Nachdruck verboten. „Es sah eine Linde ins tiefe Thal." Novelle von R. Litten. (Fortsetzung.) ! V. Nach fünfzehn Jahren. Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder, die lang' ich vergessen geglaubt. Auf dem weichen, den ganzen Fußboden bedeckenden Ämyrnateppick) eines mit feinem künstlerischem Geschmack «nsgestatteten Zimmers in der vornehm stillen Straße einer süddeutschen Universitätsstadt wanderte ein schlanker jugendlicher Mann auf und nieder. Augenscheinlich war er im Banne tiefer Gedanken; denn sein geistvolles Gesicht mit den dunkelblonden, sich über der weißen Stirn bäumenden Haarwellen trug einen in sich gekehrten Ausdruck, und hin und wieder sprach er leise mit sich selbst, wie es wohl Leuten von reichem inneren Geistesleben und solchen, welche viel aus die eigene Gesellschaft angewiesen sind, eigen zu sein pflegt. Nun sahen die mächtigen stahlgrauen Augen auf, erst zerstreut, nichts erfassend, dann blieben sie aus dem großen Pfeilerspiegel haften, ßrc blieb stehen und nickte feinem Bilde, welches das Glas so klar zurückwarf, lächelnd M. --- „Ja, ja, alter Freund und Wandervogel", sagte er halblaut dabei mit einer angenehmen tiefen Stimme, „nun heißt es, die Schwingen fein säuberlich zusammenfalten und den ehrbaren schwarzen Rock des deutschen Gelehrten darüber hängen. Höchstens für ein paar Ferienwochen Wunen wir sie nw# gebrauchen, für die übrige Zeit des Jahres aber heißt es fortan: An der Scholle kleben! Seßhaft, seßhaft, alter Freund!" Wieder nickte er seinem Spiegelbilde, dieses Mal ermutigend zu. „Immer konnten wir ja nicht unter dem blauen Himmel des Südens atmen, uns nicht immer an dem Reichtum feiner, von den Jahrhunderten überlieferten Schätze be- rauschen; wir mußten verwerten, was wir eingeheimst, wnb wo thut man das lieber und besser als in der Heimat". Donnerstag den 24. Mai. W * i iTJM abcn, wer hätte sie nicht? Talente — Spielzeug für Kinder, Erst der Ernst macht den Mann, erst der Fleiß das Genie. Theodor Fontane. Heimat! — Er legte; die Hände auf den Rücken und nahm die vorhin unterbrochene Wanderung wieder auf. — Wundersamer Klang! Sirenenstimme, der sich kein Ohr verschließen läßt! Wie oft hatte er sie zu hören vermeint in den Lorbeerhainen Italiens, in den Pinienwäldern Griechenlands, die sein Fuß! durchschritten, selbst nach Kleinasien, nach Syrien war sie ihm gefolgt, immer lockend, immer bittend, immer sanft überredend. Im vierten Jahre seines Aufenthaltes in der Fremde war sie dringender geworden, lauter, hatte ihm nicht Rast und Ruhe gelassen, bis er seine Sammlungen, seine Kunstschätze gepackt, seine Verbindungen gelöst und den Fuß auf deutschen Boden gesetzt. Da war er aber, als die erste Wiedersehensfreude mit dem Vaterland vorüber, stutzig geworden. Was hatte ihn denn eigentlich so mächtig hierhergezogen? Wo waren die Augen, die aufleuchteten bei seinem Anblick, wo die Arme, die ihn warm umschlossen, an ein klopfendes Herzs drückten, wo der Mund, der ihn willkommen hieß? Seine Eltern schlummerten längst unter grünem Rasen, Verwandte besaß er nicht oder kannte sie kaum, und die wenigen Freunde aus der Schul- und Universitätszeit waren ihm bei dem Nomadenleben der letzten Jahre aus den Augen gekommen — was wollte er eigentlich hier? Einen Augenblick dachte er daran, umzukehren, sich wieder der bella Italia