1900. i k ja Rfl WTngjKj 4'1 ii ii Ä2M ■Km । W Q „ D UT f s steht in keines Menschen Macht, Daß sein Rat werd' in's Werk gebracht Und seines Gangs sich freue; Des Höchsten Rat, der macht's allein, Daß Menschenrat gedeihe. Paul Gerhard. (Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Reinhold Ort mann. (Fortsetzung.) Zweites Kapitel. Die Letzten, welche das Kostümfest verlassen hatten, waren draußen von einem häßlichen, kalten Regen empfangen worden, und während des ganzen nächsten Tages dauerte dieser abscheuliche Regen fort. Mit brennenden Schläfen, aber innerlich fröstelnd hatte Sigismund am Morgen den gewohnten Weg in das Kontor zurückgelegt, und das unbehagliche Frösteln lief ihm auch in dem überheizten Raume noch immer den Rücken hinab, sobald er durch das Fenster zu seiner Linken auf den engen, düsteren Hof und auf den sch-malen, bleigrauen Himmelsstreifen blickte, der wie ein schmutziger Fetzen darüber hing. Er fühlte sich! körperliche krank, und beim Erwachen war es ihm sogar gewesen, als ob er seinem trostlosen Tagewerk heute unmöglich nachgehen könne. Wenn er sich schließlich doch dazu aufgerafft hatte, so war es nicht so sehr das Pflichtgefühl, als die Furcht gewesen, die ihm geholfen hatte, seine Schwäche zu überwinden — jene bohrende, gedankenlähmende Furcht des bösen Gewissens, die er erst seit sechsunddreißig Stunden kannte. Als er unter dem frischen Eindruck seines Gespräches mit Elli ihrer verzweifelnden Mutter das Geld gegeben hatte, das ihm nicht gehörte, mußte er sich in einem Zustande befunden haben, den er heute überhaupt nicht mehr begriff. Frau Pollnitz hatte mit feierlichen, Eiden gelobt, daß sie die ganze Summe noch! vor Ablauf einer Woche zurückerstatten würde, und für die Einzahlung bei der Versicherungsgesellschaft war es, wie er wußte, auch nach Ablauf von zehn Tagen noch früh genug. Diese einfache Erwägung hatte genügt, alte seine Bedenken §um Schweigen zu bringen, und erst in der Einsamkeit seines Zimmers war ihm dann das zermalmende Bewußtsein gekommen, daß er Line «Unredlichkeit begangen hatte. Wenn die Sache an den Tag kam, war er ein Ehrloser, der seines Vaters rechtschaffenen Namen befleckt hatte! " Brennende Scham und ein Gefühl marternder Angst peinigten ihn unaufhörlich und er hätte es vielleicht vorgezogen, seinem Chef schon in der ersten Stunde aus freien Stücken ein offenes Bekenntnis abzulegeu, wenn er damit nicht auch zugleich den guten Namen der beiden schutzlosen Frauen hätte preisgeben müssen. Um so grausamer folterte ihn nun die Furcht, daß irgend ein verhängnisvoller Zufall vorzeitig eine Entdeckung herbeiführen könne. Denn wenn er auch für ganz unzweifelhaft hielt, daß ihm Frau Pollnitz das veruntreute Geld innerhalb der bezeichneten Frist auf Heller und Pfennig zurückgeben würde, so gab es doch tausend Möglichkeiten, die seine That schon vorher ans Licht bringen konnten. Und es stand in ihm als unumstößliche Gewißheit fest, daß solche Entdeckung für ihn gleichbedeutend sein,würde mit einem Todesurteil. — Franz Norrenberg kam an diesem Vormittag gegen seine Gewohnheit erst zu ziemlich später Stunde in das Kontor, das er sonst als einer der ersten zu betreten pflegte. Sein Aussehen war geradezu mitleidswürdig, sein Gang schleppend und müde, wie der eines Kranken. Er schritt langsam zwischen den Pulten der Buchhalter hin nach der