w a bujut W (Nachdruck verboten., Ein Tannenreis. Novelle von Gerha rch.W alter. (Schluß.) „Diese Tage hier im Walde, sie waren mir nötig Ivie die Sonne und die Luft dem Genesenden. Denn ich, war krank, sehr krank gewesen. So krank, daß ich am Leben verzagte. Es war um die Weihnachtszeit, da faßte es mich. Mit zermalmender Gewalt. Mit mir auf einem Flur wohnte ein junges Mädchen. Eine Malerin. Dunkel von §aar und Augen. Nicht schön; aber seltsam und von eigenartigem Reiz. Eine Teufelin, wie das Märchen sie malt, „hüten Sie sich!" lachten die einen; „wir kennen sie!" und die andern hoben warnend den Hinger: „das ist die hexe Loreley im nachtdunklen haar, und soll mancher Kahn ihr zu Füßen zerschellt sein!" Aber ich flog wie die Motte ins Licht. Und das Licht schien mir hell mit blendendem Glanz. Wir begegneten uns oft; dann sprachen wir miteinander. Erst wie gute Kameraden. Aber einmal war's kurz vor Weihnachten. Wir waren zusammen getroffen auf der Straße. Es war grimmig kalt. Ohne Absicht klagte ich ihr, daß ich noch Stunden lang warten müßte, bis mein schlechter Ofen warm werde. „Kommen Sie doch so lange zu mir!" sagte sie mit berückender Freundlichkeit; „bei mir ist's warm." Das Wort war mein Schicksal. Als ich spät hinüberging in mein Zimmer, war ich wie ein Trunkener. Fräulein Gertrud, wollen Sie nun die Beichte hören?" Ich hatte die Hand nach ihr ausgestreckt. Sie legte die ihre hinein. „Und dann sagen Sie mir, ob Sie ihn lösen wollen von Fluch und Bann! Oder wollen Sie jetzt fliehen und mich, allein lassen in meiner Not?" Sie sah auf. Tiefernst blickten dis blauen Augen mich an. Leise schüttelte sie das Haupt. „Es war Weihnachtsabend. Ich bin ein einsamer Mensch. Sind nicht viele, die sich um mich kümmern. Ein- sam saß ich auf meinem Zimmer. Ein kleines zusammenlegbares Bäumlein aus Blech und Flitter hatte meine Schwester mir geschickt, die selbst in Brot und Lohn bei Fremden war. Davor saß ich und starrte in die brennen- den Lichtlein. Und dabei war eine seltsame Unruhe in meiner Seele. Kein Weihnachtsfriede. „Wo soll das hinaus?" klang tief drinnen die Frage. — Wo war sie jetzt? Die Rast- und Ruhelose war mir den ganzen Tag nicht zu Gesicht gekommen. Und sie litt es nicht, daß man sie fragte um ihr Thun und Lassen. „Frei will ich sein!" „Frei! Lieber tot als Sklave!" hatte sie an jenem Abend gesagt, als sie mir in die Augen schaute; „Deine Gefährtin, Deine Genossin, Freundin, Gebieterin, Dein Kobold, Dein Schicksal, Deine Sonne und Dein Irrlicht — nur nicht Deine Magd! Darauf nimm mich hin als die Dir Herz und Liebe und Lippen bietet!" Da war ich; so trunken worden, daß ich noch jetzt im Rausch lebte. Und wie ich; so saß und dachte, da flog die Thür auf, und Lenore flog mir in die Arme: „Träumer! Komm mit! Im Ratskeller ist ein verborgen Gewölbe, da sind wir beisammen, gute Gesellen von der Kunst, und ich bin gekommen, Dich, zu holen; gber erst küß' mich, Träumer, und wach' auf zum Leben!" Ihre Lippen brannten heiß. Und heiß schlug mein Herz. Das dunkle haar hatte sie gelöst, und in mächtigen Wogen wallte die schwarze Flut Um ihre Schultern. Und mein Bäumchen brannte unbeachtet nieder! Hedwig, liebe Schwester; Du liebes Mädchen — ich hatte keine Zeit, Dein zu gedenken! — Lenore rang sich, los und stand vor mir, mit Mühe das Gelöst hebend und bändigend. Ihre weißen Zähne