Nachdruck verboten. „Es sah eine Linde ins tiefe Thal." Novelle von R. Litten. (Fortsetzung.) „Komm, mein Kind", sprach er weich — wo hatte die sonst so rauhe Stimme diese Laute her? — „Derne Mutter schläft einen Schlaf, aus dem es kein Erwachen mehr hier auf Erden giebt. Aber Du sollst darum doch nicht verlassen sein- Ich will Vaterstelle bei Dir vertreten. Willst Du von heute cm mein liebes Töchterchen sein, Elfe, mrch Vater nennen?" . , 1 Tas Kind hörte seine letzten Worte nrcht. Langsam, wie gelähmt, schritt es zu Hans, beide Hände auf seine Schultern legend. . . „Hast Du es gehört, Hans", sprach es lerse, wre rm bangen Traume. „Mama wacht nicht wieder auf, nremals! Ist denn das möglich, Hans? Wie lange ist es denn her, eine — zwei Stunden vielleicht, da sprach sie nut nur, nannte mich ihr Herzblatt, ihren Sonnenstrahl, und nun sollen ihre Lippen geschlossen bleiben immer — immer?" Der Knabe wandte ihr sein von Thränen überströmtes Gesicht zu. „Arme kleine Elfe", schluchzte er, „jetzt smd wir beide Waisen, haben beide weder Vater, noch Mutter!" Elfriede sah ihn starr an, dann schrie sie laut auf, und nun brach sich ein Jammer Bahn, der den zarten Körper schüttelte wie der Sturmwind ein junges Reis. Willenlos ließ sie sich von dem Arzt ins Nebenzimmer tragen und auf das Sofa legeu. Hans folgte ihm. Nach- einer Viertelstunde wurde das Weinen leiser, verstummte ganz, und der Doktor trat wieder mit Frau Brigitte ins Sterbezimmer. Lange saßen die beiden in flüsterndem Gespräch bei der Leiche des jungen, noch im Tode schönen Weibes, während drinnen im Nebengemach der blonde Knabe das schlafende Kind behütete, ihr zuckendes Händchen fest in der feinigen haltend.--- . . . Ein paar Wochen später stand vor demselben Hause ein geschlossener, mit zwei feisten Braunen bespannter Wagen. Der Kutscher, der in Friesrock und Pelzmütze aus seinem erhöhten Sitze thronte, war eingeschlafen, die Peitsche in seinen mit roten, gestrickten Handschuhen bekleideten Han- HU W tlü ft» Hu lilLßsä! ie unter den Lasten am Wege sie keuchen, Den Sorgenlasten an Ehren und Habe! Und könnten am leichten Wanderstabe So fröhlich das Ziel ihrer Reise erreichen. Julius Lohmeyer. den schwankte leise aus und nieder. Erst hatte er darüber nachgedacht, daß sein sWagen — Kutsche nannte er das! schwerfällige Vehikel — erst vor kurzem auf derselben Stelle gehalten, damals, als die junge Frau, die blasse Klaviere lehrerin, begraben wurde. Er hatte seinen langen, schwarzen Rock angehabt und weiße baumwollene Handschuhe statt der warmen roten,- und sie waren ganz feucht gewesen, weil er sich immer über die Augen wischen mußte, wenn er das kleine bleiche Mädchen, welches neben der alten Frau, und dem Doktor Hannemann in seinem Wagen saß, weinest hörte. Auch Doktors Hans war dabei gewesen, und heute, war er gekommen, die Kutsche — sie war der einzige Mietsi wagen hier im Ort — zu bestellen, damit er die Alte und das Kind zur nächsten Bahnstation bringe. Wo sie nun hinfahren wollten? Und verkauft hatte Frau Brigitte auch alles — seine Frau hatte richtig das halbe Dutzend Rohr<^ stichle haben müssen, nach welchem schon so lange ihr Sinn gestanden — es sah fast aus, als wollten sie nicht wieder-- kehren. Doch — spintisieren ist nicht jedermanns