ls £ M Mensch hat nichts so eigen, So wohl steht ihm nichts an, Als daß er Treu erzeigen Und Freundschaft üben kann, Wenn er mit seines Gleichen Soll treten in ein Band, Verspricht sich, nicht zu weichen, Mit Herzen, Mund und Hand. Die Red' ist uns gegeben, Damit wir nicht allein Für uns nur sollen leben, Und fern von Leuten sein. Wir sollen uns befragen Und seh'n auf guten Rat, Das Leid einander klagen, So uns betreten hat. Simon Dach. (Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Reinhold O r t m a n n. . (Fortsetzung.) Dns junge Mädchen schlüpfte hinaus, und als hätte er nur darauf gewartet, daß sie miteinander unter vie^, Augen seien, sagte Dr. Walther Sartorius hastig, wenn auch mit merklich beklommener Stimme: „Zu meinem Schmerz ist hier in Waldenberg nicht alles so unverändert geblieben, wie dies Zimmer. Ich mußte in meinem Elternhause vernehmen, daß es häßliche Mißverständiüsse gegeben hat zwischen Ihnen and meinem Vater; daß die alte Freundschaft nicht mehr besteht, der ich seit meiner Knabenzeit so viele glückliche Stunden zu danken hatte". „Wenn Ihr Vater Ihnen das mitgeteilt hat, wird er Ihnen auch gesagt haben, warum es so ist", erwiderte i)er~ Hausherr ruhig. „Und Sie werden danach einsehen, daß es am besten ist, nicht viel davon zu reden". „Aber, mein Gott, wenn nicht davon geredet werden soll, kann es doch auch niemals anders werden. Und nichts liegt mir so sehr am Herzen, als der Wunsch, das alte vertraute Verhältnis ivieder hergestellt zu sehen. So wie es jetzig ist, darf es ja unter keinen Umständen bleiben". Seine Worte klangen sehr herzlich; Doktor Ruthardt aber legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit tiefem Ernst: „Es wird wohl so bleiben müssen, lieber Walther; denn wir beide, der Herr Stadtrat Sartorius > und ich> sind am Ende zu alt, um über solche Dinge hin- iveg zu kommen, wie über ein Knabengezänk. Es giebt Verhältnisse im Leben, mein junger Freund, wo ein ehrlicher Groll hundertmal besser ist, als eine schwächliche Versöhnung". „So ist es wahr, was ich für einen Irrtum meines Vaters, für etwas ganz Unmögliches hielt? Ihre einstige Zuneigung für ihn hat sich wegen jener unglückseligen Meinungsverschiedenheit in Haß und Feindschaft verwandelt?" „Haß und Feindschaft?" fragte Doktor Ruthardt befremdet. „Nein! Ich wüßte nicht, daß ich ihm je etwas Derartiges gezeigt hätte. Meine Gegnerschaft gilt vor allem der Sache, die er vertritt, und die ich für eine schlechte halte. Seine Person kommt erst in zweiter Linie, und sie wäre bei unserem Streit wahrscheinlich ganz aus dem Spiel geblieben, wenn nicht er selber die Sache aus persönliches Gebiet hinübergezogen hätte". „Genau das nämliche ist es, verehrter Herr Doktor, was mein Vater Ihnen zum Vorwurf macht. Und ich bin darum doch wohl berechtigt, von einem Misverständnis Zu sprechen, das sich bei einigem guten Willen aufklären und ausgleichen ließe. Sie kennen den verhängnisvollen Starrsinn meines Vaters und seine leicht gereizte Empfindlichkeit. Selbst die Erkenntnis begangenen Unrechts würde ihn kaum bestimmen können, den ersten Schritt zur Versöhnung zu thun. Aber ich bin gewiß, daß er nicht mit einer Zurückweisung antworten würde, wenn Sie sich entschließen könnten, ihm die Hand zum Frieden zu bieten". „Der Herr Stadtrat soll seine verderblichen Pläne aufgeben, und ich werde keine Veranlassung mehr haben ihn zu bekämpfen". Margarete kam mit dem Wein und den Gläsern zurück so daß Walther verhindert