Nr. 56. 1900. Sonntag den 22. April »MH Ä- W MW 'SS?ol" Menschen ein Adler, vor Gott ein Wurm, Si^.stehst du fest im Lebenssturm; Nur wer vor Gott sich fühlet klein, Kann vor den Menschen mächtig sein. E. M. Arndt. Nachdruck verboten. Das Pflegekind. Roman von Elsbeth Meyer-Förster. (Fortsetzung.) Die Mutter und die Großmutter — sie würden vielleicht gestorben sein, Paul verheiratet, vielleicht mit Johanne, vielleicht mit einer anderen. — — Man hatte sie vergessen, wie man die Undankbaren vergißt, die, welche sich.niemals Liebe errangen, — und sie würde vielleicht als eine Ungebetene an die Thüren der Ihren klopfen. Aber keine Bitterkeit empfand ihr Herz bei diesem Gedanken, sie fühlte nur die tiefe Gerechtigkeit. „So mußte es njir gehen, — ich habe mich selbst so gebettet", sagte sie sich. Und still ging sie den Weg zurück, der belebten Stadt wieder zu. In einem Hospiz für heimatlose Frauen, dessen Schild sie trostverheißend vor sich aufleuchten sah, verbrachte sie die Nacht. Am anderen Morgen war sie schon zeitig auf, und trotz der entmutigenden Gedanken vom vergangenen Abend durcheilte sie die Stadt, durchstöberte sie die Adreßbücher, um Brinkmanns zu finden. Es gelang ihr nicht. Kein Adreßbuch lvies Paul's Namen oder den seiner Mutter aus. Sie mußten verzogen sein, — in einem der Bororte wohnen, oder den Wanderstab in die Fremde hinausgesetzt haben. Nettchen konnte es nicht fassen. Immer und immer wieder versenkte sie sich in die ungeheuren, schwarzen Bücher, grübelte und suchte sie. Als es Abend wurde, begann Angst sie zu überfallen. Sie nahür ihr Täschchen, zahlte in der Konditorei, wo sie mit einer Tasse Kaffee und Semmel ihren Hunger gestillt hatte, und trat auf die Straße hinaus. Obdachlos und ohne Geld! In das Hospiz mit seiner behaglichen Wohlanständigkeit, unter die ruhigen, geborgenen Frauen, Lehrerinnen, Pastor- und Beamtenwitwen, die alle ihr gutes Scherflein für das ihnen gewährte Logis bezahlten, würde sie nicht zurückkehren. — Nein, schrecklich war es gewesen unter den Zigeunern von Montmartre, aber schrecklicher noch war's in dieser strengen, kalten Wohlanständigkeit, wo man sie, die hergelaufene Fremde, mit tadelnden Blicken betrachtet hatte. Ihr alter Stolz bäumte sich in ihr auf. Bettelnd wollte sie vor diese Schwelle nicht kommen. Gott würde sie nicht verlassen. Sie hatte so viel Schwereres ertragen, sie würde auch eine Nacht unter Gottes freiem Himmel durchmachen können. — Und eine fast freudige Stimmung bemächtigte sich ihrer, während sie sich langsam durch den Strom der hastenden Menschen drängte. Sie war ja frei! Frei war sie, bei aller Ratlosigkeit und Not, die furchtbare Kette, die ihr Leben die letzten Jahre zu Boden gedrückt hatte, war von ihr genommen. Ruhig durfte sie wieder unter den Menschen wandeln, von keiner jgährenden Bitterkeit, keinem! Haß erfüllt. Das Band, das sie. an Jerome gekniipft hatte, war zerschnitten für immer, — die unselige Leidenschaft, die sie so elend gemacht hatte, aus dem Herzen gerissen. Und sie fühlte, das Leben, an dem sie fast verzweifelt hatte, gehörte wieder ihr! Mit der Genesung waren Hoffnung, Lebenskraft und Liebe zum Dasein zurück- gekehrt. Ja, sie liebte wieder das Leben, und während sie obdachlos durch die Straßen eilte, freute sie sich Über ihre Rettung. — Alle Häuser waren längst geschlossen, die Thorwege verrammelt, die Passanten wurden einzelner, als Nettchen in jder Schöneberger Vorstadt landete. Die glänzende Potsdamerstraße war sie entlang gewandert, immer entlang, und sah sich nun plötzlich in einer Gegend, die fast dem Dorfe ähnelte. Die stille Pfarrkirche, die hinter großen