1 i'RE^S Hi ”00 feM W MßW WW M X» ■'.».& **=?= icht das viele Wissen ttjut’S, Sondern wissen etwas Gut's. Logan. (Nachdruck verboten.) Tante Justines Weihnachtssünde. Eine heitere Weihnachtsgeschichte von Alwin Römer. „Echtes Weihnachtswetter!" sagte mit einem befriedigten Blick in die wirbelnden Flocken einer der Jungen, die sich seit Wochen schon verabredet hatten, an diesem „Heiligen Abend" vor anderer Leute . Thüren Weihnachtslieder zu singen. „Das hat das Christkind famos gemacht!" bestätigte fein Kumpan; da riß ihm im gleichen Augenblick der übermütige Wind, der den Schnee kaum zur Erde kommen ließ, die dicke Mütze vom Kopfe, nahm sie eine Weile mit in die Lüfte hinaus, als wäre sie genau so leicht, wie die tanzenden ^chneesternchen, und trieb sie dann quer über die Straße in eine Thorwegecke, wo jte das hurtig hinterdrein stampfende Menschlein glücklich wieder einfing. „Das hat das Christkind famos gemacht!" dachte beim Anblick dieser lustigen Jagd auch. ein schönes, dunkeläugiges Fräulein, das am Fenster eines hohen, alten Patrizierhauses stand. Laut aber kam es von den seinen roten Lippen: „Es ist ein wahres Unwetter, Tante! Tu kannst unmöglich mit zur Kirche gehen! Sieh nur, wie der Sturm den Leuten die Sachen vom Kopfe reißt! Und dieses Schneetreiben! Ganz sicher, Du bekämest einen neuen Gichtanfall, wenn Du Dich dem aussetztest!" Tante Justine lächelte nur ein wenig und! rückte sich dabei im Lehnstuhl zurecht. Dann fragte sie plötzlich: Sag 'mal, Rose, was ist denn das für ein Fräulein Fafner, mit der Du jetzt öfter zusammen gesehen wirft? Ich! kenne hier gar keine Familie dieses Namens!" „Fafner? — Liebe Tante, ich — nein, das must eine Verwechslung sein, — ich kenne gar kein Fräulein Fafner!" „Aber einen Herrn Roderichs kennst Du doch!?" „Roderich?" stammelte Rose, und das Blut schpß ihr jäh in die Wangen. , „ . .. „Ganz richtig: Roderich! Derselbe, der Dir den Brief geschrieben hat, in dem von dem Fräulein Fafner die Rede ist, nach der ich vorhin fragte. Ich! habe ihn zufällig in Deinem Muff gefunden, wie ich! den Korridorfchlüssel suchte. Und da steht es mit durchaus nicht zu verkennenden Buchstaben: Fafner! „Hoffentlich kommst Du morgen ohne Dein schreckenverbreitendes Fräulein Fafner zur Kirche; ich erwarte Dich dann am Portal. Und wenn Ihr Eure Chöre singt, stell' Dich! in die vorderste Reihe, daß ich Dich sehen kann, süßes Herz". — Das ist ja ein recht intimer Ton von einem wildfremden Mann! Schäme Dich, Rose!" sagte die alte Dame und faltete den Brief wieder zusammen. „Er ist aber gar kein Wildfremder! Du kennst ihn ganz gut, Tante, und hast ihn früher auch wohl leiden mögen!" verteidigte sich; Rose Hartwig gegen ihre gestrenge Tante. „Ah, dacht' ich's doch", entrüstete sich die daraus, „daß es dieser ungezogene Herr Leutnant sein müsse, dieser Besserwisser, der alten, erfahrenen Leuten über den Mund fährt, als ob's seine Rekruten wären! Dieser Tempelschänder! Dieser —" \ „Aber, Tante, rede Dich doch nicht in Zorn!" bat Rose, der die Thränen schon in den Augen standen. „In Zorn brauch, ich mich nicht erst zu reden, der kocht schon lange in mir! Dieser Herr von Habenichts will Dich' also heiraten und denkt natürlich ich!, das; Fräulein Fafner, das schreckenverbreitende Ungetüm, der Lindwurm aus dem Nibelungenring —" „Tante, liebste Tante!" flehte Rose, entsetzt über diese unvermutete und leider unangreifbare Auslegung des bösen Wortes. Aber Tante"Justine ließ sich; nicht unterbrechen; es mußte herunter, was ihr einmal auf