(Nachdruck verboten.) „Es sah eine Linde ins tiefe Thal." Novelle von R. Litten. (Fortsetzung.) IV. Abschied. Der ersten Trennung Lehr' ist hart zu lernen. Der erste Herbststurm war ins Land gekommen. Sausend fuhr er über die kahlen Felder, riß in den Gärten die gelben und roten Blätter von den Bäumen, sie in wildem Tanze schwingend, und pochte mit keckem Finger an die Wohnungen der Menschen. Auch an dem dicht verhangenen Fenster des Hauses, in welchem Frau Kraneck wohnte, und durch welches schwacher Lichtschein in den dunklen Abend hinausdrang, sang er sein wildes Lied, und tief mußte die alte Brigitte den alten Kopf neigen, um die leisen heiseren Laute zu verstehen, welche von dem Lager ihrer totkranken Frau an ihr Ohr drangen. Lange hatte sie so gesessen, jetzt hob sie das tief bekümmerte, runzlige Gesicht, die nassen Augen. Sie hätte aufschreien mögen, in die Kniee sinken, und die Hände zu Gott erheben, ihn um das Leben zu bitten, das dort zur Neige ging, aber sie bezwang sich und streichelte nur leise die zuckenden Hände, die so lilienweiß auf der Bettdecke lagen. „Nicht sprechen", bat sie dabei. „Sie wissen, der Arzt hat es verboten!" lieber das weiße Gesicht mit den überirdisch glänzenden Augen flog der Schatten eines Lächelns. „Mrr schadet nichts mehr, Brigitte, ich weiß es! Ich würde gern sterben, wenn nicht das Kind wäre." Die Kranke lag ein paar Augenblicke ganz still, di? großen, tiefblauen Augen nach oben gerichtet. Plötzlich lohte dunkle Fieberröte über ihr Gesicht, sie schnellte auf und sah sich mit wilden Blicken um. „Mein Kind ! Wo ist es? Es tanzt den ganzen Tag auf feinen kleinen Füßen und zwitschert und singt wie ein Vögelein. Jetzt ist es glücklich, jetzt hat es Liebe, viel Liebe! Aber wie lange noch, dann wird es in die Welt gestoßen, in die fremde, kalte Welt, wo niemand es kennt, 1900. BRf rOenu MM 1 I MW fu bringst nichts in die Welt, Du nimmst nichts mit hinaus Laß eine goldne Spur Im alten Erdenhaus. Julius Lohmeyer. niemand es liebt, wo sein armes, kleines Herz frieren muß — immer — immer!" Sie schüttelte heftig den Arm der alten Frau. „Gebt mir mein Kind, ich lasse es Euch nicht!" Brigitte legte die Kranke sanft in die Kissen zurück und sprach ihr beruhigend wie einem Kinde zu. Die Kranke lauschte, mit weit geöffneten Augen, die allmählich den Ausdruck der Angst verloren, dann nahm sie die welke Hand, welche die ihre streichelte, und führte sie an die heißen, trockenen Lippen. „Dank, Brigitte, Dank!" hauchte sie. „Ich weiß, Du und der Doktor, Ihr werdet mein Kind nicht verlassen. An Gottes Thron will ich für Euch beten. Und nun rufe es mir, Brigitte! Es soll zu mir kommen, ich will es sehen, und dann will ich schlafen, lange schlafen. Ich bin müde, sehr müde!" Sie schloß ermattet die Augen, und Frau Brigitte ging leise hinaus, das halbwüchsige Mädchen, welches seit der Krankheit ihrer Herrin im Hause war, nach dem Kinde zu schicken. Doktor Hannemann hatte Elfe vor einer Stunde, als er nach der Kranken gesehen, mitgenommen, sie war noch nicht heimgekehrt. Der alte Herr wollte noch mehrere ärztliche Besuche machen und sie dann selbst heimgeleiten. „Wie lange er bleibt", sagte Elfriede soeben wieder und fchaute sehnsüchtig nach der Thür. „Ich möchte nicht länger warten, Hans, ich möchte nach Hause zu Mama!" Der Angeredete sah sie erstaunt an. „Was Du nur heute hast, Elfe! Sonst war es Dir ein Fest, wenn Onkel uns das Götterzimmer öffnete, und jetzt fiehst Du Dich kaum um und willst fort." Das Kind ließ einen scheuen Blick ü6et die weißen schimmernden Gestalten, welche sich so leuchtend von dem tiefgesättigten Rot der Wände abhoben, schweifen, dann schauerte es leicht zusammen. „Sie sind alle so bleich und starr", "sagte es