Nachdruck verboten. Das Pflegekind. Roman von Elsbeth Meyer-Förster. (Fortsetzung.) Die Dame am Schalter hatte einen Bahnbeamten aufmerksam gemacht, höflich trat er an Nettchen heran. Wohin sie wolle? Sie schlug die Augen zu dem Frager auf. Er sah in ein blasses, verwirrtes, vom schwarzen Trauerschleier wie von Schatten eingerahmtes Gesicht. „Cologne!" flüsterte sie ein zweites Mal. Der Beamte nahm ihr das Billet aus der Hand und prüfte es. wMais ga presse vivement,“ rief er auS. „Venez, madame, s’il vous plait.“ Er führte sie zu dem bereits aus dem Perron stehenden Personenzug. „Eine Kranke" dachte er, „und so etwas läßt man allein in der Fremde herumziehen". Väterlich half er ihr in das Frauencoupee, in dem schon eine dicke, alte Bäuerin aus der Normandie mit verschiedenen Marktkörben Platz genommen hatte. „Attention s’il vousplait, madame, c’estunepetitemalade!“ schrie er der Dicken zu, während der Zug sich langsam vorwärts zu bewegen begann. Dann legte er die Hand an die Mütze, und grüßte militärische nach dem Coupee dritter Klasse hin. Es war ihm, als müsse er der davonfahrenden Fremden, der niemand das Geleit gab, niemand einen Gruß zuwinkte, einen Liebesdienst erweisen. In Jeumont stieg die Bäuerin aus, die abgesehen von ihrer Taubheit, schon ihrer großen, wollenen Mütze wegen den Zuruf des Beamten gar nicht hätte vernehmen können. Die junge Frau blieb allein im Coupee, schloß die Fenster, lehnte sich zurück und blickte in die langen Abendschatten, welche langsam über die Felder niedersanken. Dann schloß sie ermüdet die Augen und glitt in Schlummer hinüber. Sie schlief lange, tief und fest, von dem Rollen der Räder dem Schlottern und Puffen und Brummen unter sich ganz betäubt. Es war ein Schlaf, in dem sich ihre wreder zum Leben genesene, nur noch unendlich schwache imd zusammengesunkene Natur zum ersten Male fett Wochen wieder erhob, sich förmlich streckte und dehnte. Als ste erwachte, hatte sie zwölf Stunden fest und ttef ge1900 ib.pyH in gelassener Mensch soll nicht allezeit lugend sein, was er bedürfe; er soll lugend sein, was er entbehren möge. schlummert. Sie richtete sich auf, rieb sich die Augen und blickte sich staunend um. Der inüde Druck in ihrem Gehirn war beinah ganz gewichen. Die Nacht war vorbei, die ersten Morgenstrahlen drangen durch die geschlossenen Vorhänge in das Kupee. Es mochte drei Uhr morgens sein. Eine wallende, wogende Glut schien draußen vor den Fenstern zu schwimtnen, — Nettchen schob die Vorhänge zurück, und geblendet sah sie hinaus in den Sonnenaufgang. Alles glühte, lohte, schien in unendlicher Freude zu glänzen, die reichen, gelben Kornfelder waren von rosa Licht umflossen, in dem Weiher, an dem der Zug vorbeiflog, zuckten unzählige, rotgelbe Speere auf. Ein trunkenes Schwalbengeschrei girrte unter dem Himmel, die Welt schien von heller, jubelnder Freude erfüllt. „Herbesthal!" rief die Stimme des Schaffners, die Coupeethüren wurden aufgerissen, Menschen strömten herbei. „Hier! — Steig ein! — Leb wohl! — Grüße alle!" schwirrte es an Nettchens Ohren, sie fuhr auf, starrte hinaus, und Thränen stürzten über ihre Wangen. Deutsche Laute, deutsche Herzen keine eisige, grausame Fremde mehr, die das Herz erstarren macht, — Heimat! Heimat!!! Schluchzen erschütterte sie, das Eis, die Erstarrung waren gebrochen. Unaufhaltsam, wie aus getauten Quellen, flutete es aus ihren Augen, ihre Seele bebte und weinte, und doch floß unendliches Glückgefühl in diesen tiefen, erlösenden Schmerz. Erwacht war das erstarrte Bewußtsein, sie konnte wieder fühlen, konnte denken, — der furchtbare Bann, der die Seele nad) den Ereignissen der letzten Wochen niedergehalten hatte, war genommen, — sie war