Nachdruck verboten. Das Pflegekind. Roman von Elsbeth Meyer-Förster. (Fortsetzung.) Eine halbe Stunde später wurde die Markthändlerin von ihrer Nichte Hedwig geweckt. Hedwig war seit einem Jahre verwaist und von ihrer Tante in Kost mid Wohnung ausgenommen: sie war ein mageres halbverwachsenes Mädchen, mit einem energischen Zwergenkops und struppigen Locken. — „Tante", flüsterte sie, „es muß jemand in den Hof geschlichen sein. Der Pluto winselt wie toll". „Ärei Pfund schwerer", murmelte die Tante, die in festem Schlafe lag und sich in der Zentralmarkthalle glaubte. „Kopf und Beine leg ich noch dazu als Gänseklein". „Tante, ich bin hier, die Hedwig", sagte das junge Mädchen unmutig, „wach doch auf, s'ist jemand auf'm Hof". Allein Witwe Pilz erwachte nicht. „Frau Pilz! Ach machen Sie auf! Der Hund wird so wild, er reißt sich am Ende noch los!" tönte eine zitternde weibliche Stimme von draußen. Hedwig warf ihre schwarzen Locken zurück, Erstaunen flog über ihr Gesicht. Sie ging an die Thür und öffnete. Nettchen stand vor ihr. Hedwig leuchtete ihr in» „Ach verzeihen Sie", flüsterte Nettchen, indem ,ie sich angstvoll hineindrängte. „Ich — ich bin eine alte Be- ■ kannte von Frau Pilz, — ich habe kein Obdach — und — „Man ruhig", sagte Hedwig begütigend, „ich glaub s Ihnen schon, sowas kommt vor" Mit stillem Hantieren ruckte sw der Erschöpften einen Stuhl hin, ging an das Bett zurück und rüttelte die Tante nun mit Anstrengung auf. Frau Pilz erwachte, aber der Vorgang, die Augen aufzumachen und sich emporzurichten, hatte etwas ,o hrls- loses an sich, daß Hedwig noch weiter thatkrüftig eingreisen mußte, um die sonst recht robuste Tante völlig zu ermuntern. . ~ ... Die Witwe war es noch immer gewohnt, in der Früh um 4 Uhr aufzustehen, und ihr Schlaf war gegen die mb saf er Arbeit Bürd' ist leicht, und schwer des Dankes Saft; Arbeite, daß du nur dir selbst zu danken hast. Rückert. Morgenfrühe hin deshalb ein so schwerer, als wolle sie sich in ihm für die Stunden entschädigen, die sie ihren Nächten stehlen mußte. Ohne weitere, vorbereitende Worte nannte Nettchen ihren Namen, und erzählte leise ihr Schicksal. Die Frau im Bett, der wie ein hochgesträubter Hahnenkamm die Nachtmütze auf dem Kopfe saß, hörte schlaftrunken zu, und mußte sehr tief in ihr Gedächtnis zurückgreifen, um sich zu dieser müden Stunde des ehemaligen Zöglings zu erinnern. Aber Hedwig, die ab und zu ging, und im Nebenraum an der Erde inzwischen ein Lager zurecht gemacht hatte, half ihr auf die Gedanken, indem sie dazwischen warf: „Das Fräulein, von dem Du mir so oft erzählt hast, Tante. Die mit den dressierten Gänsen. Fräulein Nettchen, Tante, von damals, als Du noch in der Köpe- nickerstraße wohntest". Endlich dämmerte es der Witwe — der Rest der Verschlafenheit wich. „Ach, die Nettchen — aus der Köpe- nickerstraße — jajajaja — is et woll möglich!" Und nach der Schiffsühr schauend, welche die dritte Morgenstunde zeigte, wurde sie nun pflichtgemäß völlig munter. „Na da jebt mer nur meine Röcke herüber — und die Strümpfe, Mächens. Also Kettchen Brinkmann, — sieh, sieh, sieh. Un wie is ’t denn nu so jejangen mit die Jänse und die Enten? Aber dat Sie sich mal umsehn kommen nach uns, bet is doch schön von Ihnen". In dieser geschwätzigen, ruhigen Weise ging es eine Weile fort, während Hedwig sich wieder hinaus in ihr Bett in der Küche begab, und die Witwe die Spiritusmaschine bereit stellte und Kaffee zu mahlen begann. „Keene Unterkunft nich jehäbr die Nacht? Tja, ja ja, so jeht's mit die armen Mächens, die nich Vater und nich Mutter haben, und en schlechten Mannsbild in die Hände fallen, und so war't ja auch mit Hedwigen, aber die is ja nu bei mich unterjekrochen". Nettchen sauste es in den Ohren. .Sie hatte geglaubt, eine Welt von Schicksal, Unfaßbares, Unaussprechliches erlebt zu haben, und diese einfachen Leute sprachen von allen