Oekonomiehöfeu versteckten reichen Bauernhäuser, Vorgärten und Wiesenecken konnten die Illusion wohl aufrecht erhalten. Aber zwischen die giebeligen Häuser schoben sich dann und wann noch immer riesige Mietskasernen, häßliche, hohle, kahle Gebäude, an denen der Blick freudlos abgleiten mußte. Alles noch Berlin, — Großstadt bis hier hinaus aufs freie Feld, auf dem das im dürren Sandboden kraftlos emporgeschossene Wiesengras gemäht lag. Noch ein Stück weiter hinaus aber, und freies Land mußte endlich beginnen. Immer lückenhafter tvnrde die Straße, jetzt kamen Gärtnereien, vereinzelte Schuppen, einsames Gemüseland. — — Hier war es, wo sich Unterkunft finden lassen mußte. Weiter hinaus zu wandern auf der nächtigen, einsamen Chaussee, das schien Nettchen nun nicht mehr verlockend. In einem der offenen Schuppen konnte sie sich verbergen. Sie verließ die Chaussee, sprang über den Grabenrand, und schlüpfte über niedrig geschnittenes Buschwerk ins fremde Terrain. Ein Stück verwilderter Garten, mehr Wiese, mit Gurkenstauden, Kürbispflanzen, allerlei Küchen- pflanzen überwuchert. Holzteile und Bretter lagen umher, und drückten an einzelnen Stellen das Gras zu platter Ebenheit nieder. - 222 Nettchen trat in den offenen Schuppen, in ivelchem ein grauer Bretterwagen, ein paar alte Hühnerkörbe und einige zerbrochene Taubenhäuser neben anderem Gerümpel der öffentlichen Benutzung anheint gestellt zu sein schienen. Sie ließ sich aus einem Stapel Brennholz nieder und blickte vor sich aus. Schlafen würde sie hier nicht können. Aber sie suchte auch keinen Schlaf, ihre Seele war voll von Bildern und Träumen, und fast war es ihr, als sei sie für diese Nacht noch einmal das alte Nettchen, das hinausträumte in die weite, unbekannte Welt, die so viel Wunder bringen mußte. In diesen hohen Sommermonaten wurde es zeitig Morgen, und ehe die Schöneberger Kirchenuhr die vierte Stunde schlug, würde sie schon wieder auf den Beinen sein. Was aber dann?!? Nach Berlin zurück, auf den großen Arbeitsmarkt. Aber bei dem Gedanken, daß sie keine Papiere bei sich habe, kein Geld, keine Ausweisung, nichts, wurde Nettchen von der ersten Bangigkeit erfüllt. Doch hatte sie nicht noch schlimmeres durchgemacht? Traurigeres? An der Seite des Mannes? Wieder sank iHv der Trost ins Herz, daß sie ja frei, daß sie Herrin über ihr Dasein sei, und gläubig sagte sie, während sie still vor sich hinblickte: „Gott wird schon helfen." Wolken, die am Himmel gestanden hatten, zerteilten! sich, der Mond brach hervor und beleuchtete das öde, kleine Gartenland. Nettchen sah mit großen Augen, wie sich sanftes, stilles Licht vom Himmel herunter über die schweigende Landschaft ergoß. Es lag eine tiefe Geborgenheit in dieser stillen, hellen Sommernacht. Die freien Wiesen waren aufgethan wie Wirtsgärten, die nur auf müde Abendgäste warten. Da lagen die hochgeschütteten Heuhaufen, so sicher und geschützt, weiche und zugleich duftige Betten, und die Chausseebäume standen ivie Wächter vor den Thoren dieser vom freien Himmel überbogten Herberge. Wie viel kleines Getier rüstete sich wohl jetzt, undj brach aus den Schlupfwinkeln, und verteilte sich über die schweigenden Wiesen und Landstraßen und Felder, nm sich für die Nacht zum Herrn des Gefildes zu machen. Nettchen hörte es hinter sich rascheln, aber während etwas Schwarzes dicht an ihrem Holzstoß vorbeisprang, sah sie an dem Baumstamm in ihrer Nähe ein Wiesel emporschlüpfen, und mit klugen, räuberischen Augen auf die Erde hinunterspähen. Sie war emporgefahren, und zitternd stand sie unter dem alten Schuppen. Sie wagte sich nicht mehr zu setzen. Das laut raschelnde Tier hinter ihrem Rücken mochte eine Ratte gewesen sein; verflogen war für den Moment die träumerische Rühe aus ihrer Seele. Sie fühlte sich geängstigt — obdachlos!!!