Donnerstag den 25. Januar 1900. 88H Pho.oar- aut a ]•_! «liö »WUMM yu».wujiiuuij ohl dir, wenn, eh' dein Tag verflossen Der Trost dich schützt: Du hast dein Leben voll genossen Und voll genützt. Frida Schanz. Nachdruck verboten. Heimatlos. Roman von R. P. Roe. (Fortsetzung.) ! XXL Die Menschlichkeit in Newyork. Frau Howell befand sich in tiefer Niedergeschlagenheit während der Abwesenheit ihres Mannes, umsomehr, als sie Tag um Tag vergebens auf Briefe von ihm wartete. Ihr kleiner Geldvorrat schmolz rasch zusammen u,td sie sahen bald ein, daß sie nichts weiter verkaufen durften, um nicht von der Not überrascht zu werden. Wenn der Water im Süden krank werden sollte, so mußten sie im staqde sein, ihm Hilfe zu senden. Deshalb sah sich Mildred mit äußerstem Widerstreben genötigt, an die Notwendigkeit zu denken, ihr Studium aufzugeben, um einen schnelleren Geldverdienst zu finden. Sie hatte schon beschlossen, ihrer Freundin Miß Wetheridge von ihrer Sorge Mitteilung zu machen, als sie einen kurzen Brief von ihr erhielt, der alle ihre Hoffnungen auf Hilfe von dieser Seite vernichtete. Mein Bräutigam, schrieb Miß Wetheridge, ist seit Jahren von schwacher Gesundheit und wurde vor einigen Tagen von einem Blutsturz befallen. Die Aerzte rieten ihm, sofort nach dem Süden zu reisen. Deshalb ließen wir uns zufolge unseres gemeinsamen Wunsches in Gegenwart weniger Verwandter trauen, und zu der Zeit, wo Sie diese Zeilen erhalten, sind wir auf dem Wege nach! dem Süden. Mein Herz ist voll Angst, und ich bete täglich zu Gott, das Leben des mir Teuren zu erhalten. Gern hätte ich Sie vor der Abreise besucht, aber es ist unmöglich, ich muß alles plötzlich stehen und liegen lassen. Schreiben Sie mir öfter. Somit blieb Mildred nichts übrig, als ebenso wie viele andere schweigend an die Arbeit zu gehen, um ihr Lrot zu verdienen. Eines Abends erfuhr sie von Bella, daß in einem großen Laden auf der sechsten Avenue Stellen offen seien, und früh am nächsten Morgen befand sich Mildred unter einer Menge von Stellensuchenden. Ihre Erscheinung sprach so sehr zu ihren Gunsten, daß sie sogleich mit einem Gehalt von sechs Dollars die Woche angestellt wurde. Nur die unmittelbare Not hatte sie zu diesem Schritt veranlassen können, denn sie bezweifelte mit Recht ihre Fähigkeit, das beständige Stehen auszuhalten. Der Laden war voll von Mädchen, welche ebenso schmächtig aussahen, wie sie selbst. Ihre Mutter weinte bitterlich, aber Mildred sagte entschlossen, wenn auch mrt einigen Thränen: Ich bin nicht besser, als hundert andere, und wenn sie aushalten können, so kann und will ich es auch. Der erste Tag war ihr uuvergehlich. Der Helle Sonnenschein brachte eine Menge von Käufern, und bald war die Luft in dem Laden heiß und drückend. Sie war genötigt in diesem engen Raume zu stehen neben anderen Mädchen welche ihr fremd und zu beschäftigt waren, um ihrer Unerfahrenheit zu Hilfe zu kommen. Sie machte Versehen, welche Verweise hervorriefen, sie wurde verwirrt und schwach, und als der Mittag kam, war sie nicht im stände, ihr Frühstück zu verzehren. Wenn sie nur eine Tasse Kaffee gehabt hätte, so würde'sie ben TagAeicht überstanden haben, aber die Geschäftsinhaber waren zu sparsam, an einen solchen Luxus zu denken, und es blieb ihr auch nur kurze Zeit, um auszuruhen. Nachmittags wurde der Zulauf der Käufer noch stärker, als am Morgen, und unter den sich kreuzenden Fragen und Aufträgen geriet sie ganz und gar in Verwirrung. Plötzlich wurde es duukel vor ihren Augen, das geräuschvolle Gedränge verstummte, und sie sank nieder, sie hatte nicht Raum genug, um zu fallen. Als sie wieder erwachte, fand sie, daß sie in das Ankleidezimmer gebracht worden war. Ein Mädchen kniete neben ihr, einer der Geschäftsinhaber blickte