Sonntag den 25. November. M'V MW MTCTiyti siMfe O_O-1 S?X^-2 M 1900. - Nr. 169 dil> Ml lf|l WMMZKui ^«UWW ■■■i hoK>fcNQ.!’- 6..' ^S,s.»a. MW !R Aum Totenfeste 1900. Von Alwin Römer. Nachdruck verboten. Wie bist Du, Sommerlust, nun weit! . . . Dumpf rauscht das welke Laub im Hage, Und Schauer der Vergänglichkeit Durchbeben jäh die Spätherbsttage! Entblättert steht der Rosenstrauch, D'rin holde Lenzeslieder klangen. . . In des Novembers Nebelhauch Ist Duft und Glanz und Pracht vergangen! . . Das ist die Zeit, die still das Herz An Stunden mahnt, die es vergessen: An herbes Leid und wilden Schmerz, An Kirchhofsthor und Grabcypressen! Und zu den Hügeln zieht's Dich hin, Daß an des Herbstes rauher Grenze Sie Deine Hand in frommem Sinn Mit Blüten noch einmal bekränze! So mancher liebe Name blinkt Dort traulich von den kalten Steinen, Und lang verscholl'ner Jubel klingt Und längst gestilltes bitt'res Weinen- Ans Ohr Dir wieder, wie Dein Fuß Den schwermutbangen Gang vollendet, Und Deine Seele Gruß um Gruß Den Schläfern unter'm Rasen sendet! So viele liegen dort vereint Im Schlummer, die sich oben haßten . . . Der Tod fragt nicht nach Freund und Feind, Gräbt er die Gruft zum letzten Rasten! Und schienen unerlöschlich auch Im Leben einst der Zwietracht Flammen: Wie Schall und Rauch, wie Hall und Hauch, Fällt alles hier in nichts zusammen! Zur Tiefe sinkt, was falsch und schlecht. Des Hasses Glut, der Selbstsucht Triebe: Es bleibt ein dauernd' Heimatrecht Im Lichte einzig wahrer Liebe! Der Liebe, die Dein Herz bewegt So sehnsuchtsvoll an diesen Hügeln, Und die auch Dich, empor einst trägt Auf nimmermüden Engelsflügeln! . . . Die Totenuhr. Zum Gedächtnis der Verstorbenen. (25. November.) Von F. Kunze. Nachdruck verboten. Der heutige Tag, welcher dem stillen Gedächtnis der Entschlafenen gewidmet ist, dürfte nicht ungeeignet sein, einen jener zahlreichen „Boten des Todes" zu betrachten, der, obgleich unansehnlich, ja kaum wahrnehmbar, allgemein gefürchtet wird: die Totenuhr. Was man gewöhnlich unter diesem seltsamen Worte versteht, besonders im naturwissenschaftlichen Sinne, ist nichts anderes als der „gemeine Bohrkäfer" oder „Trotzkopf" (Anno- bium pertinax), per meistens „Holzwurm" heißt und von Dr. Leunis in nachstehender Beschreibung gekennzeichnet wird: „Flügeldecken punktiert-gestreift, dunkel-schwarzbraun; Halsschild mit Gruben, an den Hinterecken mit einem gelblichen Haarflecke, zweineinhalb Linien (etwas mehr als die Stubenfliege) lang. Leben häufig in hölzernen Hausgeräten, welche von ihren Larven oft ganz in Wurmmehl verwandelt werden. Bringen im Holzwerke unserer Wohnungen durch Klopfen mit dem Kopfe die bekannten, Totenuhrschlägen ähnlichen Töne hervor, welche man früher für Vorboten eines Todesfalles im Haufe hielt. Sie ziehen bei der leisesten Berührung die Beine dicht an den Leib und stellen sich hartnäckig tot, ohne sich zu regen, selbst wenn sie auf eine Nadel gespießt »m Licht gebraten werden; daher: Trotzkopf." Der naturkundige Thomas Brown erzählt von dem harmlosen Insekt: „Ich habe viele dieser Tierchen gefangen und sie in sehr dünnen Schächtelchen gefangen gehalten. Dabei habe ich, genau bemerkt, wie sie mit ihrer Schnauze gegen die Wand des Schächtelchens anstießen und gewöhnlich 9 oder 11 Schläge nacheinander thaten. Am geschäftigsten zeigten sie sich bei warmer Witterung." Die willkommenste Werk- und Wohnstätte