gerettet! — Gerettet zum Leben sein, wenn man der Verzweiflung so nahe gewesen ist — Nettchen faltete die Hände, ein immer wieder heißes Schluchzen erschütterte sie. Die Erinnerungen kamen, tauten auf in ihr, eine nach der anderen, sie sah wieder die Mietskaserne auf Montmartre und ihr ödes, fremdes Heim, sah den kleinen Grabhügel mit der winzigen Tafel, und sie hob den Blick zum Himmel und sagte: „Gott, Du hast es wohl gemacht!" Fremde Frauen stiegen ein, sie sprachen die junge Frau in Trauerkleidern au, und sie antwortete mit einer dankbaren, erschütterten Stimme. Freundliche, teilnehmende Worte drängten zu ihr hin, wie streichelnde Hände, sie fühlte Mitleid und Güte, man reichte ihr Wein, und fragte sie nach ihrer Weiterreise. „Berlin, — dort habe ich Angehörige!" Und bei dem Gedanken, daß sie dem allen so nahe sei, deir Menschen, die sie einst liebten, die sie verlassen hatte, zuckte Sehnsucht durch ihr Herz, leidenschaftliches Verlangen, vor sie hinzutreten, sich niederzuwerfen und um Verzeihung zu flehen. 218 — Nur noch vierzehn Stunden", sagte eine der Frauen, „dann sind Sie dort!" Nettchen wiederholte das Wort wie etwas Unfaßbares. Vierzehn Stunden! Konnten die je zu Ende gehen? Auf der Hinreise nach Paris — damals — in jener fernen, jetzt so weit liegenden Zeit waren ihr die Stunden verflogen wie Minuten, Sehnsucht nach dem fremden Lande hatten sie gekürzt — jetzt schlichen sie hin gleich Jahren, und das Ziel, Berlin, die Heimat, schren ferner zu rücken mit jeder Station, die der Zug erreichte, die immer noch Meilen und Meilen zwischen sie und den Ort der Sehnsucht drängte. — Schöner, sonniger Sommernachmittag lachte über der Spreestadt, als Nettchen den Kölner Zug verließ, und sich dem Ausgang des Bahnhofes zuwandte. Ihr Herz klopfte in wilden Schlägen, sie hätte auf- jauchzen, die Arme öffnen und die Heimat, die teure, geliebte Heimat an ihre Brust pressen mögen. Alle Menschen schienen ihr schön und liebenswert, und die ganze Stadt in himmlische Farbe getaucht! Heimatsjubel sondergleichen erfüllte sie, ein Gefühl der Geborgenheit, — sie hätte sich mögen auf einen Stein vor fremder Hausthür setzen, und dort sorglos ruhen, erfüllt von dem Bewußtsein daheim zu sein, bet Menschen, die ihre Sprache verstanden.--— Es war staubig und warm in der Friedrichstraße, aber Nettchen atmete beim Verlassen der Bahnhofshalle die Luft mit vollen, durstigen Zügen ein. Alles was um sie herum vorging, das Eilen, Hasten, Rufen, Schreien erfüllte sie mit Spannung, die Eis- und Früchteverkäufer, die Blumenmädchen, Zeitungsmänner und Zettelträger zogen ihre Augen immer wieder magnetisch an, während sie sich jetzt durch das Gewühl schob, den Linden zu. Der Omnibus brachte sie hinaus nach Moabit. Das war der Stadtteil, in dem sie ihre Jugend zugebracht hatte, vom großen mächtigen Berlin erst ihre wahre Her- mat, und sie fühlte ihr Herz bei jedem bekannten Ladenschild, jeder vertrauten Straßenecke erbeben. Einst, als sie von den Ihren fortzog, um „Stub' und Küch'" zu suchen, war sie kalt von dem allen geschieden — damals wußte ste noch nicht was Scheiden und Meiden heißt. Eine wie andere war sie geworden!! — Ein ganzes Menschenleben schien ihr zwischen heut und diesen Jugendjahren zu hegen; und dennoch — sie rechnete fieberhaft nach — noch keine acht Jahr waren's her. Mit sechzehn war sie damals tn das Zentrum hinausgezogen, in die kleine Hofwohnung, in der Paul sie vergebens suchte. Erinnerung an Erinnerung stieg nun in ihr auf. Dort, weit drüben im Süden, lag die Hasenheide, in der sie damals in ihrem Tyroler Röckchen am Schießstande fungiert hatte, geschäftig und übermütig im ganzen Glanze ihrer gesunden Jugend, — „mal schießen, mein