Sache, besonders wenn man heute bereits seine vier Führest Klafterholz aus dem Stadtwalde geholt hat, da ist ein! wenig Schlaf jedenfalls das Ratsamere. Indessen standen Dr. Hannemann und Frau Brigitte! in der Fensternische des kahlen, ausgeräumten Zimmers, in welchem vor wenigen Wochen Frau Kraneck die müde! Seele ausgehaucht hatte. Die alte Frau war bereits irst Reiseanzuge — im unmodischen wattierten Kragenmantel und sammtverbrämter Kapotte — und schaute aus trüben, verweinten Augen zu ihrem Gegenüber auf. „Gewiß, Herr Doktor", sagte sie, als seine eindring^ lichen Worte verstummten, „die Papiere lasse ich nicht von mir. Aber ich denke, ich bedarf ihrer nicht. Die Aehnlichkeit des Kindes mit seiner Großmutter macht sie überflüssig. Und dann ist ja auch der Brief da, den meine arme Frau noch kurz vor ihrem Tode mit ihrer schwächest Hand geschrieben und mir übergeben hat. „Grüße ihst herzliche, sagte sie dabei mit ihrer leisen, heiseren Stimme, „und er soll mir verzeihen, bitte ich! Ihr verzeihen?" Brigitte weinte bitterlich. „Ihr, die im Leben keinem Wurm weh thun konnte, gegen die gesündigt wurde von- Kindheit an. — Aber es wird ja alles nichts nützen, lieber Herr Doktor, ich kenne ihn und das rothaarige falsche Weib, seinen bösen Engel. Das arme Würmchen, das Kind, bringe ich Ihnen bald wieder. Sie werden es sehen!" Der Arzt legte seine Hand aus ihre Schulter. „Nun, dann findet es bei mir ein offenes Herz und ein offenes Haus, ebenso wie Sie selbst, meine liebe Fräst Brigitte. Sie wissen auch, daß ich kein Opfer deswegen! zu bringen brauche. Das Geld, welches mir noch m meinest alten Tagen gleichsam zum Hohn zufloß — was hätte ich in meiner entbehrungsreichen Jugend um einen kleinen Teil desselben gegeben! — reicht für uns alle, wird dem Hans die Wege ebnen und meinem Töchterchen den Br aut- schatz sichern. „Und nun," er warf einen Blick auf seine Taschenuhr, „reisen Sie mit Gott, Frau Brigitte, es ist Zeit!" Die alte Frau ergriff seine Hand und hielt sie fest zwischen ihren beiden Händen. „Gottes Segen über Sie, liebster, bester Herr Doktor! Sie haben meiner armen Frau das Scheiden leicht gemacht, Sie wollen ihrem Kinde ein Vater fein, Gott lohne es Ihnen hier und im Jenseits." Ihr versagte die Stimme, sie trippelte, das Tuch vor den Augen, eilfertig ins Nebenzimmer, um die Kinder, auch Hans war zugegen, .herbeizurufen. „Es ist Zeit, Elfchen, komm!" Die Kinder hatten auf dem Fensterbrett gesessen, eng aneinandergeschmiegt. Jetzt fuhren sie auf. „Es ist Zeit, Elfchen!" wiederholte Hans, ohne seine kleine Nachbarin anzusehen. Sie erblaßte, machte einen Schritt nach dem Neben- gemach, das der Doktor und Brigitte soeben verließen, bann flog sie zurück, des Knaben Hand fassend. „Adieu, Haus, leb wohl!" sagte sie gepreßt, mit halb erstickter Stimme. Er streichelte ihre kleinen kalten Finger. „Adieu, Elfchen, und bleibe nicht zu lange. Du weißt, wir gehören jetzt zusammen, wir sind Geschwister!" „Und wenn ich nicht wiederkehre, Hans?" „Elfe!" Der Knabe sah sie bestürzt, erschreckt an. „Was sprichst Du da?" Sie unterbrach ihn, ihre Worte überstürzten sich. „Ich weiß nicht, aber Brigitte thut manchmal so geheimnisvoll, und manches Wörtchen habe ich verstanden, wenn sie mit meinem Mütterchen flüsterte". Sie