(Nachdruck verboten.) Geächtet. Roman von Lothar Brenkendorf. (Fortsetzung.) Elisabeth wäre am liebsten in Thränen ausgebrochen, so Weh that ihr die kühle Fremdheit in seinem Wesen. Für sie war ja das Wiedersehn das größte, das herrlichste Ereignis ihres Lebens — eine Befreiung von jahrelanger Gewissensqual, ein Wunder, wie es selbst ihre kühnsten Wünsche seit langem nicht mehr zu erhoffen gewagt. Sie würde laut aufgejubelt, würde demWieder- gesundenen, der ja in ihren Augen ein vom Tode Erstandener war, voll überströmender Herzensfreude ihre beiden Hände dargereicht haben, wenn in seinen Worten oder in seinen Mienxn auch nur das kleinste Zeichnen gewesen wäre, daß er ihre Empfindungen teile. Statt dessen aber hatte er sie begrüßt, wie irgend eine gleichgiltige Bekanntschaft aus vergangenen Tagen, ohne Groll und ohne Herzlichkeit, iit jenen tadellos höflichen Formen, die ihm durch seine Erziehung vorgeschrieben waren. Ihre Dankbarkeit gegen das Geschick, das ihn am Leben erhalten, und sie so vor der schwersten Schuld bewahrt hatte, war zwar dadurch nicht geringer geworden; die schmerzliche Enttäuschung jedoch träufelte einen gar bitteren Tropfen in den Becher ihrer Freude. Mit einem leise gesprochenen Dankeswort hatte sie das Anerbieten des Majors angenommen, und nun ritt er im vorsichtigsten Schritt an ihrer Seite, immer darauf bedacht, ihr sofort Beistand leisten zu können, falls sie unterwegs von einer Schwäche befallen würde. Sein Gesicht, das in diesen acht Jahren noch edler und männlicher geworden war, hatte einen tief bekümmerten Ausdruck angenommen, und als sie einmal scheu zu ihm aufsah, glaubte sie in seinen Augen eine beinahe düstere Traurigkeit zu lesen. Sie wagte nicht, eine Frage an ihn zu richten, obwohl sie sich vergebens den Kops darüber zerbrach, wie er mit seinen Soldaten gerade hierher gekommen sein möge. Denn hier gab es ihrer Ansicht nach für eine Militärabteilung nicht das geringste zu thun, und sie begriff nicht einmal, wo die vielen Leute mit ihren Pferden Unterkunft gefunden haben konnten. as beste Lebensregiment Ist, wo Gefühl die Seele schwellt Und die Vernunft das Ruder hält. Senme. Da ihre von Minute zu Minute wachsende Befangenheit ihr verbot, dem Blick des schweigsamen Begleiters allzu oft zu begegnen, wandte sie sich wiederholt nach den Husaren zurück, die ihnen in geringer Entfernung folgten. Dabei machte sie erst jetzt die Wahrnehmung, daß die Uniformen der Leute Abzeichen trugen, wie sie solche nie zuvor gesehen hatte, und daß sie überdies abgetragen, geflickt und verblichen waren. Nur der Umstand, daß sich die Pferde durchweg in vorzüglichster Verfassung befanden, und daß die Reiter ausgezeichnet im Sattel saßen, konnte der kleinen Truppe auf den ersten Blick ein leidliches Ansehen geben; bei näherer Betrachtung erschien sie verwahrlost und abgerissen, wie es sonst nur in Kriegszeiten erklärlich ist. Ter stumme Ritt führte eine kurze Strecke durch den Wald, welcher der jungen Herrin von Lasdehnen hier besonders dicht und verwildert vorkam, und endete nach etwa zehn Minuten an einer Lichtung, deren Anblick sie in neues Erstaunen versetzte. Tenn nichts hatte sie so wenig erwartet, als hier, inmitten der einsamen, schwer zugänglichen Wildnis, ein richtiges Feldlager im kleinen anzutreffen. Eine Anzahl Hütten, deren Wände aus Tannenzweigen geflochten waren, ein paar Feuerstellen, über denen unter der Aufsicht anderer Husaren mächtige Fleischstücke brieten oder dampfende Kessel hingen, und ein etwas größeres, aus unbehauenen Baumstämmen roh zusammengeschlagenes Blockhaus inmitten des Platzes gaben der ganzen Szenerie durchaus den Charakter eines Biwaks, deren Elisabeth