Nachdruck verboten. Heimatlos. Roman von E. P. Roe. (Fortsetzung.) XVIII. Neue Kreise. Miß Wetheridges Besuch versprach wichtige Veränderungen in Mildreds Aussichten. Bon Frau Willow hatte die junge Dame schon von Mildreds langen Stunden schlecht bezahlter Arbeit erfahren und wünschte, Mildreds Zutrauen so weit zu gewinnen, daß sie zu einem guten Rat berechtig wäre. Beim nächsten Besuch nahm sie Mildred das Versprechen ab, sie zu besuchen. Daß' die Familie nicht zu den gewöhnlichen Armen gehörte, war Miß Wetheridge sofort klar geworden und sie wollte ihrer Freundin zu einer besseren Art von Beschäftigung verhelfen. Mildred wurde Mitglied des Jungfrauenvereins, dessen Bibliothek und Lesezimmer ihr viel Nutzen und Vergnügen versprach. Unter den verschiedenen Zweigen geistiger Arbeit, welche in dem Verein zu erlernen war, entschied sie sich für die Stenographie, in der Hoffnung, daß ihr Vater die Familie noch für einige Monate ohne Hilfe erhalten werde. Sie war überzeugt, gutbezahlte Arbeiten in Menge zu erhalten, bei der sie immer noch im Verborgenen bleiben konnte. Mildred machte rasch Fortschritte und blickte hoffnungsvoll in die Zukunft. In einem Jahre konnte sie im stände sein, die ganze Familie zu erhalten, wenn es nötig wäre. So verging der Monat Oktober ziemlich rasch und hoffnungsreich. Sie erhielten zuweilen Briefe von Klara, worin sie ihre Zufriedenheit aussprach. Ich werde so dick und rosig, wie Susanne, schrieb sie, und komme nicht mehr zur Stadt. Das Treppensteigen in jenen Miethäusern hat mich mehr ermüdet, als alle Arbeit, die ich hier verrichte, und ich arbeite hart. Aber es ist abwechselnde Arbeit mit reichlicher, guter Luft und Nahrung. Ich werde besser behandelt, als je zuvor, — ganz wie ein Glied der Familie. Und da ist auch ein junger Farmer, der mich zuweilen ausfährt und spricht und handelt wie ein Mann. Dienstag den 23. Januar. [nujuii; PM er Wind facht an ein winzig Fünkchen (Shit, Der Wind löscht ans die lichterlohen Flammen;' Ein Wort, es richtet auf den zagen Mnt, Ein Wort, es bricht den stolzen Mnt zusammen. Güll, Leitstern. Ob dieser aufmerksame Freund Robert war, oder eine neue Bekanntschaft, das sagte sie nicht. Seit einiger Zeit lag etwas Zurückhaltung in ihren Briefen. . XIX. U e b e r r a s ch u n g e n. Fast jede Stunde dachte Mildred an Arnold Vintou und suchte nach dem Grunde seines langen Schweigens. Oft schlug ihr Herz schneller, wenn sie ihn auf der Straße zu sehen' glaubte. Konnte er krank sein? Oder wartete er still, wie sie, überzeugt von ihrer Treue? Sie sehnte sich, ihn zu sehen, und an einem Novembersonntag begab sie sich in die. Kirche, welche sie beide in früheren Tagen besucht hatten. Schüchtern bestieg sie die dünnbesetzte Gal- lerie und sah bekannte Gesichter, aber sie hatte sich dicht verschleiert, um nicht erkannt zu werden. Ihre Erwartung ging nicht in Erfüllung: denn in dem Kirchenstuhl der Familie Vinlou erschien nur der alte Herr mit einer seiner Töchter. Tie Abwesenheit der Frau und ihres Sohnes erfüllte sie mit banger Ahnung, und gedrückt von schweren Gedanken und Erinnerungen weinte sie still hinter ihrem Schleier. Als sie sich umwandte, begegneten ihre Augen denen Roberts. Ihre Thrüuen schienen auf ihren Wangen zu erstarren. Sie war gekommen, um nach Monaten geduldigen Wartens den Mann wieder zu sehen, den sie liebte, aber ber Platz blieb leer, und nun sah sie neben sich, jemand, den sie nie wiederzusehen hoffte. Eine gewisse abergläubische Furcht, daß sie ihm nicht entgehen könne, befiel sie. In schwermütiger Stimmung ging sie nach