Thür seines Privatkabinetts; neben dem Arbeitsplatz Sigismunds aber blieb er stehen. Der junge Mann wagte nicht zu atmen, während er den Blick des Bankiers auf sich! ruhen fühlte. Er hatte eben mit der Abfassung eines trockenen Geschäftsbriefes begonnen, und nun schrieb er tief gesenkten Hauptes in fliegender Hast, nur um über die unerträgliche Qual dieser endlosen Sekunden hinweg zu kommen. In seinem schmerzenden Kopfe brauste und wirbelte es, bafer (meinte, die Schläfen müßten ihm zerspringen. Er hatte in diesem Augenblick nicht mehr den geringsten Zweifel, daß, Norrenberg alles wissen müsse, und es überkam ihn mitten in seiner entsetzlichen Angst eine fast unwiderstehliche Versuchung, laut hinauszuschreien: „Ja — ja, ich habe es gethan! Werft mich ins Gefängnis, ich habe das Geld nicht abgeliesert, ich bin ein Dieb!" „Was für sinnloses Zeug schreiben Sie da, Ruthardt!" klang ihm wie aus weiter Ferne eine leise, schwache Stimme an das Ohr. „Und Ihre Hand zittert — sind Sie krank?" Sigismund hob verwirrt den Kopf. Er wollte den Bankier ansehen, aber eine Scheu, die stärker war als fein Wille, zog seine Augen auf das mit fast unleserlichen Schriftzügen "bedeckte Briefblatt zurück. „Ich — nein, durchaus nicht, Herr Norrenberg!" stotterte er, „eine Gedankenlosigkeit — ich! bitte um Entschuldigung — ich werde den Brief noch einmal schreiben." „Das/dürfte allerdings notwendig sein. Und wenn Sie sich etwa doch unwohl fühlen sollten, so gehen Sie ruhig nach Haus. In einem Bankgeschäft hat man keinen — 658 — Nutzen vojn Seuten, die nicht im stunde sind, ihre Gedanken zusammen zu halten." Damit ging er weiter, und die Thür seines Arbeitszimmers fiel hinter ihm ins Schloß. Sigismund atmete tief auf, aber er fühlte erst jetzt die bleierne Schwere, die ihm in Kopf und Gliedern lag. So mußte einem Menschen zu Mut sein, der, zwischen den Schienen liegend, einen langen Eisenbahnzug hat über sich! Hinwegbrausen hören, jede Sekunde des fürchterlichsten Todes gewärtig, und der nun plötzlich inne wird, daß ihm nichts geschehen sei, daß er die nervenzerreißende Angst ohne alle Not erduldet. • Er begann den neuen Brief und war erstaunt, daß er ihn ganz fehlerlos zu Ende gebracht hatte. Mechanisch verrichtete er ebenso auch die anderen Arbeiten, die ihm von einem der Prokuristen, seinem nächsten Vorgesetzten, aufgetragen wurden, und in tätlicher Langsamkeit schlich Stunde um Stunde des düsteren Regentages dahin. Wie es geschehen war, daß er abends nach dem Schluß des Kontors seine Schritte statt nach dem elterlichen Hause nach der Wohnung der Schauspielerinnen gerichtet hatte, darüber vermochte Sigismund sich selber kaum Rechenschaft abzulegen. Er hatte aus dem Theaterzettel an einer Straßenecke ersehen, daß weder Mutter noch Tochter an diesem Abend beschäftigt waren, und dann war er, ohne nachzudenken, weiter und weiter gegangen, bis er vor dem alten, unansehnlichen Gebäude stand, in dem all' .sein Glück und all' sein Unglück den Anfang genommen. Unschlüssig zauderte er vor dem offenen Thorweg; denn er hatte eigentlich keinen Vorwand, den Damen seinen Besuch zu machen. Elli hatte das gestrige Fest so frühzeitig verlassen, daß es fast wie Ironie aussehen würde, wenn er sich! etwa erkundigte, wie ihr die Strapaze bekommen sei, und es mußte ihm außerdem als ein Gebot des Zartgefühls erscheinen, Frau Pollnitz