während der unruhigen Kriegsjahre genug gesehen hatte. Einer der im Lager zurückgebliebenen Soldaten eilte sofort herzu, um das Pferd des Majors zu halten, während Sixtus sich mit der Gewandtheit und Elastizität eines Jünglings aus dem Sattel schwang. Ein anderer wollte Elisabeth, die von allen mit offenkundigem Erstaunen betrachtet wurde, beim Absteigen behilflich sein; der Offizier aber schob ihn beiseite, um mit starken Armen seinen jungen Gast selbst aus dem Bügel zu heben. „Sie sehen, mein Fräulein, daß es nur der Gastlichkeit rauher Krieger ist, die ich Ihnen hier erweisen kann", sagte er mit einem Anflug von Selbstironie. „Ich würde es unter anderen Verhältnissen sicherlich nicht gewagt haben, sie Ihnen anzubieten; jetzt aber muß mir wohl die alte Wahrheit zur Entschuldigung dienen, daß nur ein Schelm mehr giebt, als er hat". Elisabeth war' froh, daß er wenigstens endlich das lange, bedrückte Schweigen gebrochen hatte, und seine Worte gaben ihr den Mut zu einer Frage: „Hat Ihr Verweilen in dieser Gegend einen besonderen Zweck, Herr Major, daß Sie genötigt sind, wie bei einem Feldzuge mit Ihren Leuten im Freien zu kampieren?" 470 Sixtus lächelte, doch seine Augen blickten dabei traurig wie zuvor. „Dafür, daß es nicht völlig zwecklos ist, haben Sie ja soeben einen kleinen Beweis erhalten, Fräulein von Marschall! Ohne den Zufall unserer Anwesenheit wäre es Ihnen Wohl kaum gelungen, sich von den verwilderten Pferden zu befreien, deren Begegnung, wie ich und verschiedene meiner Leute aus eigener Erfahrung wissen, einem einzelnen Reiter nur zu leicht verhängnisvoll werden kann. Nehmen Sie also immerhin an, daß es unsere Aufgabe sei, solche Unglücksfälle nach! Kräften zu verhüten. Sie werden daraus zugleich erkennen, daß wir nur unsere dienstlichen Obliegenheiten erfüllen und keinerlei Anspruch haben auf einen besonderen Dank". Wäre nicht ein so bitter-ernster Klang in seinen Worten gewesen, würde Elisabeth ohne Zweifel geglaubt haben, daß er sich über sie und ihre Frage lustig machen wolle. Immerhin mußte eine Antwort, die keinesfalls der Wahrheit entsprechen konnte, sie verletzen und ihr die Lippen verschließen. Als vb er dies selbst empfände und das begangene Ungeschick nach Möglichkeit wieder gut machen wolle, zeigte sich der Major von diesem Augenblick an gesprächiger und aufmerksamer als bisher. Er reichte ihr den Arm und führte sie zu dem Platz vor dem Block- Hause, wo auf die denkbar einfachste Weise aus eingerammten Pfählen und darüber gelegten Brettern eine Bank und ein Tisch hergestellt waren. „Das ist bis auf weiteres mein Empfangssalon", sagte er. „An schwellenden Polstern und weichen Teppichen leidet er freilich empfindlichen Mangel, schöneren Wandschmuck aber und einen herrlicheren Plafond —" dabei deutete er auf den umgebenden Wald und den in wolkenloser Bläue leuchtenden Himmel — „haben wohl selbst des Königs Prunkgemächer schwerlich aufzuweisen". Er lud sie zum Niedersitzen ein und richtete an einen der Soldaten, der augenscheinlich, bei ihm die Funktionen eines Dieners versah, einige befehlende Worte. Der Mann ging in das Blockhaus und brachte aus dem Innern desselben nach und nach alle Bestandteile eines richtigen Jägerfrühstücks zum Vorschein, kalte, hartgesottene Eier, den Rest einer am Spieß gebratenen Hirschkeule und einen mächtigen Laib groben schwarzen Brotes. Eine Korbflasche und zwei kleine silberne Becher machten den Beschluß der auf der roh gezimmerten Tafel erscheinenden Herrlichkeiten. Den Luxus eines Tischtuches freilich schien man hier nicht zu kennen, und statt der Schüsseln und Teller gab es lediglich kleine Holzplatten, die bei ihrer Sauberkeit indessen kaum weniger