Hause und erzählte ihrer Mutter und Bella, was sie gesehen hatte. Bella sprang auf und klatschte in die Hände. Das ist" vortrefflich! rief sie. Sagte ich Dir nicht, Mildred, Tu könntest ihm nicht entgehen? Bella, erwiderte Mildred in heftiger Erregung, solche Reden sind unerträglich! Bella, sagte die Mutter ernst, Du mußt Mildreds Gefühle schonen! Nun, Mildred, es ist nicht böse gemeint, besänftigte sie Bella. Aber ich wünsche sehr, daß Robert uns besucht. Ich habe jemand nötig, mit dem ich sprechen kann, und die Familie ist so freundlich gegen uns gewesen. Ohne Zweifel ist er allein in der Stadt und fühlt sich einsam. Er braucht gar nicht in der Stadt zu sein, erwiderte Mildred. Wenn es nach meinem Willen ginge, würde er bei seinem alten Schornstein leben und sterben. Bellas Erwartung ging bald in Erfüllung, denn eben, als sie im Begriff waren, zur Kirche zu gehen, erschien Robert etwas linkisch, weil er im Zweifel über den Empfang war, der ihn erwartete. Der warme Empfang von Frau Howell und Bella beruhigte ihn etwas, Mildred aber verstand sich nur zu kalter Höflichkeit. 42 Werden Sie jetzt in der Stadt bleiben? fragte Bella. Ja, erwiderte er kurz, und das war alles, was er von sich selbst sprach. Durch welches Wunder gelang es Ihnen, in einem solchen Haus eine so einladende Wohnung einzurichten? fragte er. O, das ist Mildreds Werk, erwiderte sie. Das hätte ich wissen können, sagte er, und ein plötzlicher Schatten glitt über sein Gesicht. Ja, Milli ist ein seltenes Geschöpf! Ich fürchte, sie wird bald unsere einzige Hoffnung sein, denn sie ist so stark und vernünftig. Ist Herr Howell nicht gesund? fragte er. Nein, es scheint, er ist gar nicht gesund, erwiderte sie verzagt. Jetzt schläft er, wie immer am Sonntag. Ja, bestätigte er mit leiser Stimme, Ihre Schwester ist ein seltsames Wesen, aber meine Aussicht, ein freundliches Wort von ihr zu erlangen, scheint gering zu sein. Es wird gut sein, wenn wir uns von Anfang an richtig verstehen. Ich kam in die Stadt, und hoffe, hier Erfolg zu haben. Ich habe einen Onkel, der mir helfen will. Er ist ein bischen eigentümlich, aber vernünftig und erfahren, und wenn er überzeugt-ist, daß ich gewisse Pläne durchführen werde, so wird er mir helfen. Jetzt beobachtet er mich und glaubt, ich sei nur hier aus rastloser, jugendlicher Unbeständigkeit, bald aber wird er die Wahrheit erfahren. Natürlich ist es besser, wenn ich zur Erreichung meines Zweckes nur fünf oder sechs Jahre, anstatt zehn brauche, wie es der Fall wäre, wenn ich ohne «Hilfe bliebe. Ich bin jetzt in seinem Geschäft angestellt, aber ich studiere jeden Augenblick, den ich erübrigen kann, und das weiß er auch, glaubt aber, das werde nicht anhalten. JSinft aber werde ich einer der ersten Advokaten in dieser Stadt sein. Sie sehen- ich bin offen gegen Sie, wie Sie es gegen mich waren. Fräulein Bute erzählte mir von Ihrem mutigen Auftreten in dem Laden, und ich war stolz darauf, Sie zu kennen. Sie können Ihrer Mutter das alles sagen, wenn Sie wollen. Ich würde gern Sie oft besuchen und zuweilen mit Ihnen ausgehen, und Sie werden sich meiner nicht zu schämen brauchen. Sprechen Sie nicht so, sagte Bella, Sie stehen glücklicher in der Welt da, als wir. Ich meine es so, wie ich sagte. Ich bin in den gesellschaftlichen Gebräuchen noch nicht sehr sicher, aber das wird nicht lange dauern. Bella war gerührt. Aber plötzlich fragte sie: In den gesellschaftlichen Gebräuchen? Dann erklären Sie mir, warum Sie solche modische Kleidung tragen? Diese ist nicht in Forestville verfertigt worden, er.