leise, „und ich! weiß nicht, immer muß ich heute an meine kranke Mutter denken, wenn ist sie ansehe". Sie trat dem Knaben näher und legte das schmale Händchen auf seinen Arm. „Ob Mama bald wieder gesund ist, Hans, ob sie bald wieder mit mir plaudert und scherzt?" In den großen, dunklen, thränenverschleierten Kinderaugen, welche mit banger Frage die des Knaben suchten, lag etwas unsäglich Rührendes. Dieser mochte es empfinden, wie schützend schlang er seinen Arm um die zarten Schultern der Kleinen. „Sei kein Närrchen, Elfe, und mach Nicht solch' trauriges Gesicht! Siehst Du, das mag ich gar nicht an Dir leiden, und Deinem Mütterchen geht es ebenso! Und wie lange noch, dann ist Deine Mama wieder gesund, und ich darf Euch beide in Onkels bequemem Einspänner ins Freie hinausfahren wie damals, bevor sie krank wurde. Denkst - 282 - Du auch noch daran, Elfchen? Weißt Du noch, wie schön es im Walde war, wie wir Beeren suchten und dabei das Häschen aus seinem Versteck aufstöberten?" Elfriede hörte ihm mit glänzenden Augen zu, verschwunden war Unruhe und Besorgnis aus ihren beweglichen Zügen. „Ja", sagte sie eifrig, „und wie die Bäume rauschten, und die goldenen Lichter über den Hof huschten! Und wie der Pirol flötete und der Kuckuck rief! Kuk—kuck! Kuk— kuck! Erst ganz in unserer Nähe, dann tief hinten im Walde, daß es nur noch wie ein schwaches Echo klang. Ach, Hans, und als wir dann sangen, und plötzlich ein wirkliches Echo da war und uns antwortete!" Hans lächelte. „Ja, und Du fragtest es dann so unermüdlich, daß es mir leid that, und ich Dir seine Geschichte erzählte, damit es Ruhe endlich vor Dir fände!" Das Mädchen lachte fröhlich auf. „Ja", bestätigte es mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit, „und mittlerweile war es dämmerig unter den hohen Bäumen geworden, und ich fürchtete mich — ein wenig, ein ganz klein wenig nur, wirklich, Hans!" „Ich —" Sie stockte plötzlich und horchte mit ängstlichem, gespanntem Gesicht. „Hörtest Du nichts, Hans? — Mein Name? — Wer ruft mich?", — Ihr Blick irrte über die Marmorgestalten, welche mit weißen leeren Augen auf sie herabblickten. Sie schauerte zusammen urtbl floh wie gejagt aus dem Zimmer. „Jch> muß nach, Hause, Hans, zu Mama!' Ich blieb schon zu lange!" Sie war bereits in ihrem Mäntelchen, als die von Brigitte gesandte Botin erschien.. Sie hörte kaum, was dieselbe sprach, sie reichte dem Gespielen auch nicht wie sonst die Hand, wie ein flüchtiger Schatten verschwand sie in der Dunkelheit des Herbstabends. Als Dr. Hannemann eine Viertelstunde später, begleitet von seinem Neffen, denselben Weg gegangen, fand er, am Ziele angelangt, ein Bild, welches selbst ihm, dem alten, im Ringen mit dem Tode ergrauten Manne ungewohntes, brennendes Naß ins Äuge trieb. Auf weißem Lager ein junges Weib, die Majestät des Todes auf der bleichen Stirn, vor ihm auf den Knieen, betend, schluchzend, eine gebeugte grauhaarige Frau, ein todblasses, zitterndes, sich ängstlich an sie klammerndes Kind fest an die Brust gedrückt. Der Arzt trat schweigend näher und faßte die bleiche schmale Hand, welche so eigentümlich schwer auf der Bettdecke lag. Nur eine Minute, dann ließ er sie sanft sinken, entblößte das Haupt und bewegte leise die Lippen. Elfrie- dens Blicke hatten angstvoll an seinem Gesichte gehangen, jetzt riß sie sich von Brigitte los und faßte den Arm des alten Mannes. „Onkel, warum weinst Du, und warum weckst Du Mama nicht? Warum schläft sie so lange?" Sie warf sich, ehe ihr Antwort ward, über das Bett. „Maina, Mama!" schrie sie. „Wach doch auf, ich bin's ja, Dein Kind, Deine Elfe!" Der Arzt richtete die kleine bebende Gestalt sanft auf und zog sie in seine Arme. (Fortsetzung folgt.) ZU den Iestspielen in Hberammergau.ft BSfll W in miliim! ■■ Bm I yCp: .