appetitlich waren. Das einzige vorhandene Besteck legte der aufwartende Husar neben den Holzteller Elisabeths, um sich dann auf einen Wink des Majors zu seinen Kameraden zurückzuziehen. „Mit Ihrer Erlaubnis, mein gnädiges Fräulein", sagte Sixtus, indem er ein saftiges Stück von dem Braten herabschnitt und es seinem schönen Gaste vorlegte. „Als die Tochter eines Soldaten werden Sie hoffentlich keinen Anstoß nehmen an dieser formlosen Art der Bewirtung". Er füllte die beiden Becher und reichte ihr mit artiger Verbeugung den ihren. Ehe sie ihn an die Lippen setzte, fragte Elisabeth: „Ohne Ihnen durch meine Neugier lästig fallen zu wollen, Herr Major — gedenken Sie noch längere Zeit in dieser Gegend zu bleiben?" Er zuckte die Achseln und erwiderte, ohne sie dabei anzusehen: „Das hängt zum Teil von Umständen ab, über die ich nicht gebieten kann. Da ich aber unter meinen Leuten einige schwer transportable Fieberkranke habe, möchte ich im Interesse dieser armen Burschen allerdings wünschen, daß ich noch nicht gar zu bald von hier aufbrechen muß". „Auf gute Nachbarschaft denn!" sagte sie, ihren Becher erhebend. „Bin ich heute Ihr Gast, dürfen Sie mir's nicht verweigern, morgen und an manchen folgenden Tagen der meinige zu sein". Er that ihr Bescheid, ohne indessen anders als durch eine Verneigung zu antworten. Dann, wie wenn er so rasch als möglich über ihre Einladung hinweggehen wollte, begann er von ihrem Vater zu sprechen, dem er offenbar noch immer eine sehr warme Verehrung bewahrte. Er war über alle Umstände seines heldenhaften Todes genau unterrichtet, und konnte Elisabeth sogar manches erzählen, das ihr selbst bis dahin unbekannt geblieben war. Auf die natürlichste Art von der Welt brachten ihre hier und da eingeworsenen Fragen ihn dann dahin, von seinen eigenen Kriegserlebnissen zu sprechen, und die Erinnerung an die großen Ereignisse, deren Zeuge er gewesen war, ließ allgemach den schmerzlichen Ernst aus feinen Zügen und die tiefe Traurigkeit aus seinen Augen verschwinden. Er war weit entfernt, seine Verdienste in besonders glänzende Beleuchtung zu rüden; aber als er sich einmal zu ihr herüberneigte, um ihren Becher aufs neue mit Wein zu füllen, sah sie — halb unter der Uniform versteckt — an seinem Halse das wohlbekannte achtspitzige Kreuz des Ordens pour le merite, das König Friedrich nur für besonders hervorragende militärische Leistungen oder außergewöhnlich tapfere Thaten zu verleihen pflegte. Während er von den ruhmreichen Schlachten und noch mehr von manchem tollkühnen Handstreich erzählte, an dem er mit seinem Korps beteiligt gewesen, war sein Wesen fast wieder von derselben Heiterkeit und Frische, die ihm dereinst ihr Herz gewonnen hatte, und so wurde Elisabeth doch zuletzt ihrem vorhin gefaßten Vorsatz untreu, keine neugierige Frage mehr an ihn zu richten. „Ich will mich gewiß nicht vorwitzig in militärische Geheimnisse drängen, Herr Major, aber ich möchte doch gern erfahren, ob dienstliche Interessen es wirklich unumgänglich notwendig machen, daß Sre mit Ihren Leuten unter freiem Himmel lagern, während sich ganz in der Nähe, zum Beispiel auf Lasdehnen, leicht genug Unterkunft für Mannschaften und Pferde schaffen ließe". So merkwürdig schnell verflog bei ihren Worten alle Munterkeit aus seinem Benehmen, daß sie sich int stillen verwundert fragte, durch welche Ungeschicklichkeit sie den jähen Wandel wohl verschuldet haben möge. Er zögerte zu antworten, dann aber erhob er mit einer stolzen Bewegung den Kopf und sagte freimütig: „Das gnädige Fräulein befinden sich da in einem Irrtum, den ich nicht länger bestehen lassen darf, ohne geradezu zum Lügner zu werden. Meine Leute und ich haben hier