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Zwei Wittwen — eine junge und alte, Mutter und Tochter — bewohnten sie mit dem kleinen Paul, dem Sohn unb Enkel, ein kleines Quartier in Berlins Vorstadt, weit draußen, wo die Fluten der Millionenstadt verebben, und kleinbürgerliche Ruhe und Behaglichkeit zu beginnen scheinen Wie es das Los der Witwen ist, war es auch das ihre, sich im stillen Lebenskreis der alleinstehenden Frau ochne Aufsehen und Variationen fortzubewegen, beit eng gezogener Pflichten nachgehend, die in der Erzieh- 'ung des Kleinen gipfelten. Still und bescheiden, wie sie beide selbst, wäre der Kleine eine völlig anspruchslose Existenz gewesen, wenn sie nicht in übergroßer Zärtlichkeit ihn zum Inhalt ihres ganzen, beiderseitigen Daseins, aller ihrer Hoffnungen, Wünsche, aller ihrer Schmerzen und Freuden gemacht hätten. Es war vielleicht zu viel, was so Jahr aus, Jahr ein an Uebergewalt der Liebe auf den Knaben hereinbrach; sein zartes Dasein schien dem Ansturm nicht gewachsen. Denn je mehr er heranwuchs, desto stiller, verschlossener wurde er, desto mehr begann er einem kleinen, ernsten Herrn zu gleichen, der sich keinen Ueberschwang der Freuden mehr gestattet. Mit zehn Jahren hätte er als Musterkind gelten können, was seine tadellose Artigkeit, seine Stillheit, unmenschliche Folgsamkeit und Bescheidenheit anbetraf. Aber sein Gesichtchen war bleich, sein Blick voll schwermütiger Frage, und der kurze Fuß, der ihn von Geburt an mißstaltete, schien schwerfälliger und unfroher zum Lausen zu werden von Tag zu Tag. „Der Junge Ivar zu einsam", sagte der Arzt. „Er welkt. Ihm fehlen Geschwister. Geben Sie acht, daß er nicht ganz melancholisch wird." Die ärztliche Mahnung veranlaßt größte Bestürzung im Hause. Wenn das Kind melancholisch wird, wenn Paul- chen nicht mehr mit seinen kurzen Sätzen durch die Stube eilen wird, mein Gott, wie wird ihnen da zu Mute sein? on Arbeit stickt kein Mensch; aber von ledig und müßig gehen kommen die Leute nm Leib und Leben; denn der Mensch ist zur Arbeit giboren, wie der Vogel zum Fliegen. 4- Luther. Diese beiden Frauen, Mutter und Großmutter, leben ja nur nur in dem Kinde, das Stelzen des kurzen Fußes ist in seinen verschiedenen Abstufungen der Gradmesser für ihr bißchen menschliches Leid und Freud, und der Ausspruch des Arztes versetzt sie in dumpfe Beklemmung. Ja, wenn Paulchen Geschwister hätte! Den ganzen Tag kursiert dieser erfolglose Wunsch zwischen ihnen; die Großmutter blickt die Tochter an; diese verstohlen während ihrer Küchenarbeit immer wieder zur Großmutter hin. Sie grübeln über den Worten, die eine so neue Perspektive für das Dasein des Kindes eröffnen. — — Endlich kommt der Großmutter ein Blitzstrahl der Erleuchtung: „Wir nehmen ein Pflegekind." Nach Tagen der Beratung, Tagen der Aufregung in dem sonst so stillen Hausstand wird die Sache perfekt gemacht. Die Großmutter schreibt an die Armendirektion in ihrem ostpreußischen Heimatsort: Sie bäte um „ein Waisenkind". Und überpünktlich, ja mit der Promptheit eines Eil- packets, trifft das kleine Unglückswesen in Berlin ein. Es ähnelt durchaus nicht einem verhungerten Zicklein, wie die mitleidige Großmutter von vornherein vermutete. Es ist vielmehr ein dickes, hübsches, dralles Ding, von strotzender Gesundheit, das in das kleine Hauswesen hineinwirbelt wie ein Sturmwind. Annette heißt es. Aber die Großmutter, die den Namen für „ausländisch" erklärt, tauft's in Nettchen um. Es macht sich's gleich schön mollig und bequem im Hause, langt sich sofort ein Glas Bier vom Tisch, das für die schwächliche Mutter hingestellt war, und springt dann der Großmutter aus den Schoß, von dem es den Paul hinunterstößt. Alle sind etwas