1900 ■ Mi ■ WM WEZ»NWWMW-O HlSlKW Samstag dm 22. Dezemder.^ MchenevWullien^ treu nur in Gottes Namen Des Herzens Reichtum aus; Vielleicht ans all dem Samen Wächst doch ein Blütcnstrauß. Frida Schanz. (Nachdruck verboten.) Ern Tannenreis. Novelle von G e r h a r d W a l t e r. Es war im Frühling. Die Knospen der Buchen sprengten gerade die braunen Hüllen, . und der Schlehdorn blühte weis; am Bergeshang und leuchtete schneeig hervor zwischen dem braunen Gezweig. Da wanderte ich einsam dahin durch den Gebirgswald. Mit tiefen Zügen atmete ich die kühle, herbe Luft ein, die duftig hinwehte durch den Forst. Es war ein eigenartiges Gemisch von Erddunst, Moosgerwch! und Tannenduft. Und in tiefen Zügen erquickte ich, mich, die Einsamkeit und unergründliche Stille genießend, die hier auf weite Meilen mich umgab, und die mir so unglaublich wohl that. Wer wandern will, der muß es thUn im ersten Aufwachen des Waldes zum Frühling! Da ist der Mensch mit sich und Gott allein in der Welt. Und mir that die Ruhe not. Schwer hatte die vergangene Winterszeit auf mir gelegen und hatte mir alles genommen, was mir lieb gewesen war. Alles, was' ich« mir an Glück gebaut hatte, war zusammengebrochen wie ein Kartenhaus. Nun stand ich da, jung an Jahren, aber arm am Herzen und an der Welt verzagend. Wo sie am stillsten war und von Menschen am fernsten — nur da freute sie mich noch. Und darum war ich in diesen Osterferien hier hinausgezogen in dieses einsame Waldthal. Bor Jahren hatte ich zur Nacht gerastet in dem unscheinbaren Gasthaus, das hier, dem großen Eisenhammer nah, an der Wegkreuzung hingebaut worden war, und das im Hochsommer wohl auch den Strom der Gäste an sich vorbeifluten sah und einzelne davon, aufnahm, aber jetzt Wer vergessen von der Welt und unbeachtet unter mächi- tigen dunklen Tannen dastand. Mit unsagbarem Behagen hatte ich meinen Stab nach langer.Wanderung an die Wand gestellt und den Ranzen äbgeworfen, und wie ich ans meinem Fenster schaute und 'hinaushorchte in das Rauschen und Raunen der schwarzgrünen, ernsthaften Baumkronen, da hatte ich vor Lust die Arme weit vorgestreckt und es fehlte nicht viel, daß ich einen hellen Juchzer hinausgerufen hätte in die weite grüne Einsamkeit: „Die Welt ist vollkommen überall, Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual!" Nun hatte ich, die ganze heilige Osterzell und noch zwölf Tage dazu vor mir. Und kein Mensch in der Welt wußte, wo ich, war. That ja auch, nicht not. Wenn ich abstürzte von den Felsschroffen that's keinem leid um mich. War gar einsam und. menschenscheu geworden. Und wer einsam ist, ist bald allein. Und wieder nahm ich, den Stab von der Wand am Morgen und wanderte hinaus in die weite, rauschende Stille. Am Ostermorgen stand ich hoch oben auf der Bergeshalde und hörte aus dem sonnenbeschienenen Lande da unten die Glocken gedämpft und feierlich zu mir heraufklingen. Und da saß ich auf weichem, grünem Moos und hatte den Stab in die Erde gestemmt und das Gesicht auf die Hände gelegt und hörte eine lange, feierliche Predigt vom Auferstehen. „Da klang so ahnungsvoll des Glockentones Fülle — und ein Gebet war brünstiger Genuß--" und wie die Waldpredigt vorbei war, da war die Sonne schon hoch gestiegen am Himmel. Und ich wanderte wieder dem Walde zu. Aber es war stiller in mir geworden! Und es war mir als ob neues, verborgenes Leben noch in meinem Herzen wach werden könnte. Am Abend saß