blitzten zwischen den brennend roten Lippen; „Gelt, dies Weihnachtsgeschenk hattest Du nicht erwartet", sagte sie mit tiefer Stimme. Es war fast dunkel im Zimmer geworden. Licht hob ihreGestalt'sich! ab,von dem Hintergrund/so dämonisch Da kniete ich vor ihr und! umfaßte ihre Knie. Lachend sah fte auf mich herab: „So seh' ich Dich! gern! Aber Hute Dich und sei ein Mann, sonst setze iä)< Dir den Fuß auf den Nacken! Neige Dein Haupt, stolzer Sigambrer", spottere sie; „aber dann hasse ich Dich! Doch vielleicht küsse ich Deine Hand, die mich schlägt!" — „Ja, ich will vor Dir knien, wenn Du mir schwörst, daß Du mir gehören willst, immer, in Zeit und Ewigkeit!" ries ich außer mir. Sre lachte melodisch auf. „Sei kein Strumpf! Ich glaube an keine Ewigkeit, nicht hier und nicht dort/ Komm' mit: der Augenblick ist Glück und Seligkeit! Du bist der richtige Deutsche. Glaubst Du, die andern ließen sich so lange bitten?" Sie neigte sich herab; und plötzlich kniete sie nebey. mir und legte ihr Haupt an meine Schulter. „Sieh es ist Weihnachtsabend", sagte sie mit weicher Stimme, „und ich könnte Dir jetzt ein ganz böses Weihnachtsgeschenk machen, an dem Deine weiche Seele zu Grunde gehen würde: Mich selbst! Aber dazu hab' ich Dich zu lieb, hörst Du? — Warum denn sonst nicht? Ich könnte Dir ja das Jawort geben! Aber ich will's nicht, weil ich es nicht halten kann. Ich, kann nicht treu sein. Betrügen würd' ich Dich nicht, aber eines schönen Tages liefe ich Dir weg, und Du würdest dann mit einem ungeheuer unglücklichen Gesicht dastehen. Also: sei zufrieden — und komm!" 734 Sie schlang die Arme um mich: „Komm doch! Der Baum brennt schon, und die Bowle ist fertig. Saroti singt und Warnecke hat ein brillantes Transparent gemalt; die Krippe in Bethlehem mit den heiligen Engelein ist freilich nicht daraus —" Mir grauste es mit einem Male. Es war mir, als ob Hedwig, meine Schwester, wie einst im Vaterhause, jetzt ganz in weiter Ferne sänge mit ihrer milden, ergreifenden Stimme: „Es ist ein Ros' entsprungen Aus einer Wurzel zart", und hinter dem Weihnachtsbaum da stand das alte, Wichte Transparent: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!" Ich stand auf. „Geh' allein!" sagte ich, und ich wunderte mich> über meine eigene Stimme: „ich gehe nicht mit!" Sie lachte mich seltsam an. „Wunderlicher Heiliger! Hast ja wohl zwei Semester Theologie studiert? Eben noch der feurige Liebhaber und nun der Asket —" Sie richtete sich straff auf und trat dicht vor mich hin und sah mir auf zwei Zoll Entfernung in die Augen, daß W den warmen Atem ihres Mundes spürte: „Ja — oder nein ! Ich Pflege nicht um Liebe zu Litten; aber etwas Dank möchte ich haben von dem Manne, dem W Liebe geboten!" Sie legte mir die Hände auf die Schulter. Sie nickte und lachte leise; und ihre Lippen lagen an meinem Mund. „Komm!" Mir schwindelte. Kein Klang mehr aus der Heimat — kein Klang von oben: „Ich komme!" rief ich und hielt mir die Stirn. Sie warf den Mantel um sich und fegte mein armes Bäumchen achtlos zur Erde dabei. Und auch ich achtete seiner nicht! — Am nächsten Morgen, am ersten Weihnachtstag, da sah ich's da liegen zertreten am Boden. Und ich saß voll angezogen, wie am Abend, Uber vernichtet auf dem Stuhl neben dem kälten Ofen. Meine Zähne klapperten. In meinem Herzen Nacht; in meinem Hirn ein Chaos. Undeutlich! klangen die Kirchenglocken