keinerlei dienstliche Interessen wahrzunehmen; denn wir sind nicht, wie Sie ohne Zweifel glauben, Soldaten Seiner Majestät des Königs von Preußen. Das Freikorps, dem wir angehörten, ist seit mehr als Jahresfrist durch königliche Ordre aufgelöst". Elisabeth war von dieser Mitteilung aufs äußerste überrascht, und in der ersten Betroffenheit entschlüpfte ihr die etwas unvorsichtige Frage: „Aber wenn es sich so verhält, Herr Major, als was sonst sind Sie denn hier?" Sixtus leerte den Rest seines Bechers und stand auf. „Sie sollten mir die Antwort darauf erlassen, mein gnädiges Fräulein", sagte er düster. „Unsere Begegnung ist wie ein letzter Sonnenblick in mein dunkles Dasein gefallen, und ich wäre glückliche gewesen, wenn ich während des karg bemessenen Restes meiner irdischen Laufbahn ohne ein Gefühl der Beschämung an Sie hätte zurückdenken können. Sie wollen mich jetzt daran hindern, indem Sie mich zu einer Auskunft nötigen, die mir unter allen Umständen Ihre Verachtung eintragen muß". „Meine Verachtung? Nimmermehr!" rief das junge Mädchen im Tone einer unerschütterlichen Ueberzeuguug. „Ich weiß wohl, daß ich kein Recht auf Ihr Vertrauen habe; aber ich weiß auch, daß nichts, was Sie mir sagen können, meine Achtung und meine Dankbarkeit zu verringern vermöchte". Sixtus atmete schwer. Sie sah, wie ihm unter der dunkel gebräunten Haut das Blut zum Gesicht gestiegen war. Klopfenden Herzens harrte sie aus seine Entgegnung, die lange, fast unerträglich lange auf sich! warten lieh. „Wohl, Fräulein von Marschall — mögen Sie es denn aus meinem Munde erfahren, was Sie über kurz über lang ja doch von den anderen hören würden. Wer ich denke, paß Sie vor allem den Wunsch haben, nach Lasdehnen zurückzukehren, ehe man sich dort wegen Ihres langen Ausbleibens ängstigt. Wenn Sie sich bereits stark genug fühlen, wieder in den Sattel zu steigen, werde ich Sie mit Ihrer Erlaubnis ein Stück Weges geleiten". Elisabeth durfte ihm natürlich nicht sagen, wie gern sie diesen Augenblick der Trennung noch recht lange hinausgeschoben hätte. Sie versicherte ihm also, daß die Ruhe 471 intb der Wein sie von den Nachwirkungen des ausgestandenen Schreckens vollkommen geheilt hätten, daß sie aber sein freundliches Anerbieten schon deshalb nicht zurückwersen dürfe, weil sie vorhin bei dem tollen Ritt jede Möglichkeit der Orientierung verloren habe. „Ich wüßte nicht einmal, nach welcher Richtung ich mich wenden muß, und ich gestehe, daß die Erinnerung an mein letztes Abenteuer noch zu frisch ist, um mich schon wieder Sehnsucht nach einem neuen empfinden zu lassen". „ Wenige Minuten später wurde ihr Brauner vorgeführt. Major Sixtus hob sie in den Sattel, und sie ritten davon, gefolgt von mehreren Husaren, die indessen auf einen Wink ihres Offiziers in ziemlich beträchtlicher Entfernung hinter ihnen blieben. (Fortsetzung folgt.) Reisebilder aus China. Von Wilh. F. Brand. Nachdruck verboten. IV. In Kiautschou. Welcher Deutsche könnte in unseren Tagen China berühren, ohne daß der Name Kiautschou einen besonderen Reiz auf ihn ausübte! — Es war eine ereignislose, eintönige Fahrt von Shanghai nach unserer deutschen „Pachtung" in China. Nicht ein einziges Fahrzeug war uns auf per ganzen Strecke begegnet, bis sich am Abend des zweiten Tages plötzlich der großartige Anblick einer festlich erleuchteten Szene uns darbot. Wir waren vor der Kiautschvu-Bucht angelangt und unmittelbar vor uns, noch außerhalb der eigentlichen Bucht, lag das ganze deutsche Kriegsgeschwader, von dem die Beleuchtung ausging; und kaum hatten wir uns vor Anker gelegt, als auf einmal neue Lichter auftauchten und dem ganzen Lichtmeer Leben und Bewegung verliehen. Das ging von den kleinen Dampfpinassen aus, die nun auf einmal von sämtlichen Schiffen abstießen und auf uns zukamen, sich die von uns mitgebrachte Post zu holen. Zugleich nahte nun auch eine Anzahl chinesischer Dschunken, und alsbald wimmelte es auf unserem kleinen Dampfer von deutschen Matrosen und chinesischen Schiffern, eine buntbewegte Szene im Dunkel der Nacht, nur von unseren Schiffslaternen beleuchtet. Bei Sonnenaufgang bot sich uns ein ganz neues Bild dar. Es war ein klarer Morgen, ziemliche kalt, aber durch eine freundliche Sonne lieblich erheitert und von jenen erwärmenden, prächtigen Lichteffekten übergossen, wie wir sie in südlichen Ländern gewahren und die direkt in — das Herz hineinstrahlen, ein typischer Kiautschpu-Morgen. Und wir erkannten nun leicht und nicht ohne ein erhebendes Gefühl aus eigener Anschauung, wie die deutsche Bucht außer anderen Vorzügen auch! den ausweift, recht malerisch gelegen zu sein. Der ganze, über das Landschaftsbild von Kiautschou ausgegossene, anheimelnde Hauch, das südliche Kolorit und das Gebilde der steil emporragenden, vielfach zerklüfteten, kahlen Berge erinnerte mich lebhaft an die Höhenzüge des Nils. Die Farbe ist dieselbe, gelbbraun, sandig, sonnenverbrannt, aber hier ist's nicht wirklich Sand, hier ist es ein fruchtbarer Boden. Und kahl und baumlos sind die Berge hier nur infolge der Mißwirtschaft der chinesischen Behörden und der Gedankenlosigkeit der chinesischen Bevölkerung. Und die deutschen Forstleute haben durch reichliche Baumanpflanzungen der ganzen Landschaft bereits ein wesentlich verändertes Aussehen verliehen. Tsintau liegt auf der kleinen Halbinsel, die sich von Nord ost nach! Südwest in die Kiautschou-Bucht hineinzieht und dieselbe in die Vorderbucht und die eigentliche Bucht teilt. Auf dieser Halbinsel befindet sich auch eine Anzahl chinesischer Forts oder wenigstens Lagerplätze, die mit einem großen Erdwall umgeben, hübsch an geschützten Stellen, gewöhnlich in Vertiefungen errichtet sind, als ob jedes Mal die Msicht zu Grunde gelegen habe, daß dieselben von den umliegenden Höhenzügen aus mit etlichen Kanonen möglichst gründlich bearbeitet werden könnten, wie das bei unserer Besitzergreifung der Küste bei dem geringsten Widerstand auch sicherlich geschehen wäre. Aufgepflanzt waren die deutschen Geschütze ja bereits an den geeigneten Stätten. Zwischen dem Dorfe und der eigentlichen Bucht wird die künftige deutsche Stadt errichtet. Südlich davon, am offenen Meere, von zackigen Klippen umrahmt, dürfte das — „Villen-Quartier" erstehen. Auf den Vorgebirgen zu beiden Seiten des Einganges der Bucht sind natürlich: die Hauptbefestigungen angelegt. Nördlich von Tsintau, durch einen Höhenzug davon abgegrenzt, ist der Platz für die Chinesenstadt, und dort in der eigentlichen Bucht, wo hart am Gestade zwei kleine Inseln eben aus dem Wasser emporragen, wird ein Wellenbrecher zum Schutze gegen den widerlichen Nord-Ost-Monsun errichtet und der Hafen angelegt. Ja, was aus Tsintau nicht noch alles werden — kann! Indessen, wäre es immer noch zu früh von der künftigen Bedeutung Kiautschpus viel Aufsehens machen zu wollen, so kann man doch noch viel weniger behaupten, die daran geknüpften Erwartungen ließen sich nicht erfüllen. Jedenfalls dürfte.es an der ganzen chinesischen Mste keine geeignetere Stätte für einen Hafen geben. Man braucht deshalb ja nun nicht gleich daran zu denken, daß Tsintau bald sogar solche mächtige Handelsplätze wie Shanghai und Hongkong überflügeln wird. Aber wenn wir einmal lediglich die natürliche Beschäffenheit der Hafenplätze als solcher ins Auge fassen, so kommen sie dem deutschen Hafen jedenfalls nicht gleich. Die Einfahrt in denselben