(Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Reinhold Ortmann. ' (Fortsetzung.) - Drittes Kapitel. Das Dienstmädchen, dem er seine Karte gegeben hatte, führte Rudolf Sandory in den kleinen Damensalon der Norrenbergschen Villa, und schon wenige Augenblicke später trat Dora durch die entgegengesetzte Thür in das Gemacht Sie hatte sowohl in ihrer ganzen äußeren Erscheinung, wie - im Ausdruck ihres Gesichts heute sehr wenig Aehnlichikeit mit jener heißblütigen, ausgelassenen Bachantin, der vor zwei Tagen die jungen Herren der Waldenberger Gesellschaft ihre Huldigungen zu Füßen gelegt hatten. Ein dunkles Kleid von beinahe gesuchter Einfachheit umschloß ihre prächtige Gestalt; ihr Haar war schlicht gescheitelt und „am Hinterkopf zu einem Knoten aufgesteckt; auf ihrem Antlitz aber lag ein herber Ernst, der das! Harte und Herrische darin ausfallend stark hervortreten ließ. Es war, als ob ihr darum zu thun gewesen sei, so unvorteilhaft als möglich! auszusehen; ein einziger Blick in den Spiegel mußte sie jedenfalls! belehrt haben, daß heute beinahe alles aus ihrer Erscheinung verwischt war, was derselben sonst den Reiz einer prickelnden, fremdartigen Schönheit gegeben. „Ich, hoffe, daß ich den rechjten Zeitpunkt getroffen habe, mein gnädiges Fräulein", sagte Sandory, indem er Miene machte, ihr die Hand zu küssen. „Nur Ihr ausdrücklich'es Verbot hielt mich ab, mich schon gestern nach! Ihrem Befinden zu erkundigen." Dora hatte ihm ihre Hand fast sogleich! wieder entzogen, und ohne daß ihr Gesicht seinen ernsten Ausdruck verlor, deutete sie auf einen der Sessel. „Gewiß, wir hatten es ja verabredet, daß Sie erst heute kommen sollten", erwiderte sie in jenem kurzen, entschlossenen Ton, der ihm keinen Zweifel darüber lassen konnte, daß sie irgend etwas Bedeutsames im Sinne habe. „Ich wünschte mit Herrn Georg Lengfeld zuvor vollkommen im reinen zu sein." „Ah, deshalb also! Und hat Ihre Erwartung sich erfüllt?" Donnerstag den 22. November. 1900. m «i- bIii] W f insamkeil ist der Tod jedes Genusses. Eine Freude, die wir nicht mit andern teilen können, ist keine Freude mehr. — Der einsame Mensch hat keine Ermunterung, vollkommener und edler zu werden. Zschokke. „Ja! Mein Vater erhielt gestern mittag von dem Staatsanwalt diesen Brief." Sie reichte ihm ein zusammengefaltetes Blatt, das sie in der Kleidertasche getragen. Als Sandory wie in übergroßem Zartgefühl zögerte, es auseinander zu schlagen, fuhr sie fast ungeduldig fort: „Lesen Sie! Denn Sie sind doch gekommen, mir beizustehen — nicht wahr?" „Gewiß! Und wenn Sie befehlen —" Er überlas den in sehr gleichmäßigen und korrekten Schriftzügen, offenbar nach einem sorgfältig ausgearbeiteten Entwurf niedergeschriebenen Brief und gab ihr dann mit einem Kopfschütteln das Papier zurück. „Eine richtige Absage — und dazu in der denkbar nüchternsten Form. Es ist mir geradezu unbegreiflich, wie ein Mensch so sein eigenes Glück mit Füßen treten kann. Dieser Staatsanwalt ist der trockenste Philister, den ich! je gesehen habe, und dazu ein ausgemachter Narr." Um Doras Lippen zuckte es höhnisch, aber sie bewahrte vollkommen ihre gelassene, beinahe geschäftsmäßig kuhke Haltung. „Wenn diese Charakteristik zutreffend ist, müssen Sie es verstehen, daß ich einem solchen Menschen meine Zukunft nicht anvertrauen konnte. Diese tragisch-lächerliche Episode meines Lebens liegt also fertig und abgeschlossen hinter mir." „Ihr Vater hat ihm bereits geantwortet? Und er hat in die Aufhebung des Verlöbnisses gewilligt?" „Was blieb ihm