(Nachdruck verboten.) Geächtet. Roman von LotharBrenkendorf. (Fortsetzung.) Langsam ritt sie den einsamen Weg heimwärts, den sie vor zwei Stunden voll freudigsten Lebensmutes zurückgelegt hatte. Am Saume des Waldes hielt ein Reiter, der allem Anschein nach auf sie gewartet hatte; denn sobald er ihrer ansichtig wurde, kam er in rascher Gangart auf sie zu. Mit unmutigem Erstaunen erkannte Elisabeth ihren Vetter Franz von der Röcknitz. „Dem Himmel sei Dank, Elisabeth, daß ich Dich lebend und wohlbehalten vor mir sehe!" rief er schon von weitem. „Ich kann Dir nicht schildern, in welcher Angst ich bereits um Dich gewesen". Keines Menschen Anblick hätte ihr in ihrer gegenwärtigen Stimmung so zuwider sein können, als der 1 einige, und sie bemühte sich durchaus nicht, ihm dies Empfinden zu verbergen. „Was gibt Dir ein Recht, Dich um mich zu ängstigen?" sagte sie scharf. „Ich bin kein Kind, und Du trägst, so viel ich weiß, nicht die geringste Verantwortung für mein Wohlergehen". Wie viel Unfreundliches er auch fchpn von ihr erfahren haben mochte, so schroffe Zurückweisung eines gut gemeinten Wortes war ihm doch kaum jemals zu teil geworden. Und mit dem scharfen Blick tätlich gekränkter Leidenschaft las er in dem Ausdruck ihres Gesichts all den tiefen, durch nichts mehr zu besiegenden Abscheu, den sie gegen ihn empfand. In diesem einen Augenblick wurde es ihm mit grausamer Klarheit offenbar, daß er nichts zu hoffen habe, wenn er auch fahre- und jahrzehntelang fortführe, in sklavischer Demut um ihre Gunst zu werben. Und der Funken des Hasses, der trotz aller Leidenschaft schon seit jener Küstriner Unterredung in ihm glimmte, er loderte jäh zur hellen Flamme empor. Nur die lange Gewöhnung an heuchlerische Unterwürfigkeit machte ihn fähig, seinen Grimm vor ihr zu verbergen. „Du wirst mir nicht verbieten wollen, Elisabeth, was Dn dem geringsten Deiner Knechte gestatten mühtest. Jedermann auf Lasdehnen fürchtet sich- die Umgebung des Md. LVR riirrjyvjtrmKS < <ö»lr-)ern> nuj foie Augen thun, Wenn nichts dir füll mißglücken. Und wenn dir was mißfällt, Lern' eines zuzudrücken. Totendorfes zu betreten. Es geht das Gerücht, daß dort in der Nähe der Grenze viel lichtscheues Gesindel, eine ganze Bande von Wegelagerern ihr Unwesen treibe." „Vielleicht ist jeder dieser Wegelagerer besser als irgend einer von euch ehrlichen Leuten", fuhr Elisabeth, sich vergessend, in leidenschaftlichem Zorne auf, um dann, da sie das eigentümliche, tückische Glitzern in feinem Auge gewahrte, in raschem Bedauern ihrer unklugen Aeußerung hinzuzufügen: „Und das Ganze ist selbstverständlich nur das thörichte Geschwätz von Feiglingen, die am Hellen Tage Gespenster sehen. Ich muß Dich ersuchen, mich damit ebenso zu verschonen wie mit Deiner Fürsorge. Woher wußtest Du denn überhaupt, daß ich hierher geritten war?" „Ich kenne Deine tollkühne Neigung, allein herumzustreifen, und ich war Dir von weitem gefolgt, um im Notfall zu Deinem Schutze bereit zu sein, bis ich Dich hier am Waldesrande aus dem Gesichte verlor." „Du nimmst Dir heraus, mir nachzuspüren, während Du unsere Tagelöhner beaufsichtigen solltest? Laß Dir's denn gesagt sein, daß Du keine andere Pflichten zu erfüllen hast, als die Pflichten Deines Verwalterpostens. Und ich wünsche nicht, Dich noch einmal bei ihrer Vernachlässigung zu treffen." Sie ließ ihrem Braunen die Zügel und sprengte davon, ohne sich weiter um den Zurückbleibenden zu kümmern. Die Lippen des so schimpflich! Gedemütigten bebten, während er ihr nachschaute. Er drückte seinem Pferde die Sporen in die Weichen, daß es vor Schmerz hoch aufsetzte, und stieß zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor: „Das ist unerträglich! Aber meine Stunde wird kommen. Und dann wehe Dir, hochmütiges Weib!" Während des ganzen übrigen Tages blieb Elisabeth allein in ihrem Zimmer, indem sie den beiden Damen von Menzelius gegenüber ein leichtes Unwohlsein vorschützte. Selbst Charlotte erhielt trotz allen Bittens zum ersten Male keinen Einlaß bei der Freundin, und die junge Gutsherrin wurde erst in später Abendstunde wieder sichtbar, als man ihr meldete, daß ein Bauer aus„ dem nächsten Dorfe sie in dringenden Angelegenheiten persönlich zn sprechen wünsche. Der Mann, der sie ehrerbietig begrüßte, war zwar ganz wie ein Bauer gekleidet; aber Elisabeth erkannte in ihm doch auf den ersten Blick den Hnsaren, der sie am Vormittag bei dem Frühstück im Biwak des Major Sixtus bedient hatte. Auch er konnte nicht im Zweifel sein, daß er die schöne Reiterin vor sich habe, doch verriet er sich: weder dnrch ein Wort noch durch eine Miene. Stumm überreichte er den mitgebrachten Brief, ein zusammengefaltetes nnd mit dem Abdruck eines Siegelringes verschlofsenes Stück groben. 478 grauen Papiers, das zur schmerzlichen Enttäuschung der Empfängerin nichts als die Worte enthielt: „Der Ueberbringer ist beauftragt, die versprochene Arznei entgegenzuneymen. Meine armen Kranken sagen der edelmütigen Helferin durch mich ihren Dank. Major S." Ihrer Zusage eingedenk, richtete Elisabeth keine Frage an den Boten. Schweigend händigte sie ihm das schon bereit gehaltene Lhininpäckchen und ein versiegeltes Schreiben ein, das sie erst in der letzten Stunde fertig gebracht, nachdem sie zuvor wenigstens ein Dutzend andere begonnen und wieder zerrissen hatte. Als sie dann aber dem Manne verstohlen auch einige Geldstücke in die Hand drücken wollte, machte er eine entschieden ablehnende Bewegung, verbeugte sich und ging. Vom Fenster aus fah Elisabeth, wie er raschen Schrittes das Haus verließ; aber sie sah auch, daß der Verwalter, der eben über den Hof daherkam, ihn anhielt, offenbar um ihn auszusragen. Da öffnete sie schnell entschlossen den Flügel und rief befehlend hinab: „Kommt sogleich zu mir herauf, Wülfing! — Ich habe Euch -inen eiligen Auftrag zu erteilen." Finsteren Antlitzes leistete Franz ihrem Gebote Folge. Der vermeintliche Bauer aber konnte sich unbehelligt entfernen. Elftes Kapitel. Die Wolken hingen schwer hernieder, und ein feiner Sprühregen netzte Elisabeths Gesicht und Kleider, als sie am folgenden Nachmittag, wieder zu Pferde, den nämlichen Weg einschlug, an dessen Ende ihr gestern eine so beglückende und zugleich schmerzliche Ueberraschung zu teil geworden war. Ausmerksam spähte sie oftmals zurück, um sich zu überzeugen, ob ihr Franz nicht etwa auch' heute von weitem Nachfolge. Aber die schroffe Zurechtweisung hatte ihm doch wohl die Lust benommen, noch länger ihren Hüter zu spielen; denn nirgends vermochten Elisabeths scharfe Augen etwas von ihm zu erspähen. Ihr schönes Antlitz war sehr ernst, und zuweilen konnte sie einen Seufzer erbarmungsvoller Bangigkeit nicht unterdrücken. Nach langem Kämpfen und Zaudern hatte sie sich gestern entschlossen, alle mädchenhafte Scheu beiseite zu setzen und den Major brieflich um eine nochmalige Unterredung zu bitten. Denn in ihrem klugen, energischen Köpfchen war während der einsamen Stunden nach dem schier überwältigenden Wiedersehen mit dem Totgeglaubten ein Plan gereist, der ihm und seinen braven Leuten Befreiung aus ihrer ebenso unwürdigen als gefährlichen Lage bringen sollte, ohne daß Sixtus darum dem geleisteten Schwure hätte untreu werden müssen. Der glückliche