führ in die Tasche ihres schwarzen Kleides und brachte einen dünnen goldenen Ring mit rötlichem, unscheinbarem Steine zum Vorschein, welcher an einem schwarzen, schmalem Bande befestigt war. „Siehst Du, Hans, diesen Ring habe ich gestern gekauft von meinen Spargroschen, einen kleineren bekam ich nicht, aber ich- habe dieses Bändchen hindurchgezogen, und Du mußt ihn am Halse tragen, bis er auf Deinen Finger paßt. Und da soll er Dich immer an mich erinnern, wenn ich nicht wiederkehre". In dem Gesicht des Knaben zuckte es, während die kleinen Hände das Band um feinen Hals schlangen. „Als wenn das nötig wäre, Elfe", sagte er vorwurfsvoll. „Als wenn ich Dich je vergessen könnte!" Sie hatte ihr Werk vollendet, aber ihre Hände blieben auf seinen Schultern, sie tauchte ihre geheimnisvollen dunklen Augen tief in die feinen. „Ist das wahr, Hans? Du wirst mich nie vergessen? — Schwöre es mir!" gebot sie feierlich. Ihm kam kein Gedanke an ein lächelndes Ablehnen ein Verweigern des seltsamens Wunsches. Ernst, wie sie gefordert, willfahrte er ihr. Sie hatte ihn unverwandt angesehen, jetzt warf sie die Arme um feinen Hals und preßte ihre Lippen fest auf die feinen. Hans Volkmann stand minutenlang wie betäubt, erst als das Zufallen der schweren Hausihür zu ihm heraufdrang, fuhr er auf und stürzte au^ dem Zimmer die Treppe hinunter. Er kam eben recht, um zu sehen, wie der Rosselenker eine kleine schwarze Gestalt in den Wagen schob, mit seiner großen roten Hand das bereifte Fenster desselben schloß und sich dann schwerfällig auf seinen Sitz schwang. Nur Brigittes verweintes Gesicht wurde noch einen Moment in undeutlichen Umrissen hinter der Scheibe sichtbar, von Elfe erblickte Hans keinen Schimmer mehr. (Fortsetzung folgt.) Das Geheimnis der Schwester. Bon RenS Ghil. Autorisierte Uebersetzung von A. Heim. (Nachdruck Verboten.) Wohl schon eine Stunde saß Marthe, die älteres der beiden Schwestern Wavers über das Hauptbuch gebeugt und übertrug: „Soll und Haben" ihres kleinen „Schnitt- und Modewarengeschäfts" ordnungsmäßig. Trotz des bescheidenen Aussehens des Geschäftes war die Arbeit gar nicht so einfach; denn jede Branche mußte einzeln gebucht werden, und seit die beiden Schwestern sich- entschlossen hatten, die Filiale einer Leihbibliothek und einen kleinen Buchladen noch- mit ihrem Geschäft zu verbinden, war der Arbeit übergenug. Aber die blonde Marthe mit den großen, klaren Augen war dem allem! gewachsen und verlor nicht so leicht den Mut. Dennoch seufzte sie tief auf, als die Uhr; gerade die zehnte Abendstunde verkündete; doch galt der Seufzer wohl weniger der mühevollen Buchführung; denn ein besorgter Blick fiel dabei auf die jüngere Schwester, die sich so tief über den Stickrahmen beugte und doch nur so langsam die Nadel herauszog. „Nicht wahr, Claire, Herr Dautra hat in den letzten vierzehn Tagen seine Lieferungen von dem Konversationslexikon nicht abgeholt? — Ich. kann sie gar nicht finden, — — merkwürdig — hast Du sie verwahrt?" Claire war bei den Worten der Schwester leichtj zusammengefahren, und der dunkle Kopf mit den schweren, schwarzen Haarwellen neigte sich noch tiefer über die Stickerei. „Nun Claire?" „Sich ja, — verzeih — ich weiß wirklich nicht —" Die Sprecherin hatte wohl Zeit gewinnen wollen, ihrer