(Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Um Georg Lengfelds dicke Lippen spielte ein selbstbewußtes Lächeln. „O, es! ist noch nicht aller Tage Abend. Wenn der Mörder wirklich gewagt hat, deutschen Boden zu betreten, so ist er rettungslos verloren". „Sie besitzen also sein genaues Signalement?" „Ja! Aber es ist nicht das, worauf sich meine Zuversicht gründet. Wir Kriminalisten messen solchen Personalbeschreibungen zumeist nur geringe Bedeutung bei. Jeder Halbwegs geschickte Verbrecher verfügt ja über tausend Mittel, sich innerhalb weniger Stunden vollständig unkenntlich zu machen. Und wenn er sich uns trotzdem früher oder später stets verrät, so geschieht es zumeist auf eine ganz andere Weise". „Ah —und wodurch, wenn es erlaubt ist, zu fragen?" „Haben Sie nie gehört, daß jeder Beruf denjenigen, die ihn ausüben, sein besonderes und eigentümliches Gepräge aufdrückt? Auch der Beruf des Verbrechers macht davon keine Ausnahme". „Das ist sehr interessant. Und die Kenntnis dieses besonderen Gepräges betrachten die Herren Kriminalisten als eine Art von Geschäftsgeheimnis — nicht wahr?" Der Staatsanwalt zuckte die Achseln. „Ein Lehrbuch läßt sich nicht darüber schreiben. Man muß viel praktische Erfahrung und vielleicht auch einen gewissen angeborenen Scharfblick besitzen, um einen Verbrecher unter allen Verhältnissen von einem ehrlichen Manne zu unterscheiden". „Ein Talent, über welches Sie, Herr Staatsanwalt, natürlich verfügen". „Nun ja — ich denke wohl! Nach einer Bekanntschaft von zehn Minuten habe ich bisher noch jedem den Platz zuweisen können, der ihm gebührt". „Eine bewunderungswürdige Gabe!" versicherte San- dory im Tone aufrichtigsten Bedauerns. „Es muß ein geradezu schauderhaftes Gefühl für so einen armen Teufel l.lUJUi? (eilt, sich trotz aller Verstellungskünste innerhalb eines Zeitraumes von nur zehn Minuten durchschaut zu sehen". Dora, der diese kriminalistische Unterhaltung offenbar ,ehr wenig Vergnügen bereitet hatte, flüsterte ihrem Vater emige Worte zu und erhob sich gleich darauf, um das Zeichen zur Beendigung des Mahles zu geben. Man ging in das Nebenzimmer, wo der Kaffee serviert wurde, und wo die Herren sich ihre Zigarren anzündeten. Die Tochter des Hauses plauderte jetzt fast ausschließlich mit dem neuen Bekannten, unbekümmert darum, daß sich der Staatsanwalt durch ihr Benehmen zurückgesetzt fühlen konnte, und es war zuweilen recht auffallend, wie verdrießlich und gelangweilt mit einem Male der Ausdruck ihres Gesichtes werden konnte, wenn sie durch eine Frage ihres Verlobten genötigt wurde, ihm Rede zu stehen. Georg Lengfeld hätte ohne alles Feingefühl sein müssen, wenn ihm diese launenhafte Unfreundlichkeit ihres Wesens nicht sehr bald zum Bewußtsein gekommen wäre und die Art, wie er plötzlich erklärte, zum Aufbruch ge- notfgt sem ließ, denn auch deutlich auf eine stark gereizte Empfindlichkeit schließen. Natürlich durfte auch Sundorv jetzt nicht langer mit der Verabschiedung zögern, und als wolle er den beiden Verlobten dadurch Gelegenheit au entern letzten kurzen Alleinsein geben, trat er mit dem Hausherrn tn das Speisezimmer zurück. ~a erfaßte Franz Norrenberg mit ungestümer Bewegung seinen Arm und flüsterte ihm zu: „Nehmen Sie sich in acht! Es ist ein Spiel mit dem Feuer, das Sie da treiben, -engfeld ist nicht so harmlos, daß man sich ungestraft über ihn lustig machen dürfte". „Aber wer sagt Ihnen denn, bester Freund, daß ich mich über ihn lustig inache?" erwiderte Sandory mit seinem unbefangensten Lächeln. „Ich rechne im Gegenteil Mit Sicherheit