- klärte er. Mister Robert, sagte sie, ich bin sehr erfreut, daß Sw nach Newyork gekommen sind! Ich muß Gesellsckaft und Scherz haben, oder ich explodiere. Für Sie wird^das auch gut sein, sonst werden Sie auch melancholisch. Sagen Sie nicht, die Welt sei nur geschaffen, um zu arbeiten; wenn es so ist, so will ich nichts von ihr wissen. Dieses monotone Leben kann ich nicht länger aushalten. Frühmorgens geht man zur Arbeit und steht den ganzen Tag, bis man an Leib und Seele lahm ist, und einfältige, alte Eulen nötigen uns, still zu stehen, während wir schon so müde und geärgert sind, daß wir den Kunden lieber die Nase abbeißen möchten, anstatt sie zu bedienen. Auch Milli ist müde und niedergeschlagen, sie will nicht ausgehen und sagt, es gebe hier keinen Ort, wo ein junges Mädchen mit unseren Mitteln ohne Schutz hingehen könne. Die anderen Ladenmädchen sind mir auch überdrüssig, einige von ihnen sind gut und angenehm, die meisten aber dumm und grob. Auch Papa ist in letzter Zeit immer in so seltsamer Erregung, wenn er aus seinem Schlummerzustand erwacht. Früher hat er noch zuweilen mit mir gescherzt, aber jetzt ist das vorüber. Ist das ein Leben für ein Mädchen von kaum sechszehn Jahren? Nein, Bella, das ist es nicht, aber grämen Sw sich nicht, wir wollen sehen, wie wir es besser einrichten können. Ihre Schwester will nicht mit mir ausgehen, — wenigstens jetzt nicht, — vielleicht niemals, — aber das ist nicht meine Schuld. Doch ich muß Sie bitten, Bella, vermeiden Sie jedes Wort oder Andeutung, welche meine Gegenwart für Fräulein Mildred lästig machen könnte. Verstehen Sie Gedanken zu lesen? O nein, ich halte nur die Augen offen und ziehe meine Schlüsse, sagte er traurig. Nun, wenn Sie sich mit so viel Takt und ZartgefäU zu benehmen verstehen, so werden Sie mit der Zeit iwdj besser fahren, als Sie jetzt hoffen, flüsterte sie. XX. D u n k l e S ch a t t e n. Dauernde Ursachen werden früher oder später ihre Wirkung erzielen. Die Folgen des Morphiums 'wurden bei Lowell unvermeidlich. Die Erwartungen der Firma, bei welcher er beschäftigt war, wurden sehr enttäuscht, und sein Wesen war ungleich und oft so seltsam, daß es Aufsehen erregte. Eines Abends im November brachte ein zufälliger Zwischenfall die Sache zur Krisis. Ein erfahrener Arzt war im Kontor anwesend, als Howell eintrat, und sein geübtes Auge durchschaute ihn sofort. Dieser Mann ist ein Morphinist, sagte er leise. Alle Sympathie, die man für einen Mann von anscheinend schwacher Gesundheit gehegt hatte, verwandelte sich sofort in Abscheu. Die Geschäftsinhaber baten den Arzt, zu bleiben, riefen Howell in ihr Privatzimmer hinein, und beschuldigten ihn ohne Umschweife des übermäßigen Genusses von Morphium. Howell geriet in solche Verwirrung, daß er zitterte, denn sein Nervensystem war bereits zerrüttet. Sie thun mir großes Unrecht, meine Herren, vermochte er nur zu sagen, dann verließ er hastig das Zimmer und begab sich an eine Stelle, wo er sich unbeobachtet wußte, nahm seine Morphiumspritze heraus, und fühlte sich bald jeder Krisis gewachsen. Er kehrte in das Zimmer zurück und widersprach der Anklage in den entschiedensten Ausdrücken der Entrüstung. Sprechen Sie keinen Unsinn, unterbrach ihn der Arzt rauh. Ich habe schon zu viele solche Fälle gesehen, als daß Sie mich täuschen könnten. Sie haben alle Symptom« eines Morphinisten an sich, und wenn Sie jemals Ihre Kette brechen wollen, so ist es besser, Sie sagen die Wahrheit und begeben sich in die Behandlung eines Arztes, zu dem Sie Vertrauen haben. Verflucht! rief Howell wütend. Durch einen von Ihrer