81 MM icht Glückes bar sind deine Lenze, WM Du forderst nur des Glücks zu viel; Gib deinem Wunsche Maß und Grenze, Und dir entgegen kommt das Ziel. DaS Glück, kein Reiter wird's erjagen, Es ist nicht dort, es ist nicht hier; Lern' überwinden, lern' entsagen, ______________Und ungeahnt erblüht es dir. Th. Fontane. (Nachdruck verboten.) Geächtet. Roman von LotharBrenkendorf. (Schluß.) Zwanzigstes Kapitel. Auf einer kleinen Waldblöße unweit des Totendorfes hielt Sixtus von Plothow vor der Front feiner treuen Schar. Er trug noch den bürgerlichen Anzug, in dem er in der letzten Nacht aus dem Herrenhause von Lasdehnen entflohen war; aber der Husarenkalpak bedeckte sein Haupt, und das Kreuz des Ordens pour le merite schmückte seine Brust. In einer kurzen, mannhaften Ansprache hatte er seinen Husaren auseinandergesetzt, daß nun das Ende gekommen sei. „Wer von Euch die Gnade des Königs damit zu gewinnen hofft, der gehe hin, sich; freiwillig zu ergeben. Niemand wird versuchen, ihn zurückzuhalten, und meine besten Wünsche werden ihn geleiten." Keiner aber hatte sich auf diese Aufforderung hin gerührt. Todesmut und finstere, unbeugsame Entschlossenheit spiegelten sich auf jedem dieser wetterharten Gesichter. „Wohlan denn, Leute", hatte her Major seine Rede geschlossen, „so werden wir zusammen sterben, wie wir zusammen gelebt und gekämpft haben. Der Wald, darin wir uns befinden, ist rings umstellt. An ein Entkommen ist ebenso wenig zu denken wie daran, daß wir uns etwa durchschlagen könnten. Vielleicht schon in der nächsten Viertelstunde wird auf allen Seiten der Angriff beginnen. Wir könnten es ihnen sauer machen, uns zu bewältigen, und wir haben noch! Munition genug, um manchen von ihnen ins Gras beißen zu lassen, ehe an uns die Reihe kommt. Mer wir wollen nicht vergessen, daß es unsere ehemaligen Kameraden sind, die gegen uns kämpfen, und daß sie nur dem Befehl ihres Königs gehorchen. Darum wollen wir nicht ohne Not die Preußenerde mit preußischem Blute tränken. Wenn sie den Ring um uns geschlossen haben, brechen wir nach gutem Reiter- brauch mit lautem Hurra gegen das Totendorf hin vor. Memand soll beim Kampfe eine andere Waffe als seinen Säbel brauchen, und auch den nur, um zu hindern, daß sie ihn lebendig sangen. Wer damit einverstanden ist, der erhebe seine Hand!" Da zauderte keiner, seine Rechte emporzustrecken, und noch einmal leuchtete es wie in freudigem Stolz über des Majors ernste Züge hin. „Ich danke Euch! Ich hatte es nicht anders erwartet. Und nun bitte ich jeden einzelnen um Verzeihung, daß W ihn in diese traurige Lage gebracht habe, und sage jedem einzelnen Lebewohl." Er ritt die Front entlang, um den Männern, einem nach dem anderen, kräftig die Hand zu schütteln, und es war kaum einer, der sich nicht herabgebeugt hätte, um ehrfurchtsvoll diese dargebotene Hand zu küssen. In den Augen der rauhen Krieger, die vielleicht seit ihren Kindertagen nicht mehr geweint hatten, glänzten Thränen, und tote mühsam unterdrücktes Schluchzen wurde es hier und da vernehmlich. — Da krachte in geringer Entfernung ein Schuß — und noch einer —, und wieder einer. Die Pferde spitzten die «Ohren und die Reiter rückten sich in den Sätteln zurecht. Major Sixtus wandte seinen Rappen und riß den Säbel, den er über seinen Anzug gegürtet hatte, aus der Scheide. „Zur Attacke vorwärts — marsch — marsch!" Und wie der Sturmwind brachen sie aus dem Walde hervor. Zwei knatternde Salven krachten ihnen aus dem Trümmerfelde des Totendorfes entgegen. Aber