darauf, daß sich noch die herzlichsten Beziehungen zwischen uns herausbilden werden". Der Abschied des Brautpaares mußte sehr kurz qe- wesen sein; denn in diesem Augenblick erschien auch der Staatsanwalt auff der Schwelle des Spe.s z mmcrs. Sandory empfahl sich Dora mit einem sehr langen Hand- ruß, und sie dankte ihm noch einmal warm für die herrlichen Rosen. ’ '(Auf baldiges Wiedersehen!" rief sie ihm nach, und um ihre Lippen huschte ein Lächeln, als sie durch das Fenster den beiden Herren nachschaute, die Seite an Seite die Straße hinuntergingen. „Dein Freund ist ein sehr geistvoller und liebenswürdiger Mann", wandte sie sich halb über die Schulter nach ihrem Vater zurück. „Du mußt ihn veranlassen uns recht häufig zu besuchen. Es giebt hier in Walden- berg nicht viele, mit denen sich's so angenehm plaudern laßt, tote nnt ihm". ie kampflos wird dir ganz Das Schöne im Leben geglückt sein; Selbst Diamantenglanz Will seiner Hülle entrückt sein; Und windest du einen Kranz, Jede Blume dazu will gepflückt sein. Friedr. Badenstedt. 606 — die au diese dem das aber an un Wams Bands» und a ärmel selben könnt« einen daß i er zu fallen Frack knöpfe viel tä Er wc fünfi keugba läufe z Hundei Zeit c aucorf fest a aus V konnte Stoff des Ii daß si rock lr des V für Was ist, ]t kühl 1 er dc sagte, überh eines des sei wohl herans davon „O, wir stehen natürlich in lebhafter Korrespondenz. Sein letzter Brief kam erst vor acht Tagen aus Philadelphia. Ach, seine Briefe sind so reizend. Ich wollte wahrhaftig, Sie könnten einmal einen Brief von ihm lesen." Unauffällig hatte Sandory dem aufwartenden Kellner etwas ins Ohr geflüstert, und nun erschien Herr Schwan- lügel selbst mit einer silberhalsigen, dickbauchischen Flasche im eisgefüllten Kübel. „Ein Glas auf Ihre baldige Wiedervereinigung mit dem geliebten Gatten", flüsterte Sandory, indem er ohne viele Umstände zwei schlanke Kelche für die beiden Damen füllte. Und gegen Elli gewendet, fügte er hinzu: „Auf die Kunst und auf alles, was wir lieben, mein verehrtes Fräulein!" Das junge Mädchen that nur zögernd und mit niedergeschlagenen Augen Bescheid. Der blonde Assessor aber ließ ein sehr anzügliches Räuspern vernehmen und lehnte sich ernsten Antlitzes weit in seinen Stuhl zurück. Von diesem Augenblick an sprach er mit der schönen Nachbarm nicht mehr. Als er sich erhob, machte er ihr eine stumme Verbeugung und wandte sich mit einem vernichtenden Blick auf Sandory zum Gehen. Herrn Schwanslügel aber, an dessen weißer Weste er hart vorüberstreifte, ries er mit unnötig erhobener Stimme zu: „Der Leutnant v. Gubitz hatte recht. Es fängt an, etwas gemischt zu werden in Ihrem Hotel." Schade nur, daß derjenige, für dessen Ohr diese Worte zumeist bestimmt waren, nicht im geringsten Notiz von ihnen nahm. Auf die erste Flasche Champagner war rasch eine zweite gefolgt, ohne daß Frau Pollnitz mehr als einen ganz schwachen Protest dagegen eingelegt hätte. Dabei war Fräulein Elli noch nicht über ein einziges Glas hinausgekommen, und auch Sandory trank nur müßig. So war es nicht gerade wunderbar, daß die Augen der kleinen, korpulenten Dame bald in jugendlichem Feuer leuchteten, und daß es einer wiederholten dringenden Mahnung von feiten ihrer Tochter bedurfte, um sie zum Aufbruch zu bewegen. Sandory bat um die Erlaubnis, die Damen noch ein Stück Weges begleiten zu dürfen, und Frau Pollnitz hängte sich an seinen Arm. Sie sprach und lachte beständig sehr laut, während sie über die Straße gingen, und die guten Waldenberger sahen sich wiederholt mit erstaunten und entrüsteten Mienen