11'-!ZW MM lenn es dir übel geht, nimm es für gut nur immer, Wenn du eS übel nimmst, so geht es dir noch schlimmer. Rückert. (Nachdruck verboten.) Die Irre von Sankt Rochus. Kriminalroman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Das Hochzeitsgeschenk, welches sich in dem nun ge- öffneten Glasschranke den Blicken präsentierte, gehörte zu jenen, bei denen es dem Geber üicht um die praktische Nützlichkeit zu thun ist, sondern nur darum, mit seiner Noblesse und Freigebigkeit zu protzen. Es füllte denn auch! den ganzen Schrank aus, denn es bestand aus einem feinen Tafelservice für vierundzwanzig Personen. „Sieh einmal an! Das lass' ich! mir gefallen!" rief Allram aus, „aber die Kosten für eine solche Festtafel möchte ich nicht tragen müssen." Beide lachten herzlich. „Eine solche Gasterei wird das schöne Service bei uns auch nicht erleben", seufzte Therese, mit einem wehmütigen Blicke auf ihren Porzellanschatz, „du lieber Himmel!" „Nun, warum denn nicht? Der Ansang dazu ist gemacht; Ihr Mann hat ein schönes Geschäft und wirds gewiß vorwärts bringen." ,F) ja, das Geschäft geht gut, Gott sei Dank. Es macht uns aber auch viele Sorgen. Die Arbeitslöhne, die Auslagen fürs Material verschlingen viel Geld. Wir haben mit einem sehr kleinen Kapital anfangen müssen. Die Ersparnisse meines Mannes hätten dazu nicht ausgereicht. Da gewann ich tausend Mark in der Lotterie." „Et, Sie Glückskind!" rief Allram. „Na, und da wurde also geheiratet. „Ach!" seufzte Therese, „daran dachte ich eigentlich nicht gleich, sondern ich hätte mit dem Gelds lieber das kleine Landgrundstück meiner Eltern von der gerichtlichen Versteigerung gerettet. Die fand aber an demselben Tage statt, wo ich vom Lotteriekollekteur die Anzeige von dem Gewinne erhielt, und da wars bereits zu spät." „Das war aber wirklich Pech nach so einem Glücksfalle !" „Und denken Sie nur, Herr Allram, daran war ein einziger dummer Zufall schuld; den Brief vom hiesigen Kollekteur hätte ich eigentlich schon am Tage vorher erhalten müssen, nämlich gerade an dem Tage, wo der arme Herr Professor ermordet wurde; denn das Datum des Briefes und des Poststempels waren vom vorhergehenden Tage. Sehen Sie, ich habe die Glücksbotschaft als heiliges Andenken aufbewahrt." Therese brachte ein kleines Muschelkästchen herbei, welches inwendig mit blauer Seide gefüttert war, und nahm den Bries heraus, einen zärtlichen Blick darauf werfend. „Ja, ja", nickte Allram, nur um nicht teilnahmslos zu erscheinen, da die Gewinnerin der tausend Mark allen Nebenumständen, welche mit ihrem Glücksfall verbunden waren, Gewicht beilegte, „ja, ja, der Brief ist vom 16. Februar, und abgestempelt ist er am gleichen Tage Abends zwischen sechs und sieben Uhr, und zwar ist es der Stempel der Stadtbriefbeförderungsanstalt „Merkur"! Und Sie haben den Brief erst am achtzehnten bekommen?" „Ja, erst am achtzehnten. War das nicht ein recht heimtückischer Zufall?" „Der Merkur ist sonst sehr pünktlich", bemerkte Allram. „Auch der Briefträger, ein hübscher, flinker Burschp, war.immer pünktlich wie die Sonne, wenn er etwas abzugeben hatte." „Der Brief hätte also am 17. Februar mit dem ersten Austrag abgeliefert werden sollen. Wann kam denn der Briefträger gewöhnlich?" „Früh zwischen acht und neun Uhr." „Und diesmal hat er den Bries nicht abgeliefert, sondern ihn einen ganzen Tag in der Tasche mit sich herumgetragen", sagte der Detektiv, den die Sache plötzliche zu interessieren begann. „An dem Morgen, gerade um die Zeit, wo er den Brief hätte abgeben sollen, ist