(Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Reinhold O r t m a n n. (Fortsetzung.) Viertes Kapitel. Jni Doktor Hermann Ruthardts Sprechzimmer sah es ebenso einfach und altväterisch aus als in allen übrigen Räumen seines Hauses. Da gab es weder kostbare Teppiche auf dem Fußboden, noch schwere Vorhänge an Thüren und Fenstern. Aber die weißen Gardinen leuchteten^ wie frisch! gefallener Schnee, und auf den braun gestrichenen Dielen würde auch das schärfste Auge vergebens nach einem Fleckchen gesucht haben. Es war bei aller Schmucklosigkeit etwas Warmes und Heiteres hier wie im ganzen Hause. Auch das letzte Winkelchen schier! ganz erfüllt von dem zufriedenen Behagen einer Häuslichkeit, in der es so wenig ein geflissentliches Haschen nach leerem äußeren Glanze, als ein zaghaftes Bemühen gab, die Bescheidenheit des vorhandenen Besitzes vor den Blicken der Leute zu beschönigen oder zu verbergen. Wer aber den Doktor Hermann Ruthardt nur ein einziges Mal in seinem Sprechzimmer gesehen, der hatte sicherlich auch die Empfindung gehabt, daß es für ihn überhaupt keinen anderen passenden Rahmen geben könne, als gerade diesen. Wenn er vor seinem Schreibtisch saß, eine kraftvolle, trotz des ergrauten Haares und Bartes noch straffe und rüstige Gestalt, wenn seine ernsten, klaren Augen auf dem Gesicht eines Patienten ruhten, dann war es, als ob es nichts Verborgenes geben könne vor diesem durchdringenden Blick. Etwas zugleich Ehrfurchtgebietendes und Vertrauenerweckendes ging von dem Manne aus; man mußte sich sofort zu ihm hingezogen fühlen, und man lernte ohne weiteres begreifen, warum er der gesuchteste Arzt in Waldenberg war. Auch an diesem Morgen war die Zahl der Patienten, die sich während der Sprechstunde eingesunden, eine sehr große gewesen, und ein Häuflein von ihnen harrte noch im Vorzimmer auf die ersehnte Abfertigung, als abermals der Klang der Hausglocke ertönte. Die Tochter des Hauses selbst war es, die zum 1900 Oeffuen herbeieilte. Sie hatte sich gerade mit sehr prosaischen wirtschaftlichen Verrichtungen beschäftigt; ein rosiger Widerschein von der Glut des Herdfeuers war auf ihrem reizenden Gesichtchen, und sie hatte es nicht für nötig gehalten, die große Küchenfchürze abzulegen. „Guten Morgen, mein Fräulein", klang ihr eine tiefe Männerstimme entgegen. „Darf ich hoffen, daß Ihr Herr Vater für mich noch zu sprechen ist?" Margarete Ruthardt war ein wenig verwirrt, da sie den eleganten Fremden erkannte, dem sie gestern als Führerin durch die winkeligen Gassen von Waldenberg gedient hatte. Aber sie schüttelte die kleine Verlegenheit rasch von sich ab. „Die Zeit ist eigentlich schon vorüber", sagte sie freundlich, „aber mein Vater nimmt es damit bei seinen Patienten nicht so genau". Rudolf Sandory sah sie lächelnd an, und vor diesem Blick schlug sie nun doch wieder die Augen nieder. Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete sie die Thür, die in das Wartezimmer führte. Der Anblick 4er Leute, die da drinnen saßen und ihn mit neugierigen Mienen musterten, nahm dem Besucher sogleich jede Aussicht auf ein weiteres Geplauder mit dem Haustöchterchen. „Ich bin von gestern her noch immer in Ihrer Schuld, mein Fräulein", sagte er mit gedämpfter Stimme, indem er fich artig gegen sie verneigte. „Möge mir das Schicksal bald Gelegenheit geben, sie zu bezahlen". Er trat über die Schwelle und nahm unter den übrigen Platz. Während er scheinbar gleichgiltig einen alten Kupferstich betrachtete, der ihm gegenüber an der Wand hing, musterte er in Wahrheit mit raschen Seitenblicken sehr aufmerksam seine Umgebung. Er sah, daß es Leute aus den verschiedensten Ständen waren, die sich hier zusammengefunden hatten, und wenn schon dieser. Umstand hinreichend für Doktor Ruthardts ausgedehnte Praxis zeugte, so bekundeten die leise geführten Unterhaltungen in noch höherem Maße, wie viel Ansehen