deprimiert. Sie dachten sich mehr so ein lenksames Waisenkind, mehr automatenhaft, das mit dem Paul spielt, wenn es spielen soll, und dann für die übrige Zeit wieder hübsch zusammenzurollen und beiseite zu legen geht. Davon ist aber bei Nettchen nicht die Rede. Das müssen sie bald einsehen lernen. Das Nettchen dominiert gar bald im Hause. Es ist geschwätzig wie eine Elster, wild wie ein Bock, und führt das große Wort. Mit dem Paul geht's gar nicht sanft um. Er springt ihr nicht rasch genug, was er macht ist alles schwächlich und halb, seine Peitschenschmitze gehen von selbst aus, wenn er tuscht ist es blaß wie Wasser, was er klebt fällt auseinander, und das Nettchen gießt ihm Püffe, damit er's besser macht. Eines Tages wird die Mutter gewahr, daß Nettchen den Paul schlägt, sie ruft die Kleine herbei, und schickt fid> an, die Rute für sie zu gebrauchen. Da schreit Nettchen gellend auf: „Ja, schlagt mich nur — ich. bin ja ein Waisenkind". 110 Die Mutter läßt die Rute sinken und ist ganz blaß. So erschreckt haben sie Nettchens Worte. Die Großmutter tritt rasch hinzu und nimmt die Rute fort. „Schlagt sie nicht," sagt sie, „es ist ja wahr, sie ist ein Waisenkind. Sie sollen uns nicht nachsagen, daß wir sie schlecht behandelt hätten." So trägt Nettchen von vornherein den moralischen Sieg aus dieser Angelegenheit davon. Seit diesem Tage wagt keine der Frauen ihr noch einmal mit Züchtigung zu drohen. Ja, selbst zu dem kleinen Paul, der abends in seinem Bette über einige von Nettchen erhaltene Stöße sich weinend beklagt, sagt die Mutter, ganz unter dem Einfluß der gegen sie gerichteten Anklage: „Schlag' sie nicht wieder, wenn sie dich schlägt. Sie ist ein Waisenkind." Dem Paul will zwar nicht einleuchten, was daran so Bedauernswertes sein soll; er, so schwächlich und klein, mit seinem kurzen Fuße kommt sich viel waisenkindmäßiger vor als das starke, kräftige Nettchen. Aber er nimmt die Worte der Mutter auf Treu und Glauben hin und gießt sich zufrieden. Nach und nach gewöhnt er sich an die wilde Schwester, und bald ist sie ihm, so sehr sie ihn auch tyrannisiert, unentbehrlich. Die Frauen sehen das, sie atmen aus. Im Innern ist ihnen das allzukecke Ding, das den Paul so ganz in die Gewalt bekommt, fast zuwider, aber da sie den Jungen heiter und glücklich sehen, fügen sie sich. Paul nimmt täglich seinen Weg ins Real-Gymnasium, Nettchen besucht die Gemeindeschule. „Wir sind einfache Leute", sagt die Mutter, „wir können kein Fräulein aus Dir machen." Aber Nettchen hat für die Rangunterscheidung, die zwischen Paul und ihr sich eröffnet, sofort die Pfeile der Vergeltung zur Hand. Sie muß mitunter der Pflegemutter, die keinen dienstbaren Geist besitzt, in der Küche helfen, abtrocknen, Teller spülen und dergleichen. An diese häuslichen Pflichten, zu denen sie herangezogen wird, knüpft sie ihre Vergeltungstaktik. „Großmutter", sagt sie bei Tisch, als zum! Geburtstag der Mutter ein par Bekannte da sind, dürftige Beamtensrauen, die für ihr Leben gern dahinter kämen, ob der Luxus eines Pflegekindes nicht irgend welchen gewinnsüchtigen Absichten entspringe. „Großmutter, was bin ich bei Euch im Hause?" Die Großmutter, die sich schon aus Angst vor Nett- cheUs Ueberfüllen einen Platz ganz außer ihrer Nähe gewählt hat, wird rot und blaß in Erwartung der kommenden Bosheit. Ach laß mich zufrieden", wehrt sie ab, „was sollst Du bei uns wohl sein?" „Was bin ich bei Euch im Hause?" fragt Nettchen zum zweiten Male mit unerschütterlicher Ruhe. „Was will das Kind?" sagen die Bekannten, die jetzt die Gelegenheit erspäht zu haben glauben, wo ihre Ahnungen sich bewahrheiten, daß dem Kinde irgend welche Ungerechtigkeit widerfahren wird, — „immer sprich mal, Kleine." — „Kök'sche (Köchin) bin ich bei Euch im Hause!" ruft Nettchen triumphierend. „Die ganze Schule sagt, daß ich bei Euch im Hause Kök'sche bin. Aber ich thu' es gern. Ich kriege ja mein Essen und Trinken dafür." „Gott, was 'ne Mariell!" flüsterte die Großmutter, ganz verstört. „Was müssen die Menschen wohl von uns denken." Die Bekannten thun zwar, als hätten sie Nettchens Worte nicht ganz verstanden, oder ihnen nicht genügend Beachtung geschenkt; aber als sie sich verabschieden, drücken sie der Hausfrau rasch und scheinbar erregt die Hand. „Sie ist ein Waisenkind",flüstern sie. „Seien Sie nicht zu hart zu ihr." Und nach diesen Worten, gegen die sich die Sprachlose in ihrer Betroffenheit garnicht zu verteidigen weiß, gehen sie davon, ganz erfüllt von dem Gedanken an das unterdrückte Waisenkind. — — — — Nettchen und Paul werden größer, und so oft die erstere auch noch eine Tracht Prügel verdient, dank ihrem Talente das Los eines Waisenkindes von vornherein dramatisch zu schildern, entgeht sie jeder häuslichen Exekution. Sie hat eine Art übernatürliches Gewissen in den seelen ihrer Pflegerinnen aufgeweckt, gegen das sich diese erfolglos wehren. Bald entwickelt sich in Nettchen eine starke Neigung, nur Knaben ihres Umgangs zu würdigen, während sie gegen Mädchen völlige Gleichgültigkeit an den Tag legt. In der That sind bald alle Jungen der Straße hinter ihr her, und bei deren wilden Spielen nimmt sie die Rolle einer Rädelsführerin ein. Eines Tages hat Paul sehr vornehmen Besuch. Die Söhne des Majors, der int Vorderhause wohnt, sprechen bei ihm vor, im Grunde kommen sie jedoch Nettchens halber. Sie schleppen ihren kleinen Bruder im Gefolge mit sich, der bereits ein starkes Bewußtsein seines militärischen Herkommens besitzt, und auf die Frage von Pauls Mutter, was er einmal werden wolle, vernehmlich antwortet: v „Pottepeefähnris." Inzwischen aber futtert er die ihm angebotenen gebratenen Aepfel, und auch seine Herren Brüder sind in diesem Punkt nicht unzugänglich. Nettchen ist wie vom Schnürchen los. Die Gymnasiasten, das weiß sie, sind nur ihrethalben gekommen, und es schmeichelt ihr ungeheuer, an Stelle der Straßenjungens diese kleinen, pomadisierten Herren zu Verehrern zu haben. Je abweisender Paul gegen die Fremden wird, desto ausgelassener wird sie selbst. Endlich geschieht das, was dem Paul ein Verrat an seinem ganzen Dasein denkt, die Jungens halten Nettchen fest un.d rauben ihr Küsse. In seiner atemlosen Angst läuft Paul zur Mutter und holt sie herbei. Die Angelegenheit endet für Nettchen mit den Ohrfeigen, die ihr im Buche des Schicksals von Anbeginn an bestimmt waren und sich nur durch die besondere Gunst der Umstände Jahre lang verzögert hatten. Die Majorssöhne machen sich kleinlaut davon, und folgen er- > rötend dem Portepeefähnrich, der bereits den Rückzug angetreten hat. Fortsetzung folgt. Kaiser Karl V. Zur 400. Wiederkehr seines Geburtstags (24. Februar). Von Dr. Walter Göring. Nachdruck verboten. Es ist eine der unglücklichsten und doch zugleich großartigsten Perioden deutscher Geschichte welche sich im Rahmen dieses Kaiserlebens abspielt. Das Deutsche Reich, zerrissen und gespalten, der Schauplatz von Aufständen und blutigen Kriegen, herabgesunken zu einer Art Provinz des habsburgischen Weltreichs — auf diesem traurigen Boden aber, machtvoll erstehend und sich entwickelnd, die gigantische Erscheinung der Reformation, von Luthers gewaltiger Persönlichkeit entflammt und getragen. Karl V. war der persönliche erbitterte Feind dieser Reformation, ilfrer Niederwerfung widmete er einen großen Teil seines unsteten, in ununterbrochenen Kämpfen dahinfließenden Lebens, ihr Sieg traf ihn in's Herz; denn nicht die römische Kirche allein