dem Herzen lastete, trotz der Würde des Festtages, an dessen Schwelle sie standen, und so wiederholte sie: „Ich!, der Lindwurm aus dem Nibelungenring, bin dazu gut genug, ■ Euch; die Moneten zu geben, ohne die's, Gott sei Dank, nun einmal nicht steht! Aber da irrt er sich;, der Herr Roderich von Wilmsen. Keinen Heller geb' ich! dazu, daß Du's gleich weißt! Und wenn morgen der Aelteste von Bürgermeisters aus Berlin kommt, der schon immer seinen Narren an Dir gefressen hatte, so thust Du gut, ihm kein schiefes Gesicht zu schneiden; denn den mag ich! Punktum!" „Aber ich- mag ihn! nicht!" trotzte Rose. „So thu, was Dir gut dünkt! Die Welt steht Dir ja offen. Aber so lange Du noch in meinem Hause bist, — und das dauert immer noch über ein Jahr; denn eher bist Du nicht mündig, — so lange streich diesen edlen Herrn von Unverschämt aus Deinem Gedächtnis. Ich werde es als meine vornehmste Pflicht betrachten, jede Zusammenkunft zwischen Euch; zu vereiteln. Deshalb gehe ick> auch! heute mit Dir zur Kirche, trotz aller Gichtanfälle, die Du befürchtest. Und sobald der Gottesdienst zu Ende ist, werde W am Portale stehen und Dich erwarten.. Es ist arg, daß ich auf meine alten Tage dergleichen noch- auf mich nehmen muß, aber es geht nicht anders!" orakelte die Tante und schlug dabei mit der Hand auf 726 die Lehne ihres Armstuhles, während die arme Rose ihren Leichtsinn verwünschte, der sie verführt hatte, den Brief in dem dummen Muff stecken zu lassen. Uebrigens war sie nicht ganz so niedergeschmettert, wie ihre Pflegerin, die seit dem frühen Tode ihrer Eltern wahrhaft mütterlich für sie gesorgt hatte, annahm. Wußte sie doch, daß Tante Justine ein gutes Herz hatte und daß nur ihr hartnäckiger Starrsinn sie so gegen den Geliebten poltern ließ. Sie machte daher noch einen leisen Versuch!, ihr beizukommen. „Wenn i,ch nur wüßte, was Dir Ro—, ich meine Herr von Wilmsen so Schlimmes angethan hat!" seufzte sie; „denn daß er Dir damals nicht recht gegeben hat, als Du die armen Soldaten, die in der Kirche eingesclstafen ivaren, zu wer weiß was für harten Strafen verurteilt sehen wolltest, kannst Du ihm doch nicht fo lange nache tragen. Er beurteilte die Sache von seinem Standpunkte aus jedenfalls nicht gerade falsch! Pastor Niebuhr predigt wirkliche mitunter über die Köpfe der armen Bauernburschen weg, und wenn sie Samstags bis in die Nacht hinein haben scheuern und putzen müssen und nicht ausgeschlafen haben, so kann so was Menschliches eben geschehen!" „Das verstehst Du nicht, Rose. Es ist unter allen Umständen eine Frechheit, ob sie den Pastor verstehen oder nicht; ein Skandal, den ein Offizier niemals verteidigen sollte!" „Er hat sie auch! gar nicht verteidigt. Die Leute haben einen gehörigen Wischer bekommen. Verlaß Dich drauf". „Ein Wischer nützt da nichts. Ins Loch! gehören solche Lümmel! Punktum! Und nun mach'', und zieh' Dich an, daß wir in die Kirche kommen!" trumpfte Tante Justine, und ziemlich verstimmt schlich Rose in ihr Zimmer hinüber, um sich für den Aufenthalt in der ungeheizten Kirche einzumummen. Die ganze Festfreude war ihr verdorben. Wahrhaftig, wenn sie nicht ein paar Solosätze in den Weihnachtschören zu singen gehabt hätte, sie wäre jetzt zweifellos daheim geblieben. Aber dann hätte sie den alten Kantor in die größte Verlegenheit gesetzt. Das ging denn doch; nicht gut an. Eine Stunde später stand sie daher richtig auf dem hohen Chore, mit den übrigen Sängern und Sängerinnen um den weißlockigen Dirigenten geschart, während Tante Justine in dem