denn anderes übrig? Wir haben es dem Herrn Staatsanwalt überlassen, die Lösung unserer Beziehungen der Welt gegenüber ganz nach! seinem Ermessen zu erklären." „Das war sehr unvorsich!tig. Zwischen den Zeilen seines Briefes ist ja deutlich genug zu lesen, daß er sich für schwer beleidigt hält und von hochgradiger Erbitterung gegen Sie und Ihren Vater erfüllt ist. Von seiner Ritterlichkeit aber habe ich keine allzu hohe Meinung, und ich fürchte, er wird Sie nicht schonen." „'Das ist auch! meine Ansicht." „So hätten Sie ein anderes Arrangement herbeiführen sollen, mein verehrtes Fräulein." „Ein anderes Arrangement? Was verstehen Sie darunter, Herr Sandory?" „Nun, Sie müssen doch in Betracht ziehen, daß hier gewissermaßen Ihr guter Ruf auf dem Spiele steht. OB sich der Herr Staatsanwalt durch seine Darstellung lächerlich macht oder uichj — jedenfalls kann er Sie dadurch bloßstellen, und es dürfte Ihnen nachher sehr schwer fallen, die Welt, die das Häßlichste immer am liebsten glaubt, eines anderen zu belehren. Man trifft in solch»« Fällen, wenn ein Bruch unvermeidlich geworden ist, doch 666 wenigstens eine gütliche Vereinbarung hinsichtlich der Form, in welcher er sich der Oeffentlichkeit gegenüber vollzieht." Er sprach in einem freundlich wohlwollenden, fast väterlichen Ton. In seinem ganzen Benehmen aber war eine Zurückhaltung, die er sich bei dem Verkehr mit Franz Norrenbergs Tochter bisher nicht auferlegt hatte. Dora sah ihm sekundenlang fest ins Gesicht; dann schüttelte sie mit emergisch abweisender Gebärde den Kopf. „Mir sind derartige Komödien in tiefster Seele zuwider. Und was kann uns auch! schließlich daran gelegen sein, die Welt zu täuschen? Ist mein guter Name wirklich! bedroht, so müßte man wohl auf ein anderes Mittel sinnen, ihn unangetastet zu erhalten." Sandory fuhr mit der Rechten wie nachdenklich durch seinen langen seidenweichen Bart. Nicht der leiseste Anflug von Befangenheit zeigte sich, in seinem Benehmen. „Ja, wenn es nur so leicht wäre, die hunderttausend Köpfe der gistzüngigen Fama zu zertreten!" meinte er. „Glauben Sie mir, das ist ein aufreibender und widerwärtiger Kampf, der selbst int günstigsten Falle nur mit einem Pyrrhussiege endigen kann." Dora saß kerzengerade auf ihrem Stuhl; das herrische in diesem Moment geradezu unschöne Antlitz hatte die steinerne Unbeweglichkeit einer Maske angenommen. „Nein", unterbrach sie den Sprechenden schroff, „an einen derartigen Kampf habe ich selbstverständlich nicht gedacht. Mögen doch die Leute glauben und reden, was sie wollen, wenn ihnen nur der Vorwand genommenn ist, mich durch ihr hämisches Mitleid zu beschimpfen! Das allein ist es, was ich; nicht ertragen könnte, und davor sollen Sie mich bewahren." In leichtem Erstaunen hob Sandory den Kopf. „Ich? Ja, ich bin natürlich ganz zu Ihren Diensten; aber wie ich! es anfangen sollte —" Er stand auf, da auch; Dora sich von ihrem Sitz erhoben hatte. „Sie verstehen mich nicht — so lassen Sie mich etwas deutlicher reden! Sie find es, der mich! bloßgestellt hat, und Ihre Pflicht ist es, meinen guten Namen wiederherzustellen — wenn Sie fein Schurke sind!" Weder Bestürzung noch Zorn, nur grenzenlose Verwunderung prägte sich in Sandorys Zügen aus. „Verzeihen Sie mir die Schwerfälligkeit meines Begriffsvermögens, Fräulein Norrenberg, aber ich verstehe Sie jetzt noch weniger als vorher. Wann und wodurch hätte ich Sie bloßgestellt?" „Wenn Sie die Stirn haben, eine solche Frage an mich zu richten, ist es wohl müßig, Ihnen Antwort darauf zu