nach Möglichkeit a-us dem Wege zu gehen, so lange die Geldangelegenheit sich noch in der Schwebe befand. Doch was vermochten zuletzt alle derartigen Erwägungen gegen das schmerzlich-süße Sehnen seines jungen Herzens, gegen die Allmacht einer überschwenglichen ersten Liebe? Ganz - langsam, Stufe um Stufe, stieg er die knarrende, ausgetretene Treppe empor. Auf jedem Absatz nahm er sich vor, wieder umzukehren, und dann 'hatte er mit einem Male den Griff des Glockenzuges in der Hand, von einem wonnigen Erbeben durchzuckt bei dem wohlbekannten blechernen Anschlag der Klingel. Verhaltenen Atems lauschte er auf das Näherkommen des leichten Schrittes, der sein Herz so ost hatte in rascheren Schlägen klopfen lassen, wenn er harrend hier draußen stand. Aber er lauschte umsonst; denn drinnen blieb es totenstill. Er wußte, daß die Damen keinen jVerkehr in der Stadt unterhielten und an freien Abenden beinahe niemals ausgingen. Darum wagte er es, nach Verlauf einiger Minuten abermals und etwas stärker als zuvor zu klingeln. Da öffnete fidj; in dem darunter befindlichen Stockwerk eine Thür. „Wünschen Sie etwa zu Frau Pollnitz?" tönte eine scharfe Weiberstimme zu ihm herauf. „Da können Sie freilich lange klingeln, ohne daß Ihnen jemand aufmacht." „So sind die Damen ausgegangen?" fragte Sigismund, der sich! wie auf einem Unrecht ertappt fühlte, verlegen ; aber die Frau, die jetzt einige Stufen hinanf- geftiegen war und Neugierig über das Geländer spähte, lachte laut auf. „Ausgegangen, jawohl, aber auf Nimmerwiederkehr! Ausgerückt find sie mit Sack und Pack schon in aller! Herrgottsfrühe. Meine Miete habe ich ja noch mit genauer Not gekriegt, aber ich denke, mancher andere, bei dem sie das Bezahlen bergeffen haben, wird mit Schpierzeu an sie denken." Sigismund starrte die Frau an, als rede sie in einer ihm unbekannten Sprache. Dann schüttelte er den Kopf und brachte mit Anstrengung heraus: „Abgereist, sagen Sie? Das ist Wohl nur ein Scherz?" „Wenn es Ihnen so spaßig vorkommt — meinetwegen! Der Direktor, der auch mit einem Vorschuß hängen geblieben ist, schien die Sache weniger lustig $u finden. Er war heute nachmittag hier, weil er meinte, sie könnten irgend etwas Wertvolles Aurückgelassen haben. Na, da hat er sich geschnitten. Er wollte ihnen die Polizei und den Staatsanwalt ans den Hals bringen, wie er sagte; aber er wird wohl nicht viel Glück damit haben; denn das Schauspielervolk ist ja ohnedies mit allen Hunden gehetzt." Sigismund hörte nichts von all' den Beschimpfungen, mit denen das Weib die Abwesenden überschüttete. „Es ist also fwahr?" stammelte er. „Sie sind fort — wirklich fort?" Und dann, als die Frau in ihrer drastischen Weise die Wahrheit des Gesagten noch einmal bekräftigt hatte, lüftete er mechanisch feinen Hut und stieg die Treppe hinab, ohne etwas weiteres zu fragen, ja, ohne überhaupt etwas zu denken. Es kam ihm nicht in den Sinn, seinen Schirm aufzuspannen, als er auf die Straße hinaustrat; denn er fühlte nichts von den Regentropfen, die ihm eiskalt ins Gesicht schlugen. Er achtete aud); nicht darauf, »wohin er feine Schritte lenkte, und mit lautloser Lippenbewegung wiederholte' er sich; nur immer aufs neue das einzige Wort: „Fort!" Nun stand er auf dem Markte, ohne daß er sich eigentlich der Absicht -bewußt geworden wäre, dahin zu gehen. Aber er mußte doch wohl irgend einem