war geschlagen, sondern er selber, der römisch- deutsche Kaiser. Es gab wohl selten einen Monarchen mit so hochfliegenden Plänen und so geringen Talenten zu ihrer Ausführung. Obwohl unselbständig in allem feinen Thun, strebte er nach unablässiger Vergrößerung und Befestigung feiner Weltmacht. Er kannte nur zweierlei Interessen: die seines Hauses und die seiner Kirche. Enkel Kaiser Maximilian I. und Erbe eines ungeheuren Reichs, wurde er am 24. Februar 1500 zu Gent als Sohn Philrpps von Oesterreich, des einzigen Sohnes Maximilians, und Johannas der Wahnsinnigen, der Tochter Ferdinands II. von Spanien, geboren. Seine Erziehung empfing er in den Niederlanden, als Niederländer hat er sich immer gefühlt. > Sein Hofmeister war Wilhelm von Croy, der auch nach erlangter Mündigkeit Karls einen fast unbegrenzten Einfluß auf ihn ausübte. Kaum 16 Jahre alt, übernahm er nach dem Tode seines Großvaters Ferdinand II. selbständig die Regierung Spaniens an Stelle seiner wahnsinnigen Mutter/ macht/ sich aber in kurzem seine neuen Untertanen, die ihn überhaupt als Fremdling betrachteten, durch ungerechte Begünstigung seiner niederländischen Untertanen derart zu Feinden, daß gegen ihn ein Aufstand (1520—22) ausbrach, den er blutig unterdrückte. Unterdessen wählten ihn (am 28. Juni 1519) die deutschen Kurfürsten einstimmig zum 111 » Kaiser. Der.Wahlkampf hatte diesmal auf das heftigste getobt, als Bewerber war nicht allein Karl als der Enkel des letzten Kaisers, sondern auch Franz I., der König von Frankreich, und der Kurfürst Joachim I. von Brandenburg aufgetreten. Der Brandenburger hatte keine Aussichten, auch Franz I. nicht, der als Franzose weiten Kreisen verhaßt war; die Kurfürsten dachten an Friedrich den Weisen von Sachsen. Dieser lehnte jedoch ab, weil er der Meinung war, daß die schwierigen Verhältnisse, in denen Deutschland sich damals befand, einen Fürsten erheischten, der über eine größere Macht verüfge als er. Auf seinen Vorschlag wählte man den jungen Karl, der als Habsburger eine starke Hausmacht besaß, doch gebrauchte man, um dem herrMsüchtigen Gewalthaber das Reich nicht blindlings in die Hände zu liefern, die Vorsicht, ihn eine Wahlkapitulation unterschreiben zu lassen, durch welche er sich an folgende Bedingungen gebunden sah: Besetzung aller Reichsämter durch Deutsche, Gebrauch der deutschen oder -ausnahmsweise lateinischen Sprache bei allen Verhandlungen, Reichsversammlungen nur auf deutschem Boden, Zuziehung der Kurfürsten zu jedem Reichsakt, Fernhaltung fremden Kriegsvolkes aus dem Reiche u. s. w. Der neue Kaiser, der am 22. Oktober 1520 zu Aachen die Krone empfing, hat sich aber später durchaus nicht streng an die eingegangenen Verpflichtungen gehalten. Mit Jubel begrüßten die deutschen Ritter und Städte den neuen Herrscher, man setzte große Hoffnungen auf ihn; er sollte den austzebrochenen Glaubensstreit schlichten, dem Reiche Schutz gegen den immer weiter vordringenden Halbmond gewähren und das zerfahrene Land durch- eine starke mnd zielbewußte Regierung wieder aufrichten. Nur zu bald zeigte es sich, daß man sich schwer getäuscht hatte. Hatte doch Maximilian ihm und seinem Bruder Ferdinand nicht weniger als die Kronen von fünfzehn Ländern hinterlassen, wozu er noch Italien und sein Bruder 1527 Ungarn und Böhmen erwarb; außerdem gehörten dem Hause Habsburg -alle die ungeheuren Länder, welche seit 1492 in dem neu -entdeckten Amerika von den Spaniern erobert wurden. Wohl selten hat die Erde also einen mächtigeren Herrscher gesehen. Es war in der That ein Weltreich, größer als das Alexanders und Augustus, über das er regierte, aber er selbst war weder ein Alexander noch ein Octavianus. Auch offenbarte sich an ihm die alte