wurde, sogleich! eine Antwort Zu geben. Aber es war in seiner niedergeschlagenen Miene zu lesen, daß er mit dem bisherigen Ergebnis seiner Bemühungen durchaus nicht zufrieden war. „Auf das Wohl des neuen Doktors und auf eine fruchtbare Zukunft", sagte Ruthardt, als er die Gläser- gefüllt hatte. Er hatte auch! Margarete eins davon zugeschoben, und die Blicke der beiden jungen Leute ruhten sekundenlang ineinander, während sie sich Bescheid thaten. Walther Sartorius trank nur ein paar Tropfen, um dann, gegen Ruthardt gewendet, zu antworten: „Ich danke Ihnen von Herzen; aber ich möchte dies erste Glas, das ich in der Heimat mit meinem verehrten väterlichen Freunde trinken darf, auf eine glückliche Wiedergeburt der alten, schönen Freundschaft zwischen den Häusern Ruthardt und Sartorius leeren. Werde ich mich doch der Wiederkehr in meine Vaterstadt erst dann recht freuen 598 gekommen, dieses Aeußerste zu verhindern und Frieden zu stiften; an Deinem Vater liegt die Schuld, wenn es mir so kläglich mißlang". . Die Bitterkeit in seinen letzten Worten schien Margaretens töchterliche Empfindungen zu verletzen; denn es klang schon ein wenig trotzig, da fie fragte: „Und was hattest Du von ihm erwartet? Was sollte er denn eigentlich thun?" _ t „ .... „Ich hoffte, daß er zuerst den Weg der Versöhnung beschreiten würde. Mein Vater würde sicherlich alles vergessen, wenn der Deine mit der Einstellung der Fernd- seligkeiten den Anfang machte". „Also Du wolltest ihm nichts geringeres zumuten, als daß er einer Versöhnung mit dem Stadtrat seine Ueberzeugung zum Opfer brächte? Und Du konntest nur einen Augenblick glauben, daß er das thun würde er. ?S* weiß nicht, was ich- Dir daraus antworten soll Walther! Ich kann das alles ja kaum verstehen. Weiß ich doch nicht einmal, woraus dieser unglückselige Streit entstanden ist. yeI6er? Es handelt sich um die Anlage der neuen Wasserleitung, für die mein Vater einen bestimmten Plan entworfen hat, und ine er, wie er sagt, als die Aufgabe seines Lebens betrachtet. Er behauptet, daß der Kampf, welchen fein ehemaliger Freund Ruthardt mit rücksichtsloser Kraft seit einem Jahre gegen diesen Plan führt, einzig ans persönlicher Gehässigkeit entspringt, und er will unter diesen Umstanden alle Beziehungen zwischen unseren Familien gelost wissen. Wahrhaftig, ich bin mit dem redlichen Willen hcerher- können, wenn all dieser häßliche Groll beseitigt ist, und > ; wenn ich mich nicht mehr verstohlen dahin schleichen muß, I i wohin es mich gerade am allermächtigsten zieht". Mit einem Ruck hatte Doktor Ruthardt sein Weinglas auf den Tisch niedergesetzt. Zwischen seinen Augenbrauen waren zwei tiefe Falten. ,Es ist ja sehr interessant, was Sie nur da verraten, Walther! Verstohlen also haben Sie sich hierher geschlichen — vielleicht gar gegen des Herrn Stadtrats ausdrücklichen Befehl?" I Unschlüssig zauderte der junge Mann einen Augenblick, dann aber sagte er mit herzlich klingender Offen- I heit: „Ich habe kein Recht, Sie zu belügen, verehrter I Herr Doktor! Ja, es ist, wie Sie vermuten. Mein Vater hat es mir zur Pflicht machen wollen, Ihr Haus zu meiden; denn er konnte nicht darüber im Zweifel sein, daß das bestehende Zerwürfnis für mich kein Grund fern I würde. Ihnen und Ihrer Familie fern zu bleiben, eo | verbot er mir schon in 5er Stunde meiner Ankunft, I hierher zu gehen, und Sie werden es verzeihlich finden, I daß ich mich bei seiner Nervosität und Kränklichkeit nicht I gleich in dieser ersten Stunde dazu