-ü SB 1 - Nach zehnjähriger Pause findet am 24. Mai, Himmel« fahrtstag, die erste Aufführung der Oberammergauer Festspiele statt. Diese dramatische Darstellung aus der Leidensgeschichte Christi verdankt ihre Entstehung einem Gelübde, welches im 17. Jahrhundert, als die Pest verheerend durch die deutschen Gauen zog, gegeben wurde. Seit jener Zeit finden alle 10 Jahre diese Festspiele statt, und ungeheure Menschenmengen nehmen an den Veranstaltungen teil. Nur im Jahre 1870 unterbrach der deutsch - französische Krieg die Reihe der Aufführungen, weshalb sie 1871 fortgesetzt wurden. Dies ist aber die einzige Ausnahme gewesen. Im Jahre 1890 wurde nach den Plänen des Obermaschinenmeisters Lautenschläger eine bessere Bühneneinrichtung hergestellt, und nun ist auch eine Zuschauerhalle gebaut worden, um die Zuschauer vor den Unbilden der Witterung zu schützen. Die Sitzplätze darin sind amphi- theatralisch angeordnet. Die neue Bühneneinrichtung hat den Charakter eines öffentlichen, mit Prachtgebäuden eingefaßten römischen Platzes, wie solche damals in Jerusalem vorkamen. Die Mittelbühne, auf welcher lebende Bilder aus der Geschichte des alten und neuen Testamentes gestellt Nachdruck verboten. werden, ist im Stile eines korinthischen Tempels errichtet. Rechts und links daran schließt sich je ein Stadtthor, durch welches man in Straßen Jerusalems blickt. Neben diesen Thoren befinden sich die Paläste des römischen Statthalters Pilatus und des Hohenpriesters Hannas, zu deren erhöht liegenden Eingängen Freitreppen hinaufführen Abgeschlossen wird die Bühne, deren gesamte Breite 42 m beträgt, durch zu beiden Seiten nach vorn springende, reich dekorierte Säulenhallen, welche zur Aufstellung des Chores dienen. Ueber all' diesen Palästen sieht man vom Zuschauerraum aus die Berge Oberammergaus ragen. Die Bühnenbeleuchtung fällt von oben durch ein Glasdach, der Orchesterraum ist nach dem Muster neuester Bühneneinrichtungen versenkt. Der vom Ingenieur Schmucker in München ausgeführte neue Hallenbau, welcher der Gemeinde Oberammergau 180500J9J2L kostete, bedeckt eine Fläche von 3300 qm. Die Darsteller sind Bewohner des Oberammergaues, aber sie haben sich in ihre Rollen so sehr vertieft, daß eine vorzügliche Gesamtwirkung erzielt wird. *) Vergl. Artikel in Nr. 63 der „Gießener Familicnbl." vom 6. Mai. 283 — Die Reform des Maßsystems. Eine Jubiläumsbetrachtung von Kurt Sickel. Nachdruck verboten. Am 2 0. Mai d. I. sind 25 Jahre verflossen, seit in Paris der Vertrag über die internationale Maß- und Gewichtsorganisation unterzeichnet und damit ein außerordentlich bedeutungsvoller Akt in der Entwickelung des gesamten Maßwesens vollzogen wurde. Die Aelteren unter uns werden sich aus ihrer Kindheit und Jugend der Mängel des damaligen Mast- und Gewichtssystems und der Miß- Helligkeiten, die mit seiner Anwendung verbunden waren, noch zu erinnern wissen. In jeder Stadt hatte man andere Maße, hier war die Elle so, dort so groß, dort maß der Acker soviel, hier soviel. Besonders für den Kaufmanns- stand war dies ein schwerwiegendes Hindernis. Der Verkehr war durch die großartige Entwickelung des Eisenbahn- und Postwesens längst nicht nur über die lokalen Schranken hinausgewachsen, er war sogar ein internationaler geworden, und immer noch bestanden allenthalben die Verkehrshemmnisse der mit den Grenzpfählen wechselnden Maße und Gewichte — das konnte er nicht länger ertragen und verlangte gebieterisch Reformen, die seinen gesteigerten Ansprüchen Rechnung trugen. Wie man später das Feldgeschrei einer Einheitszeit und Einheitssprache erhob, so tauchte damals die Forderung eines einheitlichen Maß-! und Gewichtssystems auf, und aller Blicke richteten sich