Gedanke hatte ihr Herz gestern nut freudigster Genugthuung erfüllt; während der langen schlaflosen Nacht aber waren ihr dann doch wieder allerlei zaghafte Zweifel und Bedenken gekommen, und sie hatten ihre stolzen Hoffnungen allgemach so tief herabgestimmt, daß sie jetzt mit viel mehr Furcht als Zuversicht dem Verlauf der nächsten Stunde entgegensah. Zwar daß der Major zu dem Stelldichein an dem von ihr bezeichneten Orte erscheinen würde, bezweifelte sie nicht. Er war zu ritterlich, einer Dame solche Bitte abzuschlagen, und überdies hatte sie ihm geschrieben, daß sie die Unterredung nicht in seinem, sondern in ihrem eigenen Interesse wünsche. Aber sie fürchtete, daß sein Stolz ihm verbieten könnte, ihren Vorschlag anzunehmen, und während des ganzen Weges sann sie unablässig darüber nach, wie sie dem Plan, der ja allerdings einzig zu seinem Besten ersonnen war, in seinen Augen jeden Anschein von Großmut und Selbstlosigkeit nehmen könne. Die Trümmerstätte des zerstörten Dorfes war ihr Ziel, und fast ohne ihr Zuthun fand der Braune den Weg dorthin. Elisabeth, die sich noch weit von dem Ende ihres Rittes entfernt geglaubt hatte, blickte überrascht empor, da sich plötzlich die weite, öde Lichtung vor ihren Augen auf- that. Sie fühlte ihr Herz in rascheren Schlägen klopfen, als sie zugleich des Mannes ansichtig wurde, dem seit vierundzwanzig Stunden alle ihr Gedanken ausschließlich gegolten hatten. Sixtus hatte sich wartend auf einen halb verkohlten Baumstumpf niedergelassen, und sobald er die Reite-m aus dem Walde hervorkommen sah, stand er auf, um ihr entgegen zu gehen. Mit dem ersten Blick auf sein ernstes Gesicht, dessen charaktervolle Züge von ungebeugtem Stolz und eiserner Kraft des Willens sprachen, schwand all ihre Tapferkeit dahin, und wie vom Winde verweht war die Erinnerung an jene klugen und sein berechneten Redewendungen, mit denen sie ihren Vor- schtag zu einem für ihn unverfänglichen und annehmbaren hatte machen wollen. Schpn die Art, tote sie seine höfliche Begrüßung erwiderte und ihm für sein Erscheinen dankte, mußte ihm ihre Verlegenheit offenbar werden lassen. Und sein Benehmen, das sie noch gemessener und zurückhaltender dünkte als gestern, machte es ihr unsäglich schwer, diese störende Befangenheit zu überwinden. „Vielleicht ziehen Sie es vor, aus dem Sattel zu steigen, mein gnädiges Fräulein", sagte er. „Unter jenen Eichen dort würden Sie besseren Schatz vor dem Regen sinden, und ich habe einen Mann in der Nähe, der Ihr Pferd zugleich mit dem meinigen herumführen kann." Da sie bereitwillig zustimmte, war er ihr beim Absteigen behilflich und zog dann eine kleine, aus Horn gearbeitete Signalpfeife aus der Tasche seines Attilas, um fünfmal rasch nacheinander einen kurzen, eigentümlichen Pfiff vernehmen zu lassen. Ein Husar, der den Gaul des Majors am Zügel hatte, ritt heran, um auch Elisabeths Pferd in Empfang zu nehmen. Sie aber schritt neben Sixtus, der ihr heute seinen Arm nicht reichte, der von ihm bezeichneten Eichengruppe zu, deren schützendes Blätterdach in der That selbst ein Gewitterregen kaum zu durchdringen vermocht hätte. Offenbar erwartete er, daß sie als die Urheberin dieser Zusammenkunft zuerst das Schweigen brechen würde, da sie aber umsonst nach dem rechten Wort für die Einleitung suchte, kam er ihr artig zu Hilfe. „Sie machten mir in Ihrem Briefe Hoffnung, daß ich Ihnen einen Dienst leisten könne, Fräulein von Marschall — ich brauche Ihnen wohl kaum zu sagen, wie stolz und glücklich ich sein würde, Ihr Vertrauen zu rechtfertigen." Nun durfte sie nicht mehr zaudern, mit ihrem Vorschlag herauszutommen, und