1900. D erfiiuine keine Pflicht und übernimm Nicht eine neue, bis du allen alten Genug gethan! Was sich mit.diesen nicht Verträgt, das weise von dir, sonst verwickelst Du dich in Dornen, die du nicht mehr lösest. Leopold Scheser. (Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Reinhold Ortmann. lFortsttzung.) Franz Norrenberg kämpfte einen kurzen, schweren Kampf. Aber die Liebe zu seinem Kinde behielt den Sieg. „Du nennst es beim rechten Namen", erwiderte er dnmpf. „Ja, er ist ein Verbrecher!" Er sah nicht, daß es wie triumphierende Freude in ihren dunklen Äugen aufleuchtete, oder er wüßte diesem sprühenden Blick nicht die rechte Deutung zu geben. „Das ist eine schchere Anklage", sagte sie langsam, „eine Beschuldigung, die so abenteuerlich klingt, daß ich ihr wohl nicht ohne weiteres Glauben schenken kann, selbst wenn sie aus Deinem Munde kommt. Was für ein Verbrechen ist es denn, das Sandory begangen haben soll?" „Frage ntitfy danach nicht! —■ Glaubst Du, daß ich! es bis heute als Geheimnis bewahrt haben würde, wenn ich es verraten dürfte?" „Und das soll mir genügen? Du mußt mich für ein sehr thörichtes und unreifes Kind halten, wenn Du das erwarten konntest, Vater! Ist es wirklich) Deine Absicht, Diel)! auf diese Andeutung zu beschränken, so soll mir Sandory selbst Auskunft geben. Noch heute werde rch sie von ihm fordern." „Nein!" schrie er. „Nein — das wirst Du nicht thuni Giebt es denn gar nichts von kindlicher Ehrfurcht mehr in Deinem Herzen? Habe ich darum ein ganzes Leben voll Sorge und freudloser Arbeit für Dich aufgewendet, daß Du es jetzt wagen darfst, mich wie einen Lügner und Verleumder zu behandeln?" „Du hast keinen Grund, mir Vorwürfe zu machen. Wenn ich in einer Verbindung mit Sandory das einzige Glück meines Lebens erblickte, könntest Du dann von mir fordern, daß ich! auf Deinen bloßen Wunsch hin, nur aus kindlicher Liebe, dieses Glück zum Opfer brachte? Hieße das nicht Wucherzinsen für erwiesene Wohlthaten begehren? Und daß muiji ein leeres Wort, eine Anschuldigung, die in der Luft schwlebt, von der Berechtigung, Deines Wunsches nicht überzeugen kann— darfst Du mir das verübeln? Ja, wenn dieser Mann, den Du jetzt in seiner Abwesenheit einen Verbrecher nennst, ohne Dein Vorwissen in unser Haus gekommen wäre! Aber Du selbst hast ihn mir zugeführt. Wußtest Du denn damals nichts von seiner angeblichen Schuld?" „Wie Du mich marterst, Dora! Ja, ich wußte davon. Aber wie hätte ich ahnen können, daß Du, die verlobt« Braut eines anderen —" „Du hast also den Verbrecher an Deinem Tische bewirtet", fiel sie ihm unerbittlich in die Rede, „Du hast ihn in den Häusern unserer Bekannten als Deinen Freund borgeftellt, Deine Empfehlung war es, die ihm Äle Thüren erschlossen hat. Und nun mit einem Male soll ich! Dir glauben, daß er der verächtlichste der Menschen sei — ich soll es Dir glauben ohne jeden Beweis, ja, ohne daß Du mir auch! nur offenbarst, worin sein Verbrechen bestand!" „Und fvenn ich! es Dir nun offenbarte — würdest Du Dich! dann von ihm lossagen?" „Sobald es sich! dabei um eine Ehrlosigkeit handelt, gewiß!" „Nun denn — dieffer Mensch), der sich jetzt Sandory nennt, ist ein Dieb, ein gemeiner Dieb. Man würde ihn auf der Stelle ins Gefängnis werfen, wenn man seinen richtigen Namen wüßte." „Ah — und das ist die Wahrheit? Du bist dessen ganz gewiß?" „Bei meinem Leben schwöre ich Dir, Dora, es ist die Wahrheit!" „So nenne mir seinen Namen!" drängte sie mit fieberischem Eifer, „sage mir, wann er jene strafbare That begangen hat, wo und gegen wen? Nachdem Du mir soviel verraten hast, kann es Dir doch nicht schwer fallen, mir auch, das letzte noch zu enthüllen." Aber Franz Norrenberg schüttelte müde den Kopf. „Ich habe Dir schon viel mehr gesagt, als ich durfte. Wenn Dir auch das noch nicht genügt, so besitze ich kein weiteres Mittel, Dich, vor dem Verderben zu retten." Sie gab es noch' nicht auf, ihn durch Bitten und Ueberredungsversuche zum Sprechen zu bewegen; doch er blieb bei seinem unerschütterlichen Nein. „Es ist ein Geheimnis, das ich mit mir ins Grab! nehmen werde; denn ich — ich habe einen Eid geleistet, es niemals preiszugeben." Als sie sah, daß es unmöglich! sein würde, noch irgend etwas aus ihm herauszubringen, änderte Dora plötzlich ihre Haltung. Wie wenn sie erst jetzt unter der zermalmenden Last der furchtbaren Erkenntnis zusammenbräche, wars sie sich in einen Sessel. 670 ,Faß mich allein, Vater!" bat sie tonlos. „Das muß ich mit mir selber auskämpfen." „Mein armes, geliebtes Kind! Den ganzen armseligen Rest meines jämmerlichen Lebens würde ich mit Freuden hingegeben haben, wenn ich Dir das hätte ersparen können. Aber es mußte ja sein! Ich durste Dich doch nicht blindlings in Dein Verderben rennen lassen." „Nein, das durstest Du wohl nicht. Und ich danke Dir, wenn Du mich! vielleicht auch etwas früher hättest aus meiner Blindheit reißen sollen. Nun, dem Himmel sei Dank, es war wenigstens noch nicht zu spät." Sie duldete seine zärtliche Umarmung und den liebevollen Kuß, den er ihr auf ihre Stirn drückte; aber sobald er mit seinen müden Schritten das Zimmer verlassen hatte, sprang sie in leidenschaftlicher Wildheit empor und schüttelte ihre geballten Fäuste wie gegen einen unsichtbaren Feind, während es zwischen den fest zusammengepreßten Zähnen hervorzischte: „Nun habe ich Dich — nun habe ich Dich! Und nun sollst Du mir alles, alles bezahlen!" Viertes Kapitel. „Zwei Briefe für den Herrn Doktor, und einer füv das Fräulein! — Wünsche gehorsamst guten Morgen!" Mit seinem stadtbekannten freundlichen Grinsen, das niemals breiter und behaglicher war, als wenn ihm Doktor Ruthardts hübsches Töchterchen selber die Haus- thür aufthat, hatte der alte Postbote Margareten die eingelaufenen Briefschaften überreicht. Verwundert und neugierig betrachtete sie das für sie bestimmte Billet, dessen Umschlag von sehr feinem Papier, aber ohne jedes Abzeichen war. Die Handschrift, deren markige Züge nur von einem Manne herrühren konnten, war ihr völlig unbekannt, und es ließ sich ihr unter solchen Umständen gewiß kein Vorwurf daraus machen, daß sie den Brief rasch uneröffnet in die Tasche schob, als sie den Schritt ihres Vaters hinter sich auf der Treppe vernahm. „Guten Morgen, Väterchen!" rief sie ihm entgegen, und ihr schlechtes Gewissen verriet sich in der großen Zärtlichkeit, mit der sie ihn auf beide Wangen küßte. „Da sind zwei Sachen für Dich Hoffentlich stehen nur angenehme Neuigkeiten darin". Der Doktor sah heute ungewöhnlich: ernst aus. Auf seiner Stirn war eine Falte, die er sonst nur mit nach Hans brachte, wenn ihm einer seiner Patienten gestorben war. Sachte schob er sein Töchterchen zurück. „Angenehme Neuigkeiten könnte ich brauchen. Wartet schon jemand im Vorzimmer?" , „Nein, es ist ja erst sieben Uhr. Und Du hast doch wohl nicht schön so früty eine Widerwärtigkeit gehabt, lieber Vater?" „ „Keine, die Dich etwas anginge, kleiner Grünschnabel! Geh hinauf und mache Dich nützlich! Deine Mutter ist eben dabei, einen großen Korb zu packen. Ich fürchte, sie will sich wieder auf Krankenbesuche begeben. Sieh wenigstens zu, daß für uns auch noch eine Kleinigkeit zu essen übrig bleibt". , Er fuhr mit der Hand über ihren blonden Scheitel und ging weiter; aber bevor er die Thür seines Spreche zimmers erreuhf hatte, wandte er sich noch, einmal nach! ihr um. P „Hast Du Walther Sartorius kürzliche gesprochen, Margarete?" , „Ob ich ihn gesprochen habe? Rem — das heißt, ja — auf dem Kostümfest habe ich! allerdings ein paar Worte mit ihm gewechselt." „Er hat sonst keinen Versuch, gemacht, die alten freundschaftlichen Beziehungen mit Dir oder mit Sigismund wieder anzuknüpfen?" . , „ Mein! Du hattest es ihm ja auch verboten". „Wenn ich es nicht schon gethan hätte, müßte ich es wohl jetzt thun. Du brauchst nicht gerade unfreundlich: gegen ihn zu sein, falls er Dir einmal zufällig tu den Weg kommen sollte, denn gegen den jungen Menschen selbst hege ich nicht den geringsten Groll. Aberas wäre mir doch lieb, wenn solche Begegnungen nach Möglichkeit vermieden würden. Die Familie Sartorius ist für uns künftighin am besten nicht mehr vorhanden". Er trat in sein Zimmer und Margarete stieg langsam zu ihrer Mutter hinauf. Sie wußte selber nicht recht, warum ihres Vaters Worte, die ja keinesfalls unfreundlich gewesen waren, sie in eine so betrübte Stimmung versetzt hatten. Wer die Niedergeschlagenheit mußte ihr wohl vom Gesicht zu lesen sein; denn Frau Ruthardt, die vor einem mit allerlei guten und kräftigen Eßwaren bedeckten Tische stand, erkundigte sich sogleich, was ihrer Grete denn übles widerfahren fei „O, es ist nichts", meinte Margarete mit erheuchelter Gleichgiltigkeit, wenn auch mit unsicherer Stimme. „Der Vater wollte mir verbieten, einen Verkehr mit Walther Sartorius zu unterhalten. Wer es war eju überflüssiges Verbot; denn von einem solchen Verkehr ist ja ohnedies keine Rede". „Das will ich hoffen", erklärte die Mutter sehr bestimmt, und ihr gutmütiges Gesicht bewölkte sich zusehends. „Es wäre wenigstens eine unerhörte Dreistigkeit von dem jungen Manne, wenn er sich, uns auch jetzt noch, auf- drängen wollte". Margarete antwortete nichts und war ihrer Mutter eine Zeit lang schweigend behilflich, die einzelnen sorgfältig ungeteilten Portionen in den großen Marktkorb zu packen, mit dem man des Doktors Dienstmädchen beinahe täglich hinter ihrer rundlichen Herrin einherschreiten sah. Dabei ließ es Frau Ruthardt nicht an den nötigen Anweisungen fehlen, und begleitete die meisten von ihnen noch mit einer beweglichen Schilderung des Elends, das sie da oder dort angetroffen. Als alles beinahe fertig war, erinnerte sie sich, daß sie trotz allen Ueberlegens etwas vergessen hatte. „Richtig — zu Tolzmanns muß ich ja auch einen Kuchen mitnehmen und irgend eine Kleinigkeit aus dem Spielwarenladen. Der zweite Junge hat heute fernen Geburtstag. Lieber Gott — das arme Kind! Fünf Geschwister, von denen die beiden jüngsten noch nicht einmal laufen können —' der Mann seit sechs Wochen kerne Arbeit, und die Frau krank am Gelenkrheumatismus! Es ist ein Jammer, daß so etwas in der Welt vorkommen muß. Weißt Du, Grete, den Rest von dem Schweinebraten könnten wir wohl lieber mit in das Paket für die Tolzmanns legen. Wickle ihn nur wieder aus, für dre alte Prippenow mit ihrem schwachen Magen ist er doch, vielleicht zu schwer". „Eigentlich finde ich es sehr ungerecht, Mutter", sagte Margarete schüchtern, während sie dem Befehl gehorchte. „Er kann doch im Grunde garnichts dafür". Verwundert sah Frau Ruthardt auf. „Wer kann nichts dafür? Der Schweinebraten oder der Prippenow'n schwacher Magen?" „Ach, nicht doch! Sprachen wir denn nrcht eben von Walther Sartorius?" „Das war ja schon vor einer Viertelstunde — es muß Dir sehr am Herzen liegen. Nun, ich will Dir etwas sagen, mein Kind! Wenn heute einer Deinen Vater auf der Straße hinterrücks überfiele und ihm einen Messerstich oder so 'was versetzte, möchtest Du dann mit einem solchen Schurken oder mit jemandem von seiner Familie noch irgend etwas zu schaffen haben?" „Nein, gewiß nicht! Wer das ist doch auch kein passender Vergleich. Bei dem ganzen Streit zwischen dem Stadtrat Sartorius und dem Vater handelt es sich ja blos' um eine Meinungsverschiedenheit wegen der dummen Wasserleitung". „So? Um eine Meinungsverschiedenheit? Weißt Du auch, was der Stadtrat Sartorius gestern gethan hat? Er war als Vertreter des Magistrats in der Stadtverordnetensitzung, wo über das neue Projekt endgiltrg Beschluß gefaßt werden sollte. Und als sich die Gegner seines Planes auf die von Deinem Vater au§gearbeitete Denkschrift beriefen, da hatte er den Mut, mit versteckten, aber für jedermann hinreichend verständlichen Worten anzudeuten, daß der Doktor Ruthardt wahrscheinlich für seine Agitation bezahlt sei und dies alles gegen ferne bessere Ueberzeugung geschrieben habe. Ist das nicht noch viel schlimmer, als wenn ein Strolch aus dem Hinterhalt über einen arglosen Spaziergänger hersällt? — Nun, zum Glück waren in der Versammlung Männer, dre eine so schändliche Verleumdung Deines Vaters nicht st ni- schweigend duldeten. Nach dem Bericht, den uns einige 671 Ohrenzeugen noch gestern abend erstatteten, hat der Herr Stadtrat Sartorius mit seinem hinterlistigen Angriff sich selber schlechte Dienste geleistet. Denn er mußte es geschehen lassen, daß ihm sehr harte Dinge gesagt tvurden, und schließlich wurde auch sein Projekt mit großer Stimmenmehrh eit ab gelehnt. Aber seine That bleibt nichtsdestoweniger in ihrer ganzen Schändlichkeit bestehen, und die Herren, die es für ihre Pflicht hielten. Deinen Vater davon zu unterrichten, meinten, er solle den feigen Ehrabschneider ohne weiteres vor die Schranken des Gerichtes fordern". Die kleine Frau hatte sich tüchtig in Hitze geredet, über auch auf Margaretens Gesicht flammte die Entrüstung. „Wird er es thun?" fragte sie in atemloser Spannung. „Nein, das entspricht nicht seiner Art. Als die Herren von der Genugthuung sprachen, die er sich unter allen Umständen verschaffen müsse- meinte er nur: „Der Stadtrat Sartorius hat soeben bewiesen, daß er ein Lump ist. Mit Lumpen aber lasse ich mich grundsätzlich nicht rin, weder im guten noch im bösen!" — Den anderen mag es ja wohl den Eindruck gemacht haben, als ob die Sache damit für ihn erledigt sei. Auch zu mir hat er nicht weiter darüber gesprochen. Aber ich kenne sein Gesicht. Es hat ihn schwer getroffen, sage ich Dir, und es wird eine gute Weile dauern, ehe er es ganz verwunden hat. Denn der Stadtrat Sartorius war sein Freund, und wenn Dein Vater von einem Manne, den er .einmal für seinen Freund gehalten hat, sagen muß, daß er ein Lump ist, so kostet ihn das ein Stück von seinem Herzen. — Warum er Dir aber verboten hat, mit jemand LU verkehren, der zum Hause des Stadtrats gehört, wirst Du nun hoffentlich verstehen". „Ja, liebe Mutter, und es ist gut, daß ich alles Erfahren habe. Nun weiß ich doch, wie ich mich zu verhalten habe, wenn er es noch einmal wagen sollte, sich mir zu nähern". Der große Korb war bis zum Rande gefüllt. Frau Ruthardt hüllte ihre kleine behäbige Gestalt in einen altmodischen Radmantel, unter dem sich am besten allerlei Pakete und Paketchen verbergen ließen; eilig trank sie noch ein Täßchen Kaffee und machte sich dann, von dem heimlich seufzenden Dienstmädchen gefolgt, auf den Weg in die „Armenpraxis", wie es Doktor Ruthardt zu nennen pflegte. (Fortsetzung folgt.) Siegellack. Von Fred Hood. Nachdruck verboten. ^ Der Siegellack gilt als indische Erfindung und wurde tn europäischen Ländern im Mittelalter bekannt. Bis dahin siegelte man Briefe und Urkunden in Europa mit -Wachs. Dre mitelalterliche Bezeichnung „spanisches Wachs" für Siegellack (französisch: cire d'Espagne, italienisch: cera oi Spagna) deutet darauf hin, daß die Verbreitung des Siegellacks in Europa von Spanien ausging; die Portugiesen sollen das Produkt in Osttndien kennen gelernt und mit nach ihrer Heimat gebracht haben. Die Grundstoffe des Siegellacks sind Schellack und Terpentin, doch finden für feinere Sorten bisweilen noch, andere Harze, wie Sandara, Benzoe, Mastix usw. Verwendung. Ganz geringe Sorten bestehen aus Kolophonium und etwas Terpentin. Alle übrigen Zusätze haben den Zweck, die Masse zu färben, ihren Umfang zu vermehren, sie dickflüssiger und schwerer tropfbar zu machen, den unangenehmen Harzgeruch zu decken, bezw. dem Produkt einen Wohlgeruch zu verleihen und schließlich den Siegellackstangen ein schönes elfenbeinartiges Aussehen zu geben. Ter Schellack ist ein Harz, das sich auf den jungen Zweigen verschiedener Bäume und Sträucher bildet, welche -vorzüglich in Indien ihre Heimat haben. Das Ausfließen dieses Harzes erfolgt, indem das Weibchen der sogenannten Lackschildlaus in die jungen Zweige hineinsticht. Es fließt ein Saft aus, der die Brut des Insektes einhüllt und dann auf den Zweigen austrocknet. Später kriechen die karminhaltigen Insekten aus, lassen aber Reste des schönen roten Farbstoffes zMück, welchen man als" Färbelack be- .zeichnet. Das Harz wird von dem Farbstoff getrennt und gelangt je nach- seiner Färbung, unter den verschiedensten Bezeichnungen in den Handel. Die Farben wechseln zwischen hellgelb und dunkelrotbraun; von Wichtigkeit für den Siegellackfabrikanten ist aber, daß sich das Produkt durch Chlorkalk bleichen läßt, und zwar zu einer schönen weißen, seidenartig glänzenden Masse. Man kann also dem Schellack seine natürliche Färbung entziehen und dann dem Siegellack beliebige andere Farben verleihen — denn die Menschen wollen alles anders haben, als die Natur. Der zweite Grundstoff des Siegellacks, der Terpentin, ist gleichfalls ein Harz; es fließt durch Aufbersten der Rinde verschiedener Nadelhölzer von selbst aus, oder wird durch Einschnitte in die Stämme derselben gewonnen. Das Hauptguantum einer sehr geschätzten Sorte des gemeinen Terpentins verdanken wir der Strandkiefer Frankreichs, während Amerika seine ungeheure Produktion selbst zu Harz und Terpentinöl in den üblichen Handelsfvrmen verarbeitet. Einen besonders angenehm aromatischen Geruch besitzt der venetianische Terpentin, der durch Anbohren des Kernholzes der gemeinen Lärche in den südlichen Alpen, hauptsächlich in Meran, Bozen und Trient gewonnen wird. Für die Siegellackfabrikation ist dieser wohlriechende venetianische Terpentin am besten geeignet. Verwendet man als zweiten Grundstoff Schellack, so kann man den Terpentin ganz zweckmäßig durch ein Gemisch von Kolophonium und Terpentinöl ersetzen, wodurch man noch den Vorteil genießt, die Flüssigkeit des Produkts durch einen größeren oder geringeren Zusatz von Terpentinöl regeln zu können. Nur den feineren parfümierten Sorten des Siegellacks werden Benzoe, Perubalsam und ätherische Oele zugesetzst Färbende Substanzen werden in großer Zahl verwendet, ja es werden, um dem Luxusbedürfnis gewisser Leute zu genügen, auch; sehr kostspielige Färbungen ange- sttebt. Besonders groß ist die Zahl der roten Farbstoffe, welche Verwendung finden. So wird z. B. die schone Scharlachfarbe, welche feineren roten Siegellack auszeichnet, durch Zinnober gewonnen; sie ist durch billigere Farbmittel, wie z. B. durch Mennige, Engelrot und Bolus nicht zu erzielen. Vielfach wendet man den Wiener und Krapplack — das sind Verbindungen verschiedener roter Farbstoffe mit Thonerde, Blei- oder Zinnoxyd — für rote Färbungen an; es lassen sich mit ihnen die schönsten und mannigfachsten Schattierungen erzielen. Zu gelben Färbungen bedient man sich des Chromgelbs oder Kasseler Gelbs, während der Ocker nur zu gewöhnlichen Sorten verwendbar ist. Zur Erzeugung grünen Siegellacks nimmt man grünen Ultramarin, oder mischt gelbe und blaue Farben; der echte grüne Zinnober und das Chromgrün dürften für die Siegellackfabrikation zu kostspielig werden. Für helles Blau verwendet man das billige Ultramarin und das Bergblau, für braune Farben Umbra, Terra di Siena, Kasseler Braun und andere bekannte Erdfarbswsfe. Zum Schwarzfärben der Masse dient, feiner Ruß, welcher in der Farbstoff-Industrie, je nach seiner Herkunft, unter den Namen Kienruß, Lampenschwarz, Beinschwarz, Rebenschwarz usw. bekannt ist. Am beliebtesten ist wohl das Rebenschwarz, das in den Ländern des Weinbaus zu wohlfeilen Preisen durch Verkohlen von Weinreben in geschlossenen Eisenblechröhren gewonnen wird. Natürlich kann man durch Mischen verschiedener Farben alle möglichen Nüancen erzielen, ja der'Siegellack- fabrikant kann seine Farben so mischen, wie der Maler auf seiner Palette. Zu diesem Zwecke bedarf der Fabrikant natürlich auch der weißen Farbstoffe. So werden weiße Stoffe der Masse zugesetzt, wenn es gilt, hellere Schattierungen zu erzielen. Aber natürlich wird auch klarweißer Siegellack verlangt, welcher möglichst dem schönsten weißen Email gleichen soll. Solche Farbmittel sind die Kreide, sowie feingemahlener gebrannter Gips, das Zinkweiß und das Pergamentweiß. Das Wismutweiß, das gleichfalls Verwendung findet, ist sehr kostspielig, liefert aber den schönsten emailartigen weißen Siegellack. Auch die kohlensaure Magnesia wird, ihres geringen Gewichts wegen, hauptsächlich als Zusatz zu schweren Farbkörpern wie Zinnober geschätzt. Dem Luxussiegellack wird Bronzepulver in allen möglichen metallischen Tönen zugesetzt oder auch', fein gepulverter Glimmer, welcher bei Verwendung einer durchscheinenden Grundmasse wie Metallflitter wirkt. — 672 Sämtliche Stoffe zur Siegellackfabrikation müssen vor ihrer Verwendung durchaus trocken sein; in der Fabrik trocknet man sie, zur Vermeidung besonderer Kosten, durch Ausnutzung der Wärme, welche von dem Harz-Schmelzofen ausströmt. Der flüssigen Harzmasse werden die indifferenten Stoffe wie Kreide, Magnesia usw. zugesetzt, welche das Gewicht oder Volumen beeinflussen; schließlich wird der Farbstoff eingerührt und alles sehr gut vermischt. Sollen mehrere Farbstoffe verwendet werden, so werden sie zunächst gsemisM, dann der so gewonnenen Farbmasse die weißen Körper zugefügt, worauf dann das Farben- gemifch in die geschmolzene Harzmasse eingerührt wird. Für große Betriebe giebt es besondere Farbmischmaschsinen. Tas Schmelzen der Masse muß sehr vorsichtig geschehen; denn die Temperatur darf nicht höher steigen, als gerade erforderlich ist, um die Masse flüssig zu erhalten. Man baut deshalb besondere Oefen, welche sich leicht regulieren lassen. Auch dürfen die Gefäße nicht 8U groß sein; denn man muß das flüssige Harz, um die Farben beizumischen, auf dem Herde schnell und leicht umrühren können, — eine Arbeit, die bei