Stimme Festigkeit zu geben, aber diese klang doch, als wenn sie nahe am Weinen sei; die Aeltere nahm scheinbar ihre-Bücher wieder , vor, aber ein fast mütterlicher, zärtlicher Blick glitt dann und wann zur Schwester hinüber, und so sagte sie denn auch gleich darauf: „Es ist zehn Uhr vorbei, Kind, ich glaube Du bist müde. Willst Du nicht immer hinaufgehen, ich komme auch bald, ich will nur noch mit meinem Buch a jour fein". „Ja, dann gehe ich immer, ich habe Kopfschmerzen!" Claire war aufgestanden und vermied es, die Schwester anzusehen, während sie ihre Arbeit zusammenlegte. „Du siehst auch! so erhitzt aus, während Du sonst in all den Tagen äußerst blaß warst, fehlt Dir was? Sag es doch". Claire war 19 Jahre, eine nervöse, sanguinische Natur, die den besten Willen hatte, ihre Zärtlichkeit in bereitwilliger Hilfe zu betijätigen. Spontan in ihren Empfindungen, trug sie dieselben doch verschlossen in sich,' und in Schmerz und Freude gleich leidenschaftlich, konnte sie das, was. sie bewegte, nicht mitteilen. „Sorg' Dich nicht", gab sie der sieben Jahre älteren ' Marthe ausweichend zur Antwort, „das Regenwetter macht mich nervös, weiter ist es nichts". Marthe lauschte auf den verhallenden Schritt, hörte die Schwester in dem Zimmer über dem kleinen Laden gehen, und dann nahm sie aus dem Pult die Lieferungen, nach denen sie die Schwester gefragt. Die Blätter waren wie im Zorn zusammengeknittert! „Arme Kleine! Die Blätter haben es entgelten müssen, daß er sie nicht abgeholt hat". Marthe stützte das feine, blasse Gesicht sorgenvoll auf die Hand und dachte an die Schwester, an der sie nun schon so lange Jahre Mutterstelle vertrat. Angstvoll fragte sie sich, ob sie nicht unbedacht, unvorsichtig gehandelt habe. Als Waisen waren sie beide, als Marthe noch nicht 15 Jahr gewesen, zu der einzigen Verwandten, einer Tante des Vaters, gekommen, der eben das Putz- und Modewaren- tzeschäft gehörte. Das alternde Fräulein hatte in den beiden Nichten zunächst nur eine willkommene, unentgeltliche Hilfe für ihr Geschäft gesehen, und sie gründlich ausgenutzt. Bei ihrem Tode, später, viel später, konnten bann die Nichten das Geschäft weiter fortführen. Aber der Tod war früher gekommen, als sie erwartet, und in Marthes und Claires Leben war damit ein Wendepunkt eingetreten. — 281 — Innig und treu hingen die Schwestern aneinander, und still und friedlich waren die Tage bei emsiger Arbeit verflossen, bis Unruhe und Sorge in das Heim der Schwestern kam und zwar in Gestalt des Herrn Dautra. Dieser war einer der eifrigsten Abonnenten der Biblio- thek. Fein in seinem Auftreten, ungefähr 25 Jahr, war er zuerst immer nur mit stummem Gruß gekommen und gegangen; allmählich aber hatte der junge Mann seine große Schüchternheit iiberwunden, und es war zum Plaudern gekommen. Die Schwestern hatten erfahren, daß er Ministerialbeamter sei, und seine freie Zeit gern mit Lesen verbringe. Im Sommer freilich, da habe er vierzehn Tage Ferien, und dann reise er zu seinen Eltern. Er sprach von seiner sanften, heiteren Mutter und von dem Vater, der das kleine Landgut selbst bewirtschafte. Herr Dautra kam sogar manchmal des Abends unter einem Vorwand und plauderte mit Marthe und Claire und da er sich stets äußerst korrekt benahm, so hatten die beiden