nichtswürdigen Brüderschaft habe ich das erworben, was Sie meine Kette nennen! Ich hoffe, Sie werdest den Rat dieses erfahrenen Arztes annehmen, sagte der ältere Teilhaber der Firma. Jedenfalls können "wir Ihnen nicht länger unsere Interessen anvertrauen. Der Kassierer wird mit Ihnen abrechnen, und damit haben unsere Beziehungen ein Ende. Sie werden Ihre Ungerechtigkeit bitter bereuen, erwiderte Howell hochmütig. Sie entlassen einen Mann von ungewöhnlichen geschäftlichen Fähigkeiten, dessen Bekanntschaft mit dem Süden eine universale ist, und welcher Unternehmungen einzuleiten weiß, welche enorme Reich- tümer einbringen. Wir wollen auf alle diese Vorteile verzichten. Guten Morgen! Haben Sie jemals eine solche Dreistigkeit gesehen? sagte der Geschäftsmann, nachdem Howell mit stolzer Miene gegangen war. Das ist keine Dreistigkeit, das ist Morphium, sagte der Arzt. Sie sollten das Elend des armen Teufels sehen, wenn die Wirkung des Morphiums nachläßt. — Ich wünsche ihn überhaupt nicht wiederzusehen. Wenn er sich Hilfe und Achtung wieder erwerben will, so muß er dieses Laster aufgeben. Das ist leichter gesagt, als gethan, erwiderte der Arzt. Sehr wenige sind imstande dazu, wenn sie soweit gegangen sind, wie dieser. Was sollte er jetzt thun? Er kannte seinen Zustand tvie die meisten Morphinisten und er wußte auch, wie laug und schrecklich die Qual sein mußte, welche eine Radikalkur mit sich brachte, wenn et auch wirklich die Willenskraft hatte, eine solche zu versuchen. Manche Morphinisten können ihrem Laster in ziemlicher Ruhe jahrelang anhängen, wenn sie vorsichtig sind, und Personen von besonders kräftiger Konstitution können es sogar lange Zett ertragen ohne großen physischen oder geistigen' Schaden. Aber keiner, der sich einmal Daran gewöhnt hat, kann aufhören, ohne unbeschreibliche Pein zu leiden. Früher oder später gehen auch diese kräftigen Naturen hoffnungslos dem Untergang entgegen. Konnte er nun nach Hause gehen und seine Lage eingestehen? Er konnte weder sein Laster in Gegenwart seiner Familie offen fortsetzen, noch konnte er es verbergen. Endlich faßte er einen Plan, und nachdem er seine Nerven mit Morphium wieder gestärkt hatte, ging er nach Hause und teilte seiner Frau und Mildred sein Vorhaben mit, nach dem Süden zu reisen, und bei seinen alten Bekannten ein neues Leben zu beginnen. Er hoffte, die Seereise werde seine Gesundheit wieder herstellen. Sein Plan sand keinen Widerspruch, da er eine Verbesserung ihrer Umstände und Heilung der geheimnisvollen Krankheit versprach, die ihn befallen hatte. Um das nötige Geld anzuschaffen, wurden die überflüssigen Möbel verkauft, welche noch immer auf dem Speicher standen, und Mildred verkaufte ohne Zögern den größten Teil ihrer Schmucksachen aus glücklicheren Tagen. Ich würde gern mein Blut in Gold verwandeln, wenn ich es könnte, Vater, sagte sie, wenn ich Dich dafür wieder stark und gesund wie früher sehen könnte. Seine Hand zitterte so, daß er kaum das Geld damit halten konnte. Einige Tage später nahmen sie Abschied von «inander. Unterwegs warf er seine Morphiumspritze und Morphiumflasche über Bord. Ich will aus eine Woche brechen mit dem Laster, und wenn ich daran sterben sollte, sagte er mit einem verzweifelten Entschluß, den nur ein Morphiumsklave verstehen kann. Er litt furchtbar unter dem Wintersturm, welcher bald das Schiff erfaßte. Die Leute hielten ihn für wahnsinnig, und einige Tage lang ließ ihn der Kapitän scharf bewachen. Bald kannte man seinen Zustand aus seinem bald kläglichen, bald zornigen Bitten um Morphium. Bald geriet er in