auf Frankreich, in welchem das betreffende Verlangen schon frühzeitig in einer so vollendeten Form Erfüllung gefunden hatte, daß den anderen Staaten nur die Nachahmung des französischen Systems übrig blieb. Die Anforderungen, welche der Handel und Verkehr an ein allgemeines, für den lokalen wie internationalen Verkehr geeignetes Maßsystem zu stellen hat, sind keine geringen. Erstens muß dasselbe doch möglichste Einfachheit, eine leichte und rasche Berechnung ermöglichen, zweitens muß es ein wirkliches Naturmaß sein, das keinen oder doch nur den möglichst geringfügigsten Abänderungen unterliegt, oder vielmehr, das von solcher Dauer und Gleichartigkeit ist, daß män es immer von neuem als Kontrolle für die nach seinem Muster gebildeten Grundmaße und Maßeinheiten benutzen kann. Die alten Maße waren ja im wesentlichen auch Naturmaße, indem z. B. die Größe der Arme, Füße und Schritte, die Fingerspannung usw. die Maßeinheit abgaben. Leider schwankten aber die entsprechenden Normalmaße je nach den Individuen, um' deren Arme, Füße und Schritte es sich handelte — nahm man die Länge eines Armes als Normalmaß an, so war dies im Grunde nicht mehr als eine völlig willkürliche Bestimmung; denn unter hundert Armen kamen kaum zwei an Länge einander völlig gleich. Diese Mißhelligkeit steigerte sich im Lause der Zeit noch durch die stetig wachsende Ungleichmäßigkeit der benutzten Maße und Gewichte; denn sowohl die von den Behörden benutzten Normalmaße als auch hie im Verkehr befindlichen Maße und Gewichte nutzten sich ab, und die Technik war damals noch nicht soweit entwickelt, um die Herstellung genau übereinstimmender Maße und Gewichte zu ermöglichen. Wer anders als die immer siegreicher sich bahnbrechenden Naturwissenschaften konnten hier Abhilfe schaffen? — Schon 1664 trat Huyghens, der berühmte holländische Mathematiker, mit dem genialen Vorschlag hervor, die Länge des einfachen Sekundenpendels als Normalmaß zu gebrauchen, unter Hinweis daraus, daß es sich hier nicht nur um eine unveränderliche Länge handle, sondern daß die Neubestimmung derselben auch jederzeit durch ein leichtes Experiment möglich sei. In der Thät hätte diese Art der Bestimmung sogar vor dem metrischen System den Vorzug einer größeren Naturgenauigkeit sowohl als einfacheren Kontrolle gehabt, wenn nicht Richer bald daraus entdeckt hätte, daß auch die Länge des Sekundenpendels an den verschiedenen Orten der Erde infolge der mit dem Breitegrade sich ändernden Schwerkraft verschieden sei, und wenn auch Condamine (1740) und Bouguer diesen Mangel dadurch auszugleichen suchten, daß der erstere empfahl, die Länge des Sekundenpendels unter dem Aequator und der letztere, die unter dem 45. Breitengrade, als Maßeinheit anzunehmen, so vermochte sich trotzdem die 1790 von der französischen Regierung eingesetzte Kommission für das Pendelsystem nicht zu entscheiden. Frankreich Hatte zu jener Zeit schon die Notwendigkeit, die auf dem Gebiete des Maß» wesens herrschenden Mißstände zu beseitigen, erkannt und wirkte 1788 sogar schon darauf hin, eine international« Einigung herbeizuführen, doch scheiterten seine Bemühungen an der Engherzigkeit der anderen Regierungen. Wenn man dessen ungeachtet bei der Schaffung des neuen Systems von allgemeinen Gesichtspunkten ausging und nach einem System von solcher Vollkommenheit strebte, daß dasselbe sich zur künftigen Annahme durch alle zivilisierten Nationen eigene, so erwarb man sich damit ein nicht genug zu schätzendes Verdienst und verriet einen weiten Blick. Die erwählte Kommission bestand aus lauter bedeutenden 'Gelehrten, darunter Condorcet und Laplace. Ihr Haupteinwand gegen das Pendelmaß bestand in dem Bedenken, daß man auf diese Weise die Bestimmung des Raumes von