wir haben doch? hoffentlich! das Vergnügen, Sie wiederzusehen", sagte Frau Vermans und reichte Charles Dupin die Hand zum Abschied. Der stand vor einem Rätsel; warum hatte man ihn denn eigentlich kommen lassen? Was wollte die Dame von ihm? So viel stand jedenfalls fest, daß! man ihn aufgefordert hatte, feinen Besuch! zu wiederholen, und da ihm das die Möglichkeit bot, den lebenden „Greuze" wiederzusehen, der es ihm entschieden angethan hatte, so antwortete er denn mit größter Ueberzeugung: „Aber sehr gern, gnädige Frau. . . wann ist Ihnen mein Kommen genehm?" „Wann es Ihnen beliebt, Herr Dupin, Sie sind uns immer willkommen!" „Wie wäre es denn mit morgen", meinte Klotilde. — Vielleicht vierzehn Tage nach jenem Gespräch', das Herr Langero mit seiner Schwägerin gehabt hatte, begegnete er in feiner Hast Herrn Jules Dupin, dem Juristen, der sehr kühl ujnd gemessen war. „Ich warte noch immer", sagte der junge Mann in gekränktem Ton. „Sie warten? Auf was?" antwortete Langero freundlich lächelnd. „Nun, auf die Aufforderung von Frau Vermans!" „Machen Sie doch keine schlechten Scherze, bester Freund. Ich weiß doch, daß Sie jeden Tag bei meiner Schwägerin sind. Daß mein Nich^lMN ihr Herz an Sie verloren hat, und daß nächsten Dienstag Verlobung gefeiert werden soll. . . leider bin ich so fabelhaft in Anspruch genommen gewesen, daß ich bei keinem Ihrer Besuche zugegen sein konnte . . . aber nächsten Dienstag komme ich wenn ich irgend kann!" „Die schlechten Scherze scheinen von Ihnen auszugehen, Herr Langero", sagte Herr Dupin sehr gemessen, „ich wiederhole, daß ich von Frau Vermans keine Aufforderung erhalten und nicht mit einem Schritt bei ihr gewesen bin^ „Ja. . . aber. . ." sagte Herr Langero. Doch mitten im Satze unterbrach er sich selbst, denn es kam ihm der Gedanke: „Ach, du meine Güte, sollte ich mich> vielleicht geirrt haben?" und laut fuhr er fort: „Wo wohnen Sie doch?" „123 Boulevard St. Antoine". „Oh, oh! . . . und ich habe geglaubt, „Boulevard St. Michel", da hat mir mein Gedächtnis mal wieder einen Streich gespielt . . . verzeihen Sie mir, liebster, bester Freund! . . . Ich bin heute sehr eilig! . . . Wir sprechen noch ausführlicher darüber! ... In den allernächsten Tagen komme ich zu Ihnen . . ." Und Herr Langero drückte sich; denn die Sache war ihm höchst ungemütlich. Er stürzte zu seiner Schwägerin, wo sich! das Quipro- quo, über das sich keiner der Beteiligten beklagte, längst aufgeklärt hatte. Die Damen waren nicht allein, als Herr Langero hastig in das Zimmer kam: Herr Charles Dupin (123 Boulevard St. Michel) war dort in zärtlichstem Gespräch! mit seiner Braut. „Diesmal verzeihe ich Ihnen noch, lieber Schwager", sagte Frau Vermans. , ,Ja, Onkelchen, und Du sollst sogar einen Extrakuß haben", rief Klotilde und sah Charles Dupin vielversprechend an, bevor sie die rosigen Lippen auf die Wange des Onkels drückte. „Na", sagte Herr Langero, „Du wirst doch wenigstens trotz allem Frau Dupin! . . . Was den andern Dupin anbetrifst, so werde ist ihm eben eine andere Braut suchen sobald ich Zeit dazu habe! . . . Uebrigens werde noch! — sobald ich Zeit dazu habe — mich bei der Post beschweren. Wie kommt der Bote dazu, Herrn Charles Dupin einen Bries auszuhändigen, der für Herrn Jules Dupin bestimmt war?" Gemeinnütziges Die Unannehmlichkeiten der heißen Jahreszeit machen sich! für niemand empfindlicher bemerkbar, 'als für die arme geplagte Hausfrau, besonders in kleinen Landstädten uni): Dörfern, im Gebirge und auf Reisen, wo der Küche Haupterfordernis, nämlich frisches Fleischs üicht immer zu haben ist. Unschätzbare Dienste leistet ihr dann zur Herstellung einer guten Fleischbrühe und zur Kräftigung der meisten Speisen Liebigs Fleisch- Extrakt, das sich! unverändert bei jedem Thermometerstande und jedem Klima hält. Skataufgabe. (Bei französischen Karten gilt Treff gleich Eichel, Pique gleich Grün, Coeur gleich Rot, Carreau gleich Schellen.) im ♦ ♦ ♦ ♦ Griin(Pique)-Solo, verliert jedoch, obwohl ein Wenzel und ein Aß im Skat liegen; Mittelhand hat sechs Augen mehr in ihren Karten a($ Hinterhand. Wie war die Kartenverteilung und der Spielgang? Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Morgenstunde hat Gold im Munde. Rtbalhen: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Uuiversitst<«Buch< und Steindruckerei (Pietsch Erbe») in Gieße»«