ich mit den Männern vom Eisenwerk und einigen Förstern, die rundum im Bergwald hausten, einträchtig beisammen. Es war ein starkes, frisches Geschlecht, und ihre Art that mir wohl. Vor uns dampfte um der Abendkühle willen, die draußen durch das Thal zog, der heiße Grog. „Solchen Groch wie hier Beim Amselwirt, giebt's in der Welt nicht mehr",' sagte der eine Förster nach tiefem Zug und strich sich, den blonden Bart. „Na, na", rief der andere, „nimm Di nix vör, daun sleit Di nix fehl! Was gilt die Wette, meine Schwägerin macht ihn besser! Sie müssen wissen", wandte er sich art mich, „ich habe von herzoglicher Regierung die Erlaubnis, reisendem Volk eine Erquickung zu reichen; mein Haus liegt grab an der Kreuzung von vier Straßen. Und jetzt im Winter oder an kalten Vorfrühlingstagen da kommt dann und wann doch mal einer und bestellt sich 'was Warmes zur Seelenstärkung. Und das ist denn nun die Spezialität meiner kleinen Schwägerin; weiß der Henker, wie sie's macht; aber keiner thut's ihr darin gleiche Machen Sie nur selbst 'mal die Probe, Herr Doktor; gehen über den Komm' eine knappe Stunde." „Schön", sagte ich und trank mein Glas leer; „soll geschehen!" Ich sah ihnen noch, wie sie heimgingen int 730 fast taghellen -Ostermondschein. Wie lag die Welt so weit von hier. Dort am Teich bog der eine ab und verschwand im Dunkel des Waldes. Dort ging also der Weg! Ich wußte nicht, daß ich ihn noch, ost gehen sollte. Zunächst aber gingen Tage darüber hin. Da kam ich einstmals zurück von langer Wanderung. Die Sonne hatte den Tag über nicht geschienen, und oben auf den Höhen wehte ein kalter Nordost. Und wie ich da so heimwärts strebte, tauchte plötzlich ein hochgegiebeltes Haus aus dem Walde vor mir auf, und über dem Giebel prangte ein stattliches Hirschgeweih. „Da muß ja Freund Murrax wohnen, der mit dem guten Grog", fuhr es mir behaglich durchs Gemüt. „Kommt wie gerufen!" Und schon schlugen die Hunde an. Die Sonne war im Sinken und goß Purpurglanz über den Giebel und über die Mädchengestalt, die in der Thüre stand unter dem Hirschgeweih. Sie schirmte die Augen mit der Hand gegen den blendenden Abendschein. Ich bog vom Wege ab und trat grüßend auf sie zu: „Ist der Herr Förster zu Hause?" Heller noch umleuchtete sie in diesem Augenblick der goldene Schimmer, und um ihr blondes Haar wob es wie mit einem leuchtenden Heiligenschein. Sie hatte die Hand sinken lassen, und ein reizendes Gesicht blickte mich an, auf dem ein Ausdruck berückender Güte und Freundlichkeit lag. Um den frischroten Mund spielte ein Lächeln wie sie antwortete: „Nein, Herr Doktor, und er kommt mit meiner Schwester erst am Abend zurück!" Da brach ein mächtiger Rüde aus dem Flur hervor und fuhr grollend auf mich los. Schnell griff die kleine Hand zu und packte ihn ins Halsband-. „Stille,.Nero! Schäm'Dich." Und er gehorchte murrend. „Aber Sie kennen mich?" fragte ich erstaunt. Sie lachte. „Sind jetzt nicht so arg viel Fremde im Wald! Und mein Schwager hat mir schon gesagt, wenn Sie kämen sollt 'ich mein Bestes thun; treten Sie ein!" Das war eine gar freundliche Ladung. „Aber darf ich's denn auch-, wenn Sie so ganz allein sind?" fragte ich- unwillkürlich. Sie stand so lieblich! und jungfräulich, vor mir. Ein sonniger Blick traf mich-. „Ich. lass' einen Kavalier ein und keinen Strolch!" sagte sie mit Heller Stimme. Ich reichte ihr schnell die Hand. Ruhig legte sie die ihre hinein. Sie war