(Nachdruck verboten.) Die Ine von Sankt Rochus. Kriminalroman von Gustav Höcker. (Sortierung.) Als Doktor Gerth an einem Sonntagvormittag in seinem Zimmer saß, empfing er den Besuch eines Fremden. Sein Haar war bereits ergraut, aber noch immer von dichtem Wuchs, wie auch der stattliche Vollbart zeigte. Die Augen beschattete eine blaue Brille. In Haltung und Kleidung verriet sich der feine Mann. „Sie wenden mich wohl nicht kennen?" führte sich der Besucher unter einem verbindlichen Lächeln ein. „Ich muß allerdings bedauern", entschuldigte sich, Gerth. „Allram ist mein Name, Titus Allram." Der Irrenarzt wollte seinen Ohren und Augen nicht trauen. Selbst jetzt, wo er es wußte, erkannte er den Detektiv nicht wieder, der erst im späteren Verlauf des Gesprächs, wo er sich zwanglos gehen ließ, in Stimme und Benehmen nach und nach zum Vorschein kam. Da war also der Mann selbst, von dem er mit, jeder Post eine Mitteilung erwartet hatte, und daß er in so geheimnisvollem Inkognito kam, schien keine ungünstige Vorbedeutung zu sein. „Kann uns hier jemand hören?" frug Allram vorsichtig, während er auf dem ihm dargebotenen Sessel Platz nahm. „Wir sind vor jedem unberufenen Lauscher sichrer", beruhigte Gerth. „Ich komme unter dieser Maske", sagte Allram mit gedämpfter Stimme, „um dem Teufel das Spiel zu verderben, falls mich hier zufällig jemand kennen sollte. Es würde Mißtrauen erregen, wenn man Sie mit einem Detektiv verkehren sähe. Ich bin also Doktor Hauser, bin ein Irrenarzt aus irgend einer weit entlegenen Anstalt, die Sie selbst wählen mögen. Als Fachmann darf ich mich, unter Ihrer Führung hier frei bewegen und sogar einige Worte mit Konstanze Herbronn sprechen, falls dies nötig wenden sollte. Damit es aber nicht auffällt, wenn ich noch einmal kommen müßte, so werden Sie Ihren Herren Kollegen sagen, «ich sei auf einer größeren Reise begriffen 1900. Eh aMt-na Jörfes Will. W chlägt dir die Hoffnung fehl, Nie fehle dir das Hoffen; Ein Thor ist zugethan, Doch tausend sind dir offen. Rückert. und hätte versprochen, Sie auf der Rückfahrt noch einmal zu besuchen." „Ich verstehe vollkommen", nickte der junge Arzt. „So darf ich also wohl annehmen, daß —" „Daß ich mich ganz in Ihre Dienste gestellt habe? Ja, das dürfen Sie. Die Mission verspricht interessant zu werden, wenn ich auch für einen Erfolg nicht bürgen kann." Mit klopfendem Herzen erwartete Doktor Gerth die Eröffnungen des Detektivs. „Die leisen Spuren, die ich entdeckt habe, deuten zunächst auf ein Vorkommnis, welches um fünf Jahre zurückliegt", begann Allram. „Sie erinnern sich gewiß meiner Mitteilung, daß ich einen Dieb ermittelte, der Professor, Georgis Altertumssammlung bestohlen hatte. Es handelte sich um eine Bibel und zwar um die sehr selten geworden« lateinische Ausgabe von 1532, die bei Robertus Stephanus in Paris gedruckt worden ist. So steht es in meinem Tagebuche, welches ich über alle meine Geschäfte bis auf die geringfügigsten Nebenumstände führe. Ich habe in diesem Tagebuche schon manchen wichtigen Rückblick gethan über Personen und Dinge, mit denen ich abgeschlossen zu haben glaubte, und die dennoch bei späteren Ereignissen, welche durch meine Hand liefen, wieder bedeutungsvoll wurden. Bewundern Sie also nicht mein Gedächtnis, wenn ich auf dieses und jenes Detail werde zu sprechen kommen, auf Zahlen und Daten sogar, — sie stehen alle in meinem Tagebuche, welches ich befragt habe. . . . Der Zufall wollte es, daß Professor Georgi das kostbare Buch sogleich vermißte. Am Abend vorher hatte er es noch neben anderen altertümlichen