da ihr durchaus keine von den diplomatischen Wendungen wieder einfallen wollte, die sie sich unterwegs zurecht gelegt, entwickelte sie ihm ohne alle Umschweife, wenn auch etwas unsicher und stockend, ihren für einen weiblichen Geist bewundernswürdig kühnen Plan. Denn nichts Geringeres beabsichtigte sie, als eine Erwerbung der rings um Lasdehnen gelegenen, neuerdings vom Fiskus wieder eingezogenen Staatsdomänen, die insgesamt einen Flächenraum von mehreren Qudrat- meilen umfaßten und sich vor dem Kriege zum Teil in hoher wirtschaftlicher Kultur befunden hatten. Sie zweifelte nicht, daß die brachliegenden, ertraglosen Güter für einen Spottpreis zu haben sein würden, und sie schilderte es dem Major als den vorteilhaftesten Handel von der Welt, wenn sie dem Staate dagegen ihre schlesischen Besitzungen in Tausch gäbe. Denn an eine Erlegung des Kaufpreises in barem Selbe war bei den jetzigen zerütteten Münzverhältnissen nicht zu denken. (Fortsetzung folgt.) Perfim und der Schah. Von Heribert v. Hiller-Sternberg. Nachdruck verboten. Pünktlich tote im Frühjahr die Schwalben, hat sich auch zur diesjährigen Jahrhundertausstellung an der Seine der Schah von Persien, Muzaffer-Eddin, eingestellt. Der Gebieter des Landes, von welchem aus vor mehr als 2000 Jahren die ruhmreiche Dynastie der Achämeniden den Völkern von Vorder- und Mittelasien bis an die Schwelle Europas ihre Gesetze vorschrieb, folgt damit nur der Tradition seines Vorgängers Nasr-Eddin, der, abgesehen von seinem ersten Besuche in Europa im Jahre 1873, jedesmal dem Oeeident seine Visite abstattete, wenn es den Franzosen gefiel, die anderen Völker und ihre Fürsten zum großen Jahrmarkt und Tingeltangel nach ihrer Ville lumiere zu 479 entbieten. Auch diesmal that der Schah unseren gallischen Nachbarn den Gefallen, als Reklamestück für ihre Ausstellung zu dienen, die sich nickt gerade mit einem zahlreichen Besuch wirklicher, waschechter Monarchen wird brüsten können, und auch diesmal wird die Hauptstadt des deutschen Reiches ebenso wie die Kapitalen der meisten anderen europäischen Großstaaten der hohen Ehre teilhaftig werden, den Träger der Diamanten geschmückten Lammfellmütze in ihren Mauern zu sehen. Muzaffer-Eddin wird nun zwar für und durch seine Person nicht das gleiche Aussehen erregen wie sein von fanatischen Sektierern hingemordeter Vater, als er zum Entsetzen einiger höheren und niederen Bedientenfeelen auf den spiegelblanken Parketts des Kaiserschlosses an der Spree die für die Mahlzeit der persischen Majestät bestimmten Hammel höchsteigenhändig von der Last ihres schafsköpfigen Erdendaseins befreite; denn auch im Palaste zu Teheran ist die Uhr der Zeitgeschichte nicht ganz stehen geblieben, wenngleich der Perpendikel derselben dort viel' langsamer schwingt als anderswo; indes das heutige Persien, welches seit Jahrhunderten den Dornröschenschlaf schlummerte und dabei langsam, aber unaufhaltsam von der stolzen Höhe vergangener Jahrtausende herabgeglitten ist, steht heute im Mittelpunkte des politischen Tagesinteresses. Es ist der Puffer geworden zwischen jenen beiden Staatskolossen, die so oft mit Bär und Walfisch verglichen werden und welche endlich einmal doch auf dem Festlande und zwar gerade auf den Hochebenen Irans zum entscheidenen Ringen um die Herrschaft über Asien aneinandergeraten werden. Genügt schon dies allein, das allgemeine Interesse auf den orientalischen Herrscher, der jetzt zum ersten Male in Europa weilt, und auf sein Land hinzulenken, so kommt für uns Deutsche noch ein zweites Moment hinzu, daß gerade Deutschland an der Entwickelung der Dinge in Persien