herein und fragte kurz: Wie geht es? Mit dem Instinkt der Selbsterhaltung erhob sich Mildred. Es geht besser, sagte sie. Es war nur ein bischen fremd und die Luft war schwül. Aber ich bitte, entlassen sie mich nicht. O, unbesorgt, erwiderte der Mann gutmütig. Das ist nichts neues, daß ein Mädchen am ersten Tage in Ohnmacht fällt. Sie werden sich schon daran gewöhnen, wie die anderen auch. Können Sie nicht nach Hause gehen, oder soll ich Ihnen eine Droschke holen lassen? Nein, bitte, keine Droschke! Mama würde furchtbar erfchreckeu und würde mir nicht mehr erlauben, ins Geschäft zu kommen. Aber ich muß kommen, denn wir brauchen jeden Pfennig, den ich verdienen kann. Nun, das ist vernünftig, und so ersparen Sie auch das Fahrgeld. Sie sind ein hübsches, kluges Mädchen, und ich werde Ihnen eine Stelle bei den Spitzen geben, nahe bei der Thüre, wo die Lust besser und die Arbeit leichter ist. Ihr hübsches Gesicht werde dort nützlich sein, dachte er. _ .,, . Sie sind sehr gütig, und ich kann Ihnen Nicht sagen, wie sehr ich dafür dankbar bin. Gut, gut, es wird schon besser gehen, sagte der Ge- 46 schäftsmann. Er war so vernünftig, ihr eine Tasse Kaffee zu senden. Vielleicht war das Gutmütigkeit oder Rücksicht auf den Geschäftsvorteil, — wahrscheinlich aber ein Mischling von beiden Gefühlen. Als Mildred nach Hause kam, war es ihre erste Sorge, ihrer betrübten Mutter die Wahrheit zu verbergen. Milli, rief die Mutter, Du siehst bleich und erschöpft aus, wie ist es Dir gegangen? Du wirst es kaum glauben, erwiderte Mildred, ich bin bereits zu der Spitzenabteilung befördert worden, nahe bei der Thüre, wo die Luft frischer ist. Wenn die Waren so schlecht wären, wie die Lust im Laden, so würden wenig Käufer kommen. Beinahe hätte Bella Mildreds Bemühung, die Mutter zu beruhigen, vereitelt. Nach Schluß des Geschäfts war sie nach dem Laden gegangen, top sie Mildred zu finden hoffte, und als sie erfuhr, daß Mildred in Ohnmacht gefallen und nach Hause gegangen sei, eilte sie fort und stürmte in das Zimmer. Milli! Milli! rief sie. Mildred aber machte ihr schnell ein Zeichen, welches Bella sofort verstand. Was giebts, Bella? fragte Frau Howell ängstlich. Ich muß wissen, wie Mildred den ersten Tag zugebracht hat! Bei uns war ein toller Zulauf und ich bin halb tot! Aber nun sind wir hier, Mama, bereit, ein gutes Glas Thee zu trinken. Am anderen Morgen war Mildred zu krank, um aufzustehen, aber sie ließ durch Bella sagen, sie werde jedenfalls am folgenden Tage kommen. Der folgende Tag war zum Glück so stürmisch, daß wenig Käufer kamen. Mildred hatte Zeit, ihre Pflichten kennen zu lernen und zuweilen etwas auszuruhen; denn weil sie krank gewesen und noch Anfängerin war, erlaubte man ihr, zuweilen zu sitzen. Ihr Aeußeres war so anziehend, daß die Geschäftsinhaber sich bemühten, ihr den rauhen Pfad einer Anfängerin etwas zu ebnen. So folgten sich die mühevollen, langen Tage, und nach und nach lernte sie zu stehen, wie die anderen. Es ist eine bekannte Thatsache, daß manche Menschen alle Folterqualen der Inquisition überdauert haben, aber es wäre interessant, zu wissen, ob die Jnquisitionsrichter schlau genug gewesen sind, um zarte, weibliche Wesen zu nötigen, den ganzen Tag über und zuweilen auch einen Teil der Nacht zu stehen. So schleppten sich die langen Tage hin. Als ein besonders geschäftsreicher Tag sich seinem Ende näherte, war eine Dame in Begleitung ihres Mannes beschäftigt, Weih- nachtseinkäufe zu machen. Sie hatte schon viel gekauft, und der Geschäftsführer begleitete sie mit unerschöpflichen Höflichkeiten durch den Laden. Plötzlich siel es der Dame ein, Spitzen anzusehen, und sie näherte sich Mildred, welche sich in einem Augenblick der Muße an die Wand gelehnt und in unbeschreiblicher