die Kugeln gingen zu hoch, nicht eine einzige hatte getroffen. Und dann verstummte zur geheimen Verwunderung der todesbereiten Freischärler das Schießen. Major Sixtus aber starrte mit weit geöffneten Augen vorgebeugten Leibes entsetzt auf die Gestalt einer einzelnen Reiterin, die von dem Dorfe her in sausendem Galopp geradeswegs auf sie zugesprengt kam, ein wehendes, weißes Tuch in der erhobenen Rechten schwenkend. „Elisabeth!" murmelten seine Lippen, und seine breite Brust arbeitete, als ob ihm da drinnen etwas zerspringen wolle. Den Rappen aber hatte er mit wildem Ruck pariert, und die Husaren hinter ihm folgten seinem Beispiel, obwohl kein Kommando laut geworden war. Und nun war die Reiterin bei ihnen, die jeder erkannte, der sie bei ihrem Besuch im Lager gesehen hatte. Ihr schaumbedeckter Brauner war offenbar dem Zusammenbrechen nahe; sie selbst aber saß straff und kerzengerade im Sattel, strah-, lenden, verklärten Antlitzes, wie die Verkünderin einer Himmelsbotschaft. — US — Und eine Himmelsbotschaft war es, die sie brachte. „Friede, Herr Major!" ries sie mit klingender Stimme. „Der König von Preußen hat mir für Lasdehnen und seinen dreirneiligen Umkreis auf meinen Antrag das Asylrecht*) gewährt, damit ich mir die erforderlichen Arbeitskräfte für geplante Kulturarbeiten und für eine große Gestütsanlage schaffen kann. Kein Schuß darf aus diesem Boden ohne meine Einwilligung fallen, keine Gefangennahme ohne meine Zustimmung erfolgen. Wer bei mir um Asyl nachsucht, steht unter meinem Schutze. Der kommandierende Offizier da drüben hat sich von der Echtheit der eben eingegangenen Kabinettsordre überzeugt. Sie haben freien Abzug nach Lasdehnen, wenn Sie sich bereit erÜaren, mit Ihren Leuten in meine Dienste zu treten. Und Sie werden sich dazu bereit erklären — nicht wahr?" Der heldenmütige Freischarenführer aber war keines Wortes mächtig. Er beugte sich nur aus dem Sattel herab, nm die Hand der Retterin zu küssen, und nun sahen es alle seine Leute, daß er weinte. Da riß einer aus der Schar seinen Kalpak vom Haupte und schwenkte ihn hoch in die Luft. „Es lebe der König von Preußen! "rief er mit Donnerstimme. Und „Es lebe der König!" brauste es aus vierzig rauhen Kehlen über das Feld. Dann ritten sie in strenger Ordnung wie auf dem Paradefelde vollends dem Dorfe zm, die Säbel in der'Scheide, und helle Glückseligkeit auf den eben noch so düsteren Gesichtern. Schweigend ließen die erstaunten Soldaten den seltsamen Zug passieren; der kommandierende Ofstzier aber legte salutierend die Hand an den Helm. Und fein Gruß galt nicht nur der heldenmütigen Dame, er galt auch! dem Tapferkeitskreuz am Halse des Majors. „Es war die höchste Zeit, Herr Oberstwachtmeister Sixtus!" rief er zwischen Ernst und scherz. „Noch eine kleine Viertelstunde, und kein Asylrecht hätte Ihnen mehr genutzt. Nun sorgen Sie sür eine Amnestie von Seiner Majestät, dann will ich, bei meiner Ehre, der erste sein, Ihnen zu gratulieren." Der Leutnant von Kapnist aber, der fünfzig Schritte weiter wie ein junger Kriegsgott vor seinem Zuge hielt, erkannte mit lähmendem Erstaunen in dem „Räuberhauptmann" Sixtus den russischen Baron Botukow, der ihm gestern so ausnehmend gefallen hatte, und langsam, ganz langsam begannen allerlei seltsame Lichtlein in seinem Haupte aufzuleuchten. „Der Henker kenne sich mit den Weibern aus!" murmelte er, und dann kam aus seinem guten Herzen der Stoßseufzer hinterdrein: „Gott sei Dank, daß ich nichts von dem Betrüge gemerkt habe, es