und aufrichtige Verehrung der vielbeschäftigte Arzt bei all' diesen Leuten genoß. — Ohne das kleinste Anzeichen von Ungeduld hatte Sandory gewartet, bis an ihn, als den letzten, die Reihe zuin Eintritte gekommen war. Langsamen Schrittes und in jener ruhig selbstbewußten Haltung, die so trefflich zu seiner ganzen äußeren Erscheinung paßte, ging er dann hinein. Der Arzt musterte ihn mit seinem klaren durchdringenden Blick und nötigte ihn durch eine kleine Handbewegung auf den vor ihm stehenden Stuhl. Der Fremde aber zögerte noch ein wenig. „Mein Name ist Rudolf Sandory", sagte er. „Ich bin zwar von Geburt ein Deutscher; aber ich habe mich lange auf Reisen in aller Herren Länder umhergetrieben und bin nun durch einen zufälligen Windstoß hierher verweht worden. du selbst am Kleinsten spüren: Wo die Schuld gegangen hinaus, W”» Immer durch dieselben Thüren Tritt die Buße zu dir in's Haus. Em. Gcibcl. — 594 — Obwohl mein Aufenthalt in Waldenberg erst nach Stunden zählt, habe ich doch schon so viel Anheimelndes gefunden, daß ich ernstlich mit dem Gedanken umgehe, mich dauernd bei Ihnen niederzulassen". Doktor Ruthardt machte eine leichte Kopfbewegung. „Das ist recht schmeichelhaft für unsere Stadt. Aber gestatten Sie mir die Frage: sind Sie krank?" „Soviel ich weiß — nein! Ich erfreute mich bisher stets einer ausgezeichneten Gesundheit, und es ist sozusagen eine Privatsache, die mich heute zu Ihnen führt". Der Doktor ließ ihn nicht weiter reden. „Ich bedaure, mein werter Herr, aber ich muß Sie unter solchen Umständen schon bitten, am Nachmittag wieder zu kommen, wenn ich meine Krankenbesuche beendet habe. Sie wissen wohl: ein Arzt kann niemals nach eigenem Belieben über seine Zeit verfügen". Rudolf Sandory lächelte noch immer sehr verbindlich. „Mein Anliegen kami in wenig Minuten abgethau sein, Herr Doktor! Ich erfuhr zufällig von Ihrer: hochherziger: Bemühungen für die Errichtung eines Kinderkrankenhauses in Waldenberg, und ich möchte gern nach meinen bescheidenen Kräften zu der Verwirklichung Ihres schönen Planes beitragen. Obwohl ich noch unverheiratet bin, habe ich Loch ein, warmes Herz für die Kinder, zumal wenn es die unglücklichen Kinder der Armen sind. Meine eigene, freudlose Jugend hat mich gelehrt, ihre Leiden zu verstehen, und ich werde glücklich sein, wenn ich durch mein Scherflein auch! nur einem von ihnen ersparen kann, was mir selber an Drangsalen und Bitterkeiten beschieden war". — Er hatte einen Briefumschlag aus der Tasche genommen und ihn auf den Schreibtisch niedergelegt. Doktor Ruthardt öffnete ihn sofort und zog einen zusammengefalteten Tausendmarkschein heraus. „Das ist viel Geld, Herr Sandory! Sie müssen ein reicher Mann sein, um sich das gestatten zu können". „Mein Reichtum ist vielleicht nicht so groß wie meine Freude, daß ich! einer guten Sache dienen darf". „Nun, ich danke Ihnen jedenfalls in: Namen der armen Kinder. Und ich werde dafür sorgen, daß Ihr Name in der Liste der Wohlthäter Aufnahme finde". Rudolf Sandory wehrte lächelnd ab. „Nur nicht Aufhebens davon machen, wenn ich bitten darf, verehrter Herr Doktor! Sie glauben mir doch, daß ich es nicht thue, um damit zu prunken". „Um so wertvoller ist die Gabe. Aber es thut mir leid, daß »ich mich Ihnen nun wirklich nicht länger zur Verfügung stellen kann. Wenn es Ihre Absicht ist, in Waldenberg zu bleiben, sehen wir uns wohl nicht zum letztenmale". Er richtete seine hohe Gestalt auf, so daß sich San- dorh als ent)gütig verabschiedet betrachten mußte. Wen:: diese rasche Abfertigung den Wünschen des Besuchers nicht entsprach, so war er doch wohlerzogen genug, nichts von seiner Verstimmung zu zeigen. „Ich für meine Person, Herr Doktor, werde jede Wiederbegegnung als ein besonderes Vergnügen betrachten", sagte er. „Und sobald es sich um Ihr menschenfreundliches Unternehmen handelt, dürfen Sie über meine