entschließen konnte, ihm offen den kindlichen Gehorsam zu kündigen. In einem ruhigeren Augenblicke werde ich " Schon während er sprach, hatte Doktor Ruthardt nach feinem Hute gegriffen; nun fiel er dem jungen Arzt auf I eine sehr bestimmte fast barsche Art in die Rede: „Es mag sehr freundlich gewesen sein, daß Sie trotzdem gekommen sind ; aber rund heraus gesagt, Walther, der- I artige Halbheiten und Unklarheiten sind nicht nach meuiem Geschmack. So lange Sie unter Ihres Vaters Lache sind, | uni) von Ihres Vaters Gelde leben, haben Sie seinen I Willen zu achten. Ich möchte mir wahrhaftig nicht nach- I sagen lassen, daß ich Sie ermutigt hätte, ihn ZG hintergehen. Wir werden uns gegenseitig eine freundliche Gesinnung auch wohl bewahren können, ohne uns des öfteren I Walther Sartorius war blaß geworden. Ruthardts I Erwiderung mußte ihn bis ins innerste Herz getroffen | *a%it anderen Worten, Herr Doktor, Sie schließen sich dem'Verbot meines Vaters an? Auch Sie verweigern mir den Zutritt zu Ihrem Hause?" , ! Wenn es durchaus mit dürren Worten ausgesprochen werden soll — ja! Wenn Sie dermaleinst ein freier Mann und durch Ihre Erfahrungen dazu berufen fern werden, aus eigener Ueberzeugung abzuwägen, wo rn diesem Streite Recht und Unrecht gewesen sind, bann mögen Sie mir von neuem willkommen sein, vorausgesetzt, daß ^hr Herz Sie auch dann noch zu mir zieht. Bis dahin mögen Sie getrost auf Ihres Vaters Seite bleiben, ^ch werde deshalb nicht schlechter von Ihnen denken. Guten Morgen!" Er ging hinaus, und zwischen den beiden Zurückgebliebenen war es eine geraume Weile totenstill. Wie von Entsetzen gelähmt stand Margarete dem Jugendfreunoe gegenüber. Der aber hatte die Zähne tn ine Unterlippe gegraben und atmete schwer. Erst nach Verlauf von Minuten brach es voll schmerzlicher Bitterkeit aus ihm hervor- „Also in aller Form hinausgeworfen! Wahrhaftig, das wäre das letzte gewesen, aus das ich Mich, gefaßt gemacht hätte, als ich hierherkam. Und Demes Vaters Auffassung ist nun auch wohl die Deunge, „Ich sehe allerdings, daß ich mich getäuscht habe, und daß keiner der Streitenden dem anderen an Eigensinn etwas nachgiebt". Margarete warf den Kopf zuruck, und ihre Oberlippe schürzte sich unwillig. „Du könntest Deine Ausdrucke immerhin etwas behutsamer wählen. Um einen Mann von der Art meines Vaters so zu kritisieren, muß man doch wohl älter und — und reifer fein als Du". Wieder veränderte der junge Arzt die Farbe. „Mag diese Zurechtweisung nun verdient oder unverdient sem, ich werde sie meinem Gedächtnis gut einprägen", sagte er, ohne seine tiefe Gekränktheit zu verbergen. „Und ich bitte um Entschuldigung, daß ich noch immer hier bin. Es war wohl ungehörig, so lange in einem Hause zu verweilen, dessen Besitzer mich deutlich genug zum Wetier- gehen ausgefordert hat". , _ „Was sollte mein Vater denn anders thun, da Du ihm nichts besseres zu sagen wußtest?" „Besseres? Ich verstehe nicht, wie das gemeint ist, „Wenn Du es nicht verstehst, hätte es auch keinen Zweck, daß ich Dir's zu erklären suche. Mann kann es eben nicht gleichzeitig mit zwei feindlichen Parteien halte^und das ist nun meine Verabschiedung? Du kannst mir nichts Besseres auf den Weg geben, als diese unfreundliche Wahrheit?" r u Margarete hatte die Lippen fest aufeinandergepreßt, und ihr Blick war starr an dem Jugendfreunde vorbei auf das Fenster gerichtet. Mit einer Gebärde, die Walther Sartorius für den Ausdruck der Gleichgiltigkeit und Ge- ringschätzung