Mäi 1900. - Nr. 88. •xmta :ML f s steckt Musik in Flut und Stein, In Feuer und Luft, in allen Dingen! Aber willst du vernehmen das Klingen Mußt du eben ein Dichter sein. Seibel. Nachdruck verboten. Das Pflegekind. Roman von Elsbeth Meyer-Förster. (Fortsetzung.) Enger kettete es ihn von Tag zu Tag an die Stätte Erde, in der Johanne zur Ruhe gebettet war. Auf dem Tempelhofer Friedhof war ihr Grab, und au diesem stillen und dörflichen Ort mietete er dicht in. der Nähe des Kirchhofs eine Wohnung. Mühsam nur bekam ihn die Großmutter dazu, daß er von Zeit zu Zeit den Weg nach der Stadt hinüber antrat, um einen Blick ins Geschäft zu thun. Ihm war es, wenn er auf dem Rückwege der Chaussee wieder zuschritt, und von fern die Türme von Tempelhof winken sah, als lebe er dort drüben mit Johanne wie einst vereint, und üur in dem geräuschvollen, betäubenden Trubel der Stadt fühlte er in hilfloser Verzweiflung, daß sie geschieden war. — Karl der Knecht war kein ungetreuer Haushalter. Er schaffte und rackste gleich einem Arbeiter von früh bis zum späten Abend, und war Prinzipal, Hausknecht und Ladendiener zu gleicher Zeit. Sein Weib, das er mit dem Kinde ams der thüringischen Heimat hatte nachkommen lassen, stand ihm dabei getreulich zur Seite; dennoch schien über dem Unternehmen kein günstiger Stern ^zu walten. Während sich die anderen Geschäfte in dieser Straße vergrößerten, hielt die Drogenhandlung nicht mit dem allgemeinen Fortschreiten gleichen Gang. Von den Einnahmen wurden kaum die Schulden bezahlt. Das wortkarge Wesen des Verkäufers war einmal nicht geeignet, die Kunden zum Wiederkommen zu bewegen, und nur die sprichwörtliche Häßlichkeit des armen Karl zog die Kinder der Straße diabolisch an. Sie kamen in Scharen, um für ihre Pfennige und halben Groschen Reglise und Lakritzen bei „Prechtlers Nachfolger" zu kaufen. Das rote, bäurische Gesicht mit den grellen Feuernarben, die wie ein mit Höllenstein ein^ gegrabenes Zickzack das Gesicht hinauf, und von der Stirn wieder hinunterliefen, beschäftigte die Phantasie der kleinen Pflastertreter aufs äußerste, und Karl war nicht erstaunt, wenn um zwölf Uhr, nach der Schule, die Ladenthür in unaufhörlichem Klappen ging. Er gewöhnte sich an die dreisten und doch unschuldigen Blicke, und während er den Allerkleinsten, die nur stumm von weitem standen, freunde lich winkte, und sich zu ihnen hinabbeugte, hielt er ihnen sein Gesicht wie eine Landkarte entgegen, und sagte ohne jede Bitterkeit: „Faßt an, es ist nicht nur gemalt. Und sagt Eurer Mama, daß wir feine Toilettenseife haben, mit m' hübschen, kleinen Kuckuck drauf". Denn gegen die Kinder war er nicht verschlossen, und sein geringes Talent, Propaganda für das Geschäft zu machen, entlud sich ihnen gegenüber in heiterer Natürlichkeit. Sein Wesen war wie umgewandelt, wie von weichen, zarten Händen berührt, wenn er mit ihnen sprach. Noch immer hatte er sich die Schwärmerei für zarte, liebliche Gesichter bewahrt, und wie einstmals Minja gegenüber, konnte er noch jetzt vor Glück erröten, wenn ein kleines Händchen sich vertrauensvoll in seine Hand legte, oder ein bittendes Kinderauge zu ihm aufschaute.--- Es war ein stiller, goldener Oktobertag. Draußen in den Vororten war der Zuzug von Sonntagsausflüglern längst im Abnehmen begriffen. Kein lustiger Gesang, kein zum Chor anschwellendes Johlen heimkehrender Natup- schwelger ertönte mehr an den bereits lang und kühl gewordenen Abenden in den Straßen; die Bahnhofswirtschaften bekamen einen Ausdruck von kleinstädtischer Verlassenheit und Langeweile. Die Pferdebahnen in den Berliner Vororten bimmelten langsam im Gefühl ihrer Ueber- flüssigkeit an den Biergärten vorbei, an denen sie sonst so unumstößlich zum Halten gezwungen worden waren. Gleichgiltige