geben. Es war also niemals Ihre Absicht, sich um meine Hand zu bewerben?" „Aber, mein verehrtes Fräulein, eine so ungewöhnliche Frage —" „Was kümmert es Sie, ob sie ungewöhnlich ist oder nicht? Wenn es mir gefällt, meine weibliche Würde wegzuwerfen — Sie wären doch wohl der letzte, der sich darüber aufhalten dürfte. Sie sollen mir nur antworten, kurz und bündig, mit einem einfachen Ja oder Nein! Dazu wenigstens wird Ihr Mannesrnnt doch ausreichen." „Wenn ich die Frage denn wirklich als ernsthaft gemeint ansehen soll — nein, mein gnädiges Fräulein, ich habe einen so vermessenen Gedanken bisher in der Thal nicht gehegt." Die Hände des Mädchens hatten sich geballt. Etwas von der blutgierigen Wildheit eines sprungbereiten Raubtieres funkelte in ihren Augen. „Gehen Sie!" stieß sie hervor. „Gehen Sie auf der Stelle — sonst schlage ich Ihnen ins Gesicht!" Rudolf Sandory bückte sich nach seinem Hut und wandte sich zur Thür. „Sie müssen notwendig etwas zur Beruhigung Ihres aufgeregten Nervensystems - thun, Fräulein Norrenberg", sagte er freundlich, als er schon die Hand auf dem Drücker hatte. „Ich werde mir erlauben, Ihren Herrn Vater darauf aufmerksam zu machen." Damit verließ er das Zimmer, gleichmütig, wie er es betreten hatte. Ms er den Garten durchschritt, sah er Franz Norrenbergs gebrechliche Gestalt langsam die Straße heraufkommen. Er wich den Begegnungen mit feinem alten Freunde sonst keineswegs aus; heute aber schien ihm sehr wenig an einem Zusammentreffen gelegen zu sein; denn er beschleunigte feine Schiritte und schlug dann, nachdem er die Gartenthür hinter sich zugeworfen hatte, die entgegengesetzte Richtung ein. „Wie klug sie es angelegt hatte!" dachte er. „Der Alte sollte uns mitten in einer rührenden Liebesszene überraschen. Aber ich muß mich ergebenst bedanke,:, Fräulein Tigerkatze! Bei einem Weibe, das man lieben soll, sind die Krallen jedenfalls überflüssig." Und er wirbelte das spanische Rohr mit dem silbernen Knopf zwischen den Fingern wie ein zwanzigjähriger Jüngling. „Wo ist meine Tochter?" fragte der Bankier, sobald er das Haus betrat. „Sie hat eben einen Besuch gehabt, nicht wahr?" „Jawohl, erst in diesem Augenblick ist Herr Sandory fortgegangen. Und das Fräulein ist noch drinnen in dem kleinen Salon." Norrenberg ließ sich! kaum Zeit, den Ueberrock abzustreifen. Die Adern an feinen Schläfen lagen wie dicke blaue Stränge unter der gelben Haut, als er bei feiner Tochter eintrat. Dora mochte ihn bereits durch das Fenster erblickt haben und 'darauf vorbereitet fein, daß er sie sogleich auf suchen würde. Jedenfalls hatte sie in der kurzen Zeit, die seit Sandorys Entfernung vergangen war, ihre äußerliche Ruhe vollständig zurückgewonnen, und von der furchtbaren Erregung der letzten Minuten war keine Spur mehr auf ihrem Gesicht. „Dieser Mensch ist bei Dir gewesen, Dora, versuche nicht, es zu leugnen; denn ich habe ihn mit meinen eigenen Augen gesehen. Dn empfängst also hinter meinem Rücken feine Besuche!" stieß Norrenberg hervor. „Ist es meine Schuld, daß Du abwesend warst?" gab sie gleichmütig zurück. „Ich würde ihn sonst in Deiner Gegenwart empfangen haben." „Nein, das hättest Du nicht!" rief der Bankier, dessen Brust in keuchenden Atemzügen arbeitete, und der an allen Gliedern zitterte in seinem überschäumenden, ohnmächtigen Zorn. „Denn ich würde ihn zur Thür hinaus- geworfeu haben — den Schurken — den Dieb!" „Dann bedaure ich; um so mehr, daß er bereits freiwillig gegangen war. Du bist so verschwenderisch mit Deinen Schmähworten und