1900« HEB 'f/amhöcH" “ Ct Uhne ernsten Fleiß und strenge Selbstprüfung kann auch das Talent kein bleibend wertvolles Kunstwerk schaffen. Hugo Bürkner. (Nachdruck verboten.) Geächtet. Roman von Lothar Brenkendorf. (Fortsetzung.) Zehntes Kapitel. Lange Zeit wartete Elisabeth vergebens, daß ihr Begleiter sein Versprechen einlösen werde. Wieder war der Major in jenes düstere Schweigen versunken, das sie schpn vorhin auf dem Herwege so sehr beunruhigt hatte. Es schien, als habe er seine Zusage völlig vergessen, und tote brennend auch ihre mit beklemmender Bangrgkett gemischte Unruhe sein mochte, fehlte ihr bod), der Mut, thn durch eine erneute Frage daran zu erinnern. t Aber als sie nun aus dem Walde heraus wteder ins freie Feld kamen, richtete sich, der verstummte Retter plötzlich im Sattel auf und sagte mit ettter wetten Awi- bewequng über die verödete Landschaft hm: „ Ein trauriger Anblick für jedes Preußenauge — nicht wahr mein Fräulein? Und doch, wenn unsere ehemaltgen Feinde hier minder gründlich verfahren wären — wenn sie Litauen nicht in eine Wüstenei verwandelt hatten, wäre unter den armen Burschen, die Sie soeben gesehen haben, wohl keiner, der sich noch des Lichtes der Sonne erfreute. Denn biefe (Sinfennfeit ift unsere letzte -8^" flucht. Wir sind Ausgestoßene und Geächtete, für bte nicht Raum ist inmitten friedsamer, ordnungltebender Bürger". r . Bestürzt hatte Elisabeth die Augen zu einem Gesicht erhoben. So wenig sie daran zweifeln konnte, daß seine Worte bitter ernst gemeint seien, so wenig vermochte sie ihren Sinn zu begreifen. M „Sie sehen mich zweifelnd an, und uiji verstehe wohl daß es Ihnen schwer wird, sich in solche Vorstellung zu finden, wenn Sie vergangener Tage gedenken. Wer M sage nichts als die lautere Wahrheit. Selbst bte bescheibene Gastfreunbschaft, bie Sie soeben genossen, würben Sie vermutlich mit Entrüstung zurückgewiesen habeil, wenn Sie gewußt hätten, wer sie übte". „Sie quälen mich, Herr Major , sagte Elisabeth bittenb. „Welches Unglück Sie auch immer henngesncht haben mag, ich bin gewiß, baß es Ihnen kein Recht giebt, in solchem Tone von sich selbst zu sprechen". „Schlimm genug für mich, baß idj, gezwungen wm, Ihre gute Meinung zu zerstören. Seien Sie versichert, mein gnäbiges Fräulein, bah ich nicht übertreibe. Ich unb meine braven Leute, von betten jeher wohl hunbert- mal sein Leben für König unb Vaterlanb eingesetzt hat, finb vor Gesetz unb Obrigkeit heute nichts anberes als eine tzorbe von Räubern". , „Nein!" unterbrach sie ihn mit beinahe leibenschaft- licher Heftigkeit. „Nein, bas ist unmöglich! Unb ich verbiete Ihnen, so zu reben. Sie wissen nicht, wie wehe Sie mir bamit thun". Wieber zuckte es unter bem buschjgen Schnurrbart, aber bie Stimme bes Majors verriet nichts von innerer Bewegung. Sie hatte vielmehr einen harten fast schneiben- ben Klang, als er erwiberte: „Da Sie über Ursache unb Zweck unseres Hierseins Auskunft von mir zu erhalten wünschten, müssen Sie mir's wohl gestatten, bie Dinge beim rechten'Namen zu nennen. Unb ich wählte immer noch eine milbere Bezeichuung als Seine Majestät unser allergnäbigster König, ber in seiner Orbre einen viel weniger glimpflichen Titel wählte". . „So geben Sie mir enblich ben Schlüssel zu bie, em Rätsel, bas zu lösen über meine Kräfte geht. Ich sehe Sie vor mir in einem Kleibe, bas man mich seit meiner frühesten Kinbheit gelehrt hat, als bas ehrenvollste zu betrachten; Sie tragen bie höchste Auszeichnung, bie ber König einem tapferen Solbaten verleihen kann, unb trotz- bem wollen Sie mich; glauben machpn, baß — ach, ich mag bas abscheuliche Wort nicht wieberholen. An wessen Ehrenhaftigkeit sollte ich benn überhaupt noch glauben können, wenn ich an ber Ihrigen zweifeln müßte!" Als sie ber Auszeichnung erwähnte, hatte er mit einer raschen, verlegenen Bewegung nach, seinem Halse gegriffen, um bas Kreuz tiefer unter bie Uniform zu schieben. Ein wehmütiges Lächeln huschte über sein Gesicht, währenb erben Orben zwischen ben Fingern fühlte. „Aber ich sagte Ihnen boch, Fräulein von Marschall, baß ich gar kein Recht habe, diesen Rock zu tragen. Ich hatte es nach des Königs Willen schon vor acht Zähren verwirkt, benn bamals würbe mein Name für immer aus ben Listen ber preußischen Armee gestrichen". Elisabeth war sehr bleich, geworben. „Um meines Ver- schulbens willen", sagte sie leise. „Ich weiß es; benn man hat mir's erzählt, als ich mich von meinem Krankenlager erhob, unb als es zu spät war, 'etwas barem zu ändern. O, wenn Sie wüßten, wieviel ich in diesen acht Jahren unter bem entsetzlichen Schulbbewußtsein gelitten!" Der Major machte eine abwehrenbe Geste. „Sie hatten keinen Grunb, sich mit Vorwürfen zu quälen. Ihre Schulb war geringer, als bie meine, unb am Enbe hatten wir ja beibe nicht aus schlechten Motiven ge- 474 handelt. Das ist längst vergessen und abgethan. Wer weiß, ob ich im Stabe Ihres Vaters so reiche Gelegenheit gefunden Hütte, meinem Vaterlande zu dienen, als in den Reihen der verwegenen Freischar, der ich mich unter dem Namen Sixtus anschloß. Meine Kameraden und wohl auch meine Soldaten wußte« recht gut, wer sich; hinter diesem Namen verbarg. Der König aber — so denke ich — hat es nie erfahren. Sonst Hütte er mir wohl schwerlich dies Kreuz da verliehen. Es geschah nach einem Siege, der für ihn von unschätzabrem Werte war, und bei dem jeder zweite Mann aus unserem Korps sein Leben ließ, Ich Hütte mir's auch als Herr von Plothow nicht rechtschaffener verdienen können, und ich denke, man wird großmütig genug sein, es mir zu lassen, auch wenn man mich sonst wie einen Verbrecher behandelt. — Doch es war eigentlich nicht das, wovon ich sprechen wollte. Sie wissen vielleicht, ohne daß ich es sage, mit wie wenig wohlwollenden Augen der König von jeher die Freikorps ansah. Er meinte, daß sie von nachteiligem Einfluß auf den Geist der Mannszncht im Heere seien, und in Bezug auf einige von ihnen hatte er damit wohl auch so unrecht nicht. Widerwillig nur duldete er sie, so lange ihre Auflösung für ihn immerhin den Verlust von einigen tausend tapferen Soldaten bedeutet hätte. Als dann aber der Krieg ein Ende nahm, und als die schwere Notlage seines Landes ihn zwang, selbst die Kopfzahl des stehenden Heeres aus das unumgänglich Notwendige zu reduzieren, da waren die mißliebigen Freischärler ungeachtet aller Bravour, die sie vor dem Feinde gezeigt haben mochten, natürlich die ersten, die seinen reformatorischen Bestrebungen zum Opfer fallen mußten. Von einer Anerkennung der Dienste, die auch sie dem Vaterlande geleistet hatten, war da nicht die Rede. Und in der Ordre, welche die Auflösung der Freikorps verfügte, hieß es kurz und deutlich, sie hätten sich von der Armee fortzupacken, widrigenfalls man sie als Marodeurs und Diebsgesindel behandeln würde.