Herr?" hörte sie sich im Geiste rufen, und ein Lächeln flog über ihr verhärmtes Gesicht. O goldene, mutige Jugend! Jetzt war sie kaum fünfundzwanzig Jahr — noch jung — und dennoch innerlich tote müde, tote hoffnungslos und getäuscht. — Mit hastiger Eile verließ sie das rumpelnde Gefährt, als von weitem die Straßenecke sichtbar wurde, die ihr Ziel war. Alte, gute, freundliche Straße, unverändert und doch wieder neu, mit eleganten Häusern, die sich an die bescheidenen Mietskasernen älterer Herkunft anschlossen; neue Ladenschilder, andere Gesichter — von den Kindern, die vor den Thüren spielten, nicht ein einziges bekannt! Jetzt trat das Wohnhaus, in dem Nettchen ihre Jugend verlebt hatte aus der schräggehenden Seite hervor, — lauter klopfte Nettchens Herz, sie lief tote gejagt dem Eingänge zu, die Treppen hinan. Erst als sie die Klingel zog, sah sie das fremde Schild, und ihre Hand sank herab. Wie hatte sie auch glauben können! Sechs Jahre waren verrauscht, seit sie davongegangen war, und sie hätte geglaubt, alles wie einst finden zu müssen! Ein fremder Name stand auf dem Schilde. Eine fremde Frau öffnete die Thür. Als Nettchen ihre Frage hervorgestottert hatte, schüttelte die Fremde den Kopf. Brinkmann? Sie kannte den Namen nicht. Sie wohnte seit zwei Jahren in dem Hause. Vorher hatte ein Postassistent Meißner die Wohnung inne gehabt. „Wo der Wirt wohne, bei dem man sich erkundigen könne?" fragte Nettchen tonlos. Die Enttäuschung hatte te unvermutet getroffen. Man bezeichnete ihr die Wohnung des Wirtes, in der- elben Straße. Aber auch dieser wußte nichts. Es war aiwt mehr der alte Hauswirt, dem Nettchen seinerzeit io manches Hühnchen zu rupfen gegeben hatte; ein junger, eiliger Geschäftsmann, der nicht viel Zeit für die nutzlose Frage hatte. Brinkmann, — kannte er einfach nicht. Er hatte das Haus seit zwei Jahren übernommen. Sein Onkel, der alte Seifensieder Blaschke, dem es' vordem gehört hatte, war seit drei Jahren tot. ,Trei ,Jahre, zwei Jahre, zweieinhalbes Jahr", - die Worte schwirrten Nettchen im Kopfe — es klang so abweisend, entmutigend, jetzt erst fühlte sie die Bedeutung dieser Worte. Jahre hatte sie sich um die Ihren Nicht gekümmert, und nun, nachdem das Schicksal sie auf dre alte Scholle zurückgetrieben, verlangte sie, alle wiederzufinden wie einst.-- (Fortsetzung folgt.) Standeserhöhmgen. Von Karl Rudolfs. (Nachdruck verboten.) Hier und da bringt der „Deutsche Reichsanzeiger" als Publikationsorgan der preußischen Regierung die Nachricht, daß dieser oder jener hohe Offizier und Beamte oder ein erbangesessener Rittergutsbesitzer geadelt worden ist. Die wenigen Dutzend Familien, welche aus dtese Weise für sich und ihre Nachkommen alljährlich die Nobilitterung erlangen, verschwinden in der Bevölkerung Deutschlands bezw. Preußens, und nur wenn es sich um die hohen Adelsprädikate, nämlich den Fürsten- bezw. Herzogstttel handelt, pflegt die Allgemeinheit darauf aufmerksam zu werden, daß das Wörtchen „von" mit seinen Potenzter- ungen auch in einer Zeit, die mit den Vorrechten einzelner Stände gründlich aufgeräumt zu haben scheint, seinen Wert hat. Gerade die Entwickelung des deutschen Volkes aus den Uranfängen seiner Kultur zeigt deutlicher als bei jeder anderen Nation die Entstehung des Adels aus zwet von einander sehr verschiedenen Wurzeln, nämlich einerseits aus der Abstammung von Familien, welche in einer längeren Reihe von Generationen durch Reichtum, Macht, Waffentüchtigkeit ober geistige Vorzüge sich eine privilegierte Stellung zu verschaffen wußten, dank welcher sie in jener — man möchte wohl am treffendsten sagen — Kaste Aufnahme fanden, aus welcher die Stammeskönige, Fürsten und Priester entnommen wurden, und