Drohungen, wenn er nicht dabei ist, daß ich; nachgerade den lebhaften Wunsch empfinde, Du möchtest ihm das alles auch; einmal ins Gesicht hinein wiederholen." „Wünsche Dir das lieber nicht, Dora! Es würde dabei nichts Gutes herauskommen — weder für ihn, noch für uns!" „Eine sehr dunkle Warnung. Und Du weißt, Vater, daß ich; mich vor Gespenstern nicht fürchte." „Du könntest es in diesem Fäll lernen, mein Kind! Es gießt Gespenster, die am Hellen Tage umgehen, und die einen bis in die Nacht des Wahnsinns treiben können. Aber Du wirst michnicht zur Verzweiflung bringen wollen mit Deinem lieblosen Trotz. Was kann dieser Mann noch, von Dir begehren, und was hast Du mit ihm zu schaffen? Ist es denn nicht genug mit dem Verhängnis, das er bereits über Dich heraufbeschworen hat — der elende, gewissenlose Geselle?" „Und wenn es nun gerade dieses Verhängnis wäre, das mich; an ihn fesselt?" „Es giebt nichts, das Dich an ihn fesseln könnte — nichts! Eher dürstest Du Dich an einen hergelaufenen Vagabunden von der Landstraße fortwerfen, als an ihn. Denn er ist ein Ausgestoßener, ein Versehmter — er besudelt bie Hand, die er berührt, und würde das Weib, das verblendet genug wäre, sich an ihn zu hängen, unfehlbar mit sich> hinabreißen in den Abgrund der Schmach und Schande." Es geschah nicht oft, daß Franz Norrenberg sich einer so pathetischen Ausdrucksweise bediente. Nur das verzweifelte Bestreben, seine Tochter vor der unglückseligen Verirrung $u bewahren, der er sie so nahe sah, gab ihm in diesem Augenblick Worte ein, die feiner Rede sonst völlig fremd waren. Es durfte ihn nicht einmal befremden, wenn feine eindringliche Beschwörung Dora biet 667 weniger zu erschüttern, als in mitleidiges Staunen 111 versetzen schien. »Mein Gott, wie schrecklich das klingt!" sagte sie fast geringschätzig. „Man sollte danach beinahe glauben, daß Dem Freund Sandory geradezu ein verkappter Verbrecher ist." (Fortsetzung folgt.) Die Familie „Kohl". Gastronomische Plauderei von Th. V. Gall. Nachdruck verboten. Auf dem Gebiete der Kochkunst und Eßfreudiqkeit fprelt „dre Familie Kohl" etwa dieselbe Rolle, wie im bürgerlichen Leben auf deutschem Boden die Müllers oder Schulzes. Sie ist recht und schlecht das Allerweltsgemüse des Heinen Mannes — was jedoch nicht hinderte, daß, ebenso wie einmal ein Müller oder Schulze besonderer Borzuge halber in den Adelsstand erhoben wurde oder sonst eine Auszeichnung erhielt, dementsprechend ein Mit- guet> der Familie Kohl allerhand Würdigungen erfahren hat. Das gilt vor allem vom Rosenkohl, dem so sehr beliebten und überaus schmackhaften Gemüse der modernen Küche. Die Zusammengehörigkeit zwischen jenem und den übrigen Spielarten der Familie Kohl müssen jedem, der irgend welches botanische Verständnis besitzt und bei der Beurteilung der Gerichte von seiner Zunge nicht gänzlich rm Stich gelassen wird, sofort einleuchten. Aber anderseits wird sich ihm auch der Unterschied bemerkbar machen, der zwischen den zarten, mild und doch so angenehm würzig schmeckenden Blattknösplein des Rosenkohls und auf der anderen Seite den ziemlich robust ausschauenden, stark gerippten und, als Gericht hergestellt, den Gaumen gewissermaßen packenden Blättern des Weißkohls besteht. Ueberhaupt hat in der Erzielung gerade des Rosenkohls dre gärtnerische Kunst, soweit sie sich! damit beschäftigt, den Magen zu bedenken, Triumphe gefeiert,, und dieser hat allen Grund, sich bei der ersteren für das köstliche und überdies so gesunde Gericht zu bedanken. Der Rosenkohl, auch Sprossenkohl