nahm, zuckte sie die Achseln. Da nahm er endlich seinen Hut und wandte sich zum Gehen. Noch in der Thür erwartete er offenbar, daß sie ihn durch ein gütiges Wort zurückhalten würde. „Adieu, Margarete!" sagte er, und es war, obwohl er sich gewiß nach Kräften zusammennahm, ein verräterisches Beben in seiner Stimme. Aber Doktor Ruthardts Tochter vermied es noch immer, ihn anzusehen, und weil I ihr Gesicht von ihm abgewendet war, klang ihm die Erwiderung seines Grußes vielleicht noch kälter ins Ohr, als sie wirkliche gemeint war. „Adieu, Walther!" antwortete sie, ohne ftd) zu rühren, und sie verharrte in ihrer Regungslosigkeit auch noch, als die Thür sich längst hinter ihm geschlossen hatte. I Aber als sie ihn bann ein paar Minuten später draußen auf der Straße dahinschreiten sah, warf sie sich Plötzlich I in die Sofaecke und drückte laut auffchluchzend ihr gluhen- I des Gesicht in die Hände. (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte des Tanzes. Von F. Kunze. Nachdruck verboten. (Allgemeines.) „Siehe, wie schwebenden Schrittes im Wellenschwung sich die Paare drehen! Den Boden berührt kaum der geflügelte Fuß. (Schiller.) Ebenso wie die Trauer des Herzens unwillkürlich zu gewissen Gebärden oder körperlichen Bewegungen fuhrt, I so äußert sich auch, die frohe Stimmung bei den Volkern 599 aller Zeiten und Weltteile leicht in allerhand Bewegungen, bei denen nicht nur die Füße beteiligt sind, sondern auch der Oberkörper und die Arme. Diese in einer bestimmten Ordnung vor sich gehenden Bewegungen des menschlichen Körpers iund seiner Teile „lehrten wahrscheinlich den Menschen zuerst, daß er Anlage zum Tanzen habe." Die Tänze der frühesten Zeitalter waren in ihrer ungekünstelten Ursprünglichkeit nichts anderes als unregelmäßige und willkürliche Bewegungen. Die Erfahrung zeigte dann die einschlägigen Regeln, und Geschmack, Genie, überhaupt veredelte Gefühlsstimmungen erhoben schließlich den Tanz als „Ausbruch froher Empfindungen" zu einem, Werke der Kunst. Ein idealer Grundzug in den grotesken Bein- und Armbewegungen, sowie in den wunderlichen, lächerlichen Verdrehungen des Körpers machte sich gewissermaßen erst dann geltend, als man diese seltsamen Aufführungen zu Ehren der Götzen und Götter stattfinden ließ. Wes aber das Herz voll ist, des geht der Mund über, und so kam es, daß man in diese tollen Bewegungen auch allerhand jubelnde Töne mischte, also während des Tanzens auch sang, um voll und ganz „der Freude am Leben" Ausdruck zu verleihen. Tanz und Musik sind auf diese Weise schon frühe miteinander verbunden gewesen, sowohl bei heiteren als auch bei ernsten Gelegenheiten. Während die rohen Naturvölker heute noch singend tanzen, so begleiten hingegen gesittetere Nationen ihre Tänze mit musikalischen .Instrumenten aller Gattungen. Mit dem allmählichen Bemühen, das Schöne, Edle und Erhabene im Tanzen zu äußern, der Form eine bestimmte Ordnung zu verleihen, wurde der Rhythmus eingeführt, die beruhigende Gleichheit der Bewegungen. Nachdem die im Dienst der Götter stehenden Priester der verschiedenen Völker jene bestrickende Macht erkannten, welche dem Tanze innewohnte, die der musikalische Rhythmus herrisch auf das empfängliche Gemüt der Menschheit ausübte, bestrebten sie sich vollen Eifers, ihn für ihre gottesdienstlichen Zwecke heranzuziehen. Der Erfolg war ein gewaltiger; denn das Volk beteiligte sich jederzeit massenhaft bei solchen religiösen Aufführungen. „Der Tanz, der heutzutage in froher Laune bei