*) „Welche grausame Ungerechtigkeit! Welche empörende Härte!" ries Elisabeth mit glühenden Wangen. „Ist das unser großmütiger König?" „Ich nehme mir nicht heraus, ihn deshalb zu tadeln", sagte der Major anscheinend ruhig, „wie schwer es mich selbst auch treffen mag. Aehnliches hat sich von alters- her fast nach jedem großen Kriege ereignet. Und wenn so viele von Friedrichs berühmten Grenadieren ihr Brot heute vor den Thüren erbetteln müssen,- wie dürsten wir für uns, die doch niemand unter die Fahne gerufen hatte, ein besseres Schicksal erwarten!" „Aber diesem Befehl, den Sie so hochherzig rechtfertigen wollen, Sie haben ihm doch nicht Folge geleistet?" „Nein! Ich wußte, daß die Mehrzahl meiner Leute dem bittersten Elend preisgegeben sein würde, wenn ich sie auseinanderjagte. Und ich wähnte in sträflicher Verblendung ihnen ein besseres Schicksal bereiten zu können. Rußland war seit der Thronbesteigung des Zaren Peter unser Freund und Bundesgenosse geworden, und wenn auch die herrschsüchtige Katharina, die ihm so bald folgte, in ihrem Herzen vielleicht weniger preußenfreundlich war, als ihr Gemahl, so begingen wir doch keinen Verrat am Vaterlande, wenn wir ihr unsere Dienste anboten. Jubelnd stimmte die Mehrzahl meiner Leute diesem Vorschläge zu, und wir brachten aus Schlesien, wo wir zur Zeit des Friedensschlusses gestanden hatten, auf, um über Litauen die russische Grenze zu gewinnen. Es war ein langer, mühseliger und entbehrungsreicher Marsch; denn die Bevölkerung, die uns ehedem oft als Rettern und Befreiern zugejubelt hatte, sah uns jetzt mit scheelen Augen an und verweigerte uns die Lebensmittel, deren wir für uns und für die Pferde bedurften, zuweilen auch, dann, wenn wir reichliche Bezahlung dafür boten. Da schmolz denn meine Schär schon unterwegs sehr beträchtlich zusammen, und es war nicht viel mehr als die Hälfte, die ich bis hierher brachte. Ich hatte einen Brief an die russische Kaiserin geschrieben und durch sicheren Boten abgesandt. Wochenlang harrten wir in banger Ungewißheit auf Antwort, unser Leben fristend, so gut oder *) Streng historisch, wie die ganze Darstellung der Schicksale des Majors und seiner Leute. so schlecht es eben ging. Die armen Burschen, die ihr Schicksal voll gläubigen Vertrauens in meine Hand gelegt hatten, waren !oft per Verzweiflung pahe. Allerlei schlimme Gelüste, durch die bitterste Not gezeitigt, begannen sich unter ihnen zu regen, und ich konnte meine Autorität über sie nur dadurch zurückgewinnen, daß ich vor der Front mit feierlichem Schwur gelobte, sie nie zu verlassen, wie auch immer sich unser Schicksal gestalten möge. Für mich selbst freilich hätte es solchen Versprechens nicht erst bedurft; denn ein Schurke wäre der Offizier, der seine brave Mannschaft im Stich lassen könnte". „Und die Kaiserin Katharina? Sie hat Ihnen nicht geantwortet?" „Doch! Sie ließ uns kurz und ungnädig sagen, daß sie für unsere Dienste keine Verwendung hätte. Der Winter brach eben herein, als wir die niederschmetternde Botschaft erhielten". „Und seitdem —" „Seitdem leben wir eben, wie ddr König es nennt, als Marodeurs und Diebsgesindel — bald auf preußischem bald auf russischem Boden. Hüben wie drüben enthalten die lange geschonten Wälder Wild genug, um eine ganze Armee jahrelang zu ernähren. Und was wir etwa sonst noch für des Lebens Notdurft brauchen, das — nun, das verschaffen wir uns eben, wie wir können". Der geheuchelt gleichinütige Ton dieser Worte schnitt Elisabeth tief ins Herz, als eine verzweifelte Klage. Große Thränen funkelten an ihren Wimpern, als sie beklommen fragte: „Und wie lange wollen Sie dieses schreckliche Leben noch ertragen?" „So lange, bis der letzte Mann meiner Truppe versorgt oder gestorben ist, wie ich es geschworen habe. Und wenn es sich zufällig fügen sollte, daß dieser letzte Mann als Dieb und Räuber gehängt wird — nun, so werde ich mich mit ihm hängen lassen, damit er auf feinem schweren Gange nicht sagen darf: ,Unser Major ist doch ein Wortbrüchiger gewesen". „Wie entsetzlich ist es, solche Reden aus ihrem Munde zu vernehmen!° Und es sollte sich gar nichts thun lassen, Sie aus ihrer unwürdigen Lage zu besreien? Es scheint mir selber fast ungeheuerlich, daß ich>, ein schwaches, ohnmächtiges Weib, Ihnen, dem tapferen Offizier, meinen Beistand anbiete. Aber ich habe noch immer einige Verbindungen in Potsdam und Berlin, und wenn ich —" Mit einer Entschiedenheit, die sie sofort jeder Hoffnung berauben mußte, fiel der Major ihr ins Wort: „Ich danke Ihnen, mein gnädiges Fräulein, doch weder sie noch irgend ein anderer vermag für uns etwas zu thun. Jeder Versuch nach dieser Richtung hin würde vielmehr unsere Lage ohne Zweifel nur verschlimmern. Das beste, was uns widerfahren kann, ist, daß die Herren in Berlin so wenig wie möglich an unser Dasein erinnert werden. Wenn Sie es wirklich gut mit unns meinen, so lassen Sie diese unsere Begegnung Ihr Geheimnis bleiben. Das ist alles, was ich von Ihnen erbitte". Elisabeth war kaum noch imstande, die Thränen zurückzuhalten, die sich ihr heiß in die Augen drängten. „Und ich kann Ihnen nicht einmal irgend einen geringfügigen Dienst erweisen? Wenn Sie mir wenigstens gestatten wollten, für Ihre Bequemlichkeit zu sorgen, indem ich Ihnen dies oder jenes übersende —" Doch ablehnend schüttelte Sixtus den Kopf. „Ich bedarf keiner größeren Bequemlichkeit, Fräulein von Marschall! Einen Soldaten, der sieben Jahre im Felde gestanden hat, ficht das Biwakleben wenig an. Aber wenn Sie mir ein Medikament für meine armen Fieberkranken senden wollten, würde ich Ihnen allerdings von Herzen dankbar sein. Es schneidet mir in die Seele, sie leiben zu sehen, ohne ihnen Hilfe bringen zu können". „Mit tausend Freuden! — Ich habe einen beträchtlichen Vorrat von Chinin*) im Hause, der Ihnen jeden *) Friedrich der Große war einer der ersten gewesen, welcher die Wirkung des Chinins an sich selbst erprobten. Trotz des dringenden Abratens seiner Aerzte hatte er es bei einem Fieberanfall angewendet, und die überraschende Wirkung, die das neue Heilmittel gerade bei diesem hohen Patienten übte, trug nicht wenig dazu bei, es schnell in Aufnahme zu bringen. 475 Augenblick zur Verfügung steht. Wie aber soll ich Ihnen das Heilmittel zukommen lassen?" „Ich werde mit Ihrer Erlaubnis noch an diesem Abend einen meiner Leute in unauffälliger Vermeidung nach Las- dehnen schicken. Er wird zu seiner Legitimation einen Zettel von meiner Hand mitbringen; aber ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie den Mann so rasch als möglich abfertigen wollten". „Er soll keine Minute lang ohne zwingende Not aufgehalten werden. — Und Sie, Herr Major — darf ich nicht hoffen, Sie unter meinem Dache zu begrüßen?" „Der Fuß eines Geächteten bringt Gefahr und Unsegen in jedes Haus, dessen Schwelle er überschreitet. Nein, Fräulein von Marschall, ich werde nicht zu Ihnen kommen, und Sie können es auch nicht im Ernst wünschen. Es ist Glücks genug für mich, wenn Sie ohne Abscheu und Verachtung meiner gedenken wollen". Ein Schluchzen schnürte Elisabeths Kehle zusammen. Unfähig zu antworten, reichte sie ihm die Hand, und Sixtus fühlte einen innigen Druck der schlanken Finger, während er sie ehrerbietig an seine Lippen führte. Eine Minute später — sie hatten wieder die Brandstätte des zerstörten Torfes erreicht — parierte er mit einem plötzlichen Ruck sein Pferd. „Von hier aus können Sie den Weg nicht mehr fehlen; denn Sie brauchen, nur die ehemalige Straße durch den Wald zu verfolgen, deren Spuren noch deutliche erkennbar sind. Haben Sie Dank für Ihre Güte, Fräulein von Marschall, und leben Sie wohl!" Sie hatte noch nicht Zeit gefunden, ihm zu antworten, als er bereits nach militärischem Gruße seinen Schimmel gewendet hatte und im Galopp zu den unfern wartenden Husaren sprengte. Elisabeth hatte seinen Namen -auf den Lippen, um ihn zurückzurufen; denn das Herz war ihr zum Zerspringen voll, und sie meinte, daß sie ihm noch so viel, so unendlich viel zu sagen habe. Aber es fehlte ihr doch an Mut, diesem heißen Verlangen nachzugeben!, und mit einer Empfindung bitteren Wehs sah sie seine ritterliche Gestalt in der Ferne verschwinden. (Fortsetzung folgt.) Trinkgelder. Plauderei von Herbert Steinmann. Nachdruck verboten. Es ist etwas Erhabenes um die Grundsatztreue, aber -gleichwie von der Bescheidenheit könnte man auch- von ihr sagen: „sie ist eine Zier; doch weiter kommt man ohne jhr". In dem Fall, von dem ich erzählen will, ging der schöne Spruch sogar buchstäblich in Erfüllung. Ich saß vor ein paar Jahren auf einem kleinen schlesischen Bahnhof in Erwartung eines von mir bestellten Beefsteaks. Am nämlichen Tisch befand sich ein Herr, der in seiner Gesichtsbildung entschieden etwas von einem alten Römer hatte. Ich wäre gar nicht verwundert gewesen, wenn er mit einem Male mit großartiger Geste den Zipfel seines Mantelkragens gleich einer Toga über die Schultern geschlagen hätte. Das that er nun freilich nicht, aber statt dessen stieß er. stets, wenn irgend jemand von dem wartenden Publikum den Kellner bezahlte, ein mißbilligendes Gemurmel aus und runzelte dazu finster die Stirn. Nach einer Weile wurde mein Beefsteak gebracht, worauf ich gleich- mit dem Kellner abrechnete. Als ich! dann noch ein kleines Trinkgeld hinzufügen wollte, wurde meine Rechte plötzlich! von meinem Nachbar ergriffen und festgehalten. „Was fällt Ihnen ein?" fragte ich empört, indem ich meine Hand energisch befreite und dem Kellner rasch die für ihn bestimmten Nickel gab. „Ich wollte Sie hindern, eine unzweckmäßige Handlung zu begehen", lautete die mit ruhiger Würde erteilte Antwort. „Eine — urt—" „Eine unzweckmäßige Handlung, jawohl. Sie haben dem Kellner ein Trinkgeld verabreicht und das vermag ich nicht apders zu nennen. Denn — waren Sie dem Mann etwas schuldig? Nein. Folglich haben Sie ihm ein Geschenk gemacht. Wie kommen Sie dazu, einem wildfremden Manne etwas zu schenken?" „Weil die Kellner darauf angewiesen sind", verteidigte ich mich „Denn in der Mehrzahl der Fälle beziehen sie doch kein Gehalt." „So muß man die Wirte zwingen, ihnen eins auszusetzen, und das kann man nur, indem man mit der Unsitte der Trinkgelder bricht. Ich bin ein Prinzipeller Gegner derselben und gebe nie welche — nie. Durch konsequente Durchführung dieses Grundsatzes erweise ich diesen Leuten eine größere Wohlthat, als durch Verabreichung von ein Paar Nickeln", fuhr der Redner überzeugungs- voll fort; „denn es muß doch auch für sie selbst etwas Entwürdigendes haben, ihren wohlverdienten Lohn in Form eines Geschenks zu erhalten." Die Worte waren mit unvergleichlichem Nachdruck gesprochen, und der Herr sah mich dabei so finster und drohend an, . daß ich nichts zu erwidern wagte. Gleich darauf kam der Omnibuskutscher, der die Leute von der Bahnstation nach dem einige Kilometer entfernten Badeorte zu fahren Pflegte und erkundigte sich, teer' fein Gefährt zu benutzen beabsichtigte. Es meldeten sich mehrere, darunter mein Nachbar und ich „Und der Preis?" fragte jemand. Der Kutscher nannte ihn und fügte hinzu: „ein Trinkgeld aber werden die Herrschaften mir doch noch außerdem geben?" „Nein — nein — und zum dritten Mal nein", rief mit wahrem Posaunenton die Stimme des Antitrinkgeldermannes. „Da sehen Sie", fuhr er, sich zu mir wendend, fort, „wohin das Trinkgeldersystem führt! In diesem Fall werden Sie doch schwerlich behaupten können, daß der Mann auf die Geschenke seiner Fahrgäste angewiesen ist. Ich wette, daß er einen anständigen Lohn bezieht, aber trotzdem entblödet er sich nicht —" und nun folgte eine zündende Rede, in der den Anwesenden das Verwerfliche der Trinkgelder klar gemacht wurde. Inzwischen hatte sich der Kutscher mit einem hämischen Blick aus den Sprecher entfernt. Wir andern, die wir mit» Anfuhren gedachten, begaben uns nach einer Weile nach dem Omnibus, mein neuer Freund jedoch predigte in seinem heiligen Eifer unverdrossen weiter. Publikum hatte er ja immer noch genug, da sich eine Masse Leute auf dem Bahnhof befanden, die auf die nächsten Züge warteten. Und sie hörten ihm alle gern zu — ausnahmslos! Als wir schon auf dem Wagen saßen, kam er ange- stürzt, doch wie der Kutscher seiner ansichtig ward, hieb er auf die Pferde und — heidi — ging's davon. „Aber so nehmen Sie mich doch mit", schrie jener. „Alles besetzt!" tönte es vom Bockplatz hohnlachend zurück. Ich muß hier zur Schande des Kutschers gestehen, daß dies eine grobe Lüge war; denn es besanden sich noch mehrere leere Plätze im Wagen, aber — Rache nehmen ist menschlich, also auch verzeihlich. Ich. habe den Antitrinkgeldermann während der nächsten Wochen noch öfters in dem Badeort gesehen, und zwar immer inmitten einer größeren Korona, die er für seine Ideen zu gewinnen suchte. Heber Mangel an Aufmerksamkeit hatte er sich bei seinen Hörern nicht zu beklagen, ja, ich glaube, sie hätten nötigenfalls sogar Eintrittsgeld bezahlt, um seinen Vorträgen beiwohnen zu dürfen, aber ein weitergehender Erfolg war ihm nicht be- schieden. Es wurden hier wie überall Trinkgelder gegeben — recht hohe sogar, tote ich wenige Tage nach- meiner Ankunft von dem Hausknecht erfuhr, der meine Schuhe wichste. In einem Fall hatte er sogar von einem Gast bei der Abreise 20 Mark bekommen. Der Zweck dieser Mitteilung war mir sofort klar, und ich habe sie mir zu Gemüte geführt — so weit meine Verhältnisse es mir gestatteten, .wenigstens. Ja, lieber Gott, was will man machen! Wir Menschen von heute sind nun einmal keine antiken Römer oder Spartaner, die sich durch Gleichmut und Bedürfnislosigkeit auszeichnen. Denn diese Eigenschaften muß man besitzen, wenn man keine Trinkgelder geben will, das habe ich an dem Helden dieser Geschichte zur Genüge erfahren. Er mußte sich seine Stiesel selbst wichsen und seine Kleider selbst reinigen, weil der Hausknecht das nicht oder doch nur sehr ungenügend that, er wurde so schlecht und lang- 476 sam bedient, wie niemand sonst, er erhielt sein Bier abgestanden und seine Speisen kalt — kurz, er hätte ein zweiter Diogenes sein müssen, wenn er sich bei diesen Zuständen wohlgefühlt hätte. Er war das aber offenbar nicht; denn er beklagte sich fortwährend bei den Gastwirten, bei seinen Vermietern, bei der Badepolizei und bei Gott weist wem sonst noch über die geflissentliche Vernachlässigung, die ihm überall zu teil wurde. Umsonst, bessern that er damit nichts. Anfangs hörte man ihn höflich an, versprach Abschaffung der Miststände, dann auch das kaum mehr. Er wurde als unbequemer Nörgler angesehen und demgemäß behandelt. Das war jedoch eine bittere Ungerechtigkeit; denn er bildete für das Bad eine Zugkraft ersten Ranges, die ihren Reiz für die Gäste