andererseits ans der Tätigkeit im Dienste des mittelalterlichen Staates, der nicht über ein durch Studien, Examina und praktische Vorbereitung gedrilltes Beamtentum, wie es die neueren Zeiten überall herangezogen haben, verfügte, sondern erprobte und tüchtige Männer ohne weiteres an wichtige Stellen setzte und, wenn deren Nachkommenschaft sich einigermaßen als zuverlässig erwies, in der nächsten Generation seine Stellen lieber mit diesen Nachkommen, als mit fremden Leuten besetzte. Ein wichtiger Satz der Darwinschen Theorie, der übrigens bedingungslos acceptiert worden ist und von jedem Tierzüchter täglich in die Praxis übersetzt wird, nimmt an, daß die Vorzüge der elterlichen Individuen mit großer Wahrscheinlichkeit, wenn nicht andere störende Einflüsse obwalten, in der Deseendenz wiederkehren und sich entsprechend steigern können. Was der berühmte Naturforscher nun hinsichtlich der grob physiologischen Eigenschaften der Tiere als Wahrheit hinstellte, wird, wenngleich der verbissenste Kritikus das Gegenteil behauptet, von uralten Zeiten her auch hinsichtlich der geistigen Vorzüge der Menschen überall geglaubt und von den breiten Mafien ohne genauere Prüfung hingeNMnmen. Im Reiche der auf- aehenden Sonne wie in jenem des gelben Drachen, in Indien, der Wiege der Menschheit, wie unter allen europäischen Völkern, welche ja von dort ihren Ursprung ab- leiten, hat sich aus dem thaisächlichen, durch längere Zett geübten Besitz der Macht immer ein erbliches persönliches Vorrecht herausgebild^i — der Adel. 219 — Mag der Dichter auch fragen: „Als Adam hoch und Eva spann, „Wo war denn da der Edelmann?" Thatsache bleibt, daß sich überall Geschlechter herausbildeten, die die Ernte einzuheimsen geboren waren und gleichzeitig eine besondere Befähigung sich zuschrieben, die Massen des Volkes zu regieren und den Staat zu verwalten. Wie sich unter den in den verschiedenen Staatswesen herrschenden Verhältnissen der Adel differenzierte, läßt sich im ersten besten Konversationslexikon nachlesen. Hier soll aber nur von einigen .Absonderlichkeiten die Rede sein, welche bei Standeserhöhungen teils bis in die neueste Zeit bestanden haben, teils noch bestehen. Der Adel in Deutschland ist im streng juristischen Sinne des in Geltung stehenden öffentlichen Rechtes kein besonderer Stand mehr, sondern ein vom Staate geschützter, meist erblicher Titel. Mit diesem können unter Umständen auch gewisse Vorrechte verbunden sein, was heutzutage allerdings jtur noch vom hohen Adel gilt, der sich aus dem Zusammenbruch des heiligen römischen Reiches deutscher Nation durch die deutsche Bundesakte vom 8. Juni 1815 das Recht der Ebenbürtigkeit mit den regierenden Häusern, Befreiung vom Militärdienst, ferner die Berechtigung zu autonomen Bestimmungen über ihre Güter und Familienverhältnisse und einige andere unbedeutende Vorrechte gerettet hat. Während nun zu den Zeiten des alten Deutschen Reschs des Kaisers Majestät die „Reichsstandschaft" und damit die Zugehörigkeit zum hohen Adel verleihen konnte, bildet dieser eigentlich heute eine abgeschlossene Kaste, und wenn der erste Kanzler des neuen Deutschlands allmählich vom einfachen Herrn von Bismarck zum Herzog von Lauenburg erhoben wurde und ganz vor kurzem aus dem Grafen ein Fürst Eulenburg und aus dem Fürsten Hatzfeld ein Herzog von Trachenberg wurde, so sind diese deswegen doch nicht ans dem niederen Adel in den hohen ausgestiegen. Wenn die relative Seltenheit der Erhebungen in den Adelsstand und der Erhöhungen innerhalb desselben in Deutschland dazu führt, daß den Trägern dieser Titel zum mindesten ein gesellschaftlicher Vorzug innewohnt, den man nicht ableugnen kann, wie immer man sich auch sonst