diesen Thätsachen wie von etwas ganz Natürlichem, — um das es sich nicht lohnte zu klagen. . „Nur nich den Kopf hängen lassen", sagte Witwe Pilz, „Sie waren immer so en düchtijes Mächen, — det renkt sick allens wieder in im Leben, und Arbeit Hilst über allens fort!" Nettchen hörte auf die klaren, banalen, und doch so lebenswahren Worte. Sie sah in das gutmütige, von Mühe und rastloser Arbeit gleichsam durchfurchte Gesicht, und Ruhe senkte sich wieder in ihr Gemüt. — Die Sonne ging auf, und in dem kleinen Stübchen, dessen Fenster aufs grüne Ackerland blickten, irrte der erste, schwache Schein über den blankpolierten Eßtisch. 226 Die Kaffeekanne dampfte auf dem Tisch, und Witwe Pilz, trotz des Sommertags in Jacke und Mütze verpackt, wie ein Lappländerweib, rüstete sich zu ihrer Marktfahrt. — „Js jarnichs zu danken", wehrte sie die Worte Nettchens ab, die ihr auf den Hof gefolgt war, um der Abfahrt 6ei« zuwohnen. „Un is auch nix zu helfen, det macht sich die Pilzen schon älleen. Nu man rasch mit Ihnen noch: ne Weile in't Federnest, und denn wird die Hedwig Sie nach Berlin mitnehmen. Die hat en Schnabel für Zwee. Da wär't doch en Wunder, wenn sich für Sie nischt finden sollte". Der Gaul vor dem Bretterkarren griff aus, das Federvieh rückte mit lautem Gackern durcheinander, und die Vieh-Equipage setzte sich in Bewegung. Nettchen stand int Hofe und blickte dem altbekannten Gefährte nach. Ja, Gott hatte es gut mit ihr gemacht. Freundliche Menschen, freundliche Worte, und eine Ruhestätte für ihr Haupt, und die Hoffnung auf Arbeit und neues Leben! Sie blickte über die Felder hin, die rings herum int Morgensonnenglanze lagen. Eilt Berliner Zug flog vorbei, dem Schöneberger Bahnhof zu, und in seinem schrillen Pfiff lag etwas wie fröhliche, ermunternde Aufforderung. — Als Nettchen wieder das Haus betrat, war Hedwig aufgestanden; Neugier und Mitteilsamkeitsbedürsnis hatten sie schließlich nicht mehr schlafen lassen. „Kommen Sie von außerhalb?" fragte sie und ohne eine Antwort abzuwarten setzte sie verständnisvoll hinzu: „Dann suchen Sie wohl Arbeit hier?" Nettchen nickte stumm und setzte sich an den Tisch. Um einen Gefühlsaustausch mit dem fremden Mädchen war's ihr nicht zu thun. Mechanisch blickte sie den häuslichen Verrichtungen zu, die Hedwig nunmehr unternahm, dem Herumstoßen und Schieben der Stühle, Tische sowie dem polternden Zurechtrücken aller Gegenstände. Und während sie dieser kleinen, wichtigen Person zusah, deren possierliches Zwergengesicht bei diesen Beschäftigungen von so heiligem Ernst erfüllt war, mußte sie zum ersten Mal seit Langem lächeln. „Ich bin bei Renzen, int Zirkus, als Garderobiere", sagte Hedwig, während sie geschäftig einen alten Lehnstuhl iti den Rücken stieß. „Dort sollten Sie auch Ihr Heil versuchen. Arbeitspersonal wird dort immer gebraucht. Und wenn ich Sie befürworte, kann's Ihnen nun und nimmer fehlen".-- Mit der Großbeerenstraße war int Laufe der letzten Jahre eine Wandlung vorgegangen: der Ausläufer dieser Straße, der Kreuzberg war zu einem prachtvollen Schmuck- und Schaustück umgewandelt worden, herrliche saftiggrüne Abhänge warfen ihren sanften Schatten auf die sonnenglühenden Trottoirs, Kaskaden sprudelten über groteske Felsblöcke, und schattige Parkwege zogen sich im Gürtel des reichbebauten Hügels hin. Ruheplätze in friedlichen Grotten, Blumenflor, seltene Bäume und Pflanzen, eine ganze Miniatur-Alpen-Szenerie lockte alltäglich seit „Eröffnung" der Berglandschaft die schaulustigen Berliner in Völkerströmen an diese neugegründete Erholungsstätte, die mit einem Schlage der öden und abgesonderten, südwestlichsten Vorstadt einen heiteren, beinah glänzenden Charakter verlieh. Im Nu steigerten sich die Mietspreise in den Wohnungen der anliegenden Straßen, der reiche Menschenverkehr brachte neue Verkehrsmittel mit, und auch für die Geschäfte der vernachlässigten