vergitterten Kirchstuhle ihrer Fannlre, der schon seit Jahren nur noch von ihr und Rose benutzt wurde, Platz genommen hatte, wohl verwahrt in Pelz-Kapote, Pelz-Mantel und Fußsack, die erprobten Abwehrmittel gegen die abscheuliche Gicht- Nicht immer haben die Wachtposten eine so fürsorgliche Ausrüstung. Fast war es ihr zu warm in dem trefflichen Pelzwerk; denn die Temperatur in der Kirche war noch' ziemlich erträglich, weil Wind und Kälte die Mauern noch nicht durchdrungen hatten. Doch' ließ sie sich nicht verleiten, den Mantel zu öffnen; sie hatte darin ihre Erfahrungen gemacht. „Lieber ein bischen schchitzen!" dachte sie. „Einen Knax hat man gar zu leicht weg!" Und dann verfolgte sie mit Andacht und Festfreude den einleitenden Gesang des! Chores, stellte zu ihrer Beruhigung dabei auch fest, daß Rose nicht in die vorderste Reihe getreten war, und lauschte dann der Weihnachtspredigt des geschätzten Pastors Niebuhr, der die Weisheit so recht aus dem Vollen zu schöpfen verstand und seine Zuhörer immer an der rechten Stelle zü packen wußte. ; Rur einmal, als er von der Macht des Kreuzes sprach und dabei Konstantin als Beispiel anführte, geschah es im Eifer der Rede, daß -er das prophetische Wort: „In diesem Zeichen wirst Du siegen!" lateinisch zitierte. Und da ihr dieses „In hoc signo Yinces“ fremd War, wurde ihr der ganze Satz nicht recht verständlich. Sw nickte gedankenvoll. So ganz und gar unrichtig war das doch' nicht, was Rose gesagt hatte vom „über die Köpfe wegreden!" Aber einzuschlafen brauchte sie deshalb noch lange nicht! Uebrigens empfand sie, daß die Altarkerzen, in die.sie gerade hineinsehen mußte, am Abend doch viÄ mehr blendeten, als während der Sonntag-Vormittage, an denen sie hier zu sitzen pflegte. Auf die Dauer wurde das ungedämpfte Kerzenlicht wirklich eine kleine Pein für ihre alten Augen. Aber es hinderte sie ja niemand, ab und zu die Lider zu schließen. Man hörte dann sogar viel deutlicher. Dieses „Friede auf Erden", das sich durch die Rede des Predigers zieht, scheint ihr jetzt viel tiefer ins Herz zu dringen als vorher. Leise fangen ihre Gedanken an zu wandern. — Leise — leise löst sich ein Stück nach dem andern von jenem Starrsinn, der ihr Herz verhüllt. Hat sie wirkliche ein Recht, das Leben Rose's eigenmächtig in ganz andere Bahnen zu lenken, als das Kind sie wandeln möchte? Sie beschließt, daheim noch einmal ernstlich mit sich zu Rate zu gehen und den Bürgermeistersohn zunächst nicht zu ermutigen. Und wie nun nach dem Amen des Pastors der Chor oben einsetzt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede aus Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Amen! Amen! Amen!" und diese heiligen Worte in immer andere, köstliche Melodien kleidet, da wird ihr so frei und froh ums Herz, wie das ganze Jahr nicht. Es thut eben noch immer Wunder, das Christkind. — Der Gesang ist verhallt. Leise fängt der Organist auf der großen Orgel sein Nachspiel an. Und das klingt und singt, als kämen wirklich die „Menge der himmlischen Heerscharen" vom Himmel und schwebten durchs die Kirche über den Altar hin. Wie Silber glänzen die weißen überirdischen Flügel. Man mag wollen oder nicht: vor so viel Glanz muß man die Augen schließen. Draußen am Portal stand, in seinen grauen Mantel gehüllt, Leutnant von Wilmsen und musterte die Herauspilgernden. Endlich sah er unter einem rotseidenen Kopf- tüchlein das süße Gesicht Fräulein Rose's auftauchen. Mit einer leisen Kopfbewegung ging er ein paar Schritte seitwärts, um sie im Dunkel des