einen Zustand vollständigen Verfalls, und vielleicht wäre er gestorben, wenn der Kapitän ihm nicht in seiner Angst Morphiumgaben beigebracht hätte. Endlich wurde er in einer Stadt des Südens im Zustande äußerster Erschöpfung ans Land gebracht. Ein Arzt wurde gerufen, welcher nichts Eiligeres zu thun hatte, «ls ihm wieder Morphium beizubringen. Damit war der alte Fluch erneuert. Dem Anschein nach genas er rasch. Er entließ den Arzt und nahm bald seine frühere Gewohnheit wieder auf. Jetzt wußte er, daß es unmöglich war, Die Schrecken vollständiger Enthaltsamkeit zu ertragen. Er suchte sein Gewissen zu beschwichtigen, indem er versprach, nach und nach die Dosis zu verringern, aber das war eine trügerische Hoffnung, welche Tausende täuscht, wie sie auch ihn täuschte. Fortsetzung folgt. Die Kulturfortschritte des letzten Jahrtausends. (900—1900.) Eine Säkularbetrachtung von Friedrich Thieme. ------- (Nachdruck verboten.) Das 19. Jahrhundert wird mit Recht als eins der fruchtbarsten und erfolgreichsten auf allen Gebieten der Wissenschaft und Kulturentwickelung gefeiert. Vor allem die Naturwissenschaften und alle damit zusammenhängenden Materien haben einen förmlichen Triumphzug durch die einzelnen Phasen unseres Jahrhunderts angetreten, und die Künste und anderen Wissenschaften sind nicht zurückgeblieben. Von selber drängt sich uns angesichts so großartiger Erfolge ein Vergleich mit früheren Jahrhunderten auf, und wir sind nur zu leicht geneigt, gegenüber diesen staunenswerten Resultaten den Anteil früherer Jahrhunderte an der Kulturentwickelung zu unterschätzen. Wenn wir die Kulturarbeit der Vorgänger unseres Säku- lums einer gerechten Beurteilung unterwerfen wollen, so dürfen wir auf der einen Seite nicht vergessen, daß allerdings der Fortschritt der Menschheit sich in progressiver Steigerung vollzieht, weil aus einer Erfindung oder Entdeckung immer zehn neue hervorgehen und ein glänzendes Beispiel die Nacheiferungssucht in hundert Köpfen erweckt. Auf der anderen Seite müssen wir bedenken, daß wir die früheren Jahrhunderte gewissermaßen aus der Vogelschau überblicken, also weit objektiver als das unsere. Wrr sehen aus d em Ozean der Vergangenheit nur noch dre bedeutendsten Erscheinungen wie Inseln hervorragen, wahrend wir vor der Masse d^r geleisteten Arbeit des jetzt 43 — zu Ende gehenden geradezu erschrecken. So befinden wir uns etwa in der Lage eines Bibliothekordners, der aus den Bücherhaufen einer Reihe von Sälen die wertvollsten Werke heraussuchen soll. Alle Säle sind schon gesichtet bis auf einen; in ihnen sind die bedeutungslos gewordenen oder minder wertvollen Bücher beseitigt und nur die vorzüglichsten und kostbarsten herausgesucht, der eine, noch ungesichtete ist dagegen noch vollgestapelt bis zur Decke, er enthält die Werke der Zeitgenossen, und der Bibliothekar muß die Sichtung wohl oder übel einer späteren Zeit überlassen, da die Zukunft allein zu entscheiden vermag, was von dem Inhalt brauchbar ist, was nicht. Eine Anzahl Werke sind ja ohne weiteres als von unendlicher Tragweite zu erkennen, andere wieder — und das sind die meisten — müssen erst ihre Wirksamkeit bewähren oder sich ihren inneren Wert von der Nachwelt bestätigen lassen. Manches für unscheinbar gehaltene Werk wird dann vielleicht eine große Bedeutung erlangt haben, manches gleißende und bewunderte wird sich als bloßer Modeartikel Herausstellen, von dem man schon im nächsten Jahrhundert nicht mehr begreift, wie er den Großvätern und Vätern überhaupt je hat Respekt einflößen können. Wägen wir ferner die Kulturfortschritte