Dienste unbedingt verfügen". Doktor Ruthardt neigte schweigend das Haupt, und die Unterhaltung war zu Ende. Als Sandory wieder durch das Vorzimmer schritt, befand er sich zum erstenmale im Ungewissen über den ersten Eindruck, den er auf einen anderen hervorgebracht, und da auch Margaretens zierliche Gestalt draußen auf der Diele nicht wieder für ihn sichtbar wurde, legte sich's in dem Augenblick, wo er die schwere Eichenthür des Doktorhauses hinter sich zufallen ließ, doch wie ein Schatten verdrießlicher Enttäuschung über sein Gesicht. Draußen, auf den Stufen der Steiutreppe, traf er mit einem Herrn zusammen, der sehr eilig die Straße heraufgekommen War. Es war ein stattlicher, junger Mann, anscheinend in der zweiten Hälfte der Zwanziger. Sein blondbärtiges Gesicht war nicht eigentlich schön, aber von angenehmer, jugendlicher Frische und von zugleich klugem und liebenswürdigem Ausdruck. Er befand sich offenbar in einiger Aufregung; denn er stürmte hastig an Sandory vorbei und zog die Glocke. „Wie em Kranker sieht der nicht aus", dachte der andere. „Vielleicht wird es von Nutzen sein, sich sein Gesicht zu merken". Und er drehte, als er unten war, noch einmal den Kopf zurück, um die Züge des aufgeregten jungen Mannes mit scharfem Blick zu erfassen. Es blieb ihm nicht viel Zeit dazu; denn schon im nächsten Moment wurde die Thür geöffnet; er hörte aus dem Innern des Hauses einen offenbar freudigen Aufschrei aus weiblichem Munde, und dann machte die wieder geschloffene Pforte allen weiteren Beobachtungen ein Ende. Gewiß würde feine nicht sehr rosige Stimmung sich noch um vieles verschlechtert haben, wenn er hätte wahrnehmen können, was während der nächsten Minuten drinnen geschah. Da stand Margarete Ruthardt, die noch immer ihre große Küchenschürze trug, mit dunkel glühenden Wangen, und der blondbärtige, junge Mann hielt ihre beiden Hände in den feinigen, als ob er sie nie wieder freigeben wollte. „Was für eine große Dame Du geworden bist, Gretchen! Ja, darf rch da denn überhaupt noch Du zu Dir sagen, wie in Deinen Backfischzeiten?" „Wenn es Dir schwer fällt, können wir ja auch einen anderen Brauch! einführen", lächelte sie, mit großer Tapferkeit gegen ihre freudige Verwirrung kämpfend'. „Am Ende bist Du ja inzwischen, ohne daß ich's weiß, auch! eine Art von Respektsperson geworden". „Gewiß! Wie Du mich da vor Dir siehst, bin ich nichts geringeres als ein Doktor der Medizin und ein praktischer Arzt mit glorreich, bestandenem Staatsexamen. Ter Professor und Geheime Medizinalrat ist nichts mehr als eine Frage der Zeit". „Meinen unterthänigsten Glückwunsch Herr Doktor! Aber wenn Tu nach Waldenberg zurückgekehrt bist, um jetzt meinem Vater die Patienten wegzuschnappen, so kündige ich Dir von vornherein und in aller Form jegliche Freundschaft auf". Der junge Arzt schüttelte den Kopf, aber fein Gesicht war mit einem Male viel ernster geworden. „Dein Vater könnte solchem Verluste mit großer Seelenruhe zusehen, wie ich denke. Aber die Absicht liegt mir wirklich fern. Ich will mich nur ein paar Wochen daheim ausruhen, um dann nach einer Assistenteustelle an irgend einem Kraukenhause Umschau zu halten. Du kannst nicht ahnen, Gretchen, wie ich mich seit Monaten aus diesen Erholungsaufenthalt in Waldenberg gefreut habe. Ich hatte mir das alles so herrlich ausgemalt und nun —" Er mußte sich unterbrechen; denn eben wurde die Thür des Wartezimmers geöffnet, und Doktor Hermann Ruthardt trat in Hut und Ueberrock heraus. Er hatte es wohl nicht mehr gesehen, wie Margarete rasch ihre Hände aus denen des jungen Mannes gezogen, und als dieser nun auf ihn zueilte, ging es wie ein Schimmer freudiger Ueberraschung auch über fein ernstes Gesicht. „Steh' da, Walter Sartorius!" sagte er. „Willkommen in der Vaterstadt! — Darf man etwa schon sagen: Herr Kollege?" „Ja, Vater, er hat sein Examen mit Glanz bestanden", antwortete