ist ganz unabhängig von Ebbe und Flut, leicht und ungefährlich! und kann zu jeder Stunde bei Nacht und bei Tage geschehen. Wir wissen auch, das dem Welthandel noch, fast uneröffnete südliche Schantung ist ein fruchtbares Land. Es werden nicht nur Weizen, Gerste, Bohnen, Hirse, süße Kartoffeln, Obst und ein prächtiger Kohl hier gebaut, sondern der Boden ist auch für Weinbau und Seidenindustrie geeignet. Dazu giebt es reichhaltige Kohlenlager im Innern. Da tönte plötzlich wüstes Lärmen an mein Ohr! Trommel-Gewirbel! Was ist das? Lauter und lauter! Das sind keine deutschen Trommeln. Jetzt klingt auch das Tam-Tam mit ein. Sind die Chinesen plötzlich im Anzug. Ich eile aus der primitiven Behausung, in die ich mittlerweile vom Dampfer aus übergesiedelt war, ins Freie. Ein mächtiger Bär richtet sich plötzlich vor mir auf und — tanzt, tanzt nach der Musik von Trommeln und Tam-Tam. Und ringsum stehen die Zuschauer in dichtgedrängten Massen. Es ist eine Szene wie aus dem deutschen Jahrmarktsleben. Und wenn ich dann beobachte, wie die Kinder aufjauchzen, und die Alten vergnüglich: dreinschauen, und weiter abseits die Buben sich balgen, die Weiber schwätzen, und die Männer ihr Pfeifchen rauchen — alles ganz wie bei uns —, da fällt es mir wieder und wieder auf, wie doch: die Menfchen überall eben Menschen sind. Die Chinesen mögen die Ausländer nicht lieben. Sie trieben uns gewiß gern alle auf das Meer zurück. Aber was sie insgesamt hoch schätzen, das sind die „Käsch", gleichviel woher sie kommen. Davon haben die „ausländischen Teufel" ja so viel, daß sie auch den Chinesen gern zu verdienen geben. Die Deutschen zahlen gar hohen Lohn. Kann doch ein Mann bei ihnen täglich seine 180 bis 200 Käsch erwerben. So etwas ist in Kiautschou noch nicht dagewesen, denn das sind ungefähr vierzig deutsche Reichspfennige. Auf dem freien Platze, wo der Bär tanzt, steht der alte Tempel von Tsintau. Welch ein Gegensatz! Hier das an die Heimat erinnernde Jahrmarkts-Bild, dicht daneben der altertümliche Tempel mit seinen Götzenbildern, wahrhaften Schreckgespenstern, mit seinem alten, so entsetzlich schmutzigen Priester und dem noch älteren und noch schmutzigeren, fast ganz erblindeten „Hohenpriester". Eine trübselige Stimmung überkommt uns plötzlich wieder bei dem Gedanken, auf welcher niedrigen Stufe der Mltur doch die Nation stehen muß, die solche Tempel mit solchen Götzen und solchen Priestern aufweist. Und doch! — wiederum ein merkwürdiger Gegensatz — was für Räume sind das dort, die sich auf dem Tempelhof befinden und zu denk Tempel selbst gehören? Es sind die „Fremdenzimmer", wo jeder Reisende unentgeltlich ein Unterkommen findet. Wohl sind sie dürftig und schmutzig, und der Gedanke, diese allerdings recht freundlich und wohlwollend dreinschauenden. 472 die — r d — . S — . n — I - . ü • u, E . . a . t — .! t d -r- : . —'n S . . a . t — .! LrtterarLfches. Wilh. F. Brand: Reise um die Welt. Leipzig, Verlag von B. Elischer Nachfolger, 1899. Preis eleg. geh. 4 Mk., geb. 5 Mk. Ein brillant geschriebenes, ungemein interessantes und höchst lesenswertes Buch! Wilh. F. Brand hat sich bereits durch seine Bücher „Allerlei aus Albion" und „London life" als Reiseschriftsteller einen guten Namen gemacht, und sein neuestes Werk, das aus einer Reihe auf der Reise und unter dem unmittelbaren Eindrücke des Erlebten verfaßter Feuilletons besteht, ist durchaus geignet, noch weitere Kreise des deutschen Lesepublikums auf ihn aufmerksam zu machen. Er hat eine scharfe Beobachtungsgabe, ist immer und überall gut eingeführt, verbindet die vornehme Anschauung des Gentleman mit strenger Wahrheitsliebe, hat einen liebenswürdigen Humor und versteht es