Schwestern an solchem Plauderstündchen ihre Freude und vermißten den jungen Mann, wenn er einmal ausblieb. War es nun die stets piütterliche Besorgnis, die Marthe zu einem Trugschluß führte, oder täuschte sie sich nicht in der Annahme, daß Herr Dautra nicht der Bücher, sondern Claires wegen kam, und sie selbst nur als Claires Beschützerin betrachtete. Herr Dautra aber ging nicht aus seiner Reserve heraus, und für Marthe begann ein sorgendes Bangen; denn sie glaubte bei Claire mehr als eine gewisse Freundlichkeit dem Besucher gegenüber zu sehen. Freilich, das verschlossene Kind schwieg und litt augenscheinlich im stillen, zu stolz, der Schwester ihr übervolles Herz auszuschütten. Da plötzlich war Herr Dautra vor etwa vierzehn Tagen fortgeblieben, und seitdem wurde Claire von Tag zu Tag stiller und blasser. Und nun fragte sich Marthe angstvoll, ob sie nicht Unrecht gethan hatte, dem jungen Manne den Zutritt in ihr Haus zu erlauben. Sie fand keine Antwort auf diese quälende Frage. Plötzlich jedoch richtete sie sich auf. Sie hatte einen Entschluß gefaßt: Was kam es auf die Regeln der Etikette an, wenn das Glück der jungen Schwester auf dem Spiel stand. Am folgenden Tage, in der Dämmerstunde kam es zwischen den beiden Schwestern über die Ausführung einer Stickerei zu einer kleinen Meinungsverschiedenheit, und da Claire bei ihrer Ansicht beharrte, so äußerte- Marthe plötzlich : „Schön! Dann werde ich selbst zu Frau Raybel nach der Parkstraße gehen und fragen, wie ihre Wünsche waren". Und ehe Claire noch ihr Erstaunen über diesen raschen Entschluß ausgesprochen, war Marthe auch schon fort. Allein geblieben, überkam Claire ein Bedauern, Marthe widersprochen zu haben; sie hatte sicherlich Recht.... Aber dieser Gedanke war noch kaum aufgetaucht, als die Ladenthür sich öffnete und eine Nachbarin erschien.... „Lassen Sie sich! nicht stören, Herzenskind. . . Nicht- wahr, ich bekomme doch meinen Hut zum Samstag. . . Ja? . . . Das ist nett von Ihnen ... Bei dem, Regenwetter ist freilich kauch die Möglichkeit vorhanden, ihn zu tragen ... es strömt ja förmlich- - - - Was hat denn Ihre Schwester so eilig zu thun... sie ist an mir in der Wallstraße vorbeigelaufen und hat mich nicht einmal gesehen ..." , , ■ Wallstraße. . . die entgegengesetzte Richtung mit der Parkstraße! Claires Hände krampften sich in der Erregung zusammen, aber sie beherrschte sich, die Nachbarin merkte nichts. „ o Erst nachdem die Dame gegangen, war es mit Claires Fassung zu Ende. Das Blut sauste ihr in den Ohren . . . oh, so hatte Marthe also den Streit absichtlich herbeigeführt, um ffortgehen zu können . . . und sie war nach der Wallstraße gegangen, wo Herr Dautra wohnte. . . Marthe hätte also gelogen. . . nur um dort hingehen zu können ... zu Herrn Dautra, der nicht ihretwegen kam, tote sie geglaubt. . . dessen Besuche Marthe galten! Und dem Impuls folgend, sprang Claire auf griff schnell nach ihrem Hut, schloß den Laden, und ohne schützendes Tuch oder Schirm, lief sie hinaus in den Regen . . ; fort nach der Wallstrahe. Ganz außer Atem stand sie vielleicht zehn Minute« darauf vor der Portierlrge, und erst die erstaunten Blicke der Verwalterin ließen ihre Fassung notdürftig wieder- sinden, so daß sie fragen konnte: „Nicht wahr, Herr Dautra wohnt