Wahrheit, daß solche bunt zusammengewürfelte sogenannte Weltreiche nur mit Mühe zusammengehalten werden können, ihre Herrscher brauchen ihre ganze Zeit, um sie nur zu behaupten, an ein wirkliches Regieren und um die Regelung innerer Verhältnisse Bekümmern ist gar nicht zu denken, selbst wenn ein Interesse für die einzelnen Völker vorhanden wäre, was aber naturgemäß nicht der Fall sein kann. Höchstens lagen dem jungen Kaiser die Niederlande etwas näher; waren sie doch seine Heimat. Spanien und Deutschland waren ihm völlig gleichgiltig, er verstand nicht einmal die Sprachen dieser Länder und mußte sie erst erlernen, im Deutschen hat er es nie zu irgendwelcher Geläufigkeit gebracht. Vlämisch und Französisch sprach er am liebsten. Hervorragende Kenntnisse besaß er ebenfalls nicht, und auch durch seine Persönlichkeit vermochte er niemand zu imponieren. Unter mittelgroß, bleich und hager, mit rötlich-blondem, dünnem Haar, vorstehendem Kinn, fpärlichem Bart, scharfen stechenden Augen, machte er keinen besonderen Gndruck auf seine Umgebung. Teil- nahmlos, von schlaffer Haltung, war er doch außerordentlich reizbar und zornig. Doch meldet die Geschichte auch manchen ritterlich-edlen Zug von ihm; so berichtet man von ihm, als er etwa ein Jahr nach Luthers Tode sinnend an der einfachen Gruft des großen Reformators stand und einer seiner Begleiter ihn aufforderte, doch die Gebeine dieses gefährlichen Ketzers ausgraben und verbrennen zu lassen, die schöne Erwiderung: „Lasset ihn liegen, er har grien Richter gefunden; ich führe keinen Krieg mit den ten, sondern mit den Lebendigen". Dadurch, daß er dem Reformator in Worms das freie Geleit hielt, hat er sich auch ein Ehrendenkmal gesetzt, freilich darf nicht vergessen werden, daß er in seinen letzten Lebensjahren wiederholt bereut hat, dem Ketzer damals das Wort nicht gebrochen zu haben. Die Hoffnung der Humanisten und Anhänger Luthers Luf friedliche Schlichtung des Glaubensstreites konnte ein Mann von so streng katholischer Denkart nicht erfüllen. Für ihn gab es keine andere Schlichtung, als die blinde Unterwerfung der Abtrünnigen. Er sah sich zu um so schärferem Vorgehen genötigt, als er der Unterstützung des Papstes für seine italienischen Absichten bedurfte. Stürzte ihn somit seine einseitige Stellungnahme in den Kirchenfragen von Anfang an in eine unabsehbare Reihe von inneren Kämpfen und Verwirrungen, so sorgte außerdem seine Wahl an sich schon für genügende auswärtige Verwicklungen. Franz I. von Frankreich, der im Wahlkampf unterlegene, war schon aus diesem Gründe sein natürlicher Feind, er fühlte sich gedrungen, dem zu starken Anwachsen der Macht Habsburgs entgegenzutreten. Weitere Difserenzpunkte zwischen den beiden Herrschern bildeten Italien und Burgund; auf beide glaubte Karl Ansprüche zu haben, vor allem auf Burgund, das die Erbschaft seiner Großmutter Maria von Burgund bildete, und das Frankreich bereits 1477 nach Karls des Kühnen Tod besetzt hatte. Hierzu kamen noch einige andere Kriegszüge, so daß das Resultat von alledem war, daß Karls V. ganze Regierungszeit eine ununterbrochene Reihe von Kämpfen war; der Kaiser kam niemals zur Ruhe, bald befand er sich in Italien, bald in Deutschland, bald in Spanien, bald in den Niederlanden; selten hat, wie schon eingangs gesagt, ein Fürst ein so bewegtes, unstetes Leben geführt. Der Krieg mit Frankreich begann unmittelbar nach dem Regierungsantritt des Kaisers. Die Herrschaft über Italien bildete das Kampfobjekt. Im Bunde mit Heinrich VIII. von England und Papst Leo X. gelang es dem Kaiser, die Franzosen zu besiegen, und schließlich (in der Schlacht bei Pavia am 24. Februar 1525) den König von Frankreich gefangen zu nehmen. Um seine Freiheit wieder zu erlangen, mußte Franz in dem Frieden von Madrid (14. Januar 1526) alle Ansprüche auf Mailand, Neapel, Genua und Burgund aufgeben, und die Verpflichtung zur Vermählung mit der Schwester des Kaisers, Eleonora von Portugal, eingehen. Kaum wieder in Freiheit, ließ sich der wortbrüchige Monarch indes vom Papste seines Eides entbinden, sodaß dem ersten Kriege (1521—26) sofort ein zweiter (1526-29) folgte. Von neuem unterlegen, überließ Franz dem Kaiser Italien, und heiratete die ihm auf- gedrungene Braut, blieb aber gegen Zahlung von zwei Millionen Thalern im Besitz von Burgund. Noch zwei weitere Kriege, und zwar im Bunde mit den Türken, führte der König von Frankreich gegen den Kaiser (1536—38 und 1542—44), in beiden blieb er im Nachteil, der Versuch zur Wiederherstellung der französischen Macht in Italien scheiterte, obwohl ihm Franz 30 Jahre seines Lebens und viele Millionen geopfert hatte. Andere Feldzüge fielen dazwischen; 1535 unternahm er einen Zug gegen das seeräuberische Algier, eroberte Tunis und befreite 22 000 Christensklaven. 1540 unterdrückte er einen Aufstand in den Niederlanden, 1541 zog er zum zweiten Male nach Algier, doch nötigte ihn ein furchtbares Unwetter, das ihm einen großen Teil seiner Flotte kostete, zum Abzug. Sofort nach der Uebernahme der deutschen Kaiserwürde beagnnen seine feindseligen Schritte gegen die Reformation und ihre Anhänger. Er hatte in den Niederlanden die Schriften des Mönchs von Wittenberg verbrennen lassen, 1521 ließ er ihn vor den Reichstag zu Worms laden, und erklärte ihn durch das Wormser Edikt vom 8. Mai 1521 in die Reichsacht. Bekannt ist, wie Kurfürst Friedrich Luther auf der Wartburg gegen die etwaigen Folgen dieses Edikts schützte und wie sich, allen Versuchen Karls zum Trotz, die Reformation siegreich entwickelte; mehrere Reichstage brachten keine Entscheidung der Kirchenfrage, zuletzt entschloß sich der Kaiser, durch seine auswärtigen Kriege bisher abgehalten, die im „Schmal- kaldischen Bund" vereinigten protestantischen Fürsten mit Waffengewalt zur Unterwerfung zu nötigen, er erklärte sie in die Acht und besiegte den mächtigsten der Verbündeten, den Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, in der Schlacht bei Mühlberg am 24. April 1547. Sowohl der Kurfürst, als der Landgraf Philipp von Hessen fielen in seine Gewalt, wurden aber durch den früheren Verbündeten des Kaisers, Moritz von Sachsen, dem Karl zum Dank an Stelle Johann Friedrichs die Kurwürde verliehen hatte, befreit. Der energische und schlaue Moritz kehrte nämlich. — 112 nachdem er sein ehrgeiziges Ziel erreicht, den Spieß um, er nötigte den Kaiser zur eiligen Flucht, und erzwang im Passauer Vertrag (1552) die Freigabe der Gefangenen, die Aufhebung der gegen sie verhängten Reichsacht, und die Anerkennung der Rechte der Protestanten. Tief gedemütigt wandte Karl Deutschland den Rücken. Noch ein weiterer Mißerfolg kam hinzu; die Franzosen Hatten, sein Mißgeschick benutzend, Metz, Toul und Verdun besetzt, und sein Versuch, ihnen Metz wieder zu entreißen, gelang nicht. Infolge dieser Niederlagen erfüllte ihn tiefer Mißmut, der durch schweres körperliches Leiden — der Kaiser litt an der Gicht — noch gesteigert wurde. Karl hatte den Mut verloren, den ewigen Kampf noch weiterzuführen, er war müde, sterbensmüde, obwohl er erst etwas über 50 Jahre zählte. Alle seine Pläne waren gescheitert, zwar hatte er Italien für Die Habsburger gewonnen, in Spanien die Cortes gestürzt und die absolute Herrschaft begründet, welche unter seinem Sohne Philipp II. so blutige, grausame Triumphe feiern sollte, aber sein Ansehen war vernichtet, die Protestanten hatten triumphiert, und sein Weltreich mußte mit ihm zerfallen, da fein Sohn Philipp keine Aussicht hatte, zum deutschen Kaiser erwählt zu werden. Die Krone drückte ihn, er warf sie von sich. Zunächst vollzog er am 25. Oktober 1555 in Brüssel die feierliche Uebergabe der Niederlande an seinen, ihm von Isabella von Portugal, mit der er sich 1526 in Sevilla vermählt hatte, geborenen Sohn Philipp. Der kranke Mann vermochte, als er die Belehnung aussprach, kaum zu stehen, «uf die Schultern Wilhelms von Oranten gestützt, hielt er eine rührende, die ganze Versammlung zu Thränen erschütternde Rede. Seine Regierung, erklärte er unter anderm, sei eine stete Pilgerschaft gewesen. Neunmal habe er Deutschland, sechsmal Spanien, viermal Frankreich, siebenmal Italien und zehnmal die Niederlande besucht, zweimal sei er in England und ebenso oft in Afrika gewesen und habe überhaupt elf Seereisen gemacht. Alle, die er gekränkt, bat er um Verzeihung und ermahnte seinen Sohn zu einer ruhmwürdigen Regierung. Im Januar 1556 trat er ihm auch Spanien und Neapel ab, dann zog er sich in das Hieronymitenkloster San Puste in Estremadura zurück, wo er noch ein paar Jahre, mit Musik und mechanischen Handarbeiten beschäftigt, in einem neben dem Kloster für ihn erbauten Hause einsam lebte. Vor seinem Tode soll er sogar sein eigenes Leichenbegängnis habe veranstalten lassen. Die Mönche des Klosters mußten den Trübsinnigen in Prozession im offenen Sarge in die Kirche tragen und ein Totenamt für ihn halten. Bald darauf erfolgte sein Tod, am 21. September 1558. „In Deine Hände befehle ich Deine Kirche (In manns tuas tradidi ecclesiam tnam)" waren seine letzten Worte. Er war erst 58 Jahre alt. Auch ein bedeutsames Friedenswerk verdankt Deutschland dem von Krieg zu Krieg eilenden Manne, die „Carolina", die „peinliche Halsgerichtsordnung", das erste allgemeine deutsche Strafgesetzbuch. Unseren heutigen Begriffen erscheint die „Carolina" freilich als ein barbarisches Werk, aber damals kannte die Rechtspflege eben noch keine Humanität, und das Ganze bildete doch einen Anlauf zu einer für das ganze Reich einheitlichen Strafgesetzgebung. Gemeinnütziges, Influenza, auch Grippe genannt, diese böse Plage der Menschheit, würde in bescheidene Grenzen gebannt sein, wenn man sich besser gegen die Einflüsse der rauhen Jahreszeit zu schützen verstände. Als falscher Freund in dieser Beziehung ist der Alkohol längst entlarvt. Wirksamen Schutz gegen den gefährlichen Hauch des Herbstnebels und des Wintersturmes bietet entschieeden eine gute Tasse Bouillon, wie sie sich aus echtem Liebigs Fleisch- Extrakt (Liebigs Namenszug in blauer Schrift quer durch die Etikette) so leicht bereiten läßt. Ist abe rdie Influenza gort da, so giebt es kein Getränk, das geeigneter wäre, den anken zu laben, und ihn zugleich neu zu kräftigen, wie das schmackhafte, prächtig mundende Täßchen „Liebig". Jede Hausfrau sollte von diesem schätzbaren Stoff stets Vorrat halten. Litterarifches. Welche Krankheit ist jetzt am meisten verbreitet? Die Influenza! Wohin man hört, wohin man geht, nichts wie Influenza, überall Influenza! Da ist nun gerade zur rechten Zeit im Verlage von Wilhelm Köhler in Minden in Westfalen unter dem Titel: Die Influenza. Ihre Ursachen, Symptome, Verbreitung und Behandlung, gemeinverständlich dargestellt, von Dr. med. Birnbaum, 68 Seiten Umfang. Preis 1 Mark ein Buch erschienen, welches nicht nur der Influenza-Kranke, sondern jeder mit größtem Jntereffe lesen wird. Der Inhalt gliedert sich in folgende Kapitel: Die Influenza. — Ihre verschiedenen Bezeichnungen. — Was ist die Influenza? — Beschreibung der Krankheit. — Ist sie gefährlich? — Frühere Epidemien von Influenza. — Die Epidemie von 1889,90. — Ihre Verbreitung. — Die Modekrankheit. — Die Influenza