-- Sie war aus dem Schuppen herausgetreten, wie zur Flucht bereit, und stand doch rat- und hilflos da. Ihre Augen wanderten in der Runde. Plötzlich rissen sie sich weit auf, als sähen sie etwas Unfaßbares. Mit einem Sprunge war Nettchen an dem grauen Bretterwagen, der zur Hälfte unter dem Schuppen, zur Hälfte unter freiem Himmel stand. Sie riß das Blechschild empor, das mit eisernen Bändern an den Pfosten der äußeren Wagenwänd befestigt war; auf der verbogenen Platte stand in großen Buchstaben: „Witwe Pilz. Federviehhändlerin". Witwe Pilz! Die Frau, bei der sie einst gelebt hatte! Nettchen konnte es nicht glauben! Witwe Pilz, die freundliche Markthändlerin, bei der sie ihre Artistenkarriere begonnen hatte! Konnte es möglich sein? Konnte der Zufall, die Fügung des Himmels ihr diese große Ueberraschung zuführen wollen? Sie lief durch das Gartenland zurück, zum Chäussee- rand, an das kleine baufällige Haus heran, hinter dessen Stacketzaun hervor ab und zu ein verschlafenes Schnattern und Glucksen hervortönte. Dort die kleinen, niedrigen Baracken, das waren die Gänse- und Hühnerställe, diese vielen, im Hofe aufgestapelten, leeren Strohgeflechte mit dem häuschenartigen Aufbau waren die Brutkörbe, die Nettchen so gut kannte! Sie schlich sich bis an die Hausthür, studierte das kleine Porzellanschild, das dieselbe Firma wie der Wagen nannte, und war nun ganz beruhigt. — Dann setzte sie sich auf die Thürschwelle, lehnte den Kopf an die Wand und schloß die Augen. — Heimatsgefühl umgab sie tote eine wohlige, laue Atmosphäre. Nun war sie geborgen, nun brauchte sie nicht mehr auf der Straße umherzuirren. Mutter Pilz würde ihr weiter helfen. — (Fortsetzung folgt.) Beim Rechtsanwalt. Bon Curt Müller. (Nachdruck verboten.) Sein Ruf ist weit über die Grenze der Großstadt bis; ins Land hineingedrungen. Er ist berühmt als Rechts-' anwalt und hochgeachtet als Mensch. Seine Eltern ehren und lieben ihn, wie kranke Leute ihren Arzt, der sich in besonders aufopfernder Weise um sie bemüht. Er ist ein scharfer Denker und gewandter, schlagfertiger Redner. Er besitzt Kenntnisse und Erfahrungen, aber, was noch mehr ist, er besitzt ein großes, edles Herz, das empfänglich ist für die Leiden, die Not und den Jammer der Menschen. Das ist allgemein bekannt. Und deshalb ehren ihn alle, Richter, Kollegen und Klienten. Gar manchem Armen, der ihn um Hilfe anflehte, stand er vor Gericht bei. Und er sprach ebenso warm und überzeugend für den Bettler, von dem er nichts nahm, wie für den reichen Bankier, dem er die „standesgemäßesten" Preise machte. Er sitzt in seinem reich ausgestatteten Sprechzimmer und wühlt in jden hohen Aktenstößen, die vor ihm auf dem Tische liegen, herum. Das ganze Lebentwischen Akten! Er, der blühende, lebenskräftige Mann, 8W ein Herz, das sich nach Liebe sehnt, im Leibe hat! Wohl ward ihm oft Gelegenheit geboten, sich eine Lebensgefährtin zu küren; nur zu oft!1 Aber nie fand fein Herz, was er suchte. Reich waren sie alle, die Damen, doch eines vermißte er an jeder, er wußte es selbst nicht, was. So steht er nun einsam da in der Welt und sucht sein Glück allein hinter staubigen Akten. Da pocht es. Eine ältere, feingekleidete Dame tritt ein. „O bitte, nehmen Sie Platz, gnädige Frau! Wie Sie erregt sind!" '„Ach, mein bester Herr Doktor, ich möchte wahnsinnig werden! — Morgen ist der furchtbare, der schreckliche Tag! Nein, ich erlebe ihn nicht. Morgen um diese Zeit weiß ich vielleicht schon, daß ich ins — Zuchthaus