der Professor ermordet worden. Hm!" Er zog die Broschüre aus seiner Taschx, die er seither immer bei sich trug, blätterte darin, und legte sie vor sich auf den Tisch. „Hier ist die Gerichtsverhandlung gegen Konstanze Herbronn. Da ist alles Wort für Wort genau niedergeschrieben." „Das Buch haben wir ja auch!" ries Therese, „und außerdem noch ein ganzes Packet Zeitungen. Mein Mann hat alles gesammelt, was über die Gerichtsverhandlung gedruckt worden ist. Ich komme ja selbst darin vor!" „Freilich, und Sie sind eine Art Celebrität geworden", bestätigte Allram. Dann legte er den Zeigefinger auf eine bestimmte Stelle der aufgeschlagenen Seite. „Nun sehen Sie einmal her, liebe Frau Thorbeck, da sind Sie, damals noch Fräulein Zeidler, vom Vorsitzenden gefragt worden, welche Leute früh gewöhnlich in der Wohnung des Pro-- fessors ein- und ausgegangen sind, und Sie haben gesagt, zwischen sieben U'nd acht habe der Bäckerjunge die Semmeln, und der Metzgerbursche das Fleisch gebracht, und zwischen acht und neun sei häufig der Merkurbriefträger gekommen. Darauf wurden diese drei vorgeladen. Dem 350 Bäcker und dem Fleischer sind an diesem Morgen die Waren vom Fräulein, der Angeklagten, abgenommen worden. Der Merkurbriefträger Grotjan aber — sehen Sie, hier steht's gedruckt — hat ausgesagt, er hätte, wie alltäglich, unten im Baubureau Briefe abgegeben, für die erste Etage habe er an diesem Tage aber nichts gehabt. Merken Sie auf, Fyau Thorbeck! Dieser Grotjan hatte den Lotteriebrief an Sie zu bestellen und behauptet dennoch, er hätte nichts für die erste Etage gehabt. Er hat also das Gericht belogen!" Therese starrte den Detektiv mit offenem Munde an. „Wastum haben Sie nicht vor Gericht ausgesagt, daß Grotjan einen Brief an Sie gehabt haben müsse, den er Hütte abgeben sollen, ihn aber nicht abgegeben hat? Warum?" „Ich bin nicht darnach gefragt worden", sagte ste, „und man antwortet doch vor Gericht nur auf das, wonach man gefragt wird. Ich habe auch nicht gedacht, daß das von Wichtigkeit sein könnte." , „Hm, hm!" machte Allram halb für sich. „Dieser Briefträger Grotjan, der sonst so pünktlich war wie die Sonne, wollte also nicht oben gewesen sein — am 17. Februar, zwischen acht und neun, gerade in der Stunde, wo der Mord geschah. Er war im Hause, aber oben wollte er nicht gewesen sein!" Therese glotzte den Detektiv mit Augen an, welche chr aus dem Kopfe hervorquellen zu wollen schienen. „Meinen Sie etwa, daß der Merkurbriefträger — vor mir dreht sich alles im Kreise!" „Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf darüber", sagte lächelnd Allram, rasch wieder in einen leichten Ton einlenkend und nach dem Hute greifend. „Sie sind also musikalisch." Er schlug ein paar Saiten auf der Zither an. „Noch nicht lange", erwiderte die junge Frau. „Mein Mann kann's viel besser als ich. Wir sind Mitglieder des Zitherklubs Orpheus." „Ei der Tausend! Als ich kam, horte ich Sie spielen. Das Stück gefiel mir. Ach, bitte, spielen Sie mir's einmal vor!" Therese fühlte sich geschmeichelt. Sie genierte sich anfangs und wackelte zimperlich mit Kopf und Schultern wie ein kleines Schulmädchen, das vor einem Fremden einen Vers aüfsagen soll, was bei ihren derben Körperformen höchst ergötzlich anzusehen war, ließ sich aber doch zuletzt von Allram aus den Stuhl drücken und klimperte das vorhin unterbrochene Lied: „Der Mensch soll nicht stolz sein", von Ansang bis zu Ende. Trotzdem sie viele Noten unterschlug, häufig daneben griff und zuletzt mit einem falschen Akkord schloß, rief