Büchern, von denen er eins gerade gebraucht stehen sehen; am Morgen war es verschwunden. Da der Portier Punkt acht Uhr das Haus schloß und gerade an jenem Abende niemanden ein- noch ausgelassen hatte, so mußte man es mit einem Hausdiebe zu thun haben. Um nicht die Polizei in die Sache hineinzuziehen, wandte sich der Professor an mich. Der Schuldige hatte alle Vorkehrungen getroffen, den Verdacht dem Dienstmädchen aufzuhalsen. Ich ließ mich jedoch nicht durch den Schein täuschen. Professor Georgi hatte kurz vorher mit einem Berliner Antiquar über den Verkauf der Bibel korrespondiert, die Unterhandlungen jedoch wieder abgebrochen. Sein Neffe wohnte bei ihm. Ich kannte den jungen Mann nicht, den ich auch während jener Tage nie im Hause antraf, — wahrscheinlich wich er mir aus; aber ich hatte gehört, daß er ein leichtsinniger Schuldenmacher und ein großer Freund von Spiel- und Champagnergelagen sei. Im Arbeitszimmer seines Onkels hatte er vielleicht den einen oder anderen Brief des Berliner Antiquars offen liegen sehen, einen Blick hineingeworfen und daraus den hohen Geldwert der Bibel ersehen. Wer weiß, aus welcher Verlegenheit er sich helfen wollte, wenn er das vom Onkel 354 abgelehnte Geschäft mit dem Antiquar selbst machte. Eine Durchsuchung seines Zimmers wollte der Professor dnrch^- aus nicht zugeben; eines solchen Spitzbubenstreiches hielt er s einen Neffen für unfähig. Erst als ich ihm vorstellte, es handle sich hier nur um eine Formalität, willigte er! ein. Im Papierkorbe des jungen Herrn fand ich einen Brief, eigentlich einen Wisch, den nur der Stempel der Stadtpost zum Range eines Brieses erhob. Die Adresse« lautete an Herrn Alfred Wippach — so hieß nämlich Professor Georgis Neffe. Das Datum war vom vorhergehenden Tage. Der Brief hatte natürlich auch einen Inhalt. Dieser deutete auf ein militärisches Unternehmen hin, welches für die folgende Nacht in Aussicht gestellt war. Im' Briefe standen nämlich die wenigen Worte: „Die dritte, Kompagnie des 56. Regiments tritt heute abend elf Uhr zur Nachtübung an." Natürlich nahm ich die Sache nicht von der militärischen Seite, sondern ich dachte sogleich; an die kostbare Bibel. Da diese sich nirgends fand, und da nach der Versicherung des Portiers zur Nachtzeit auch niemand im Hause ein- oder ausgegangen war, so mußte! sie dieses auf einem anderen Wege verlassen haben. Bei einer Nachforschung im Hofe, wo Leitern zur Auswahl umherlagen, fand ich gerade unter dem Korridorfenster; in dem weichen sandigen Boden zwei tiefe Eindrücke, die' nicht darüber im Zweifel ließen, daß hier eine Leiter angelegt worden war. Das war jedenfalls unter der Nachtübung der dritten Kompagnie des 56. Regiments zu verstehen gewesen, für welche sich der Briefschreiber Herrn Wippach als Gehilfe zur Verfügung stellte, um sich von ihm das sehr voluminöse Buch durchD Korridorfenster reichen zu lassen und damit über den leicht zu ersteigenden Plankenzaun des Hauses zu verschwinden. — Meine Vermutung, daß die Bibel nach Berlin zu dem Antiquar gewandert sei, mit welchem Professor Georgi wegen ihres Verkaufs brieflich unterhandelt hatte, bestätigte sich. Ich reiste selbst hin und erwirkte mit dem Käufer auf gütlichem Wege einen Vergleich, sodaß die Sache aus der Welt geschasst war, ohne Staub aufzuwirbeln. Jedenfalls hatte sich der Antiquar einer groben Unvorsichtigkeit schuldig gemacht, das Geschäft mit einem nicht beglaubigten Unterhändler ,abzuschließen, der kein anderer als jener Helfershelfer Wippachs gewesen sein konnte. Der Professor strich den entarteten Neffen aus dem