muß!" Laut schluchzend hält sie die Hände vor das Gesicht. Ihr Verteidiger tritt nahe an sie heran und legt die Hand auf ihre Schulter. „So trösten Sie sich doch, gnädige Frau", spricht er mit ruhiger Stimme. „Haben Sie doch Vertrauen zu mir. Ich kann Ihnen mit Bestimmtheit versichern, daß ich Sie frei bekomme. Ihre Sache steht gut, sehr gut!" Die Dame atmet etwas erleichtert auf. Die Unglückliche! Niemals war sie mit dem Gesetze in Konflikt geraten. Sie wußte nicht, was Justiz, Richter und Staatsanwalt ist. Sie wußte nur, daß sie ein Gott angenehmes Leben zu führen bestrebt war; daß sie als ehr- und tugendsam von allen geachtet wurde. Aber so manches weiß der beste Staatsbürger nicht, was ihn doch vor Gericht und ins — Zuchthaus bringen kann. Das Gesetz ist verletzt worden von einem, der es gar nicht kennt; und der eine muß dafür büßen. Unkenntnis des Gesetzes schützt nicht vor Strafe. Der unvernünftigste Satz, den menschliche Vernunft ausgeklügelt hat. Sie ist Witwe. Es ist ihr ganzer Lebenszweck, ihre beiden Kinder zu guten und nützlichen Staatsbürgern zu erziehen. Sie hielt sie stets zur Frömmigkeit und zu einem moralischen Lebenswandel an. Würden alle Mütter ihre Kinder so streng und rechtlich erziehen wie sie, der Staat könnte sich glücklich preisen und brauchte jenes Buch mit den eisernen Paragraphen, durch deren „gerechte Handhabung" schon manches Familienglück für immer zerstört worden ist, nicht mehr. Sie ist aber auch Mutter und hat den einzigen, aber verzeihlichen Fehler, daß sie für das Wohl ihrer Kinder alles zu opfern bereit ist. Eines Tages verging sich doch der älteste Sohü gegen die heiligen Gesetze des Staates. Es war nichts schlimmes, was er begangen hatte, aber die Mutter war außer sich. 223 Da kam zufällig eine „gute Freundin" zu ihr, die wußte ebenfalls von dem Vorfälle, denn sie tvar sogar als Zeugin in dieser Sache geladen. Das arme Mutterherz krampfte sich vor Schmerz zusammen. „Sie werden doch mein Kind nicht unglücklich machen!" rang es sich aus der Brust der Mutter. Die harmlosen Worte wurden von einer guten Freundin zur anderen weiter getragen, bis sie zu den. Ohren des Staatsanwalts drangen. Man erhob Anklage Die ehrsame Frau soll sich der Verleitung zum Meineide schuldig gemacht haben. Das Zuchthaus soll sich ihr öffnen. Der Gedanke macht die Unglückliche wahnsinnig. Und morgen soll das Urteil gefällt werden!! — O diese schreck- lichen Nächte, die sie während dieser Zeit verlebt hat! O diese furchtbare Nacht, die sie noch verbringen wird! Man weist jetzt schon mit Fingern auf sie; denn bald wird sie Zuchthäuslerin sein. Aber noch gießt es ja einen Richter, der nicht nach einem Buche mit toten Paragraphen, das Menschen machten, richtet. Wenn sie nur einst vor dem besteht. „Ich bringe Sie sicher frei!" spricht neben ihr der Verteidiger tröstend. .„Gott gebe Ihnen die Kraft dazu!" entgegnet sie gefaßt, und drückt ihm die Hand. Sie geht. Als die Unglückliche das Zimmer verlassen hat, tritt ein alter, elegant gekleideter Herr ein. Der Rechtsanwalt geht ihm entgegen. Beide reichen sich stumm die Hände. Des alten Herrn Augen sind feucht. Er nimmt im Sessel Platz. Neben ihn fetzt sich der Rechtsanwalt. „Ich sagte es voraus, Herr Baumeister. Die Sache Ihres Sohnes war von vornherein verloren. Wir können noch von Glück reden, daß der Gerichtshdf solche Milde walten ließ." Und der alte Herr erwidert mit zitternder Stimme: „Ich bin der elendeste Mensch der Welt. Da habe ich nun für meinen Sohn die größten Opfer gebracht. Die beste Bildung habe ich ihm angedeihen lassen. „Jugend hat keine Tugend!" Oft sagte ich mir das zur eigenen