Herr Allram doch „Bravo!" „Es geht noch schlecht", bekannte die dicke Künstlerin. „Kein Meister fällt vom Himmel", tröstete ihr Zuhörer, sie aus die runde Schulter klopfend. Nur fleißig üben! Dann garantiere ich, daß Sie in kurzem den Zitherklub Orpheus mit einem Solo überraschen werden, wie z. B. „Die letzte Rose" oder „Du, du liegst mir im Herzen", was sich auch/ sehr schön ausnimmt." Er empfahl sich in herzlichster Weise, und als er fort war, legte sich die harmlose junge Frau vergebens die Frage vor, wie es wohl gekommen sei, daß er sich ihrer nach fünf Jahren plötzlich! wieder erinnert und was er eigentlich bei ihr gewollt habe. Konstanze Herbronn zählte in St. Rochus zu den Schwerkranken. Nur wenig hatte Doktor Gerth zur Erleichterung ihres Loses zu thun vermocht, und dies bestand fast nur darin, daß sie nicht mit verrückten Weibern den gleichen Wohn- und Schlafräum zu teilen brauchte, und daß sie mit der Verrichtung grober Hausarbeiten verschont blieb, wozu die Irrsinnigen, welche auf Staatskosten in der Anstalt weilten, herangezogen wurden. Aber auf eine lange Dauer dieser Vergünstigungen war nicht zu hoffen. Konstanzes Aufenthalt im Freien blieb -auf jenen Hof beschränkt; ebensowenig wie ihren Leidensgenossinnen, denen dieser Hof als einziger Erholungsort dienen mußte, war es ihr vergönnt, gleich anderen Pfleglingen,, leichte Feldoder Gartenarbeiten zu verrichten oder an Ausflügen in die Umgegend teilzunehmen. „Melancholie, wer maß je deine Trauer, fand den Boden?" Dieses Wort Shakespeares hätte getrost über der Eingangspforte zu diesem Orte stehen können, hinter dessen Mauern eine nicht auszudenkende Trauer herrschte. Bejammernswerte, gebrochen einherschleichende Gestalten erhoben ihre Hände nach oben, während die Jahre kamen und gingen und die letzte Hoffnung erstarb. Ueberall und fast zu jeder Zeit drang aus irgend einer Zelle, einem Gange oder Hofe Fluchen, Schimpfen und Wutgeschrei an das Ohr. Zuweilen ertönte das Totenglöcklein der Anstalt, und Kranke geleiteten einen Mitgenössen, dessen Seele aus der Nacht des Wahnsinns nun dem ewigen Lichte zuschwebte, nach dem Friedhöfe. Kein Anfall, keine aufgeregten Zustände, nichts, was auf ein epileptisches Leiden deutete, konnte an Konstanz« beobachtet wepden; aber ihre trostlose Umgebung und die Gewißheit, ihr Leben hier verbringen zu müssen, steigerten zusehends die tiefe Schwermut, welche sie bereits mitgebracht hatte, -rmd nur zu sehr teilte Doktor Gerth die Befürchtung seiner Kollegen, daß die zunehmende Verdüsterung ihres Gemüts früher oder später zum Wahnsinn führen werde. Davor konnte sie nichts retten, so lange sie innerhalb dieser Mauern blieb; und ein milderes Los als diese Mauern gab es für eine unzurechnungsfähige Mörderin nicht. Die Vorsicht gebot es, daß Gerth eine weitergehende Teilnahme an der Kranken, als seine berufliche Stellung mit sich brachte, nicht durchblicken ließ, wenn er vor Zeugen mit ihr verkehrte; und Konstanze, welche dies fühlte und begriff, bewahrte bei solchen Gelegenheiten dem jungen Arzte gegenüber die dumpfe Unempfindlichkeit, welche die Last eines eisernen Joches erzeugt und welche sich ihres Wesens mehr und mehr bemächtigt hatte. Nur wenn Gerth bei seinen amtlichen Besuchen mit ihr allein war, da belebten sich ihre sonst so apathischen Züge, ein wärmerer Hauch schien über ihr bleiches Antlitz zu wehen; ihr großes, dunkles Auge gewann jenen Glanz, der aus dem Innern kommt, und zuweilen zeigte auch wohl ein sanftes- Lächeln, daß es Augenblicke gab, wo sie ihr