der einzelnen Jahrhunderte nach der Quantität ab, so müssen wir den früheren gerechterweise vor dem unseren etwaP. vorgeben. Vor allem dreierlei: Erstens war die Zahl der Menschen erheblich geringer — und je größer die Zahl der Bienen, je größer der Honigertrag im Bienenstock! —, zweitens lastetet« der Fluch der Unwissenheit auf einer verhältnismäßig weit größeren Anzahl von Menschen, drittens mangelten ihnen die uns verfügbaren geistigen und materiellen Kommunikationsmittel. Diese drei Umstände treten um so krasser hervor, je weiter wir in der Zeit rückwärts gehen, und verlieren immer mehr an Bedeutung, je weiter wir uns unferm Jahrhundert nähern. Immer aber müssen wir bei der Würdigung der Geistes- und Kulturthätigkeit der Vorläufer unseres Säkulums die Thatsache ins Auge fassen, daß ohne diese Thätigkeit auch die unsere nicht sein könnte. Die Entwicklung ist ein Bau aus einem Gusse: bevor nicht der Grund gelegt war, konnte man nicht mit der Errichtung der Mauern beginnen, bevor diese nicht standen, war es unmöglich, das Dach aufzusetzen. Betrachten wir die menschliche Kultur als ein einheitliches, stolzes, gigantisches Gebäude, an dem alle Menschen in den verschiedensten Rollen mitarbeiten, diese als Verfertiger der Entwürfe, jene als Zeichner, andere als Maurer, wieder andere als Zimmerleute, Glaser, Maler u. s. w., so können wir uns leider der betrübenden Wahrheit nicht verschließen, daß der herrliche Bau bereits einmal weit, sehr weit vorgerückt war und ein bedeutendes Stück des vollendeten Teiles wieder eingefallen ist. Das Altertum hat schon einen Kulturtempel von seltener Pracht und Schönheit errichtet, an dessen Erbauung die Aegypter, Babylonier, Griechen und bis zu einem gewissen Grade auch die Römer, sowie noch andere Völker gemeinsamen. Anteil besaßen, aber von dem gleichzeitigen Ansturm des Christeutums und der germanischen und slavischen Völkerrassen brach der zuletzt immer mehr vernachlässigte Bau zusammen. Jahrhunderte lang lag er in Schutt und Asche, bis die inzwischen christianisierten Barbarenhorden in ihrer Entwickelung weit genug vorgeschritten waren, um die lange unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen. Zunächst geschah das letztere allerdings nur in beschränktem Maße. Im zehnten Jahrhundert lag die jetzige Kulturwelt noch in tiefe Finsternis gehüllt. Das Volk seufzte unter dem lähmenden Drucke der Leibeigenschaft, dazu störten die räuberischen Ungarn, Wenden und Normannen beständig den Landfrieden. Das Christentum kämpfte im Norden noch seinen erbitterten, aber siegreichen Kampf gegen das Heidentum, während im Süden sich bereits die mächtige Papstherrschaft zu entwickeln begann. Heinrich I. (919—936), der erste deutsche Kaiser aus dem sächsischen Geschlecht, war es, welcher nicht nur nach besten Kräften die Einheit des Reiches behauptete, sondern auch die Wenden und Ungarn zurückschlug und durch die Gründung fester Städte und die diesen verliehenen Privilegien den Grund legte zur Entwickelung des deutschen Städtewesens, dadurch auch dem Handel neue Impulse schaffend. Sein Sohn Otto I. der Große (936—973) voll- 44 endete, was der Vater begonnen, indem er zum zweitenmal die Macht der Ungarn brach, das heilige römische Reich deutscher Nation schuf und das Papsttum dem kaiserlichen Willen dienstbar machte. Die herrschsüchtigen Päpste sträubten sich gegen die ihnen zugedachte zweite Rolle, daher entbrannte immer heftiger der Kampf zwischen Kaisertum und Papsttum. Durch das ganze 11. Jahrhundert hindurch währte der unfruchtbare Streit, der uns in der