ausgezeichnet, das Ernste und Wissenswerte bei der Schilderung von Land und Leuten in frischem Plaudertone mit heiteren Anekdoten zu verbinden. Mag er uns das Leben und Treiben aus den Schiffen während der Seereisen schildern oder unZ ein lebendiges Bild der Länder, Städte und Menschen zeichnen, zu denen er uns führt — immer weiß er in eigenartiger Weise Neues zu entdecken, Unbekanntes mitzuteilen, unsere Kenntnisse zu bereichern rmd unsere Vorstellungen zu berichtigen. Und dabei schreibt er so anziehend, so spannend, daß man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Auf seiner „Reise um die Welt" führt Brand den Leser zunächst um Westeuropa herum nach Aegypten und erzählt uns mancherlei vom Lande der Pharaonen, das wir trotz aller Reiseberichte über dasselbe noch nicht wußten. Dann geht es durch den Suez-Kanal und das Rote Meernach Ceylon, und unterwegs erfahren wir höchst interessante Einzelheiten über Arabien. Die Schilderung von Ceylon, wo Brand sich längere Zeit aufgehalten hat, enthält eine ganz neue Welt und gehört zum Besten, was über diese Insel und ihre Bewohner geschrieben worden ist. Alsdann werden wir über Singapore und Hongkong nach China geführt, wobei wir mit dem Verfasser einen ungemein lehrreichen Ausflug nach Kanton machen, um dann über Shanghai nach Kiautschon zu gehen und dort unsere neueste Kolonie aus's genaueste kennen zu lernen. Nach längerem Verweilen in „Deutsch-China" reifen wir mit Brand nach Japan, um hier eingehende Studien zu machen. Brand hat einem Feste des Mikado beigewohnt und den „Bismarck des Ostens", den Marquis Ito, interviewt, worüber er sehr interessante Mitteilungen macht. Besonders hervorzuheben ist es auch, daß der Verfasser in das Innere der japanischen Inseln gedrungen ist und hierüber vieles ganz Neue berichtet. Daun geht es wieder über's Meer nach Hawaii, wo Brand eine pikante Unterredung mit der Prinzessin Kainlani hatte. Und endlich gelangen wir mit ihm nach Nordamerika und lesen mit fliegendem Atem seine Schilderungen der Mormonenstadt, des Niagara und der großen nordamerikanischen Städte mit ihrem bunten Leben und Treiben. Auch hier weiß Brand ganz neue Saiten anzuschlagen, und Licht und Schatten so offen und gerecht zu verteilen, daß wir ihn mit Bedauern den „Barbarossa" in New-York besteigen und nach Hause fahren sehen. Wir können Brands „Reise um die Welt" nur aus's wärmste zur Lektüre empfehlen, und sind überzeugt, daß niemand, sei er nun ein Privatmann, der gern von fernen Völkern und Ländern Kunde erhält, oder ein Geschäftsmann, dem die Kenntnis überseeischer Verhältnisse notwendig ist, das Buch unbefriedigt aus der Hand legen wird. Ergänzungsrätsel. Nachdruck verboten. In den nachstehenden Wörtern sind die Striche durch Vokale und Punkte durch Konsonanten sinngemäß zu ergänzen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Not bricht Eisen. aber mit einer Schmutzkruste von oben bis unten überzogenen alten Götzenpriester immerfort um sich zu haben, wird vollends unerträglich. Indessen so etwas sicht ja die Chinesen weniger an, und der Brauch, der in dem der „Gasthöfe" beinahe noch gänzlich entbehrenden China allgemein ist, der Brauch, daß die Tempel dem Rersendeu ein freies Obdach gewähren, ist immerhin ebenso überraschend, wie anerkennenswert. Doch giebt es in Tsintau glücklicherweise daneben heute aber auch schon deutsche „Gasthöfe". , Bald nach der Besitzergreifung von Kiantschon hatte ich eine Unterredung mit dem Marquis Ito, dem Minister- Präsidenten Japans, die in meinem letzthin veröffentlichten Buch „Reise um die Welt" *) im einzelnen wiedergegeben ist. Der „Bismarck des Ostens" antwortete mir damals aus mein Befragen über