derjenigen der Zeit ableite und außerdem auf eine immerhin willkürliche Festsetzung der Sekundenlänge angewiesen sei. Da gerade damals eine neue Gradmessung in Aussicht stand, so machten sie dafür den Vorschlag, als Maßeinheit die Länge des zehnmillionsten Teils des iÄdquadranten (d. h. des vierten Teils des Erdmeridians oder der Entfernung des Nordpols vom Aequator) unter dem Namen Meter (vom griechischen Metron, Maß) anzunehmen. Dieser Vorschlag gelangte zur Ausführung, allerdings nur soweit sich eben mit den vorhandenen wissenschaftlichen Mitteln die erforderliche Einheit mit Genauigkeit ermitteln ließ. Spätere Berechnungen! gelangten zu etwas abweichenden Resultaten, es kommt aber darauf in der Praxis auch nicht allzuviel an, die Hauptsache ist, daß ein Maß allgemein Giltigkeit und den Vorzug leichter Berechnung besitzt, und daß man die Nor-i malmaße (die Prototype) in einer Weise herstellt und aufbewahrt, daß sie das ursprüngliche Maß ohne jede Veränderung festhalten. Alle die erstrebten Vorzüge besaß aber das metrische System, sodaß man, in Ansehung der Unmöglichkeit, ein anderes völlig genaues in keiner Weise schwankendes Naturmaß zu erhalten, über die Differenz hinaussah und sich — nach Annahme des Systems durch andere Staaten — dafür entschied, das in Paris aufbewahrte Metre des Archives als Urmaß anzunehmen. Dieses Urmaß besteht in einem von Lenoir verfertigten Platin-Endmaßstab, der seine wahre Länge bei der Temperatur des schmelzenden Eises hat und im Conservatoire des arts et metiers zu Paris aufbewahrt wird. Daselbst bewahrt man auch das Ur-Prototyp des Kilogramms auf, ein von Fortin angefertigter Cylinder aus Platin, „welcher bei 0 Grad C. und auf den luftleeren Raum reduziert soviel wiegen soll, wie ein Liter reinen destillierten Wassers im Maximum der Dichtigkeit reduziert auf den luftleeren Raum". (Grumnach, Ueber Maß und Messen.) Obwohl nun das metrische System noch den weiteren schätzbaren Vorzug besaß, haß mit ihm die Einheit des Gewichts in genauer Verbindung stand (indem dessen Einheit, das Kilogramm, das Gewicht eines Liters destillierten Wassers im Zustand der größten Dichtigkeit repräsentiert, und das Liter wiederum gleich einem Tausendstel Kubikmeter oder gleich dem Würfel des Zehntelmeters ist), vermochten sich die anderen Staaten doch nur langsam zu seiner Einführung zu entschließen. Hauptsächlich trug hieran die aus praktischen Gründen etwas zu grob bemessene Länge des Einheitsmaßes die Schuld, aber auch die Wneigung der großen Masse gegen tief einschneidende Neuerungen und die Eifersucht der Nationen kamen hinzu, sodaß erst die Macht des wachsenden Verkehrs dem neuen System die siegreiche Bahn brach. In Deutschland, d. h. zunächst für den norddeutschen Bund, gelangte das metrische System durch das Gesetz vom 17. August 1868 zur Einführung; als Normalmaß diente das jetzt im Besitze des deutschen Nor-- mal-Aichungs-Kommission befindliche Platin-Meter. Wie Preußen, so bezogen auch andere Staaten, welche das Metermaß einführten, von Frankreich beglaubigte Kopien des Urmaßes; allein schon aus dieser Notwendigkeit erwuchsen neue Mißhelligkeiten, da die Kopien, nach verschiedenen Methoden und aus verschiedenen Materialien hergestellt, ihrerseits die dauernde Einheitlichkeit des Systems nicht garantierten. Aus diesem Grunde wirkten namhafte Gelehrte, wie der berühmte Moritz Hermann v. Jacobi in Petersburg, in Verbindung mit zahlreichen gelehrten — S84 — Gesellschaften und Korporationen auf eine internationale Regelung der Frage hin, und vor allem war es Jacobi, der Erfinder der Galvanoplastik, welcher, nachdem er bei Gelegenheit der Pariser Weltausstellung im Jahre 1867 als Delegierter Rußlands an dem über die Mittel zur Erzielung