geselligen Zusammenkünften von der Jugend geübt wird, galt ursprünglich durchaus nicht als weltliches Vergnügen, sondern bildete bei fast allen Völkern des grauen Altertums einen Teil der religiösen Handlungen zu Ehren der Götter." Die ägyptischen Priester hatten ihre sogenannten Tempeltänze, und die Ebräer ihre religiösen Kreistänze, während die Assyrer, Meder und Perser ihren Götzen Opfertänze weihten. Diese verschiedenen Tanzweisen waren größtenteils ausdrucksvolle, gemessene Bewegungen. Ihre Charakteristik lag hauptsächstch in der Pantomimik, d. h. im Ge- bärdenspiel, welches zeitweise durch heftige Bewegungen verstärkt wurde und die zufällige Seelenstimmung des Anbetenden ausdrückte. Mit Recht kann man wohl diese religiösen Darstellungen als die Uranfänge unserer heutigen Ballettänze mit ansehen. Besonders viel Gefallen fanden die sogenannten Prozessionstänze bei dem ehemals leicht erregbaren Volke, wie denn überhaupt keine andere der „schönen Künste" ihren geheimnisvollen Zauber so unmittelbar wirken zu lassen vermochte wie gerade die Tanzkunst, weil sie weit mehr als Dichtkunst, Musik und Bildhauerkunst die Mitthätigkeit in Anspruch nimmt, gewissermaßen persönlich sich bethätigt. Im Vordergründe standen zu jeder Zeit stets die heiteren Tänze, denn „da die Natur allen Menschen, so roh und ungebildet sie auch sein mögen, reichliche Gelegenheit zu feierlichen Gemütsäußerungen darbietet, und da es dem natürlichen Menschen weit leichter ist, die Empfindungen seines Herzens durch seinen ganzen Körper als durch ein einzelnes Organ aus- zudrücken, so giebt es kaum ein Volk der Erde, das nicht seine Tänze der Fröhlichkeit hätte." Bald konnten die Priester nicht mehr verhindern, daß her Tanz allmählich auch bei weltlichen Festen und Vergnügungen in Anwendung gebracht wurde. Sie waren schließlich gezwungen, ihr bisheriges Vorrecht aufzugeben, wenn auch mit vielem Widerstreben. Es entstand nun neben dem gottesdienstlichen Tanz auch der weltliche, jenes unsterbliche Belustigungsmittel, das bei aufgelegten Naturen seine Anziehungskraft nie verliert. Aehnlich wie bei dem zeremoniellen „Singetanz" der Priester hielten sich auch bei den weltlichen Reigensprüngen der Geschlechter gesondert; es waren diese Tänze anfänglich nur nach gewissen Regeln ausgeführte Massenbewegungen und Aufzüge. Erst das löbliche Bestreben, die eigene körperliche Gewandtheit, Schönheit oder andere äußere Tugenden öffentlich zu zeigen, rief die cheit jüngeren Einzeltänze hervor. Anfänglich waren bei diesem Sonderbemühen viel Zerrbilder und Unnatur zu beobachten; denn ein jeder Teilnehmer suchte den andern an unnatürlichen Bewegungen zu überbieten und gefiel sich in absonderlichen Gliederverzerrungen und lächerlichen Gauklerkunststückchen. Aus diesen eigenartigen' Darstellungen entstanden jene wohlbekannten Narrentänze des buntscheckigen Mittelalters, wie sie hente noch bei Maskenbällen und Faschings- delustigungen an der Mode sind. Während bei den männlichen Personen vorzugsweise beabsichtigt wurde, beim Tanz Kraft und Geschicklichkeit an den Tag zu legen, so wollte wiederum das zarte Geschlecht der Frauen anmutig und reizend erscheinen, was ebenfalls dnrch die erwähnten Einzeltänze sehr leicht zu ermöglichen war. So glaubten die heidnischen Priester Indiens die göttliche Gnade ihres mit menschlichen Fehlern und Schwächen vermeintlich behafteten Molochs vorzugsweise dann zu erlangen, wenn sie ihm zu Ehren die sinnverwirrendsten Tänze von