wohlgebildet; aber sie hatte gearbeitet, so llein sie war. Da saß ich nun in dem Zimmer mit den vielen Rehkronen an der Wand, und der letzte Abendschein fiel durch di^ Fenster und malte blutrote Lichter auf den Tisch. Ich streckte mich! recht in Behagen. Da trat sie ein, den berühmten Grog in den Händen. Eine schlanke, ebenmäßige Gestalt, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt. Sie konnte für ein schönes Mädchen gelten. Ich stand auf. „Nun darf ich mich vorstellen", sagte ich.; „denn ich habe das Gefühl, einer Dame gegenüberzustehen: Doktor Giesebrecht, Gymnasiallehrer." Sie sah mich, freundlich an mit ihren leuchtenden Augen und setzte den Kredenzteller nieder. „Ich heiße Getrud, Gertrud Klingberg", sagte sie. „Halte ich. Sie ab, wenn ich Sie bitte hier zu bleiben?" fragte ich! fast zaghaft. „Durchaus nicht! Ich habe jetzt nichts zu thun." Sie fetzte sich! in die Fensternische und griff nach! einer Arbeit. Wie war die Stunde im Walde schön! „Ja, allzuviel Zeitvertreib haben wir ja im Winter nicht", antwortete sie auf eine Frage; „vor drei Wochen lag hier noch-hoher Schnee; da thut's einem ganz wohl, wenn einmal wieder ein Mensch, aus der winterlichen Versenkung auftaucht." Es kam alles so frisch von ihren Lippen. „Sie sind hier nicht groß geworden?" fragte ich weiter und sah ihr ins Gesicht. Es flog ein roter Schimmer darüber hin. „Ach nein!" sagte sie traurig; „aber was kann Ihnen das ausmachen, von dem Leben eines fremden jungen Mädchens zu hören, das in gar engen Grenzen dahingegangen!" Und um den roten Münd legte sich ein llrmmervoller Zug. Die Sonne war hinter den Höhen versunken. Es dämmerte. „Geben Sie mir noch ein Glas?" Sie sprang auf. „Und dann bring' ich uns Licht!" Und da saßen wir uns gegenüber bei der Lampe gelbem Schein und plauderten miteinander wie gute Kameraden. Es war eine seltsame zauberhafte Stunde mitten im Walde; wir beiden so ganz allein. Und sie so reizend. Ich. stand auf und griff nach, Hut und Stock. „Wollen Sie schon gehen? Noch ist's dunkel, und der Mond kommt spät", sagte sie freundlich.. „Darf ich- denn bleiben bis er kommt?" „Würde ich. es sonst sagen?" Sie schlug die klaren Augen voll zu mir auf. „Sie liebes Mädchen!" sagte ich unwillkürlich-; „so haben Sie denn Vertrauen zu dem fremden Manne?" Sie lächelte: „Ich verlasse mich auf meines Schwagers Empfehlung." v Und ich. blieb. Es wurden Stunden voll Frieden. Ein seltsamer Zauber umgab das Mädchen. Da lag ein Buch. Es war Scheffel. Ich las ihr vor. Mit leuchtenden Augen hörte sie zu. „So hab' ich noch nie lesen hören!" rief sie, und ihre Wangen glühten; „ich! wußte nicht, daß der Scheffel so schön sei! Den Genuß müssen Sie meiner Schwester und meinem Schwager auch, madyen! Wir verkommen hier in der Einöde und waren's besser gewohnt. Wollen Sie? Bitte!" „Also ich darf wiederkommen?'/ „Ja!" rief sie ehrlich. „Aber nun muß ich! gehen! Nun äst der Mond da!" Sie trat mit mir hinaus. „Hier aufwärts! dann gerade hinab durch die Schneise!" sie zeigte mit der kleinen Hand hinauf zwischen den Tannen. „Eine Bitte!" „Nun?" klang es freundlich-. „Geben Sie mir ein Tannenreis an meinen Hut zur Erinnerung an diese Stunden!" Sie sagte nichts und ging auf die Tannen zu. Mit Mühe erreichte sie einen niedrigen Zweig. Sie hob sich ein wenig, um ihn zu greifen, da trat ich! hinzu und bog ihn herab. Unsere Hände lagen zusammen einen kleinen Augenblick. Es durchzuckte