zuzuwenden, aber schließlich, nach einigen unerläßlichen Besuchen bei Geistesverwandten, Künstlern und Gelehrten, mit welchen er im Gedankenaustausch gestanden, verließ er die Residenz, die er zuerst ausgesucht, und reiste in das kleine, weltfremde, ost- preußische Stäbchen, an welches sich all seine Kindheitserinnerungen knüpften. Wie diese wieder erwachten, als er von der gelben rumpelnden Postkutsche aus die wohlbekannte Kirchturm-, spitze, die niedrigen roten Dächer und die Hügelkette dahinter erblickte! Wie sie dann neben ihm über das holperige Pflaster schritten, wie.sie mit ihm zugleich über die Schwelle des einstigen Doktor Hauses traten, wie sie mit ausgestrecktem Finger in jedes Gemach, in jeden Winkel wiesen, wie sie wisperten und raunten, jauchzten und klagten, kicherten und weinten, bis es ihm warm ums Herz und feucht im Auge wurde. Dort im Wohnzimmer stand noch derselbe runde Tisch, an dem der Onkel Doktor, der alte Mann mit dem rauhen Antlitz und dem weichen Herzen, ihm den Unterricht erteilt, ihm die Keime zu -allem Schönen und Edlen ins Herz gesenkt. Wie hatten die alten Augen aufgeleuchtet, wenn der Schwestersohn ihm begeistert gelauscht, wenn er ihm mit glühendem Interesse gefolgt war, wohin seines Herzens eigenstes Sehnen ihn selbst gezogen von Jugend an: zu dem alten Volke, aus dessen Schönheitsborn die Menschheit noch heute schöpft. Dann hatte er wohl seine Hand er- 290 griffen, ihn in sein Allerheiligstes — Götterzimmer hatte er Kindermund getauft — geführt und war dort mit ihm von einem Marmorbild zum anderen geschritten, cr- llärend und lehrend. Und er selbst, der Knabe, hatte dann von dem Samen, der in seine jungej Seele gestreut, weitergegeben an ein kleines Mädchen mit federleichtem, zierlichem Körper und großen sehnsüchtigen Augen. Dort in der Fensternische hatte sie an dämmrigen Abenden, oder wenn der Mond mit bleichem Antlitz ins Zimmer schaute, neben ihm gesessen, die dunklen geheimnisvollen Augensterne hatten an seinen Lippen gehangen, oder sie hatte mit ihrer süßen, glockenreinen Stimme gesungen, am liebsten alte Lieder und Weisen, wie sie das Volk schon gekannt vor Hunderten von Jahren. Sie waren seinem Gedächtnis entfallen, die naiven Worte und kunstlosen Melodien, lange schon, aber manchmal, mitten im Waldesrauschen oder am Ufer des Meeres hatte er sie zu hören gemeint, und war jäh emporgefahren aus tiefem Sinnen. Und dort vor dem riesigen braunglasierten Kachelofen hatten sie beide, eng aneinandergedrückt, gekauert, rot beschienen von bet, Glut, welche aus seinem Innern strahlte, und Berge und Thäler, phantastische Schlösser und Burgen, felsige Grotten und wilde Schluchten hatten sie darin zu erblicken gemeint. Auch eine schöne bleiche Frau, des Kindes Mutter, war manchmal in diesem Raume gewesen. Hier in des Hausherrn bequemem, lederbezogenem Sorgenstuhl hatte sie gesessen, leise mit dem Onkel plaudernd. Noch jetzt in dieser Stunde glaubte er, sie beide zu erblicken: den alten, hageren, grauhaarigen Mann und das junge Weib mit dem Leidenszug im feinen blassen Antlitz. Und doch schlummerten sie längst beide, des Elfchens Mutter und ihr alteq treuer Freund. Er war ihr bald gefolgt, schon nach kurzen Wochen. Dort im Götterzimmer, seinem Liebling, der Hebe von Canova, gegenüber hatte man ihn in einem Sessel sitzend gefunden: tot, mit