doch hier". „Jawohl, er ist zu Hause..." „Können Sie mir nicht sagen... es wird nach der Dame eifrig gefragt . . . nicht wahr ... es ist eine Dame bei ihm ■■■!.' „Mit leinem langen braunen Mantel? ... Ja, die ist vielleicht vor einer Viertelstunde hinaufgegangen und . . Claire hörte schon nichts mehr. Hinaus, nur fort! weiter hatte sie keinen Gedanken, und wie ein gehetztes Wild stürmte sie fort, ohne zu wissen, wohin sie ihr Weg führte. Als Herr Dautra auf das Glockenzeichen die Entree- thür geöffnet, hatte er zum größten Erstaunen in der Besucherin Marthe Wavers erkannt; er hatte sie in fein kleines Arbeitszimmer geführt, ihr einen Stuhl angeboten und war selbst vor ihr stehen geblieben. „Herr Dautra, Sie sind sicherlich äußerst überrascht, mich hier zu sehen", begann Marthe traurig ... „Bitte, urteilen Sie nicht zu streng über mich . . . sehen Sie, bitte, darin nur einen Beweis meiner Hochschätzung für Sie . . ." „Gnädiges Fräulein, Ihr Besuch ehrt mich... ich muß mich bei Ihnen übrigens entschuldigen... ich bin vierzehn Tage fort gewesen und gestern erst nach Paris zurückgekehrt . . . ganz plötzlich wurde ich an das Krauken-- lager meines Onkels gerufen, der mich gern noch vor seinem Tode sehen wollte . . . Noch am Tage meiner Ankunft ist der alte Mann entschlafen. . . Ich habe nicht gewagt, Ihnen vorn dort zu schreiben . . . und hätte Ihnen doch so viel zu sagen gehabt! . . . Aber verzeihen Sie, Sie wollten mir etwas mitteilen?" „Ja. . . aber reden Sie, bitte, erst... ich kann warten". Und Herr Dautra fuhr fort: „Ich habe bei dieser Gelegenheit meine Eltern wiedergesehen und ihnen mitgeteilt, auf welcher Hoffnung mein ganzes Lebens glück basiert . . . mein Onkel hat mir sein kleines Vermögen hinterlassen, und nun können meine Wünsche schneller, als ich zu hoffen gewagt, in Erfüllung gehen, wenn . . . darf ich sprechen ... ich liebe Fräulein Claire: „Darf ich es ihr sagen, wird sie mich hören wollen . . .?" Marthe war mit glückstrahlendem Gesicht aufgesprungen. O, wie unbeschreiblich beglückt mich das ... ich kam zitternd nnd zagend zu Auen . . . Leben und Gesundheit für meine Claire bergen Ihre Worte!" „Wie? Leben und Gesundheit?" „Wenn Sie Claire sehen, dann werden Sie mich ver- verstehen. . . Seit Sie fort sind, grämt sie sich. . . deswegen komme ich zu Ihnen. . . wie eine Mutter, die über den Schmerz ihres Kindes in Verzweiflung, zum äußersten greift! ... So habe ich, mich doch nicht getäuscht . . . Sie lieben Claire!" „Und Sie meinen, daß Claire. . . oh, bitte! sprechen Sie rasch. mit ihr . . . oder darf ich gleich mitkommen?" „Ja, ja, Herr Dautra! Kommen ©ie nur mit* mir, dann ist alles gut". Als die beiden vor der Portierloge vorbeikamen, hörte. Dautra sich bei Namen gerufen: „Herr Dautra, vorhin war eine Dame hier, die hat nach der Dame, die bei Ihnen war, gefragt . . . Das junge Fräulein schien sehr erregt und ist gleich fortgelaufen!" Marthe fuhr in jähem Schreck zusammen. „War sie brünett?" fragte sie halb mechanisch die Frau. „Ja, ich glaube, so genau habe ich sie nicht angesehen, ich habe nur bemerkt, daß sie kleine Granatohrringe in Form von Fliegen trug . . „O Gott! Das war Claire ... wie kommt die hierher . . . und wie hat sie erfahren, daß ich hier war . . . „Kommen Sie schnell, ganz schnell Herr Dautra . . . wenn nur fein Unglück geschehen ist ..." 