ein besonders lebhaftes Interesse hat, seitdem der Deutsche Bahnbau von Konstantinopel nach dem persischen Meerbusen einer für uns hoffentlich sehr ersprießlichen Entwickelung des deutschen Handels nach jenen fernen Ländern die Wege zu öffnen, berufen zu sein scheint. Als Nasr-Eddin am 1. Mai 1896 sein Leben durch den meuchelmörderischen Pistolenschuß eines Mitgliedes der nihilistischen Babis aushauchte, bestieg von seinen sechs Söhnen der am 25. März 1853 geborene Muzaffer-Eddin den Thron als ein Mann, der zwar durchaus nicht mehr jung an Jahren, aber so weltunkundig und autoritätlos war, daß man allgemein die Ansicht hegte, er werde seinen Thron in blutigem Kampfe gegen eine große Anzahl Prätendenten verteidigen müssen, wie es in der Geschichte Persiens schon oft der Fall gewesen war. Zum großen Erstaunen aller politischen Propheten erfolgte nichts dergleichen. Die Geistlichkeit schlug sich auf seine Seite; damit war der Thron nach Innen gesichert, und die orientalische Verwaltungsmaschine ging ihren altgewohnten jämmerlichen Gang weiter. Um so schlimmer aber sah es auf dem Gebiete der auswärtigen Politik aus; Muzaffer hatte als Prinz wiederholt um die Erlaubnis zu einer europäischen Reise nachgesucht, dieselbe jedoch von seinem mißtrauischen Vater, der davon unbequeme moderne Regungen in seiner Umgebung und Verwandtschaft befürchtete, nicht erhalten können. So führte er denn bis zu dem Augenblick, wo ihn der jähe Tod seines Vaters auf den Thron sdes „Königs der Könige" rief, ein thatenloses Prinzendasein in Täbris, der zweiten Residenz des Landes, wo man ihn geflissentlich von allen Regierungsgeschäften fern hielt, und wo er von europäischen Dingen nur das aus Büchern zu schöpfende und das wenige thatsächliche kennen lernte, was die zumeist österreichischen Instruktoren in den letzten 20 Jahren auf den Gebieten der Verkehrsanstalten (Posten, Telegraphen) und des Militärwesens geschaffen hatten. Die Prinzipien, nach denen Muzaffer-Eddin das „Reiche der Sonne" regiert, sind daher die des ausgesprochensten orientalischen Despotismus, und in diesem Sinne handelte der neue Schah auch- als er bald nach seinem Regierungs- -antritt die Ratgeber seines Vaters, die sich mit Staatsgeldern doch schon einigermaßen die Taschen gefüllt hatten, entließ und sich mit neuen Leuten, seinen Günstlingen aus der Zeit in Täbris umgab, die natürlich die Gelegenheit, sich auf allgemeine Unkosten zu bereichern, mit Begier ergriffen. Von einem anderen Teile der Beamtenposten das letztere ohnehin Regel, weil sie alljährlich neubesetzt werden und in diesem Lande, wo das Geschick eines jeden höchst unsicher ist, die kurze Spanne eines Jahres, während dessen man für die Zukunft der Familie sorgen kann, gründlich ausgenutzt werden muß. Im Innern hat sich also unter dem neuen Regiments nichts zum Besten gewandt, und der Schah wird von einem Heer von Parasiten nach wie vor in der gröbsten Weise bestohlen. Hinsichtlich der äußeren Politik aber ist Muzaffer-Eddin anscheinend zu der Ansicht gekommen, die er mit manchem anderen asiatischen Herrscher teilt, daß es im Hinblick auf den unvermeidlichen Zukunftskampf zwischen England und Rußland, der schließlich doch mit dem Siege des letzteren enden muß, klüger ist, zum weißen Zaren zu halten, unter dessen Herrschaft das Perserreich, langsam, aber ebenso sicher hinabgleitet, wie die Chanate von Chiwa, Khokand und Buchara, von denen letzteres dank der freiwilligen Parteinahme für Rußland doch wenigstens einen Schein von Unabhängigkeit gerettet hat. Auf diese Weise wird Persien allgemach eine russische Satrapie und im