Beruhigung, wenn ich von seinem flotten Leben so manches hören und seine Schulden decken mußte. Aber daß er ehrlos, daß er zum Betrüger werden würde, das hätte ich nie geglaubt. O, mein guter Name!" Der alte Herr blickte trostlos vor sich hin. Mitleidig schaut ihn der Rechtsanwalt an. „Es wird sein erster und letzter Fehltritt sein!" spricht er zu dem Vater tröstend. „Gebe es Gott. Das sagten Sie auch den Richtern in Ihrer Verteidigungsrede. O, sie war schön, ergreifend schön! Sie haben gethan, was man für einen Menschen, der schuldig ist, thnn kann. Doch wollte ich Sie nochmals fragen, Herr Doktor: Können Sie nicht gegen das Urteil Revision einlegen? Vielleicht, daß Sie eine noch mildere Strafe erzielen?" • „Ich habe hin und her überlegt. Ich habe nachgedacht und nachgegrübelt. Das Urteil ist unanfechtbar. Ihr Sohn mag seine Schuld büßen. Gegen diesen Rechtsspruch läßt sich nichts machen!" „Run denn", spricht;mit bebender Stimme der Greis, „mag er seine Strafe reuevoll ertragen. Ich dulde mit ihm. Wenn Sie versichern, daß sich nichts mehr in der Sache thun läßt, so müssen wir uns fügen. Ich wollte nur thun, was fn den Kräften eines alten Vaters steht. Adieu!" Mit bleichem Antlitz entfernt sich der würdige Greis. Ein altes Bauernweib tritt ein und macht einen tiefen, ehrfurchtsvollen Knix. Sie fetzt einen großen Korb auf den mit Teppichen belegten Parkettboden nieder und beginnt: „Ach, mein guter Herr Rechtsanwalt. Ich kann Sie immer noch nicht vergessen. Ich muß Sie heute doch noch 'mal besuchen!" „Ra, na, liebe Frau! Sie haben wohl schon wieder jemand bedroht?" „Um Gotteswillen! Das machen iöir nicht wieder. Ich bin bloß froh, daß Sie mich freigekriegt haben. Vielleicht brummte ich jetzt gerade, wenn Sie nicht so warm für meine Unschuld eingetreten wären. Aber, Herr Doktor, ich komme heute — nehmen Sie mir es nicht übel! Ich will Ihnen meinen Dank nochmals sagen. Sie haben von der armen Frau nichts genommen. Rehmen Sie nachträglich ,wch von ihr ein bescheidenes Präsent." Und die Frau entwickelt eine solche Zungenfertigkeit und bedankt sich einmal nach dem andern, daß, der verblüffte Rechtsanwalt, der die Alte, die einst wegen £&e? drohung mit einem Verbrechen an geklagt war, verteidigt hatte, gar nicht 'zu Worte kommen konnte. Während sie von Dank und Dankbarkeit spricht, packt sie den Korb ge-- schäftig aus und legt ein Stückchen Butter nach dem andern auf das Fensterbrett, sodaß der Rechtsanwalt glaubt, feine, frühere Klientin, die er als eine so besonnene, lammfromme Frau geschildert hatte, sei übergeschnappt. „Aber beste Frau, was soll denn das?" „Das schenke ich Ihnen, Herr Doktor! Sie dürfen es mir nicht abschlagen. Ich bin eine arme und alte Frau und habe Sie nicht bezahlen können. Aber vergelt's Ihnen Gott. Lassen Sie sich die Butter recht gut schmecken und grüßen Sie mir Ihre liebe, gute Frau Gemahlin recht herzlich!" Und hinaus ist sie, ohne daß ihr Verteidiger noch recht zur Besinnung gekommen ist. Ha, was soll er denn mit der vielen Butter anfangen, er, der Junggeselle, der noch dazu seine Fran, die er nicht hat, grüßen soll? --- Leise klopft es. Schüchtern tritt eine schwarzverschleierte Dame ein. Ihr Gesicht ist schön, sehr schön, aber bleich und abgehärmt. Eine leichte Röte fliegt über die blassen Wangen der jungen Frau, als sie den Mann vor sich! sieht, von dem sie so viel großes und gutes vernommen hat. Sie hat von seinen Erfolgen, von seiner Herzensgüte und seinem Edelmute gehört. Ihm will sie sich anver- trauen. „O, ich bin tief unglücklich. Ich bin das elendeste Geschöpf der Welt!" lispelt sie und bricht in Thränen aus. „Setzen Sie sich, meine Gnädigste, und schütten Sie mir Ihr Herz aus. Vielleicht steht es in meiner Macht, Ihnen zu helfen!" Er spricht es mit so milder und zuversichtlicher Stimme, daß die schöne Frau zu ihm Vertrauen faßt, wie ein Kind zu seinem Vater. Und sie schüttet ihm das Herz aus. Sie erzählt von ihrer unglücklichen Che, die von Anfang an für die Arme, der ein ungeliebter Mann von den Eltern ausgezwungen sei, nur bitteres Leid und Elend gewesen sei. Sie erzählt von dem Manne, der sie nicht nur nicht verstehe, sondern sogar mißachte, der sie auf das Unwürdigste behandle und sogar — mißhandele. Sie klagt dem Verteidiger all ihr Leid mit so kindlichem Vertrauen, daß dieser gerührt auf das bleiche, schöne Weib schaut. „O, helfen Sie mir und befreien Sie mich von einem Leben, das eines Weibes unwürdig ist; das der Hölle gleicht." Lange schaut sie der Verteidiger an. Er, der sonst so redegewanot ist, findet jetzt nicht gleich das rechte Wort. Er schaut ihr tief in die großen, schwermütigen Augen. Sie errötet und blickt scheu vor sich nieder. Jetzt endlich saßt sich der Rechtsanwalt und spricht: „Ich kann und werde Ihnen helfen. Wenn Sie aber Ihre Freiheit wieder erlangt haben, so bewahren Sie sie sich. Sie ist das höchste Gut. Und wenn Sie sich wieder verschenken sollten, so verschenken Sie sich an einen Würdigeren!"--— Noch lange reden beide miteinander. Und als endlich die Unglückliche geht, ist wieder Lebensmut und Hoffnung in ihr Herz gezogen. Der Rechtsanwalt aber lehnt sinnend in seinem Sessel. Ihm ist plötzlich ums Herz so sonderbar geworden. Zwischen den staubigen Akten lächelt schelmisch Gott Amor hervor. . GeineinniUziges. Ield und Karten. Wie sich die Ansichten ändern! Wenn bis heute in Deutschland jemand einen Obstbanm pflanzt, so wird er mit Aengstlichkeit darüber wachen, daß der Baurn eine schöne Krone, eine reiche Bewurzelung hat, daß das Pflanzloch groß und weit angelegt und der Baum mit aller Sorgfalt in dasselbe gepflanzt wird. An der Spitze seiner soeben erschienen Nummer bringt der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau einen Bericht aus Nordamerika, wonach man dort mit außergewöhnlichem Erfolge angefangen, mit diesem Pflanzsystem zu brechen, und die Pflanzung sehr zu vereinfachen. Erfinder des Systems ist Herr Stringfellow in Texas, der selbst ausgedehnte 224 — Birnen- und Pfirsich-Anlagen besitzt. Herr Stringfellow pflanzt nur einjährige Veredelungen, nachdem er sie auf 45 Zentimeter zurückgeschnitten, und alle Wurzeln bis auf ganz kurze Stummel abgeschnitten hat, sodaß die Bäume aussehen, wie Quirle! Diese Bäume werden in die Erde gesenkt, mit dem Fuße festgetreten, und die Pflanzung ift fertig. Durch die Methode wird erreicht, daß die Bäumchen nicht wie bei der alten Methode drei flache Wurzeln bilden, sondern meist zehn in die Tiefe gehende. Die größten Pfirsichzüchter Nordamerikas, die Gebrüder Hale in Georgia haben bereits 100 000 Pfirsiche nach dieser neuen Methode, die sich nur bei einjährigen Veredelungen anwenden läßt, gemacht und zwar mit den: denkbar größten Erfolge — sie hatten weniger als einhalb Prozent Verluste. — Der Aufsatz im praktischen Ratgeber bringt Abbildungen nach Photographien so gepflanzter Bäumchen, die außerordentlich lehrreich sind. — Es ist selbstverständlich, daß wir in Deutschland erst Versuche anstellen müssen, inwieweit sich diese Pflanzmethode bei uns einführen läßt. Obstfreunde, die den praktischen Ratgeber im Obst- und Gartenbau nicht mithalten, erhalten diese Nummer umsonst zugeschickt von dem Geschäftsamt des praktischen Ratgebers in Frankfurt a. d. O. Aür die Küche. Grünkern-Suppe. 6Personen. Zubereitungszeit 20 Minuten. Man nimmt von Maggis Grünkern-Suppe drei Würfel, das Stück zu 10 Pfg., zerdrückt dieselben, rührt sie mit kaltem Wasser zu dünnem Brei an, gießt langsam eineinhalb Liter siedendes Wasser dazu, läßt bei kleinem Feuer 20 Minuten kochen, richtet dann die Suppe über ein mit drei Eßlöffel Rahm verschlagenes Ei an, läßt sie noch 10 Minuten zugedeckt an warmer Stelle ziehen und reicht sie zu Tisch. (Sehr feine schmackhafte Suppe.) Gefüllte Rotzungen (Original-Rezept). Sechs Personen. Kochdauer eine halbe Stunde. Zwei Kilo Rotzungen werden von Haut und Gräten gelöst, sodaß man von jedem Fisch vier lange, dünne Streifen bekommt. Auf jedes Stück Fisch legt mau einen Eßlöffel voll Granaten, rollt den Fisch dann vorsichtig wie Roulade zusammen und steckt jedes Stück mit einem Holzspießchen fest. Man läßt 50 Gramm Butter und 40 Gramm Mehl gelb dämpfen, rührt ein Viertel Liter Fleischbrühe dazu und läßt die Rouladen eine Viertelstunde vorsichtig darin gar dämpfen. Msdann nimmt man sie heraus, richtet sie auf einer Bratenschüssel nebeneinander ausgestellt an und zieht die Spießchen vorsichtig heraus. Zu der Sauce gießt man noch einen Eßlöffel Parmesankäse, 2 Eßlöfsel Krebsbutter und eineinhalb Theelöffel Maggi, rührt alles gut durcheinander und richtet sie sofort über die Rouladen an. M. v. B. Vermischtes. Volkstrachten aus aller Welt in bunter Abwechselung bietet eine Doppel-Serie sog. Liebig-Bilder, deren erste Hälfte, „Araber" bis „Levantiner", vor einiger Zeit erschien, und deren zweite Hälfte „Magyar" bis „Zulukaffer" jetzt zur Veröffentlichung gelangt. Die Kom- pagme Liebig verteilt solche Kärtchen zur Empfehlung ihres Fleischextrakts, das ja bei allen Völkern (wenigstens bei allen gesitteten) bekannt ist und geschätzt wird; dient es doch in der Küche zur Verbesserung unzähliger Speisen durch Kraft und Wohlgeschmack. Man achte nur stets auf die Etikette; ausschließlich der Namenszug „I. v. Liebig" in Plauer Schrift garantiert die Echtheit. (Neu aufgetauchte Nachahmungen preisen gewisse minderwertige Zusätze als vorteilhaft an, was sie durchaus nicht sind.) Liebig's Fleischextrakt bewährt unentwegt seine alte ©gen» schäft: Herstellung ausschließlich aus bestem Fleisch, sodaß nur reine eingedickte Bouillon geboten wird. Darin beruht sowohl seine Güte, wie auch seine vielseitige Verwendbarkeit. Litterarisches. „Neueste Erfindungen und Erfahrungen" auf den Gebieten der praktischen Technik, der Elektrotechnik, der Gewerbe, Industrie, ^hemie, der Land- und Hauswirtschaft rc. XXVII. Jahrgang (A. Hartleben's Verlag in Wien). Pränumerationspreis ganzjährig für IS Hefte franko 7 Mark 50 Pfennig. Einzelne Hefte für 60 Pfennig in Briefmarken. Diese Zeitschrift dient ausschließlich der Praxis. Ihre Mitteilungen, die fich über alle Berufsarten verbreiten, bestehen in praktischen, zuverlässigen und leicht ausführbaren Anweisungen, Arbeits- Verbesserungen und Neuerungen auf technischem und industriellem Gebiete. Besonders wertvoll find die zahlreichen Anweisungen zu neuen, lohnenden Erwerbsarten. Aus der Fülle des Inhaltes des fünften Heftes vom siebcnundzwanzigsten Jahrgange seien besonders folgende Artikel hervorgehoben: Praktische Herstellung von gelben, grauen und schwarzen Untcrzündern aus Sägespänen und anderen Abfällen. — Praktische Anleitung zum Entwickeln von Gelantinetrockenplatten nach dem Fixieren.. — Neue Vorrichtung zur Rahmen-Fabrikation. — Ein Lichtprüfcr für Arbeitsplätze. — Beseitigung der Durchlässigkeit der Dachziegel. — Explodierbarkeit des reinen Kaliumchlorats. — Praktische Erfahrungen über Oelfarbenanstrich auf