mich: damals als zum letzten Mal--! Und mit Gewalt kam der alte brennende Schmerz über mich. Gesenkten Hauptes stand ich- da. Sie reichte mir den Tannenbruch. Tief in Gedanken nahm ich- ihn: „Danke schön!" sagte ich- tonlos. Verwundert sah sie zu mir auf. Ein Strahl des gelben Lichtes aus dem Zimmer fiel mit schwachem Leuchten gerade auf ihr weißes Gesicht. Ich- raffte mich! zusammen mit einem schweren Seufzer und nahm ihre Hand. „Sie haben Leid erfahren!" sagte sie leise. „Ja! Auf Wiedersehen, Fräulein Gertrud!" „Auf Wiedersehen!" klang es herzlich hinter mir her. Um mich- her war der Wald ; über mir leuchteten die Sterne. Und hinter mir hatte ein blondes Mädchen das Haupt aufgestützt und dachte nach. Worüber? Ueber das Rätsel des Lebens. Und ich- saß am Abend allein auf meinem Zimmer und schaute hinaus in die Nacht und sah den Mond über den Wald weg wandern. •'* Das Tannenreis hatte ich sorgsam in mein Taschenbuch! gelegt. Am nächsten -Abend, wie die Sonne sank, wanderte ich- wieder den Weg zur Försterei hinauf. Als ich in die Lichtung trat, winkte mir der Förster schon lustig entgegen. „Heut' treff' ich's besser!" ries er mir zu; „will doch! auch etwas von dem Segen haben, der mit Ihnen über den Wald gekommen. Meine Frau freut sich auch, und die Gertrud ist rein närrisch,! Nun man herein in. die beste Stube! Und heut' sind Sie mein Gast, wenn Ihnen der Grog der Gertrud geschmeckt hat. Die Lust geht draußen scharf!" Und da stand sie, Gertrud! und reichte mir die Hand: „Willkommen!" Und die Frau Förster war eine I stattliche Frau. — Und wir tranken Grog, und ich las. • Und Stunde ging um Stunde. Und wenn ich aufsalj, 731 ruhten Gertruds blaue Augen auf meinem Gesicht, qlänzenb, fragend, mitleidig. Als ich ging, schüttelten sie mir die Hand, der Forster und seine Frau: „Solchen Abend haben wer rm Walde noch nicht gehabt! Kommen Sie morgen ivreder? ^ Es ist die reine Selbstsucht, aber der Mensch will bo$ auch leben, und das kann er nicht vom Brot allein; meine Frau ist eine Pfarrerstochter, und wenn nM tue Vögel singen, ist's gar still im Wald! Sie kommen wieder — gelt?" Und Gertrud ,gab mir die Hand und sagte nichts. Sre hob nur ein wenig die Augen, und ihre Hand schloß lercht um meine. „Ja, ja, ich komme wieder, morgen!" rief ich. Und fröhlich schritt ich« durchs den nächtlichen, rauschenden, brausenden Wald. Urch ich kam wieder. Jeden Abend. Bis zum letzten Abend. v Da traf ich die Frauen allein im Haus. Der Förster war noch« nicht heimgekehrt aus dem Revier. „Fräulein Gertrud", bat ich, äls wir allein im Zimmer waren; „wollen Sie noch eine halbe Stunde mit mir in den Wald? Sagen Sie, Sie wollten mir die Hirsche zeigen. Ich muß mit Ihnen reden!" Da gingen wir hin; oft schweigend, dann über gleich- Se Dinge freundlich! plaudernd. Da lag ein großer ter Eichenstamm. „Setzen wir uns hier!" bat ich. Befangen und mit glühenden Wangen gehorchte sie. „Und wissen Sie, Fräulein Gertrud, weshalb ich! Sie hier hinausgeführt habe?" Sie schüttelte verneinend das Haupt und sah vor sich nieder. „Um Ihnen, dem reinen, mir so lieb gewordenen Mädchen die Geschichte 'eines Mannes zu erzählen. Darf ich!?" Sie hob die Augen mit einem stillen Blick der Ergebung. „So hören Sie denn!" Sie saß da, die Hände im Schost gefaltet. Ihr Fuß stand im welken Winterlaub. Ueber uns rauschte und raunte es geheimnisvoll in den Lüften. (Schluß folgt.) Eine Kaiserkrönung vor 