Müdigkeit die Augen geschlossen hatte. Wollen Sie dieses junge Frauenzimmer aufwecken? sagte die Dame etwas scharf. Dies that der Geschäftsführer auf eine Weise, welche Mildred das Blut ins Gesicht trieb. Die Käuferin setzte sich auf den Plüschsessel vor dem Ladentisch und hatte sich bald in die Betrachtung der Waren vertieft, "während ihr Mann hinter ihr stand und Seitenblicke nach der hübschen Verkäuferin warf. Himmel, wie hübsch sie ist! sagte er innerlich, nur ein bischen zu bleich! Wahrscheinlich ist sie in letzter Nacht auf einem Ball gewesen. Sie bemerkt nicht einmal, daß ein Herr sie bewundert, wahrscheinlich hat sie bis zum Morgen getanzt, — wenn nichts schlimmeres. Was diese Mädchen für ein Leben führen! Wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was man sich erzählt: Aber diese da möchte ich frisch und hübsch gekleidet sehen, sie würde in jedem Salon Aufsehen machen, wenn sie so vernünftig wäre, den Mund zu halten, um ihre Unwissenheit und ihren Mangel an Erziehung nicht merken zu lassen. Endlich wurde er ungeduldig.' Nun komme doch, sagte er z-ui seiner Frau, komme, Du hast genug gekauft, um mich zu ruinieren, es ist Zeit, zu speisen. Die Dame erhob sich widerstrebend und bemerkte, sie werde wahrscheinlich wiederkommen. Dann verließen sie den Laden. Sie müssen flinker sein, sagte der Geschäftsführer herrisch zu Mildred. Diese Leute gehören zu den reichsten der Stadt. Kaum war jener Herr auf die Straße getreten, als seine Entrüstung erregt wurde durch einen Fuhrmann, der seinen Wagen überladen hatte, und sein Pferd mit Geschrei und Peitschenhieben antrieb. Bald sammelte sich eine Gruppe Menschen, welche für das Pferd Partei nahmen; unter ihnen war auch jener Herr, der das bleiche Ladenmädchen bewundert hatte, welches an diesem einen Tage mehr durchgemacht hatte, als das Pferd in seinem ganzen Leben. Der würdige Bürger sandte seine Frau in ihrem Wagen nach Hause, und erklärte in gerechter Entrüstung, er wolle nicht früher essen oder schlafen, bis der brutale Mensch arretiert sei. Und er hielt sein Wort. Viel später befand sich das gequälte weibliche Wesen, von dem er so übel dachte, und dem er höchstens eine cynische Bewunderung gewidmet hatte, auf dem Wege nach Hause, mit schwankenden Schritten und schwer beladenem Herzen. XXII. Trügerische Hoffnungen. Wenigstens einmal in der Woche führte Robert Bella abends nach irgend einem Erholungsort. Das Gefühl, von den Freuden der Jugend ausgeschlossen zu sein, arbeitete nicht mehr wie ein böses Gift in ihrem Inneren. Die Unterdrückten und die Unglücklichen sind zehnfach mehr der Versuchung ausgesetzt, als diejenigen, welche fühlen, daß sie ihren bescheidenen Anteil an den Freuden des Lebens haben, und so war auch Bella, ehe Robert kam, sehr unzufrieden mit ihrem Schicksal gewesen. Nur wenige wissen den heilsamen Einfluß einiger Erholungsstunden in einem überlasteten Leben zu schätzen. Für Mildred aber wurden die Tage immer dunkler und dorniger. Die schöne Mildred, welche das feinste Haus in der Stadt zieren würde, sagte Bella oft, paßt für dieses Leben wie eine Gazelle, die man als Karrengaul anspannen wollte. Nicht die Arbeit ist das schlimmste, sondern die Brutalität, welche mehr Grausamkeit gegen die Mädchen zuläßt, als jemals gegen schwarze Sklaven! Wenn ich ein Dutzend von diesen Menschen skalpieren könnte, so würde ich heute besser schlafen. Oft renne ich wütend durch die Straßen, wenn ich an Miß Mildred denke, erwiderte Robert, aber sprechen Sie mit ihr nie von mir, denn nur, wenn ich mich fern halte, kann sie mich überhaupt dulden. Wie kann sie nur immer an diesen Schwächling, Arnold Vinton, denken? bemerkte Bella. Seit dem letzten Sommer hat er kein Wort von sich hören lassen. Wie kann man nach