schönen, üppigen Jungfrauen aufführen ließen. Trotz aller solcher und ähnlicher Ausschreitungen suchte indes der angeborene Schönheitssinn des Menschen immer die edelsten Formbewegungen zu finden. Das innere Gefühl für eine vollendete Plastik erwachte und wurde eine zwingende Lehre, hervorgebracht durchs Ueberfättigung, die immer neue Reize begehrt. Ums Fahr 2000 v. Ehr. soll das sinnliche und entartete Volk der Griechen zu seiner Zerstreuung bei den geräuschvollen Vergnügungen die sogenannten Verschlingungstänze, ausgeführt von Personen beiderlei Geschlechts, erfunden haben. Nun, daran dürfte unter Umständen nicht zu zweifeln sein, doch wollte man in diesen altklassischen Reigen die eigentlichen Anfänge unserer modernen Gesellschaftstänze erblicken, wie kurzsichtige Gelehrte zu thun belieben, so dürfte man leicht irre gehen. Wer möchte z. B. in unserem nationalen Walzer nur die leiseste Aehnlichkeit mit einem Tanze herausklügeln, in welchem sich zwei tolle Menschen in den widernatürlichsten Drehungen und Verschlingungen wie höllische Furien gebärdeten! „Bald Kopf oben, bald Kopf unten, wirbelten die ur geschichtlichen Verschlingungstänzer ihre verrenkten Körper wie ein Kreisel, bald wälzten sie sich wieder in wildem Taumel oder verbissen sich ineinander, berauscht von wahnsinnigen Verzuckungen, kurz, tanzten bis zur völligen Erschöpfung." Man könnte diese Verschlingungstänze, deren Zweck und Ursache darin gipfelte, zuschauenden Personen ein besonderes Vergnügen zu bereiten, eher als Uranfänge des Ballets betrachten. Unsere modernen Salontänze, belebt von der geflügelten Musik talentvoller „Meister der Töne" sind nur da, um den Tanzenden selbst eine Ergötzung zu bereiten; denn der Tanz an und für sich ist schon eine äußere Tugend des Menschen, und als solche können zwecklose Sprünge und lächerliche Gliederverrenkungen keineswegs angesehen werden. Die gotische Bezeichnung für das Tanzen ist laikan, alt- und mittelhochdeutsch der leich, woraus leichen-hüpfen hervorging. Im althochdeutschen Dialekt bestand aucfy noch dinsan und - danson, welches Wort das Führen, Hin- und Herziehen der Paare auszudrücken schien; denn aus dem Stamme dieser Vokabel ist das romanische danse gebildet, eine Benennung, welche die Deutschen feit dem Ende des 12. Jahrhunderts von den Franzosen wieder zurückgenommen haben. Wenn es in einer mittelalterlichen Predigt heißt: „Die tenzer ziehent und tenent den tanz", so scheint damals, das Hüpfen beim Reigen weniger an der Tagesordnung 'gewesen zu sein. Der eigentliche Begriff einer „Tanzkunst" entwickelte sich erst dann, als man anfing, dem sich bewegenden Körper eine gewisse ästhetische Anmut und Schönheit zu verleihen, eine wohlgefällige Formenschönheit zu zeigen, so daß es gewissermaßen heißen könnte: „Wie sich leis der Kahn auf silberner Flut schaukelte, wie der leichte Rauch, vom Zephyr gewiegt, in die Luft fliegt, so hüpt der gelehrige Fuß auf des Taktes melodischer Wage." 600 Wenn sich -aber der Mensch bestrebt, in dem Tanze gleichsam seine Tugend zu verkörpern, so hat dieser geradezu einen pädagogischen Nutzen. Außerdem giebt dieses allgemeine und beliebte Belustigungsmittel den Muskeln Gewandtheit und Spannkraft. Das Tanzen „lehrt den Körper grade und doch nicht steif zu halten, grade, sicher und fest zu gehen, sich mit Leichtigkeit und Anstand zu bewegen und in allerlei Stellungen zu formen." In pathologischer Hinsicht verschafft es als heilsame Körpergymnastik einen regeren Umlauf