Margarete an Stelle des Gefragten, und es war etwas von wirklichem Stolz in dem Ausdruck ihrer Worte. „Nun ist es an der leidenden Menschheit, sich vor ihn: in acht zu nehmen". „Naseweis!" meinte der Doktor. „Da hören Sie's, Walther, zu welchem Ansehen ich den ärztlichen Berus in meinem eigenen Hause gebracht habe. Uebrigens gratuliere ich von Herzen! — Und wenn ich auch leider sehr wenig Zeit habe, auf einen Begrüßungstrunk wird es doch wohl noch reichen". Sie traten alle drei in das Wohnzimmer ein, das einfach, licht ::nd anheimelnd war gleich den übrigen Räumen des Doktorhauses. Dem jungen Gaste mußte es wohl vertraut sein; denn er sah sich darin um wie jemand, dem sich eine lang entbehrte, liebe Stätte sogleich mit einer Fülle glücklicher Erinnerungen bevölkert. „Hier hat sich nichts verändert in den letzten drei Jahren", sagte er. „Ich glaube, ich hätte den Standort jedes Stuhles aus dem Gedächtnisse angeben können". „Warum sollte man auch etwas ändern an dem, womit - SW - man zufrieden ist?" meinte Ruthardt. „Aber wo ist denn unsere Frau Doktor, Margarete?" „Die Mutter ist in die Stadt gegangen, um Besora- ungen zu machen. Sie wird kaum vor dem Mittagessen zuruck fein''. " Der Doktor strich, seinen grauen Bart. „Die Besora- ungen kenne ich. Sie kann es nun einmal nicht lassen Zu verwundern, wenn die zarten Schleimhäute bet Magenwände bei der Berührung mit der beißenden Knolle zu starker Thätigkeit angeregt werden. Niemandem ist der Geruch der Zwiebel angenehm, selbst nicht dem aufrichtigsten Bewunderer der Schönheit, welche^Ausdruck der Gesundheit ist. Sicher aber werden mir in? iFx««^' * - - --—* »*«#*■ i zarte Frauen den Genuß! der Zwiebel verabscheuen. Und i» Wwtoerf zu Pfuschen und Krankenbesuche auf I doch bewahrt die Zwiebel auch die Zähne, die sie kauen, zu. machen. Nehmen Sie sich nur in acht, I vor Fäulnis und neuralgischen Leiden, und selbst bei schon Walther, daß <2te nicht auch einmal an eine solche Frau I kranken Zähnen hält sie den Verfall lange auf. Wer hat HK.n- ~ um unser Glas Wein aber dürfen wir deshalb weißere und stärkere Zähne als der italienische oder sva- m ).t kommen. Du weißt doch, Grete: den gelbgesiegelten I uische Bauer? Und bildet nicht eine große milde Zwiebel, Laubenheimer!" die in den warmen südlichen Ländern wächst, oft das einzige (Fortsetzung folgt.) Mahl dieser gesunden Leute mit Elfenbeinzähnen? . ------------- I Für Leute, die Nächte lang schlaflos liegen, ist die rr. . e . __ I Zwiebel ein vorzügliches Schlafmittel. Denn durch den mne verrannte WovltNIerin. reichlichen Phosphor, die in ihren Saftgeweben enthaltene vmuuiui freie Phosphorsäure, ist die Zwiebel ein prachtvolles Be° . Nachdruck verboten. I ruhigungsmittel für erregte Nerven; sie giebt dem erschöpf- bon der ich sprechen will, gehört zu ! ten Gehirn Frieden und Nahrung und führt den Schlaf mner sehr vornehmen, ja aristokratischen Familie. Die herbei. ' N^rnch„^„^^kockchen, die Wasserlilie, alle sind ihre nahen I Sie hat auch große Kraft, eine beginnende Erkältung h. am' r r' < • r dcarzisse; — ich meine natürlich I abzuwenden oder eine bereits eingetretene zu beseitigen, ni^z „ k diese Pflanzen sind Liliengewächse, doch I Insbesondere wird Meerzwiebelsaft den Kindern bei Ka- iuorn ^ie &ie geeignet, uns durch Farben und I karrt, verschrieben. Roh gegessen teilt die Zwiebel dem weuich zu erfreuen. Geruch haben ja all diese Knollen I Blute bedeutende Wärme mit, mehr als irgend ein anderes «0noi,nreiC sföer ?r11^ at,er er ist nicht allen Nasen an- I Nahrungsmittel. Das kommt natürlich von ihrer ätzenden genehm, und manche Menschen wenden sich darum von der I Eigenschaft, würde die Köchin sagen. Doch liegt es haupt- md Steindruck«« (Pietsch «riech in e«i«u Uti er n Augc auch Schn geölt haus« gebet alte Knat er Z toibei einsc soll,' liegt bertr es je aber tiefer Walt