Testamente und versah ihn mit den nötigen Mitteln zur Reise über den Atlantischen Ozean." Allram schwieg. Der Irrenarzt hatte ihm aufmerksam zugehört; man konnte ihm eine gewisse Verlegenheit anmerken, denn er fühlte sich enttäuscht. Er hatte mehr und ganz anderes erwartet. Der Detektiv hatte dies vorausgesehen. „Sie werden sich fragen, Herr Doktor, zu welchem' Zwecke ich Ihren dies erzählt habe", nahm er wieder das Wort. „Es ist nur ein Vorspiel, das Sie aber kennen müssen, um das, was nachfolgt, zu verstehen. Alfred Wippach befindet sich wieder hier. Er ist von jemand, der ihn kennt, gesehen worden, nicht viel besser als ein Bettler, lieber die Zeremonie der polizeilichen Anmeldung hat er sich hinweg- gesetzt. Vergebens bin ich unter mancherlei Verkleidungen in allen Spelunken herumgekrochen, wo solche Individuen Unterschlupf suchen, — ich konnte-ihn bis jetzt nicht aus- sindig machen. Jedenfalls darf man die Thatsache, daß ein enterbter, mißvergnügter Neffe existiert und aus seiner Verbannung zurückgekehrt ist, nicht ganz gering anschlagen, wenn man Konstanze Herbronn als das Opfer eines Justizmords betrachten will und den Schuldigen anderswo sucht. Die Person Frau Bruschers müssen wir vorläufig aus dem Spiele lassen. Auch mit den Widersprüchen zwischen ihr und Fräulein Herbronn dürfen wir uns jetzt nicht beschäftigen und ebensowenig mit bet Frage, welcher von beiden wir glauben sollen. Wir sind unsauberen Leuten auf der Spur und müssen die letztere unentwegt verfolgen. Ich habe soeben von Leuten gesprochen; denn auf der Fährte, der ich nachgehe, wandelt noch eine zweite höchst verdächtige Gestalt." „Die ebenfalls im Prozesse selbst nicht aufgetreten! ist?" frug Gerth mit lebhaftem Interesse. „Nur sehr episodisch", antwortete der Detektiv und kam nun auf den Merkurbriefträger Grotjan zu sprechen und aus den verdächtigen Umstand, daß dieser in der Wohnung des Professors um die Stunde, wo derselbe ermordet worden war, einen Brief hätte abgeben sollen, vor Gericht aber behauptet hatte, er habe in der ersten Etage nichts zu bestellen gehabt. „Hier haben wir es also mit einer falschen Zeugenaussage zu thun", fügte Allram seiner Mitteilung hinzu. „Ich finde es begreiflich", sagte der Irrenarzt, „daß ein Mann Ihres Berufs und Ihrer Erfahrung autfy auf den geringsten Umstand Gewicht legt. Führt Sie dies aber nicht mitunter zu weit? Verzeihen Sie mir, wenn ich der Ansicht bin, daß Grotjan die Abgabe des Brieses einfach vergessen hat und dieses Versehen vor Gericht nicht erst breittreten wollte, vielleicht nur, um sich eine Rüge seiner Vorgesetzten zu ersparen." „Sehr richtig und sehr einfach!" stimmte Allram unter, beifälligem Kopfnicken zu. Wäre jedoch nicht der falsche; ehrwürdige Vollbart gewesen, der den unteren Teil seines Gesichts verbarg, so würde um den Mund des Detektivs ein überlegenes Lächeln sichtbar geworden sein, welches sich nur sehr leise durch einige Fältchen unterhalb der blauen Brille verriet. „Ich habe diesen vernünftigen Gedanken ebenfalls gehabt", fuhr er fort, „da aber bei meinem Handwerke der Argwohn eines der Hauptinstrumente ist, so hielt ich es nicht für unzweckmäßig, die nähere Bekanntschaft dieses Merkurbriefträgers zu machen. Hierbei stieß ich, auf ein Hindernis der seltsamsten Art." „Wahrscheinlich stand er nicht mehr im Dienste der Merkurpost", vermutete der Irrenarzt. „In der That, er war abgegangen, aber es kommt noch besser. Ueber seine Aufführung wußte man nichts nachteiliges zu sagen. Er hat sich bei der Polizei ordnungsmäßig abgemeldet. Mit dieser Abmeldung