oder Brüsseler Kohl genannt, tauchte ziemlich spät im Gemüsegarten auf und ist mit Recht als das Ergebnis einer ebenso sorgsamen wie zielsicheren Kultur anzusehen. Die letzterwähnte Bezeichnung stammt wohl daher, daß dies Gemüse zuerst auf der üppigen Tafel der reichen Brabanter Handelsherren erschien. Von hier aus nahm der Rosenkohl dann bald seinen Weg zu den übrigen Völkern Europas, um überall die gleiche Gunst und freundliche Aufnahme zu finden. Leider wird er auf deutschem Boden noch bei weitem nicht so fleißig angebaut, wie er es seiner gesundheitfördernden Vorzüge wegen verdient. Und als notwendige Folge davon ist er, zumal in der vorgeschrittenen Winterszeit oder Bei dem Uebergange zum Frühling, viel zu teuer, als daß ihn der Durchschnittstisch der bürgerlichen Familie oft für die versammelten Mitglieder Bieten könne. Rosenkohl kann nämlich vom August ab bis wieder zum Beginn der warmen Jahreszeit geerntet werden. Die Kultur ist so einfach wie nur möglich Im September bricht man den eigentlichen Kopf heraus und läßt chn in die Küche wandern. . Nun bilden sich in den Blattwinkeln, die den Stamm begleiten, unablässig kleine, zarte, lichtgrüne Röschen, eben jene Sprossen, die dem Gaumen des Feinschmeckers ein so großes Entzücken gewähren. Bei der Ernte verfahre man in der Art, daß stets zuerst die unteren Röschen Verwendung finden. Der Rosenkohl zeichnet sich vor den übrigen Mitgliedern dieser vielverzweigten Gemüsefamilie noch insoforn zu seinem Vorteile aus, als nach dem Genuß jene lästigen, blähenden Erscheinungen, die sonst Kohlgerichten zu folgen pflegen, völlig ausbleiben. Der etwas weichliche Geschmack, den mancher an dem zarten, gewissermaßen auf ”er 3unge zergehenden Gemüse tadelt, wird durch eine verständige Zubereitung leichtlich behoben. In der deut- Küche kocht man die Kohlsprossen noch immer vielfach lästerhaft in Wasser, um sie dann allenfalls dnrch einige Fettaugen glimpflicher zu gestalten. Welche Sünde Hegen den Magen und sogar gegen das liebliche Gemüse Wwer! Rosenkohl soll sofort, wenn er mit dem Herdfeuer in Berührung kommt, durch Zugießen von Fleischbrühe, die man sich durch Lösung von dem bewährten Liebigs Fleisch-Extrakt zu jeder Zeit so bequem verschaffen kann, gewürzt werden. Zum etwaigen Binden der Knöspchen bediene man sich einer Mehlschwitze, die aus allerfeinster Butter hergestellt ist. Ueberhaupt verlangt ein so köstliches Gemüse die Besten Zuthaten. Sonst entsteht ein Mißverhältnis, mit dem sich weder der Gaumen noch der Magen des Feinschmeckers einverstanden erklären dürfte. Noch höher in der Gunst eßfroher Menschen steht der Blumenkohl. Habs und Rosner nennen ihn in ihrem „Appetit-Lexikon" „neben dem König Spargel und der Königin Artischokke das edelste aller Gemüse"; er sei „in Salzwasser gesotten, mit weißer Tunke vorzüglich, gedämpft mit Rahmsance vortrefflich, mit Hummer in Kräutersauce ausgezeichnet, in Teig gebacken köstlich, mit Oel und Zitronensaft wunderbar, in der Suppe delikat, und mit Parmesankäse einfach unübertrefflich". Wenig bekannt ist die folgende Herstellungsart, der ich aber ganz entschieden das Wort reden möchte. Man kocht Blumenkohl in Salzwasser an, läßt ihn erkalten und legt ihn auf die Anrichtplatte. Inzwischen verrührt man sauren Rahm und geriebenen Käse, gießt diese Mischung, zu der etwas frische Butter hinzukommen muß, um den Blumenkohl und läßt ihn bei mäßiger Glut in der Platte allmählich kochen, bis er mundgerecht geworden. Zu Blumenkohl gebe man immer eine Fleischspeise. Mit