1100 Jahren. Karl der Große, zum Kaiser gekrönt am 25. Dezember 800. Von Dr. EduardBusse. Nachdruck verboten. Für die jubiläumsfrohe Gegenwart bringt der heurige Winter Gedächtnistage von höherer Bedeutung, als sie sich! an die Säkularerinnerungen und sonstigen Erinnerungsfeiern für einzelne Personen zu knüpfen pflegen. Am 18. Januar nächsten Jahres begeht das neue deutsche Reich seinen dreißigsten Geburtstag und überschreitet damit die Altersgrenze, die man gemeinhin als ein Menschenalter bezeichnet, und dessen Erreichung ihm seine Feinde in der Geburtsstunde abgesprochen haben. Am selbigen Tage sind es 200 Jahre her, daß der Sohn des Großen Kurfürsten in der Stadt der reinen Vernunft sich die Krone eines Königs „in" Preußen aufs Haupt setzte. Wenige Wochen vorher, am 25. Dezember 1900 aber kehrt zum 1100. Male der Tag wieder, an dem ein Monarch, in dessen Adern ebenfalls deutschj-fränkisches Blut floß, in Rom aus der Hand des Papstes das Diadem empfing, durch das nach einer Unterbrechung von mehr als 300 Jahren das altrömische Kaisertum, wieder künstlich zum Leben gerufen wurde, ein Kaisertum, welches durch Männer von höchster altklassischer Bildung wie Titus, Vespasian, Hadrian, und Mark Aurel und durch Zerrbilder des Menschen wie Caligula und Helio- gabalus vergegenwärtigt wird, dem anderseits aber auch von edelster christlicher Anschauung getragene Leute wie Konstantin und Theodosius angehörten, und das schließlich rühmlos durch Odoaker endete, der den Schchach^- kopf Romulus 'Augustulus einfach davonjagte. Am ersten Weihnachtsfeiertage des Jahres 800 empfing Karl der Große aus den Händen des Papstes Leo III. die römische Kaiserkrone, und dieser Tag ist Ser Geburtstag des „heiligen römischen Reiches deutscher Nation", dessen Leben am 6. August 1806 nach einem Bestehen von fast 1006 Jahren durch freiwillige Abdankung seines Hauptes endete. Unter allen großen Männern, welche seit Christus über den Erdball gewandert sind, hat das Bild keines einzigen in der Phantasie der Nachwelt so tiefe Wurzeln geschlagen, als das Karls des Großen, des ältesten Sohnes Pipins des Kleinen und seiner Gemahlin Bertha, der Tochter des Grafen Charibert von Laon, der nach "dem Tode seines Vaters im Jahre 768 die Herrschaft über Austrasien und Aquitanien erhielt, aber schon drei Jahre später nach dem Tode seines Bruders Karlmann dessen Erbteil seiner Witwe Desiderata und seinen unmündigen Söhnen entriß, sodaß er wiederum das ganze große Frankenreich unter seinem Szepter vereinigte. Mit der Flucht der vertriebenen Witwe, die sich! zu ihrem Vater, dem Longobardenkönig Desiderius rettete, begann die lange Reihe von Kriegen, welche die 46 jährige Regierungszeit dieses ungewöhnlichen Mannes aussüllen, der den Erfolg dauernd an seine Spuren zu ketten wußte, obwohl die politischen Verhältnisse sich mehr als einmal höchst ungünstig für ihn gestalteten. Auf seinen Kriegszügen, die chn bald weit mach Spanien und Italien hinein und bald an die dänische Grenze und tief in die. heutige Mark Brandenburg, nach Böhmen und bis an die Raab in Ungarn führten, wurde ihm die Siegesgöttin nie ernstlich, untreu,' und 'so ist es kein Wunder, daß sich an die alles andere in der damaligen christlichen Welt berghoch überragende Gestalt, der selbst die fernen Ommajaden in Bagdad, die Nachfolger Muhameds aufrichtige Bewunderung nicht versagten, eine Litteratur knüpfte, wie es nie zuvor und