einem solchen Schattenriß eines Menschen schmachten? Wenn er sich nur in die frische Luft verflüchtigen mochte, so würde sie ihn aufgeben! Vielleicht hat er sich schon verflüchtigt! Nein, er ist in Europa, schon seit er das Hotel in Forestville verlassen hat. Ich habe das neulich erfahren. Er lebt in Luxus und Müßiggang, während das Mädchen, das ihn liebt, um sein Brot arbeiten muß. Wie haben Sie das erfahren? fragte Bella rasch. Auf ganz unbefangene Weise. Ich glaubte, es würde Sie interessieren, und Sie können es ihr auch sagen, aber lassen Sie sich nicht merken, woher Sie das wissen. Wer hat Dir das gesagt? fragte Mildred rasch, als ihr Bella diesen Abend erzählte, was sie erfahren hatte. Das ist gleichgiltig, wie ich das erfahren habe, erwiderte Bella etwas störrisch, aber es ist wahr. Er würde keinen Finger rühren, um Dich vom Hungertod zu retten. Du thust ihm Unrecht! rief Mildred leidenschaftlich. Sprich nicht wieder so von ihm! Ich weiß, wer Dir das gesagt hat. Es war Robert Atword. Aber ich wünschte, er würde sich nicht um mich und meine Angelegenheiten kümmern. Es ist höchst einfältig, sich in solcher Weise einzumischen. Er hat sich nicht eingemischt, erwiderte Bella entrüstet. Er dachte, es würde Dich interessieren, die Wahrheit zu erfahren. Auf der Straße hast Du immer nach Arnold gesehen, aber jetzt kannst Du ruhig sein, er ist nicht krank oder tot, er ist ganz gesund und vergnügt, und lebt alle Tage in Luxus. Solch einen Mann muß ich verabscheuen! Mildreds Nervensystem wurde durch Bellas Worte erschüttert, und sie brach in bittere Thränen aus. Bella 47 suchte sie zu beruhigen, und weinte zuletzt fast ebenso heftig, als Mildred selbst, wodurch Mildreds Groll auf Bella ganz entwaffnet wurde. Mit ihrer seltenen Treue war sie eines grollenden Gedankens über Arnold Binton nicht fähig. Er konnte von Europa geschrieben haben, und der Brief verloren gegangen sein. Es war besser so, denn wenn er diese ganze Zeit in Newyork gewesen wäre, und sich keine Mühe gegeben hätte, sie aufzusuchen, so hätte das wirklich herzlos scheinen können. An Robert aber dachte sie nur mit Groll. Er liest meine Gedanken, er hat mich beobachtet, und hält sich wahrscheinlich für sehr rücksichtsvoll, weil er sich im Hintergrund hält. Aber ich kann mich nach keiner Richtung wenden, ohne seinen Schatten zu sehen, oder zu bemerken, daß er wartet und wacht. Während dieser Zeit bemühte sich Howell vergebens, im Süden eine Stellung zu finden. Der Süden war verarmt und hatte sich noch nicht wieder erholt. Einige Leute ließen sich von Howells exaltiertem Wesen anfangs hinreißen, bald aber sahen sie, wie unzuverlässig er war. Der größere Teil seiner Freunde hatte sich zerstreut, bald wurde auch bekannt, wie er sich auf dem Schiff benommen hatte, und man zog richtige Schlüsse auf seinen wirklichen Zustand daraus. Ein halb mitleidiges, halb verachtendes Benehmen der Leute, mit denen er in Berührung kam, machte ihm schließlich klar, daß alle ferneren Bemühungen durchaus nutzlos seien. Indessen hatte er noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, sich von seinem Laster loszureißen, Deshalb beschloß er, zurückzukehren und ohne Wissen seiner Familie seinen alten Arzt zu befragen, der ihn ohne seine Absicht in diese schreckliche Lage gebracht hatte. Dies erschien ihm als die letzte Hoffnung. Fortsetzung folgt. Die Kulturfortschritte des letzten Jahrtausends. (900—1900.) Eine Säkularbetrachtung von Friedrich Thieme. ------- (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Erst das 15. Jahrhundert lieferte neben der geistigen Entwicklung jenes gewaltige Kommunikationsmittel, welches bestimmt war, die Idee und den Fortschritt über die ganze Erde zu tragen: die Buchdruckerkunst, eine Erfindung, welche derjenigen der Buchstabenschrift würdig an die Seite gestellt werden kann. Die Entdeckung Amerikas (1492) und des Seewegs nach Ostindien (1498) erweiterte nicht nur den Gesichtskreis der Menschheit, sondern bahnte auch für Handel und Industrie neue Epochen an; wenn sich auch leider zunächst der Schwerpunkt des Handels verschob und an die Stelle der versinkenden Hansa die günstiger wohnenden Nationen, die Engländer, Niederländer und Spanier traten. Zugleich begann jene einzig dastehende Geistes- und Kunstrevolution, die wir unter dem Namen der „Renaissance" verehren; während unter dem Ansturm der kriegstüchtigen Türken das oströmische Reich zusammenbrach (1453), trugen griechische Flüchtlinge die Lichtfunken der alten griechischen Bildung in das Abendland. Eifrig lauschten diese der halbvergessenen Weisheit, man lernte griechisch und erforschte gierig die alten Schätze. Der große Völkerfrühling begann, der halbverschüttete Tempel des Altertums wurde wieder ausgegraben und mit dem Weiterbau des alten Kulturgebäudes begonnen. Neues Leben blühte aus den Ruinen der Kunst und Wissenschaft hervor, Petrarca und Boccaccio regten zum Studium des Griechischen an, Bibliotheken und Universitäten wuchsen aus der Erde, Handel und Gewerbe blühten mächtig empor, überall regte sich die Kritik des Alten, Falschen und Ueber- lebten. Ulrich von Hutten stieß seinen jubelnden Kriegs- und Triumphruf aus: „Die Geister erwachen, die Wissenschaften blühen, es ist eine Lust zu leben!" Mit siegreicher Kraft breitete der Humanismus sich aus. Die Wissenschaft rüttelte zuerst (Nikolaus von Kusa und Lionardo da Vinci) an der festen Stellung der Erde im Mittelpunkte des Alls. Die Mißstände und Irrtümer der herrschenden Kirche forderten den Protest der mehr und mehr aufgeklärten Menschheit heraus: die Ketzerverfolgungen nahmen ihren Anfang und schon am Anfang des Jahrhunderts (1415) mußte Huß auf dem Scheiterhaufen zu Costnitz den „Frevel", gegen den Papst und seine Mithelfer das Banner der Vernunft erhoben zu haben, büßen. Da trat Martin Luther, der Mönch von Wittenberg, auf und verkündete mit heroischem Mut die Reformation der Kirche, die furchtbare Kämpfe kostete; unter ihrem Zeichen stand das 16. Jahrhundert. Die deutsche Sprache und Dichtung fanden eine mächtige Förderung. Das gigantische Werk der Bibelübersetzung ward unternommen und vollendet. 1530 erschien Kopernikus' berühmtes Werk „von den Umwälzungen der Himmelskörper". In England schrieb Shakespeare seine unvergänglichen Dramen, Cervantes begann seinen „Don Quixote", Ariosto dichtete den „Orlando furioso", Raphael Santi, Tizian, Correggio schufen ihre unsterblichen Meisterwerke. Benvenuto Cellini hob die Kunst der getriebenen Arbeit in edlen Metallen zu ihrem Höhepunkte. Der neu entdeckte Erdteil Amerika war das Ziel abenteuerlicher Eroberungsfahrten. Mexiko und Peru wurden erobert, die erste Erdumsegelung durch den Portugiesen Magelhans und seinen Begleiter Elcano ausgeführt. Eine der wichtigsten Kulturpflanzen wurde von den Spaniern nach Europa gebracht, und das Mikroskop (1590) in Holland erfunden. Im nächsten, dem 17. Jahrhundert, dauerten die Re- ligionskämpse fort, ja sie erreichten ihren Gipfel in dem furchtbaren 30 jährigen Krieg (1618—1648), der Deutschland fast zu einer Wüste machte. Trotzdem ist gerade dieses Jahrhundert, das auch in der politischen Geschichte bedeutende Namen aufweist, einen Cromwell, Peter den Großen, den Großen Kurfürst Friedrich Wilhelm, einen Gustav Adolph, Wallenstein u. s. w., eins der fruchtbarsten für die Wissenschaft. Kepler proklamierte seine drei Gesetze von den Bewegungen der Planeten, Galilei entdeckte die Jnpitermonde und Sonnenflecke, die Pendel- und Fallgesetze, die Mondberge, den