geräucherter Zunge oder saftiger Rauchbrust ist er ein Göttergericht, an dem selbst die Olympier, wenn sie es zu kosten bekämen, ihre Freude hätten. Eine Abart dieser Kohlart ist der Broccoli oder Spargelkohl; doch kann er sich mit dem Blumenkohl ganz und gar nicht an Wohlgeschmack messen, wenigstens nicht in unserem Klima, während er in südlicheren Ländern ein sehr schätzbares Gemüse abgiebt. Gleichwohl verdient er häufiger an geb aut zu werden, da er in der Ueber- gangszeit von den Wintermonaten zum Frühling, wo unser Tisch zumal gemüfearm zu sein pflegt, einen immerhin schätzenswerten Ersatz für den Blumenkohl bietet. Eine gleiche Stellung in unserer Küche verdient der Schnittkohl, der keine Köpfe bildet und deshalb auch nicht verpflanzt wird. Sein Wert beruht vorwiegend darauf, daß er eines der allerersten Frühlingsgemüse ist. Leute, die sich mit dem Spinat nicht befreunden mögen, weil er ihnen zu weichlich ist, sollten sich unter allen Umständen an Schnittkohl halten. Allerdings ist er ein Proletarier; indessen, richtig zubereitet, kann er darum doch ganz vorzüglich munden. Eine Wart von ihm, der gelbe Butterkohl, ist übrigens schon hinreichend durch die Kultur veredelt worden, nm auch kulinarisch eine höhere Wertschätzung zu verdienen. Leider baut man auch ihn bei weitem nicht häufig genug an. In den Sommermonaten gepflanzt und dann auf abgeerntetes Land gebracht, bildet er ein Wintergemüse, das sich wetterhart zeigt, wie kaum ein anderes. Sobald der erste starke Frost über ihn gekommen, ist er reif für die Küche. Die zarten, gelben, bis über die Ostern hinaus pflückbaren Blätter und Stengel können sich an Wohlgeschmack recht gut mit Blumenkohl messen. Dabei ist er ergiebig, wie kaum eine andere Kohlart; einige wenige Stauden reichen für eine ganze Familie hin. Sehr empfehlenswert ist es, große Töpfe oder Holzgefäße über die Pflanzen zu breiten; dadurch werden nämlich die Blätter binnen weniger Tage gebleicht und erhalten sofort die an ihnen vom Feinschmecker so sehr geschätzte Zartheit. Neben diesem gelben Butterkohl ist übrigens als weitere Abart des.Schnittkohls noch der sogenannte krausblättrige ein sehr schmackhaftes — aber leider noch immer nicht genügend geschätztes — Gemüse der mit einem solchen karg bedachten Jahreszeit. Rot- und Weißkohl, diese wohl am häufigsten vorkommenden Mitglieder der Familie Kohl, sind wiederum am nächsten untereinander verwandt. Das bekundet die gesamte Blattbildung sowie das Zusammenschießen zu einem festen, dichten Kopfe, der zuweilen eine recht ansehnliche Größe annimmt. Aus die Verwendbarkeit dieser beiden Kohlarten für die Küche will ich nicht weiter eingehen. Jede Hausfrau weiß, wie oft sie, wenn guter Rat und jedes andere Gemüse teuer war, sich an solchen Kohl- 668 köpf wie an einen Rettungsanker, klammerte. Mit dem Nährwerte dieses edlen Krautes ist es übrigens herzlich schlecht bestellt: Das ganze Wo Kohl enthält nämlich etwa 60 Gramm Kohlenstoss und zwei Gramm Stickstoff. Alles übrige ist recht und schlecht Wasser oder ein Fasergewebe, das der Verdauungsthätigkeit des Magens emen sehr hartnäckigen Widerstand entgegenbringt und deswegen in gesundheitlicher Beziehung so übel beleumundet ist. Wer also ein Kohlgericht herstellt, hat vor allen Dingen mit diesen beiden mißlichen Eigenschaften des betreffenden Gemüses zu rechnen. „Kohl muß kochen, daß ihm die Schsvarte knackt", sagt man in Westfalen, und überall in Deutschland stimmt man darin ein, daß er um so besser werde, je öfter man ihn