nachher bei einem anderen Monarchen der Fall gewesen ist. Nicht nur diejenigen Völker, über die er geherrscht, also Deutsche, Niederländer, Franzosen und Italiener feierten ihn im Liede, sondern auch dort, wo er nur vorübergehende Spuren seines politischen und militärischen Lebens hinterlassen, bei den Spaniern, Engländern und Skandinaviern,, wob die geschäftige Phantasie um ihn das schimmernde Kleid der Sage, welches den Nachkommen die Schwächen und Mängel verhüllt und in den «Nebeln der Vergangenheit den, der ihr Liebling ist, noch größer erscheinen läßt, als er wirklich war. Karl hat sicherlich beim Antritt seiner Regierung nichts weniger im Auge gehabt, als die Gründung einer Allerwelts-Alleinherrschaft. Wie jeder andere Machthaber trachtete er danach, seine Hausmacht zu erweitern, und das Glück war ihm darin überaus günstig. Der frühe Tod seines Bruders sicherte ihm die Alleinherrschaft im Fränkischen; die Jntriguen seiner verwitweten Schwägerin gaben ihm den Anlaß,; sich in die Angelegenheiten Italiens einzumischen, die Notschreie der Christen in Spanien zogen ihn in den Kampf mit der Maurenherrschaft. Gegenüber den Sachsen aber, mit welchen er 32 Jahre hindurch fast ununterbrochen Krieg geführt hat, fehlte es ihm anfänglich an jedem glaubhaftem Kriegsvorwand, daß aber auch dieser markigste der deutschen Stämme dem großep Ganzen eingefügt wurde, war eine innere Notwendigkeit in einer Zeit, wo das Slaventum bis an die Elbe "reichte und dem deutschen Volke der Boden der Zukunft bereitet werden mußte. Erst von dem Zeitpunkte, wo er während der sieben- monatlichen Belagerung Pavias im Jahre 773 und 774 zum ersten Mal nach Rom zog, gehen Karls Pläne ins große. Der feierliche Empfang seitens des Papstes, welchem er die Pipinische' Schenkung bestätigte, der Einzug ,cm der Seite des 'ersten Bischofs der Christenheit in die Peterskirche und die Eindrücke von der Herrlichkeit und Größe der ersten Stadt der Welt, gaben seinen Ideen neue Ziele. Er begann seine recht mangelhafte Jugendbildung zu vervollständigen, ließ sich täglich aus den Werken der Schriftsteller des Altertums vorlesen, zog Gelehrte an seinen Hof, welche ihm dieselben übersetzten und erklärten, und füllte seine Seele mit den Bildern altrömischer Kriegsthaten und Friedensmacht. Den Helden jener Zeiten nachzustreben und die Grenzen seiner Macht bis zu den «fernsten Gegenden hinauszurücken, iöarb nun sein höchstes Ziel. Der Frankenkönig ver- wandelte sich in einen Weltbürger auf dem Throne. Die Freundschaft mit dem gelehrten Papste Hadrian, die bewundernde Achtung seitens der hohen Geistlichkeit und der Gelehrten seiner Umgebung schmeichelte ihm, und er merkte dabei recht wohl, /daß man ihm die nicht gerade seltene Verletzungen heiliger Pflichten gegen seine Familie und seine Völker verzieh. Man würde übrigens Karl unrecht 'thun durch die Annahme, daß er mit der 'gelehrten Bildung der damaligen Zeit nur zur Erreichung anderer Zwecke schön gethan habe. Seit seiner Romfahrt im Spätherbst 780, die sich bis weit ins .wachste Jahr hineinzog und auf welcher er den gelehrten Angelsachsen Alkuin bewog, an seinem Hofe zu bleiben, nahm letzterer beinahe den Charakter einer Universität an; denn ; durch zahlreiche berühmte Lehrer wie Paulus Diakonus, den Grammatiker Peter von Pisa und andere Ließ er nicht nur seine zahlreiche Familie, sondern auch eine große Anzahl vornehmer Jünglinge aus allen