zu mir herein: „Friede aus Erden! Friede auf Erden!" hörte ich sie höhnend läuten. Aber mein Friede war für immer dahin. Gertrud hatte ihre Hand los gemacht. Sie war leichenblaß. „Bitte, lassen Sie uns gehen!" sagte sre mit matter Stimme; „es wird spät." Sie stand aus. „Fräulein Gertrud", rief ich; und griff wreder nach ihrer Hand; „wollen Sie den Wäldpilger, der Buße ge- than, nicht lösen von Bann und Fluch? Sie können es, Sie Reine! Legen Sie die Hand auf meine —" Sie sah mir gerade in die Augen. „Sie lösen von Bann und Fluch? das kann nur eine auf Erden: Eine, Ihre Frau!" — Ich hätte Ihre Beichte nicht hören dürfen. Nun gehen Sie in Frieden!" . ' Ich, wollte rufen: „Nun, dann sei meine Frau!" Aber ein Blick lag auf mir, ein Blick, so voller Herzensangst und stillen Grauens, daß mir das Wort erstarb. Ich weiß es, sie hätte stumm die Hände vorgestreckt und mit dem Blick mich! hinausgetrieben in ewige Not. Ich. stand vor ihr, den Hut in der Hand. „Leben Sie wohl!" . „Leben Sie wohl!" sagte sie und reichte mir die Hand und wandte das Gesicht. Sie deckte die linke Hand schnell über die Augen, aus denen die hellen Thränen stürzten. Ich ließ ihre Rechte sinken und wandte mich traurig und ging. Meine Füße raschelten int dürren Winterlaub. Ich ging in den sinkenden Abend, in die dämmernde Nacht hinein. Alles totenstill. Kein Windzug in den Baumkronen; kein Hauch des Hoffens in meinem Herzen. Mochten sie sagen in der Försterei, was sie wollten von meinem Fortgang ohne Abschied. Was konnte mich! jetzt noch kränken, den Friedelosen? „Verklärte wenden ihr Antlitz von mir ab!" klang es mir int unaufhörlichen Gleichklang vor dem Ohr. — Es war mondlose Zeit. Dunkel umgab mich!. Jchl watlderte denselben Weg, den ich! so oft gegangen. Ueber mir ein schwacher, undeutlicher Schimmer zwischen den starren, ragenden Tannen. Aber kein Ktern in der Höhe. Fern aus dem Walde der Ruf eines Käuzleins. Und meine ^raschelnden Schritte. Ach, wenn hier die Welt zu Ende gewesen wäre! Ich stand auf dem Felsvorsprung, auf dem das hohe eiserne Kreuz ragte, fest eingelassen in den Granit. Ich lehnte daran und schaute hinab. Da Mteu iro der, Tiefe, däsprühte die Esse: des Eisenwerks und warf Garben von glühenden Funken in die Nacht. Und daneben hin und her zerstreut, hier und da ein Lichtlein aus einsamen, sriedevollen Menschenwohnungen. Wie stille Sterne leuchteten sie herauf, wandellos. Ach, einmal so sitzen am warmen Feuer des eigenen Herdes; ein Arm, der sich um meinen Nacken legt, ein Herz, ein Menschenherz, das mir gehört! Aber zwischen mit und dem Licht und dem Frieden ein dunkler, gähnender Abgrund. Ich hielt das Kreuz mit der Hand und beugte mich! vor. „Und wenn ich jetzt losließe?" raunte eine Stimme in mir. Aber fester krampften meine Finger sich um das kalte Eisen. Was war das? Was klang da herauf aus dem Thal? Ein hell hallender Schmiedehammerschlag — und nun, da wo das Licht herschien, undeutlich!, geisterhaft eine singende Menschenstimme. Was sang sie? Ich vernahm weder Wort noch Weise; aber ich! sank nieder am Fuß des Kreuzes, und das Herz zitterte in mir. O, meine Schwester Hedwig, wäre ich jetzt bei Dir! Ich habe keine Mutter mehr, die mich trösten kann! Aber ich! wollte, Du sängest leise über mir, und ich schliefe ein bei Deinem Lied in meinem Leid. Da saß ich-, das Haupt an das Kreuz gelehnt. Wie