in Berlin, in Paris und in anderen Ländern. - Auf welchem Wege erfolgt die Verbreitung der Influenza? — Der Jnfluenzabazillus. — Wann erlischt die Influenza? — Die Ansteckung geschieht von Person zu Person. — Beispiele. — Die Influenza folgt den Spuren des Verkehrs. — Disposition. — Ansteckung durch Sachen. — Beispiel. — Die Krankheitserscheinungen bei der Influenza? — Das charakteristische Kennzeichen der Influenza. — Kopfschmerzen. — Jrrereden. — Schwindel. — Rückenschmerzen. — Fieber. — Schweiß. — Herzschwäche. — Husten. — Schnupfen. — Nasenbluten. — Magen- und Darmsymptome. — Die Zunge. — Urin. — Anschwellung der Augenlider. — Influenza und Lungenentzündung. — Schüttelfrost. — Brustschmerzen. — Auswurf. — Influenza. — Lungenentzündung bei Schwindsüchtigen und Herzleidenden. — Influenza und Nervenleiden. — Beispiele. — Gehirnhautentzündung. — Genickstarre. — Krämpfe. — Nückenmarkserkrankung. — Nervenschwäche. — Influenza und Geisteskrankheiten. — Beispiele — Aussichten aus Wiederherstellung. — Augenerkrankungen im Gefolge der Influenza. — Die Krantheitserscheinungen. — Nervöse Augenerkrankungen. — Beispiele. — Ohrenerkrankungen bei Influenza. — Die Krankheitserscheinungen. — Behandlung. — Einfluß der Influenza auf die weiblichen Geschlechtsorgane. — Menstruation. — Gebärmutterblutungen. — Beispiele. — Fehlgeburten. — Der Einfluß der Influenza auf das Herz. — Beispiele. — Verschlimmerung leichter Herzleiden. — Asthma. — Die Verhütung der Influenza. -- Arzneimittel zur Vorbeugung: Chinin. — Alkohol. — Maltonwein. — Impfung. — Verhütung der Erkältung. — Regelung der Lebensweise. — Absonderung von den Erkrankten. — Wert der Sauberkeit. — Desinfektion — Die Behandlung der Influenza. — Bettruhe. — Schwitzen. — Kalte Umschläge. — Getränke. — Nahrung^ — Nährmittel. — Waschen und Wäschewechsel. — Lüften. — Abführmittel.— Arzneimittel. Das interessant und belehrend geschriebene Buch ist durch jede Buchhandlung, sowie auch direkt von der Verlagsbuchhandlung Wilhelm Köhler in Minden in Westfalen zu beziehen. . Das Kunstgewerbe hat in neuester Zeit einen großartigen Auf' schwung genommen, und jeder Tag bringt neue künstlerische Gestaltungen von allerlei Gegenständen auf den Markt, die unser Interesse erwecken, unsere Bewunderung Hervorrufen. Ein höchst lesenswerter Aufsatz in der ,,Gartenlaube", „Die Natur als Künstlerin" von Professor Dr. Lampert, belehrt uns, daß alle diese künstlerischen Formen auf Nachahmungen der Natur beruhen, und weist mit Hilfe zahlreicher Illustrationen, welche zum Teil mikroskopische Organismen in Vergrößerungen wiederqeben, nach welche herrlichen Motive zu neuem künstlerischem Schaffen die Natur dem Menschen darbietet. Marie von Ebner-Eschenbach überrascht ihre vielen Freunde mit der Beschreibung ihres vorjährigen Aufenthalts in Rom, die uns Kunst und Leben der ewigen Stadt in glühenden Farben schildert. Dazu kommen eine Reihe kleinerer Artikel und eine große Anzahl wissenswerter Mitteilungen, denen sich anschauliche Bilder zugesellen. SB. Heimburg bethätigt in ihrem Roman „Im Wafferwinkel" aufs neue ihr glänzendes Erzählertalent und Rudolph Stratz, der Verfasser des Romans „Montblanc", ist mit einer Novelle vertreten, die sich „Samum" betitelt und deren Schauplatz die Sahara bildet. Die illustrative Ausschmückung der „Gartenlaube" ist eine vorzügliche, echt künstlerische. Logogriph. Nachdruck verboten. Die Erde birgt mich in ihrem Schoß, Mich zu gewinnen, ist oft beschwerlich. Trag' ich an zweiter Stelle ein „s," So bin ich zum Leben dir unentbehrlich. P. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Dreiecks in voriger Nummer: HEBEL EGER BEY E R L Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.