wäre eine gar zu schauderhafte KkeMme gewesen." Die Begnadigung des Königs kam, als die ersten sechshundert Remontepferde aus dem neu eingerichteten Riesengestüte zu Lasdehnen abgeliefert wurden. Die ehemaligen Freischärler hatten ihre Sache vortrefflich gemacht, indem sie ganze Herden der verwilderten Rosse einfingen und zähmten. Sie waren wieder tüchtige und brauchbare Glieder der menschlichen Gesellschaft geworden; keiner von ihnen hatte sich in dem neuen Berufe auch nur des geringsten Vergehens schuldig gemacht, da konnte ihnen Friedrichs Großmut die Verzeihung für die alte Schuld nicht versagen. Für den Gatten Elisabeths aber hatte der König eigenhändig unter die sauber kopierte Amüestie-Urkunde geschrieben: „Halte Er mir seine Frau gut, Er Räuberhauptmann! Sonst lasse ich Ihn noch nachträglich hängen." *) Das Asylrecht ist eine uralte Einrichtung. Es diente früher dazu, die oft barbarische Anwendung drakonischer Gesetze einigermaßen zu mildern. Später, und noch im vorigen Jahrhundert, wurde es mit Vorliebe angewendet, nm wüste, verwahrloste Landstriche, für die sich sonst keine Kolonisten fanden, zu besiedeln. Es konnte dann durch Entschließung des Landesherrn für gewisse Bezirke das Asylrecht gewährt werden. Wer sich innerhalb dieser Gemarkungen aufhielt, konnte wegen keines früher begangenen Vergehens zur Verantwortung gezogen werden, und nur die schwersten Kapitalverbrechen wurden von dieser Vergünstigung ausgeschlossen. Lächelnd sah Sixtus seiner glücklichen, jungen Frau in die Augen, als sie gemeinsam diese Warnung lasen. „Sollte ich da nicht doch vielleicht schon sür den Galgen reif sein, Liebste?" Wer sie küßte ihn statt aller weiteren Antwort herzinnig auf den Mund. Und man hat nie davon gehört, daß Herr von Plothow auf Lasdehnen etwa noch nachträglich gehenkt worden wäre. Der Leutnant von Kapnist vom Regiment Möllendorf, wie wankelmütig er auch vorher in Herzensangelegenheiten gewesen sein mochte, die nächtliche Erklärung an der kleinen Mauerpforte, durch die unterdessen hinter seinem Rücken der „vermaledeite" Major Sixtus entschlüpfte, hat er auch dann nicht bereut, als er aus Charlottens eigenem Munde die ganze Wahrheit erfahren. Und jedesmal, wenn er später mit seiner reizenden kleinen Frau zu kürzerem oder längerem Besuche aus Lasdehnen erschien, mußte sie mit ihm zu allererst ohne Gnade und Barmherzigkeit an den Ort ihres damaligen Stelldicheins, um wieder und wieder die grausame Strafe zu empfangen, die ihr für ihre schändliche Arglist gebührte. Till Eulenspiegel. Gestorben im September 1350. Von Werner Kahl. Nachdruck verboten. Wer kennt nicht Till Eulenspiegel, den Schalksnarren? Jeder von uns hatsichin der Kindheit an seinen losen Streichen ergötzt, mit demselben Behagen, als unsere Vorfahren vor 400 Jahren, die ja anch noch jene Ursprünglichkeit und Harmlosigkeit zur Lektüre mitbrachten, welche Bedingung eines unverfälschlichen Genusses des alten Volksbuches ist. Dr. Faust, Münchhausen, Eulenspiegel, diese drei Namen sind uns unauslöschlich ins Gedächtnis gegraben, ihre Träger sind die Erzeuger genußreicher Stunden. Manchmal freilich erwachten Bedenken darüber schön zu jener Zeit, und wenn die Streiche Eulenspiegels gar zu toll erscheinen, so legen wir uns wohl die Frage vor, ob der berühmte Narr denn überhaupt gelebt habe? Dieselbe Frage steigt in uns aus, jetzt, wo wir aus Anlaß der angeblichen 550. Wiederkehr des Todesjahres Eulenspiegels die Erinnerung seiner seltsamen Persönlich. feit neu