ober verschwindet seine Spur. Damit war meine Neugierde, einiges über ihn zu erfahren, natürlich nicht befriedigt. Ich griff in seine Vergangenheit zurück/ was mir mit Hilfe des polizeilichen Nachweises nicht schwer wurde. Ernst Gabriel Grotjan war seines Zeichens Stubenmaler gewesen, ehe er sich vom Merkur vor anderthalb Jahren als Briefbesteller anstellen ließ, wahrscheinlich weil das Pflastertreten seinem beweglichen Naturell mehr zusagte, als mit Pinsel und Farbentöpfen auf dem Gerüste zu stehen und sich beim Plafondmalen den Hals auszurenken. In seiner Eigenschaft als Stubenmaler verfolgte ich seine Karriere rückwärts. Vor seinem Eintritt beim Merkur hat er bei einem Meister in der Provinzialhauptstadt eine zeitlang in Arbeit gestanden, vorher arbeitete er in ein paar kleineren Orten und weiter zurück in Magdeburg. Dort nun ist etwas sehr seltsames mit ihm geschehen, was meinen Nachforschungen ein kategorisches Ende machte. In Magdeburg ist er infolge schlechten Geschäftsgangs von seinem Meister entlassen worden, konnte keine Arbeit finden und — hat sich aufgehängt!" „Unmöglich!" fuhr Gerth überrascht auf. „Hat sich in seiner Schlafstelle aufgehängt", wiederholte der Detektiv nachdrücklich. „So erzählte mir die Fran des Meisters, bei dem er in Arbeit gestanden und die sich der Sache sehr gut erinnerte, da seitdem erst vier Iahte verstrichen sind. Den Meister selbst sprach! ich nicht. Er befand sich eines rheumatischen Leidens wegen gerade in einem Kurorte, der von meiner Route sehr weit ablag." Der Irrenarzt schüttelte fortwährend den Kopf. „Nimmt sich in Magdeburg das Leben", wiederholte er sich, an den Fingern zählend, „arbeitet dann an mehreren Orten und wird zuletzt Briefträger beim Merkur, — als ob die Zeit rückwärts liefe. Offenbar kann es sich, hier nur um eine Verwechslung handeln. Grotjan ist kein allzu seltener Name." (Fortsetzung folgt.) Wettrennen. Lebensskizze von Leo Berthold. Nachdruck verbaten. Meine Mutter hatte mir alles erzählt . . . so nach und nach« bei passenden Gelegenheiten, wenn die Erinnerung an die jungen Tage ihrer Ehe sie übermannte; Fried- 355 richs schöne Mutter hatte ihr Teil ebenfalls dazu beigetragen, so wußten wir es schon als Kinder, daß wir zu gleicher Zeit geboren, er im oberen Stockwerk des großen, vornehmen Hauses, ich unten im Parterre, an das der schattige Garten mit den hohen Bäumen stieß. Die jungen Frauen hatten sich, bis dahin wenig gekannt, erst seitdem wir auf der Welt waren und auf den Armen der Wärterinnen oder im verhängten' Wagen aus der von Frühlingssonne durchleuchteten Straße spazieren geführt wurden, regte sich das gegenseitige Interesse. . . Sie fingen an, sich: zu grüßen/ miteinander zu plaudern, natürlich! von nichts anderem, als von den Kindern. „Wie Jhss Kleiner kahl ist . . . sonderbar, so ein glattes Köpsthen, aber es ist auch ganz hübsch, meiner hat so viel Löckchen . . . wissen Sie, ich schneide schon welche ab ... da hier in einem Medaillon . . . „Dafür hat unser Fritzchen schon zwei Beißerchen, mach! mal Dein Mäulchen aus . . . nein, wie das glänzt , . . der goldene Junge!" Fritzchens Gebiß und Wilhelmchens Haupthaar sollen dann längere Zeit das Hauptthema der Unterhaltung gebildet haben, die jungen Mütter prahlten mit dem Errungenen und grämten sich! um das Fehlende. Damals sing das Wettrennen schpn an. Bon einem und demselben Arzt wurden wir beide geimpft, es soll eine furchtbare Erregung im Hause geherrscht haben, bei wem mehr Pocken ausgegangen waren, mir kommt eine Erinnerung, als wären es im oberen Stock sechs und