Saturnring u. s. w. Snellius führte 1615—17 die erste Gradmessung aus, Newton entdeckte (1666) das Gesetz der Gravitation, Harwey (1619) den Kreislauf des Blutes. Ferner brachte uns das 17. Jahrhundert noch an wichtigen Erfindungen: die Differentialrechnung (durch Newton 1666), das Fernrohr (Lippersheim in Middelburg), von Galilei sofort nach der Meldung nachgeahmt und zuerst auf den Himmel gerichtet, das Barometer (Torricelli 1643), die Luftpumpe (Otto von Guericke 1650), die Rechenmaschine (Pascal 1642), die La- terna magica (Kircher 1640), die Elektrisiermaschine (Guericke 1650), die Pendeluhr (Huygens 1655), die erste Webemaschiine (1676), die. Logarithmen! (1614), Der dänische Astronom O. Römer entdeckte die Geschwindigkeit des Lichts. 1699 führte Dampier die erste Entdeckungsfahrt zu rein wissenschaftlichen Zwecken aus, hauptsächlich der Erforschung der australischen Küste gewidmet. Die Dichtkunst wies Namen wie Mokiere, Milton, Racine, die deutsche solche wie Opitz, Günther, Logan u. s. w., die Malerei Namen wie Rubens, van Dyck, Rembrandt auf, die Philosophie rühmte sich eines Cartesius, Bacon von Verulam, Hobbes, Spinoza, Locke und Leibnitz. Das 18. Jahrhundert setzte die Arbeit auf dem naturwissenschaftlichen Gebiete eifrig fort. Die Chemie- und Elektrizikükslehre wurde begründet, die Erfolge der Dampfmaschine verbreitet. Linnee führte eine neue Methode der Namengebung in der Naturgeschichte ein, Büffon drang tief ein in die Erscheinungen der Natur, K. F. Wolff veröffentlichte schon 1759 eine Theorie der tierischen Entwickelung. Die Erfindungen des Porzellans, der Dampfmaschine, des Blitzableiters, des Luftballons, des Steinkohlengases verkündeten bereits eine neue Aera der Naturwissenschaften; Cook vollendete die Entdeckung Australiens, A. von Humboldt trat seine bahnbrechende südamerikanische Forschungsreise an. Die hervorragendsten Geister traten auf allen Gebieten hervor. Voltaire bekämpfte die Gebrechen des politischen und kirchlichen Systems, Rousseau verkündete die Menschenrechte und das Evangelium einer neuen Erziehung. Die Encyclopädisten verbreiteten das System des Materialismus. Friedrich der Große schuf durch feine Wasfenerfolge die äußere Grundlage für die geistige nationale Erhebung Deutschlands; Lessing, Klop- stock, Goethe, Wieland, Herder und Schiller erschienen als leuchtende Sterne am litterarischen Himmel, der große Kant gab der Menschheit seine „Kritik der reinen Ver- 48 nunft". In der Musik glänzten Mozart, Haydn, Beethoven, in der Bildhauerei Canova und Thorwaldsen, in der Malerei Raphael, Mengs, David, Carstens u. s. w., in der Schauspielkunst Eckhof, Jffland und Garrick. Die Volkswirtschaftslehre erfuhr durch Adam Smith ihre wissenschaftliche Begründung, und am Ende des Jahrhundexts trat jene gigantische politische Umwälzung ein, die französische Revolution, welche die alten Mißbräuche beseitigte und die neuen Ideen mit Feuer und Schwert über die Erde trug! So kam das 19. Jahrhundert heran, unter Kanonendonner und Schlachtenlärm. Napoleon I. stand als drohender Kriegsgott an seiner Schwelle. Die Geschichte hatte ihn zu einer schrecklichen, aber für die Entwickelung doch notwendigen Rolle bestimmt; die französische Revolution hinterließ den Völkern (und auch Deutschland) das nationale Bewußtsein, die bürgerliche Freiheit und freiere politische Verhältnisse. So entstand die Basis, auf welcher Kunst, Wissenschaft, Handel, Industrie und Kunstgewerbe weiterzubauen'vermochte. Dampf, und Elektrizität begannen ihren grandiosen Siegeslauf, die alte Produktionsweise wurde über den Haufen geworfen, die Maschine trat ihr Regiment an. Darwin entdeckte die Gesetze der Entwickelung; Mayer das Gesetz von der Erhaltung der Kraft; Bunsen und Kirchhoff, die