Karbolineum. — Praktische Formel zur Berechnung des Glyceringehaltes in rohem Glycerin. — Asbestanstrichfarben als Jsoliermittel gegen Feuersgefahr. — Neues Verfahren zur Herstellung von Zeichnungen für photomechanische Reproduktionen. — Praktische Erfahrungen in der Konservierung der Eier. — Ersatz der Quilla- jarinde. — Erfahrungen im pneumatischen Nieten. — Neue Fortschritte in der Telegraphie und Telephonie. — Elektrische Lampe mit Leuchtpulver für Photographen. — Praktische Erfahrungen über Feuerungen mit Torf. — Erzeugung von Chinawein. — Verpackung von Salpetersäure. — Herstellung eines zerlegbaren Fasses. — Neues Verfahren zur Herstellung von steinartiger Masse aus Sägemehl und Gyps oder Cement. — Praktische Anleitung zum Schwarzfärben von Hüten. — Feuersichere Konstruktion im amerikanischen Bauwesen. — Bezugsquellen für Maschinen, Apparate und Materialien. — Anwendung der X- Strahlen in der chemischen Analyse von Gläsern. — Neue Methode zur Bestimmung des Gehaltes an ätherischen Oelen in Lösungen und Drogueu. — Herstellung von Cellulosetetracetat. — Zwei liebliche Stauden. — Gemüseneuheiten vom vergangenen Jahre. — Sollen Kiefern gepflanzt oder gesäet werden? — Feuchtigkeitsschutzanstrich. — Herstellung von Goldarbeiterleim. — Legierungen für Goldarbeitermatrizen. — Darstellung von Polierpulver für feine Stahlwaren. — Kleinere Mitteilungen. — Neuigkeiten vom Büchermärkte. — Eingegaugene Bücher und Broschüren. — Neue Erscheinungen auf dem Patentgebiete. — Elektrotcchnifches- Feuilleton. — Photographisches Feuilleton. — Mitteilungen aus unserem Leserkreise. ■— Technische Geheimmittel. — Fragekasten. — Beantwortungen. — Briefkasten. Die „Neuesten Erfindungen und Erfahrungen", nunmehr im XXVII. Jahrgange erscheinend, bieten jedermann, insbesondere dem Techniker und Industriellen, die Mittel, alle neuen Erscheinungen und alle wertvollen praktischen Errungenschaften kennen zu lernen und so zu verstehen, daß er sie in seinem Geschäfte sofort verwerten kann und demzufolge immer auf der Höhe der Zeit steht. Hunderte von Fragen aus allen Berufssächern finden in dieser Zeitschrift praktische und kostenlose Beantwortung. rn u f t e. 101 Gesellschaftsltteder (Kommersbuch), ein schön und stark kart. Bändchen in Taschenformat zum Preise von Mark 1.— (Verlag von P. I. Tonger, Köln) liegt uns vor und lacht uns so gemütlich an, als wollte es sagen: „Nimm mich mit, ich bin ein Sorgenbrecher." Und in der That, ein Blick in das Inhaltsverzeichnis, das in reicher Fülle alle jene Weisen bringt, die man mit frohen Menschen so gern singt, giebt dem Bändchen recht. Kaum a/4 Jahr alt, hat es bereits die halbe Welt durchwandert und wo cs eintritt und Wohnung nimmt, zaubert es frohe Menschen, denen die Welt keineswegs als ein Jammcrthal erscheint. Silbenrätsel. Nachdruck verboten. a, b, ba, ch, der, di, e, ga, go ho, ho, in, le, le, ld, ll, na, rein, ren, ro, sen, ti. Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen sechs Wörter gebildet und derart unter einander gesetzt werden, daß die Anfangsbuchstaben von oben nach unten, und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen die Namen zweier Städte ergeben. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter folgendes: 1. Eine Inselgruppe. 2. Fluß in Spanien. 3. Männlichen Vornamen. 4. Dauerhaftes Kleidungsstück. 5. Farbstoff. 6. Singvogel. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Zahlenquadrats^iu^vor. Num.: 89 61 108 75 108 75 89 61 75 108 61 89 61 89 75 108 Redaktion: ®. Burkhardt. — Druck und «erlag der Brühl'schen UntversttätS-Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erden) in «ießen.