aus inneren Gründen zur Berechtigung der Adelsprädikate im Interesse des neuzeitlichen Staates stellen mag, so ändert sich der soziale Wert des Adels, sowie wir die Reichsgrenzen nach Süden oder Osten zu verlassen. Schon im stammverwandten Deutsch-Oesterreich glaubt mau noch heute vielfach den Nichtadeligen im gesellschaftlichen Verkehr durch die Anrede „Herr von N." zu ehren, wenn man auch ganz genau weiß, eine schlichtbürgerliche Persönlichkeit vor sich zu haben. Daneben entdeckt man aber auch eine Legion von Adeligen, deren Adelsbrief oft erst wenige Jahre oder längstens zwei bis drei Generationen alt ist. Die Ursache dieser wahrhaften Ueberschwemmung mit Nobilität liegt in 'zwei noch jetzt zu>Recht bestehenden Bestimmungen Maria Theresias aus dem Jahre 1757 und des Kaisers Franz I. von 1811, wonach deren ersterer alle bürgerlichen Offiziere, welche ununterbrochen 30 Jahre in der Armee gedient haben, einen gesetzlichen Anspruch auf taxfreie Erhebung in den Adelsstand besitzen, während letztere Verordnung adeligen Offizieren nach ebenfalls 30 jähriger Dienstzeit gegen Entrichtung der halben, immerhin hübsch hohen Taxe im Betrage von 1575 Gulden in Gold ein Recht aus den Freiherrntitel giebt. Infolgedessen sind schon die Barone weit zahlreicher als anderswo, aber das Gros des neuen Adels stellen doch tausende von Offiziersfamilien, deren Familienhaupt vor kürzerer oder längerer Zeit die auf dem Präsentierbrett angebotene Nobilitierung vielleichtweniger aus eigenem Ehrgeiz, als wegen des unzweifelhaft besseren Fortkommens der Nachkommenschaft annahm. Hunderte von Offizieren traten um und nach der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aus den kleinen Armeekontingenten der süd- und westdeutschen Mittel- und Kleinstaaten, in denen die Beförderungsverhältnise sehr ungünstig waren, in die Dienste Oesterreichs, welches damals nicht genug Offiziere bekommen konnte; und so finden wir dort zahllose Offiziersfamilien reichsdeutscher Abstammung mit klangvollen Prädikaten, deren Vetternschast am Rheine und in Süddeutschland noch, bürgerlich ist. Uebrigens ist die hierbei mittvirkende Behörde, das Wiener Heroldsamt, bei der Ersinnung der zu verleihenden Beinamen nicht unwitzig; Ofenheim, der berüchtigte Erbauer der durch Galizien nach Rumänien herunterführenden Eisenbahnen, erhielt wegen der Richtung der letzteren nach, dem schwarzen Meere den Beinamen Ritter von Pont Euxin und ob ein bekannter österreichischer Journalist und Lustspieldichter besonders entzückt war, als man ihm den Adelstitel „Ritter von Salda Penna", d. i. „Ritter von der bezahlten Feder" verlieh, mag auch dahin gestellt bleiben. Böse liegen die Verhältnisse in der Polackei Oesterreichs tote Rußlands; denn hier wimmelt es von Personen, welche auf Grund angemaßten oder wirklichen Adels das Recht beanspruchen, gelegentlich einmal Polen zu retten, welches gerade dank der Ueberhebung und Uneinigkeit seines Adels vor etwas mehr als einem Jahrhundert so jämmerlich verkrachte. Die gelegentliche amtliche Aufforderung, die Berechtigung zur Führung des Adelsprädikats nachzuweisen oder den Gebrauch desselben wegen Nichteintragung in die Matrikel zu unterlassen, hilft wenig; denn in der That ist ein größerer Bruchteil der Bevölkerung als irgend wo anders adlig, da die polnischen Könige vor mehreren hundert Jahren die Gepflogenheit hatten, häufig ganze Truppenkörper wegen der Teilnahwe an einer siegreichen Schlacht in Massenfabrikation zu adeln. Sehr verschwenderisch wird im Reiche des weißen Zaren mit der Adelung umgegangen. Seit Peter der Große in der von ihm beliebten, gewaltsamen, oft blutigen Weise den alten, sich guf Grundbesitz gründenden reaktionären