der Säfte, falls man es versteht, sich vor jeglicher Ueberanstrengung zu bewahren. Oftmals läßt aber der ungewöhnliche Zauber, den Musik und Reigen auf deu Menschen ausüben, diese feine körperliche Ermüdung vergessen, wodurch schließlich eine empfindliche Ueberanspannung der physischen Kräfte herbeigeführt wird, was natürlich schädigend auf den ganzen Organismus wirkt, besonders dann, wenn das vermeintliche Kraftgefühl zur unheilvollen Täuschung wird. Inwieweit dabei die empfindsamen Nerven in Mitleidenschaft gezogen und geschwächt werden, läßt sich leicht ausdenken. Im allgemeinen ist aber die vernünftige Tanzkunst eine Notwendigkeit für unsere Kultur, eine Förderin der Bildung. „Daß der Tanz als Kunst heute indessen so wenig gepflegt wird, ist ein großer Fehler; denn er soll zu den Künsten gezählt und als Kulturmittel betrachtet werden, während er jetzt auf der Bühne wie im täglichen Leben vielfach nur eine untergeordnete Stufe des Zeitvertreibs einnimmt." Geinsinnütziges. Eine s i ch e r e, e r p r o b t e V e r p a ck u n g v o n O b st. Wie oft erlebt man die für den Absender wie Empfänger gleich unangenehme Thatsache, daß Obst, besonders Aepfel und Birnen, die tadellos abgeschickt waren, zerstoßen, zerschlagen, voller Flecke und unansehnlich ankommt. Ferdinand Winkler in Guben, dessen Verpackungsart jüngst bei der Jubiläums-Ausstellung in Guben mit dem ersten Preise bedacht wurde, beschreibt im praktischen Ratgeber im Obst- und Gartenbau seine jedes Rütteln des Obstes und damit jedes Fleckigwerden desselben völlig ausschließende Verpackung wie folgt: Der Boden, sowie die Wände des Korbes werden mit einer etwa zweieinhalb bis dreieinhalb Zentimeter starken Lage Holzwolle ausgebildet und darüber weißes Packpapier gelegt. Dann werden die Früchte einzeln in Seidenpapier gewickelt und einzeln in weiche Holzwolle verpackt — hierzu kann man auch Papierschnitzel nehmen, doch halte ich Holzwolle für praktischer — mit den Stielen nach oben, fest aneinander gereiht in den Korb gelegt. Ist die erste Lage voll, wird darauf ein Bogen weißes Packpapier und wieder eine zweieinhalb bis dreieinhalb Zentimeter starre Schicht weicher Holzwolle gebracht. Jetzt kann mit der zweiten Lage begonnen werden, und so wird Lage für Lage eingepackt, bis der Korb voll ist. Auf das Ganze kommt wieder ein Bogen Packpapier und eine Schicht Holzwolle. Zum Schluß wird der Korb mit einer sauberen Decke von Sackleinewand zugenäht. Genau so werden Kisten gepackt. Der praktische Ratgeber enthält Abbildungen von Korb und Kiste, die nach Winklerscher Methode gepackt sind. Bücher und Menschen haben ihre Schicksale. Dies hat sich bei der jetzt so allgemein beliebten „Sonntagszeitung für Deutschlands Frauen" wieder erwiesen, die vor gerade drei Jahren mit einem Abonnentenstand von kaum einem Tausend ins Leben trat und heute schon eine Gemeinde von über hunderttausend Leserinnen zählt. Diesen Erfolg verdankt die Zeitschrift ihren guten sittlichen Grundlagen, die sich an den Schönheitssinn und an das Hoheits- vvlle, das ja im Wesen jeder deutschen Frau schlummert, wenden. So ist sie die Sonntags-Zeitung der deutschen Frau geworden und wird in weiteren drei Jahren wohl kaum noch in einem deutschen Haushalte fehlen. Acht Beilagen, deren jede schon eine selbständige Zeitschrift für sich bedeutet, unterrichten unsere Frauen und Töchter über alle Fragen des täglichen Lebens und bieten ihnen Unterhaltung in Hülle und Fülle. Der mit seltenem Geschick