nächsten Pfeilerschattens zu erwarten. Aber er stapfte vergebens in dem frischen Schnee herum. Rose kam nicht. Währenddem hatte das Gotteshaus sich! geleert. Verwundert kam er daher an's Portal zurück. „Rose!" flüsterte er halblaut; denn sie stand noch da und blickte in das Schiff der Kirche hinein, wo der Küster eben eifrig ein Licht nach dem andern verlöschte. „Hast Du mich denn nicht gesehen vorhin?" „Doch !" lispelte sie zurück. „Aber ich muß hier auf Tante Justine warten!" „Die ist längst hinaus!" flunkerte er. „Warum hattest Du sie überhaupt mitgebracht? Das Wetter war doch schlecht genug!" „O, — sie hat Deinen letzten Brief gefunden und mir verboten, mit Dir weiter zu verkehren!" — „Wozu ihr der Teufel ein Recht gegeben hat! Wie darf sie Dich derartig bevormunden?" „Du weißt doch wie abhängig wir von ihr sind!" „Leider Gottes!" -seufzte er. „Aber wenn alle Stränge reißen, hänge ich' den Waffenrock an den Haken und nehme irgend eine Zivilstellung an. Dann kann sie uns den Hobel ausblasen!" „Still doch', Roderich. Vielleicht steht sie hier irgendwo und horcht! Sie wollte mich bestimmt an der Pforte erwarten, damit ich mit Dir nicht zusammentreffen könnte! — Das „Fräulein Fafner" hat sie Dir sehr übel genommen!" „Ja höre 'mal, hat sie denn das verstanden?" fragte er verwundert. „Natürlich'! Sie ist früher seht oft nach Dresden ins Theater gefahren und hat sich Wagner angehört?!" „O weh! — Wer sag 'mal, wollen wir hier denn noch' lange stehen?" „Still, da kommt sie! Ich! bitte Dich, geh'!" wisperte Rose und wie ein Dieb war er wieder hinter den im Schatten liegenden Kirchenpfeiler gehuscht. Aber es war nur der Küster, der, das letzte Licht in der Hand, aus einem Seitengange kam, um die Kirchenthür zu schließen. „Ich! warte auf meine Tante, Herr Gispel", sagte sie. „Längst fort! Alles fort!" murmelte der hagere. vor Frost zitternde Mann und drehte den großen Schlüssel herum. „Fröhliche Weihnacht, liebes Fräulein! Und gute Nacht!" Damit schlurfte er davon. 727 „Hurrah!" rief halblaut Roderich,, als der Küster verschwunden war. „So darf ich Dir doch einmal einen weihnachtlichen Kuß geben! Komm' Rose, einmal weil Du so schön gesungen hast, und ein anderes Mal, weil Du rn der Kapuze so unverschämt lieb aussiehst. Drittens o »ein. Du Unhold, jetzt ist's genug. Wenn Tante das wußte!" „Glaubst Du nicht, daß sie es wenigstens ahnt?" „Wo sie nur sein mag?" „Ich denke mir, es wird ihr hier draußen zu kalt und nach der Predigt da drin im Herzen zu warm gewesen fern. Da hat sie sich reumütig allein auf den Heimweg begeben!" sagte er. „Sv komm', daß ich, auch heimkehre! Mir ist so ungewiß zu Mute. Vielleicht ist sie krank geworden!" mernte ste, und ziemliche hastig schritt sie darauf an ferner Seite durch die dunklen Straßen ihrem alten Hause zu. „Noch uirgends Licht!" flüsterte sie. „Wie merkwürdig! Vielleicht weiß die Köchin etwas!" „Ich werde hier unten auf- und abgehen und Deinen 'Bescheid erwarten!" erklärte er. „Aber für den Fall, daß Du nicht wieder herunter könntest, bitte ich —" „Um was?" fragte sie ahnungslos. „Um das!" lachte er und hatte ihr schnell noch einen Kuß auf die Lippen gedrückt. Scheu flog sie die Treppe hinauf und eilte in die Küche: Marie wußte nichts. Nun durchleuchtete sie alle Zimmer; aber Tante Justine war nirgends zu finden. „Sie wird noch einen Weg gehabt haben!" tröstete die Köchin. Doch ließ sich Rose dadurch nicht beruhigen. „Ich gehe sie zu suchen!" erklärte sie hastig. „Wenn Tante unterdessen kommen sollte, so sagen Sie