berüchtigten Canossafahrt Heinrich IV. das deutsche Kaisertum in seiner tiefsten Erniedrigung vergegenwärtigt. Selbstverständlich konnte sich in einer so ungünstigen Periode weder in geistiger noch wirtschaftlicher Hinsicht ein regeres Treiben entfalten, die Wissenschaft schmachtete im Banne des Aberglanbens und die im 10. Jahrhundert von den Arabern und Mauren in Spanien in das Abendland eingedrungene Alchymie (die Goldmächekunst) zog die Gelehrten und Laien in ihren magischen Kreis. Das Ende des Jahrhunderts erblickte noch eine ebenso eigenartige als im Guten und Schlimmen bedeutsame Erscheinung: den Beginn der Kreuzzüge (1095). An sich unfruchtbare Unternehmungen des Fanatismus, die während zweier Jahrhunderte dem Abendlande ungeheure Opfer an Blut und Geld auferlegten, ohne daß das eigentliche Ziel, die Eroberung des heiligen Landes, mehr als vorübergehend erreicht wurde, und die in der Christenheit selbst den Fanatismus und Aberglauben steigerten, brachten sie doch indirekt wichtige kultursördernde Wirkungen hervor, indem sie einen lebhaften internationalen Verkehr anbahnten, dem Handel und der Industrie "neue Mittel und Wege öffneten, den geistigen Horizont der Menschen erweiterten und dadurch die gewaltige Hebung des Städtewesens und des Bürgertums verbreiteten, welche in den folgenden Jahrhunderten zu beobachten ist. Schon im nächsten (12.) Jahrhundert erblicken wir allenthalben die ersten Triebe einer erfreulichen Vorwärtsbewegung. Die Hansa, jener mächtige, in der Geschichte nicht seinesgleichen findende Städtebund zum Schutze der Interessen von Handel und Industrie, die mit ihren Wurzeln bis in das 11. Säkulum zurückreicht, begann in größerem Maße ihre bedeutsame Wirksamkeit, das Märktewesen nahm einen steigenden Aufschwung (u. a. durch die Gründung der berühmten Leipziger Messe), die Universitäten zu Paris, und Bologna gestalten sich zn Zentral- punkten eines regen geistigen Lebens, die Baukunst, Bildhauerei und Malerei entwickelten sich, das Nibelungen- lied, eine der großartigsten Dichtungen der Weltliteratur, entstand. Auch das später so ausgeartete Rittertum war in seiner Blütezeit dem Schutze der Schwachen gewidmet, das Recht sollte es gegen die Gewalt verteidigen, den Dienst der holden Minne pflegen, Religion und Ehre über alles hoch halten. Freilich, bereits im 13. Jahrhundert sieht sich Kaiser Rudolph von Habsburg (1273—1291) gezwungen, mit bewaffneter Hand gegen Faustrecht und Raubritterwesen Front zu machen. Im Bunde mit den mächtigen Städten läßt er die Burgen des frechen Raubgesindels in Feuer und Rauch aufgehen, nachdem vorher die „kaiser- lose, die schreckliche Zeit" (das Interregnum; 1256- -1.273) wie ein Alp auf Deutschland gelastet. Der Minnesang feierte in dieser Zeit seine holden Triumphe. Die Baukunst schenkt der Welt ihre herrlichen gotischen Tome. In England erzwingt ein Aufstand der Großen die Magna charta libertatum, welche die Grundlage der englischen Berfassnng wurde und später indirekt auch ans die übrigen Völker Europas ihre segensreiche Rückwirkung äußerte. Das 14. Jahrhundert sieht die Hansa in ihrer höchsten Blüte; die im Hansabund vereinigten Städte führten auf eigene Faust gegen ganze Staaten erfolgreiche Kriege, sie schlossen mit ihnen Handelsverträge ab, haben in London, Bergen, Nowgorod und Brügge ihre großen Handelskontore, und hunderte von Schiffen stehen in ihren Diensten. Der deutsche Handel regierte die Kulturwelt. Von der Mitte des Jahrhunderts ab, wurden im Laufe der nächsten 100 Jahre zahlreiche neue Universitäten gegründet; die Erfindung des Kompasses oder vielmehr dessen zweckmäßige Verbesserung eröffnete der Schiffahrt neue Bahnen. Die Erfindung des Schießpulvers (die nach anderen schon in das 13. Jahrhundert gehört), brachte allmählich eine völlige Umgestaltung des Kriegswesens hervor. Am Anfang des Jahrhunderts erschien Dantes „Göttliche Komödie", eine der höchsten Blüten der Weltliteratur in Bezug auf Gedankentiefe, Reichtum der Phantasie, «chön- , yeit der Bilder und Großartigkeit des Stils und der Sprache. Schluß folgt. Vevmischtss. „N e a p e l s c h e n u n d — sterbe n", sagt ein alter Spruch. Es hätte ebensogut lauten können: „Neapel sehen und — Feste feiern". Das lebenslustige heißblütige Völkcheu dort amüsiert sich jahraus, jahrein. Die neapolitanischen Feste haben den Stoff zu einer Serie neuer „Liebig-Bilder" herausgegeben von der Liebig's Fleisch-Export-Komvagnie, geboten: die von Künstler- Hand entworfenen, nett mit Goldzierrat und Farbendruck aus- aesührten Kärtchen, werden den vielen Freunden und Sammlern solcher Sachen willkommen fein. Die Themata sind: Polichinell, Umzug auf dem Toledo; Piedigrotta, das preisgekrönte Lied; Äommerfest auf dem Meere; Ausflug auf den Vesuv: Rückkehr vom Monte Vcrgine: die Tarantella. Auch ihrer hübschen Karneval-Motive halber ist die neue Serie beachtenswert. — Die Rückseiten enthalten wohlbewährte Kochrezepte, bei denen die Fabrikate der Liebig-Äompagnie eine Rolle spielen. Littevavisches. „N a t u r w i s s e n s ch a,f t l i ch e r H a n s s ch a h"._ Unter diesem Titel ist von der Verlagshandlung Strecker und Schröder in Stuttgart ein Sammelwerk geplant, welches uns aus allen Gebieten der Natur, aus der Physik, der Chemie, der Geologie,. Mineralogie, Botanik re. alles das berichten soll, was auch den Nichtfachmann interessieren muß. Bei dem gewaltigen Aufschwung, den die gesamte Naturwissenschaft in den jüngsten Dezennien genommen hat und auch weiter nehmen wird, können wir dem neuen Unternehmen nur Glück wünschen, ist es doch geschaffen, die Kreise, in denen ein reges Interesse für die Natur besteht, weiter und weiter werden zu lasseu. Um diesem Bestreben in jeder Beziehung gerecht zu werden, hat die genannte Verlagshandlung Sorge getragen, Autoren zic gewinnen, welche besonders bezüglich der Art der Darstellung die Gewähr bieten, daß das zu Behandelnde nicht nur Geschulten, sondern vielmehr vor allem dem gebildeten Laienpubliknm leicht verständlich geboten wird. Wir empfehlen daher schon jetzt den „Naturwissenschaftlichen Hausschatz" der Aufmerksamkeit aller Interessenten und sehen dem ersten Bande desselben, „Physik I" von Rich. Herm. Blochmamt, der in den nächsten Wochen erscheinen wird, mit berechtigter Spannung entgegen. Skataufgade. Nachdruck verboten. (Bei französischen Karten gilt Treff gleich Eichel, Pique gleich Grün, Coeur gleich Rot, Carreau gleich Schellen.) Es wird Bierjkat bis 201 gespielt. Vorhand steht auf 146, Mittelhand auf 188 und Hinterhand auf 188. Vorhand will Null ouvert spielen, worauf Mittelhand, welche dadurch die ganze Partie ucr» loren haben würde, anstatt des zuerst beabsichtigten Grün (Pique)-Solo auf folgende Karte Grand ansagt und auch gewinnt. Vorhand hat 39 weniger, Hinterhand genau ebenso viel Singen als Mittelhand in ihren Karten. Wie war die, Kartcnverteiliing und der Gang des Spieles? (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Diamav.trätsels in voriger Nummer: K G ad Gurke Karpfen O p fze r W e g tt Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schm UniversttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.