lange, das weiß ich nicht. Als ich die Hand von den Augen nahm, war sie naß. Und die Lichter in den Häusern unten waren erloschen. Nur aus der Esse stieg wieder ein Funkenregen auf. Ich! stieg langsam zu Thal. Die Schule war geschlossen. Der Weihnächtsschnee lag auf der Gasse, und von den Dächern wehte weißer Staub int Winde. Klar und blau lag der Winterhimmel über der Stadt. Ich! stand am Fenster und schaute hinaus auf das fröhliche Leben. Mir gegenüber war ein Stand von Weihnachtsbäumen. Ach ihr grünen Tannen im 23erg» Wald! - 'Und die stille Försterei mitten drinnen in stillen, grünen Tannen! Hatte nichts wieder gehört von dort. Hatte einmal an den Förster geschrieben, aber keine Antwort bekommen. Hatte auch keine erwartet! War eine gar stille, einsame Zeit gewesen, dass Jahr hindurch. Und zwischendurch wilde, tobende Schlachten der Gedanken, die stürmend gegeneinander kämpften. Eine stille Zeit — aber keine Tage des Friedens! Tage der Sehnsucht, Tage des Leids, Tage wilden Erinnerns, Tage süßen Gedenkens ! Und jetzt char's Weihnachten! Wo sollte ich hm? Da ging unten der Briefbote und verschwand in den Häusern und tauchte wieder auf. Hatten alle jemand, der an sie dachte, und rüstete manch'er sich heut' früh zur Reise. Ich hatte ja auch eine: meine Schwester! Ob sie mir wieder solch Bäumchen schickte? "Ich lehnte die Stirn ans Fensterkreuz. — Ungelöst von Fluch! und Bann! Ich! fuhr auf. Es klingelte. Da stand der Briefbote. Einen Brief. Von Damenhand. Um Gott! das war die Hand Lenorens, der Teufelinne! Alles Blut drang mir zu den Schläfen und hämmerte darin. Der Um- ■ schlag lag am Boden; ich stand am Fenster und las: „Hast mich nimmer zu Gast erwartet, gelt? Denkst Du an voriges Jahr? An den Weihnachtsabend? Du lieber, frommer Narr! War Dir zu viel Hölle in dem Possenspiel. Und als ich! am Morgen zu Dir kam, da warfst Du mich! aus der Thür. Ich schwor Dir Rache und ging. Und heute komme ich und löse mein Wort! Meine Rache soll sein, daß ich! vor Dir knie und Dich! bitte: Nimm mich in die Arme! Bin der Loreley müde und will gut werden. Hilf mir ! Ich habe Dich lieb, weil Du mich aus der Thür geworfen! Nun setz' Du den Fuß auf meinen Nacken, und ich will Deinen Fuß mit meinen Thränen netzen und ihn trocknen mit dem Haare meines Hauptes! Zieh mir noch einmal den Pfeil aus dem Haar, Arnold; Nimm mich auf! Ich komme!" Ich griff hinter mich. Ich taumelte. Ich wollte eine Stütze suchen. Meine Hand fiel auf das Tischen unterm Spiegel. Es stürzte um, und klirrend schlugen 735 Karaffe und Glas zu Boden. Mein Taschenbuch lag im Wasser auf den Dielen. Es hatte da auf dem Tisch ae- legen Ausgespreizt lag es da, den Einband nach oben. Ich bückte mrch es zu greifen. Da fiel mir ein Seiden- paprer herab und ins Wasser. Ein dürres Tannenreis zeichnete sich ab auf dem durchweichten Papier. Ich nahm es auf und küßte es. Mit einem Male war's stille und klar in mir geworden. „Das thust du!" sagte ich laut. Ich nahm den Brief Lenorens und warf ihn in Den Ofen: „Ich will Frieden haben! Laß fahren dahin!" Ich war auf der Flucht. Vorbei flogen die Felder und Walder und Dörfer. Vorwärts — nur vorwärts — der unleidliche Aufenthalt! Hier auf der Kreuzstation zehn Minuten. Ich saß und schaute in die Zeitung. Da legte sich eine Hand aus meine Schulter. Ich blickte auf. Lenore stand neben mir. Schlank, bleich