Interesse der allgemeinen Zivilisation kann man sich bei dem unleugbaren kolonialen Geschick Rußlands in asiatischen Angelegenheiten mit dieser Aussicht abfinden; denn die Interessen der Eingeborenen wie der dort handeltreibenden Europäer werden dabei besser gewahrt fein, als wenn das beutegierige England seine anerkannte Kunst betätigt, auch dieses Land wie so viele andere erbarmungslos auszupressen und sodann wie Indien der Hungersnot zu überlassen. Der europäische Reisende, welcher von Süden oder Südwesten nach Teheran kommt, empfängt den Eindruck eines prächtigen Landschaftsbildes. Weit ausgebreitet auf der Hochebene, auf der es im Winter ebenso unerträglich kalt wie im Sommer heiß ist, liegt die Stadt, welche erst seit 120 Jahren Residenz ist und mit einer Raumverschwendung gebaut ist, als ob es gälte, statt der thatsächliche vorhandenen 200 000 Einwohner deren eine Million, zu beherbergen. Hinter dem grauen Häusermeer aber erhebt sich der Gebirgswall des Elburz, dessen etwa 4000 Meter hohe Kämme von dem stolzen, in ewigem Schnee gehüllten Demawend überragt werden. Beim Näherkommen ist man aber doch arg enttäuscht; denn Teheran leidet unter einem bemerkenswerten Mangel an monumentalen öffentlichen Gebäuden; keine Moscheen mit hochragenden Wölbungen und schlanken Minarets zieren das Stadtbild, und auch die Industrie verkriecht sich in die Winkel der Häuser. Um das ganze aber zieht sich ein nur teilweise mit Mauerung versehener Lehmwall mit davorliegendem tiefen Graben, die Karrikatur einer Befestigung, in welcher die Eingeborenen nichtsdestoweniger eine Garantie für die Uneinnehm- barkeit ihrer Stadt erblicken. So unansehnlich und schmutzig die Häuser von außen sich, präsentieren, so behaglich ist deren Anblick von innen. Jeder etwas Wohlhabendere mag in dem mit einem Säulengange geschmückten Hofe Springbrunnen und Wasserbecken nicht entbehren, und selbst die Armen schmücken ihre Höfe mit Ziersträuchern und Blumenanlagen und schaffen sich lauschige Ruheplätzchen, wo sie, geschützt vor dem Straßenlärm die Stunden der Erholung verbringen. Hervorragende Baulichkeiten sind dagegen die einen ganzen Stadtteil einnehmenden Bazare, in deren prächtigen, stolzen und reich ornamentierten Hallen der Europäer auch immer noch um ein erträgliches • Geld wirklich schöne Dinge, namentlich Waffen, Seidenstoffe und Teppiche, kaufen kann, wenn er Geduld hat, mit dem Händler halbstundenlang auf das hartnäckigste zu feilschen. Die Paläste des Schahs liegen in der Citadelle in großen schattigen Parks, zwischen deren Bäumen sich Harems und Kioske verbergen. Sie sind in ihrem Aeußeren stark vernachlässigt und entsprechen auch im Innern nicht überall den hochgespannten Erwartungen. In einzelnen Teilen freilich entfaltet sich die orientalische Pracht in ihrer ganzen berückenden Schönheit und dieses gilt namentlich von dem großen Spiegelsaal im Hauptschlosse, welcher an Glanz innerhalb der Grenzen der mohamedanischen Welt kaum irgendwo übertroffen werden dürfte. Um die Citadelle und in den beiden großen Boulevards, welche nach h-m Europäerviertel „Schemiran" führen, giebt es sogar traßenlaternen und auch eine etwa 12 Kilometer lange Bahn ist vorhanden, welche nach einem berühmten Wallfahrtsorte führt. Alles in allem ist Teheran immerhin noch bedeutend ansehnlicher als die anderen, fast in Trümmern liegenden größeren Städte Persiens, und mit Wehmut erfüllt es das Herz des europäischen Reisenden, wenn er sieht, welche Herrlichkeiten hier in den früheren Kriegen mit bestialischer Wut vernichtet wurden. Namentlich gilt dies von Isfahan, das bis 1722 die