dunklen, instinktiven Antrieb gefolgt fein, als er diese Richtung eingeschlagen hatte; denn in dem Augenblick, wo er den „König von Spanien" vor sich; liegen sah, schoß ihm Rudolf Sandorys Name durch den Kopf. Das Weib hatte gelogen — es mußte gelogen haben, aber in Waldenberg gab es nur einen einzigen Menschen, bei dem er sich! Gewißheit darüber holen konnte, und dieser war der uneigennützige Freund der Schauspielerinnen, Rudolf Sandory. Sigismund beschleunigte seine Schritte, und als ihm der Pförtner sagte, 'daß Herr Sandory oben auf feinem Zimmer fei, fühlte er schon eine Erleichterung, wie wenn all' dies Unbegreifliche sich nun innerhalb der nächsten Minuten aufklären und in etwas ganz harmlos Selbstverständliches verwandeln müsse. (Fortsetzung folgt.) Schreiender Undank. Novellette von A. Dourliac. Autorisierte Uebersetzung von A. Heim. (Nachdruck verboten.) „Großmutter, ich bin es!" Mit diesem Ausruf stürzte ein kleines Mädchen ganz außer Atem auf eine alte Frau zu, die in der Thür ihres kleinen Ladens stehend, ein Staubtuch! ausschüttelte. Starr vor Staunen, mit gefalteten Händen und zitternden Lippen, die keine Worte zur Begrüßung finden, steht die alternde Frau da. Was? Ist das wirklich ihre Annie? Annie, dkks lustige kleine Strandkind, dem die Seeluft die Wangen einst so dunkel gebrannt hatte, das immer mit zerzausten Haaren in den großen Holzschuhen hungrig und müde zur-Großmutter heimgetrippelt kam? Doch! als das Kind dem ersten Ausruf ein schmeichelndes „Kennst Du mich denn nicht mehr" hinzufügte, da riß die alte Frau mit leidenschaftlicher Gebärde das Kind in den Laden, schloß heftig die Thür und preßte den Blondkopf an das grobwollene Tuch;, unter dem das alte Herz so stürmisch klopfte. Oh! Ja! Sie erkennt ihre Annie, für die sie fo viel gelitten, fo viel gearbeitet hatte! Bei deren Lachen ihre Thränen trockneten! Deren Gegenwart sie all die Gräber, in denen Vater, Mutter, Brüder, Gatte und Kinder schliefen, vergessen ließ; die alle Zärtlichkeit nur auf das zarte kleine Kind übertragen hatte. In stummem Entzücken blickt Großmutter Janv in das süße Kindergesicht, das sie Jahre hindurch nicht gesehen hatte. Ja, fünf Jahre war es her; Annie war damals kaum sechs Fahre alt gewesen; die Großmutter hatte einen kleinen Laden, ganz nahe am Ende der langen Strandstraße; selten nur hatten sich die Sommergäste dorthin verirrt, und wenn sie wirklich bis dahin, gekommen, bann hatten die armseligen Muscheln und Seltenheiten die — 659 Mutter Jano in ihrem Laden feilhielt, die Kauflust auch nicht angeregt. Aber während eines Sommers kam eine elegante Dame, nachdem sie einmgl im Vorübergehen die Alte mit der Enkelm vor der Thür gesehen hatte, fast täglich, kaufte allerler Seesterne und Muscheln und machte sich mit der klernen Annie zn thun, sodaß es der Großmutter ganz schmerchelhaft war, ihr hübsches Enkeltöchterchen so bewundert zu sehen. Frau Durendal, so hieß die Dame, war eine"wohl- habende Bürgersfrau, Witwe und ohne Kinder. Sie langweilte sich, hatte sich vorgenommen, ihrem Leben einen Zweck zu geben und ein kleines Mädchen anzunehmen, das sie als Tochter halten und betrachten wollte. Ter Zufall hatte sie aus Paris an die bretonische Küste geführt, und als der Zufall wiederum sie nun Annie sehen ließ, da war ihre Wahl getroffen. Mutter Jano war ja arm, und würde ein glänzendes Anerbieten nicht ablehnen. Aber Frau Durendal irrte sich; ihr erster diesbezüglicher Vorschlag wurde entrüstet abgewiesen. Ihre Enkeltochter verkaufen! Sie, die Großmutter, sollte das thun! War es denn nur möglich!, daß man so etwas ausdenken konnte! Frau Durendal, die infolge der Weigerung nur noch mehr an dem einmal gefaßten Entschluß festhielt, versuchte vergebens das Doppelte, ja das Dreifache zu bieten... Die Alte sagte nein. Da zog die Städterin andere Seiten auf: sie sprach von der Zukunft des Kindes, der sorglosen, gesicherten Zukunft, der Annie als ihre Tochter entgegen gehen würde. Da wurde die Großmutter unsicher. Sie wußte, was es bedeutete, in Sorge und Angst arbeiten, und nicht wissen, ob auch wohl für den morgigen Tag genug Brot im Haus sein würde; hatte sie das Recht, aus egoistischer Liebe zu dem Kind, demselben das Leben auch so mühevoll und hart zu gestalten, wenn ihm Besseres geboten würde? Aber war es nicht gar zu grausam, Annie nicht mehr zu sehen, für sie tot sein; denn Frau Durendal verlangte einen förmlichen Verzicht, großer Gott, war das nichk zu grausam und schwer! Das Interesse des Kindes! Die Worte waren wie ein „Sesam öffne dich" und lösten die altersschwachen Arme, mit denen Mutter Jano ihren Liebling an sich preßte. Und mit qualvollem Herzen gab die Großmutter nach, aber von der Lebensrente, die Frau Durendal ihr bot, wollte sie nichts wissen. „Ich' gebe Ihnen das Kind, ich verkaufe es nicht", sagte sie schlicht; es soll nur glücklich sein, weiter will ich' nichts." Und von da an hatte Mutter Jano allein gelebt, und in all ihr Bangen und Sehnen war immer der eine tröstende Gedanke gekommen: Annie ist glückliche und wird wie ein feines Kind gehalten. Groß und fein stellte Mutter Jano fick) ihre Annie vor. . . ach, wenn sie sie nur ein einziges Mal von weitem hätte sehen können . . . nur einen Augenblick! Und sie hoffte auch immer noch; es war doch unmöglich, daß man ihr Herzblatt nicht einmal wieder in Me, Heimat führte. So grausam konnte doch die feine Städterin nicht sein, und wenn neue Eindrücke die Gedanken an die Heimat erst verwischt, dann mußte sie doch sicherlich mit Annie kommen. . . auf der Durch!- reise. . . wär's auch nur für eine Stunde. • . Und Mutter Jano wartete geduldig. Wie oft stand sie auf der Ladenschwelle und hielt die zitternde Hand fchützend über die spähenden schwachen Augen, weil es ihr gewesen, als höre sie Wagenrollen. Und die Zeit ging hin, Jahr reihte sich an Jahr; die Großmutter wurde immer gebückter, und die Enkeltochter kam nicht wieder. Und nun mit einmal war sie da! „Laß Dich doch nur ansehen, Annie, wie groß und fein Du bist!" . . . „Du hast also Deine alte Großmutter nicht vergessen? . . . Wie lieb von Deiner Mama, daß sie Dir erlaubt hat, zu mir zu kommen . . . ich wußte wohl, daß sie mich nicht mit der Sehnsucht sterben lassen würde. Wo ist sie denn, damit ich ihr danken kann. . „Ich bin allein gekommen, Großmütterchen. . . ich bin fortgelaufen. . . ich will bei Dir bleiben. . „Aber warum? Bist Du denn nicht glücklich?" „O ja, Mama ist gut zu mir, nur zu gut; denn ich mag mich nicht so verwöhnen lassen, wenn Dir so viel fehlt." „Aber dafür kann Deine Mama nicht, mein Liebling, ich habe es nicht anders gewollt." „Ja? Aber warum hat sie mich ganz von Dir getrennt? Warum soll ich Dich' vergessen? Warum darf ich! nicht einmal Deinen Namen aussprechen? Sie wollte mir vorreden. Du seiest meine Amme gewesen, aber ich weiß es besser. Du bist mein einziges, liebes Großmütterchen . . ." Und schmeichelnd lehnte Annie den blonden Kopf an die Schulter der alten Frau und plauderte von dem Aufenthalt in der Stadt. . . Die war so groß, so groß, und Annie hatte ein hübsches Zimmer und schöne Kleider und viele Spielsachen. . . Aber die Großmutter und den Strand konnte sie darum doch nicht vergessen . . ? Aber das hatte Annie nicht Frau Durendal gesagt, und als nun die Reise an die See geplant wurde, da hatte sie sich im geheimen so ganz besonders gefreut. . . und nun seien sie im Hotel, uno sie sei der Gouvernante entschlüpft . . . und nun wolle sie immer, immer bei der Großmutter bleiben. . . und leidenschaftlich umfchlangen die keinen Kinderarme die alte Frau." Mutter Jano liefen die Thränen über die runzligen Wangen, sie herzte und küßte Annie, und dann sagte sie mit aller Willenskraft: „Annie, Liebling, das geht ja nicht. Das wäre doch sehr undankbar gegen Deine neue Mutter, die so gut zu Dir ist. Sieh' mal, Herzchen, idy habe Dich ihr doch! gegeben — schwer genug ist mir's geworden, das weiß Gott — ich habe auch versprochen, Dich nicht wieder zu sehen, Du willst doch nicht, daß ich wortbrüchig werde . . „Hast Du mich, denn gar nicht mehr lieb?" „Im Gegenteil, weil ich Dich so lieb habe, spreche ich so, wenn Du älter bist, wirst Du das verstehen . . ." „Aber wenn man mich' nun fortschickt?" „Dann ist es etwas anderes. Aber die Mama schickt Dich nicht fort: Sie muß doch zufrieden sein, ein so niedliches, gutes Töchterchen zu haben. . ." Das Kind schüttelte nachdenklich das Köpfchen. Einen Augenblick war alles still, dann kam es im Flüsterton, zitternd, fast unverständlich dicht an das Ohr des Kindes: „Geh' zu Deiner Mutter zurück, mein Liebling . . . vergiß mich." Mechanisch ließ das arme Kind sich bis an die Thür führen und dann ging sie langsam davon, die lange Straße hinauf, wo am >Ende die eleganten Hotels auftauchten. Mutter Jano stand noch in der Thür des' kleinen Ladens, als der Kinderschatten längst verschwunden war. Auf der Terrasse des Hotels kam Annie der Gouvernante entgegen, und da letztere nicht auf den Schützling aufgepaßt, gab sie sich mit der Erklärung Annies, im Garten gewesen zu sein, gern zufrieden. Aber von dem Tage an ging eine merkwürdige Veränderung mit dem Kinde vor sich, und als Frau Durendal mit ihrer Pflegetochter wieder in Paris anlangte, da war sie wie umgewandelt. All die guten Eigenschaften, die die Adoptivmutter den neidischen Verwandten an dem Kinde gerühmt, hatten sich in ebensoviel Fehler verwandelt: Sie war naschhaft, faul, eigensinnig, log, und Frau Durendal hatte nur noch ein resigniertes Kopfschütteln, wenn sie ironisch nach dem „Wunderkind", wie sie Annie einst genannt hatte, gefragt wurde. Das Zusammenleben wurde bald unerträglich', und da die Tugend der Geduld bei Frau Durendal nur sehr schwach ausgebildet war, so entschloß sie sich, das angenommene Kind der Großmutter, mit der Bitte, ihr die Last abzunehmen, wieder zurückzuschicken. Mutter Jano wußte nicht recht, ob sie sich freuen, oder- traurig darüber sein sollte, aber als Annie ihr jauchzend 660 - un den Hals flog, da siegte die Freude, und statt Schelte rind Vorwürfe gab es Küsse und Liebkosungen. Annie war aber auch in nichts dem wenig schmeichel- haften Porträt ähnlich, das ihre Beschützerin brieflich von ihr gegeben; fügsam, fleißig der Großmutter zur Hand gehend, war sie dem .«alten Rektor, der sie auf Bitten Mutter Janos zur Einsegnung vorbereitete, bald die liebste Schn- Icrin Man befand sich wirklich einem Rätsel gegenüber. Am Tage der Einsegnung sollte Mutter Jano dasselbe gelöst werden. Als Annie mit ihrem Gebetbüchelchen vor der Alten stand, da rief Mutter Jano mit Thränen in den Augen: „Wenn ich Dich so ansehe, kann ich mir gar nicht denken, daß Du ein so nichtsnutziges Kind gewesen bist." Und Annie schmiegte sich schmeichelnd an die alte Frau und flüsterte: „Verzeih' mir, Großmutter, nur so konnte ich zu Dir wieder zurückkommen ..." Am selben Tag erhielt Frau Durendal einen reuigen Brief von ihrer einstigen Pflegetochter, in dem dieselbe ihren frommen Betrug bekannte und um Verzeihung bat. Mer die reiche Frau hatte für solche Gefühle kein Verständnis; sie verzieh nicht, und wenn die Verwandten, um sie zu ärgern, ab und zu nach dem Kinde, dem sie einst so viel gutes gethan, fragten, dann antwortete sie ablehnend: , ,, . B „Fragt mich nicht danach, schreiender Undank ist mein Lohn gechesen." „Es war ein Traum!" Nachdruck verboten. In der Nacht auf meinen vierzigsten Geburtstag ist's gewesen. Anders gesagt: wo den Schwaben die Erleuchtung kommt. Da habe ich einen Traum gehabt, der hat mich über eine wichtige Frage aufgeklärt, über deren Antwort ich verzweifelt lange gegrübelt habe. Und daß der Verstand auch wirklich und wahrhaftig gekommen ist über Nacht, das hab ich daran gemerkt, daß ich den Traum hab deuten gekonnt. Also ich war wieder in meinem Geburtshaus am „Ka- planeiberg" zu Kirchlich, wo ich am 10. November das Licht der Welt erblickte, hoch meine sonstigen Umstände und meine Lebenslage waren dieselbigen, wie heutigen Tages. Da fährt ein leichter, mit zwei weißen Rossen bespannter Wagen vom „Kaplaneiberg" herab, wankt und bebt nm die Ecke, als wollt' er umfallen. Ich seh's vom Kammerfenster aus und seh' mit einem Male noch mehr. Unter einem buntdnrchwirkten Baldachin arbeitet sich hinter seidenen Vorhängen und von schwellenden Polstern ein junges Weib und klimmt behutsam vom Wagen, steht unten an der Ecke und «winkt und gestikuliert lebhaft zum Kammerfenster herauf. Ich nicke ihr Antwort, daß ich komme, sie scheint unbekannt und der Hilfe zu bedürfen. Die kleine Trude, die ich auf dem Arm schaukele, setze ich an den Boden, nehme rasch meinen Hut auf, rufe Herbert, dem Nettesten, der „mit" will, zu, daß er dazubleiben habe, und eile die kleine Treppe vom Hof zur Straße hinab. Dort stand sie noch und winkte, sie rief sogar in einer mir noch unverständlichen Sprache. Und nun konnte ich auch ihr Kostüm erkennen. Blaue Seide mit viekfarbigem phantastischem Aufputz, Sammetmantel und Federbarett; ein etwas exotisches Aussehen das Ganze. „Vous etes Frangaise, Mademoiselle?