seltsam, mrt großen, dunklen, flackernden Augen: „Hast Du meinen Brief bekommen?" Ich sah ihr ins Gesicht: „Ja!" „Und Du bist hier?" „Ja!" „Ist das Deine ganze Antwort?" „Ja!" Aus ihren Augen schoß ein Strahl: „Hast Du vergessen?" „Ja!" „Einsteigen nach Gernrode — Halberstadt — Qued- lrnburg! Erster Bahnsteig links!" gellte Klingel und Stimme des Pförtners durch den Saal. Ich stand auf. „Arnold!" schrie sie leise auf, und ihre kleine Hand faßte meinen Arm. „Leb' wohl, Lenore!" Ich reichte ihr die Hand hin. Sie ließ meinen Arm los. Ihr Gesicht war schneeweiß geworden bis in die Lippen. „Leben Sie wohl, Herr Doktor!" kam es zwischen ihren blinkenden Zähnen hervor. Sie wandte sich um, griff ruhig nach ihrer Tasche und ging langsam dem Ausgang zu. Ich war ganz ruhig. Nur etwas wie ein leises Frieren ging durch meine Glieder. Und dann, wie der Zug sich in Bewegung setzte, den Bergen zu, kam mir eine Reminiscenz: „Der Strick ist zerrissen, und wir sind frei!" So stand's in den Psalmen. Und nach dem Text ging die Musik der Räder. „Darf ich rauchen?" fragte mein Gegenüber höflich „Gewiß, hier ist ja Rauchcoupee!" , „Sie sehen so blaß aus! Ich glaubte, es wäre Ihnen nicht wohl!" „O, sehr! Rauchen Sie nur!" Ich holte tief Atem. Da lag der Eisenhammer. Der Tag war im Sinken. Leise begannen die weißen Flocken wieder zu fallen. Es war so feierlich und schön und festlich. Der Amselwirt empfing mich mit offenen Armen: „Das ist recht, Herr Doktor! Schauen's, da steht der Baum, den die Herren vom Werk anzünden. Werden sich freuen, daß Sie mitmachen !" „Schön, schön, Herr Wirt! Erst noch einen Marsch .durch den Wald! Hier, mein Köfferchen! Adieu!" Kirchenstill der Wald. Die Tannen schwer verschneit. Gelb das Laub der welken Hagebuchen. Der Schnee tief auf dem Wege. Eine Krähe, die schreiend über den Wald .hinflog zum Horst. Ich nahm den Mantel ab. Mir war warm. Der niederrieselnde Schnee kühlte mir das Gesicht. Vorwärts — nur vorwärts! Es wurde dunkel. Dichter fielen die Flocken. Der Wald lag da in stiller jungfräulicher Herrlichkeit; verschleiert in Nacht. Nun fernes Hundegebell. Ich stand still. Mein Herz klopfte, daß ich es hörte in der großen Einsamkeit. Ich faltete die Hände um den Stock. „Friede auf Erden!" betete ich Ich ging weiter. Da leuchtete vor mir ein gelbes Licht auf. Das war die Försterei. Die Hunde bellten lauter. Jetzt wurden sie still. Ich hatte des Försters Stimme gehört, die ihnen rief. Da lag das Haus in seinem Wald- und Winterfrieden. Aus zwei Fenstern brach heller Glanz. Leise trat rch heran , und schaute hinein. Da stand Gertrud und zündete die Lichter an. Das liebe, fromme, schöne Gesicht war ganz in Licht gebadet. Ein wehmütig Lächeln lag um den seinen Mund. Auf dem Hof murrten die Hunde. Nun brannten alle Kerzen mit mildem, feierndem, stillem Glanz. Gertrud war allein im Zimmer. Da hob ich den Finger und klopfte an die Scheiben. „Ja, ja!" rief sie mit heller Stimme; „ich bin fertig; komm nur herein und hilf mir, — Karl —" „Bitte, komm Du heraus, Gertrud!" antwortete ich von draußen. Sie eilte ans Fenster und riß es auf: „Wer ist denn da draußen?" „Gertrud, der Waldpilger ist's; komm heraus und mache mich los!" Die Hunde heulten laut auf. „Ich bin durch die Nacht gekommen, um Frieden zu haben!" „Um Gottes willen, mein Schwager und meine Schwester hören uns —" „Gertrud, komm! Um aller Barmherzigkeit willen!" Da eilte sie stürmend durchs Zimmer, daß die Lichtlein hell aufflackerten; die Hausthür ging, und die Pforte klirrte, die Hunde rasten, und vom Stall her scholl die zornige Stimme des Försters: „Zum Donnerwetter, was haben die Köter denn heute!" • Gertrud stand vor mir, die Hände über die Brust gekreuzt. Der Lichtschein aus dem Fenster siel auf ihr süßes Gesicht, wie damals, nur voller und heller. „Herr Doktor!" flehte sie mit stockendem Atem, „was soll das heißen?" „Gertrud, um Ostern stehen die Toten auf, und zu Weihnachten gehen sie um, wenn sie keine Ruh und. keinen Frieden fanden. Sieh, hier stehe ich vor Dir in kalter Winternacht, ein Mann, der nach Frieden lechzt — nein — sieh! ich; kniee vor Dir im Schnee und bitte Dich: löse mich von Fluch; und Bann! Und Du hast ja gesagt: es kann's nur eine, meine Frau: so sei meine Frau, sei mein Friede auf Erden! Gertrud!" So lag ich vor ihr kniend im Schnee und streckte meine Hände nach ihr aus. Um uns wirbelten die weißen Flocken. „Und die andere?" fragte sie leise und ernst. „Ist tot und ich; bin au s er st and en!" rief ich laut. „Ich will's Dir alles erzählen!" „So wahr Dir Gott helfe?" kam ihr Wort zurück. „Ich will nicht teilen und dann zu Grunde gehen; denn ich; habe Dich lieb!" „So wahr mir Gott helfe! Nun leg' die Hände auf mich und sprich mW los! Sprich zu mir das Wort vom Frieden!" Sie trat dicht heran, recht in den vollen Schein ' des Lichts und legte ihre Hände in meine: „So sei los!" sprach, sie laut und fröhlich und neigte sW über mich. Ich; drückte mein Gesicht in ihre kühley Hände. „Gott sei Dank!" sagte ich nur. Und wieder floß es rieselnd durch meine Glieder. „Steh' auf und komm herein!" bat sie und neigte sW tiefer und küßte mich auf die heiße Stirn. „Nun schlag einer aber lang hin!" klang da die Stimme des Försters: „Was geht denn hier vor? — Da sollen denn doch gleich —" Ich war aufgesprungen und hätte den Arm um Gertrud gelegt: „NWts weiter, Herr Förster; ist nur einer losgesprochen aus Baun und Acht und bittet nun, mit Ihnen Weihnacht feiern zu dürfen." „Ja, wenn dies verschlagene Mädel, die Gertrud, auch ihr Wohlgefallen daran hat, dann bleibt mir wohl nur übrig. Ja und Amen zu sagen. Verstehen thu' ich. vor der Hand die ganze GeschWte noch nicht! Ungewöhnlich. ist die Sache. Aber ich schlage aus Gesundheits- rücksWten vor, daß wir das übrige drinnen abmachen. Hannchen!" rief er hinein, „erschrick nWt zu sehr und laß den Grünkohl nWt anbrennen; aber komm schnell 'mal her!"-- Ich. stand mit Gertrud unter dem duftenden, leuchtenden, strahlenden Baum. Sie lehnte an mir und sah Mr mir auf mit ihren blauen Augen. 736 „Ein kleines Geschenk habe ich nur für Dich-, Gertrud, aber nimm es hin: es hat eine Geschichte!" Sie sah mich! in holder Frage an. Ich nahm das welke TanneNreis aus meinem Taschenbuch. „Kennst Du das?" Sie hob das Gesicht und bot mir die Lippen. „Ja, Hanuchen!" lachte der Förster, „mit der da ist heute nichts mehr aufzustellen; da wirst Du den Grog Wohl selbst machen müssen!" Gertrud machte sich los. „Nein, ich> Will immer meine Pflicht thun!" sagte sie in schönem Ernst; „aber erst singen wir das alte Lutherlied auf die Weihnachten, wie wir's daheim gethan." Sie trat ans Klavier und schlug in vollen Tönen an. Ich deckte die Hand über die Augen. „Gott sei