Gegend eröffneten sich günstigere Chancen. — Nur in Prechtler's Drogenhandlang war der Geschäftsgang verhältnismäßig flau und kein besonderer Fortschritt gegen die vorhergehenden Jahre zu bemerken. E. Prechtler, der das Geschäft vor einigen Jahren gegründet hatte, war in Konkurs geraten; von diesem hatte Paul Brinkmann den Laden übernommen, jedoch auf dem Ladenschilde die Firma Prechtler weiter bestehen lassen. Nach dem großen Brande, der das gesamte Lager zerstörte, hatte sich der neue Besitzer vom Geschäft zurückgezogen, und führte nun der bisherige Hausdiener immer noch unter der Firma Prechtler, den Handel fort. Man wußte nicht, — war er der nunmehrige Besitzer, war er Pächter oder nach wie vor Angestellter? Außer den Behörden, die geschäftlich mit Ladeninhabern zu thun haben, kümmerte sich niemand weiter darum. Der verschlossene und schweigsame Mann, der hinter der Ladentafel waltete, forderte niemanden zu besonderer Anteilnahme heratts. Karl, der einstige Knecht war's, der seit dem großen Brandunglück in Vertretung seines Prinzipals das Ladengeschäft leitete. — Der Keller, in welchem seinerzeit die Flammen so wüst gehaust hatten, war zu einer Wohnung hergerichtet worden, und in der Fallthür, die zu ihr hinnnterführte, erschien mitunter eine blonde, etwas bäurisch ausfehendc Frau, die freundlich nach dem Begehr ihres Mannes fragte. Dann reichte er ihr die Flaschen herab, die Töpfe oder Kruken, die er aus dem „Vorrat" gefüllt haben wollle, und sie verschwand wieder in der Versenkung, um das Gewünschte aus dem Lager herbeizuholen. Das Lager war auf den kleinen Ratun beschränkt, der früher zum „Laboratorium" gedient hatte; es enthielt nur die allernotwendigsten Bedarfsmittel, denn Karl war ein fast geizig sparsamer Verwalter, und besann sich tagelang, ehe er eine neue Bestellung unternahm. Aus dieser Sparsamkeit erwuchsen natürlich mitunter ziemlich arge Verlegenheiten, aber wenn Anna freundlich mahnte: „Laß neuen Vorrat kommen, Karl", schüttelte er nur hartnäckig den Kopf: „Nein, Anna, erst müssen die alten Posten beglichen fein". — Mitunter, wenn er die Treppe zum Keller hinunter- stieg, in dem er sich sein Heim geschaffen, und sein Blick auf die Aushöhlungen in den Treppenstufen fiel, die noch von dem Brande herdatierten, überkam ihn die ganze Erinnerung an das Unglück; wie sich Kugeln an eine Kette reihen, trat ihm die ganze Folge von Vorfällen, die dem Ereignis nachgefchritten waren, vor das geistige Auge: Seine Einlieferung in's Krankenhaus, die Verwüstung, die er int Geschäft vorgefunden, wie er nach einem Monat als geheilt entlassen, die Unglücksstätte wieder betrat; der Anblick, welchem ihm der „Wohnraum" bot, — Paul gedanken- abwesend, gebrochen in dem alten Ledersofa sitzend,, wäh^- rend das Kind zu seinen Füßen spielte, und die Großmutter hinter der Ladentafel den Verkauf besorgte. — — Wie ein Blitz war ihm der Gedanke durch den Sinn gezuckt: Die junge Frau ist tot!! Da kam das Sümmchen des kleinen Paul aus der Ecke und gab ihm in ahnungslosen, sanften Kinderlauten die schreckliche Gewißheit. — „Karl, Mütterchen ist gestorben ! Abends wenn id), bete, kommt Mütterchen immer und deckt Paulchen im Bette zu". Schluchzend, zitternd wie ein Kind, hatte Karl dem jungen Manne die Hand geschüttelt. Mer Paul hatte nur kraftlos erwidert: „Schon gut — schon gut, — totr wollen nicht davon sprechen." Und plötzlich, wie ein Quek ausbricht aus vereister Decke, waren verzweifelte Worte über seine Lippen gedrungen: „Nehmt mir diese Last ob, dies Geschäft, das mich foltert und quält. Ich kann nidjt rechnen und feilschen, mein Kopf ist wirr, ich habe meine, Frau begraben, mein Glück — ich will nichts mehr wisse« vom Leben."---- So war Karl wieder in das Geschäft eingetreten, und nahm vom ersten Tage an alle Lasten und Verpflichtungen, bereit Paul so rasch überdrüssig geworden, allein auf seine Schultern. Bald gestaltete sich das Verhältnis so, daß Paul nur täglich einmal erschien, um pflichtgemäß nach dem Rechten zu sehen. Aber immer schwerer wurden Paul diese notgedrungenen Gänge, immer unlieber löste er sich aus der Einsiedelei, die er sich und den ©einigen geschaffen, los, um sich den verhaßten Geschäften zu widmen. Die schlechten Resultate, die Karl ihm trotz aller Vorsicht nicht verhehlen konnte, ließen ihn kalt. Der pekuniäre Niedergang, der ihn immer mehr bedrohte, beunruhigte ihn nicht. Eine traurige Veränderung war mit ihm vorgegangen. — Anteillos ließ er das Leben an sich vorüberziehen. (Fortsetzung folgt.) Moderne Wundeckinder. (Nachdruck verboten.) Unter der großen Zahl von Streikführern und sozialistischen Agitatoren in Amerika befindet sich ein vierzAn- jähriger Knabe Namens Samuel Gladstone, von dessen Em- — 227 — Mß auf bie Leute Tit-Bits erstaunliches zu berichten weiß Er soll sehr gefürchtet sein und nicht gerade die Liebe der großen Arbeitgeber in ten Vereinigten Staaten genießen Wie er zu dem verantwortlichen Posten der Streikführer gekommen ist, weiß niemand zu sagen; doch half ihm dabei ohne Zweifel seine mächtige Beredsamkeit. Samuel Gladstone behauptet, geborener Russe zu sein; wie er nach Amerika und zu dem berühmten Namen kam, verrät er niemand. Als Gegenstück zu Gladstone giebt es in Chicago einen zwölfjährigen, wenn auch älter aussehenden Knaben, Namens George Stern, der Werkführer in einer großen Fabrik ist, und etwa 80 Männer und Knaben zu beaufsichtigen hat. Er steht in hoher Achtung bei den Leuten, und seine Chefs haben alle Ursache, mit dem Erfolge ihres etwas gewagten Experiments, einen so jungen Burschen über so viele Erwachsene zu stellen, zufrieden zu sein. Ein bedeutender Reformator in Amerika ist James Washington, der 1890 geboren wurde, also erst 9 Jahre alt ist. Er ist Neger und stammt aus dem Staate Arkansas, wo er auch zuerst predigte. Er soll fast ohne fremde Hilfe lesen gelernt haben, ist aber jedenfalls so begabt, daß er fast die ganze Bibel auswendig weiß und über jeden Bibeltext aus dem Stegreif reden kann. Das erste Mal, als er in der Kirche predigte, war er so klein, daß er aus einem Stuhl und einem dicken Buche stehen mußte, um über die Kanzelwand hinwegsehen zu können. Und doch besitzt er die Macht, seine Zuhörer zu Thränen zu rühren, und hat sehr großen Einfluß auf Negergemeinden, die überall zuströmen, wo er eine Ansprache halten soll. Vor kurzem bereiste er die größten Städte der Vereinigten Staaten und erregte überall Aufsehen durch seine Beredsamkeit und feine seltene Bibelfestigkeit. Eine berühmte Pariser Schneiderfirma hat zur Beaufsichtigung und Unterweisung von 40 bis 50 geschickten Arbeiterinnen ein dreizehnjähriges Mädchen angestellt, das alle Direktricen in ähnlichen Stellungen durch seinen seinen Farbensinn übertreffen soll. Die Kleine hat volle Autorität über die Näherinnen, und es kommt kein Kleider- entwurf in das Geschäft, dessen Farben und genaues Material sie nicht bestimmt. Amerika scheint mehr Wunderkinder hervorzubringen als die alte Welt. Bis vor kurzem lag das Geschick einer mehr oder weniger einflußreichen Zeitung der Vereinigten Staaten in der Hand eines fünfzehnjährigen jungen Herrn, der seine schweren Pflichten bewundernswert erfüllt zu haben scheint. Er behielt alle irgend wichtigen Daten im Kopf und führte eine ziemlich scharfe Feder. Als er nach elfmonatlicher redaktioneller Thätigkeit im Alter von 15 Jahren starb, verlor die Zeitung einen wahrhaft fähigen Herausgeber. Diese Mitteilung ist allerdings etwas stark amerikanisch. Es ist merkwürdig, daß fast alle jugendlichen Prediger Amerikas, und es giebt deren viele, Neger sind. Der jüngste ist ein Negerknabe Namens Laurence Dennis und wurde in Georgia geboren. Er soll erst fünf Jahre alt sein, und doch schon eine große Macht über seine Mitbrüder besitzen. Als er in Nerv-Pork kürzlich eine Ansprache an eine Versammlung hielt, begeisterte er feine Zuhörer derart, daß einige Frauen sogar ohnmächtig wurden; es ist aber nicht ausgeschlossen, daß auch die drangvoll fürchterliche Enge und die schlechte Luft Schuld daran trugen. Wer Gelegenheit gehabt hat, mit ihm privatim zu sprechen, konstatiert, daß seine Bibelkenntnis und sein meisterhaftes Verständnis nicht geringer sei als die eines alten Theologen, der sein ganzes Leben religiösen Studien gewidmet hat. — Der Tiefbrand, ein Rivale des Holzbrandes. 'Seit Bekanntwerden des Platin-Brennapparates hat derselbe eine ungeahnte Verbreitung, insbesondere in der Frauenwelt, gefunden. Während die Frau außer Stickerei und Häkelarbeiten und sonstigen unter dem Sammelbegriff „Frauenarbeiten" zusammengefaßten Beschäftigungen auch die Zeichenkunst und Malerei auf Leinwand und Porzellan in den Kreis ihrer häuslichen Künste zog, strebte sie immer mehr auch darnach, bett vielen Hundert mehr oder minder nützlichen Gegenständen ihrer Umgebung ein künstlerisches, oder sagen wir wenigstens rin verfeinertes Gepräge zu geben. Indessen erwiesen sich Stift und Hinsel gar häufig als unzulängliche Hilfsmittel, zumal wenn eS sich darum handelte, den mancherlei beliebten Geschenkgegenständen aus Holz malerischen Schmuck zu verleihen. Kein Wunder also, daß sich der Holzbrand, kurz nach seinem Bekanntwerden, viele Freunde und Freundinnen erwarb; schien er doch eher halten zu können, was man von der Malerei so gerne verlangt hätte: Dauerhaftigkeit, auch im täglichen Gebrauch! Es ist nun außerordentlich schwer, mit dem seither benützten Platina- stift, der die Form eines kurzen, etwas dicken runden Nagels hat, Gegenstände, besonders solche, die zum Gebrauch bestimmt sind, dekorativ so zu verzieren, daß sie auch von größerer Entfernung gesehen, einen ruhigen, geschloffenen Gesamteindruck Hervorrufen, da der Stift bei einem dahin zielenden Versuche gleich zu breite, plumpe und ungleichmäßige Striche liefert, die jedoch von geringerer Tiefe sind. Verwendet man nun aber einen Stift, der die Gestalt eines kleinen Meffers hat, so ist es sehr einleuchtend, daß man mit einem solchen Instrumente leicht schneiden, (tiefe Linien ziehen), Einkerbungen machen tarnt, ohne von der Richtung der Holzfasern so sehr abhängig zu sein, als wenn man ein anderes Schneide-Werkzeug benützte. Auch daß die Arbeitsleistung eine ziemlich große fein muß, ist leicht vorauszuseheu. Bon diesem Prinzip ausgehend, konstruierte der Maler Adolf Richter in Stuttgart seinen Tiefbrandstift, den er noch in mancher Hinsicht verbesserte, mit einer selbstthätigen Rauchabblasevorrichtung versah, und der an jedem seither im Gebrauch befindlichen Benzin-Holzbrenn- apparat angeschrauht werden kann. Im Anfang suchte Richter allein durch tiefgebrannte Linien, die eine Tiefe von 3—5 Millimeter hatten und eine Breite von 1 Millimeter bis 3 Millimeter, zu wirken, dann kam das Ausbrennen des Grundes hinzu, der in verschiedener Weise hergestellt, eine ganz verschiedenartige Wirkung hatte. Diese Ausgründungen, die geschuppt oder gestreift nsw., die Zeichnung ganz besonders hervorhoben, verliehen den Arbeiten eine gewisse Aehnlichkeit mit der gotischen Flachschnitzerei, bewahrten aber doch dem Tiefbrand seinen ihm ausgesprochen eigentümlichen Charakter. Um aber diesen Charakter noch mehr zu betonen, kam R. auf die Idee, den Grund vermittelst des Brennstiftes völlig zu durchbrechen; dazu war die Konstruktion eines neuen Stiftes notwendig, den er in 2 Formen Herstellen ließ, — 3 und skantig. Mit diesen Stiften konnte das Holz, wo dasselbe den Grund einer Zeichnung darstellte, mit leichter Mühe und rasch durchbohrt werden, sodaß der ganze Grund netz- oder maschen- artig durchbrochen erscheint, und vor allem durch die 3kantigen Löcher, welche durch die