nach ihnen um. Vor einem unansehnlichen Hause im ältesten Teil der Stadt blieben die Damen stehen. Sandory zog seinen Hut, um sich zu verabschieden, aber Frau Pollnitz erklärte, daß sie ihm für den Champagner eine Revanche schuldig sei. „Es ist nur eine bescheidene Tasse Kaffee, zu der td? Sie einlade. Aber in ganz Waldenberg würden Sie keine bessere bekommen. Meine Elli ist eine Künstlerin auch auf diesem Gebiete. Ueberdies müssen Sie sich einige Bilder von meinem Gatten ansehen. Es sind unsere Heiligtümer — nicht wahr, mein Kind?" Die junge Schauspielerin antwortete nicht. Sichtlich bestürzt über die von ihrer Mutter erlassene Einladung, war sie rasch in das Haus getreten, um den anderen voran die knarrende Stiege hinauf zu eilen. Als Sandory seinen Fuß über die Schwelle des Wohnzimmers setzte, begriff er sofort, warum sie das gethan. Denn man brauchte nicht eben ein scharfer Beobachter zu sein, um zu erraten, daß hier noch vor wenig Sekunden eine hastige Hand bemüht gewesen war, wenigstens die augenfälligste Unordnung zu beseitigen. Sah es in dem dürftig möblierten Zimmer doch trotzdem immer noch bunt genug aus. ■ Frau Pollnitz aber machte sich darüber ersichtlich; keinerlei Gewissensbisse. „Schauen Sie sich nicht viel um", sagte sie lachend. „Wir haben außer diesem Salon nur.noch ein kleines Schlafzimmer. Da Muß man sich eben behelfen. Auch empfangen wir nur selten Besuche. Darf ich! Ihnen vielleicht eine Zigarette anbieten, Herr Sandory?" Er verbeugte sich! zustimmend, aber nach längerem Suchen in allen möglichen Kästen und Schubladen ergab sich, daß keine Zigaretten mehr vorhanden waren, und Frau Pollnitz mußte sich zuletzt aus dem von Sandory Franz Norrenberg blieb ihr die Antwort schuldig. Ein tiefer Atemzug wie ein Stöhnen hob seine Brust. Er preßte die Fingernägel in die Handflächen und ging gesenkten Hauptes aus dem Zimmer. Sechstes Kapitel. Als Rudolf Sandory, der jetzt wirklich einen Salon im ersten StoLverk feines Gasthauses bewohnte, zum erstenmale an die Wirtstafel hinunterging, führte ihn Herr Schwanflügel selbst zu seinem Platz. Es war ohne Zweifel eine neue Aufmerksamkeit des gefälligen Wirtes, daß Sandorys Gedeck neben dem der jungen Schauspielerin lag, die er am Tage seiner Ankunft in der Vorhalle gesehen. 9toch hinter seinem Stuhle stehend, machte er dem schönen Mädchen eine artige Verbeugung, aber als er eben die Lippen öffnete, um sich vorzustellen, gab es einen kleinen Zwischenfall von etwas peinlicher Art. Ein blonder, junger Mensch mit goldenem Zwicker und überaus sorgfältig behandeltem Schnurrbart kam nämlich hastigen Schrittes von der Thür des Speisesaales her gerade auf Sandory zu und sagte in einem Ton, der nichts weniger als zuvorkommend war: „Erlauben Sie, mein Herr! lieber diesen Stuhl ist bereits verfügt". Neugierig wandten sich alle Gesichter den beiden zu. Die junge «Ähauspielerin, die sehr rot geworden war, sah befangen auf ihren Teller nieder; Frau Pollnitz aber schleuderte aus ihren schwarz untermalten Augen einen Blitz des Unmuts auf den blonden Herren. Alle Welt schien sich Hoffnung auf einen kleinen Skandal zu machen. Der fchcharzbärtige Fremde aber trat sogleich mit verbindlichem Lächeln um einen Schritt zurück. „Ich bitte um Verzeihung. Da man mich! hierher gewiesen hat, konnte ich leider nicht vermuten, daß Sie ein älteres Anrecht auf diesen Stuhl besitzen". Die überlegene weltmännische Art, die sich in seiner höflichen Entgegnung kundgab, setzte den Jüngling mit dem Zwicker in einige Verlegenheit. „Es war natürlich auch nicht meine Absicht, Ihnen einen Vorwurf daraus zu machen", meinte er unsicher. „Uebrigens gestatten Sie mir wohl, daß ich mich vorstelle: Gerichtsassessor Neumeister". Auch Sandory nannte feinen Namen, und der Vorfall war damit auf die friedlichste Weise abgethan. Frau Pollnitz aber sagte mit einem bezaubernd lieblichen Tonfall ihrer Stimme: „Der Platz hier neben mir ist jedenfalls unbesetzt, mein Herr, und ich übernehme die Bürg- schaft dafür, daß man Ihnen nicht auch diesen streitig machen wird". Emer so liebenswürdigen Einladung zu widerstehen, wäre geradezu eine Beleidigung gewesen, und Sandory ließ sich mit dankender Verbeugung nieder. Noch ehe zum erstenmale die Teller gewechselt worden waren, befand er sich mit seiner Nachbarin bereits in angeregter Unter» ha^,Mir ist es, als hätte ich den Namen Pollnitz schon einmal vor Jahren rühmend nennen hören", meinte Sandory. „Es itoar freilich weit von hier — in Moskau. Ein Komiker Pollnitz hielt da auf der Bühne des deutschen Theaters reiche Lorbeerernte. Gehört dieser treffliche Künstler vielleicht auch zu Ihrer Verwandtschaft?" Die geschminkte Schauspielerin schien sehr bewegt, und da sie ihr Taschentuch nicht schnell genug finden konnte, führte sie graziös die Serviette an die Augen. „Sprechen Sie leise, mein Herr, ich bitte Sie darum. Mein armes Töchterchen wird jedesmal ganz schwermütig, wenn es den Namen des fernen Vaters hört". „Ah, jener Herr ist also Ihr Gatte?" Frau Pollnitz nickte schmerzlich, „Ja, mein Herr, das ist Künstlerlos. Seit neun Jahren hält mich das unerbittliche Schicksal von ihm getrennt. Trotz aller Bemühungen wollte es uns seitdem nicht mehr gelingen, ein Engagement in der nämlichen Stadt zu finden. Als er in Moskau spielte, war ich mit meinem Kinde in Wien. Weniger als hundert Meilen sind überhaupt kaum jemals zwischen ihm und Mir igietoefen, und jetzt sind wir sogar durch das Weltmeer von einander geschieden". „Das ist hart. Ich begreife, wie schwer Sie darunter leiden müssen. Sie können unter solchen Umständen ja kaum noch eine deutliche Erinnerung an Ihren Galten behalten haben". 607 dargebotenen Etui bedienen. Auch die verheißenen Bilder des fernen Gatten wollten sich durchaus nicht finden, obwohl die Schauspielerin ein Album nach dem anderen heranschleppte, und nach Verlauf einer Viertelstunde war davon auch gar nicht weiter die Rede. (Fortsetzung folgt.) Der König der Mode. Eine Jubiläumsskizze von Rudolf Kars. (Aus der „Wiener Mode".) Der Frack ist in diesem Jahre in sein hundertfünfzigstes Lebensjahr eingetreten und hat somit unleugbar ein ehrwürdiges Alter erreicht. Die ersten Anläufe zum Frack wurden zwar schon zu Anfang hes 18. Jahrhunderts gemacht. Die Herrengarderobe bestand zu jener Zeit aus den Beinkleidern, dem Wams und dem Just- aucorps. Die Beinkleider, meist aus dunklem Stoff, waren fest anliegend und reichten bis unter die Knie. Der Strumpf, weiß, grau oder rot, lag knapp am Unterschenkel un und war unter dem Knie mit Bändern befestigt. Das Wams aus bunter Seide reichte bis zur Mitte der Oberschenkel und war reich mit Spitzen, Borden und Goldknöpfen geziert. Der Justaucorps, der Vater des Frackes, viel länger als das Wams, bedeckte die Beinkleider ganz. Er war mit Borden besetzt, erhielt andersfarbige Ausschläge-und. an der Schulter leine Nestel aus vielen farbigen Bandschleifen. Die Aermel reichten nur bis zum Ellbogen, und aus den großen Aufschlägen quollen die weiten Hemd- ürmel mit feinen Falten hervor und ließen ihre langen Manchetten, mit Spitzen besetzt, über die Hand falleu Gewöhnlich hatte der Rock auch Taschen zu beiden Seiten, die auch mit Borden und Knöpfen besetzt waren. Ein seiner Shawl, bei Hofe aus Goldstofs oder Spitzengewebe, sonst aus Wolle oder Seide, diente als Gürtel über dem Rock, konnte aber auch fehlen. Das Halstuch aus feinem weißen Stoff wurde unter dem Kinn gebunden, und seine beiden Enden, mit Spitzen besetzt und in zierliche Falten gelegt, hingen auf die Brust herab. In Frankreich wurden unter Ludwig XIV. die Schöße des kurzen Soldatenrockes ein wenig zurückgeschlagen, so daß sie auf der 'Seite auflageu Später, als der Soldatenrock länger wurde, schlug man, wohl um das Ausschreiten des Mannes zu erleichtern, blos die vorderen, innen mit buntem Tuch ausgelegten Schöße zurück oder richtete dieselben so ein, daß sie nötigenfalls zurückgeknöpft werden konnten. Doch fiel es niemand ein, einem solchen Rock einen besonderen Namen zu geben. Dies geschah erst im Jahre 1750, als ein leider unbekannter deutscher Kleiderkünstler die Entdeckung machte, daß die vorderen Schöße eines langen Bürgerrockes, die er zum Zurückknöpfen einrichten wollte, ganz gut Wegfällen könnten. Er schnitt sie dann auch weg, und der Frack war geboren. Aber nur sehr langsam gelang es diesem Kleidungsstück, das sichz heute zum höchsten Range erhoben hat, da es bei allen Feierlichkeiten unentbehrlich! ist, sich die Gunst der Menschheit zu erringen. Kühl, sehr kühl wurde der Frack ausgenommen. Infolgedessen spielte er damals in allen Farben. Im Jahre 1776 war er vorwiegend blau, mit gelben Metallknöpfen oder, wie man sagte, „goldenen" Knöpfen geziert. Er sah zu dieser Zeit überhaupt sehr imposant aus, zumal wenn er am Leib eines gestrengen Herrn Amtmanns saß und zu gelben, in Stulpenstiefeln verlaufenden Hosen getragen wurde. Um diese Zeit kam der Frack auch als englische Mode auf den Kontinent, nachdem er in England bisher die Rolle der Reittracht gespielt hatte. Stammt ja auch feiir Name von dem englischen „Frock", Womit man einen Reitrock mit kurzen Schößen bezeichnete. Erst jetzt eroberte er sich auch! das Feld bei ben Bürgern, welche, die Emanzipierten genannt, ihn gerne als das Sinnbild ihrer Schwärmerei für englische Freiheit und englische Verfassung trugen. Was Rock an ihm ist, war zu jener Zeit, da die Mode vorschrieb, daß ein gutes Stück Weste unter dew Frack hervorsehen müsse, freilich von unendlicher Kürze, dafür aber fielen die Schöße bis auf die Fersen herab. Kein Wunder daher, daß der Frack seinen Träger größer erscheinen ließ, als er wirklich- war. Auch verlieh er ihm ein ebenso vornehmes als würdevolles Aussehen. Der blaue Frack ist dar Frack des jungen Weither. „Gestiefelt, im blauen Frack mit gelber Weste" fand man ihn nach dem Selbstmord. Im blauen Frack wollte er zur Ruhe gebettet werden; denn er war ihm geheiligt durch Lottes Berührung. In einem solchen Frack suhr der junge Goethe in Weimar ein; einen solchen Frack trug der junge Karl August. Damals schien die gelbe Weste Umsturz zu predigen, und man bekreuzte sich vor dem blauen Frack. Aus jenen guten alten Tagen hat sich folgende merkwürdige Verfügung Kaiser Pauls I. erhalten: „Herr wirklicher Geheimrat und Generalprokurator Fürst Kurakin! Aus dem Uns durch den Generalauditeur Fürsten Schachowsky erstatteten Bericht, betreffend die Angelegenheit des Obersten Schukow vom Apscheronschen Musketier-Regiment, haben wir von der liederlichen Aufführung des Stadtvogtes Pirch aus Brschech im lithauischen Gouvernement Kenntnis erhalten. Derselbe ist, unter Mißachtung aller seiner dienstlichen Verpflichtungen und entgegen Unseren gesetzlichen Verordnungen, öffentlich im Frack und rundem Hut herumgegangen und hat durch diese unanständige Kleidung seine Sittenlosigkeit klar und deutlich bekundet. Da derselbe außerdem noch Staatsdiener in seinem eigenen Haushalt verwendet hat, so haben Wir besagten Stadtvogt Pirch aus dem Dienste gejagt und verordnet, daß er bei der Kirchenparade vor dem Oberst'.: Schukow auf den Knien Abbitte leisten soll. Sie haben diese Unsere Verfügung zur öffentlichen Kenntnis zu bringen mit allen näheren Umständen der liederlichen Aufführung des Stadtvogtes Pirch, damit auch alle übrigen sich nicht unterstehen, sich! einen derartigen Unfug und eine solche Unverschämtheit und Mißachtung ihrer dienstlichen Stellung zu Schulden kommen zu lassen." Daß der Frack zu jener Zeit überhaupt als Zeichen der Freisinnigen galt, erhellt auch daraus, daß bei der im Jahre 1787 stattgefundenen Notabelnversammlung der dritte Stand ausnahmslos im Frack erschien. Zur Zeit der Schreckensherrschaft war auch infolge dessen der Frack als bürgerliches Kleidungsstück gebräuchlich, während er beim Militär durch Ludwig XVI. als Uniform eingeführt ward. Unter dem Direktorium endlich wurde der Frack so sehr Gemeingut aller Stände, daß die Stutzer, um etwas Besonderes zu haben, die lange Redingote trugen. Das Direktorium war aber auch die Zeit der Muskadins, die infolge der damaligen Anglomanie, die an den Snobbismus des Jahrhundertendes erinnert, den farbigen, meist braunen Tuchfrack mit den großen Reversklappen, dem hohen weißen oder (wie in Angot) schwarzen Kollet, in dem das Kinn steckte, und den Zweispitz trugen. Unter dem Empire wurde der Frack das, was er heute ist: eine Galatracht, und blieb dabei auch! ein alltägliches Kleidungsstück. Tie deutschen Offiziere erhielten gegen Ende des Jahrhunderts einen kurzen, Don der Mitte an schön ausgeschweiften weißen Frack, ein Fräckchen sozusagen, die Soldaten aber den gleichfalls in der Farbe der Unschuld prangenden „Urfratf", d. h. den Rock mit den vorne und rückwärts zurückgeknöpften Schößen, ein Kleidungsstück, aus dem sich! bis 1806 so ziemlich- der Frack, wie wir ihn kennen, entwickelt hatte. Da aber das Offiziersfräckchen inzwischen wieder vom Schluß- oder Leibrock verdrängt worden war, erhoben sich auch im Zivilstand zahlreiche Stimmen, die zum erstenmal die Abschaffung des Frackes begehrten. Es fehlte auch! nicht an diesfälligen Thaten, indem man den Frack in Wort und Bild verspottete und dessen Verachtung öffentlich- zur Schau trug, allein das schadete ihm nicht im geringsten. Er blieb modern, nur daß die schon längst Schwalbenschwänze genannten langen Schöße, denen ein Spötter „Strippen" anzunähen riet, damit sie gleich den Hosen an den Stieseln befestigt und vor „Flatterhaftigkeit" bewahrt werden könnten, kürzer und kühner geschwungen, die Kragen aber nicht mehr so hoch gemacht wurden wie anfangs, da sie fast bis zu den Ohren hinauf reichten. Auch die Farben des Frackes wechselten. Im Grunde genommen aber gab es — von den weißen Soldatenfracks abgesehen — nur drei Modefarben: zuerst 608 — die dunkelblaue, dann die kaffeebraune und zuletzt, als der Frack dem Schlußrock wich, die schwarze Farbe. Dieser Frack feierte seinen größten Triumph zur Zeit des Kongresses in Wien. Auf dem bekannten Bilde sieht man Kaiser Franz, den Zar und alle Herrscher in Fracks, während heute bei einer ähnlichen Gelegenheit der goldgestickte Frack der Diplomaten neben dem Glanze der Uniformen verschwinden würde. In den Zwanzigerjahren ist der Frack so sehr bürgerliches Kleidungsstück geworden, daß er im französischen Sprachgebrauch noch heute „Habit", nämlich alltägliches Gewand genannt wird. Und nun stieg er vom bürgerlichen Alltags- zum Galakleid empor. Ueber- all beugte man sich fortan vor dem schwarzen Frack; er war im wahren Sinne des Wortes ein Beherrscher der Welt geworden. Noch einmal tauchte der blaue Frack für kurze Zeit auf, und zwar im Jahre 1848, abermals als Freiheits-Sinnbild. Aber nachdem der Freiheitsrausch verflogen war, segnete er wieder das Zeitliche. Unter dem zweiten Kaiserreich wurde er am Tuillerienhof eine Zeit lang wieder geduldet. Die schöne Spanierin schwärmte für ihn. Blauer Frack mit goldenen Knöpfen, weiße Weste, schwarzseidene 'Kniehosen, Strümpfe und Escarpins galt als Hofkostüm auf ihren Bällen. Die Form glich damals jener aus den Jahren 1815 bis 1817 in der kurzen Taille und in den Schößen. Die Aermel, bis dahin fehr weit und an der Achsel glatt, zeigten wieder gerade das umgekehrte Verhältnis. Es waren die aus dem Anfang der Zwanzigerjahre bekannten „Gigerlärmel" (Hammelkeulenform), an der Schulter faltig weit und nach der Hand spitz zulaufend. Der blaue Frack, von der Kaiserin Eugenie beschirmt, hielt sich bis gegen Mitte der Sechzigerjahre. Er verschwand zugleich mit dem Reifrock, diesem anderen Schützling der schönen Kaiserin. Mehr als zwanzig Jahre blieb er verschollen, dann begann er sich wieder zu rühren. Vor einiger Zeit entstand in Paris und London eine Bewegung gegen das schwarze Full-dreß (Staatskleid). Man trug blaue, grüne, braune, rote Fracks. Es war aber blos ein schüchterner Widerstandsversuch, keine grundstürzende Reform. Der schwarze Frack ist die allgemeine Uniform des Kulturmenschen, der bedeutsame gesellschaftliche Akte vorzunehmen hat. Er ist ebensowohl Berufs- als Feierkleid; er ziert gleicherweise Kellner, Lohndiener, Leichenbitter Neujahrsgratulanten, Bräutigams, Festredner und Stutzer aller Zonen. Er bleibt das äußere Zeichen von etwas Feierlich-Geheimnisvollem; er kann von der Mode wohl äußerlich beeinflußt, aber kaum in seinem Kern vernichtet werden. Auch das neue Jahrhundert wird ihm schwerlich den Garaus machen, dem ebenso beliebten wie verhaßten Schwalbenschwanz. Gemeinnütziges. Die Pflege unseres Alpenveilchens. Wenn dem Gartengehege die letzte Rose entflattert ist und rauher Herbst Staket und Strauch! mit Reif bemalt, dann kommt die Zeit des Alpenveilchens. Es erschließt sich bei ihm Knospe um Knospe, und bald flammt es auf, weiß, rosig und rot in den Wohnungen derer, die das Schöne lieben und die es verstehen, dem Alpenveilchen die richtige Pflege zu bieten. Tausende und Tausende, blütenbeladen, werden jetzt aus den Gewächshäusern in die Zimmer verpflanzt, aber Tausende siechen dort, ohne sich entwickelt zu haben, dahin, weil ihnen die richtige Pflege fehlte. Es wurde nicht genug gegossen, es wurden keine Vorkehrungen gegen den durch die Fensterritzen eindringenden kalten Luftzug geschaffen, es wurde auch nicht bedacht, daß das Alpenveilchen eine mäßige, 10—12 Grad Reaumur hohe Wärme liebt. Wie man Alpenveilchen im Zimmer pflegen und hegen muß, wie 'm cm es aus Samen dort zur Ueppig- keit heranziehen kann, das hat ein begeisterter Liebhaber und inniger Pfleger des Alpenveilchens in Nr. 30 des „Erfurter Führers im Gartenbau" beschrieben. Ta wir die Pflege hier nicht so ausführlich schildern können, verweisen wir chm so lieber auf diesen Artikel, als unseren Lesern diese Nummer kostenfrei zugeschickt wird, wenn sie sich mittelst Postkarte an die „Redaktion des Erfurter Führers" in Erfurt