Elend vergaß. Aber den Schleier jenes Geheimnisses, in dessen Banne sie stand, wie sie dem jungen Arzte einst angedeutet hatte, lüftete sie nie, und wenn er diesen Punkt berührte, so zart und schonungsvoll dies auch geschah, versank sie in ihre alte Traurigkeit, und der Zauber jener helleren Augenblicke war zerstört. Die Frage, welche Titus Allram kaltblütig angeregt hatte, ob Konstanzes Beziehungen zu dem ermordeten Gelehrten reine und unverfängliche gewesen oder ob sie solcher Art waren, daß sie die Jntriguenkünste einer anderen Person heraüssorderten, welche sich dadurch gefährdet sah, verfolgte den jungen Arzt Tag und Nacht wie ein Gespenst. Inmitten all dieser Qualen und Zweifel stand sein Entschluß, alles zu thun, um sie von dem Morde zu entlasten, unerschütterlich fest, und hätte er diesem Zwecke sein ganzes Vermögen aufopfern müssen. Doch hielt er dieses Vorhaben noch streng vor ihr geheim; es wäre Gift für sie gewesen, in ihr eine wenn auch noch! so leise Hoffnung zu erwecken, die sich vielleicht als trügerische erweisen konnte. Fühlte er sich doch selbst entmutigt, daß der Mann, auf den er sein ganzes Vertrauen setzte, kein Lebenszeichen von sich gab. Hatte er die Sache als völlig aussichtslos fallen lassen? Weilte er vielleicht bereits, für andere wirkend, im fernen Auslande, während Gerth vergebens auf eine Nachricht von ihm wartete? Das war der Gedanke, welcher den jungen Arzt zu beunruhigen begann. (Fortsetzung folgt.) Schauspielerin und Dichterin. Ein Gedenkblatt zu Charlotte Birch-Pfeiffers 100. Geburtstag. (23. Juni.) Von MaxRnprecht. Nachdruck verboten. Charlotte Birch-Pfeiffer! Verächtlich rümpfen die meisten die Nase, wenn der Name der Verfasserin der „Grille" genannt wird; in den Rezensionen figuriert sie als die „selige Charlotte" oder gar als „rührselige Charlotte", kurz, man hat sich angewöhnt, die einst so hochgefeierte wegwerfend zu behandeln. Nun mag es ja aller- dings wahr fein, daß die Dramen dieser Schriftstellerin nicht zu den besten und vornehmsten Werken der deutschen Litteratur zu zählen sind — aber besser als ihr Ruf sind sie doch, das beweist nicht nur der ungeheure Erfolg, den sie bei ihrem Erscheinen davongetragen haben, sondern auch; der Umstand, daß eine ganze Anzahl von ihnen sich auf dem Repertoire selbst unserer besten Bühnen behauptet hat. Allen Ausstellungen der Kunstkritiker zum Trotz hat sich> das Publikum von Anfang an für die Birch-Pfeiffer entschieden, und manche ihrer Dramen, wie „Die Grille", „Die Waise von Lowood" usw. üben noch heute auf die große Masse eine weit gewaltigere Anziehungskraft und Wirkung aus, als zahlreiche Stücke von Dramatikern, die einen Vergleich! mit der Verfasserin von „Dorf und Stadt" als eine Beleidigung aufnehmen würden, ohne jemals geistig halb so lange zu leben wie sie. Das Publikum gilt allerdings als kein geeigneter Kunstrichter, oder wenigstens nur solchen, denen es Beifall zollt. Und doch ist es in erster und letzter Hinsicht der Appell an diese Instanz, der das Schicksal eines Dramatikers entscheidet — eine Instanz, die gar nicht so leicht zu befriedigen ist, wie es immer dargestellt wird. Jedenfalls kann doch das, was nicht nur die Mitwelt, fondern auch noch die Nachwelt entzückt, nicht so ganz allen Wertes entbehren; denn so urteilslos ist die Menge auch! nicht, daß sie sich uur so ein 'S für ein U machen, oder bloß von den „schönen Augen eines Dichters oder einer Dichterin sich faszinieren ließe. In der That besitzen denn auch! die Dramen unserer Schriftstellerin ungeachtet mancher Mängel auch hohe Vorzüge, um die sie selbst bedeutend über ihr stehende Dra- uratiker zu beneiden Ursach!e haben. Als Schauspielerin und Theaterleiterin kannte sie die Bühne und alles, was mit ihr zusammenhängt, aus dem Fundamente. Sie verstand sich! auf die Effekte und den Lieblingsgeschmack des Publikums. Sie hielt es mit dem Direktor in Goethes „Faust": „Besonders aber laßt genug geschehn! Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn. . Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen. Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus. Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen. Und jeder geht zufrieden aus dem Haus." Was nützen in einem Drama die schönsten Gedanken, wenn der Verfasser nicht versteht, sie fesselnd vorzutragen? Die Birchi-Pfeiffer trug nun allerdings nicht fremde Gedanken vor, sie bearbeitete die berühmtesten Romane ihrer Zeit, aber gerade deshalb erwarb sie sich ein großes Verdienst, denn sie lieh ihre bedeutende theatralische Begabung den Ideen bedeutender Männer und pflanzte dieselbe auf solche Weise in alle Herzen. Ihre Stücke sind deshalb nicht immer gerade von ästhetischem, meist aber doch von ethischem Wert, und wenn wir die Schaubühne als moralische Anstalt betrachten, so können wir ihnen eine gute and nützliche Wirkung nicht absprechen. Ein Lehrer, der mit wirklichem Nutzen lehren will, muß seinen Vortrag dem geistigen Standpunkt feiner Schüler anbequemen, oder er wird tauben Ohren predigen, und wenn er auch! ein zweiter Kant und Spinoza wäre. Wir essen von Zeit zu Zeit alle gern etwas Gutes, aber unsere Hauptnahrung bildet doch eine gesunde Hausmanns- und Durchschnittskost, und diese ist es, welche die Birch-Pfeiffer dem Publikum bietet. Sie bildet gewissermaßen eine Vorschule für höhere Geister. Sie darf nicht Alleinherrscherin sein, die Größeren müssen neben ihr und mit ihr zum Worte kommen, aber sie ist es, welche den minder Vorbereiteten für die Sprache der edelsten Geister empfänglich! macht, die Neigung für das Theater erweckt und erhält, und den Boden für eine feinere geistige Speise vorbereitet. In dieser Hinsicht steht sie auf derselben Stufe mit Kotzebue und Raüpach Selbst Goethe und Schiller konnten die Stücke Kotzebues in ihrem Theater nicht entbehren, und — Hand aufs Herz —, wenn man den Zeitgeschmack berücksichtigt, ist in einem einzigen der Kotzebueschen Lustspiele mehr Witz zu finden, als in zehn sogenannten Lustspielen neuerer Arbeit. Die Wiege Charlottens stand in Stuttgart, wo ihr Vater die Stellung eines Domänenrats einnahm. Hier wurde sie am 23. Juni 1800 geboren. Ihre Erziehung war eine sorgfältige und liebevolle, und lenkte ihren regen Geist schon frühzeitig einer höheren Richtung zu. Ihr Vater war nämlich, der Stubenkamerad Schillers auf der Karls- schule, er wohnte mit dem berühmten Dichter in einem Zimmer, und er war es, der einst das Manuskript der „Räuber" vor den Augen der Aufseher in das Bettstroh verbarg. Die Darstellung seines Verkehrs mit dem Lieblingssänger der deutschen Station wirkte gewaltig aus das empfängliche Gemüt des Heranwachsenden Kindes. Noch ein anderer Umstand kam dazu, ihre Neigung für den mündlichen Vortrag zu erwecken und zu stärken. Ihr Vater war erblindet, und Charlotte diente ihm als' Vorleserin. Mehr und mehr wandte sich nun ihre Aufmerksamkeit dem Theater zu, sie schwärmte für den Berus einer Schauspielerin, und die Schwärmerei gestaltete sich bald zur unbesiegbaren Leidenschaft. Ihr Vater, den König Max Joseph I. von Bayern 