Eigentümlichkeit ihrer Form immer an einander Passen und einander ergänzen, besonders reizvoll gestaltet werden. Hier erzielt der Tiefbrand Wirkungen, welche ihm von keiner anderen Technik streitig gemacht oder nachgeahmt werden können. Damit ist aber der Tiefbrand noch keineswegs an den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit angelangt, im Gegenteil, dies war der Anfang derselben, und auf diese Fähigkeiten baut der Tiefbrand seine vielseitige Verwendbarkeit auf. — Wenn wir oben darauf hmgewiesen haben, daß der Brennstift als Messer verwendet werden kann, so nimmt es uns nicht mehr wunder, daß sich Ornamente, Blumen, stilisiert und naturalistisch, plastisch — als Hochrelief — durch den Brennstift darstellen lassen. Kommt noch der durchbrochene Grund dazu, so erhält man Prachtvolle Wirkungen. Diese erinnern an die wunderbaren Arbeiten indischer Kunst. Der Brennstift hat nun seine Eigenschaft als „Stift" (Zeichenstift) ganz ver. loren; man hat beim Brennen die Empfindung, als arbeite man, wie der Modelleur mit seinem Modellierholz, in Wachs oder Thon. — War man bislang nur auf die Oberfläche des Holzes angewiesen, so hat man nun das befreiende Bewußtsein, etwas aus der Tiefe, dem Körper des Holzes, „herauszuarbeiten". Man „brennt" die Grundflächen tief heraus, bis 5 Millimeter und mehr, „unterbrennt" die Blätter und Blumen, um sie „freizulegen" auf dem Grunde, „modelliert" diese „durch", immer wieder mit einer rauhen Bürste die Kohle statt den Schnitzeln, wegschaffend. Etwas Wasser schützt vor dem Entflammen des Holzes und härtet dasselbe unter der Glut des Stiftes. Dabei bekommt die Arbeit einen schönen braunen Ton, deren erhabene Stellen sich wieder heller schleifen lassen um nachher beliebig gebeizt ein fchöues, der Natur des Holzes entsprechendes Kolorit annehmen, wodurch die Wirkung der plastischen Arbeit zu ihrem vollen Wert gebracht wird. Es wird aber nicht Aufgabe des plastischen Tiefbrandes fein, etwa mit der Holzschnitzerei in Konkurrenz zu treten, ober biefe gar Verbrängen zu wollen. Der Tiefbrand hat seine Eigentümlichkeiten, eine gewisse flotte Ungenauigkeit, sagen wir — Unschärfe —, die Formen sind rundlich, weich, und dem Charakter des Holzes durchaus angepaßt; da die Modellierung der Formen auf einem ganz natürlichen Vorgang beruht — auf dem Wegbrennen des Holzes —, so ist dem Material absolut kein Zwang angethan, und die Arbeit verrät aus den ersten Blick den Stoff, aus dem sie besteht — Holz. Arbeiten, die in Tiefbrand hergestellt find, verblassen nie, nützen sich auch nie ab, gestatten eine hohe künstlerische Vollendung, und erweisen sich für den Gebrauch äußerst praktisch. Richter hat ganze Zimmereinrichtungen in dieser Technik hergestellt und den Beweis erbracht, daß man es hier mit keiner Spielerei, sondern mit einer neuen Kunstform zu thun hat, die sich sicherlich eine Zukunft erobern wird, und zu einem sehr beachtenswerten Zweig des modernen Kunsthandwerks sich entwickeln dürfte. Bielen Leserinnen und Lesern wird es erwünscht und erfteulich fein, sich mit dieser neuen Technik näher bekannt zu machen, zumal sic sich auch ganz besonders für Liebhaberkünstler durch ihre große Ver» — 228 — »endbarkeit für Sachen verschiedenfachster Art eignet, die unserem täglichen Gebrauch dienen, sowie durch ihre, bei einiger Hingabe und Ausdauer leichte Erlernbarkeit. Die nötigen Aufschlüsse giebt eine vom Erfinder selbst geschriebene Anleitung, die stnsenweise, an der Hand sehr zahlreicher Beispiele (über 100), welche in photographischer Treue nach reichlichen Tiefbrandoriginalcn hergestellt, in diese Technik einführt. Das Büchlein erscheint in dem Verlag von Otto Maier, Ravensbnrg, unter dem Titel: „Anleitung zur Ausführung des Tiefbrandes von Adolf Richter". Zur Einführung in den „Tiefbrand" werden Anfängern und Geübten passende Vorlagen erwünscht sein, die leicht