Adel aufgehoben hat, giebt es dort eigentlich nur mehr einen Dienstadel, und zwar haben den persönlichen Adel sämtliche Zivilbeamte von Offiziersrang, während der erbliche Adel durch Verleihung von feiten des Kaisers, durch Beförderung zum Offiziersrang im Militärdienst, zur achten Klasse im Zivildienst oder durch Dekoration mit einem russischen Orden erworben wird. Wenn es so noch einige hundert Jahre fortgeht, wird man, da eine größere Fluktuation der russischen Bevölkerung nur eine Frage der Zeit ist, einen einfachen bürgerlichen Menschen wohl tote weiland Diogenes mit der Laterne suchen müssen. Natürlich giebt es daneben noch zahlreiche „Knäse", d. i. Fürsten und Bojaren, welche trotz mangelnder Berechtigung eine thatsächliche gesellschaftliche Anerkennung ihres Adels durchsetzten, da sich niemand die Mühe nimmt, ihnen dabei etwas in den Weg zu legen. Das letztere gilt von Rumänien, wo der Adel eigentlich verfassungsmäßig aufgehoben ist, das Bojarentum aber dennoch als bevorrechtigte Kaste gilt. Es dürste übrigens wenig bekannt sein, daß eine nicht ganz unbedeutende Anzahl von Familien, welche von dorther ncchh Deutschland eingewandert sind, sich hier einen prätendierten, rechtlich aber nicht begründet gewesenen Adel durch Verjährung erworben haben, weil in vielen deutschen Staaten, vor allen in Preußen, die Bestimmung zu Recht bestand, daß ein durch 100 Jahre unbestritten gebrauchtes, wenn auch unberechtigtes Adelsprädikat wirkliche adlige Eigenschaft des Inhabers begründe. Daß man auch im fernen Japan, wo ein Jahrhunderte alter Grundadel bestand, den der Mikado erst durch strenge Maßregeln zur Unterwerfung zwingen mußte, tote Kurfürst Friedrich die brandenburgischen Raubritter, seit der Adodernisierung des Jnselreiches fleißig mit europäischen Titeln nobilitiert wird, ist ebenso bekannt, wie der Umstand, daß der Titel „Conte", welchem man in Italien und Dalmatien aus Schritt und Tritt begegnet, keineswegs gleichbedeutend mit dem deutschen Grasen ist. Die Kehrseite der Adelsverleihung ist die Aberkennung desselben, welche früher, tote noch heute, in vielen auswärtigen Ländern, z. B. Oesterreich-Ungarn, auch in Deutschland durch richterlichen Spruch wegen ehrenrühriger Delikte erfolgen konnte. Daß man diese Möglichkeit aus dem geltenden Strafrecht bei uns ausgemerzt hat, ist wohl nur richtig. Denn wie ein Staat nach „logischem Natur- recht" eigentlich doch seine eigenen Unterthanen nicht aus- weisen kann, da der davon Betroffene, wahrscheinlich auch von anderen Staaten als Ausländer ausgewiesen, eigentlich nur noch auf irgend einem herrenlosen Fleck in den Polargegenden das Recht zu leben ausüben könnte, so 220 — behält wohl jeder Stand feine untauglichen Glieder am besten für sich, und es ist für ein einigermaßen entwickeltes bürgerliches Selbstbewußtsein nicht gerade erhebend, daß jemand, der wegen seiner Strafthaten den Adel weiter in tragen unwürdig ist, für das Bürgertum gut genug sein soll. ' Gein-rnnützrges. Weintrauben am Hause! Es ist merkwürdig, wie selten man bei uns in Deutschland Reben an den Musern sieht, und es lassen sich doch reife, süße Trauben »n jeder unbeschatteten Südwand erzielen. Im „Praktischen Ratgeber für Obst- und Gartenbau" beginnt gerade Pastor Seippel in Alvensleben einen ganz ausgezeichneten, einfachen, klaren Lehrkursus, wie man Reben an Häusern pflanzt und Pflegt. Musterhaft find die erklärenden Abbildungen zu dem Aufsatze. Seit Anfang dieses Jahres ist der Kunstmaler Kleindienst in die Redaktion des „Praktischen Ratgebers" eingetreten und hat die Leitung des illustrativen Teiles übernommen. Gerade der Aufsatz des Pastors Seippel beweist, wie vortrefflich es Kleindienst versteht, die