1806 als Oberkriegskommissar nach München berufen hatte, widerstrebte durchaus der verhängnisvollen Neigung, er behauptete, der Beruf einer Schauspielerin sei keine Carriere für eine Tochter aus guter Familie. Erst nach; harten Kämpfen und nachdem der König selbst für Charlotte ein gutes Wort eingelegt, erteilte er feine Zustimmung. Der König hatte zufällig von dem „Lottl" gehört. Das damals zwölfjährige Mädchen besuchte den Konfirmandenunterricht des Oberhofpredigers Dr. Shmidt. Als dieser nun eines Tages feinen Schülern in begeisterten Worten das Jenseits schilderte und alle die herrlichen Freuden des Himmels, da stand „Lottl" plötzlich! auf und fragte ihn ehrerbietig: „Sie, Herr Oberhofprediger, woher wissen's denn das so genau?" Der König hatte herzlich, über den Zwischenfall gelacht, und als er bald darauf das Mädchen bei Gelegenheit eines amtlichen Vortrags, den ihm der Kriegsrat hielt und bei dem seine Tochter dem Blinden als Führerin diente, persönlich kennen lernte, interessierte er sich, für das geistvolle Wesen und wohnte sogar dem Debüt der Anfängerin bei, um nach Kräften zu applaudieren. Charlotte zählte erst dreizehn Jahre, als sie die Bretter, welche die Welt bedeuten, betrat. Doch war sie geistig und körperlich so kräftig entwickelt, wie ein Mädchen von siebzehn Jahren. Der Schauspieler Zuecarini unterrichtete sie, unter seiner Leitung bildete sie sich bald zu einer trefflichen Künstlerin aus. Ihr erstes Auftreten geschah 1813 in „Moses Errettung" von Plötz, auf dem der königlichen Hoftheaterintendenz unterstellten Jsarthortheater. Achtzehn Jahre alt, übertrug man ihr bereits das ganze Fach der tragischen Liebhaberinnen. Ihr künstlerischer Ehrgeiz trieb sie in die große Welt: aus einer Kunstreise durch Deutschland (1822—1823) gastierte sie u. a. in Stuttgart, Darmstadt, Karlsruhe, Frankfurt, .Hamburg und Berlin und überall mit vorzüglichem Erfolge. In Hamburg lernte sie ihren zukünftigen Gatten, den Schriftsteller Dr. Christian Andreas Birch; (geb. 1793 zu Kopenhagen, gest. 1868 zu Berlin) kennen: nachdem (biie Herzen sich gefunden, folgte Charlotte 1820 dem Geliebten zum Altar. Zuerst schlugen die Neuvermählten ihr Domizil in München auf, wo Birch eine Anstellung bei der Hoftheater-Jntendantur erhielt; schon int nächsten Jahre nahm die kunstbegeisterte junge Frau indessen ihre Gastspielreisen wieder auf, die sie bis nach Petersburg, Pest und Amsterdam ausdehnte. Im Jahre 1837 übernahm sie, des unsteten Lebens satt, die Direktion des Theaters in Zürich;, das sie im Verein mit dem berühmten Mimen Seydelniann zu einer Pflanzschule für das deutsche Theater ausbilden wollte. Nach sechsjähriger Wirksamkeit folgte sie einem ehrenden Rufe an das Berliner Schauspielhaus, um die Stelle von Amalie Wolf einzunehmen; im Sturme eroberte sie sich! die Gunst der Berliner und bewahrte sich dieselbe bis zu ihrem am 25. August 1868 erfolgten Hinscheiden. In Berlin stand sie in regem geistigen Verkehr mit Meyerbeer, Varnhagen und seiner geistreichen Gattin Rahel; letztere war es auch, die sie zuerst ermutigte, sich als Bühnenschriftstellerin zu versuchen. Ihr erstes Stück „Der böhmische Mägdekrieg" erschien 1828, aber erst mit „Pfefferrösel" errang sie einen unbestrittenen Erfolg. Seitdem folgte ohne Panse Drama aus Drama, sodaß sie es während ihrer langen Schaffensperiode auf bald hundert Stücke brachte, eine Fruchtbarkeit, die nur durch die Bearbeitung fremder Motive erklärlich, und möglich! ist. In- 352 — dessen fehlt es unter den Dramen der Birch-Pfeiffer durchaus nicht an solchen eigener Erfindung und Kombination; den größten Beifall trugen ihr jedoch die geschickten Dramatisierungen bedeutender Romane ein, und Stücke, wie „Die Grille" (nach einer Novelle von George Sand), „Die Waise von Lowood" .