redigierte Unterhaltungs- und Modeteil, die praktisch gehaltene Kochschule, sowie die vorzüglichen Kunstbeilagen machen die „Sonntags-Zeitung für Deutschlands Frauen" zu einem ebenso praktischen wie gehaltvollen Familienblatt, und das alles bei einem Wochenpreise von nur 20 Pfg. Was nützt die schönste Nähmaschine, wenn die Mutter ihre Kinderkleidchen nicht selbst zuschneiden kann, oder wenn es ihr an Modellen für niedliche Kinderkleidung mangelt! Für einen billigen Preis Modelle und zugleich Schnitte zu bekommen, das war seit langem der Wunsch einer jeden Mutter, der nun durch Herausgabe der „Kinder- Modenwelt", für 75 Pfennig vierteljährlich, erfüllt ist. Der rührige Verlag von W. Vobach & Co. in Berlin und Leipzig hat mit der „Kinder-Modenwelt" und deren Beilagen, „Baby, ein Wegweiser für Mütter", „Illustrierte Kinderzeitung", „Romanzeitnng fürs Haus", „Küche und Haus" und Schnittmusterbogen etwas geschaffen, das auf dem ganzen Kontinente einzig dasteht. Jede Mutter wird dies Blatt, welches trotz aller seiner Reichhaltigkeit außerordentlich klar und übersichtlich geordnet und in jeder Weise vornehm ausgestattet ist, mit Freuden begrüßen und es im Interesse der ganzen Familie abonnieren. Für den neuen Jahrgang wurde ein Preisrätsel mit 72 Preisen im Werte von 620 Mark kür die Kleinen ausgeschrieben. Wer daher günstigen Falles zu Weihnachten ein hübsches Fahrrad unter dem Tannenbaum finden will, beeile sich, die „Kinder-Modenwelt" zu abonnieren. Sie ist für 75 Pfennig vierteljährlich in jeder Buchhandlung und bei jeder Postanstalt zu bestellen. Bei der Bestellung wolle man genau auf den Titel „Kinder-Modenwelt" achten! Geschichte der Keramik. Von Friedrich Jaennicke. Mit Titelbild und 416 Textabbildungen in Original Leincnband 10 Mk. Verlag won I. I. Weber in Leipzig. Der Verfasser dieses mehr als 50 Bogen starken Handbuches ist seit Jahrzehnten eine in allen Kennerkreisen anerkannte Autorität auf feinem Gebiet. Nichts hat der Autor versäumt, den Leser zur bewußterer Beurteilung keramischer Erzeugnisse auszubilden. In der Geschichte der neuesten Zeit sind selbstverständlich nur die Hauptvertreter der verschiedenen Richtungen genannt worden, namentlich vom Auftreten des Porzellans ab, dessen Ursprung und allmähliches Auflauchen eingehender behandelt ist; auch von der Majolika- und Fayenceindustrie gilt ähnliches. Zur Anbahnung der vielfach mangelnden technischen Sachkenntnis hat der Verfasser es für geboten erachtet, der eigentlichen Geschichte eine in großen Zügen entworfene Zusammenstellung der wichtigsten Thalsachen der keramischen Technologie voranzustellen. Die „Marken" sind in der Hauptsache erwähnt worden. Auf eine passende nnd möglichst vielseitige Auswahl von den verschiedenen Formen wie die Manieren der Technik zur Anschauung bringenden Abbildungen ist ganz besondere Sorgfalt verwendet worden. Jaennikcs „Geschichte der Keramik" sollte in der Bibliothek keines Sammlers fehlen, da das Buch manche interessante Punkte berücksichtigt, die bislang in allen Kompendien vergeblich gesucht worden sind. Rösselsprung. Nachdruck verboten. gen dich thun dich nicht thu ' lass' sa ne tes wird dazu ruhn len nen UN es wil dei das gu schö Welt bild läßt heißt ge trieb net rein doch es das dich len die dein um zu irrt bei st'l was herz Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Quadrats in voriger Nummer: HALS ALOE LOKI SEIL Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei (Pietsch Erben) in Gießen.