ge- gebrochenen glanzlosen Augen. Wie das ihn, den damals vierzehnjährigen Knaben, getroffen, wie er fich jetzt erst verwaist, Vater- und mutterlos gefühlt! Und das Kind, seine Gespielin, seine Schwester, fern, nicht einmal seinen suchenden Gedanken erreichbar! Wo war es geblieben? Warum war nie von ihm oder von der alten Frau, mit der es die geheimnisvolle Reise angetreten, ein Lebenszeichen gekommen? Wie oft hatte er sich diese Frage schon vorgelegt! Wie viele Pläne, die. Verschwundene wiederzufinden, hatte er in der alten Krönungsstadt, in welcher er dann als Schüler, später als Student, und eine kurze Zeit als Privatdozent gelebt, geschmiedet! Aber vielleicht war doch, noch eine Nachricht von ihr gekommen, in den letzten Jahren, während er in der Fremde weilte! Er hatte zwar bei seinem letzten Besuch im Städtchen, als er die Dozentenlaufbahn unterbrochen, um dem Süden zuzueilen, Weisung gegeben, ihn sofort zu benachrichtigen, wenn der Fall eintrete, aber vielleicht hatte man seine Adresse vergessen, oder sein Brief war verloren gegangen. Er war aufgesprungen bei dem Gedanken — kaum, daß er sich die Zeit genommen, die Schneidersfrau — eine frühere Dienerin des Onkels/ welche die freie Benutzung der Giebelwohnung hatte — von seiner Ankunft und daß er ihre Bedienung für die Zeit seiner Anwesenheit wünsche, zu benachrichtigen — und die schmale Straße hinunter dem an der Kirche liegenden Psarrhause zugeschritten. Man empfing ihn, das einstige Mündel des geistlichen Herrn, mit freudigem, respektvollen Staunen. In der Zeitung hatte man von seiner Rückkehr in die Heimat gelesen, auch daß seine Wissenschaft nichts Geringes von ihm erwarte, dem unermüdlichen Forscher, dem genialen Kenner des Altertums, dessen kurze, ab und zu in die Heimat geflatterte Berichte und Schilderungen schon so gerechtes Aufsehen in Fachkreisen erregten. Und trotzdem fei er hierher in das alte stille Nest gekommen, und den ganzen Frühling wolle er! darin verleben. „Vielleicht auch den Sommer", hatte er lächelnd darauf gemeint; es käme ganz darauf an, wie viel Zeit sein Buch, welches ihn schon lange im Geiste beschäftige, und das ee hier zu schreiben gedenke, verlange. Noch größeres Staunen, noch größerer Respekt in de« Mienen des schlichten, altert Gottesmannes, seiner rundlichen Frau, seiner fünf blonden rosigen Töchter. Als» darum habe er sich stets so gegen den Verkauf des Doktorhauses gesträubt: Zu seinem Tuskulum sei es bestimmt. Auch darauf hatte er lächelnd das Haupt geneigt und hin- zugefügt, er könne sich solchen Luxus ja gestatten, des Onkels Hinterlassenschaft, welche ihm das kostspielige Studium, die weiten Reisen ermöglicht, erlaube auch das. (Fortsetzung folgt.) Das Himmelfahrtsfest in kulturgeschichtlicher Bedeutung. Bon Ludwig Epstein (Jülich). Nachdruck Verbote». „Wenn der Frühling auf die Berge steigt Und im Sonnenstrahl der Schnee zerfließt. Wenn das erste Grün am Baum sich zeigt Und fm Gras das erste Blümchen sprießt. Wenn vorbei im Thal nun mit einem Mal Alle Regenzeit und Winterqual: Schallt es von den Höh'n bis zum Thale weit: O wie wunderschön ist die Frühlingszeit!" So singt der Dichter begeistert von der ersten Frühlingszeit, die uns nach langer Winternacht durch Sonne«- schein und Blätterschmuck, durch Blütenduft und Vogelsang erfreut. Diese schöne Zeit geht nun allmähliche