(nach Eurer Bell), „Dors und Stadt" (nach Berthold Auerbach,) fesseln auch heute noch in wn- geschwächter Stärke das Publikum. Mit ihren Romanen ifttb Novellen hatte sie weniger Glück; aus diesem Gebiete wurde sie später von ihrer Tochter Wilhelmine, der Gattin des badischen Hofgerichtsdirektors und Kammerherrn von Hillern, übertroffen, deren Romane: „Ein Arzt der Seele" nnd „Aus eigener Kraft", ihren schriftstellerischen Ruf begründeten. Sie begann ihre Laufbahn ebenfalls als Schauspielerin, zog sich, aber nach ihrer Vermählung von der Bühne zurück. Auch, deren Tochter Hermine ist eine bekannte Dichterin, sodaß man Wohl sagen kann, das Talent Charlottens hat sich, aus ihre Kinder und Kindeskinder vererbt. Um die litterarische Rolle Charlotte Birch-Pfeiffers richtig würdigen zu können, darf man auch die Periode nicht außer acht lassen, in welcher sie ihre Triumphe als Bühnendichterin feierte. Es war in der Zeit der deutschen Reaktion, wo des deutschen Volkes eine tiefe Niedergeschlagenheit sich bemächtigt hatte. Aller politischen und tendenziösen Dichtung satt, verlangte man nach harmloser, gefälliger Unterhaltung und vergnügte sich an den Lustspielen eines Benedix, an den Dramen der Birch-Pfeiffer, an Roquettes „Waldmeisters Brautfahrt", an Holteis Singspielen usw. Einer solchen Zeit mußte ein so vielseitiges und fruchtbares Talent wie die Birch-Pfeiffer es unstreitig besaß, willkommen sein, und obwohl es die Schriftstellerin bei so ungeheurer Produktivität mit Wahrscheinlichkeit, Charakteristik und Originalität nicht immer allzu genau nehmen konnte, so gelang ihr doch'sauch manches Schöne und Gute; sie verstand es (und versteht es noch), große Kreise zu rühren und zu erheben, und da sie immer den Regungen eines edlen Gemüts Ausdruck verlieh, so wirkte sie auch gut und nützlich Ein volles Menschenalter ist verflossen, feit der Hügel über ihrem Grabe fkfy wölbte — lassen wir ihr soviel Gerechtigkeit widerfahren, als sie verdient, und sie hat sicherlich mehr Verdienste, als man ibr für gewöhnlich zuspricht. Legen wir an ihrem 100. Geburtstage einen Lorbeerkranz auf ihrem Grabe nieder — es schmückt manchen der Lorbeer, der weniger; Anspruch darauf erheben darf als die Verfasserin der „Grille". GEHinMNtzrges. Lasse Deine Dienstboten nie glauben, daß Du Deine Vorräte nicht kennst, nicht genau übersiehst, keinen Wert darauf legst. Unwissenheit, Gleichgiltigkeit der Herrin weckt Leichtsinn, Gier nach eigenem Vorteil, erzieht Diebe. Gute Stärkemischung für Stärkewäsche. Vier Eßlöffel Reisstärke, bester Sorte, einen viertel Eßlöffel ipulverisiertewBorax, -acht Eßlöffel aufgelöstes'Gummi Traganth, mit warmem Wasser klar gerührt, bis zu einem: Liter Wasser zugegossen, mit dieser Mischung können sechs Chemissetes, sechs Paar Manschetten und zwölf Kragen gestärkt werden. Um Moos schon grün zu färben, löst man in einem viertel Liter kochendem Wasser 30 Gramm Alaun rind 15 Gramm Jndigocarmin, taucht das vorher gründlich gereinigte Moos hinein und trocknet es im Schatten. Will man ein Helles Grün erzielen, so setzt man etwas Pikrinsäure zu. Galläpfelabsud) geeignet, den Rest des Giftes bis zur Ankunft des Arztes unschädlich zu machen. Drohen die Kräfte zu sinken, so gebe man Hoffmannstropsen, schwarzen Kaffee und