ihr, daß ich ihretwegen noch einmal fortgegangen bin!" Und dann huschte sie die Treppe wieder hinab mit einer Heidenangst im Herzen. Wo 'konnte sie nur sein? Alle bekannten Familien ließ sie Revue passieren, ohne zu einem Resultate zu kommen. Roderich schlug ihr vor, hier und dort nachtzu- fragen, auch bei Kaufleuten, wo sie Aufträge zu geben pflegte. Das that sie denn auchj, aber überall ohne Erfolg. „Könnte ihr nicht etwas in der Kirche zugestoßen sein?" fragte Rose endlich. „Du sagst zwar. Du hast sie herauskommen sehen, aber —" „So genau kann ich! das auch nicht behaupten!" meinte er kleinlat. „Vor allen Dingen wollte ich! Dich damit vorhin beruhigen!" „O, Roderich) so liegt sie vielleicht ohnmächtig auf den kälten Fliesen in der Kirche! Und wir —" schluchzte sie. „Aber fasse Dich doch, Rose. Du weißt's ja noch gar nicht. Warte an der Kirch,e, bis ich mit dem Mster komme! Der alte Mann wird auch eine Freude haben, wenn er noch einmal aus dem warmen Bau heraus muß!" Und eilig trabte er der nahen Wohnung des Küsters zu. Tante Justine hatte zwar sehr süß in ihrem Kirchenstuhl geschlafen und dabei Engel und Erzengel um sich her versammelt gesehen, aber als der Kirchendiener den knarrenden Schlüssel im Schlosse gedreht hatte, war ein so seltsamer Hall durch die Kirche gegangen, daß sie davon erwacht war. Zunächst hatte sie nun nicht gewußt, wo sie eigentlich war. Dann aber war's in ihr aufgedämmert und durch das Betasten des alten Stuhles, in dem sie saß, hatte sie sich Gewißheit verschafft: das war in der Kirche! Und sie war wirklich und wahrhaftig darin eingeschlafen, gerade wie die nichtsnutzigen Bauernlümmel, die sie so verdammt hatte. Sie fühlte, wie ihr die Röte der Scham in die alten Wangen stieg. Es war entsetzlich, daß ihr gerade das hatte passieren müssen! Die unverhüllten Kerzen waren daran schuld gewesen! Und ihr dicker Pelz! Und der süße Gesang! Und das sanfte Orgelspiel! O Gott, was würden die Leute sagen, wenn sie es erführen! Wie würden die spitzen Zungen über sie her- faklen, wie die Jugend sie auslachen! Aber vielleicht war die Pforte noch offen, vielleicht konnte sie noch unbemerkt entschlüpfen! Langsam tastete sie sich in dem weiten, dunkeln Raume nach der Thür. Der Drücker gab nicht nach Sie war eingesperrt. An dieser Pforte hatte sie Rose erwarten wollen, um dem schlimmen Leutnant einen Streich zu spielen! Hatte das Christkind das anders haben wollen? Fast kam es ihr wie ein Spiel der Vorsehung vor, und lange dachte sie darüber nach. Dann begann sie zu rufen; aber niemand hörte sie. Die Kirche lag so weit ab von allen Wohnungen. Vielleicht mußte sie nun hier bis morgen früh ausharren, wenn Rose nicht kam und sich um sie kümmerte; Rose, die sie halb und halb aus dem Hause gewiesen! — Gott, sie hatte es so schlimm ja nicht gemeint! Nicht halb so schlimm! Aber gesagt hatte sie's doch! Und wenn das Kind in seiner Unerfahrenheit nun einen unüberlegten Schritt that, so hatte sie's auf dem Gewissen! Das half also nichts, sie mußte nach Haus und wenn sie die Glocken deswegen ziehen müßte. Schon hatte sie sich mit diesem Alarmgedanken mehr' und mehr vertraut gemacht, da hörte sie draußen plötzlich sprechen. „Es ist wirklich niemand mehr drin!" sagte Gispel mürrisch „Ach was", antwortete darauf eine Stimme, die ihr arges Herzklopfen bereitete; denn sie gehörte unfehlbar dem Leutnant von Wilmsen, dem sie sich am allerletzten in dieser Situation zeigen mochte, „machen Sie keine Redensarten und schließen Sie auf. Die Dame kann eine Ohnmacht