Dank!" „Der guten Mär' bring id). so viel, Davon ich singen und sagen will!" klang es jubelnd in den verschneiten Wald hinaus im Chor. Da lachte es draußen gellend auf. — Nein; es kam nicht aus dem Gewölbe des Ratskellers. Eine Eule, war's im Wald. Ich legte mein Gesicht auf Gertruds Schulter. Ich war frei. Für immer. Gertrud glaubte an mich. Weihnachten bei Fritz Reuter. Von Karl Theodor Gaedertz (Berlin). *) Nachdruck gestattet. Johannis 1863 war der Dichter der „Ollen Kamellen" nach Eisenach übergesiedelt und fand ein trauliches „Hüsung" in einem am Fuße der Wartburg belegenen schmucken Schweizerhause, das mit seinen vorspringenden Giebeln, Erkern und Altanen gar anheimelnd aussah. Hier fühlten sich Fritz und Luise Reuter sehr wohl und behaglich. Ein günstiger Sommer und Herbst lockten sie viel yrnaus in die herrliche Natur, in den Wald und auf die Bergeshöhen. Weihnacht kam herbei. Dies schönste Fest-zum ersten Mal in der Fremde, ohne „Julklappen", ohne „Dannen- bom" und ohne plattdeutsche Freunde zu feiern, schien dem Reuter'schen Ehepaar doch zu schmerzlich!. „Wie, wenn wir uns zwei echte Niedersachsen verschrieben, Wiesing? — Ja, guck mich! nur erstaunt an! Litzen da nicht im nahen Koburg und Gotha die beiden „Lürwigs"?" rief Reuter lachend. „Ach Gott, die armen alten Junggesellen!" sprach Frau Luise mitleidsvoll. „Jawoll, die mein' ich, mein Wiesing, die laden wir uns zum Heilchrist ein: den ollen braven Ex-Rektor Ludwig Reinhard aus Boitzenburg und den wackern Lud- wig Walesrode aus Altona, der auch 'mal auf Festung Graudenz gesessen hat, wie Dein Fritz., Das sind ein paar Frohnaturen, trotz aller Schicksalsschläge frisch und fidel geblieben, die zaubern uns in Persona die liebe Heimat hierher, am häuslichen Herd Mecklenburg m Thüringen". ' r , Gesagt, gethan. Bald lagen zwer Zusagen auf dem Pult des Herrn Doktor, und Frau Doktorin nnrtfchaftete umher in Küche und Keller, und Lisette, das neue „französische" Faktotum, ein Thüringer Bauernmädchen, ehemals Kammerdienerin der Herzogin Helene von Orleans, ging der Herrin eifrig zur Hand, denn „es fern dos Stranges, za mö sät bokuh plösir!" Fritz themer selbst aber schrieb an Julius Wiggers nach Rostock: ,,^ch grüße Dich freundlich und wünsche, daß Du das Wechnachtssest froh 'hingebracht haben wirst, trotz Einführung der ritter- fchaftlichen Prügel. Für mich ein unschätzbarer Vertrag zu meiner Urgeschichte. Ich werde das Fest gewiß sehr froh genießen, da Lurwig Reinhard und Lurwrg Walesrode meine Gäste sein werden. Meine Frau hat schon allerlei kleine, schlechte Witze zu Julklappen für dre Verden *) Aus dem eben erschienenen Schlnßband des Buches: „Ans Fritz Renter's jungen nnd alten Tagen" (Verlag der Hinstorfs schen Hofbuch- ausgedacht, und morgen fange ich damit an. Reinhard kriegt von mir den neuen Hinftorff'schen Landeskalender für Mecklenburg; ich hoffe, er wird sich kindlich dazu freuen". Damit sein guter, origineller Reinhard aber auch ja und ja nicht ausbleibe, richtete Reuter Noch rasch am 22. Dezember das folgende herzvergnügte Billet an den alten Knaben: Lurwig! Sös Spickgäus', drei Mettwüst un drei Ossen- tungen, vier Bratwüst, fiwuntintig Pund Hambörger Rokfleisch un 'denn noch all dat Anner; denn noch so beten Kanken, dat Du dormit äwer den Bolzer**) Meßhof en drögen Stig leggen kannst; einen groten Pumpernickel, 'ne