bieten dem bohrenden Käferlein alte Möbelstücke und sonstige morsche Holzgeräte. In diesen verursacht es ein nach rhythmischen Zwischenpausen aufeinander folgendes Ticken, das sich in stillen Räumen, besonders bei Nachtzeit, deutlich vernehmen läßt und auf einen nahen Sterbefall deuten soll, sei es nun, daß dieses unheilvolle Geschick dem Hörer selbst oder einem seiner Angehörigen, Verwandten, Freunde rc. bevorsteht. Vor etwa 150 Jahren klagte schon der Nordhäuser Chronist Lesser über die thörichte Meinung „gemeiner Leute", weiche wähnten, daß, „wenn das Jnsect die Todten-Uhr genannt, in ein Haus kommt und mit seinem genau abgemessenen Nagen, welches wie die Schläge eines Perpendiculs an einer Taschenuhr klingt, sich hören läßt, so müsse in 674 kurzem jemand in diesem Hanse sterben." Hierzu bemerkt er nach erläuternd: „Alle diese berufen sich auf die Erfahrung. Allein aus nicht gegründeter Erfahrung etwas beweisen zu wollen, ist der allerelendeste Beweis; denn wenn zwey Sachen in der Welt aufeinander folgen, woher weiß man denn, daß es eigentlich Gottes Wille gewesen, durch das erste das folgende anzudeuten? Zudem findet man, daß oft dergleichen Jnsecten gesehen oder gehöret werden, auf welche doch weder Krieg, noch Hunger, noch Pest, noch der Tod erfolget. Hat es sich je zugetragen, daß dergleichen Zufälle wohl erst nach einigen Jahren, nachdem sich die Jnsecten haben sehen oder hören lassen und auch in anderen Ländern sich geäußert: so haben dennoch die Menschen geglaubet, daß diese Tiere dieselbigen angedeutet hätten." Nun, so energisch auch hin und wieder gegen diesen beregten Aberglauben angekämpft worden ist, seine gänzliche Vertilgung blieb ein Ding der Unmöglichkeit, um so mehr, als ja die eigentliche Musik des männlichen Bohrkäsers immer noch gehört wird. Er soll angeblich damit fein liebes Weibchen zu einem süßen Schäferstündchen anbocken, und zwar in der Weise, „daß, er Vorderbeine und Fühler einzieht und dann, hauptsächlich auf die mittleren Füße gestützt, mit Stirn und Vvrderrand des Halsschildes gegen das Holz schlägt und so ein rhytmisches, mit geringen Unterbrechungen lange anhaltendes Klopfen, ähnlich dem Ticken einer Uhr, hervorbringt." Es muß ja zugegeben werden, daß dieser pochende Trotzkopf bei seiner eben gedachten Klvpfthätigkeit nichts weniger bezweckt, als den nahen Tod eines ihm völlig unbekannten und gleichgiltigen menschlichen Individuums anzumelden, dennoch bei einem solchen nicht selten die unbegründete Veranlassung einer derartigen, abergläubischen Vorahnung, deren zufällige Bestätigung vielleicht auch nicht immer ausblieb, abgegeben haben mag. In Thüringen betrachtet man fast allgemein diese unheimlichen Töne als „eine Geisteruhr, die einen baldigen Todesfall im Hause ankündigt", und auch in anderen Gauen Deutschlands ist noch heute der seltsame Aberglaube heimisch, wie aus volkskundlichen Werken ersichtlich ist. Bayerns ländliche Bevölkerung nennt das trotzköpfige Insekt poetisch das „Erdschmiedlein", weil es allgemeiner Volksanschauung gemäß dem menschenmähenden Tode die gefürchtete Sense zu schmieden hat. Auch „Dengelmann" ist eilte häufig auftretende Nebenbenennung für den Anno- bium pertinax, eben weil er die bildlich bekannte Todes- hivpe „dengelt" (scharf klopft). Aus Schwaben berichtet Btrlinger: „Der allgemein bekannte Wandklopfer, Dengelmann, Dengelmändle — in Oberbayern und