288 — In dem leeren Laden verbreitete die Gasflamme einen flackernden Schein. „Sitte, wollen Sie die Laden schließen", sagte Marthe zu Dautra. Und beiden war das Herz zusammengepreßt vor Angst, und schreckenstarr sahen sie sich, an- derselbe Gedanke stand in ihren Augen, es war gerade, als wenn jemand gestorben.-- Inzwischen war Claire in dem Regen weiter und weiter gelaufen, über die Brücke in die Altstadt und dann wieder über eine Brücke, und auf der Langenbrücke war sie dann stehen geblieben, und hatte mit fieberheißen Augen in das finstere, gurgelnde Wasser zu ihren Füßen gestarrt. Kurz bevor sie die Brücke betrat, hatte sich ihr ein Knabe von vielleicht vierzehn Jahren angeschlossen, dem bei dem flackernden Schein der Gesichtsausdruck Claires ausgefallen war, während er müßig, die Hände in den Hosentaschen, in einer Thüruische gestanden hatte. „So wahr ich „Hans, in allen Gassen" heiße", sagte der Junge, „das kleine Fräulein sieht gerade so aus, als wenn es ein kaltes Bad nehmen möchte . . ." und während er sich wie eine Katze dicht an Claire heranschlich, meinte er: „Da heißt's aufpassen, und zwar gehörig!" In dem Augenblick stieß Claire einen verzweifelten Schrei, fast nur ein unterdrücktes Stöhnen aus, und während sie die Hände fest auf das Geländer stützte, beugte sie sich tief mit dem Oberkörper über dasselbe. „Nun! Nun! . . . Und die Mama, was würde die dazu sagen?!" „Hans in allen Gaffen" war es, der bei den Worten das junge Mädchen mit kräftigem Griff um die Taille faßte und zurückriß. „Nein, nein! Lassen Sie mich!" „Das wäre!" Der Junge lieh sie nicht los, und bei Claire machte sich, die fürchterliche Erregung in einem Thräneustrorn Luft. „Sie brauchen sich, nicht zu ängstigen, kleines Fräulein .... nun werden wir ganz ruhig nach Hause gehen und morgen denken Sie ganz anders. . . Na, das wäre was Schones! So jung wie Sie find... wo wohnen Sie denn?" „Tempelherrnstraße", sagte Claire leise und beschämt, und heiße Thränen rannen über ihr blasses Gesichtchen. In dem düstern Regen sitzen schweigend Marthe und Dautra. „Oh! Ich kann's nicht mehr ertragen", stöhnt Marthe und ringt die Hände. „Wollen wir gehen, vielleicht hat man sie in der Nachbarschaft gesehen. . ." „Und wenn sie nun inzwischen kommt, und ich bin nicht hier?" Als sie sich gerade wieder setzen wollten, wurde die Klingel am Laden gezogen . . . „Claire. . . o Claire . . .! Schwester, Du. . .!" Marthe war ihr entgegengestürzt, angstvoll fragte sie: „Wo warst Du denn, und dann . . . „Nein, nein, sprich nicht! . . . Da, setz' Dich hier hin . . . ruhe Dich aus! gieb mir Deine kalten Hände, damit ich sie warm reiben kann!" „Hans in allen Gassen" war näher getreten und drehte seine Mütze zwischen den Fingern. „Die Herrschaften werden entschuldigen ... es ist gar Nichts von Bedeutung... das kleine Fräulein hat sich verirrt... ich bin ihr begegnet, als ich spazieren ging, und da ich nichts zu thun hatte, habe ich sie eben nach Haus gebracht. . . weiter war's nichts!" Claire sah den Sprechenden mit einem wehmütigen Blick an und schüttelte den Kopf. „Nein ... er hat mich gerettet 7 . . auf der Brücke . . . als . . ." „Oh! Schiwester, Claire! das ist nicht möglich . . ." Und Marthe riß mit einem angstvollen Blick das junge Wesen in ihre Arme und flüsterte: „Und Du hast an Deiner großen Schwester gezweifelt - . . und ihr nicht getraut, während sie doch nur den holen wollte, an dem Dein Herz hängt . . . und der gerade selbst kommen wollte. . ." „Dautra?" „Ja, Claire", sagte Dautra, uitb trat zu beit Schwestern . . . „ich habe Dich ja lange schon lieb . .. Hat Marthe recht, wenn sie sagt, daß Du mich auch liebst?" „Dich lieben. . ." flüsterte Claire und barg das errötende Gesichtchen an der Schulter ihrer Schwester, sodaß es nur wie ein Flüstern kam: „Immer, immer, bis zum Tode!" Und bei den Worten überlief alle ein Zittern. Der Tod war ihnen ja so nahe gewesen. Gemeinnütziges. KesundHettspffege. Gegen rauhe, unreine Haut, Sonnen, brand usw. ist Buttermilch ein sehr gutes Mittel. Gesicht und Hände werden abends vor dem Niederlegen damit be- feuchtet, woraus man sie auf der Haut eintrocknen läßt. Die Buttermilch wirkt besser, wenn sie etwas sauer ist, und noch besser, wenn man einige Stunden vorher aus einhalb Liter einen kleinen Eßlöffel voll geriebenen Meerrettich in dieselbe einweicht. Dies entfernt nicht allein Sonnenbrand, sondern macht die Haut auch weiß und zart. Ein anderes Mittel, das ähnlich wirkt, besteht aus einhalb Liter Rosen- wasser nnd einem Weinglas voll Zitronensaft. Mit dieser Mischung wird das Gesicht gleichfalls einige Male des Tages benetzt. Gegen trübe und entzündete Augen. Ein halbes Gramm weißes Vitriol und 1 Gramm Bleizucker wird in 17 Gramm Rosenwasser aufgelöst und zweieinhalb Gramm Kampferspiritus hinzugegossen. Ein leinenes Stückchen Zeug wird doppelt zusammeugelegt, mit bem Augenwasser befeuchtet und eine Viertelstunde auf die geschloffenen Augenlider gelegt; dieses Verfahren wird des Tags über öfters wiederholt. Vor dem Gebrauche muß das Augenwasser immer geschüttelt werden. Musik Theoret.-prakttsche Klavierschule von H. Bovet, 2. vm mehrte und verbesserte Auflage (P. I. Tanger Köln). Wenn schm bei Beurteilung der früheren Ausgabe der Verfasser als echter Pädagoge bezeichnet wurde, der in lückenlosem Fortschritt neben dem Theo- retischen auch das Praktische verfolgt, dann die Art und Weise, rote der Schüler in Noten und Takt eingeführt wird, besonders lobend hervorgehoben und vor allem die Eigenschaft betont wurde, daß die Schule sofort an Selbstständigkeit gewöhne und Geist und Gemüt des Schülers, anrege, so läßt sich eigentlich bei der 2. Auflage nur noch die Bereicherung mit praktischem Uebungsstoff und wertvollen Beispielen hervorheben. Neu ist ferner bei der Schule der vorgedrukte instrultive „Umriß der Mufikgeschichte", und anerkennenswert die trotz prachtvollster Ausstattung (schönes, holzfreies Papier, großer klarer Druck) erfolgte Preisherabsetzung (früher zus. in 1 Band broschiert Mk. 5.50, geb, Mk. 6.75, jetzt in 4 Bänden je Mk. 1.—, zus. in 1 Band broschiert Mk. 3.—, schön und stark geb. Mk. 4.50). Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). München JsaX n '-t-*— Pas sa u Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Citatenrätsels in voriger Nummer. Ich habe keine Zeit, müde zu sein. »edaltion: E. Burkhardt. — »ruck und »erlag der «rühl'fchen UniversttätS-Buch. und Steiudruckerei (Pietsch Erben) in «ießeu.