Hauptstadt war, aber in genannten Jahren von den Afghanen eingenommen wurde, welche dreiviertel der Bevölkerung in der grausamsten Weise hinmordeten. Wir können hier die treffenden Worte eines der besten Orientkenner, unseres Landsmanns Brugsch anführen, welcher sich folgendermaßen äußert: „Auch Isfahan, das vielgeprüfte, bietet dem Kommenden das Bild der Zerstörung dar. Statt der erwarteten Herrlichkeiten tritt dem Ange eine menschenleere Einöde entgegen, auf der zerfallene und versunkene Häuser, Paläste und Moscheen nur noch durch die Lage ihrer Trümmer die ehemalige Abgrenzung der Straßen der alten Königsstadt angeben. Die Spitzwölbungen der alten Stadtthore hängen und schweben zwischen den zerfressenen Steinmauern, die glasierten Ziegel sind größtenteils verschwunden, wie denn auch die wenigen noch erhaltenen Stücke nur sprechende Zeugen der barbarischen Vernichtung sind, der die Stadt während ihrer wechselvollen Schicksale preisgegeben war." Gegen das Zentrum zu ändert sich das Bild. „Inmitten der Stadt zeigen sich schon aus der Herne jene paradiesischen Königsgärten, die mit ihren wundervollen Bauten für sich allein eine Reise nach Isfahan in vollem Maße verdienen. Ein herrliches Portal bildet den Haupteingang zu dem Quartier der Königsstadt. Wunderschöne Ornamente und Arabesken flimmern auf dem azurblauen Hintergrund der glasierten Ziegel. Besonders ein Lustschloß aus der Zeit der Jafiden ist ein Juwel der Baukunst. Es heißt das „Nachtigallenschloß des Paradieses" und bietet dem erstaunten Blick eine fortwährende Augenweide. Mosaiken von unerhörter Pracht, Wasserbecken mit Springbrunnen aus edlem Jaspis, vergoldete Geländer, Fensterrahmen aus Silber mit Scheiben aus buntfarbigem Glase und dazu Malereien, zu denen eine glühende Phantasie ihre Vorbilder aus dem intimen Haremsleben der Länder von „Tausend und eine Nacht" geschöpft hat, das ist das berückende Kaleidoskop, dessen wechselvolle Bilder sich, hier vor dem erstaunten Auge abrollen." Draußen auf dem Lande aber stehen die kläglichen Lehmhütten an Straßen, die diesen Namen nicht verdienen und nichts anderes sind, als ausgetretene Pfade und aus- gesahrene Geleise. Daß in einem Lande, wo stellenweise ein volles halbes Jahr kein Tropfen Regen fällt, weite Bezirke völlige Wüsten sind, ist begreiflich. Immerhin könnte Persien, welches jetzt etwa 9 Millionen Einwohner zählt, gut die dreifache Anzahl Menschen ernähren, wenn man sich, die Mühe gäbe, alles zu bewässern, was dessen fähig ist. Wer aber sein Geld aus Meliorationen aufwendet, lenkt, sobald er die Früchte seines Fleißes zu ernten beginnt, dadurch die Aufmerksamkeit des nichtsnutzigen, räuberischen Beamtentums auf sich, welches schon irgend einen Grund findet, ihn bis aufs Hemd auszuplündern. Jeder der etwas besitzt, beeilt sich daher auch, sein Eigentum in leichtzuverbergenden Kostbarkeiten anzulegen, und der Schah macht es ganz ebenso, wenn er, dem Beispiel seiner Vorgänger folgend, Schätze aufstapelt, wie sie in dieser Reichhaltigkeit kein europäischer Souverän besitzt. Handel und Industrie liegen dabei natürlich darnieder, und die gebildeten Perser sehen längst selber ein, daß eine Wendung zum Besseren nur von außen kommen kann. Erläßt die Regierung wirklich einmal eine Verordnung, die auf Reformen abzielt, so wird sie von den unteren Organen ganz sicher nicht ausgesührt, und selbst ein reformatorisches Genie auf diesem Throne müßte mit seinen wohlwollendsten Bemühungen wegen des Mangels an zuverlässigen Exekutivorganen scheitern, während Rußland auf dem Wege der friedlichen Eroberung einen Schritt nach dem anderen