aufwärme, also mit dem Herdfeuer in Berührung bringe. Den ihm fehlenden Nährwert ersetzt man am besten dadurch, daß man sich bei der Herrichtung sehr fleißig der oben erwähnten Fleischbrühe bedient. Wasser allem oder em paar Fettaugen thun's sreilich nicht! Bei weitem mehr Würdigung verdient der Wirsrng- kohl. Er ist zarter und leichter verdaulich. Der Kops schließt sich bei ihm nicht so fest zusammen wie bei den beiden soeben erwähnten Arten. Die Blätter sind ruuzlich^ kraus und selbst bis in das Herz hinein mit einem grünen Farbenton versehen. Auch er bildet während der gesamten kalten Jahreszeit ein sehr wichtiges, weil ziemlich billiges, Gemüse für den bürgerlichen Tisch. Den Kohlrabi versucht man gleichfalls bedauerlicherweise gern als Wintergemüse aufzusparen. Es ist das aber eine Sünde gegen den Magen, da diese Kohlart in der genannten Jahreszeit ganz und gar nicht Beachtung verdient. Junge Kohlrabi, in Fleischbrühe gedünstet und dann durch eine Mehlschwitze von Frühlingsbutter in ihren zarten Stücklein aneinander gesellt, umringt von einem Kranze jenes sattgrün schimmernden Kleinwerks, das aus den feinsten Herzsprossen der Blätterkrone gewonnen wurde, ist gewiß im stände, den Magen zur echten Begeisterung zu entflammen. Allein im Winter schmeckt dies Gemüse fade; es ist in den unteren Teilen holzig, in den oberen wässerig — alles Eigenschaften, die auch durch die besten Zuthaten und die sorgsamste Kochart nicht übertüncht werden können. c Damit sind die hauptsächlichsten Mitglieder der Familie Kohl, soweit sie für die Küche in Betracht kommen, in ihren Eigenschaften flüchtig geschildert. Erschöpft ist die Aufzählung jedoch keineswegs; denn es giebt noch eine ganze Reihe von Arten, wie den Palmenkohl, den Baumkohl, den Meerkohl, deren ich deswegen nicht ausführlich! gedenken will, weil sich nur sehr veremzelt der Gaumen des modernen Kulturmenschen mit ihnen zu befreunden vermag. Den Grünkohl brauche ich nur zu streifen. Er ist ein sehr schmackhaftes Wintergemüse, dem auch erst ein strammer Frost die erforderliche Würze verleiht; aber die Kochkunst mußte sich merkwürdigerweise im allgemeinen bisher damit begnügen, ihn so ziemlich in aller Herren Ländern in derselben Zubereitungsart auf den Tisch zu bringen. Aehnliches gilt vom Sauer-, kraut, jenem Allerweltsgemüse auf germanischem Boden, das durch einen einfachen Gährungsprozeß aus dem Weißkohl gewonnen und von unseren Nachbarn jenseits der Vogesen gewissermaßen als „geschmackvolles" Merkmal des deutschen Michel angesehen wird. Diese unsere Vorliebe für Sauerkraut soll nach der Meinung einiger „Denker" innerhalb der „Großen Nation" auch! die Ursache gewesen sein für die Erwerbung von Kiautschou von Seiten des Deutschen Reiches. Dort wird nämlich ein ganz vorzüglicher — Kohl gebaut! Die Kohlrübe gehört nicht zu den Kohlarten. See sollte eigentliche Krautrübe heißen, und wird in Norddeutschland meistenteils Wruke genannt. Auch sie ist nur ein Notgemüse, das allein durch sorgfältige Herrichtung den sonst fehlenden Nährwert und Wohlgeschmack gewinnt. Gemeinnütziges. Das billigste Reinigungsmittel fürThüren, Fensterrahmen, Fensterbretter und alle sonstigen Oel- arbenanstriche ist Quillayarindenwasser. Man hat bei >er Verwendung desselben gar keine Seife nötig, was um so vorteilhafter ist, da Seife stets den Oelanstrich angreift. Man reibt die Gegenstände einfach mit einem Flanellläppchjen ab, spült mit reinem Wasser nach und trocknet dann gut mit einem sauberen Tuche nach Auf 7—8 Liter Wasser nimm