Abbildungen in den Dienst des praktischen Gartenbaus zu stellen und dabei doch guten Geschmack und künstlerische Form! und Anordnung zu wahren. Wer am Hause, am Stalle, — an warmen Stallwänden reifen die köstlichsten Trauben — an einer Scheune eine freie Südwand hat, pflanze dort Reben — und lasse sich vorher die Nummer des „Praktischen Ratgebers" kommen, die sehr gern,auf Wunsch von dem Geschäftsamt in Frankfurt a. O. umsonst zugeschickt wird. Oefundyettspflege. Die Heilkraft des Eiweißes. Für Schnittwunden giebt es kein schneller heilendes Mittel, als einen Ueberzug von rohem Eiweiß. Es ist dem Kollodium vor- juziehen und hat auch noch den Vorteil, augenblicklich zur Hand zu sein. Bekanntlich wird eine Verschlimmerung der Wunde durch den Zutritt der Luft hervorgerufen. Das schnell trocknende Eiweiß bildet aber eine Häut, durch welche die Einwirkung der Luft abgeschlossen, und die Heilung der Wunde beschleunigt wird. Ferner ist das Eiweiß ein sehr wirksames Mittel gegen Darmentzündung und Ruhr. Mit oder ohne Zucker zusammengeschlagen nnd dann eingenommen, wirkt das lftweiß einhüllend und die Entzündung des Magens und der Eingeweide besänftigend. Eichenrindenthee ist leider den meisten Leuten ganz unbekannt, und wäre doch für viele Tausende ein nützliches Hausmittel. Recht schwächliche Naturen sollen jeden Morgen und Abend 2—3 Löffel voll Eichenrinden- thee trinken; er kräftigt, wie kaum ein anderes Mittel, ist gut zu trinken, widersteht nicht, macht frisch und behaglich. Er wirkt noch besser, wenn etwas Wein daran kommt, ganz besonders aber wirksam ist dieser Thee, wenn etwas Honig beigemischt, oder damit gesotten wird. Schlafbefördernde Mittel. Unschädliche Schlafmittel sind neben den geeigneten Wasser -An- lvendungen saure Milch infolge ihres reichen Gehaltes an Milchsäure — insbesondere zur heißen Jahreszeit abends geiwssen. Beruhigend und somit auch schlafbringend wirkt der Baldrian. Außerdem sind wirksam gegen Schlaflosigkeit: Veilchen, Arnika mit Wermut, Taubnessel, Honig und Rhabarberwein (in kleinen Mengen), das Kauen von Anisfamen, ferner Lattichsalat und Mandelmilch. L^unrsvistischeO. Sekttttdärbah«. Passagier: „Warum steht der Zug?" — Schaffner: „Da vorn sitzt zwischen den Schienen eine Henne, und da warten wir, bis sie ihr Ei gelegt hat." Berechnend. Silberstein: „Freue Dich, Moses, der Storch hat Dir ein Brüderchen gebracht!" — Moses: „Gott der Gerechte, soll ich mich freuen über die neue Konkurrenz?" Mißverstanden. „Was machen Sic denn da, Minna?" — „Ich lese einen Roman." — „So, wer hat ihn denn geschrieben?" — „Er ist überhaupt nicht geschrieben, er ist gedruckt!" Ciiierarifcfyes. Deutsche Rundschau für Geographie nnd Statistik. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben »en Prof. Dr. Fr. Umlauft. XXII. Jahrgang 1900. (A. Hartleben's Verlag in Wien, jährlich 12 Hefte zn 85 Pfennig. Prännmaterion inet. Franko-Zusendung 10 Mk. Unter den verschiedenen geographischen Zeitschriften nimmt die „Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik" sowohl durch Reichhaltigkeit als auch durch Gediegenheit ihrer Aufsätze eine hervorragende Stelle ein. Was immer ans dem Gebiete der Erdkunde Neues und Wissenswertes auftaucht, findet in derselben entsprechende Beachtung und Würdigung, so daß sie für jedermann, der an geographischen Dingen Interesse nimmt, eine erwünschte Lektüre bildet. Auch das eben erschienene siebente Heft des XXII. Jahrganges enthält wieder eine Reihe wertvoller Beiträge: Zum neunhundert- jährigen Jubiläum der ersten Entdeckung Amerikas (a. 1000 n. Ehr.). Bon Franz Stock in Schöneberg-Berlin. — Die Bewohner der Andamanen. Von Paula Karsten in Berlin. (Nit 3 Abbildungen.) — Durch