eines einheitlichen Maß-, Gewichts- und Münzsystems teilgenommen hatte, als Präsident der von diesem Komitee eingesetzten Kommission in seinem Bericht die allgemeine Einführung des metrischen Maß- und Gewichts-Systems empfahl. Hauptsächlich auf seine Veranlassung wurde auch eine internationale Kommission zur Leitung der Anfertigung neuer metrischer Prototype entsprechend dem derzeitigen Standpunkt der Wissenschaft und Technik niedergesetzt, da der scharfsinnige Forscher bei der Besichtigung der bisherigen Normalmaße deren Unzulänglichkeit erkannte. Als weitere Aufgabe der Kommission wurde die Anfertigung genauer Kopien für die beteiligten Länder, sowie die Begründung eines ständigen internationalen Bureaus für die Vergleichung der Maße bezeichnet. Anfänglich stellte sich die französische Regierung dem Vorhaben ziemlich gleichgiltig gegenüber, zuletzt ließ sie sich aber doch bereitfinden, die gewünschte internationale Konferenz zu berufen. Doch mußte die Einberufung infolge der Kriegsereignisse auf das Jahr 1872 verschoben werden. Auch diese Konferenz faßte aber nur vorbereitende Beschlüsse, dahingehend, daß für die beteiligten 28 Staaten, neue internationale Prototype nach dem Muster des französischen angefertigt werden sollten, gleichzeitig wählte man ein permanentes Komitee, auf dessen Anregung am 1. Fe-, buarr 1875 zu Paris die diplomatische Konferenz zur end- giltigen Regelung der Frage zusammentrat. Deutschland war durch den Botschafter Fürsten Hohenlohe und den Professor Dr. Förster, den Direktor der Sternwarte und der Normal-Aichungs-Kommission zu Berlin, vertreten. Langer Auseinandersetzung, hauptsächlich durch politische Bedenken hervorgerufen, bedurfte es, bis endlich am 20. Mai 1875 — also vor nunmehr 25 Jahren — ein den das internationale Maß- und Gewichtsbureau regelnde Organisation betreffender Vertrag zu stände kam, welcher von den Vertretern nachstehender Staaten — wir folgen hierbei den bereits erwähnten Ausführungen des Dr. Leo Grumnach —■ unterzeichnet wurde: Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Belgien, Brasilien, Spanien, Dänemark, Vereinigte Staaten, Argentinien, Peru, Portugal, Italien, Frankreich, Rußland, Schweden, Norwegen, Schweiz, Türkei und Venezuela. Der zunächst auf 12 Jahre abgeschlossene Vertrag trat am 1. Januar 1876 in Kraft. Auf gemeinsame Kosten gelangte durch denselben ein permanentes wissenschaftliches Institut mit dem Sitz in Paris zur Einführung; dasselbe führt die Bezeichnung: „Internationales Bureau für Maß und Gewicht" und steht unter der Oberleitung eines internationalen Komitees, das seinerseits der „General-Konferenz für Maß und Gewicht" untergeordnet ist. Die Hauptaufgabe des Bureaus ist die Herstellung neuer, genauer metrischer Urmaße und Urgewichte, doch sind derselben auch noch eine Reihe von anderen wichtigen, mit der Sache im engsten Zusammenhang stehenden Arbeiten zugewiesen. Als Material für die Prototype wählte man eine Legierung von Platin und Iridium, da der von anderer Seite vorgeschlagene Bergkrystall, der sich durch feine Härte, geringe Ausdehnung und Unveränderlichkeit besonders empfiehlt, nicht in hinreichend großen Stücken aufzutreiben ist. Der Konvention traten später noch England, Japan, Mexiko, Serbien und Rumänien bei; die Einführung des Systems selbst ist aber noch nicht in allen Staaten, welche den Vertrag unterzeichnet haben, erfolgt. Das durch denselben gegründete Institut wurde auf gemeinsame Kosten auf der Höhe von St. Cloud bei Paris erbaut und eingerichtet, es enthält mehrere Beobachtungsräume zur Erzeugung verschiedener Temperaturen mittels Einpumpens von Salzwasser in die hohlgebauten Wände, sowie ein physikalisches Laboratorium zur Vornahme der erforderlichen