bekommen haben. Bei ihren Jahren wäre das kein Wunder, noch dazu, wenn so ein Wetter herrscht!" „Ganz gewiß!" erklärte jetzt auch Rose. „Tante muß noch in der Kirche sein! Wenn ihr nur nichts schlimmes zugestoßen ist!" Darauf wurde endlich die Thür geöffnet, und mit einer Laterne bewaffnet traten die Drei in das hallende Gewölbe. ! „Tante!" rief angstvoll das junge Mädchen. Aber keine Antwort erfolgte. „Sie ist nicht mehr hier!" murmelte der Mster. „Wo ist ihr Stuhl?" fragte der Leutnant. Und dann leuchtete er mit der Laterne in das Gitterwerk und rief: „Rose, komm schnell, sie ist wirklich ohnmächtig!" Denn Tante Justine hatte, um der Schande zu entgehen, gethan, was sie in den langen Jahren ihres Lebens bisher nicht für möglich gehalten hätte: sie hatte einen Ohnmachtsanfall geheuchelt! Gott der Herr mochte es ihr vergeben! Eifrig bemühte sich Rose, sie ins Leben zurückzurufen. Langsam gab sie den Anstrengungen nach. Wie das Kind jubelte, als sie die Augen aufschlug. Wie behutsam sie der Leutnant emporrichtete! Es that ihr wohl, das zu beobachten, obgleich es ihr abscheulich vorkam, so Komödie zu spielen! — Nachdem der Leutnant den Mster belohnt hatte, ließ er es sich nicht nehmen, im Verein mit Rose die Tante heimzugeleiten, wiewohl sie erklärte, jetzt wieder vollständig bei Kräften zu sein. Erst an der Hausthür wollte er sich verabschieden. Aber da bat die Tante ihn, noch auf einen Augenblick mit hinauf zu kommen, da sie ihnen beiden etwas zu sagen habe. Hastig schüttelte er sich den Schnee vom Mantel und schritt dann klopfenden Herzens den Frauen voran, die Treppe hinauf. Eine ganze Weile stand er allein in einem der großen Zimmer und sah auf die Straße hinab, too trotz des Schneefalls noch immer Kindertrüpplein umherzogen und ihre Christnachtweisen sangen. Dann endlich that sich die Thür zum Nebenzimmer auf und auf der Schwelle erschien Tante Justine. „Bitte, Herr Leutnant, hier herüber!" sagte sie und winkte ihm, zu folgen. Er schritt ihr nach durch ein paar dunkle Zimmer, bis er plötzlich hinter einer schnell geöffneten Thür einen stolzen Christbaum prangen und leuchten sah. „Sie haben sich mir gegenüber heute so wacker und teilnahmsvoll benommen, Herr Leutnant", begann sie. „O bitte, verehrtes Fräulein!" sagte er. „Das war nur meine Pflicht." „Ritterlich gedacht!" nickte sie. „Wer auch, wie 728 Sie's thaten, hat mich gefreut! Ich habe nämlich alles gehört; auch wie Sie vor der Kirche mit dem Küster sprachen! Denn, — ich muß es Ihnen gestehen, was Sie auch von mir denken mögen, — ohnmächtig war ich gar nicht, sondern--eingeschlafen! — Der Himmel weiß, wie es gekommen ist! Vielleicht, um uns ein fröhliches Christfest zu stiften! Wenigstens habe ich mir das in meinem einfältigen Sinn gedacht! — Sie haben damals ihre eingeschlafenen Soldaten entschuldigt, vielleicht verzeihen Sie einer alten Frau auch das sündliche Theater, das sie in der schrecklichen Verlegenheit und aus Angst vor dem klatschhaften Küster aufgeführt hat! Und wenn Sie's auch schändlich und einer christlichen Kreatur durchaus unwürdig finden: schon daß ist es Ihnen jetzt gebeichtet habe, ist eine große Erleichterung für mein arg bedrücktes, altes I" „Liebes Fräulein!" rief Roderich feurig, „ich glaube. Sie haben mir zur Feier des Tages alle meine Streiche vergeben! Was hat da Ihre unschuldige, kleine Täuschung noch für Bedeutung! Ich war doch manchmal ein viel größerer Sünder!" „Alles vergeben! Und nicht nur meiner thörichten Selbstgerechtigkeit wegen, die vorhin so böse Schiffbruch, gelitten hat!" lächelte Tante Justine. „Doch damit Sie's auch glauben, hat Fräulein Fafner, das schreckenverbreitende Ungetüm, sogar ein paar Ringe aus dem alten, gleißenden Nibelungenhort geholt, mit denen Ihr Schlingel Euch hier unterm Weihnachtsbaum verloben dürft!" „Einzige Tante!" rief glückstrahlend Rose und fiel ihr um den Hals, während Roderich sich, bückte, ihr die Hand zu küssen. — \ Im gleichen Augenblicke setzte unten auf der Straße ein frischer Knabenchor ein: „Stille Nacht, heilige Nacht! Alles schläft —" Aber just hier brachen die Stimmen ab, wohl weil ihnen ein fröhlicher Spender die Hände mit Weihnachtsgaben füllen mochte. Und die Drei oben waren gerührt und mußten doch lächeln. Tante Justine aber nickte und flüsterte: „Weil es das Christkind so wollte!" GeinsinnÄtziges. „Ein.Frei Willigenjahr für Frauen in der Krankenpflege" betitelt sich eine Broschüre, die von dem Begründer und Leiter des Ev. Diakonievereins, Professor D. Dr. Zimmer in Berlin-Zehlendorf herausgegeben und im Verlage dieses Vereins erschienen ist. Bekanntlich ist seit etwa 40 Jahren von den verschiedensten Seiten für Frauen ein Seitenstück zum militärischen Dienstjahre der Männer gefordert worden, und durch die Diakonieseminare des Diakonievereins ist seit sechs Jahren nun auch gebildeten Damen Gelegenheit gegeben, ein solches Dienstjahr wirklich freiwillig, d. h. ohne Zwang, mit der Berechtigung jederzeitigen unentschädigten Austritts, ohne Verpflichtung für die Gegenwart und Zukunft und ohne Kosten durchzumachen. In wie glücklicher Weise, zeigen die hier zusammengestellten Aeußerungen von 29 früheren Seminaristinnen, Erfahrungen und Urteile bezüglich des von ihnen in einem solchen Freiwilligenjahr Erlebten. Namentlich die körperliche Ausbildung und die Schulung des Willens und des Charakters sowie die mannigfachen Ausblicke in Herz und Leben werden allerseits mit Dank hervorgehoben. Die wenigen Blätter zeigen deutlich, daß ein solches Freiwilligenjahr für Frauen, allgemeiner eingeführt, ein unberechenbarer Segen der Frauenwelt unserer mittleren und höheren Stände werden würde. Mumenpflege. Ohne große Kosten auf schlechtem Boden gute Rosen zu ziehen, scheint ein Kunststück und ist doch keins. Man muß nur richtig vorgehen — wie? das ersehen wir eben aus Nr. 39 des „Erfurter Führers im Gartenbau". Hier schildert ein begeisterter Rosenfreund seine traurigen Erfahrungen und erzählt, wie weder Mistbeeterde noch Stalldung seinen Rosen genützt habe. Durch Zufall ist er dann zum Torfmull gekommen, und dieser hat an den Rosen Wunder gethan. Sie gedeihen seit jener Zeit prächtig und sind auch winterhart. Die Ausführungen sind interessant und überzeugend geschrieben.. Da es 'viele Rofenliebhaber geben soll, die mit ihren Rosen kein sonderliches.Glück haben, mag ihnen dieser Artikel zur Durchsicht empfohlen werden, um so mehr, als den Lesern der Familienblätter die Nummer umsonst zur Verfügung steht, wenn sie sich mittelst Postkarte an das Geschäftsamt des „Erfurter Führers" nach Erfurt wenden. Litterarrsches. Seidel, Heinrich, WinkermäUche«. 