vorwärts thut. Eines Tages wird der Schah, wenn ihm Gott so lange das Leben schenkt, als mediatisierter Fürst erwachen: über dem Lande der Sonne aber wird eine neue Sonne des Fortschrittes aufgehen, welche in diesem wie in vielen anderen orientalischen Ländern, die heute mit Unrecht als wertlos angesehen werden, reichliche Früchte zeitigen wird. GEeiMMNtzßgSG. Ield und Karten. Schwermit Früchten beladene Ob st bäume stützen! In vielen Teilen Deutschlands giebt es in diesem Jahre eine ausgezeichnete Obsternte. Da richtet der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau in seiner eben ausgegebenen Nummer die Mahnung an alle Obstzüchter, ihre Obstbäume rechtzeitig zu stützen, damit die Aeste nicht hernnterbrechen! Solcher Stützen giebt es mehrere Arten. Die bequemsten und richtigsten Stützen! bleiben immer die Gabelstützen, die unter die herabhängerv- den Aeste geschoben werden. Stangen aber mit natürlicher sicherer Endgabel sind besonders in größeren Mengen schwer zu bekommen. Zum Ersatz empfiehlt sich für junge Bäume eine derbe hohe Stange, an die die haltbedürftigsten Aeste angebunden werden. Ein weiteres praktisches Stützverfahren besteht in zwei Stangen, die neben die Bäume in angemessener Entfernung in die Erde geschlagen werden, über die dann eine dritte Stange wagerecht genagelt wird. Aus den so entstehenden Galgen werden die Aeste gelegt. Bei höheren Aesten empfiehlt es sich, ein oben mit Filz gepolstertes Brettchpn auf eine Stange zu nageln und unter den Ast zu schrieben. Auch können hohe Stangen in den Boden geschlagen werden, an die die zu stützenden Aeste mit Kokosfasern angebunden werden. Besonderen Wert bekommen die Mahnungen des praktischen Ratgebers dadurch, daß die einzelnen Arten, Bäume zu stützen, klar abgebildet sind, was das Verständnis sehr erleichtert. Die betreffende Nummer wird Obstfreunden gern umsonst zugeschickt von dem Gefchpftsamt in Frankfurt a. O. Humoristisches. Aus der Schule. Lehrer: „Was ist Ei für ein Wort?" — Schüler: „Ein Hauptwort!" — Leh-rer: „Welches Geschlecht?" — Schüler: „Dös woas mer no net, bis es auskrochen is!" • Littermrisches. Mehke, Nina, Ahasver und andere Novellen, Preis geh. Mk. 3,—, geb. Mk. 4,—, Berlin, Alfred Schall, Königl. Hofbuch- handlung, Verein der Bücherfreunde. Was der Verein der Bücherfreunde auf den Markt bringt, darf man unbesehen nehmen: es besteht vor jeder Kritik. Drei der gedachten Erzählungen Ahasver, Tempi passati, Ikaros, spielen in russ. Polen und Rußland, verlaufen darum auch verhängnisvoll; ihre Helden werden sämtlich vom Geschick ereilt. Die vierte, des Glückes Glockenton, behandelt sinnig die Entstehung der Sage von der versnnkenen Glocke. Alle vier sind wahre Kabinettstücke packender Schilderung; sie halten den Leser in Atem bis zum letzen Augenblicke. Schade, daß sie so wehmütig ausklingen. — dt. Citatenrätsel. Nachdruck verboten. Ans jedem der folgenden Citate ist ein Wort zu nehmen, sodaß sich ein neues Citat ergiebt. 1. Alles freut sich und hoffet, Wenn der Frühling sich erneut. 2. Das Glück ist falsch, unsicher der Erfolg. 3. Ich gebe nichts verloren, als die Toten. 4. Wer nur den lieben Gott läßt walten . . . 5. Das ist das Unglück der Könige, daß sie die Wahrheit nie hören wollen. 6. Was ist das Leben, wenn die Ehre fehlt! 7. Wird man wo gut ausgenommen, Muß mau nicht gleich wiederkommen. Auflösung in nächster Nummer. Avflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Schöne Worte machen das Kraut nicht fett. »edaktio-r: $. Bnrkbardt. — Druck und Verlag der Brühk'schen Untdersttätr-Vuch- und Stetndruckerei (Pietsch Erden) in Wteiex.