Arbeiten. Ein Direktor leitet das Institut, und mehrere Assistenten sind unter ihm thätig. So erkämpfte sich im Laufe eines vollen Jahrhunderts allmählich das metrische System den Sieg, und wenig Jahrzehnte werden vergehen, so wird es in allen Staaten der Zivilisation Einzug gehalten haben, damit dem Verkehre einen neuen Triumph bereitend, dem Verkehre, dem wir die Beseitigung fast aller die Nationen geistig und materiell trennenden Schranken zu danken haben. Auch in der Einführung des Einheitsmaßes haben wir ein Stück Arbeit des 19 Jahrhunderts vor uns, das sich würdig den übrigen großen Erfolgen des vergangenen Säkulums auf wissenschaftlichem und praktischem Gebiete anschließt. Wir begrüßen in ihm die Vollendung eines Friedenswerkes von hoher Bedeutung, einer Kulturschöpfung ersten Ranges, mehr geeignet, die Menschen wieder näher zu bringen, als dicke Bände hon Vorstellungen; denn wir Sterblichen nennen nun einmal die Gewohnheit unsere Amme, trennen uns schwer von ererbten und anerzogenen Vorurteilen und fügen uns nur den eisernen Gesetzen der Notwendigkeit. Um Stock - oder Moderflecke aus Wäschestücken zu entfernen, verfährt man wie folgt: Man feuchtet einen Eßlöffel voll Salmiak mit Wasser an. Beginnt der Salmiak sich aufzulösen, so schüttet man zwei Löffel voll feingestoßenes Kochsalz dazu, rührt dann so lange, bis beides gut vermischt und verbunden ist. Mit der Masse werden die Stockflecke eingerieben. Später, wenn trocken, reibt man sie ab und wiederholt das Verfahren, wenn die Flecke noch nicht ganz verschwunden sind. Konservierung der Farben in der Wäsche. Essig, sogleich zur Waschbrühe gegeben, erhält blaßrote und grüne, zum letzten Wasser gegeben, stellt er veränderte hochrote Farben wieder her. Soda erhält purpurrot und. bleiblau; reine Potasche erhält und bessert schwarz auf reiner Wolle. Ist eine Farbe durch Saucen verändert, so stellt Salmiakgeist, mit 12 Teilen Wasser verdünnt, sie wieder her; ist sie durch Alkalien verändert, so stellt Essig sie wieder her. Fußböden gründlich zu reinigen. Die schmutzigen Zimmerböden scheuere man zuerst mit Sand und heißem Wasser, reibe sie dann mit Seifensiederlauge mittelst! einer steifen Bürste und wasche mit heißem Wasser nach. Nach einiger Zeit bestreiche man den noch feuchten Boden mit stark verdünnter Salzsäure und darüber bringe man einen dünnen, gleichförmigen Brei von Chlorkalk. In dieser Beschaffenheit beläßt man die Dielen 10 bis 12 Stunden lang, wäscht dann mit heißem Wasser nach und erhält dadurch den zartesten, hellsten Fußboden. Citatenrätsel. Nachdruck verboten. Aus jedem der folgenden Citate ist ein Wort zu nehmen, sodaß sich ein neues Citat ergiebt. 1. Anfangs wollt' ich fast verzagen. 2. Die Botschaft meldet, man habe dem neuen König von allen Seiten zugejubelt. 3. Logik giebt's für keine Frau. 4. Des Menschen Engel ist die Zeit. 5. Ich bin es müde, über Sklaven zu herrschen. 6. Fürchterlich ist Einer, der nichts zu verlieren hat. 7. Wenn alle Tag im Jahr gefeiert würden, so würde Spiel so lästig sein wie Arbeit. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Skataufgabe in voriger Nummer: (Mit a, b, c, d werden die vier Farben bezeichnet; also a — Eichel, Treff; b — Grün, Pique; c == Rot, Coeur; d — Schellen, Carreau; A = 2I§; U = Unter, Wenzel, Bube; D = Dame, Ober.) Vorhand gewinnt ibr Spiel; sie legt aZ und dZ in den Skat. Mittelhand hatte bü, d U, aK, a 9, a7, b Z, b D, b 8, cZ, d 9, Hinterhand den Rest. Verlauf des Spieles: 1. V. a A M. a7 H. a 8 — 11. 2. $. c A M. oZ §. c 9 = 21. 3. V. dA M. d9 H. d8 — 11. Der Spieler bekommt nichts mehr, hat aber schon genug, da er ja 20 gedrükt hatte. Rebattio»: t. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erden) in M-tem