bei Augsburg Schmidle, Erdschmidle — ist in der Riedlinger Gegend als Todtenührle gefürchtet. Wen's angeht, der hört's nicht." Ja, im leise klopfenden Bohrwurm hat man von jeher einen untrüglichen Tvdesboten wahrgenommen, der hammerbewehrt an die Thür pocht. Im Buch der Richter wird von Manoa, Simsons Vater, gesagt, daß der Engel des Herrn vor ihm anfing zu klopfen, und Bodinus gründet in seiner alten Geisterlehre darauf den Satz, man vermöge die uns äbrufenden höheren Wesen wirklich zu hören, „da sie wie mit einem Hammer schlagen." Während ejner verheerenden Pest im Jahre 1594 erließ die fürsorgliche Regierung von Luzern eine belehrende „Verordnung", in welcher dem gemeinen Manne neben der Bekanntgabe etlicher Vorbeugungsmittel empfohlen wird, beizeiten aufs äußerste gefaßt zu sein, „daß wann der Herr gätt klopfen kommt, der mensch gerüst sye vnd sich in sm ervordern ergebe." Sebastian Brant ruft aus: „deßhalb gedenk vnd setz dir für der tob klopft all tag an die thür" — und der mittelalterliche Kanzelredner Geiler von Kaisersberg predigt: „Wenn der tob an ber thüren rumpelt, wann der tob mit dir ringt, da breitet es." Schon seit uralten Zeiten würbe nämlich ber mensch?- liche Körper als die Behausung ber Seele, als „Tempel des Geistes" aufgefaßt. Wenn ber „lebenbige Obem" biese seine Wohnung verläßt, so geschieht das etwas gewaltsam. Wir sprechen heute noch in bildlicher Rede, baß „bie Schwarte knackt", der Hals „kracht" und bas Auge „bricht", sobald es sich um das Eintreten des Todes handelt. Wenn daher die holzigen Zimmerwände und Möbelstücke knacken, das Glas zerspringt und der Spiegel zerbricht, so muß bald jemand im Hause sterben", wie der alles umgarnende Aberglaube wissen will. Um nun einen solch gewaltsamen Abschied des ausfahrenden Geistes zu verhindern, muß man, wenn ein Sterbender in den letzten Zügen liegt, die Fenster öffnen. — „Totenuhr" ist jeoen- falls ein neuzeitlicher Name jenes klopfenden Käfers; denn in frühgeschichtlichen Zeiten kannte man nur Sonnen-, Wand- und Wasseruhren. Wenn Schiller den unerschrockenen Tell sprechen läßt: „Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Bogt, Fort mußt du, deine Uhr ist abgelaufen", — so ist hier mit Recht an das altbekannte „Stundenglas" zu denken, welches der abrufende Tod tn ber knöchernen Hanb trägt, um den heimzuholenden Menschenkindern zu zeigen, daß der seiende Sand zu rinnen aufgehört habe. Daß man mit der Zeit alle Uhrarten miteinander verwechselt hat, erhellt aus folgendem Werglauben der Wenden^: „Die Taschenuhr (?) läßt sich hören, wenn jemand Ursprünglich ist also wohl der Käfer Annobium pertinax seines pochenden Geräusches wegen in nahe Beziehung zum Tode gebracht worden, und als dann später die künstlichen Uhren gingen „tick, tack", da nannte man das niedliche Kerbtierchen, das in der Schweiz als „Zirpe pippet und pöpperlet", kurzweg „Totenuhr". Ja, nun übertrugen sich selbst aus die neumodischen Uhren jene abergläubischen Meinungen vom drohenden Todesgespenst. Man höre z. B. Birlingers Mitteilungen „aus Schwaben" (I. S. 242): „Im Rittersaal auf Zeil soll eine große Uhr sein. Sie fängt nur dann an zu gehen, wenn der Tod des Fürsten nahe ist. Lange Zeit ging sie nicht mehr, trotz aller Versuche und Mühe um sie. Auf einmal fing sie zu rasseln an mit einem Schlag: der alte Fürst starb." Auch die Meißener Rathausuhr stand jedesmal still, wenn