Teilen seines Reiches unterrichten, und der Monarchs der unter ihnen wie unter seinesgleichen verkehrte, und sich einfach „David" titulieren ließ, lernte selber am fleißigsten mit und eignete sich als Mann in den pierziger Jahren noch die Kenntnis des Griechischen und Lateinischen an, und nur im Schreiben vermochte er es niemals cheit zu bringen. Es ist leicht begreiflich, daß Karl, der sich schon damals als den weitaus mächtigsten Mann Europas betrachten konnte, -auch nach einem äußerlichen Merkmal seiner Gewalt strebte. Die Gelegenheit hierzu bot sich, als Karl im Herbst 800 nach Rom zog, um das Weihnachtsfest dort zu verbringen. Durch die Niederwerfung der Sachsen und die Zurücktreibung der muhamedanischen Mauren bis hinter den Ebro hatte sich der Franken- könig die höchsten Verdienste um das Christentum erworben, und konnte mit Recht eine besondere Ehrung für sich in Anspruch nehmen, die begreiflicherweise nur vom Papste, als sichtbarem Haupte der abendländischen Christenheit ausgehen konnte. Obendrein war der damalige Papst Leo III., der Nachfolger Hadrians, dem Könige zu besonderen Danke verpflichtet; denn Leo, der von den Parteien in der ewigen Stadt schwere Anfeindung erlitt, wurde eines Tages im Jahre 799 bei Gelegenheit einer Prozession von seinen Gegnern auf offener Straße überfallen, in die Gefangenschaft geschleppt und arg mißhandelt. Wiederhergestellt, gelang es ihm, aus der Gefangenschaft zu entfliehen und wieder nach Rom zu kommen, von wo er zu Karl eilte, der sich damals gerade in Paderborn aufhielt. Der König, dessen Name allein einige Armeekorps aufwog, ließ den Papst durch eigene Bevollmächtigte nach; Rom zurückgeleiten, wo er sich zwar zunächst hielt, wo aber doch eine starke feindliche Strömung gegen ihn herrschte, die ihn jeden Tag wieder absetzen konnte. ' Der Papst, der sich; indes auf Roms vulkanischem Boden höchst unsicher fühlte, beschwor nun den König, persönlich nach Rom zu kommen, und Karl entsprach wirklich diesem Wunsche, nachdem er die sorgfältigsten Vorbereitungen dafür getroffen hatte, daß während seiner Abwesenheit die Ruhe und Ordnung im Reiche nicht gestört werde. Als Karl in Rom erschien, und öffentliches Gericht abhielt, um dem Papst Gelegenheit zu geben, sich gegen die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen zu verteidigen, wagte natürlich niemand öffentlich gegen Leo aufzutreten, der alsdann den Reinigungs- eid leistete. Der Papst beschloß nun eine ganz besondere Ehrung, von welcher er wußte, daß sie dem König höchst willkommen sein würde. Patricius von Rom war letzterer bereits ebenso wie vorher sein Vater; seitdem er vom Patriarchen von Jerusalem die Schlüssel zum heiligen Grabe erhalten hatte, galt er obendrein allgemein als Hort der Christenheit. Der Papst mußte also weit höher greifen, und als am Weihnachtsfeste' 800 der König vor dem Altäre der Peterskirche kniete, schmückte ihn der Papst plötzlich, als ob es nus spontaner Eingebung geschähe, mit den Insignien der kaiserlichen Würde und forderte das in großen Mengen versammelte römische Volk auf, den fränkischen König zum „Römischen Kaiser" auszurufen, indem er dreimal in die lebhaft einstimmende Menge hineinrief: „Karl dem Erhabenen (Augusto), dem von Gott gekrönten friedbringenden, großen Cäsar der Römer Leben und, Sieg". : Der nüchternen Geschichtsforschung stellt sich; dieser Krönungsakt, zu welchem immerhin Vorbereitungen