in uns erwachen fühlen. Die Chronik berichtet ja ganz genau: gestorben im Jahre 1350 und sogar der Todesmonat September wird angegeben — trotzdem müssen wir leider dem wißbegierigen Leser die ernüchternde Antwort erteilen, daß die Forschung die Frage, ob der berühmte Narr eine wirkliche Persönlichkeit gewesen, nicht mit völliger Bestimmtheit bejahen kann. Möglich, daß wir in dem alten Volksbuch nur eine Art humoristischen Roman vor uns haben, dadurch entstanden, daß ein Freund des Humors die in Volks kreisen verbreiteten oder in mancherlei Büchern niedergelegten Schwänke und Schelmenstreichgeschichten gesammelt und eine ersundene Persönlichkeit zum Helden derselben erhoben hat. Sind doch ähnliche Büchner dieser Art bereits damals in Menge erschienen. Auch der Name „Eulenspiegel" würde für diese Annahme sprechen, da er zweifellos eine sinnbildliche Bedeutung hat und sicher — die Thatsache des einstigen Daseins des Narren vorausgesetzt— nicht sein wirklicher Name, sondern höchstens ein ihm vom Volke verliehener Beiname, ein Spitzname gewesen ist. Andererseits sprechen doch mehrere Umstände dafür, daß man es mit einer historischen Gestalt zu thun hat, wenn nun derselben selbstverständlich, auch nicht alle die Schalksstreiche, von denen das Volksbuch, berichtet, zur Last fallen. Es war eben damals gerade wie heute, Frau Fama zeigte sich genau ebenso geschwätzig und phantasiereich, und war Eulenspiegel einmal bekannt und populär als lustiger und loser Vogel, so brachte der Volksmund eben alle Dummheiten oder Schwänke, die zu seiner Kenntnis gelangten, ihm aufs Kerbholz. Nachweislich entstammt ja auch ein Teil der sogenannten Eulenspiegelstreiche älteren Werken, wie z. B. dem Pfaffen Ameis, dem Pfaffen Kalenberg usw. Als Beweise für Till Eulenspiegels Lebhaftigkeit werden 543 -x aber folgende angeführt: Erstens zeigt man in Mölln in Lauenburg, wo er gestorben sein soll, noch heute seinen Grabstein; zweitens erwähnt bereits eine 1486 geschriebene Chronik-die Thatsache seines zu Mölln im Jahre 1350 erfolgten Todes; drittens wird auch in einer 1592 erschienenen Reisebeschireibung die Grabschrift Eulenspiegels im Wortlaut veröffentlicht. Weiter hebt Karl Pannier in seiner Neuherausgabe der ältesten Ausgabe des Volksbuchs von 1519 die Bestimmtheit der geografischen Beziehungen hervor, und erzählt, daß auf dem Schloßhofe zu Bernburg noch ein Turm steht, welcher allgemein der Eulenspiegel heißt. Tort bewahre man auch noch das Bruchstück einer gläsernen Trompete, ein Plüschkäppel, einen Mantel und einen irdenen Krug auf, welche von Eulenspiegel herrühren sollen. Außerdem berichtet Merian in seiner Topographie von Lüneburg und Braunschweig aus dem Jahre 1654, daß zu jener Zeit noch das Geburtshaus des Narren in Kneitlingen gezeigt wurde. Der Name Eulenspiegel kommt bereits 1337 im Braunschweigischen vor, auch läßt die Genauigkeit der Angaben über die Geburt, sowie die Sippe und den Geburtsort unseres Helden nichts zu wünschen übrig. „Bei dem Wald, Elm genannt", so hebt das Volksbuch an, „in dem Lande Sachsen, in dem Dorfe Kneitlingen, da ward Eulenspiegel geboren, und sein Vater hieß Klaus Eulenspiegel und seine Mutter Anna Wibeken. Und da sie des Kindes Eulenspiegel genas, da schickten sie es gen Ambleben, in das Dorf, zur Taufe, und ließen es heißen Till Eulenspiegel. Und Till von Uetzen, der Burgherr von Ambleben, ward sein Gevatter." Das Geschlecht derer von Uetzen hat aber, nach Karl Panniers Angabe in seiner Eulenspiegelausgabe, wirklich gelebt. Wenn wir uns aber von allen diesen Beweisgründen zur Ueberzeugung von dem Dasein unseres Narren bekehren lassen, so brauchen wir auch an den Angaben des Volksbuches selbst, über seine Jugend und Erziehung, sowie über seinen allgemeinen Lebenswandel nicht zweifeln. Wir dürfen vielmehr ohne weiteres glauben, daß er schon als Knabe zu allerlei dummen Streichen aufgelegt war und zur regelrechten Arbeit keine besondere Neigung zeige. Zuletzt wanderte er in die Welt, um sein Glück zu versuchen, er dehnte seine Streifzüge gelegentlich bis Rom und Paris aus, arbeitete nur, wenn es absolut nicht anders ging, und dann nicht lange, und scheute sich nicht, sich die Mittel zum Unterhalt durch allerhand Zechprellereien und betrügerische Kunstgriffe zu verschaffen. Vielleicht lebte er auch zeitweise als eine Art Hofnarr bei diesem und jenem hohen Herrn; doch hielt er entweder nicht lange aus, oder die Art seiner Schwänke zog ihm bald die Ungnade seiner Gönner zu. Reich geworden ist er wohl bei seinem herumstreifenden Leben nicht, im Gegenteil darf man annehmen, daß es ihm oft am notwendigsten gefehlt hat. Wir wissen nicht, wie alt er geworden ist, nur sein Todesjahr wird verzeichnet. Was die Streiche, die er ausgeführt, oder die man auf sein Konto gesetzt hat, anlangt, so dürfen wir dieselben nicht nach dem Bildungsstandpunkt des 19. oder 20. Jahrhunderts messen. Thun wir das, so erscheinen sie uns weniger witzig, als roh, zum Teil sogar unflätig und schlecht. Der Witz fommt in der Regel nur dadurch zu stände, daß Eulenspiegel alles buchstäblich nimmt; gebietet ihm sein Prinzipal, der Schneider, er soll noch die Aermel an ben Rock werfen und dann schlafen gehen, so brennt er zwei Lichter an,'hängt den Rock an den Nagel und wirft einen Aermel um den andern die ganze Nacht hindurch an den Rock. Befiehlt ihm der Brauer, dem er sich als Braukneicht verdingt hatte, den Hopfen gut zu sieden, so lockt er des Brauers großen Hund, der Hopf heißt, an sich, um ihn ins kochende Wasser zu werfen. Die ewige Wrederholung derartiger Wortklaubereien gestaltet die Lektüre nicht gerade zu der abwechselungsreichsten; znnt Glück laufen auch Streiche unter, die anderer Natur sind und wirklichen Witz verraten. Wer erinnert sich nicht mit Vergnügen an die Versammlung der Schneider, die er einmal nach Rostock berief, unter der Vorspiegelung, er wolle die Helden der Ngdel eine Kunst lehren, die ihnen und ihren Nachkommen, so lange die Welt stehe, nützlich sein werde. Da kamen herbei die Schneider aus allen Orten und Städten des Landes, sowie der umliegenden Länder, und es war zur bestimmten Zeit eine Schneiderwaklfahrt nach Rostock, daß man sich! dort darüber verwunderte. Als sie beisammen waren, bestellte sie Eulenspiegel auf einen weiten Platz, ging in ein Haus, chas an demselben lag, und sprach zum Fenster heraus zu der lauschenden Menge: „Ehrbare Meister des Schneiderhandwerks! Wenn Ihr Schere und Nadel, Fingerhut und Zwirn, Ellenmah und Bügeleisen habt, so habt Ihr alles, was Ihr in Eurem Handwerk braucht, und das zu erlangen ist keine Kunst. Wohl aber ist das -eine Kunst, was ich^ Euch jetzt lehren will. Sobald Ihr eine Nadel eingefädelt habt, dann vergeßt nicht, ans andere Ende ko es Fadens einen Knoten zn machen, IHv stecht sonst viele Stiche umsonst." Nun schwieg er. „Ist das alles, was Ihr nns zn lehren habt?" riefen die Schneider, „die Kunst kennen und üben wir von jeher." Da strafte sie Eulenspiegel mit den Worten: „Was vor 1000 Jahren gewesen ist, daran denkt heutzutage niemand mehr, und da Ihr meine Erinnerung nicht mit Dank, sondern mit Unwillen aufnehmt, so mögt Ihr wieder hingehen, wo Ihr hergekornwen seid." Natürlich waren die so angeführten Schneider nicht wenig aufgebracht. Bis in das Grad begleitete der Volkswitz den losen Vogel; nicht liegend, wie andere Sterbliche, sondern stehend ruht er in der Erde, da sein Sarg beim Einsenken infolge Reißens der Seile so in die Gruft schoß, daß Eulenspiegel auf die Füße zu stehen kam. Da er im Leben wunderlich gewesen, ließ man ihn so stehen, warf das Grab zu und setzte ihm einen Stein,. auf welchen sie eine Eule und einen Spiegel hieben und oben auf die Grabfchrift schrieben: Disen stein sol uieman erhaben; Hie stat Ulenspiegl begraben. Anno domini MCCCL iar. Dem Geschmack seines Zeitalters entsprach das Volksbuch von Eulenspiegel im vollsten Maße, sodaß es wie kein anderes Verbreitung fand. Nicht nur erschienen bereits im 16. Jahrhundert nicht weniger als 18 deutsche Ausgaben des Werkes, sondern es wurde auch in alle Kultursprachen übersetzt und fand in fremden Ländern denselben Beifall, sodaß Enlenspiegel überall eine typische Persönlichkeit geworden ist. In Deutschland ist die Zahl der seit dem' ersten Erscheinen herausgekommenen Ausgaben und Bearbeitungen Legion, und auch sonst ist die köstliche Figur des Kneitlinger Narren in Poesie und Prosa vielfach verwertet worden. Als das Werk zuerst erschien, waren eben die „Volksbücher" Mode geworden, jene, die Romane der heutigen Zeit ersetzenden Darstellungen romanischer und deutscher Sagenstoffe, die von Hausierern verbreitet und von vornehm und gering gern gelesen wurden. Bis in unsere Zeit hinein erfreuen sich die Erzählungen der alten Volksbücher, wenn auch in etwas neuzeitlicher Form, besonders bei der Jugend noch großer Beliebtheit: Genofeva, Die schöne Melusine, Kaiser Octavianus, Die Hehmonskinber, Fortunat, Faust, Der ewige Jude und wie sie alle heißen. Unser Volksbuch vom Eulenspiegel aber nahm eine hervorragende Stelle unter ihnen ein. Der älteste noch erhaltene Druck, von dem noch ein einziges Exemplar auf uns gekommen ist, stammt aus dem Jähre 1519 und ist bei Johannes Grieninger in, Straßburg erschienen. Nach Lappenberg, welcher 1854 genanntes Exemplar neu herausgegeben hat, wäre der Franziskaner Thomas Murner (geboren 1475 zu Straßburg), der Verfasser, doch entspricht diese ans eine namenlose Spottschrift gegründete Behauptung wohl nicht der Wahrheit, da zuverlässig schon frühere Ausgaben des Buches vorhanden waren. Man könnte also in Murner höchstens einen Bearbeiter der wahrscheinlich in niederdeutscher Sprache abgefaßten älteren Ausgabe vermuten, wenn nicht die ausdrückliche Versicherung des Bearbeiters, er sei ein Laie nnd der lateinischen Sprache unkundig, auch diese Annahme hinfällig machte. Immerhin, wer aber auch der Verfasser oder Bearbeiter gewesen, und ob Enlenspiegel in der That gelebt hat, oder nur der Hauptvertreter der in der Volksüberlieferung aufgespeicherten Schwänke ist —< im Volke lebt er mit seinen Narrenstreichen unvergänglich fort. " — 544 — Das Schlafzimmer und die Betten. s Nachdruck verboten. Der Ort, wo der Mensch ein Drittel oder gar die Hälfte seiner Lebenszeit zubringt, muß vernünftig eingerichtet sein und den hygienischen Anforderungen entsprechen. Leider ist in der Regel das Gegenteil der Fall, und eine Menge Krankheiten und Uebel haben blos darin ihre Ursache, daß der Körper wahrend des Schlafes, wo die Lebenskraft teilweise schlummert, für schädliche Einflüsse empfänglicher ist als während des Wachens. Fehler, die in dieser Hinsicht begangen werden, sind, wie wir der „Dresdener landw. Presse" Nr. 19 entnehmen: 1. Aufstellen der Betten in den feuchtesten, ungesundesten Teilen des Hauses, während man die trockensten, gesundesten zu Schlafzimmern wählen sollte, oder in einem Alkoven, wo die verdorbene Luft wenig Abzug hat und gute frische nicht zukommen kann. 2. Aufstellen derselben an einer steinernen Wand, was das sicherste Mittel ist, früher oder später Rheumatismus, rheumatischen Zahnschmerz, Gicht, Gliederreißen zu erhalten. 3. Zu schwere und zu warme Federbetten, welche den Körper bei Nacht zu sehr erhitzen, und daher für Erkältungskrankheiten empfänglich machen, da ein zu starker Trieb der Säfte nach der Haut erregt wird. 4. .Einschließen der Betten während des Tages unter Decken oder hinter Vorhänge, wo sie nicht austrocknen und ausdünsten können. 5. Zu kurze und zu schmale Bettstellen, wo der Körper sich weder gehörig ausdehnen noch bewegen kann, und in eine sichelförmige, die Brust beengende Lage kommt. 6. Anhäufung von Kleidern, Schuhen, Stiefeln, Möbeln, Nahrungsmitteln in den Schlafzimmern, während in denselben gar nichts sein soll als das Bett. Alle Körper sind in beständiger Zersetzung, bei der sie kohlensaure Luft und andere Kohlenstosfverbindungen entwickeln. Alle verderben daher die Luft, abgesehen davon, daß der Mensch sie selbst schon durch Atmen und Ausdünstung verdirbt. 7. Anstreichen der Schlafzimmer mit giftigen Farben z. B. grünen Kupfer- und Arsenikfarben. G-Mreinnütziges. Beruflosen Frauen gebildeter Stände bietet dec Ev. Diakonieverein den kommenden Winter hindurch vom Oktober an in Berlin-Zehlendorf vier theoretische Kurse von je vier Wochen Dauer, in welchen sie in die mannigfaltigen Aufgaben weiblicher Liebesthätig- keit eingesührt werden unter Besichtigung der entsprechenden Anstalten in Berlin und Umgegend. Der Unterricht und, soweit Raum ist, die Wohnung ist unentgeltlich; Beköstigung wird zunt Selbstkostenpreise angeboten. Irgendwelche Verpflichtungen entstehen durch die Teilnahme an den Kursen nicht; denn der Ev. Diakonieverein bezweckt lediglich, beruslosen Frauen, soweit sie es wünschen, durch Erziehung, Berufsbildung und durch genossenschaftliche An- und Sicherstellung für ihr Leben Inhalt, Unterhalt und Rückhalt zu gewähren und durch ihre Verwendung in der Wohlfahrtspflege diese zu fördern. Wir glauben mit diesem Hinweise mancher unserer Leserinnen zu dienen und verweisen sie wegen alles näheren an den Begründer und Leiter des Vereins, Professor D. Dr. Zimmer in Berlin- Zehlendorf. Zzrumenpflege. Die Bekämpfung des Rosenrostes. Seit Jähren tritt in unseren Rosenbeständen und ganz besonders "unter den dunkelblütigen Remontantrosen eine verheerende Krankheit auf, die durch einen Pilz hervorgerufen wird. Die Rosen bekommen wie mit Rost gesprenkelte Blätter, verlieren sie vorzeitig und sehen trostlos aus. Wenn man nichts gegen den Pilz thut, verseucht er in kurzer Zeit die ganzen Rosenbeftände und kann es dahin bringen, daß wir die Pflege von Remontantrosen zeitweilig aufgeben müssen. In Nr. 25 des „Erfurter Führer im Gartenbau", welche dlummer allen Rosenfreuden gern postfrei und umsonst vom Geschäftsamt des „Erfurter Führers" zugesandt wird, sind die Mittel, welche wir zur Bekämpfung des schädlichen Rostes anwenden müssen, beschrieben. Zeichnungen erläutern auch für den, der sonst von Pilzen nichts versteht, das Wesen des Pilzes und die Abwehrmaßregeln, sodaß diese Nummer jedem willkommen sein wird. Vermischtes. Eine neue Stadtbenennung, die kürzlich im südamerikanischen Staate Urugah vollzogen wurde, wird nicht nur die Geographen, sondern auch die weitesten Kreise, namentlich anch die Frauenwelt, soweit sie Sinn für die Kochkunst hat, interessieren. Die betreffende Stadt hieß bisher Jndependencia und ist die Hauptstadt des Departements Rio Negro. Dort, am User des Uruguaystroms, liegen die mit dem besonderen Namen Fray-Bentos bezeichneten weltbekannten Etablissements der Liebig's Fleisch-Extrakt-Kompagnie, auf deren ungeheurem Areal von ca. 180000 Hektaren riesige Rinderherden weiden, welche ihre besten Fleischstücke zur Herstellung des echten „Liebig" liefern müssen. Für dieses Fabrikat, so vielfach verwendbar und heutzutage geradezu unentbehrlich, entwickelt sich überall ein stets steigender Bedarf, und daher kannte man in allen zivilisierten Ländern zwar „Fray- Bentos", aber fast nirgends „Jndependencia". Das ist vermutlich der Grund gewesen, weshalb sich die Behörden in Uruguay entschlossen haben, den Namen der Stadt in „Fray-Bentos" umzuändern. Litterarisches. Auerbach» Deutscher Kinder-Kalenver auf das Jahr 1901. Eine Festgabe für Knaben und Mädchen jeden Alters. Begründet von Dr. Ang. Berth. Auerbach. Neunzehnter Jahrgang. Herausgegeben von Georg Bötticher. Verlag von L. Fernau, Leipzig, Thalstraße 15. Preis 1 Mark. Kalender und Wachsstock waren bei uns daheim dermaßen unzertrennliche Attribute des Weihnachtsfestes, daß, als dieselben einmal bei der Bescherung fehlten, mein Bruder — derzeit Studio — enttäuscht ausrufen konnte: „Aber Vater, du hast ja die Hauptsache vergessen!" Erst als er beides in Händen hielt, kam die volle Weihnachtsstimmung über ihn. Gewiß würde es vielen Kindern ebenso ergehen, die gewohnt sind, unter dem Lichterbaum Auerbachs Kinderkalender alljährlich zu finden, wenn sie denselben dort vergebens suchten. Darum möchten wir alle Eltern beizeiten daran erinnern, sich dessen für ihre Lieblinge für- sorglich zu versichern, damit ihnen der Vorwurf, jenen die Enttäuschung erspart bleibt. Wer von ihnen aber diesen bewährten Kinderfreund noch nicht kennt, der beeile sich, seine Bekanntschaft zu machen; er ist für eine Mark zu haben, die reichlich Zinsen trägt. Er rechtfertigt den Spruch: Kindern kann man mit einer Kleinigkeit Freude bereiten! — Hier noch dazu eine dauernde. Bötticher sind bekanntlich Leute, die es verstehen, alles faßlich darzustellen, nachdem es sie reiflich überlegt haben. Das gilt auch von dem neuen Herausgeber dieses Kinderkalenders. Alles hat Hand und Fuß, was er als Beitrag bewährter Mitarbeiter in den schmucken Band ausgenommen hat; unser allverehrter Julius Lvhmeyer hat mithin in ihm einen würdigen Nachfolger gefunden. Bdc. Schachaufgabe. (Nachdruck verboten.) Schwarz. abcdef g h a b c d e f g h 8 8 6 6 5 4 3 Weiß. (74-8) Weiß zieht an und setzt mit dem zweiten Zuge matt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Arithmogriph in voriger Nummer: Rembrandt, Erde, Made, Barren, Rabe, Anna, Name, Dante, Trab. Xttatetar. 8. »»r$erM. — »nrf und «erleg der VrSht'fchen UninerMtS-Buch. trab Steindruckerei (Pietsch tri en) in «eßen. war i seitwö in du welche geh all E 2 Uhr Händl jemar bekan dem i daran sich h a trat t bat. nicht, mit dring ■2 alsba hatte, zurüd auch auf ( lade ( 30001 5 sie w rot sc gärte als X fachet Leine ( gebär groß, etwas