wenden. Litterarifches. Die chinesische Heimtücke ist durchaus nicht so neuen Datums, wie man wohl im allgemeinen anzunehmen geneigt ist. Schon im Anfang des letzten Jahrhunderts hatte der damalige Statthalter von Kanton auf den Kopf eines „fremden Teufels" einen Preis ausgesetzt, was natürlich Anlaß zu einem erbitterten Kriege mit Europa gab. Es ist gerade jetzt hochinteressant, einen geschichtlichen Rückblick über Europas Kriege mit China zu lesen, wie ihn Dr. A. Ernst in dem neuesten. Bande der „Illustrierten Hausdibliothek", aus dem Verlage von SB. Vobach u. Co., Berlin und Leipzig, giebt. Allein dieses Artikels wegen lohnt es sich schon, das elegant gebundene Buch, dessen Preis nur 75 Pfennige ist, zu kaufen. Wir finden beim Durchblättern des 260 Seiten starken Bandes zahlreiche Illustrationen und äußerst interessante Artikel, wie z. B. „Morganatische Ehen", „Ans dem Staatsleben der Tiere" und „Anwendung und Wirkung der Massage". Dann eine Serie „Regimentsgeschichten des deutschen Heeres", beginnend mit dem Kgl. Preußischen 1. Gardercgiment z. F. Die spannenden Romane: „Das Armband der Emigrantin", „Venus als Siegerin", die Novelle „Cupidos Rache", ferner viele Anekdoten und Gedichte sorgen in ausgiebigster Weise für das Lesebedürfnis des Mannes. Der dem Bande vorgeheftete Prospekt kündigt für die nächsten Bände weitere Serien- Artikel, wie: „Ein Rundgang durch die deutschen Hochschulen" und „Tragödien der Weltgeschichte" an. Auch wird auf ein Preisausschreiben, das 207 Preise im Werte von 3120 Mark verspricht und dessen bester Preis ein Herren-Fahrrad, dessen geringster ein Kistchen Wein ist, aufmerksam gemacht. Ein jeder, welcher auf diese Bibliothek abonniert, kann Konkurrent an dem interessanten Preisrätsel werden, dessen nähere Bedingungen in Band 2 veröffentlicht werden. Abonnements (14 Bände im Jahr) nehmen alle Buchhandlungen und Postanstalten entgegen. Der Charakter. Bon Samuel Smiles. Deutsche, autorisierte Ausgabe von Fr. Sieger. Sechste Auflage. Preis 4 Mk. 50 Pfg.„ in Leinwand gebunden 6 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Nicht allen kann geistige Größe beschicken sein, wohl aber sollte jeder nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Charakters streben. Erste und richtigste Schule des Charakters aber ist das Elternhaus, das lebendige Beispiel von Vater und Mutter, das lehrt auf’S eindringlichste der bekannte Moralphilosoph, dessen beherzigenswertes Buch über den Charakter in deutscher Ausgabe nun schon zum sechstenmal bei jung und alt neue Freunde wirbt. Smiles feiert den Segen aller Arbeit, wobei selbst die mechanische Thätigkcit eine ihr oft versagte Würdigung erfährt; er fordert den Mut der eigenen Ueberzeugung, er mahnt zur Selbstbeherrschung und zum Pflichtbcwußtseiu, und spornt zur Wahrhaftigkeit an. Der modernen Streit- und Zweifelsucht, der lähmenden Schwarzseherei wird Fehde angesagt. Gute Bücher, werden als Schutzmittel gegen Verbildung des Gemüts empfohlen; auch das vorliegende Werk hat gerechten Anspruch darauf, besonders der Heranwachsenden Jugend als ein Schatz praktischer Lebensweisheit in die Hände gelegt zuwerden. Schachaufgabe. Von B. G. Laws. (Nachdruck verboten.) a b c d e f g h abcdef g h 8 8 6 6 5 3 Weiß. (9 + 6). Weiß zieht an und setzt mit dem zweiten Zuge matt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Nmwandlungsrätsels in voriger Nummer: Wachs, Mehl, Wind, Nagel, Blei, Eier, Kasten, Rest. Weinlese. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniversttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.