erforderlich waren, natürlich nicht als schöne Improvisation, sondern als ein von beiden Seiten verabredeter Vorgang dar und eine vakante kaiserliche Macht gab es nicht, die zu vergeben gewesen wäre; denn das aus der Rumpelkammer der Vergessenheit hervorgeholte weströmische Kaisertum war in nicht gerade rühmlicher Weise längst entschlafen. Aber aus dem bloßen Titel erwuchsen gar bald für den Inhaber der Kaiserkrone Rechte und Pflichten. Zur Erlangung der kaiserlichen Würde, unternahmen die deutschen Könige, der späteren Jahrhunderte zahllose Züge über die Alpen, in welchen Ströme edlen deutschen und italienischen Blutes flössen,, und dabei wurden die inneren Verhältnisse Deutschlands vergessen. Hätten die Kaiser des Mittelalters die in Italien nutzlos vergeudete Kraft zur Schaffung eines deutschen Einheitsstaates und zur Unterdrückung des Lehnswesens und Vasallentums verwandt, dann wäre dem deutschen Volke der Fluch der jahrhundertelangen Kleinstaaterei erspart worden und unsere Nation stände heute noch ganz anders machtgebietend in der Mitte des. Erdteils als ein einziges Volk von 100 Millionen Menschen. Karl der Große gehört daher keineswegs zu den Gestalten, an welchen man nur Licht und keinen Schatten findet. Aber die ungeheure Thatkraft, welche in ihm steckte, rechtfertigt vollauf seinen Beinamen, in dem Sinne wie man Alexander, Ludwig, den Sonnenkönig oder Napoleon I. die Großen nennt. Als nationaler Held kann er uns nicht gelten; denn er war international geworden, obwohl er mit Vorliebe in Deutschland weilte, er verpflanzte, wie Schlosser sagt, eine fremde Kultur in ein deutsches Reich und legte den Grund zu einer Bildung, die vorzugsweise nur den Großen und Vornehmen zu statten kam und diese vom Volke trennte". Seine Behandlung der Sachsen war unerhört grausam;? unterworfene Fürsten ließ er vielfach über die Klinge springen, und er würde, um nochmals Schlosser reden zu lassen, der Welt viel geschadet haben, wenn sich alles das, was er schuf, befestigt und erhalten hätte. Aber er war ein, Genie auf dem Thron, wie es die abendländische Welt seit Cäsars Zeiten nicht geboren hatte, und hat dadurch^ daß er die deutsche Herrschaft gegen Osten befestigte, und Hunderte von Pflanzstätten der Kultur ins Leben rief, auch dem deutschen Volke in ’ vielen Stücken dauernd genützt. LMevaxi-ches. Die int Verlage von Karl Grkininger in Stuttgart erscheinende illustrierte Familienzeitschrift ,-Echo vom Gebirge" wird mit Recht das Licblingsblatt der Zitherspieler genannt. Das Blatt, das die Interessen des Zitherspiels vertritt, ist ansprechend ausgestattet und bringt neben belehrenden, musikgeschichtlichen und musikpädagogischen Artikeln Beurteilungen neu erschienener Zitherstücke, auch Unterhaltendes in Form von spannenden Erzählungen und Humoresken, Rätsel rc., ferner Konzertberichte und Konzertprogrammk, welche über die Thätigkeit in Kreisen von Zitherspiclern orientieren. — Jede Nummer enthält wertvolle Musikbeilagen in Münchner ©limmitng. (Preis Mk. 1.20 vierteljährlich.) Probcnninmern versendet die Verlagsbuchhandlung Karl Grüninger in Stuttgart gebührenfrei. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). Auflösung des Delphischen Spruchs in voriger Nummer: Sichel — Eichel. Auflösung in nächster Nummer. MM U. F'_ V ./ Gesüßt / Wtfb 1* W <4 aaf ein yretesW/r. ftt>r3u Redaktion: E, Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße».