j MW. Ra ekplW LS 1Am OH WF^W fewi ist wahr, recht harte Nüsse giebt Das Schicksal unfern Backen, Doch was ihr zu vergessen liebt: Man kann draus Kerne knacken. Ferd. Avenarius. Nachdruck verboten. Das Pflegekind. Roman von Elsbeth Meyer-Förster. (Fortsetzung.) Nettchen liebte dieses Kind, das ihr in vielem ähnlich war, wie sie alles glänzende und bestechliche liebte. Sie waren an dem Zaun des Gärtchens angelangt und blickten auf die Landstraße hinaus. „Sieh!" schrie Minja, indem sie mit beiden Armen hinaus auf den Fahrweg wies, „da kommt Monsieur Seitre." Mvnsieur Seitre war die neue Spezialität, die sich der Direktor, durch seine guten Kassengeschäfte von Unternehmungsgeist erfüllt, aus Berlin hatte nachkommen lassen. Nettchen erblickte einen großen, schlanken, jungen Mann, Wer auf einem blitzenden Zweirad die Landstraße imhergesaust kam. „Das ist Herr Seitre?" fragte sie ganz perplex. „Ja!" sagte Minja, „der aus Richters Varietee. Haben Sie nicht sein Bild schon an den Anschlagssäulen gesehen? O, das ist ein galanter Herr. Mutter sagtz, alle Artistinnen find immer ganz verliebt in ihn." Mit altklugen und doch so unschuldigen Kinderaugen schaute sie zu Nettchen auf. „Papa muß ihm auch die Hälfte von der Einnahme E" en", fuhr sie fort, „das verlangt Herr Seitre. Er ist n in Moskau gewesen und in Wien. Und in Paris ab ich ist er geboren." Nettchen hörte dem kindlichen Geplauder mit gespannter Aufmerksamkeit zu. In ihrer Phantasie verdichtete sich Mort alles, was Minja erzählt hatte, zu einer ergänzenden Historie. Das glänzende, das in der Schilderung von Herrn Seitres Persönlichkeit lag, zog sie sofort an, und Msch ging sie nun mit Minja der Wirtsstube zu, um den. Angekommenen näher in Augenschein zu nehmen. Der junge Mann stand inmitten des Zimmers, von dem Ksteise der Artisten dicht umgeben^ Sie reichten ihm kollegialisch die Hände, aber nur die wenigsten davon ergriff er, um sie flüchtig zu schütteln. 8S war i hm nicht möglich, auf die vielen, zu gleicher Zeit an ihn gerichteten Fragen zu antworten. Er war von der raschen Fahrt noch erhitzt. Sein bleiches, hageres Gesicht schimmerte feucht an den Schläfen; seine Brust, über der er eine Lawntennis-Blouse mit rotem Gürtel trug, atmete rasch, und bei jedem Atemzuge konnte man die muskulösen Linien seines Körpers verfolgen. „In 21 Stunden, die 250 Kilometer von Berlin nach hier?" rief der artistische Leiter, dieser kleine Mann, der die Programme entwarf und die Kuplets dichtete, die sein Weib allabendlich zum Vortrag brachte. „Freund, das ist eine Leistung, die wir hegießen müssen. Mariechen", wandte er sich an seine Frau, die eben wieder durch das glücklich schnalzende Kind an ihrer Brust bewies, daß sie Kuplet- srngen nicht als den Hauptzweck ihres Lebens anffaßte, „fleh, da ist Herr Seitre, mit dem Du in Breslau zusammen im „Simmenauer" engagiert warst, und später in Posen. — Auch in Richters Varietee", fügte der kleine Mann, gegen die anderen gewendet, enthusiastisch hinzu, „bildeten Herrn Seitres Nummern die HauPtanziehUngskraft des Programms." Während dieser Rede hatte der junge Franzose es srch bequem gemacht; er legte den roten Gürtel ab, strich das weiße Flanellhemd glatt und fuhr mit einem kleinen Kamm über fern nach englischer Mode total glatt rasiertes Haar. Daraus zog er einen Spiegel aus der Tasche, blickte flüchtig hinein und strich mit einer winzigen Seidenbürste über die bestaubten Nähte seiner langen," weiten, weißen Beinkleider. Kaum hatte er mit den paar Strichen, die seinen äußeren Menschen blitzschnell verschönten, geendet, als er mrt einem raschen Wurf Spiegel, Bürste und Kamm in die Luft fliegen ließ, worauf er alle drei mit Nonchalance rm Aermel seines Flanellhemdes auffing. Darauf nahm er em türkisches Pfeifchen aus der einen, eine Zigarre aus der anderen Brusttasche, schleuderte erst das Pfeifchen in die Höh', dessen Mundstück er sofort bequem mit den Zahnen auffing; darauf die Zigarre, die beim Niederfallen prompt mit der Spitze in die Pfeifenöffnunq flog. Alle lachten und riefen Beifall. „Aben Sie nicht gelesen", fragte der junge Mann in fernem gebrochenen, scharfen Deutsch, „daß ich mich abe ausgebrlden neuerdings als Salon-Jongleur? Im,Artist, aben großer Artikel gestanden? Ich bin noch in Hebung. Aber wenn ich werde vollkommen fertig gelernt sein, ich werde sein der erste Salon-Jongleur der Welt." Er hatte diese Worte mit Exstase gesprochen. In seinem gleichgültigen, kühlen, hageren Gesicht glühte fanatischer Ehrgeiz. „Nach der Probe, die Sie uns gegeben haben, kann niemand dran zweifeln. Sie sind ein doller Kerl, — aber charmant", sagte die Trapezkünstlerin, indem sie neben 158 angenommen hatte, was ihr etwas eigentümlich Doppel- ^“"Vcettcljen stützte den Kopf in die Hand und blickte träumerisch über ihre Schar, hinweg, in den warmen Fnihlings- Seitre trat und ihm mit ihrer muskulösen, weißen Hand einen kräftigen Schlag auf die Schulter versetzte. , „Nicht schlagen", sagte der junge Mann, der kühl in das lebhaft glühende Gesicht des Mädchens blickte; und während er mit einem etwas blasierten Lächeln die Zigarre bei Seite legte, wendete er der Artistin und ihren Scherzen den Rücken und trat an den Schanktisch „Ein kolossaler Kerl", bestätigten alle, die im Kreise zurückgeblieben. Nettchen hatte beiseite gestanden und war der Szene mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt. Als Seitre das schöne Weib, das eine beherrschende Rolle in dem kleinen Kreise spielte, mit so geringschätzen- der Gleichgültigkeit abgefertigt hatte, war ihr Interesse für den jungen Mann sofort gestiegen. Es war klar, er stand über allen diesen Leuten, und es konnte nur em Beweggrund der Not sein, der ihn zu einem solchen unter seiner Würde stehenden Engagement trieb. Ihre Voraussetzung wurde bestätigt. ,Es ist wahr", hörte sie den Direktor zu ferner Gattm sagen. „Der Mensch fitzt riesig im Dalles. Seine letzte (Jage ist ihm von einem Burschen weggepfändet worden, mit dem er sich zu tief in Hazard eingelassen hatte. Er spielt wie eine Ratte. — Wenn er's nicht dringend notig hätte, wäre er nicht zu uns gekommen!" Also er spielt", dachte Nettchen. „Er verliert Geld wie die vornehmen Männer." Ihre Bewunderung vor dem ^°Warum sollte nicht ihr es gelingen, aus dem ihrem Willen unterworfenen Geschöpfe einen gleichen Wunderhahn zu machen? , ,rr ~. Erregt von diesem Gedanken, griff sie nach dem Tier und richtete dessen Kopf zu sich auf. Doch erschrocken hob sie den gefiederten Körper nun völlig zu sich empor. , Der Vogel hatte die Augen verdreht, fein Schnabel stand halb offen. Ein Schütteln ging durch seinen Körper. „Er stirbt!" rief Nettchen angstvoll aus. Sie lief an das Wasser, schöpfte davon in der hohlen Hand und träufelte dem Tier ein paar Tropfen in den geöffneten Schnabel. Lechzend schluckte er sie hinunter. Dann schlugen seme Flügel ein-, zweimal krampfhaft empor, gegen die Brust des jungen Mädchens. Darauf streckte er den Körper und stieß einen glucksenden Seufzer aus. Den im Buche des Geschickes vorgezeichneten neuen Martern hatte er es vorgezogen, rechtzeitig anszu- weichem n ytanb ba mit trostlosem Blick. Ihre Thränen stürzten auf das Gefieder ihres Hahnes herab. Er war die Stütze ihres Repertoires gewesen! Und sie hatte ihn lieb gehabt! Sanft drückte sie fein Gefieder, hauchte seme noch warme Brust, seinen Schnabel an. Ihr war es, als müsse er unter diesen Bemühungen aufwachen, mit den Flügeln flattern, sein gellendes Kikeriki I ausstoßen. Mer er that ihr den Gefallen nicht. „An der Enge dieses Käfigs ist das arme Tier mir | zu Grunde gegangen", hachte Nettchen, indem ihr Blick I voll Abscheu zu dem grünen Wagen hinüberflog. Dann rief sie das übrige Geflügel herbei, das sich I in den verschiedensten Variationen aufs beste unterhielt | und den toten Freund, den Nettchen auf den Rasen meder- I gelegt hatte, harmlos schnatternd betrachtete. I „Marsch, daß Ihr hinein kommt", rief Nettchen, über I die Gleichgültigkeit der Sippe empört. ., Daraus band sie den Hahn m ihr Tuch, nahm ihn wie ein Kind in den Arm und schritt wieder ins Hau» — die traurigste alter Hirtinnen, die je ihre Schur über I diese Wiese getrieben hatten. — I (Fortsetzung folgt.) tag hinein. Ihr seit einem Jahre so wechselvolles Leben zog an ihrem Geiste vorüber. Was würde die Zukunft bringen? _ Und sie sah in Gedanken Bilder voll Farbe und Pracht, menschengefüllte herrliche Theater in denen hundert- armige Gaskronen brannten, brausende Musik erscholl, und man jubelnd applaudierte, während sie selbst inmitten ihrer dressierten Schar in einem rosa-silbernen Phantasiekostum sich verneigte und die von Brillanten eingefaßte Verdienstmedaille an ihrer Brust funkeln ließ. Nicht ewig würde sie in dem grünen Wagen von Ort zu Ort ziehen, um auf kleinen, obseuren Bühnen hmter dunklen Kulissen frierend ihre „Nummer" abzuwarten. Noch ein paar Monate eifriger Hingabe, und ihre geflügelten Zöglinge mußten eine Vollkommenheit erreicht haben, die sie über alle sich produzierenden Kollegen hinwegheben sollte. . . , Strenge richtete sie den Blick auf den Hahn in ihrem Schoße. Er war der intelligenteste, aber auch der widerspenstigste von allen. In ihrem Handbuch der ^.ierdressui, das ihr beim Unterricht als Leitfaden diente, hatte sw von dem Phänomen eines Hahnes gelesen, mit dem sich im Jahre 54 der Spanier Savonarola dem zivilisierten Publikum präsentiert hatte. Dieses Tier war imstande gewesen, nach der Musik einer Ziehharmonika eine Polka zu tanzen und zum Schluß die kleine Bäckermutze, die man ihm auf oen Kamm gebunden hatte, mit der Kralle des linken Fußes gravitätisch zum Gruße herab- ^^Allons^'die Mädels — an die Arbeit!" rief der Direktor, indem er seine dicke, silberne Uhr hervorzog, 1 die an einer Talmi-Kette hing. „Es ist beschlossen, für | den Zeitraum der nächsten Vorstellungen das Logis hier I beizubehalten, weil's drinnen im Kurort zu teuer ist. Zeder räume sich seine Kammer ein. Das Viehzeug I bleibt im Wagen." , . , I „Frische Luft kann man ihnen wenigstens einmal gönnen", sagte Nettchen, die neben Rosi zur Thür hinaus- I schritt. „Die armen Tiere sind seit acht Tagen zusammen- I gedrückt zum Erbarmen. Mein Hahn ist schon ganz tiefsinnig. Ich! glaube, daß er es nicht mehr lange macht, I und ich mir bald einen neuen abrichten muß." Rosi glitt gleichgültig über diese Worte hin. „Was meinen Sie", fragte sie, indem sie ihr fernes Hälschen wiegte, „ist dieser Seitre nicht famos?" ' „Ich weiß nicht", entgegnete Nettchen kurz. Mer mit blitzenden Augen maßen fte sich. Dann verschwand Rosi im Wagen. Nettchen öffnete die Thür zu dem seitlich am Wagen angebrachten Verschlag, der den Stall darftellte. Sie ließ ihre Tiere heraus. I Halb erstickt von der Schwüle und Enge des Stalles, I tzte Schnäbel weit aufreißend und wie verzweifelt mit den I Flügeln schlagend, stürzten sie die kleine Huhuerstiege hinunter, in wilder Hast über einander herkollernd und I ftotyernh^e <$-nger ^gte Nettchen. Für diese Geschöpfe, die nunmehr den Inhalt, den Zweck und die Karriere ihres I Lebens bildeten, fühlte sie herzliche Besorgtheit. Sie faßte ihren Kleiderrock mit beiden Händen, wehte ihn hin und wieder und trieb auf diese Weise die Tiere vor sich her, einem kleinen Wiesentümpel zu. „Da, trinkt!" sagte sie, als sei sie gewiß, daß sie 1 genau verstanden werbe. . Die Enten, dieselben, mit denen ste seinerzeit ihren «chrkursns begonnen hatte, und die noch immer die Sterne ihres Ensembles bildeten, liefen mit ihrem einwärts gerichteten Gange so rasch die glatte Böschung, die zunt Wasser führte, hinunter, daß es aussah, als mußten sie sich die Beine brechen. m LL, ■ „Mer Du, mein Junge, bleibst hier! sagte Nettchen, indem sie den Hahn ergriff, der Miene machte, den gleichen, gefährlichen Weg zu nehmen. . * Sie setzte sich ins Ufergras und druckte das Tier in ihren Schoß, wo es gehorsam wie ein Haushund sitzen 6tteB$or ihr, im aufgewühlten Sande des Weges, machten es sich die übrigen Mitglieder bequem: der Puter, die .Küchlein und die alte Henne, welche allabendlich eine Pistole äbznschießen hatte und deren Schnabel von der steten Beschäftigung mit dem eisernen Hahn eine gespaltene Form 159 Nationaler Grötzentvahn. Ein Beitrag zur Psychologie der Volksseele. Von Dr. Kurt Rudolf Kreusner. Nachdruck verboten. Das Selbstgefühl der Völker, welches eigentlich ja nur bei den Deutschen mancherlei zu wünschen übrig ließ, hat sich mächtig entwickelt und nimmt zuweilen Formen an, welche an nationalen Größenwahn streifen. Zwar hat jedes „Natiönchen", mag es an sich noch so unbedeutend sein, ein Recht darauf, seine Eigenart zu schützen, so lange es eben dazu die positive Macht hat, und das Volk, welches erforderlichenfalls nicht alle seine verfügbare Kraft, den letzten Hauch von Mann und Roß. an die Verteidigung seiner heiligsten Güter setzt, taumelt dem Abgrunde entgegen. Sehr zu bezweifeln ist es aber, ob jene Erscheinungsformen des patriotischen Stolzes, welche sich statt in Thaten, nur in hohlen Worten äußern, ob jene Bierbankredensarten , welche von Selbstlob des eigenen Volkes strotzen und in der Herabwürdigung fremder Nationalität sich garnicht genug thun können, nicht höchst beklagenswerte Phänomen sind. Der Ausspruch Voltaires: „Jede Nation hält ihre Eigentümlichkeiten für Tugenden" ist ebenso wahr, wie der andere Erfahrungssatz, daß Völker nur dann sich mit Höflichkeit traktieren, wenn sie weder durchs direkte Grenznachbarschaft, noch durch kollidierende wirtschaftliche Interessen miteinander in Streit geraten. Schon das fremde Idiom allein, das die Verständigung erschwert, ist Grund genug, um den fremdsprachigen Nachbarn lächerlich zu machen. . ■' Im Grunde genommen, kann ja jeder Mensch eigentlich nur sich selber leiden. Ein Dutzend Hausfrauen, welche gezwungen sind, in derselben Mietskaserne zu hausen, werden sich gelegentlich in Parteien spalten, die sich auf das heftigste befehden, und die Geschichte des deutschen Par- tikularismus ist vielleicht das beredteste Beispiel dasür, wie sich Mnder desselben Volkes schmähten und beleidigten, statt sich gegen den äußeren Feind zu Schutz und Trutz zusammenzuschließen. In einem kleinen Wiener Weinbeisel in der Nähe der Paulanerkirche saßen etliche ehrsame Wiener Bürger und jammerten wie Scheffels Ichthyosaurus über der Zeiten Verderbnis, d. h. sie schimpften gar kräftig über alles, was in ihrer geliebten Hermatsstadt geschah, trotz der Gegenwart eines norddeutschen Touristen, der die Reize der Donaustadt gebührend pries. Als dieser jedoch schließlich, mutiger gemacht, auf ihre Tonart einging, und ganz in diesem Sinne etwas von Rückständigkeit der Verkehrsmittel und der politischen Zustände in Wien redete, wandte sich das Blüttlein, und es wurde ihm die Freundschaft mit den Worten gekündigt: „Schaun's, daß Sö weiter kommen, sonst können's Jhnere Knochen noch im Sacktüachl außi trag'n". So geht von den kleinen Dimensionen der Familien und Wirtsh aus gesellschaften das Rivalitätsgefühl in ununterbrochener Reihe aufwärts zu den größeren Verhältnissen benachbarter Gemeinden, und provinzieller Verbände und bis zu den Beziehungen großer Staaten, deren Millionen - Bevölkerungen im günstigsten Falle mit jener nichtssagenden und zu nichts verpflichtenden Höflichkeit unter einander verkehren, welche Freiherr von Knigge in seinem vielgenannten aber wenig gelesenen Buche „Ueber Len Umgang mit Menschen" anempfiehlt. Jedes Volk will leben: das ist eine Konsequenz des berechtigten Egoismus. Daß aber jedes Volk kein anderes neben sich dulden will, ist Selbstüberhebung und beweist die traurige Thatsache, daß die Menschheit trotz aller gegenteiligen Redensarten erzreaktionär und von dem Ideale der Vervollkommnung der Völker als der Kinder einer gemeinsamen Mutter noch himmelweit entfernt ist. Um dies zu beweisen, braucht man nicht auf die Griechen zurückzugreifen, welche jeden Nichthellenen, ja selbst den griechisch-macedonischen Welteroberer verächtlich einen Barbaren nannten; denn kein Volk, auch das deutsche nicht, hat sich von den Uebertreibungen des nationalen Hochmuts freigehalten. Es ist ja auch zu bequem, der nationalen Eitelkeit durch Herabsetzung anderer Völker zu schmeicheln; denn die Kosten der gegenseitigen Verhetzung trägt schließlich, wenn es zur blutigen Abrechnung kommt, nicht der Artikelschreiber, der längst das militärpflichtige Alter überschritten hat, sondern der Michel, der Peppi, der Jean Chauvin, der Tommy Atkins, der heute, Lieder singend, zum Bahnhof marschiert, um einige Wochen darauf, nachdem der Alkoholrausch verflogen, vom feindlichen Geschoß durchbohrt, auf fremder Erde sein Leben auszuhauchen. Immerhin ist in dieser Beziehung das Schuldkonto des Deutschen noch ein relativ geringes. Wenn sich hunderttausende jetzt das billige Vergnügen leisten, die Engländer mit Haut und Haaren aufzufressen, so ist das eine Ausnahmeerscheinung, welche ihre Erklärung in dem erwachenden Bewußtsein findet, wie oft uns England namentliche bei unseren jungen kolonialen Bestrebungen Steine in den Weg geworfen hat. Im übrigen aber titulieren sich die einzelnen deutschen Stämme lieber gegenseitig mit wenig schmeichelhaften Ausdrücken, unter denen das duftende Epitheton wohl obenan steht, mit welchem gelegentlich Leute nach dem Geschmack Dr. Sigls in München die Preußen zu bezeichnen pflegen, und welches sein Pendant nur noch in der antiken Bezeichnung eines griechischen Stammes als „ozolische" Lokrer findet. Immerhin haben wir an den Sprachgrenzen, besonders an den östlichen und südöstlichen, einige zahme Ehrentitel für unsere Nachbarn bereit. Wenn der Wiener singt: „Der Mensch ist kein Kroat; er lebt nicht einzig von Salat" oder der Dichter sein berühmtes Lied von: „Krapülinski und Waschlapski, Polen aus der Pollakei" konzipierte, so ist das ein Kinderspiel gegenüber demjenigen, womit diese interessanten Völkerschaften wie Polen und Magyaren uns aufzuwarten belieben. Als der polnisch-nationale Heißsporn, Fürst Czar- toryski vor wenigen Jahren auf den Türmen seines auf preußischem Boden liegenden Schlachzizenschlosses blutigrote Fahnen mit der Inschrift hißte: „Tod allen Deutschen", brachte er nur dasselbe zum Ausdruck, was alljährlich viele millionenmal in dem berüchtigten tschechischen Hetzliedc „hrom a peclo" gesungen wird, dessen Refrain wörtlich denselben Text hat. Wenn der Magyare auch zwar nicht so gierig nach dem Blute des Deutschen ist, wie der Pole und Tscheche, so muß. es uns immerhin zu denken geben, daß diese asiatische Rasse, welche in ihrer angeborenen Nervosität immer mehr mit dem französischen Wesen harmonieren wird, als mit dem deutscher! Phlegma, die Lieblingsgewohnheit kultiviert, bei» großen Festen zum Klange der Zigeunerfiedeln das Lied zu singen „ Jaj, de hunczut a nemet,“ („Ja der Deutsche ist ein Hundsfott") und in dem Ausstellungsjahre 1896 sahen Unterbehörden, die später allerdings — wohl recht ungern — von oben desavouiert wurden, ruhig zu, wie namentlich in den Schulen hunderttausende von Festschriften verbreitet wurden, in denen zu Preis und Ehre des magyarischen Stammes gesagt wurde „die Seele des Magyaren ist fleckenlos und weiß, nicht schwarz, wie die Seele des Deutschen". Ueberhaupt sind alle diese östlichen Völker, obwohl sie sich gar zu gern mit dem Firnis westeuropäischer Formen überzulackieren belieben, von ihrer Kultur in hohem Grade eingenommen, und wenn Geibel einst den nach Form und Inhalt recht mäßigen Vers macht, daß an deutschem Wesen noch einmal die Welt genesen solle, so wird er weit übertroffen von Dichtern und panslavistischen Politikern, welche im Sinne Katkows und Pobedonoszews mit souveräner Verachtung auf die verderbte westeuropäische Kultur herabsehen und damit beim gewöhnlichen Volke, den Muschiks, ein williges und lautes Echo finden. Den ersten Preis in puncto nationaler Hysterie haben jedoch in den letzten Jahrzehnten Engländer und Franzosen davongetragen. Die undelikaten Abbildungen Pariser Witzblätter, in deren einem die greise englische Königin abgebildet wurde, wie sie in sehr mangelhafter Bekleidung die Bekanntschaft eines von Ohm Krüger gehandhabten Instrumentes macht, das für gewöhnlich nur zu Zwecken häuslicher Zucht benutzt wird, ist nur ein Glied einer endlosen Kette von Beleidigungen, welche, von hunderttausen- 160 — den gelesen, das Verhältnis der Völker unter einander vergiften. Wenn die Engländer jetzt darüber Gewalt schreien, und sogar ihren Pariser Botschafter deswegen aus Reisen gehen ließen, so vergessen sie, daß sie vor einigen Jahren nach der berühmten Depesche Kaiser Wilhelms an den Präsidenten Krüger an dem Enkel ihrer gracious Queen und dem berechtigten deutschen Nationalgefühl durch maßlose Schmähungen in Wort und Bild sich mindestens ebenso sehr versündigten, wie es jetzt von französischer Seite ihnen gegenüber geschieht. Einem großen Teile der Deutschen beginnen erst jetzt die Augen aufzugehen über den unerträglichen Hochmut der angelsächsischen Rasse, welche die ganze Welt als ihren. Besitz betrachtet und am liebsten sämtliche anderen Völker zu Hörigen und Heloten herabdrücken möchte. Anderen, welchen nicht die blinde Bewunderung des englischen Verfassungslebens und britischer Macht das Urteil trübte, war dieses freilich längst bekannt, und es ist recht beachtenswert, was Schopenhauer über den englischen Hochmut, als den tollsten int europäischen Völkerkonzert, schreibt. Von den Franzosen war man derlei allerdings von jeher gewöhnt. -Wenn ein Mann von der geistigen Begabung Viktor Hugos sich anno 1870 nicht entblödete, den preußischen Barbaren mit vom nationalen Wahnsinn diktierten Worten das Verbrechen vorzuhalten, das sie dadurch begingen, daß sie die Ville lumiere, die geheiligte Stadt der Welt, Paris, belagerten, so fand dieses hochnäsige Wort seine beste Widerlegung in den von französischen Händen ein halb Jahr später verübten Greuelthaten der kommunistischen Petroleurs. Nichts desto weniger vermochte ein Herr Leon Bloch in einem 1893 veröffentlichten Buche sich zu der Blasphemie aufzuschwingen: „Frankreich ist so sehr das erste aller Völker, daß alle übrigen, wes Namens sie auch seien, sich glücklich preisen müßten, wenn man ihnen erlaubt, das Brot seiner Hunde zu fressen", der etwas später die These folgt: „Wenn Frankreich leidet, ist es Gott, der leidet." Zu der furchtbaren Selbstüberhebung und der Herabwürdigung anderer Nationen gesellt sich als dritter Charakterfehler der Völker noch die übergroße Empfindlichkeit! wenn die Geschmähten den Spieß umdrehen und mit ähnlichen Worten erwidern. Es ist eine stete Begleiterscheinung der weiblichen Hysterie, daß derartige Frauen, welche gewöhnt sind, ihre Umgebung auf das nichtswürdigste zu beschimpfen, stets von sich behaupten, nie einem anderen auch nur das geringste zu leide gethän zu haben. Dabei lauern sie im Grunde genommen nur darauf, daß eine vielleicht recht harmlose Bemerkung eines anderen ihnen einen Schein von Recht gießt, sich auf den Beleidigten herauszuspielen. Mit Blitz und Donner entladet sich dann die verderbenschwangere Wetterwolke. Ganz ebenso benehmen sich die Frauengestalten, in denen malerische Phantasie die modernen Staaten zu symbolisieren beliebt. Wir brauchen nicht erst zu den Chinesen zu gehen, welche die Europäer als „rote Teufel" und „unreine Dämonen" bezeichnen; es ist ja auch dort ganz wie bei uns. Der Deutsche hat zwar in diesem Punkte am wenigsten gefehlt, und es ist ihm nur zu gratulieren, daß er sich sichtlich die Komplimente vor den vermeintlichen Vorzügen anderer Völker abgewöhnt. Der nationale Größenwahn an sich ist aber eine tiefbetrübende Erscheinung; er ist, wie Schopenhauer sagt, die wohlfeilste Art des Stolzes, weil er einen Mangel an individuellen Eigenschaften verrät, auf steine Zugehörigkeit zu einer Nation stolz zu sein, wenn man auf weiter nichts stolz sein kann. Unter geänderten politischen Verhältnissen hört man dann plötzlich tagtäglich davon faseln, wie sich die Völker, die sich kurz zuvor noch schwer beleidigten, immer näher kämen. Auch das ist eine krasse Uebertreihung und erinnert an die Geschichte von den zwei Löwen, welche „einst selband in einen Wald spazoren gingen." Denn von den maßlosen Hetzereien bleibt bei dem Beleidigten immer ein bitterer Rest zurück, und es läßt sich nie absehen, wo und wann einmal die Rechnung für die zugefügte Schmach zur Zahlung präsentiert wird. Geineßumntziges,, KesundHeitspffege. Vorbeugung gegen Diphtherie. Man kann nicht genug betonen, daß bei dem scheinbar unbedeutendsten Katarrh gleich energisch eingeschritten werden muß, und Dispositionen zu derartigen Asfektionen durch vernünftige Abhärtung vermindert werden können. Kaltes Gurgeln, kaltes Waschen des Halses sind, vorzügliche Präservative. Namentlich sei man bei Epidemien auf der Hut und behandle daher jeden Katarrh mit besonderer -Sorgfalt. Ausgiebigste Reinlichkeit, Ventilation und peinlichste Sauberkeit müssen dann geübt werden. — Ist man um den Kranken, so wasche man sich mit Karbolsäure und stecke bei Bepinseln des Halses in Nase und Ohren Watte, halte den Mund geschlossen. Man lasse bei Behandlung von solchen Kranken nie den Mut sinken, denn oft haben die schwersten Fälle einen glücklichen Ausgang; man handle daher kräftig und besonnen. Mittel gegen Husten. Bei der jetzt oft rauhen Witterung dürfte es angebracht sein, ein einfaches, selbst herzustellendes Mittel zu erfahren, um dem jetzt häufiger eintretenden Hustenreiz Einhalt zu thun. Man nehme ein Viertel Pfund rote, geschälte Zwiebeln, durchschneide dieselben und koche sie mit einhalb Liter Wasser, ein Achtel Pfund Honig, ein Viertel Pfund Zucker zu einem dicken Syrup. Diesen streicht man durch ein Sieb, läßt ihn erkalten und hebt das übrige zum Gebrauch in einer gut verkorkten Flasche ans. Kinder können täglich drei bis Hier Theelöffel davon einnehmen. Erwachsene etwas mehr. Iür die Küche. Sahnen-Kartoffeln. Eine Scheibe rohen Schinken schneidet man in Würfel, ebenso eine Zwiebel und schwitzt beides in Butter, ohne daß es sich färbt, giebt einige Löffel Mehl dazu, läßt dieses einige Minuten mit durchschwitzen und füllt es mit Sahne auf, daß eine dicke Sauce entsteht, die man mit Salz, Pfeffer und Muskatnuß würzt und einige Zeit langsam kochen läßt. Jetzt schält man kleine Kartoffeln recht rund, kocht sie in Salzwasser weich, gießt sie ab, und giebt die Sahnensauce durch ein feines Sieb über die Kartoffeln, läßt sie einige Male darin überkochen und serviert sie zu Beefsteak. Lrtterarisches. Modelaunen. Als Modelaune muß es bezeichnet werden, daß sich derzeit die Neuheit der Mode zumeist in der Form und Machard der Röcke äußert und die Eleganz der Toilette durch den Rock bestimmt wird. Diesem Zuge Rechnung tragend, bringt die „Wiener Mode" in ihrem soeben erschienenen Heft 12 vierzehn verschiedenartige neueste Rockformen, deren Schnitte den Abonnentinnen gegen Ersatz der Spesen gratis znr Verfügung stehen. In dem besonders gut ausgestatteten Hefte sind außerdem mit modernen Motiven gezierte Taillen zu finden, sowie in Farben veranschaulichte Hüte, und moderne Handarbeiten. Preis des Heftes 45 Pfg. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen oder vom Verlage der „Wiener Mode", Wien, Wienstraße. Silbenrätsel. Nachdruck verboten. ba, bi, be, ca, chen, da, del, der, der, dt, ei, er, il, isch, ku, men, mus„ na, nes, no, p, rei, rg, san, fee, fee, sie, stra, tan, tcn, tib, u. Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen zehn Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt werden, daß die Anfangsbuchstaben, von oben nach unten gelesen, den Namen eines Komponisten, und die Endbuchstaben, von unten nach oben gelesen, eine Stadt ergeben, in der er besonders gern weilte. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter Folgendes: 1. Mehrfach vorkommenden Städtenamen. — 2. Germanischen Bolksstamm. — 3. Russisches Gouvernement. — 4. Türkische Stadt. — 5. Bekannten Astrologen. — 6. Spanische Stadt. — 7. Amerikanischen Freistaat. — 8. Eine Halbinsel. — 9. Russischen See. — 10. Ein Vorgebirge. Auflösung des Arithmogriph in voriger Nummer: Wismar — Alma — Liter —Dattel — Meter — Erde—Iltis — Seiler Tadel—Ems—Reis. Waldmeister. Redaktion: ®. Burkbardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen llaiversitätS-Buch- und Sreindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.