Kellnergesichter, welkende Blätter, verschlossene Fensterläden und festgerammelte Schaukeln und Karoussels kündigten die große Stille an, die sich „fern von Berlin" und doch so nah der großen, glänzenden Lebestadt, langsam auszubreiten begann. — — In Tempelhof war die Stille nicht weniger fühlbar, und es gab Tage, wo der schmucke Ort, den die gerade, kahle Chaussee mit Berlin verbindet, wie ein abgeschnurrtes Spielwerk dalag, ohne Gerassel, ohne Musik und ohne Geräusch. Die Rentiers und Kleinbürger, die sich ihr Nest da draußen zusammengetragen hatten, saßen hinter den mit Blumen - Töpfen vollgepfropften Fensterbrettern und rauchten ihre Pfeife, oder blickten gelangweilt in den Vorgarten hinaus, wo die Rosenstöcke unter den Stroheinpackungen wie Vogelscheuchen auf die Straße drohten. In der kleinen Hofwohnung bei Brinkmanns, die sich gleichfalls eines winzigen Gärtchens freuten, hatte die Großmutter bereits in allen drei Stuben Feuer eingelegt; denn es war neuerdings Pauls Angewohnheit, aus einem Raum in den anderen zu irren, niederzusitzen, wieder aufzuspringen und abermals den Rundgang anzutreten, als könne er nirgend Ruhe finden. Die alte Frau machte sich gleichfalls ihre Gedanken über die Vergangenheit, aber sie waren abgeklärt und ruhig, wie das stille Herbstsonnenlicht, das draußen den - 230 - goldenen Knauf am Tempelhofer Turme vergoldete. _ Johanne war so saust gestorben, voll Heller Freude auf den Himmel, und auf das Wiedersehen mit den kleinen Brüdern! Seit dem erschütternden Schrecken und den ihm nachfolgenden Aufregungen nach dem großen Brande ivar ihre schwache Lebenskraft zusammengesunken, daß ein seliges, schmerzloses Ende die einzige Lösung war, die man dem kraftlosen Dasein wünschen konnte. Und die stille geweihte Erinnerung an ihr liebevolles Leben, au ihre zarte Daukbarkeit stand wie ein tröstlicher Stern über der Nächst die der Tod der geliebten Menschen für die Angehörigen bedeutet. Ein Vöglein hatte aufgehört zu singen; eine Frühlingsknospe hatte der Schnee bedeckt. Aber wartet nur, wenn's Frühling wird erst für uns alle! Frühling dort oben, hinter den ewigen Thoren! Dann hören wir wieder unsres Vögleins Lied! Dann küssen wir die aufgeblühte Knospe. So dachte die alte Frau. Und ihre Gedanken waren nur die Fortsetzung der Reihe von Hoffnungen und Ueber- zeugungen, die sie mit dem Jenseits verbanden. Und sie begriff nicht, wie es in ihrem Panl hatte so dunkel werden können, daß er verzweifeln wollte. Sie brachte ihm das Kind, und setzte es auf seinen Schoß. Zerstreut fuhr er mit seiner Hand durch die blonden, spärlichen Löckchen, und ein bitteres Lächeln ging über sein Gesicht. (Srftaunt, ganz fassunglos horchte er auf das liebevolle Geplauder, das die alte Frau mit dem Urenkelkinde führte. Wie war es möglich, daß ihre Kraft nicht brach an dem harten Kampfe des Lebens? Und wie gebannt lauschte er ihrem Treiben und Thun, ihrem Hin- und Hergehen, ihren wirtschaftlichen Verrichtungen, den Worten, die sie mit einer Nachbarin wechselte. Ihre Sehnsucht, das wußte er, war schon längst zu der besseren Heimat eingegangen, und doch gehörte noch ihr Schaffen und Vollbringen, ihre sorgende Müh' und ihre ganze, schwache, 80 jährige Kraft diesem Leben und seinen Forderungen an. Und er sehnte sich darnach, eine gleiche Fülle von Kraft und Lebensmut zu haben! — Sein Blick flog hinaus, über den engen Hof und die kahlen Felder. Wie goldbeschienen lag die Erde da, voll Verheißung, und selbst in dem kühlen, herben Hauch, der über die Felder fegte, lag eine aufmunternde Frische. Sein Herz wurde sehnsüchtig und weit, er nahm Jo- hanne's Bild von der Wand, und legte seinen Kops an das kalte Glas, an die Wange seiner Frau. O lebte sie, und könnte mit ihm hinaus, über die Felder fort, hinein in den fernen Herbstsonnenglanz! Er riß das Fenster aus, erregt winkte er hinaus, als sähe er sie ferne schreiten und könne sie zu sich rufen. — Die Großmutter trat ein. Es war Paul des Jüngeren fünfter Geburtstag, und sie hatte eine ganz besondere Freude für den Kleinen. Sie wollte ihn nach! dem! Zirkus Renz mitnehmen, für den ihr die Nachbarin, eine Maschinenmeistersfrau, zwei Frei- billets gebracht hatte. Bisher hatte sie alle die freundlichen Anerbietungen der jungen Frau, die durch ihren im Zirkus angestellten Manu mitunter Tribünenbillets erhielt, kurz ab gewiesen; denn ihr stand der Sinn nicht nach landläusigen Vergnügungen. Heut aber, an dem Erinnerungstage, war ihr Großmutterherz schwach und überströmend liebevoll gestimmt, und sie war fest entschlossen, dem Geburtstagskinde alle die Wonnen zu bereiten, die es zur Feier seines Tages beanspruchen durfte. Sie und der Kleine waren längst zum Ausgange bereit. Paul blickte sie an, wie sie da in der Thüre standen, die weißlockige Frau und das blondlockige Kind, beide in ihrem Sonntagsstaat, und beide in den weiten Pellerinen, den riesigen Kapuzen an großmütterlicher Ehrwürdigkeit einander gleich. „Bist Du fertig?" fragte die Großmutter. „Ich komme", sagte Paust Er nahm die Bürste vom Schrank, fuhr über Aermel und Rockkragen, nestelte eine neue Kravatte um, und zog sich die Handschuhe an. Es war das erste Mal seit langer Zeit, daß. er sich auf solche Weise zu einem Ausgange rüstete. Er war gleich- giltig geworden gegen sein Aeußeres, tote gegen alles, was um ihn herum vorging, seit Johannens Tode. : „Sieh, sieh", sagte die Großmutter, „tote fein Du bist, mein Jung". Es war auch das erste Mal, daß sie ihn wieder so nannte — seit langer Zeit. Er hatte sich, abgeschlossen gegen sie, wie auch gegen das Kind, eine stumme Fremdheit war zwischen ihn und seine Nächsten getreten, und als ihn nun die liebkosenden Worte so zutraulich trafen, da errötete er wie in Schuldbewußtsein. — Paul der Jüngere war schon die Treppe hinab, vorausgelaufen. Da stand er unten im Hofe, in dem langen, runden Polizistenmantel, großväterisch, und mit der dich gefütterten Frauenkapuze zugleich großmütterlich. Ein Zwischending zwischen Knabe und Mädchen, eins von den kleinen, hilflosen Produkten, die kein Vater zurechtstutzt und keine Mutter glättet, und in denen zitternde, zärtliche Großmutterhände die gute alte Zeit wieder aufleben lassen. Die Kinder lachten, als Paul so gravitätisch aus der Hausthür stolziert kam, aber er beachtete es nicht, seine Gedanken waren vom Zirkus erfüllt, diesem rätselhaften Wunder, das er heut fehen sollte! Als er aber zwei Stunden später an der Hand des Vaters den Schauplatz seiner Phantasie betrat/ da stockte das kleine Herz, und die Augen wurden heiß, tote die eines Fiebernden. Auch Pa!ul der Aeltere, der so lange in freudloser Einsamkeit sich vergraben hatte, zuckte zusammen als die Ströme hellen, berauschenden Lichtes auf ihn eindrangen, als muntere Musik ihm entgegentönte, und ausgelassenes Gelächter an seine Ohren klang. Die Welt, die sich amüsiert, von der er so lange nichts mehr gewußt hatte! Der kleine Paul hielt des Vaters Hand mit seinen Fingern so krampfhaft umschlossen, als fürchte er zu fallen. Momentan mußte et die Augen schließen. Die großen kreideweißen Männer in der Manege, mit den blutroten Mäulern und den spitzen Zipfelmützen auf dem Kopf, verwirrten ihn höchlichst. Aber die 'Großmutter- die hinter ihm her schritt, tröstete ihn: „Kuck' man ruhig hin, mein Pauleken. Die dürfen nich vor, und zu uns hin. Die thun auch man bloß so". —- Paul der Jüngere konnte nicht fassen, daß sie bloß so „thaten", während doch die Ohrfeigen, die sie einander austeilten, ein lautes gefährliches Klatschen verursachten. Empörung und tiefes Mitleid malte sich in seinen Kinder- Augen, seine bewegliche Oberlippe zitterte, und in dem Maße als sich die rohen Ohrfeigen verstärkten und auf die kreideweiße Backe des kleineren Clowns hageldicht niederprasselten, verstärkte sich zugleich die Erschütterung in seinen Zügen. Plötzlich schreckten alle Umsitzenden auf. Ein lautes, bitteres schmerzliches Kinderweinen, das aus den hintersten Reihen kam, ertönte in die Späße der Ba- jazzi hinein. „Um Gotteswillen — bring' ihn hinaus, Großmutter", flehte Paul der Aeltere, der sich umsonst bemühte, den aufgeregten Sohn zu beruhigen. „Ruhe da, — still doch!" tönte es zu der Ecke hinüber. Die alte Frau war aufgestanden. „Komm — weine nicht, mein gutes Kind", sagte sie laut und trotzig, indem sie mit feindseligem Blick die Umsitzenden inaß. Sie nahm den Kleinen, der noch immer unaufhaltsam schluchzte, auf den Arm und trug ihn hinaus. „Hast Recht, daß Du heulst", sagte sie- mit überzeugter Stimme, die voll Trost und Liebe war. „Das ist wie's liebe Vieh — für uns beide da ist das nichts". Sie führte ihn die Treppe hinunter, in den Rundgang, der sich rings uni die Manege, unter den Logen und Tribünen fort, hinzieht. Langsam schritten sie in der vereinsamten, schmalen Rundbahn auf und ab. „Wir gehn auch gleich wieder Nach! Hause!" flüsterte die alte Frau. Plötzlich stieß sie einen Schrei der Ueberraschung aus. „Nettchen!?" schrie sie laut, mit einer Stimme in der Fassungslosigkeit, Hoffnung und Zweifel zu gleichen Teilen kämpften. Aus einem der Holzverschläge, welche zu den „Garderoben" führten, war Nettchen getreten. Ueber dem Arm trug sie eine Anzahl bunter, phantastischer Kleidungsstücke. Als traue sie ihren Augen nicht, starrte sie auf die Erscheinung der alten Frau. Doch nur einen Moment. Dann stieß sie einen jubelnden Schrei aus, und tote sinnlos warf sie sich der Greisin an die Brust. — (Fortsetzung folgt.) ) - 231 - Kopfschmerzen. Bon Dr. med. Kurt Rudolf Kreusner. „ , Nachdruck verboten. Gs ist eine allbekannte THatsache, daß wir stets geneigt sind, die äußere Erscheinungsform für das Wesen der Sache zu halten. Auch von den Krankheiten gilt das in hohem Grade. Wir bekämpfen die hohen Bluttemperaturen eines Fieberkranken mit antipyretischen Mitteln, wir schreiben einem durch Eiweiß- und Zuckerausscheidungen geschwächten Menschen eine peinlich strenge Diät vor, welche diese anormalen Stoffwechselvorgänge unterdrücken soll, und müssen ja auch lediglich gegen die Symptome zu Felde ziehen, wo uns die inneren Krankheitsvorgänge noch in Dunkel gehüllt sind. Das Publiknm ist aber nur zu sehr geneigt, auch bei Leidenszuständen, welche aus den verschiedensten sehr wohl bekannten Ursachen entspringen, ein Universal- mittel zu verlangen, statt den Fall nach seinen Entstehungsgründen oder, wie man sich wissenschaftlich ausdrückt, ätiologisch zu behandeln. Ein typisches Beispiel hiefür ist der Kopfschmerz, eine der verbreitetsten Krankheitserscheinungen, welche in jedem Lebensalter, bei allen Konstitutionen, bei puritanischer wie bei opulenter Lebensweise als quälender Dämon auftritt. Wer davon befallen wird, will das dumpfe, bohrende Gefühl hinter der Stirn oder au anderen Teilen der knöchernen Schädelkapsel so schnell wie möglich los fein; was er thun muß, um der Wiederkehr des Kopfschmerzes vorzubeugen, danach wird meistens nicht gefragt. Denn in der Regel ist das, was man gelitten, mit dem Aufhören auch bald wieder vergessen, und da man berechtigt ist, in der Mehrzahl der Fälle keine unmittelbare Gefährlich- keit des Leidens voraussetzen zu müssen, unterläßt-man es aus Bequemlichkeit, etwas Entscheidendes gegen den häufig wiederkehrenden Zustand zu thun. Beim Anfalle versucht man es zuerst mit Brompräparaten, dann mit Coffeiu- salzen, schließlich mit dem modernen Antipyrin und Migränin nnd ähnlichen Medikamenten, und wenn diese nach allzuhäufigem Gebrauch in ihrer Wirksamkeit nachlassen, raisonniert man auf die neuere Medizin, die nicht einmal im stände ist, ein so „einfaches" Leiden zu beseitigen. Radikal heilen, d. h. auf immer beseitigen, läßt sich der Kopfschmerz nun zum Glück doch in den meisten Fällen; nur ist es nicht so einfach im Einzelfalle festzustellettz welche der vielen möglichen Ursachen denselben hervorruft, und hierzu sollen die nachstehenden Zeilen einen Fingerzeig geben. Die althergebrachte Einteilung in idiopathischen, nervösen, vaskulären re. Kopfschmerz können wir dabei getrost über den Raufen werfen; es sind Verlegenheitsausdrücke aus einer Zeit, in welcher die Medizin sich mehr an den Krücken scholastischer Beweisführung auf baute als an der Hand konkreter Versuche. In überaus zahlreichen Fällen sind die Kopfschmerzen eine Folge der unregelmäßigen Versorgung des Gehirns mit Blut. So ist z. B. der Kopfschmerz, der einen echten rechten Katzenjammer zu begleiten pflegt, auf nichts anderes zurückzuführen, als auf eine Ueberfüllung der venösen Hirnhaut-Gefäße mit Blut, und deshalb sind kalte Waschungen, ein scharfer Spazierritt ober ein flott ausgeführter Spaziergang, alles Maßnahmen, welche die Blutverteilung ausgleichen, viel mehr angebracht als die althergebrachten Mittel, welche nur Zunge und Magen zu neuen Extravaganzen reizen und über den eigentlichen Zustand hinweglügen. Hierher gehört auch die echte Migräne, jene häufiger beim weiblichen Geschlecht bis zum 50. Lebensjahre als bei Männern vorkommende Erkrankung des sympathischen Nervensystems, welche entweder in einer krampfartigen Verengung der Blutgefäße besteht, die sich durch Erweiterung der Pupillen verrät, oder auf Gefäßlähmung mit enger Pupille und erweiterten Blutgefäßen beruht. Im ersteren Falle leistet die Einatmung der Dämpfe des Amyl- nitrits, von welchem man einige Tropfen auf das Taschentuch gießt, recht gute Dienste, während im letzteren anregende, nervenreizende Mittel am Platz sind. Eine dauernde Heilung wird aber fast immer nur durch eine die Blutbeschaffenheit aufbessernde Kur zu erzielen fein, weil die meisten dieser Fälle mit sogenannter Dhskrasie des Blutes d. h. fehlerhafter Zusammensetzung desselben verbunden sind. Letztere ist in weitaus mehr Fällen, als man ahnt, die eigentliche Krankheitsursache; denn da das Blut der erste, ja fast ausschließliche Träger der Ernährung ist, kann es niemand ivunder nehmen, daß seine schlechte Beschaffenheit sämtliche Organe des Körpers ungünstig beeinflußt und zwar das Nervensystem am meisten, weil es das zarteste und subtilste von allen ist. Seit langer Zeit weiß man nun zwar, daß es sich dabei meistens um eine Verminderung der sogenannten roten Blutkörperchen handelt, welche als minimale tellerartige Scheiben, deren ein Kubikmillimeter Blut normalerweise nicht weniger als 5 Millionen aufweist, int Blutsast schwimmen und eine eigenartige Eiseneiweißverbindung, das Hämoglobin, enthalten, au welches sich der eingeatmete Sauerstoff aus den Lungen bindet. Man glaubte aber naiverweise eine Vermehrung des so wich-, tigen Hämoglobins dadurch erzielen zu können, daß man dem kranken Körper anorganische Eisensalze zusührte und es ihm überließ, sich daraus, wenn er es vermochte, das Hämoglobin selber zu bilden. Das ist aber ungefähr derselbe Standpunkt, wie wenn man jemandem vorrechnete: „deine tägliche Nahrung besteht im Durchschnitt aus so und so viel Wasserstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, sodann aus kleinen Mengen Schwefel, Phosphor, Mangan re. Hier hast btt genau abgewogen die betreffenden Substanzen in ihrem elementaren Zustande; jetzt sieh zu, wie du dich davon ernährst". In der That sind Eisenpillen von Blutarmen und Bleichsüchtigen zu Millionen und Milliarden verschluckt worden, haben zuweilen auch den weiteren Verfall des Blutes aufgehalten, weit öfter aber Zähne und Magen des Patienten gründlich verdorben. Erst der neueren Zeit blieb es Vorbehalten, festzustellen, daß derartige Eisenpräparate nicht verdaut werden und daß der Körper nur aus den natürlichen Eiseneiweißverbindungen, Nutzen zieht, wie sie sich int Blute gesunder Tiere vorfinden. Kopfschmerzen, Schwindel und Ohnmachtsgefühle, welche auf Blutschwäche beruhen, werden daher durch organische Blutpräparate wie Hämalbumin, Hämatogen tc. sehr günstig beeinflußt. Auch durch übergroße körperliche oder geistige Anstrengungen, leidenschaftliche Gemütsaffekte, fortgesetzten, Kummer und Aerger, verantwortungsvolle, aufregende Beschäftigung u. f. w. können schwere Anfälle von Kopfschmerz hervorgexufen werden. Hier ist die medizinische Kunst natürlich nahezu ohnmächtig und kann nur vorübergehende Erleichterung des einzelnen Anfalls schaffen. Denn da es sich hierbei um eine Uebermüdung des Nervensystems handelt, hängt es nur von den Verhältnissen des Patienten ab, ob er das einzig wirksame Heilmittel dagegen, nämlich Ruhe und Fernhalten von den Geschäften, sich für einige Zeit vergönnen kann. Sehr interessant und ein dankbares Gebiet für die ärztliche Behandlung sind diejenigen Kopfschmerzen, welche auf dem Wege des Nervenreflexes ztt stände kommen und deshalb zu den sogenannten Reflexneurosen gerechnet werden. Ein schlagendes Beispiel hierfür geben die Erscheinungen, welche die Erkrankung der Nase zu begleiten pflegen. Nirgend anderswo liegen die feinen Endigungen der Nerven so schutzlos den äußeren Reizen preisgegeben da, als in dem Ausstrahlungsgebiet des Geruchsnerven, der sich auf den Nasenmuscheln ausbreitet. Das bei den meisten Menschen ohnehin nicht besonders geräumige Innere der beiden Nasenhälften wird nun durch diese Muscheln in spaltartige Räume zerlegt, in welchen bei normaler Nasenatmung die Respirationsluft vorgewärmt wird und den in ihr enthaltenen Staub absetzt. Schon ein simpler Schnupfen genügt dazu, durch Anschwellung der obendrein mit besonderen Schwellkörpern versehenen Nasenschleime haut diese Spaltrännte zunt Verschluß zu bringen, und der Druck, welchen nun die Nervenenden erfahren, ist ausreichend, um die peinlichen Druckgefühle in der Stirn und die intensiven Kopfschmerzen hervorzurufen, welche meist die Begleiter des Schnupfens sind. Der physiologische Vorgang ist nun der, daß die Reizwirkung in voller Stärke nach dem nur wenige Zentimeter davon entfernt liegenden Gehirn gemeldet" wird, und dort benachbarte Zentren und Ganglien in Mitleidenschaft zieht, sodaß schließlich der ganze Kopf schmerzt, ähnlich wie nach Defektwerden auch nur eines einzigen Zahnes oft die ganze Gesichtshälfte, 232 - Oberkiefer sowohl wie Unterkiefer, schmerzt. Bei Cocaini- sierung der wunden Stelle im Naseninnern hört der Kopf- schrnerz sofort auf und wird dauernd beseitigt, wenn es gelingt, das ursächliche Nasenleiden zu beheben. Aehnlich liegt die Sache bei Verletzungen des Ohres als Ursache von Kopsschmerzen. Anders dagegen steht es, wenn Nervenäste oder Partieen des Gehirns mit den Nervenscheiden oder der Hirnhaut durch bindegewebige Verwachsungen oder Verkalkungen verbunden sind und bei der geringsten Reizung und Schwankung des Blutdruckes gezerrt werden und zu schmerzen beginnen. Gemütsbewegungen, Alkoholgenuß, geringe Anstrengungen, Verdauungsstörungen rufen hier sofort den Anfall hervor. Eine Heilung läßt sich bei solchen Zuständen am ehesten noch durch Trinken einer Jodquelle erzielen, weil das Jod die Eigenschaft besitzt, derartige Verwachsungen und kalkige Ablagerungen aufzulösen. Ein Rheumatismus der dünnen Muskelschichte der Kopfhaut oder anderer Kopfmuskeln ist oft geeignet, echten Kopfschmerz vorzutäuschen, ist aber Lurch eine Einreibung etwa mit Chloroform oder mit Pain-Expeller, oder durch Warmhalten des Kopfes und Schwitzen leicht zu beheben. Wie so viele andere Leiden kann auch der Kopfschmerz aus dem Magen kommen, der bei vielen Personen das empfindlichste Barometer des Wohlbefindens ist. Dabei ist es nicht nur Las Uebermaß von Speisen und Getränken, welches in vielen Fällen schädlich wird, sondern häufig auch die Qualität des Gerichts. Zahlreiche Personen leiden nämlich an ausgesprochenen Idiosynkrasie gegen irgend ein Nahrungs- und Genußmittel, welches sonst ihrem Gaumen vielleicht sehr zusagt, dessen Genuß aber jedesmal mit Schmerzen und Leiden bezahlt werden muß. Hier hilft nur Enthaltsamkeit; wer diese übrigens nicht besitzt, möge sich damit trösten, daß diese fatale Disposition zu Kopfschmerzen um so schwächer sich geltend macht, je älter man wird. Das Umgekehrte gilt von gichtischen Kopfschmerzen) welche mit zunehmenden Lebensjahren immer ärger und anhaltender werden, und deren Heilung natürlich eine antigichtische Lebensweise und den Genuß alkalischer Sauerbrunnen zur Voraussetzung hat. Besondere Aufmerksamkeit hat man in den letzten Jahren den Kopfschmerzen der Schulkinder geschenkt. In den Mädchenschulen in Christiania waren 40 Prozent der Kinder von Kopfschmerzen geplagt, und in den Knabenschulen dort und anderswo sieht es nicht viel besser aus. Natürlich wirken hier alle vorangeführten Ursachen ebenfalls mit; dazu kommen aber noch eine Anzahl Umstände, welche der Kinderwelt und der Schule eigentümlich sind. Kinder kauen in der Regel die Nahrung schlecht, was zu Störungen in der Verdauung führt. Die Kinder werden zu nachtschlafender Zeit geweckt, damit dieselben irrt Winter um 8 Uhr gewaschen, gekämmt und angekleidet in der Schule sind. Dazu kommt namentlich in großen Städten die Zusammendrängung der Unterrichtsstunden auf den Vormittag, damit nachmittags der Unterricht ausfallen kann. Wenn dazu noch schlechte Heizung und ungenügende Beleuchtung kommen, so ist es kein Wunder, wenn der zarte kindliche Organismus angegriffen wird und mit Kopfschmerzen reagiert. Dazu kommt die skrophulöse Konstitution vieler Kinder, welche durch Wucherungen im Nasenrachenraums in ganz gleicher Weise gequält werden, wie dies oben bei dem reflektorischen Nasenkopfschmerz geschildert worden ist. Endlich ist auch das Elternhaus nicht ganz von Versündigungen freizusprechen. Kinder, welchen an Nahrung und Pflege zwar nichts abgeht, die nach zahlreichen Schulstunden aber dringend ruhe- und erholungsbedürftig sind, werden statt auszuruhen oder sich im Spiel zu ersrischen, der lieben Eitelkeit wegen ans Klavier gesetzt,, für das ja ohnehin kaum der Zehnte die rratürlichen Anlagen hat, oder mit dem Unterricht in fremden Sprachen geistig noch weiter belastet. Hoffart muß Zwang leiden, und wenn der Erwachsene sich aus Gründen der Eitelkeit freiwillig neue und unnötige Lasten aufbürdet, so hat er das mit sich selber abzumachen. Die Kinder können sich für die ihnen von Geburt an anhaftende Nervenschwäche ohnehin schon bei jenen bedanken, die keiner gesundheitsfesten Generation das Leben zu geben int stände waren Wenn ihnen nun noch von feiten der Familie Extraausgaben gestellt werden, die sie nur mit vieler Mühe bewältigen können, so ist dies ein großer Mißgriff seitens der Eltern und Erzieher, für den kaum eine Entschuldigung gefunden werden kann. GeineinirÄtziges. Unb sei es auch nur int kleinsten Vorgärtchen, das ihm für seine Liebhaberei zur Verfügung steht, Rosen wünscht jeder Gartenfreund zu besitzen und zu pflegen! Und die Rose ist dankbar, wenn ihr nur das gewährt wird, dessen sie zu ihrer Entfaltung bedarf! Recht zeitgemäß erinnert einer unserer tüchtigsten Rosenkenner, Pfarrer Schulz in Libbenichen, int „Praktischen Ratgeber int Obst- und Gartenbau" gerade jetzt zur Rosenpflanzzeit daran, wie wichtig es ist, daß der Boden vor der Pflanzung gründlich und sachgemäß vorbereitet wird. Nicht nur in gutem Boden gedeihen Rosen, sondern sie entfalten sich auch Jahrzehnte lang im totesten Sande in musterhafter Ueppigkeit, wenn nur von Anfang an den Rosenwurzeln reichliche Nährstoffe gereicht werden. Abbildungen erläutern den lehrreichen Aufsatz. Wer sich näher dafür interessiert, besonders aber, wer gerade Rosen pflanzen will, lasse sich die 9lummer des „Praktischen Ratgebers" kommen, die gern umsonst vom Geschäftsamt in Frankfurt a. O. zugeschickt wird. i Litterarisches. Nordseebäder auf Dhll. Die Seebadedirektion hat soeben eine „Beschreibung der Nordseebäder Westerland nnd Wenningstedt auf Sylt" herausgegeben, welche den Besuchern dieser Bäder einen ebenso wertvollen Führer wie Ratgeber bietet. DaS mit hübschen Illustrationen ausgestattete handliche Merkchen, in welchem sich auch Angaben über die kürzesten und bequemsten Reiscverbindungen von größeren Städten Deutschlands und Oesterreich-Ungarns befinden, dient als zuverlässiger Wegweiser in allen die Reise und den Aufenthalt aus der herrlichen Insel Sylt betreffenden Angelegenheiten und ist in allen größeren Reisebureaus, Ausgabestellen für zusammenstellbare Fahrscheinhefte, sowie von der Seebadedirektion in Westerland gratis erhältlich. Das kaufmännische Conto-Corrent und dessen verschiedene Methoden im Waren- und Bankgeschäft nebst Staffelrechnung und Wechsellehre für Handels- und Gewerbeschulen sowie zum Selbstunterricht für alle Gewerbetreibende, welche mit dem Bankier verkehren. Bon Ferd. Kriegenmeyer. (Verlag von Jul. Bagcl in Mühlheim a. d. Ruhr; Preis M. 1.25.) In einem 86 Seiten starken, hübsch ausgestattetcn Groß-Oktavband legt der im praktischen kaufmännischen Leben stehende Verfasser die Grundzüge der Conto-Correntlehre sowohl im Waren- als im Bankgeschäft dar. Das Werk verfolgt einen doppelten Zweck, indem es einesteils den gänzlich Unbekannten in die Conto-Corrent- und Wechsellehre einführen will, ist es andererseits für diejenigen geschrieben, die sich zwar einige Kenntnisse darin erworben haben, dieselben aber auffrischen und erweitern wollen. Mit besonderer Ausführlichkeit ist die Anwendung der Staffelrechnung bei mehrfachem Wechsel des Zinsfußes behandelt und entgegen dem Gebrauche vieler Lehrbücher der Inhalt ein und desselben Conto-Correntes als Grundlage für alle Methoden genommen worden, wodurch das Verständnis wesentlich erleichtert wird. Eine große Anzahl von praktischen Beispielen ist erläuternd beigegeben und als Anhang die Wechsellehre behandelt. Das Buch dürfte vielen ein willkommener Ratgeber sein. Anagramm. Nachdruck verboten. Kranken bringe ich Stärkung, doch mach' ich oft schwach die Gesunden; Werden zwei Zeichen verstellt, bin ich als Stadt dir bekannt. m. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Skataufgabe in voriger Nummer: (Mit a, b, c, d werden die vier Farben bezeichnet; also a --- Eichel, Treff; b — Grün, Pique; o ---- Rot, Coeur; d — Schellen, Carreau; A — Aß; U — Unter, Wenzel, Bube; D = Dame, Ober.) Im Skat lagen d K und d D, Vorhand erhielt d IT, a Z, a K, a 9, a 8, a 7, c 8, c 7, d 9, d 8, Hinterhand den Rest. Verlaus des Spieles: 1. V. aZ M. aA H. oll --- — 23. 2. H. bZ V. dU M. dA — — 23. 3. B. aL M. av H. dZ = — 17. Sa. — — 63. Redaktion: ®. Burkhardt. — Druck unk Verlag der Brühl'scheu UmserfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.