eines Ratsherrn letztes Stündlein gekommen. Im Jahre 1750, bei der personalen Umgestaltung der magistratlichen Behörde, zerfiel der alte Zeitmesser und ist seitdem nicht wieder yergestellt worden. Im unruhigen Jahre 1848 weilte ein hoher Militär in Berlin, um von dem berühmtesten Uhrmacher dort aus einer großen, altmodischen, aber ungemein künstlich erbauten Spieluhr einen besonderen Mechanismus entfernen zu lafsen, welcher das musikartige, mehrere Minuten anhaltende Schlagen dieser Uhr bewirkte, ohne daß sie dadurch in ihren sonstigen Verrichtungen gehindert wurde. Nachdem Einzuge der siegreichen Verbündeten in Paris (1815) hatte sie der Besitzer von einem dortigen Künstler gekauft. Einige Jahre später hörte jedoch das bisherige Schlagen des künstlichen Werkes auf, und kein Uhrmacher noch Mechaniker vermochte diesen Fehler wieder rückgängig zu machen. Plötzlich begann die Uhr eines Tages anhaltend zu spielen: — einen Tag darauf starb die Frau des Besitzers. Von jener Zeit an verstummte die seltsame Musik, bis sie nach einigen Jahren, an dem Tage — vor dem Tode des Sohnes ihres Inhabers wieder in der früheren Weise ertönte. Dieses bedeutungsvolle Spiel mit denselbigen Folgen wiederholte sich später nochmals und endlich wieder vor Ablauf des Jahres 1847, als das letzte Kind, eine aufgeblühte Tochter jenes hohen Offiziers, aus dem irdischen Leben dahinschied. Um nun nicht auch seine letzte Stunde aus dem lärmenden Zeitmesser schlagen zu hören, ließ der schwergeprüfte Eigentümer dessen verhängnisvollen Mechanismus durch fachmännische Hand beseitigen, ohne sich jedoch von der Uhr selbst zu trennen. (Vgl. Rork, Sitten und Gebräuche der Deutschen 1849. S. 152 ff.) Dieser verbürgte Fall zwingt uns das bekannte Wort auf die Lippen: „Es gießt Dinge zwischen Himmel und Erde, die kein Sterblicher zu begreifen vermag." Uebrigens soll im Königlichen Schlosse zu Sanssouci eine alte Uhr jene Stunde anzeigen, in welcher Preußens berühmter Herrscher, Friedrich II. — der „alte Fritz" — am 17. August 1786, aus seinem thatenreichen Leben schied. In demselben Augenblicke, als der große König seinen beseelenden Odem ausgehaucht, soll nämlich die alte Schloßuhr stehen geblieben sein. Indes, man nimmt auch an, daß einer seiner französischen Diener damals den schwerfällig pen- 675 beluden Perpendikel des gedachten Werkes in jenem wichtigen Moment aufgehalten haben dürfte, um einer im heimischen Frankreich bestehenden Sitte auch auf märkischem Boden zu genügen. ' Abesgefahr bedroht und Todesboten mahnen die sterblichen jederzeit. Der Weise behält sie unausgesetzt rm Auge und regelt fein Leben nach einer untrüglichen rü"tetbem ®etoTf,Cn' ist er allenfalls zur Heimfahrt ge- Dem Gedächtnis unserer vollendeten Lieben gilt der Heutige Tag. Möchte er uns vergegenwärtigen, was vergangen und was bevorsteht, damit wir geschickt werden, zu leben in Zeit und Ewigkeit. D. R. (Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Traurig und bekümmert, wie es seit langer, Anger Zeit nicht gewesen war, ging Margarete ihren häuslichen Verrichtungen nach. Den Brief mit der unbekannten Handschrift hatte sie längst vergessen, und nach Verlauf von Stunden erst wurde sie durch ein Rascheln des Papiers in ihrer Tasche wieder an ihn erinnert. Ohne besondere Neugierde zog sie ihn hervor und löste Den Umschlag. Aber was sie da las, war doch in hohem Maße danach