“ redete ick) sie au. „Ach- bewahre!" „Dann bitte ich um Entschuldigung; ich glaubte Ihren Ursprung nicht in meinem Vaterlande suchen zu dürfen." Darauf sie: „Ist er auch nicht, aber mit euch Deutschen rede ich deutsch." — „Aha, denke ich mir, also so ein Mädchen aus der Fremde." Und laut: „Womit kann ich Ihnen dienen?" „Ja, sagt sie, ich bin das Glück, aber hier ist schlecht vorbeikommen (der Kaplaner- berg vertrug nur Oekonomiewagen), helfen Sie nur einen Augenblick mir die Pferde führen." Es geschah und ich wurde wach. —- t , Was doch das Nebeneinander von damals und heute bedeuten mag? Ich habe mich besonnen, und halt! ich hab's! Grillparzer: „Der Traum ein Leben". Der Traum Dein Leben! Dein vierzigster Geburtstag will Dir die Deutung bringen! Das Glück ist vor mir gestanden, es hat an der Ecke gehalten, es hat auch aus die Straße gerufen, herein getraut hat es sich nichjt. Es sprach zu mir aus deutsch. Es wollte weiter. Aber es war schwer vorbeizukommen. Und es kam doch vorüber. Nur einen Augenblick, dann war's vorbei. Und ich habe ihm dabei die Pferde geführt! Dann bin ich wach geworden. So und nicht anders ist's gewesen. — „Es war ein Traum." Aber wie ist er gekommen, der Traum? Am Abend vorher habe ich im Buch; von Johanna Ambrosius geblättert. Siehe da stand es: „Mir fuhr das Glück vorüber Mit seiner vollen Fracht; Ich sah sie weithin leuchten In märchenhafter Pracht. Der Fuhrmann wollte halten, Mir ward's um's Herz) so schwer, Schon streckt' ich aus die Hände, Da war die Stelle leer. Ich sah ihn in der Ferne Hinjagen wie der Wind; Nun sitze ich am Wege Und weine mich saft blind." So war's gekommen. Aber sie hat recht, die Dichterin aus dem Volke, die des Lebens Herbheit in verständnisloser Umgebung gekostet hat. „Wenn's köstlich gewesen ist, ist's Mühe und Arbeit gewesen"; denn „alles ist eitel"? „Nur wo Du nicht bist, da ist das Glück!" — Aber man darf es nicht sagen, höchstens dichten oder — träumen. — th. Gemeinnütziges Taschentuchsachet. Ein höchst originelles Sachet (Riechkissen) besteht aus gelbweißem Ripsband von zirka 6 Zentimeter Breite und 160 Zentimeter Länge, dessen Mitte mit gleichem Bande in 33 Zentimeter Länge über parfümierter Watte gefüttert ist. Ein gemaltes oder gesticktes Bduquett ziert die Mitte. Das Band wird einfach um die Tücher geschlungen und zu einer Schleife geordnet. Citkrarifc^ci. Kinder-Leitung. Heransgegeben von Felix von Stenglin, Groß-Lichterfelde. Inhalt von Nr. 7: Was in der Welt vorgeht: Deutsche Ansiedlungen; Der „schwarze Christian"; Einzug der Deutschen in Shangai; Zwischen Himmel und Erde; Eine Eisenbahn, die durch ein Haus fährt; Kleine Notizen. Allerlei: Ca'smeatman. Aus dem Reiche der Natur: Eine elektrische Visitenkarte. „Was John Dollond der Taucher erzählte" von Bruno H. Bürgel. „Jndianerleb en im Thüringer Wald" von Felix von Stenglin. (Forts.) Erlebnisse. Briefwechsel. Tauschccke. Anzeigen. Zn beziehen durch alle Postanstalten, Buchhandlungen u. d ie Expedition in Groß-Lichterfelde. Magisches Quadrat. Nachdruck verboten. Ein vielbesprochener Name. Ein Mädchenname. Ein Fluß in Deutschland. Ein Handwerker. Ein Raubtier. Ein Fahrzeug. In die vorstehenden Quadrate sollen die folgenden Buchstaben so eingesetzt werden, daß die wagerechten Reihen die Worte nebenstehender Bedeutung ergeben, während" die Anfangsbuchstaben der Wörter von oben nach unten gelesen den Namen,eines oberhessischen Städtchens ergeben: A A Ä, B B, C, E E E E E E E E, G, H H, I I I, L, N N N N, R R R R, 8 8 8 S, U U, Z. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.: (Zweizüger von L. Fothergill.) W. Ka3, De2, Sd6, g3, Lf4, hl. Schw. Kc3, Sa4, c6, Lb5, el, Baß. 1. Lhl— e4. 2. Neunfach matt. «ebaltwn: E. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch.Erben) in Gießen.