Kist Wit Grabow'scheu Win un mit Mulderjahn, un so velen Brannwin, dat en Hund dorin swemmen kann — ist Di dat viellicht nich gaud genaug? — Kümmst Du den Dunnersdag mit den irsten Tog nich, — denn — denn kümmst Du mit den tweiten; äwer kümmst Du mit den tweiten nich, denn möt ick Di schieremang för Rothschildten sine Fru Gemahlin erklären, de sick vör sinen nigen Pahleh Up den Ballon fet'te, un tau de hei dünn säd: „'Blümche, Du verdirbst mir die ganze Fassade !" — Lurwig, Du weilst, mit Kleinigkeiten kann mem Kinner en grot Vergnäugen malen, un ick betracht Di noch ümmer as Lewerenzen sin Kind, wat grad' so as Du en beten lang geraden was; Du sallst för ditmal min Kindjes un Semmel- popp sin, de mi tau Wihnacht schenkt ward. — Hinstörp, „der Menschenfreund", befahlt allens; „mein Liebchen, was willst Du noch mehr?" — Also up jeden Fall den Dunnersdag? Walesrode kümmt des Nahmiddags Klock drei. Lurwig, ich grüße Dich! meine Frau grüßt Dich, und meine Lisette (französische Erzieherin bei uns, die diesen Brief zur Post bringt) empfiehlt sich Dir bestens. , _ , Rechte Feststimmung herrschte am Heiligabend. „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit'^ spielte und saug zu Beginn Luise,. und ihr immer noch voller Mezzosopran drang weich und weihevoll ihrem Fritz zu Herzen. Die beiden lustigen alten Brüder hörten still bewegt zn, nnd im Hintergründe flüsterte Lisette, mit der bunten Schürze sich die Thränen trocknend: „Ah, musicke dö uoel! jö swi aneor ön enfant!" Dann huschte die Hausfrau zur Flügelthüre, fie öffnend, — im Kerzenlicht erstrahlte der Mecklenburgische Tannenbaum, und nun gab's eine gegenseitige Bescherung unter, den guten Menschen, daß man nicht wußte, ob Geben seliger oder- Nehmen. Nur Lisette neigte entschieden und zufrieden der letzten Ansicht zu. — Abends beim Karpfenschmaus ließ Reuter zuerst denjenigen leben, bei welchem er gar manche Weihnachten gefeiert, seinen ‘ treuen Fritz Peters auf Siedenbollentin, wie er's ihm schon angekündigt hatte, damit ihm die Ohren klingen möchten: „Das erste Glas„ welches ich zu Weihnacht im Freundeskreise ausbringe, soll auf einen lieben Freund und Gutsbesitzer fein, der fein Pomuchelskopp ist!" Darauf wandte er sich in launigen Knittelreimen zu den beiden „Ludwigs" und wünschte, sie möchten sich ehrlich in ein Päckchen teilen. Auf Frau Luiseu's Wink hatte inzwischen Lisette ein Paket hingestellt: und während jetzt hell die Glaser klangen, konnte die brave Person sich nicht enthalten, den Herren verständnisinnig zuzuraunen: „Musjös, drinnen sein Rauchfleisch de Hambourg, Salat (Cervelat)- Wurst dö Gotha et likörs, möh fui!" Mit lustigem Lachen wurde diese verlockende Mitteilung begrüßt. Ja, es war ein schöner Heilchrist. Reuter meldete denn auch an seinen alten Pastor Boll in Neubrandenburg: „Wir haben hier mit Ludwig Reinhard- und Ludwig Walesrode ein heiteres Weihuachtsiest verlebt". Das erste sern von der Heimat, für Fritzing und Luising, aber doch aus heimatliche Art und Werse gefeiert, im Herzen froh, mit zwei lieben alten Freunden, echt deutsche Weihnachten. **) Bolz, Gut in Mecklenburg-Schwerin. Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.: Mastvsthausftevung. Handlung in Wismar». Redaktion: E. Burkhardt. - Druck und B-rlag der Brühl',ch-n UmverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in «ießeu.