starke Weine. Das Tragen von Öhringen geschieht zum Teik wegen der Augen und Zähne, in der Hauptsache aber zur Verschönerung des Ohres. Für Augen und Zähne ist vom Ohrringtragen eine günstige Wirkung nicht zu erwarten, es handelt sich vielmehr um einen alten Aberglauben, der je eher, desto besser ausgerottet wird. Was die Verschönerung betrifft, fo muß gesagt werden, daß ein schön geformtes normales Ohr an sich etwas so vollkommenes ist, daß es des Schmuckes nicht bedarf, und ein unschönes, großes Ohr wird durchs den Schmuck sicherlich: auch nicht schöner. Dagegen ist diese Sitte oft direkt schädlich; so reißen bei schweren Ohrgehängen bisweilen die Ohrläppchen durch, es entstehen Entzündungen, Rotlauf u. s. w. Die Manipulationen des Ohrringstechens vollends spricht den Anforderungen der heutigen Wundbehandlung direkt Hohn, es entsteht Blutvergiftung, Starrkrampf, und Kinder erkranken häufig infolge davon an lästigen, sich über den ganzen Kopf verbreitenden Ausschlägen. Durch den chronischen Reiz des Ohrgehänges können Neubildungen entstehen, die zu Krebs führen, auch: kann die Tuberkulose durch Ohrgehänge übertragen werden. Vermischtes. Wie die Römer applaudierten. Daß bei den Besuchern des altrömischen Theaters Beifallskundgebungen etwas übliches waren, ist bekannt. Neuerdings hat man bei den Ausgrabungen in Pompeji Papyrusrollen auf- gefunden, die neben anderen interessanten Aufschlüssen über das römische Theater auch einiges über die Art und Weise mitteilen, in der man damals seinen Beifall zu äußern Pfegte. Bemerkenswert ist, daß das Theaterpublikum jener Zeit sich beim Applaudieren an eine gewisse Methode hielt und nach gewissen Abstufungen seine größere und geringere Zufriedenheit zu erkennen gab. War man angenehm berührt von der Darbietung eines Darstellers, dann schnalzte man mit dem Mittelfinger und dem Daumen; wollte man den Schauspieler etwas mehr auszeichnen, dann schlug man mit den ausgestreckten Fingern der linken Hand auf die der rechten, wodurch etwa ein Ton, .wie von aneinander gestoßenen irdenen Geschirren, hervorgebracht wurde. Diese Art des Beifalls führte deshalb auch, den Namen „testae". Eine größere Gunstbezeugung war es schon, die Hände flach, und eine noch bedeutendere, sie gewölbt aufeinander zu schlagen. Die höchste Auszeichnung aber bestand darin, daß die Zuschauer einen Zipfel ihrer Toga gegen den Darsteller schwenkten. Interessant dabei ist, daß zu diesem Zweck der Kaiser Aurelian an die niedere Klasse des Publikums, die keine Toga tragen durfte, kleine Stückchen Tuch austeilen ließ. Charade. Nachdruck verboten. Als Kanton im schönen Schweizerland Ist meine Erste dir wohlbekannt; Und gehst du spazieren auf Bergeshöh'n, Siehst dort du manch' herrliche Zweite steh'n. Sobald man die Erste und Zweite vereint, Das Ganze als Stadt an der Saale erscheint. m. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer: Nicht Kunst und Wissenschaft allein, Geduld will bei dem Werke sein. Ein stiller Geist ist jahrelang geschäftig; Die Zeit nur macht die feine Gährung kräftig. Goethe. Kesundyeitspflege. Bei Vergiftungen durch Genuß scharfer giftiger Pflanzenstoffe, wie Herbstzeitlose, Seidelbast, Sadebaum, Giftpilze rc. ist schon viel gewonnen, wenn tarnt den Patienten durch Kitzeln am Schlunde, Trinken von Seisenwasser rc. zum Erbrechen bringt. Nächstdem ist das Trinken von gut säurehaltigen Getränken (Eichelkaffee, Rebaftiw; «. »uttfrerlt. — Druck uni «erlag der Brühl'scheu UniversttSts-vuch. and Strindruckerci (Pietsch Erbe«) in »ieink.