im Parterre nur drei gewesen. Jedenfalls hat die geringe Wirkung mir bis jetzt nichts geschadet, nach dem sünfzigsten Lebensjahre pflegen die bösen Varioliden nicht mehr aufzutreten. Die Kunst, die Füßchen nach vorwärts zu bewegen, sollen wir auch ziemlich zu gleicher Zeit begriffen haben. Wettlaufen nach! einem Stückchen Zwieback, nach einem Bratäpfelchen, das wurde uns zur liebsten Beschäftigung, darin hat der persönliche Ehrgeiz sich wohl zum ersten Male kund gethan. Darüber, wer zum ersten Male „Papa" und „Mama" gesagt, herrscht noch bis heute ein undurchdringliches Dunkel. Die beiden jungen Mütter sollen zu jener Zeit ihren ersten, ernsthaften Streit gehabt haben. Die Herzensfteude über den richtig angewendeten Sprechanismus haben sie gewiß später oft dämpfen müssen, wenn die wilden Jungens zu lebhaft, zu stürmisch laut in Zimmer und Garten waren, wenn sie beim Prügeln Schimpsworte ertönen ließen, welche sie wahrlich nicht aus dem Sprachschatz der Mütter hatten. — Ja, geprügelt haben wir uns, trotzdem wir uns liebten. Und die Liebe wurde nachher erst recht besiegelt, wie das so oft in der Welt geschieht. Man mißt seine Kräfte, um nach! dem Erfolge erst rechte Achtung zu empfinden. — Ach, und dann die Schule! Welches weite Feld für die zu dressierenden und trainierenden jungen Pferdchen! Mit welcher Energie haben die Mütter sich unserer bemächtigt, mit Liebe und mit Strenge uns an der Koppel gehalten ... ■! „Warum ist Fritz der erste im Rechnen gekommen, Du hast gewiß nicht aufgepaßt, Wichelm?" ,,Na, Mutter, einer muß doch der erste sitzen." Schwapps hatte ich eine Ohrfeige weg, die Antwort war für ungezogen befunden worden. Wel saßen wir beide nicht an erster Stelle. Man konnte uns nur als recht normale Jungens bezeichnen. Einstmals wurde ich versetzt, und Fritz nicht. Damals mußte selbst sein Vater ein Machtwort sprechen, damit der jungen Frau grenzenlose Enttäuschung nicht krankhaft wurde. Der Wahrheit die Ehre! Er hat mich nachher doch wieder eingehvlt! Einmal er zuerst am Pfosten, ein andermal ich. Eine Erinnerung aus der Tertia packt mich an. Deutsche Aufsätze wurden geschrieben. Das Thema hieß „Wettrennen in alten und neuen Zeiten". Gerade etwas für uns. Wir sahen uns so sonderbar in die Augen. Instinktiv fühlten wir es, daß doch' allmählich von den Empfindungen der Mütter, die seltsam mit Ehrgeiz und Reid gemischt waren —etwas in uns übergegangen war. Diesmal arbeiteten wir nicht zusammen, wir suchten uns selbständig die Quellen auf, meine gute Mutter las im Konversationslexikon nach, und notierte mir selbst einzelne bedeutungsvolle Momente, g. B. daß die ersten Wettrennen bei den Festen des persischen Sonnengottes Mithra stattgefunden, daß sie bei den germanischen Völkern seit uralter Zeit mit der heidnischen Kultur verbunden waren. — Fritzchens Mutter hatte dagegen herausgespürt, daß Herakles das Spiel des Wettrennens, durch das olympische Wettfahren zuerst eingeführt, und daß England den Sport von den Römern übernommen habe. Wir kamen alle zwei nicht ans Ziel. Man merkte beiden die fremde Hilfe an, die Arbeiten wurden durchstrichen. — Und dann die Tanzstunde! — Da ging's im wahrsten Sinne im Galopp um die Gunst der jungen Schonen. Da ließen wir uns nicht mehr lenken und leiten, da ging's allein über Stock und Stein, jeder wollte alle andern übertrumpfen, nicht nur den Freund und Gefährten. Groß war die Auswahl der Waffen bei den ersten Kämpfen in der Arena der Jugendliebe. Bunte und weiße Kravatten, duftende Pomaden, blühende Blumensträuße rc. Zum Glück verehrte Fritz mein