ihrem Ende entgegen, in unseren Herzen nichts zurücklassend als die Erinnerung an alle die Herrlichkeiten, die uns Mutter Natur in überreicher Fülle darbot. Nun ist die Zeit, von der O. Berdrow singt: „Noch! dünkt ein Wunder uns der blüh'nde Strauch, Der ersten Frühlingsblume süßer Hauch; Noch hüpft das Herz bei jedem Amselschlag, Begrüßt mit Jubel jeden lichten Tag. Nun, Seele, öffne Deine Augen weit Und trink' Dich satt an all der Herrlichkeit!" Ja, wunderschön ist auch diese Zeit 'des Uebergangs von dem holden Lenz, der Zeit der Saat, des schwellenden Saftes und der keimenden Blüte, zu dem ernste« Sommer, der Jahreszeit des Reifens, der Frucht und der Ernte. Die Natur steht jetzt in herrlichster Pracht. Baum und Strauch, Gras und Blumen! alles grünt m üppigster Fülle. Am saftreichsten sind nun die Wiese«, im vollen Blätterschrnuck prangen die Wälder, und die Blumen haben ihre lieblichsten Farben angezogen. Nu« naht die Zeit der Rosen, die Otto Roquette zu folgende« herrlichen Worten begeisterte: „Noch ist die blühende, goldene Zeit, O Du schöne Welt, wie bist Du so weit! Und so weit ist mein Herz und so blau wie der Taa, Wie die Lüfte durchjubelt, von Lerchenschlag! Ihr Fröhlichsten singt, weil das Leben noch mait, Noch ist die schöne, blühende Zeit, Noch sind die Tage der Rosen!" In dieser heiteren Jahreszeit feiert die christliche Krrche- zwer Freudenfeste, das Himmelfahrts- und das Pfingstfest. Ersteres bildet als religiöser Nachklang der fröhlichen Ofterseier und als zweckentsprechender Borklang des nahe« Pfingstfestes einen vermittelnden Uebergang zwischen diese« beiden kirchlichen Festen. Während die meisten anderen christlichen Feste mehr oder weniger auf heidnischer oder jüdischer Grundlage beruhen, ist das Himmelfahrtsfest, dessen Feier bereits auf den Anfang des 4. Jahrhunderts zurückgeht, ein ganz und gar christliches. Auf dem Konzil zu Elvira in Spanien im Jahre 305 erhielt der Tag den Namen Ascensio Domini, eine Bezeichnung, , die fast i« alle Sprachen übergegangen ist; nur in England redet ma« von einem heiligen Donnerstag (Holy Thursday), doch hört man auch das' biblische Ascensionday. Die Kirchenväter zeichneten die Himmelfahrtsfeier besonders aus, uttfr 291 Hieronymus war es, der zuerst durch lebendig-anschauliche Schilderungen veranlaßte, daß man das Fest in den Kirchen theatralisch gestaltete. Albert erzählt darüber in seiner „Populären Festpostille" folgendes: „In der Mitte der Mrche war durch eine Erhöhung der Oelberg hergerichtet, auf dem mit ausgebreiteten Armen ein lebensgroßes Christusbild stand, das möglichst unauffällig mit Stricken an der Kirchendecke befestigt war. Nach einer feierlichen Prozession, wobei der 122. Psalm gesungen ward, führten der Priester und die Gemeinde, welche die Jünger dar- stettte, das Zwiegespräch: „Ich fahre aus zu meinem Vater und zu Eurem Vater re." Hierauf stimmte die Gemeinde das uralte Festlied an: „Christus fuhr gen Himmel". Weihrauchdämpfe umhüllten unterdessen das Bild und umgaben es mit einer Wolke, die nun die Figur „von den Augen hinweg zusehends" in den Kirchenhimmel hinauftrug. Nun erschienen die „zween Männer in weißen Kleidern" vom Altar her und verkündeten der Gemeinde die tröstende Verheißung der einstigen Wiederkehr des Hinweg- benommenen. Auf dem Kirchenboden entstand währenddessen