uns die Geheimnisse der Sterneuzu- sammensetzung enthüllende Spektralanalyse. Die Photographie setzt uns in den Stand, die Gegenstände bildlich festzuhalten; Telegraph, Telephon, Phonograph, treten in die Dienste des Verkehrs, die Entdeckung der Röntgenstrahlen vermittelt die Erkenntnis des Unsichtbaren. Die Entdeckung der Erde wurde nahezu vollendet, auf dem Gebiete der Litteratur, Kunst und Volkswirtschaft eroberten sich neue Ideen die Herrschaft. Wie könnte ich mich erkühnen, im Rahmen weniger Zeilen die Triumphe des 19. Jahrhunderts zu erschöpfen? Wir sind ja seine Kinder und sind uns ihrer voll bewußt — wir sind stolz auf seine Ergebnisse und treten mit noch stolzeren Hoffnungen in das nächste. Wir haben ja in unserer kurzen Darstellung gesehen, welchen Weg wir in dem verflossenen Jahrtausend zurückgelegt haben — von Stufe zu Stufe stiegen wir aufwärts oder vorwärts vielmehr, und erkannten, daß wir in der That den Bau einer einheitlichen Entwicklung erreichten. Wer an dem endlichen Ziel der Menschheit verzweifelt, der blicke rückwärts: der Spiegel der Vergangenheit zeigt ihm den Erfolg der Zukunft: „Er zeigt, wie sich der Geist, der Ewig-eine, Entwickelte in der Jahrtausend Lauf, Und wie sein Strom, der tiefe, Ewig-reine, Manch Bächlein nimmt in seine Wellen auf. Er zeigt, wie Völker stolz sich Wege bahnen. Läßt aus Vergangenheit uns Zukunft ahnen, Läßt uns im Bild der ganzen Menschheit sehn. Daß wir nicht rückwärts, sondern vorwärts gehn!" Vermischtes. Eine hochinteressante Erfindung, die zu dem Telephon in engen Beziehungen steht und geeignet ist, sich ebenso schnell wie dieses in der Gunst des Publikums einzubürgern, ist der Kamm'sche „F e r n s ch r e i b e r". Dieser Apparat, der in Frankreich und England bereits vielfach zur Anwendung gelangt, ist am besten als „Drucktelephon" zu bezeichnen. Er besteht ans einer Schreibmaschine, die auf dem gewöhnlichen Wege das Niederschreiben einer Mitteilung gestattet und gleichzeitig mit dem Telephon verbunden wird, das eine gleiche Schreibmaschine des angesprochenen Telephonteilnehmers in Thätigkeit setzt, welche eine der ersten gleiche Niederschrift liefert. Dabei braucht keinerlei Veränderung am Telephon vorgenommen zn werden, auch kann gleichzeitig das Telephon zn mündlicher Unterhaltung benutzt werden. Wenn wir noch hervorheben, daß der ganze Preis des Apparats nur 160 Mark beträgt, so dürfte zur Genüge dargethan sein, daß derselbe einen sehr schätzenswerten Fortschritt ans dem Gebiete der Mitteilung von Haus zu Haus bildet. (Mitgeteilt vom Internationalen Pateutbureau Carl Fr. Reichelt, Berlin.) „Mein Heim, Mein Stolz!" Dies ist die Losung, mit welcher die von Alexander Koch in Darmstadt herausgegebene überaus reichhaltig illustrierte „Zeitschrift für Innendekoration" mit dem vorliegenden Januarheft in ihr zweites Dezennium eintritt. Während des ersten Jahrzehntes ihres Bestehens ist es diesem Organe gelungen, sich durch ein energisch und ziclbewußt, zugleich mit echt künstlerischem Empfinden dnrchgeführtes Reform- Programm ein außergewöhnliches Ansehen zu erringen. Die „Jnnen-Dekoration" wie der Name ihres Herausgebers sind dauernd verbunden mit der großen neuzeitlichen Bewegung, welche, eine stilistische und künstlerische Neubelebung des Heimes, des Hauses und seines Gerätes auf nationaler Grundlage erstrebt. Wenn dieses große Ziel nunmehr bald erreicht ist, 'so hat die „Jnnen-Dekoration" hierzu in erster Linie mitgewirkt. — Das vorliegende Januar-Heft 1900 zeigt nun, daß die Leitung der „Jnnen-Dekoration" mit noch stärkerem Nachdrucke an die Erfüllung ihrer hohen reformatorischen Aufgaben herantreten will als bisher. — Schon in der äußeren Ausstattung zeigt das diesmal drei Bogen in Folio starke Heft eine