angethan, ihre Teilnahme zu erregen. Das Schreiben lautete: „Sehr verehrtes Fräulein! Bevor ich diese Stadt — wahrscheinlich aus immer — verlasse, liegt es Mr ob, eine äußerst peinliche, doch lerder unabweisbare Pflicht zu erfüllen. Ein Zufall, für dessen Herbeiführung ich dem Schicksal in diesem Augenblick keineswegs dankbar bin, hat mich zur mithandeln- den Person in einer Angelegenheit von ernster Bedeutung werden lassen. Es ist möglich, daß ich dabei nicht von allem Anbeginn vollkommen korrekt verfahren bin, aber der Wunsch, einem von neir hochverehrten Manne schweren, vielleicht unheilbaren Kummer Au ersparen, durfte die leisen Bedenklichkeiten meines Gewissens anfänglich wohl zum Schweigen bringen. Erst durch meinen neuerdings gefaßten Entschluß, wieder in die weite Welt hinaus zu gehen, werde ich vor die unerbittliche Notwendigkeit gestellt, ohne Rücksicht auf die Trübsal, die daraus entstehen könnte, den strengen Geboten der Pflicht zu folgen. Es ist mir leider nicht möglich, mich auf dem Papier deutlicher über diesen traurigen Konflikt und seine Ursachen auszusprechen; aber der Umstand, daß ich mir überhaupt herausnehmen darf, Sie damit zu behelligen, muß Sie bereits ahnen lassen, um wen es sich handelt. In der That stehen die hier in Frage kommenden Personen Ihrem Herzen so nahe, daß ein Kummer, von dem jene betroffen würden, auch Sie nur zu sehr in Mitleidenschaft ziehen müßte. Der Gedanke, daß Sie dann vielleicht in mir den eigentlichen Urheber des ganzen Unglücks erblicken und meiner mit noch tieferem Abscheu gedenken würden, als es wohl schon ohnedies der Fall ist, verschärft das Peinvolle meiner Lage fast bis zur Unerträglichkeit. Keinen hochherzigeren Beweis verzeihender Großmut könnten Sie mir gewähren, als wenn Sie mir Gelegenheit gäben, mich persönlich mit Ihnen auszusprechen, ehe ich in der leidigen Sache jenen entscheidenden Schritt thue, der so verhängnisvolle Folgen haben kann, und den ich darum so gern vermieden sähe, wenn man mir eine Möglichkeit dazu zeigen könnte. Man sagt ja, daß Frauenherzen in solchen Fällen erfinderischer seien, als der Verstand des Mannes, dem die unverrückbaren Schranken des Pflichtbewußtseins den Mick einengen. Vielleicht vermag Ihre Kindesliebe wirklich den rettenden Ausweg zu entdecken, den ich bisher vergebens zu finden fuchte. Halten Sie sich versichert, wein verehrtes Fräulein, daß niemand glücklicher darüber sein würde als ich, der Ihnen und den Ihrigen von ganzem Herzen nur das allerbeste wünscht. Aber die Zeit drängt, und ich darf nicht daran denken. Sie in Ihres Vaters Hause auszusuchen, wenn nicht zugleich alles, was ich so gern bis zum letzten, grausamsten Augenblick verschweigen möchte, offenbar werden soll. Deshalb wage ich es. Sie noch für den heutigen Tag um eine kurze Unterredung an drittem Orte zu bitten. Ich werde Sie zwischen elf und zwölf Uhr vormittags in jener Villenstraße außerhalb der Stadtmauer erwarten, wo ich Sie am Tage meiner Ankunft in Walden- berg zum erstenmal gesprochen. Und ich ■ verpfände Ihnen mein Ehrenwort, daß ich von nichts anderem zu Ihnen sprechen werde, als von dieser Angelegenheit, die mir jetzt noch allein am Herzen liegt. Wenn Sie trotzdem nicht erscheinen und mir auch bis elf Uhr keine Antwort in den „König von Spanien" senden, so nehme ich an, daß Sie mich dadurch stillschweigend ermächtigen, lediglich nach den Geboten der Pflicht