bis zum Schluß der Saison nicht einbüßte. Nie hätte ich früher gedacht, daß sich dem Thema „Trinkgelder" so viele neue Gesichtspunkte abgewinnen ließen. So gefiel es mir besonders, wenn er die Trinkgelder „eine Prämie sür die allerselbstverständlichste Pflichterfüllung" nannte. „Wer seine Pflicht erfüllt über das geforderte Maß hinaus, der mag eine Prämie verdienen", sagte er, „aber nimmermehr gebührt sie dem, der sie nur ganz oberflächlich erfüllt. Erhält er sie trotzdem, so führt dies dazu, daß er ohne Prämie überhaupt nichts mehr leisten will, hiergegen muß man kämpfen im Interesse all' der ungezählten Menschen, die nicht die Mittel besitzen, ein jegliches doppelt zu bezahlen. Wenn wir uns verbünden zum Kampf gegen die Trinkgeldersteuer, so muß doch endlich von ihr Abstand genommen werden. Ein Antitrinkgelderverein allein kann Wandel schaffen!" Wie er mir erzählte, wollte er solchen segensreichen Verein nach dem Muster des Geheimrat Jhering gründen. Ob er's gethan hat und ob seine Bestrebungen schließlich Erfolg hatten? Bis jetzt habe ich noch nichts davon bemerkt (— wir auch nicht! D. Red.). Kostbare Tischglocken aus der Weltausstellung. Nachdruck verboten. Der Palast für Bergwerks- und Hüttenkunde aus der Weltausstellung ist an sich schon ein Labyrinth, anscheinend ohne jeden Plan ausgeführt, mit Galerien, die wild durcheinander und nach allen Richtungen schießen, die längs, quer und schräg laufen. Die vielen Ausstellungsobjekte, die hohen gußeisernen und stählernen Pylonen und die mannigfachen Dekorationen vereinfachen die Sache gerade nicht. Daher wäre ich! auch sehr in Verlegenheit, wenn ich die Lage der interessanten historischen Abteilung der französischen Kleinmetallurgie auf den Galerien dieses Palastes genau angeben sollte. Hier, in den Kästen der historischen Abteilung glänzen zinnerne Krüge und Kannen, liebevoll blank geputzt von Generationen treuer Dienstboten. Hier schimmern Schüsseln von getriebenem Knpfer, in prachtvollen Farben und tadelloser Arbeit, Leuchter von mattem Metall mit warmen, weichen Reflexen. Plötzlich begegnet unser Auge einer sehr interessanten Sammlung: Drei große Kästen enthalten Tischglocken im Verein mit Löschhütchen und anderen Kleinigkeiten, welche man ihrer Form wegen als die Verwandten der Glöckchen bezeichnen konnte. Wir sahen in einem andern Raume eine Sammlung von Fräulein Anna Thibaud, die sich nur auf Glocken beschränkt, deren Formen herrschenden Stilrichtungen nachgebildet sind. Die hier vorliegende des Herrn Jules Domergue, die nur einen Teil einer weit umfassenderen in seinem Besitz bildet, ist sehr vielseitig. Die ganze Sammlung umfaßt 1500 Stück, von denen hier 700 ausgestellt sind. Sie sind alle verschieden, alle merkwürdig, und einige sehr prächtig. Wenn sie sprechen könnten, würden sie jetzt, da die Tischglocke aus dem Punkt angelangt ist, durch die elektrische Klingel verdrängt zu werden, die Gefamtgeschiichte der Tischglocke erzählen. Und wieviel interessante Anekdoten wüßten sie zu berichten. Was sie wohl alles bei Tisch oder im Zimmer der gnädigen Frau oder des gnädigen Herrn erlebt haben! Einige unter diesen Glocken stammen aus chinesischen Pagoden und Tempeln, wo sie zum Gebete läuteten. Und eine derselben zeigt einen besonders prächtigen Dekor; sie ist mit ganz verschlungenen Zügen geschmückt, und von so schönem Metall, daß es wie reines Gold aussieht. Eine andere gehörte zu den kaiserlichen Sammlungen und wurde aus dem Sommerpalais bei der Plünderung geraubt. Es sind Tischglocken darunter, die vielleicht ein großer Goldschmied