Verwendung umfangreicher Kessel nicht gut möglich ist. Bei einem recht sinnreich angelegten Schmelzofen sitzen die Gesäße in einer mit Sand gefüllten Blechwanne, welchje von den Feuergasen umstrichen und erhitzt wird; die Sandbettung erwärmt sich gleichmäßig und teilt ihre Hitze den Schmelzgefäßen mit. Um dem Siegellack die übliche Stangensorm zu geben, bedient man sich besonderer Messingformen. Für Stangen von rechteckigem und dreiseitigem Querschnitt verwendet man Messingplatten, welche von Kanälen durchbohrt sind, deren Form den Siegellackstangen entspricht. Beim Guß stellt man die Formen aufrecht, verschließt die Oeffnungen auf einer Seite durch eine Seitenschiene und gießt mit dem Schöpflöffel die Masse ein. Da die Kanäle sich nach der Einflußöfsnung zu ein wenig erweitern, so ist die Entfernung der Stäbe aus der Form nicht mit besonderen Schmierigkeiten verknüpft. Soll der Siegellack stellenweise versilbert, vergoldet, oder mit Bronzestaub verdeckt werden, so streut man die betreffenden Blättchen oder Pulver in die Form ein. Für Siegellack von ovalem, oder kreisrundem Querschnitt verwendet man Doppelformen mit halbzylindrischen Rinnen, welche übereinander gelegt und verschlossen, die vollen Zylinder ergeben. Da die Messingformen ziemlich kostspielig sind, so genügt es auch,, sich eine einzige korrekte Form unfertigen zu lassen und nach dieser Formen in gewöhnlichem Schriftmetall zu fertigen. Die aus der Form gewonnenen Stangen haben nicht genügenden Glanz; sie müssen erst noch Politur erhalten. Das geschieht derart, daß man die Stangen in den sogenannten Polierofen hält, in welchem sich erhitzte Luft befindet; die Temperatur derselben genügt, um die Oberflächen in Fluß zu bringen, wodurch sie sofort Glanz annehmen. In dieser Beschaffenheit werden sie einem Arbeiter zugereicht, welcher mittels Stempeln Schrift und Verzierungen aufdrückt. Bekanntlich. findet der Siegellack vielfach zum Verschluß von Flaschen Anwendung; es ist jedoch zu beachten, daß er zum Verschluß von Spirituosen nicht gut verwendet werden kann, da er durch alkoholische Flüssigkeiten gelöst wird. Man verwendet daher an seiner Stelle ein Gemisch von Wachs, Paraffin, Mennige und Schlemmkreide. Uebrigens wird der Flaschenlack mehr und mehr durch Metallkapseln verdrängt. Eine besondere Spezialität bildet der durchscheinende Siegellack, welcher zu den feinsten Sorten gehört. Es können zu seiner Herstellung nur sehr feine gereinigte Materialen Verwendung finden; durchscheinend wird der Siegellack aber erst, wenn man ihm eine hinreichende Menge -von Mastix zufügt und sehr feinen hellfarbigen und dickflüssigen Terpentin verwendet. Gewöhnliche Sterbliche verwenden einen so kostspieligen Siegellack nicht, und es giebt sicher Tausende von Menschen, deren Gesamtbedarf an Siegellack ihr ganzes Leben hindurch 'nur wenige Pfennige ausmacht. Dennoch 'bildet die Siegellack-Fabrikation eines der wichtigsten Gebiete der Lackindustrie. Der Wahlspruch der sogenannten Fechitvereine „viele Wenig machen ein Viel" könnte auch für die Siegellack-Fabrikanten zutreffen. Citterarifd?es. Kindtr-Aritung. Herausgegeben von Felix von Stenglin, Groß-Lichterfelde. Inhalt von Nr. 8: Was in der Welt vorgeht: Kapitän Lans vom „Iltis" und sein Leidensgenosse; Was find die „Boxer"? Ein sonderbarer Mietzins; Eine Ehrung gefallener preußischer Krieger; Ein Hund von Tigern zerrissen; Kleine Notizen. Aus dem Reiche der Natur: Ausrottung der Känguruhs. „Was John. Dollond der Taucher erzählte" von Bruno H. Bürgel. (Forts.> „Jndianerlcben im Thüringer Wald" von Felix von Stenglin.