erhebliche Vervollkommnung. Der neue Titelkopf von Val. Mink, in einem eigens vom Verlage ausgeschriebenen Wettbewerbe mit einem ersten Preise von 300 Mark ausgezeichnet, enthält in der Mitte einen für bildliche Darstellung reservierten Raum, in welchem allmonatlich eine neue interessante Innen- ober Äußen-Architektur von hervorragender Künstlerhand eingefügt werden soll: diesmal ist es eine reizvolle Studie zn einem Landhause von H. Billing in Karlsruhe. Das Heft selbst ist seinem ganzen außerordentlich reichen illustrativen Inhalte nach einem Künstler gewidmet, der wie fein anderer die modernen Reform-Ideen bis zu ihren äußersten Konsequenzen durchgeführt hat, einem Künstler, der seiner ganzen Persönlichkeit nach geradezu als der Typus der kunstgewerblichen „Moderne" gelten kann: dem genialen Niederländer Henry van de Velde. Ein glänzend geschriebener und tief in die Bedeutung des Problems eindringender Aufsatz von Doktor Max Osborn beleuchtet uns die ganze künstlerische Persönlichkeit Van de Velde's, ohne Voreingenommenheit mit streng sachlichem Urteil, das sich den bedenklichen Seiten des Künstlers nicht verschließt und die jüngeren warnt, in eine falsch verstandene Abhängigkeit zu Van de Velde zu treten. Im Übrigen dürfte die Bedeutung Van de Velde's für die moderne Entwickelung noch nie, so überzeugend dargethan worden sein als hier, wo wir unter Beifügung zahlreicher»Jllustrationen und Kunstbeilagen gleichsam sein ganzes gereiftes Schaffen Überblicken. Wir sehen n. a. Möbel und Zimmer-Einrichtungen in mnstergiltigen Reproduktionen, Original-Entwürfe des Meisters für Teppiche, Balkons, Buchschmuck, Einbände, ferner in teils ganzseitiger Wiedergabe auf mehreren Blättern die großartige Laden-Einrichtung modernen Stils, welche Van de Velde für die Havanna-Cie. in Berlin geschaffen hat, mit vielen reizvollen Details, endlich zwei sorgfältig in vornehmer Tönung gedruckte Beilagen: Schlafzimmer und „Zigarren-Laden". Interessante Aufsätze von A.' Plehn über „Das Bild als Kunstverglasung und Wand-Teppich" und Doktor H. Schmidkunz über Theaterbau vervollständigen den Inhalt dieses in jeder Hinsicht hochkünstlerischen Heftes, das wiederum beweist, daß Koch's „Jnnen-Dekoration" nicht nur dem Fach- manne und Künstler unentbehrlich, sondern in der ganzen Anlage und Ausstattung für jeden Gebildeten eine reichfließende Quelle edelster Anregung und Geschmacksbildung ist. Wir zweifeln nicht, daß diese als Probeheft zum Versand gelangende Januar-Nummer die Zahl der Freunde dieser einzigartigen Kunstzeitschrift für die gesamte innere Ausstattung und Ausschmückung der Wohnräume sehr vermehren wird. Das Jahres-Abonnement (20 Mk., Ausland. 22 Mk.) bei 12 reichillustrierten Heften ist int Verhältnis zu dem Gebolenen außerordentlich billig. Narnenrätsel. Nachdruck verboten. Adelgunde — Bertha — Gretchen — Irmtraut — Karolinc — Mathilde | — Melanie. Die vorstehenden Mädchennamen sollen derart geordnet werden, daß der erste Buchstabe des ersten Namens, der zweite des zweiten, der dritte des dritten u. s. w. wiederum einen Mädchennamen ergeben. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Skataufgabe in voriger Nummer: (Mit a, b, c, ä werden die vier Farben bezeichnet; also a — Eichel, Treff; b — Grün, Pique; c = Rot, Coeur; d — Schellen, Carrean; A — Aß; U — Unter, Wenzel, Bube; D = Dame, Ober.) Vorhand hatte a 9, a 8, a 7, c K, o D, c 9, c 8, c 7, d 9, i d 7, im Skat lagen a A, und c Z; Hinterhand bekam die übrigen. Verlauf des Spieles: 1. 35. cK. M. dH. H. oA --- 17. 2. M. bA. H. b7. V. d7 — 11. 3. M. bZ. H. bK. V. d9 — 14. Skat: — 21, Sa. = 63 Augen. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'fcheu Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erden) in Tietzen.