2 Bde. in Leinwand geb., mit Goldschnitt. Preis jeden Bandes Mk. 4,—. I. G. Cott a'sche Buchhandlung Nachfolger, G. m. b. H., Stuttgart. Heinrich Seidel, der sich so meisterhaft auf das Hcllsehen versteht, weiß auch dem Zaubcrschleier des Märchens tiefsinnige Lebenswahrheiten zu entlocken und sie zu anmutigen Bildern zu verdichten, deren Betrachtung ebenso gemütbildend als unterhaltend und lehrreich ist. Als Leitsatz tragen die Wintermärchen den Ausspruch E. T. A. Hoffmanns: Jeder prüfe wohl, ob er auch wirklich das geschaut, was er zu verkünden unternommen, ehe er es wagt, laut damit zu werden. Seidel hat sich ihn zu eigen.gemacht in einer Weise, wie es nur ein Mann mit seinen Gaben vermag. ,,Tausendschön". Novellen von Erwin Steinau. C. Piersons Verlag; Dresden, 1901. — Marguerite-Tausendschön heißt die Heldin der ersten Novelle, die dem ganzen Bande den Namen gv BL Aus der sonnigen Stadt der Jeanne d'Arc führt sie ein junger Wiener Journalist als sein glückliches Weib an die Ufer der schönen blauen Donau, um ihr statt der drohenden Konvenienzehe ein Heim voll reiner Liebe zu b-eten. Mischt sich in die Erzählung dieser Brautfahrts- und Herzensgeschichte kein düsterer Klang, so ermangeln die beiden folgenden Novellen nicht einer gewissen Tragik. In der ersten hat sich der Held >n dem Weibe seiner ersten Wahl getäuscht und bringt dann die ihn wahrhait Liebende in Not und Elend, in der letzten irrt sich em liebendes Weib in dem Mann ihrer Wahl, vermag aber durch einen klug ersonnenen Plan sich noch vor dem „letzten, verhängnisvollen Schritt zu bewahren, um fortan ihr Leben nur sich allein zu leben. Fabel und Zwiegespräch der ersten Novelle in Briefform gefaßt, in den beiden ander en als rückblickende Erzählungen wiedergegeben, sind knapp und charakteristisch zugleich, die Figuren lebenswahr und sympatisch gezeichnet. Ein reizendes Spielzeug. Man kann sich unmöglich etwas Zierlicheres denken, als die Weihnachtsgabe, die die „Wiener Mode" ihren Abonnentinnen mit dem schon jetzt erschienenen Neujahrhefte zusendet. Es ist dies ein Miniaturheft, so niedlich, daß man es in die Tasche stecken kann, und so fein ausgeführt, daß die Kleinheit der Bilder und der Schrift durchaus nicht störr. Dem Hefte, das das Entzücken von Klein und Groß bildet, sind ein Kalender und ein Notizbüchlein beigegeben, die ihm auch praktischen Wert verleihen. Das Büchlein, das der Druckerei der Gesellschaft für graphische Industrie alle Ehre macht, wird auch neu eintreleuden Abonnentinnen umsonst geliefert und dürste gewiß unter vielen Christbäumen neben der Abonnementskarte der „Wiener Mode" als gern gesehenes Geschenk liegen. Kinder-Arituug. Herausgegebekt von Felix von Stenglin, Groß-Lichterfelde. Inhalt von Nr. 12. Was in der Welt vorgeht: Das „Tabakskollegium"; Ueberfchwemmung in Rom; Auf dem Markt zu Tientsin; Ohm Krüger in Deutschland; Das Labyrinth zu Kreta; Kleine Notizen. Aus dem Reiche der Natur: Wie lauge hält sich Holz in der Erde? Der Beobachter in Wald und Feld: Die hungrige Krähe. „Was John Dollond der Taucher erzählte» von Bruno H Bürgel. iSchluß.) „Jndianerleden im Thürrnger Wald" von Felix von Stenglin. (Forts.) Erlebnisse. Neue Bücher. Anzeigen. Zu beziehen durch alle Postanstalten, Buchhandlungen und die Expedition in Groß-Lichterfelde. Delphischer Spruch. Nachdruck verboten. Schneidend schaff' ich dir Segen; doch änd're mein Haupt und begrab mich Dann, o Wunder, empor spross' ich als mächtiger Baum. Auflösung folgt in nächster Nummer. Auflösung des Scherzrätsels in vor. Nr.: Madame, Adam, Da (Niel, Daniel). Briefkasten. VV. K. W......, G. Bei aller Achtung vor dem formvollendeten Ausdruck Ihrer Gefühle, müssen wir es doch ablehnen, solche der schwarzlockigen Schlanken zu vermitteln. In diesem Sinne wollen die Familienblätter nicht genommen fein. ©• R- »ebrftiort: E. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch. und Steiudruckerei (Pietsch Erben) in «ießen.