ausführbare und wirkungsvolle Gegenstände enthalten. Diesem Wunsche kommt ein ebenfalls im Verlage von Otto Maier in Ravensbnrg, erscheinendes Borlagenwerk zu Hilfe. Dasselbe erscheint in Heftform, 40 zu 30 Zentimeter groß; jedes Heft enthält außer einer farbigen Tafel, auf der die Gegenstände in ihrer farbigen Erscheinung perspektivisch dargestellt sind, 4—5 Detailbogen im Format 60 zu 80 Zentimeter. Auf diesen Detailbogen sind sämtliche Gegenstände in ihrer natürlichen Größe dargestellt, sodaß die Zeichnungen unmittelbar zum Aufpausen auf die Gegenstände verwendet werden können. Der Preis einer solchen Lieferung beträgt 2*4 Mk. im Abonnemet (1 Serie umfaßt 5 Lieferungen). Einzelne bezogen kostet eine Lieferung 3 Mark. Jede Lieferung enthält eine große Anzahl von Gegenständen, deren Verzeichnis man aus dem Prospekte ersehen mag, den der Verlag, von Otto Maier in Ravensburg gratis versendet. GEeiMnNtziges» Waschen der Schwanen- und Straußenfedern. Man bereitet aus lauwarmem Wasser und guter Waschseife eine schäumende Lauge, schwenkt die Federn ofti darin durch, spült sie in reinem Wasser, drückt sie leicht aus und zieht sie dann nochmals durch Wasser, in welchem etwas Berlinerblau aufgelöst worden ist. Abermals leicht ausgedrückt, hängt man sie zum Trocknen in die Sonne oder gegen den warmen Ofen. Vermischtes. Das Glück von Edenhall ist eine Fabel, so belehrt in ns Professor Hausknecht in „Herrigs Archiv". Der sagenhafte Becher ist vollkommen heil, und noch iw unseren Tagen wird bei besonders feierlichen Gelegenheiten daraus vergnügt getrunken. Das von Uhland besungene Trinkgefäß befindet sich noch heute unzerbrochen im Be-> sitze der altangesessenen Familie Musgrave in Eden Hall, einem kleinen Dorfe am Flusse Eden, unweit Penrith in Cumberland; dort wurde z. B. am 16. Dezember 1892, als die Tochter des Hauses, Miß Zoe Musgrave, dem Mr. Fargwharson aus Jnvercauld ihre Hand zum Ehebunde reichte, ein kräftiger Trunk aus dem alten Krystallbecher gethan. Bekannt ist außerdem, daß Longfellow die Ballade Uhlands als „Luce of Edenhall" übersetzt hat, diesem hat bereits im Jahre 1868 der damalige Besitzer des Bechers, Sir George Musgrave, das Glas gezeigt und bähet nicht unterlassen, ihm seinen Unmut über den unschönen Ausgang „seines" Gedichts kundzuthun, indem er dies als eine „durchaus unerlaubte Ueberschreitung der poetischen Licenz" bezeichnete. Interessant ist ferner die Sage, wie das fabelhafte Krystallglas in den Besitz des Hauses Musgrave gelangt ist. Einer der Ahnherren verirrt sich auf her Jagd und entschlummert auf grünem Rasen. In mystisch bleichem Mondlicht erwacht der Ritter; ein Chor von 1200 Elfenrittern führt mit den Elfinnen seine nächtlichen Tänze aus, ein Bankett folgt, und Titania, die Elfenkönigin, präsidiert mit Oberon der Tafel. Dieser bringt seiner Königin einen prächtigen Würztrankbecher dar, während die Sänger ein Hoch ausbringen — da ergreift Musgrave blitzschnell den bezaubernden Becher, schwingt sich auf sein treues Roß, das ihn sicher durch die Fluten trägt, und 'vom andern Ufer tönt ihm der Scheidegruß der Elfen nach: Glück jauchzen sie ihm zu ob seiner .Kühnheit, Glück ihm und seinem Banner. — „Doch, bricht je der Becher, kommt er zu Fall, leb wohl dann, du Glück von Edenhall". In dieser authentischeren Fassung hat der englische Dichter Jeremiah Holmes Wissen (1792—1838), die Sage vom Glück von Edenhall verherrlicht. Litterarisches. Die Chemie. Eine Schilderung der chemischen Großindustrie. Bon Dr. Wilhelm Bersch. Mit 730 Abbildungen, darunter zahlreiche Vollbilder. In 30 beliebig abnehmbaren Lieferungen (zusammen 60Bogcn) zu je50 Pfg. vollständig ausgegeben. Auch komplett gebunden zu haben, in Prachtband, für nur 17 Mark 50 Pfennig und geheftet in drei Abteilungen, jede für 5 Mark. (A. Hartleben's Verlag in Wien.) Die Naturwissenschaft nimmt heute eine führende Stellung ein. Sie erfüllt ihre Aufgabe, die ewigen Naturgesetze zu ergründen, gleichzeitig ebnet sie dadurch aber auch neuen Industrien die Wege zu mächtiger Entwickelung. Besonders ein Zweig der Naturwissenschaft, die Chemie, hat auf diesem Gebiete in den letzten Decennien Großes geleistet, und an der Schwelle eines neuen Jahrhunderts muß man ihr ein noch günstigeres Prognostiken für die Zukunft stellen. Sie beherrscht heute fast alle Zweige der Industrien; denn aus einer Anzahl rein chemischer Vorgänge setzt sich fast jeder Vorgang in der Natur zusammen, und auch unser tägliches Leben geht in letzter Linie nach chemischen Grundsätzen vor sich. Leider ist die Chemie aber ein nur wenigen Eingeweihten vertrautes Gebiet. So mancher wird abgeschreckt, sich näher mit dieser Wissenschaft der Wissenschaften zu befassen; denn er glaubt, dies könne nur nach Ueberwindung einer den Geist tötenden Vorschule geschehen. Daß diese Ansicht nicht zutreffend ist, zeigt der vorliegende Prachtband „Die moderne Chemie". Der Autor schildert darin alle chemischen Industrien, er versteht es, auch den Laien mit ihren Grundlagen vertraut zu machen, ohne besondere Borkenntnisse vorauszusetzen. Dadurch vermittelt er dem Leser aber auch gewissermaßen den Geist der neuen Zeit, die, von den einigen Wahrheiten der Naturwissenschaften ausgehend, es versteht, sie für die Zwecke der Praxis und der Allgemeinheit umzumünzen. Da aber heute die Chemie säst alle Zweige der Industrien beherrscht, muß der Gebildete auch mit ihren Grnndzügen vertraut sein. Em wirklich populäres Buch über dieses hochwichtige und interessante Thema haben wir bisher entbehrt. „Die moderne Chemie füllt diefe Lucke unserer Litteratur aus, und nicht nur die zahlreichen, großen Etablissements entnommenen Abbildungen, sondern auch der gediegene Inhalt machen das Werk zu einem Nachschlagebuch und trefflichen Ratgeber, der für alt und jung dauernd seinen Wert behalten wird. Dev Gartenfreund. Organ der Bayer. Gartenbaugesellschaft in München. Erscheint monatlich einmal. Preis vierteljährlich 60 Pfg., jährlich Mk.2.40. Zn beziehen vom Verlag Val. Höfling in München, durch jede Buchhandlung und jede Postanstalt. — Die Zeitschrift, die mit dem 1. April neu ins Leben trat, erhält den praktischen Gärtner aus dem Lausenden über das Wichtigste, was sich in seinem Berufe erreignet, dient aber in erster Linie den Freunden der Blumen- und Obstbanmpflege. Um ihre Anschaffung jedem zu ermöglichen, der ein Gärtchen besitzt oder auch nur im Zimmer einige Zierpflanzen kultivieren möchte, wurde der Preis so außerordentlich niedrig gestellt. Probe- nummern versendet der Verlag kostenlos auf Verlangen. Inhalt der Nummer 1: Die empfehlenswertesten Zimmerpflanzen (mit 2 Abbildungen). Die Zimmerpalmen und ihre Behandlung (mit 4 Abbildungen). Die geeignetsten Zimmerpflanzen und ihre Kultur. — Pflanzenkrankhelten und Pflanzenschädlinge und deren Bekämpfung. — Neue und empfehlenswerte Pflanzen. — Vereins- und Ausstellungsangelegenheiten. — Bücherbesprechungen. — Anzeigen und Empfehlungen. — Programm der Blumenausstellung in München am 28. April bis 6. Mai 1860. — Kurze Mitteilungen aus dem Thätigkeitsbericht der Baier, ©arten»: bangesellschaft. Skataufgave. Nachdruck verboten. (Bei französischen Karten gilt Treff gleich Eichel, Pique gleich Grün. Coeur gleich Rot, Garreau gleich Schellen.) Mittelhand sagt Grand auf folgende Karten: Obgleich die Wenzel der Gegner verteilt stehen, geht das Splel verloren. Vorhand hatte 16, Hinterhand 29 Augen in ihren Karten. Ww saßen die übrigen Karten und wie war der Gang des Spieles? Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer. Baleeren - Ebro — Reinhold — Lederhose« — Indigo — Nachtigall; Berlin, London. Redaktion: «. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Umserfitätr-Buch- und Stemdruckerei (Pietsch Erben) m Bteße«.