ein furchtbares Getöse; das sollte den Kampf Christi mit dem Teufel darstellen. Der letztere fiel endlich in Gestalt einer buntbemalten, mit Pech und Schwefel bestrichenen Puppe unter dem allgemeinen Jubel aller Anwesenden in die Kirche herab." Mit diesen und ähnlichen grobsinnlichen Veranstaltungen feierte man noch im Mittel- alter das Fest, wobei man fleißig acht gab, wohin der Heiland bei der Auffahrt das Gesicht wendete; denn aus dieser Richtung vermutete man die Gewitter. Auch andere Beobachtungen und Schlüsse machte man bei diesem Spiel. In Bayern verordnete das Bistum München-Freysing im Jahre 1835, daß die Christnsfigur nicht mehr in den Himmel hinausgezogen, sondern durch die Kirche und in die Sakristei getragen werden sollte. Mit dem Himmelfahrtsfest verschmolzen sich auch volkstümliche Frühlingsfeiern, erinnerte doch der Donnerstag an Donar, den Gewittergott. Zu den Gebräuchen und althergebrachten Gewohnheiten, die mit der Feier dieses Tages eng verknüpft sind, gehört die weit verbreitete Sitte, am frühen Morgen einen Berg oder eine sonstige Erderhöhung zu besteigen. In Schwaben zieht man schon um Mitternacht mit Fackeln auf eine Anhöhe, um die drei Freudensprünge, welche die Sonne bei ihrem Aufgange thun soll, zu beobachten, und in manchen Orten der Niederlausitz besteht noch bis auf den heutigen Tag die alte Sitte, daß die Bewohner am frühen Morgen, ehe die Sonne aufgeht, in großer Zahl begleitet von einer Musikkapelle, auf die nächstliegende Erhebung steigen und das aufgehende Tagesgestirn mit einem religiösen Liede begrüßen. Ebenso alt wie das Bergsteigen ist auch das Kräutersuchen am Himmelfahrtslage. Am frühen Morgen dieses geweihten Tages sucht man überall in Schwaben die sogenannten „Himmelfahrtsblümle", gewöhnlich „Mausöhrle" genannt, während sie im Schwarzwalde die Bezeichnung „Schäppelein" (Kränzlein)' führen. Hier werden die geheimnisvollen Blümchen zu Kränzen gewunden, welche man das ganze Jahr hindurch in Stuben über den Familientischen und in Ställen über dem Vieh hängen läßt, bis sie an demselben Tage des nächsten Jahres durch neue ersetzt werden. Solche rötlich und weiß blühenden „Himmelfahrtsblümle" (Gnaphalium Divicum) werden von den Mädchen schon früh im Dunkeln gesucht; denn am Himmelfahrtstage gepflückt, schützen sie Haus und Hof, Menschen und Vieh vor dem Blitze. Eine weiter gehende Bedeutung wird im Harz von dem schönen Geschlechte dem „Allerhermannskraut" (Gla- diolus) beigelegt, indem dasselbe nicht nur „allen Uebeln des Leibes" heilsam begegnen, sondern auch die Kraft besitzen soll, heiratslusllgen Mädchen einen Bräufigam zu verschaffen. Beim Suchen dieser Pflanze sprechen die Kinder: „Allermannsherrn, Dich such' ich gern!" Haben aber die Schönen mit Hilfe dieser natürlichen Liebesorakel kein erwünschtes Ehegespons erwischt, so sagen sie ärgerlich: „Dat Allermannsherren, Dat böse Krut, Dat heww ick e socht. Und bin doch noch, keine Brut." In fast allen katholischen Gegenden wurde früher am Himmelfahrtstage ein sogenannter „Flurgang" — auch Eschgang oder Eschprozession genannt — unternommen. Während man ehedem die ganze Gemarkung durchzog, wandert man neuerdings nur der Länge nach! durch dieselbe, sodaß alle Grenzen zu überblicken sind. An vier Stellen wird Halt gemacht und ein Bibelabschnitt aus allen vier Evangelien gelesen, sowie der übliche Wettersegen gesprochen. Neuerdings findet diese feierliche Wanderung, die den Zweck verfolgt, um ein fruchtbares Jahr zu bitten, vielerorts auch am Pfingstmontag statt. Wir scheiden von dem Himmelfahrtsfest mit den Dichterworten : „O Himmelshblau, wie glänzest Du Herab mit hellem Schein, Wie lächelt Dir die Erde zu Im Frühlingssonnenschein!" Ein Proletarier des Kunstgewerbes. Nachdruck verboten. Zu den lohnendsten Erwerbszweigen des Kunstgewerbes gehörte noch vor nicht allzulanger Zeit die Porzellanmalerei. Betrachten wir uns aber h«eute das Los eines Porzelanlmalers, so müssen wir die traurige Thatsache konstatieren, daß er wohl der eigentliche „Proletarier" des Kunstgewerbes geworden ist. Man darf sagen, daß; hier die Fortschritte in der Technik die Erwerbsverhältnisse geschädigt haben. Nur noch wenige größere Fabriken, vor allen die kgl. Porzellan-Manufaktur in Meißen, betrachten ihre Erzeugnisse noch als wirkliche Kunstprodukte, wählend das Gros aller übrigen Porzellanwaren zur wohlfeilen Jahrmarktsware herabgesunken ist. Fragen wir uns nun, wie nur so kommen konnte, so müssen wir vor allen Dingeri das „Druckverfahren" auf Porzellan in Betracht ziehen. Zu diesem Behuf wird das gewünschte Muster in Stahloder Kupferplatten eingeätzt, von diesen letzteren auf Seidenpapier kopiert und in noch frischem, also feuchtem Zustande auf den betreffenden Porzellan-Gegenstand übergedruckt. Während also derartige Arbeiten früher alle mit der Feder gezeichnet wurden, eine Thätigkeit, zu der man nur bessere Kräfte verwenden konnte, drucken jetzt ein paar Drucker-Mädchen für billigen Lohn in unglaublich kurzer Zeit die Muster in Masse, und bleibt dem Maler nur noch das Kolorieren und die Staffage nebst Rand. Bedenken wir nun, daß früher ein Maler Pro Tag 2—3 bessere Service fertig stellte, so ist er jetzt genötigt, um auf einen Lohn von (sage und schreibe) 18 Mark pro Woche zu kommen, pro Tag 10 Service zu; malen; zahlt man. doch nur für ein Service achtteilig (eine Kanne, ein Sahnentopf und ein halbes Dutzend Tassen dazu) 28 bis 30 deutsche Reichspfennige. Doch wäre noch mancher zufrieden, wenn er das ganze Jahr einen Durchschnittsverdienst von 18 Mark pro Woche erzielte; so kommt aber noch die saure Gurkenzeit vor Weihnachten in Betracht. Während dieser Zeit gießt es für kaum drei Tage der Woche Arbeit. Da war denn die Direktion einer Fabrik so findig, den Malern während der vollbeschäftigten Zeit einen Prozentsatz des Lohnes für die traurigen Weihnachten großi- mütig aufzuheben. Das sieht dann beinahe so aus wie ein Weihnachtsgeschenk; denn der Betrag wurde am heiligen Abend ausgehändigt. Zu dem einfachen Druckverfahren kommt noch der Buntdruck. Bei diesem verfährt man fast genau so wie mit allen Abzieh-Bildern, die man ja schon lange auf Holz, Glas, Eisen usw. verwendet. Doch ist dies immer noch ein geringer Prozentsatz in Hinsicht auf das erstere Druckverfahren. Ist es so die moderne Technik, die der Malerei ins Grab hilft und dem Maler das Leben so sauer wie möglich macht, s o ist man noch in anderer Art und Weise bemüht, dies edle Wirken zu vervollkommnen. Zu keramischen Zwecken verwendet man nur wirklich gutes Gold und Silber, da geringeres Material das Feuer 292 ja im mit be wir nd nur bu sie re und bl ft st ns gu che ns ter ten ken die bei an Be ll ät nes ten fü S- neu tha rei ta le Rösselsprung. Nachdruck verboten Schrift- und Blumenmaler, sowie geübte Kräfte für gutes Hotelgeschirr verdienen ja noch etwas mehr wie das Gros ihrer Kollegen. Verzweifelte Streiks, wie wir sie in Schlesien die letzten zehn Jahre erlebten, legen Zeugnis davon ab, wie faul es im Staate Dänemark aussieht; denn man greift Wohl nicht so leicht zu diesem letzten Mittel, wenn es nicht wirklich die Not erheischt. Wer was hat man erreicht? — Nichts, gar nichts! Man mußte vielmehr froh sein, als reuiger Sünder wieder ausgenommen zu werden; ge- und bedrückter als je zuvor. Erschreckend steht es hier mit dem Lehrlingswesen. Neben einer Gehilfenzahl von ca. 80 wurden in einem mir bekannten Falle an 50 Lehrlinge ausgebildet, oder besser gesagt — nicht ausgebildet. Ostern. Da kommen sie; gestern aus der Schule entlassen, sollen sie recht bald das selbst verdienen, was sie zu des Leibes Notdurft brauchen, und da hat man ja hier die passendste Gelegenheit. Denn man giebt ja bald eine kleine Vergütigung bis der kleine Raphael so weit gediehen ist (nach circa 6 Wochen), daß er Arbeit in Akkord nehmen kann. Fünf Jahre lang dauert dann meist diese Art Lehrzeit. Bei den Löhnen, die man an diese „Stifte" zahlt, verdient man so einen schönen Groschen. Was der Knabe lernt, ist ja, Nebensache; er ist eben Maschine. "Nach' Talent und Zeichen-Unterricht fragt man nicht viel. Hat er den guten Willen und wirklich etwas Talent, so ist es ihm vollständig allein überlassen, sich etwas Höheres Aür die Küche. Sellerie mit holländischer Sauce. Einige Sellerieknollen werden geschält, in Scheiben geschnitten, mit Salzwasser weichgekocht und abtropfen gelassen. Inzwischen rührt nttat 70 Gramm Butter zu Schaum, mischt drei bis vier Eidotter, einen Löffel Mehl, etwas Citronen- saft, Salz und zwei Obertassen von dem Wasser hinzu, in welchem der Sellerie gekocht worden ist, nach. Belieben auch Fleischbrühe, und rührt die Sauce über gelinjdenr Feuer so lange, bis sie kocht, worauf man sie vom Feuer nimmt, 100 Gramm frische Butter noch hinzufügt und über den Selleriescheiben aufgiebt. Als Beilage eignen sich zu dieser Sauce Koteletten oder kleine Bratwürstchen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Der Kampf um'S Dasein. nicht aushalten und verbrennen würde. Um nun keine Kontrolle über den Verbrauch dieser Kostbarkeiten üben zu müssen, hat man die sinnreiche Einrichtung getroffen, daß der Maler Gold und Silber, sowie Farben vom Unter« nehmen kauft. Der Maler erhält dann den pro Service ernschl. Material kalkulierten Preis, und der wird nicht zu Hoch berechnet. Nur mit der Arbeitszeit wird nicht gekargt. Früh 6, spätestens halb 7 Uhr, wenn die Dampfpfeife ihre lieblichsten Töne flötet, — daß uns ein Grauen durch Mark und Bern geht —. stolziert der arme Maler durch das weltgeöffnete Fabrikthor, vorbei am aufmerksamen Portier. Er geht mit wahrer Schaffenslust an die Arbeit; je eine halbe Stunde Frühstück- und Vesperpause, eine Stunde Mittagsrast, unterbrechen das emsige Schaffen, bis es abends 7 Uhr nach Hause geht. Das ganze Jahr ohne eine „wirkliche" Erholungszeit, ein Schaffen ohne Ende. Die bestbezahlten Kräfte sind noch die Herren Ober- maler, die die Muster zu entwerfen und das Ganze zu leiten haben, in der Regel zwei bis drei an der Zahl in größeren Betrieben. Diese führen ja noch ein anderes Leben, obschon man auch an sie gerade nicht geringe Anforderungen stellt. -vt. r e 0 0 n O hm Paul. Einmal wurde dem „Ohm Kruger", kurz nachdem er von Staatswegen für den Bau einer holländischen Reformkirche ein Stück Land, ein „Erf", hergegeben hatte, von -einer jüdischen Gemeinde eine ähnliche Bitte unterbreitet. Der Präsident verspracht seine Einwilligung. Ein jüdischer Freund beklagte sich bei ihm, daß das Stück Land, das sie bekommen, nur halb 1° 9T0Ü ivie das der holländischen Reformkirche sei. „Nun" versetzte Krüger, „was finden Sie unrechtes dabei? Jene glauben an die ganze Bibel, deshalb bekommen Sie ein - ------3 ------ . Erf! Hhr glaubt nur an die halbe Bibel, folglich bekomwt als Jahrmarktstassenmalerei anzueignen. Nur zu oft sieht etn halbes Erf." ___________ ntan dies zu spät ein, und manche verfehlte Existenz ver- I itj. dankt einer derartigen Ausbeutung ihr elendes Dasein. I B-mtrarifCtyCS. Wie mancher talentvolle Junge ging mit Lust und Liebe daran, etwas Ganzes zu werden, etwas lernen zu wollen; aber Not und Sorge, die ihn schon während seiner Lehrzeit oft recht schwer drückten, raubten ihm die Schaffensfreude. Und was wurde schließlich aus ihm? ein Kutscher, Diener oder sonst irgend etwas, nur um das tägliche Brot ’U verdienen. -^I^schTloß (Hackbraten). Fünf Viertel Pfund Ochsenfleisch und fünf Viertel Pfund Schweinefleisch, sechs I Wasserbrotchen in Wasser eingeweicht und ausgedrückt, in putter, Zwiebel und Petersilie gedämpft, werden mit dem ferngehackten Fleisch und drei Eiern gut verschafft Geformt und ge&ratgn. ' Vermischtes. rx Veranschaulichung der äußeren Ge- der Pariser Weltausstellung trägt auch die Lrebrg-Kompagnre bei; sie hat dem bunten Treiben an ber Seme erneu soeben erschienenen Satz von 6 Stück rhrer vrelbegehrten Empfehlungskärtchen gewidmet. Diese neuen „Liebigbilder" führen vier der Hauptgebäude vor ferner das prunkvolle Eingangsthor, über dem sich das Standbrld der Stadt Paris erhebt, endlich die neue Brücke „Mefander III.", alles in vielfarbigem Druck nett und niedlich, wie es die Sammler solcher Karten lieben. Die Rückseite ist praktischen Interessen gewidmet insofern, als fte der Hausfrau eine Anzahl trefflicher Kochrezepte zur Verfügung stellt. — Die Liebig-Kompagnie hat seit 1867 auf so vielen ersten Weltausstellungen die höchsten Auszeichnungen erhalten, daß sie schon 1885 auf jeden weiteren Preisbewerb verzichten konnte: ihr Hauptfabrikat, das Flerschextrakt, ist derart bekannt und begehrt, daß es be- rechtrgt die stolze Bezeichnung „Außer Wettbewerb" tragen darf. Eine Erinnerung an die Anwesenheit des Kaisers »ranz Josef in Berlin bildet die illustrierte Beilage zur neuesten Nummer von „Dies Blatt gehört der Hausfrau!" Verlag: Friedrich Schirmer, Berlin SW., Nenenburgerstraße 14a. Die prachtvollen Bilder m großem Format geben einen erschöpfenden lieberblick über den Fest, schmuck, den Berlin zu Ehren des hohen Gastes angelegt hat, und eines derselben zeigt die beiden Monarchen in dem Augenblick, wo der Oberbürgermeister Kirschner seine Ansprache hält. Auch der übrige Inhalt der Nummer ist reich an Artikeln, die für jede Hausfrau von besonderem Jntereste sind. «ebaltwn: E. Burkhardt. — »ruck und Verlag btt Brüh!'scheu Univcrsttits-Buch. und Stetndruckerei (Pietsch erben) in Dietzen.