für 20 Pfg. Quillayarinde, thue sie in das kalte Wasser und lasse sie 24 Stunden ziehen. Die durchgeseihte Rinde kann von sparsamen Hausfrauen bei geringem Zusatz von frischer Rinde sehr gut noch einmal gebraucht werden. Die Behandlungwollener Flanellern der Wäsche. Um farbige wollene Wäsche zu waschen, werd Marseiller Seife (Elaiinseife) in lauwarmem Wasser gelöst, das betreffende Stück hineingelegt und längere Zeit ruhrg darin gelassen, damit der Schprutz sich lösen kann. Sodann wird das Stück in dem Seifenbade auf und ab bewegt, aber niemals gerieben, weil dies den Stoff verfilzt. Das Stauchen des Stoffes wird so lange fortgesetzt, bis das Seifenbad schäumt, was als Zeichen gilt, daß die Seife den Schmutz gelöst hat. Sobald das Kleidungsstück vom Schmutze befreit ist, wird es erst in reinem, lauem Wasser und sodann nochmals in kaltem gespült, um alle Seisen- teile — welche den Stoff gelb machen würden — zu entfernen. Weißer Wollenstoff wird genau ebenso, aber heiß gewaschen. Besonders widerstandsfähige Flecke, Schweiß- ränder rc. streicht man mit etwas dicker Seife ein, bevor man das Seifenbad erneuert. Jett und Harten. 40 000 M a r k V e r l u st d u r ch e i n e n P i l z. 40 000 Mark Verlust brachte in Australien einem Obstzüchter ein winziger Pilz, der auchj bei uns leider vielfach verbreitet ist: der Schprfpilz oder das Fusicladium. Es ist deshalb wohl am Platze, daß wir gegen diesen Pilz thatkräftig vorgehen, zumal wir ihn gründlich, bekämpfen können. Die Bekämpfung besteht darin, daß wer zuerst durch Passende Düngung und richtigen Schnitt unsere Bäume widerstandsfähiger machen, dann aber bann, daß wir dem Pilz selbst zu Leibe gehen. Es totrb uns dies nicht schwer, wenn wir die Entwicklungsgeschichte des Pilzes kennen und wissen, wie wir die Bekämpfungsmittel anwenden müssen. In einem längeren Artikel finden wir diesen Gegenstand im „Erfurter Führer im Gartenbau" behandelt. Unsere Leser erhalten diese Nummer kostenfrei, wenn sie sich, mittels Postkarte an das Geschäftsamt des „Erfurter Führers im Gartenbau" wenden. Jür die Küche. Schweinefleisch mit Gelbrüben und Klößen. Zubereitungszeit zwei bis zweieinhalb Stunden, sechs Personen. — Zwei Pfund Schweinefleisch brat man langsam auf allen Seiten schön braun an. Unterdessen putzt und schneidet man gelbe gelbe Rüben in schöne Streifchen, macht Kartoffelklöße von rohen und gekochten Kartoffeln, ungefähr in der Größe eenes kleinen Eres. Hierauf legt man das Fleisch in eine Kasserolle, giebt eine Lage gelbe Rüben, salzt und pfeffert, dann kommt eine Sage Kartoffelklöße, hierauf wieder gelbe Rüben, und so fort, bis die Kasserolle gefüllt ist; die letzte Sage müssen jedoch gelbe Rüben sein. Schließlich fügt man zwei Schöpflöffel kochendes Wasser oder Fleischbrühe über das ganze, verschließt die Kasserolle gut und läßt das Gericht anderthalb bis zwei Stunden gar dünsten. Vor dem Anrichten kräftigt man die Sauce im Geschmack mit zwei Theelöffeln Maggi-Würze. A. R. Sch. Ergänzungsrätsel. Nachdruck verboten. —gar, —86, —ken, —fen, —fer, — vel, —der, — gel, —men, —nau. Welche überall gleiche Silbe muß an Stelle der Striche .gesetzt werden, damit bekannte Hauptwörter entstehen? Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Zifferblatträtsels in voriger Nummer: i ii in iv v vi vii vni ix x xi xii MEISTER N ABAU Meister, Ei, Eis, Stern, Erna, Nab, Bau, Baum, Baumeister. Redaktion: E. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch, «nd Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.