zu handeln, und ich werde Ihnen auch dafür dankbar sein, weil ich den Gedanken an die unvermeidlichen Folgen dieses Handelns dann wenigstens ohne quälenden Selbstvorwurf werde ertragen können. In tiefer Verehrung Ihr treuester Diener Rudolf Sandory". Zum drittenmale schon hatte Margarete diesen rätselhaften Brief gelesen, ohne etwas anderes zu begreifen, als daß sich irgend ein furchtbares Geheimnis hinter seinen unverständlichen Andeutungen verberge. Ihr Herz klopfte so ungestüm, und ihre Kniee zitterten so, daß sie sich niedersetzen mußte. Ratlos und verzweifelt starrte sie auf das unglückselige Blatt, dessen Schriftzüge sie vor eine so schwere Entscheidung stellten. Ein Blick auf die Wanduhr hatte sie belehrt, daß es schon einige Minuten über elf war. Sie hatte also nicht einmal Zeit, ernstlich mit sich selber zu Rate zu gehen. Für eine Botschaft in den „König von Spanien" war es zu spät, denn Sandory mußte, um das verabredete Stelldichein seinerseits inne zu halten, das Hotel längst verlassen haben. Ihre Mutter, der sie sich vielleicht anvertraut haben würde, befand sich irgendwo im Armenviertel der Stadt, wo sie gewiß stundenlang vergeblich nach ihr gesucht hätte; sonst aber gab es keinen Menschen, den sie um Rat und Beistand hätte angehen können. Und mit jeder Sekunde, die sie hier in unthätigem Zaudern verstreichen ließ, konnte die unbekannte Gefahr, die ihr desto schrecklicher schien, je weniger sie ihre wahre Beschaffenheit ahnte, zum unabwendbaren Verhängnis werden. Daß dieser Brief nicht geschrieben worden sei, nur um sie ohne Not zu ängstigen und zu erschrecken, dünkte sie um so gewisser, je öfter sie ihn las. Hier mußte es sich wirklich um das Glück ihrer Familie, um das Wohl oder Wehe eines ihrer nächsten Angehörigen handeln, und wenn sie jetzt aus falschem Schicklichkeitsgefühl den rechten Augenblick versäumte, beschwor sie damit vielleicht ein namenloses Unheil über diejenigen herauf, die sie auf Erden am zärtlichsten liebte. Das war eine Vorstellung, die sie nicht lange zu ertragen vermochte. Sie barg den verhängnisvollen Brief und eilte auf ihr Zimmer, um sich hastig zum Ausgehen fertig zu machen. Schon nach, wenig Minuten kam sie m Hut und Jacke herab, erteilte der alten Aufwärterin, die jetzt ganz allein im Hause zurückblieb, die nötigen Anweisungen für die Fertigstellung des Mittagessens und machte sich mit todesbangem Herzen auf den Weg. Je näher sie der von Sandory bezeichneten Straße kam, desto ängstlicher wurde ihr zu Mut, und ihre Füße wollten sie zuletzt kaum noch tragen. Sie fürchtete srch vor dieser Unterredung, und doch wiederholte sie sich immer wieder den-einzigen Wunsch: „Wenn ich ihn nur noch finde!" Die Besorgnis wenigstens, daß Sandory bereits gegangen sein könnte, war eine grundlose gewesen. Schon von weitem gewahrte sie seine hohe Gestalt, wie er anscheinend gemächlich unter den Bäumen dahinschritt, welche die Straße schmückten. Sonst war es hier draußen, wie gewöhnlich, ganz menschenleer, und er hätte für eine ungestörte Aussprache wirklich kaum einen geeigneteren Ort Vorschlägen können, als diesen. Da er gewiß schon lange auf sie gewartet hatte, war es kein — 676 — Wunder, daß er ihrer nun sofort ansichtig geworden war, und ihr mit etwas beschleunigten Schritten entgegenkam. Gerade vor der Villa Franz, Norrenbergs trafen sie zusammen. „Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, Fräulein Ruthardt", redete Sandory mit einer freundlich ernsten Zurückhaltung, wie sie der seltsamen Form der Einladung wohl entsprach, das junge Mädchen an. „Es ist mir schwer genug geworden, Ihnen ein solches Opfer anzusinnen". „Soeben erst habe ich Ihren Brief gelesen", erwiderte Margarete, ohne ihn anzusehen, hastig. „Sie können sich denken, daß er mich in große Bestürzung versetzt hat, und daß ich es für meine Pflicht halten mußte, Ihrer Aufforderung zu folgen. Aber ich bitte Sie nun auch dringend, mir so schnell als mögliche zu sagen, was Sie mir mitzuteilen wünschen". „Gewiß, ich werde Sie nicht lange mit unnützen Vorreden quälen", versicherte er, indem er dicht an ihrer Seite dahinschritt, und sich beim Sprechen ein wenig zu ihr herabbeugte, wie um ihr seine gedämpfte Stimme dadurch besser verständlich zu machen. „Sie ahnen bereits, daß es sich um Ihren Bruder handelt?" Margarete schüttelte den Kopf. „Nein, aus den Andeutungen Ihres Briefes ließ sich das nicht ersehen". „So hören Sie! Ihr unerfahrener Bruder ist hier in schlechte Gesellschaft geraten. Er hat hinter dem Rücken Ihrer Eltern lebhaften Verkehr mit Damen vom Theater unterhalten und sich dadurch schließliche zu leichtfertigen, ja, unehrenhaften Handlungen verführen lassen". „Das ist nicht wahr!" fuhr Margarete unwillig auf. „Es mag sein, daß er in seiner Unerfahrenheit und in seiner Neigung zur Schwärmerei etwas gethan hat, das thöricht ist- einer Schlechtigkeit aber, einer Ehrlosigkeit ist er nicht fähig". „Daß Sie so von ihm denken, ist begreiflich, aber ich muß Ihren Glauben an die Makellosigkeit seines Charakters leider zerstören. Was er gethan hat, war nicht nur moralisch verwerfliche sondern es würde ihn irrt Fall einer Entdeckung auch vor den Strafrichter gebracht haben". „Und was — was hat er begangen?" „Er hat eine größere Summe unterschlagen, die ihm von seinem Chef, dem Bankier Norrenberg, zum Zwecke einer Zahlung anvertraut worden war. Sie werden trotz Ihrer Unkenntnis der betreffenden Gesetzesbestimmungen wissen, mein liebes Fräulein, daß solche Vergehen sehr streng geahndet werden, um so strenger, wenn nicht die Not, sondern lediglich ein Hang zu ausschweifenden Vergnügungen als Triebfeder der verbrecherischen Handlung anzusehen ist". Die Bestimmtheit seiner niederschmetternden Mitteilung schloß ja eigentlich jeden Zweifel an ihrer Richtigkeit aus, aber Margarete konnte sich doch nicht entschließen, daran zu glauben. (Fortsetzung folgt.) Geinsinirütziges. Blumenpflege. Blumen für Schulkinder. In Altona hat sich der „Verein jüngerer Lehrer" mit dem Gartenbauverein „Pomona" — so berichtet der praktische Ratgeber im Obstund -Gartenbau — zusammengethan, um im vergangenen Frühjahr 1700 angewurzelte Stecklinge von Geranien, Fuchsien, Petunien, Begonien, chinesischen Primeln, Chrysanthemen, Iris und Myrten an Schulkinder zur Pflege und „lauterem Wettbewerb" zu verteilen. Jetzt ist die Prüfung und Preisverteilung vorgenommen und hat das überraschende Resultat ergeben, daß fast keins der Kinder mit seinen Pflanzen fehlte. Als Preise wurden wieder Topfgewächse verteilt. Auf diese Weise wird praktisch auch in den Großstädten in den Kindern Liebe zur Natur und Gemütsleben geweckt und gestärkt. Das Beispiel verdient überall Nachahmung. Literarisches. — Und hält« der Lieb« nicht — Drei Novellen von Agnes Harder. Druck und Verlag: Faber'schc Buchdruckereh Magdeburg. Preis geh. Mk. 2,75, geb. Mk. 4,—. Agnes Harders erfrischende Art schreitet nicht auf thönernen Füßen einher, gründet sich vielmehr auf gediegenes Wissen, gepaart mit seltener Welterfahrenheit, von scharfer Beobachtungsgabe begleitet. Auch die vorliegenden drei Novellen: Bis an's Ende. Ein vergessener Kuß. Leitmotive, verraten offenes Auge, klaren Verstand und empfängliches Herz. Das Suchen und die Sehnsucht nach- Ersüllung stellt die Verfasserin über alles Vollendete. Kritik nennt sie ihr einziges Talent. Uns genügt das; denn diese Kritik, erfüllt von dem Geiste znrechthelfender Liebe, ist herzgewinnend, und zeigt, wie ihr die Liebe Auge und Herz öffnete. Wir wollen die Novellen hier nicht zerpflücken, sie würden dadurch ihres eigenartigen Reizes verlustig gehen. Welt und Menschen kennen zu lernen und dabei des Besten in der Welt bewußt zu werden und zu bleiben, dazu wollen die drei Novellen dienen. Diesen Liebesdienst erfüllen sic meisterhaft. Bdt. G«schtcht« Friedrichs des Großen. Von Franz Kugler. Mit 400 Illustrationen, gezeichnet von Adolf Menzel. Volksausgabe. 5. Auflage. Preis geb. Mk. 6,—. Leipzig 1901. Hermann Mendelssohn Verlag. Ein Volks buck in deS Wortes weitestem Sinne. Welches Preußen, ja Deutschen Herz schlüge nicht höher beim Gedenken des Großen Friedrich, der das Goethe'sche Wort: „Es bildet ein Talent sich in der Stille, Sich ein Charakter in dem Strom der Welt" verkörpert, wie selten ein Herrscher? Ein ragender Bronzefels im brandenden Völkermeer steht er da als der Mann, der recht eigentlich den Grund gelegt hat zum endlich geeinten Deutschen Reiche. Schlicht, troh aller Größe, und groß gerade in seiner - chlichtheit. Er brachte den deutschen Namen wieder zu Ehren und weckte das schlummernde Nationalbewußt- sein zu neuem Leben. Deutschem Wort verschaffte er wiederum Geltung durch deutsche That und erfüllte so mit Deutschlands Ruhm die Lande. Wer mit vollem Bewußtsein sich einen Deutschen nennen will, der muß Leben und Thaten des großen Königs zu würdigen wissen. Dazu will das vorliegende Buch allen denen verhelfen, die es bisher der Mühe nicht für wert hielten, sich auf ihren Beruf als Deutsche zu besinnen. Geschichtsbücher haben mit ihrem Zahlengerippe leicht etwas Trockenes an sich. Das ist hier nicht der Fall. Alles ist lebendig, packend, zwingend; dafür bürgt neben dem Namen des als Feldherr, Staatsmann und Gelehrter gleich bedeutenden Helden, auch der des Verfassers und Bildners. Bdt. Telegraphenrebus. (Nachbildung verboten). (Es gellen nur die auf die Punkte fallenden Buchstaben.) Auflösung in nächster Nummer. 7** Mt'./r'L Auflösung der Charade in voriger Nummer r A n g u st. ZMchilt nimmermehr die Stunde hart, W Die fort von dir was Teures reißt; Sie schreitet durch die Gegenwart Als ferner Zukunft dunkler Geist; Sie will dich vorbereiten, ernst, Auf das, was unabwendbar droht, Damit du heut' entbehren lernst, Was morgen sicher raubt der Tod. Friedrich Hebbel. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. W2 Unter u „Es ij der Schein glücklichen für seine Bedürfnis „Sie schon, daß Lediglich d zu Fall ge aber leider den Umstäi mag. Und kument er Vollkommei Er ha das er Ma lich eine fr dessen, wai Sigismund ihres Brud loser Klar! Das i „Schuldschi „Hie von Hm tausend 1 welchen den Ban schlagum ich ohne meines nicht me eine Eß sobald n „Das hervor. . als das".