Pontus nach Amasfia. Von Ad. Struck in Salonik. (Schluß.) — Gletscher und Firnmeere. Alpenkundlichhistorische Studie van Reinhard E. Petermann in Wien. (Mit 3 Abbildungen.) — Astronmnische und physikalische Geographie. Die Moldavite-Meteoriten. — Palitische Geographie und Statistik. Die Uebertragung Nigerias an die britische Krone. — Berühmte Geographen, Naturforscher und Reisende. Dr. Ernst Hasse. (Mit einem Porträt.) — Geographische Nekrolog». Todesfälle. Dr. Philipp Paulitschke. (Mit einem Porträt.) — Keine Mitteilungen aus allen Erdteilen. — Geographische und verwandte Vereine. — Vorn Büchertisch. Der äußerst mäßige Pränumerations- Preis der „Deutschen Rundschau für Geographie und Statistik" ermöglicht ihr eine weite Verbreitung. Frühjavrssport für Damen. Die Teilnahme der Damenwelt an jeder Art von Sport ist so enorm gestiegen, daß das, was vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre, heute einem Bedürfnis entspricht. So ist z. B. das soeben erschienene Heft der „Wiener Mode" ein Sportheft und wird gewiß von zahllosen Damen freudig begrüßt werden; es ist in der That für sporttreibende Damen unentbehrlich, da es jede Art von Sport in Wort und Bild eingehend behandelt, am ausführlichsten natürlich die Lieblingssports: Radfahren und Lawn- tennis, aber auch Touristik, das Rudern, Reiten, Jagen und Fechten, das Golf- und Cricketspiel usw. kommen nicht zu kurz, und auch dem jüngsten Sport, dem Automobilismns, ist ein sehr schönes farbiges Bild gewidmet. Da das Heft auch vom eigentlichen Modestandpuukte durchweg Ausgezeichnetes bietet, muß es als eine Leistung allerersten Ranges bezeichnet werden. Der friedliche Wettstreit naht heran bei dem die Völker sich auf der Pariser Weltausstellung ein Stelldichein geben werden; wieder einmal sind alle Blicke aus Paris gerichtet, und alle reiselustigen Damen fragen besorgt: „Wie kleide ich mich, damit ich neben den Bewohnerinnen der Modestadt par excellence mit Ehren bestehe?" Nun, daraus giebt die soeben erschienene Osternummer der ronangebenden „Großen Modenwelt" mit bunter Fächervignette, Verlag: John Henry Schwerin, Berlin, die schlagendste Antwort, indem in ihrer neu eingerichteten Beilage „Neuestes aus Paris" die aktuellsten und chikesten Pariser Moden zur Darstellung kommen. Daß das vorzügliche Blatt daneben auch die vornehmen wie einfachen deutschen Moden nicht vernachlässigt, davon überzeugt uns ein Blick in dasselbe, das an Reichhaltigkeit, Eleganz und — Billigkeit wohl seines Gleichen sucht. Und das Gute dabei ist, daß auch die unerfahrenste Hausfrau sich all die anmutigen Kostüme wie auch Kinderkleider und Wäscheartikel mit Hilfe der mustergültigen Schnittbogen selbst herstellen kann. Nehmen wir hierzu noch die große Hand- arbeiten-Beilage. Das reich illustrierte Unterhaltungsblatt und das farbenprächtige Modenkolorit, so können wir wohl unser Urteil dahin zusammenfaflen: Wir haben ein Weltblatt vor uns, das in keinem Haushalt fehlen sollte. „Große Modenwelt" mit bunter Fächervignette — man achte ganz genau auf den Titel — ist für nur 1 Mark vierteljährlich zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postanstalten. Gratis-Probenummern bei allen Buchhandlungen und dem Verlag John Henry Schwerin, Berlin W. 35. Magisches Zahlenquadrat. Nachdruck verboten. In die Felder nebenstehenden Quadrats sollen, die Ziffern: 61 75 89 108 viermal derart eingetragen werden, daß die Summe der Zahlen in jeder der senkrechten, wagcrechten und Diagonalreihen stets 333 ergiebt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer. Kalk, Kalb? Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univerßtäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.