diesen Punkt vorsichtig und nach! einigem Zögern: „Die Besitzergreifung der Bucht mag ja eine wesentliche Errungenschaft für Deutschland sein, und andere, von anderen Völkern offenbar geplante ähnliche Schritte mögen einen ebenso großen Erfolg aufweisen — vielleicht! — Wer weiß! — Sie mögen aber auch; eine Art Kuba für ihre Besitzer werden — was Kuba für dre Spanier geworden." , Nun, wir kennen ja den Standpunkt Japans trt Bezug auf China. Nach den neuerlichen Vorgängen in diesem Lande ist es ja nicht ausgeschlossen, daß uns der Besitz Kiautschous noch streitig gemacht werden, noch blutige Opfer auferlegen mag. Aber wir wissen auch, daß, wo dre deutsche Flagge einmal aufgehißt ist, dieselbe niemals wieder eingezogen wird! *) Verlag von B. Elischer Nachfolger in Leipzig. Preis Mk. 4., geb. Mk. 5. (Vgl. Litterarisches.) Humoristisches. Immer derselbe. Dame: „O, ich bin meistens heiter, nur manchmal habe ich so trübe, nachdenkliche Stunden!" — Student: „Ach so! Nicht wahr, so gegen deu Seiten ^cTiitn ?/z Kindlich. Lehrerin ldie den Kindern vom „Dornröschen" erzählt): „Womit hat also der Prinz das Dornröschen aufgeweckt? Was gab er dem Dornröschen? (Mariechen schweigt.) Nun, Mariechen, er gab ihm doch dasselbe, womit Dich morgens Deine Mutter betm Erwachen begrüßt! Was gab er ihm also?" — Mariechen: „Einen Lössel Leberthran!" t — . — . u . 6 GemetWItÄizigss. Chinesische und japanische Weinreben in Frankreich! Die neueste Nummer des praktischen Ratgebers im Obst- und Gartenbau bringt hochinteressante und auch für uns Deutsche beachtenswerte Mitteilungen über Erfolge, die man in Frankreich mit der Einführung chinesischer und japanischer Weinreben erzielt hat. Herr Caplat, der Maire von Damigny im Gebiete von Almcon, westlich von Paris, hat die ersten Versuche damit im Jahre 1882 gemacht, in dem Bestreben, den Weinbau in seiner hochgelegenen rauhen Heimat zu.ermöglichen, und diese Versuche sind so glänzend ausgefallen, daß die chinesischen und japanischen Reben sich schnell in Frankreich zu verbreiten beginnen. Sie sind völlig winterhart, unempfindlich gegen Krankheiten, anspruchslos an Boden und Klima, üppig im Wachstum und reichtragend. Die Beeren sind rund, haben eine dünne, dabei feste Haut und sind von großem Wohlgeschmack. Auf der Hochfläche in rauher Lage reifen sie Mitte September. Die aus den Beeren gekelterten Weine sind jetzt im Auftrage des Landwirtschafts- Ministers vom Professor Lindet analysiert und haben nach dessen Gutachten vorzügliche Eigenschaften, die ohne Zweifel im Weinhandel noch eine große Bedeutung erlangen werden. Die Nummer des praktischen Ratgebers, die den betr. Aufsatz enthält, wird aus Wunsch vom Geschäftsamt in Frankfurt a. Oder gern umsonst zugeschickt. Um Schuhw erk vollkommen wasserdicht zu machen. Man nehme ein halbes Liter Klauenöl und ein Viertelliter Leinöl und koche sie miteinander. Damit reibt man die Schuhe am Feuer so lange ein, bis sie vollkommen damit gesättigt sind. Tie Sohlen eleganter Stiefel könneU durch dieselbe Mischung undurchdringlich für Regen und Schnee gemacht werden. „ , , Reinigung von Maschinenteilen. Um durch Schmieröl und Staub klebrig gewordene Maschmenterle zu reinigen, nehme man auf 1OOO Gewichtsterle Wasser 10 bis 15 Gewichtsteile kaustischer Soda oder Aetznatron und 100 Teile gewöhnlicher Soda. Diese Mischung lasse man kochen, lege die Maschinenteile hinein, und alles Fett Oel und Schmutz wird sich rasch ablösen, man braucht dann nur noch das Metall abzuspülen und gut zu trocknen. Wehrfttw: e. ®nrt*«r»t. — Druck UN» Setlag der Brühl'sch« UntdersitStt-vuch. und Stetndrmkerei (Piets» Erden, in «ießen. H — . t —- r . i . h d — i n . - h . — n . -