der Renaissance-Zeit ziselierte, und welche kostbare Kleinodien, hervorragende Kunstwerke sind; serner Exemplare, die aus Patrizierhäusern Pompejis stammen. Wieder andere sind aufs reichste mit schwarzem Schmelz geschmückt, mit Silber damasziert, aus Edelmetalllegierungen hergestellt, mit Edelsteinen besetzt u. s. w.; ein anderer Teil weift Formen von Blumen auf, wie Glockenblumen und Winden; auch allerlei komische Figuren sind vorhanden, welche für die Glockenform verwendet sind. Das älteste Exemplar, ein buddhistisches Glöckchen, ist schon Tausende von Jahren alt, und das jüngste ist ein Werk von Meister Denys Puech und stellt Madame Jules Domergue, die Gattin des Sammlers, dar, hochaufgerichtet und schlank. Zwischen diesen beiden Glocken, der ältesten und jüngsten, finden wir eine ganze Chronologie. Welche- Kontraste! Zwei bronzene Glöckchen, Amulette, die an Hals und Arm eines jungen gallischen Mädchens klingelten — man fand sie in einem Grabe — und daneben weit ausgebauchte Klingeln aus der Zeit, da Madame Dubarry, die Königin Marie-Amelie oder die Kaiserin Eugenie in Panierröcken, Volantkleidern und Krinolinen einhergingen. Hd. Humoristisches. Falsch ausgefaßt. Alte Jungfer: „Ich möchte mich gerne verheiraten, können Sie mir keinen Rat geben?" — Heiratsvermittler: „Muß es denn gerade ein Rat sein?" Immer im Beruf. Gerichtsrat (zu seiner Tochter): „Wenn Du Dein Benehmen gegen die Herrenwelt nicht änderst, so wirst Du in erster, zweiter und dritter Instanz sitzen bleiben!" Literarisches. Geradezu unbegreiflich billig muß jedem der Abonnements- Preis für das bekannte Universalblatt ,,Mode und Verlag John Henry Schwerin, 'Berlin, erscheinen, wenn er die Reichhaltigkeit dieses in seiner Art einzig dastehenden Blattes in Erwägung zieht. So bringt die eben erschienene Nummer wieder eine ganz enorme Menge reizender Neuheiten auf allen Gebieten der Mode und Hauswirtschaft. Elegante Hochsommer- und Herbsttoiletten, entzückende Anzüge für Knaben und Mädchen, Vorlagen sür Stickerei, Nadelmalerei und Bändchenarbcit — die verschiedenartigsten Gegenstände wechseln in bunter Reihenfolge ab. Dazu kommt eine große Anzahl von Beilagen, wie die „Belletristische Beilage", die „Romanbeilage", die „Illustrierte Kinderwel!" etc. — fürwahr, jede Hausfrau müßte sich persönlich von der Reichhaltigkeit dieses ausgezeichneten Blattes überzeugen!. Ganz speziell machen wir auf den jeder Nummer beiliegenden, mustergiltigen Schnitt- mustcrbogen aufmerksam, außerdem liefert der Verlag Extraschnite nach eingesandem Körpermaß — keine sogenannten Normalschnitte — gegen Vergütung der eigenen minimalen Selbstkosten von 50 Pfg. pro Schnitt. „Mode und Haus" kostet trotz seines reichen Inhalts pro Quartal nur Mk. 1,—; mit achtseitiger Romanbeilage „Aus besten Federn" und Moden-Kolorits Mk. 1,25. Abonnements bei allen Buchhandlungen und Postanstalten. Gratis-Probenummern bei ersteren und durch den Verlag John Henry Schwerin, Berlin W. 35. Versteckrätsel. Nachdruck verboten. Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind wie die Silbe „an" im Worte „Wanderer". Schöffengericht — Hühnerstall — Worms — Kettenhund — Großmacht — Buchenwald — Dasselfliege — Krautlerche — Vernichtung _________— Stafette. ' Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des EcgänzungsrütselS in voriger Nummer: Immer der Sonne zu, Rüstig und ohne Ermatten! So nur bringest du Hinter dich deinen Schatten! Ernst Ziel. Sebsltien: ®. «urkd.rdr, — »ruck und Beklag der Brühl'schen lluiverßtätj.Buch. und Tteiudruckerei (Pietsch Erden) in «r-b-n.