(Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Rsinhokö Ortmann. (Fortsetzung.) Die Bewegung überwältigte ihn; . seine Schultern bsbten wie in einem mühsam niedergehaltenen Schluchzen. Auf Sandory aber hatte die erschütternde Klage offenbar nur sehr geringen Eindruck hervorgebracht. „Das alles würde doch nur einen Sinn haben, wenn ich als Ihr Feind gekommen wäre. Aber meine Absichten sind von der friedlichsten Art. Auch für mich ist die Vergangenheit tot — ganz tot, und ich bin vollkommen damit einverstanden, daß wir sie künftig so selten als möglich erwähnen. Sie werden mich Ihren hiesigen Bekannten als einen alten Freund vorstellen, für dessen persönliche Ehrenhaftigkeit Sie durch Ihre gewichtige Empfehlung gleichsam volle Bürgschaft übernehmen; — Sie werden mich in die gute. Gesellschaft von Waldenberg einführen, und ich verspreche Ihnen, daß mein Verhalten Ihnen nur Ehre machen soll. Es müßte Ihnen doch eigentlich ein Vergnügen sein, mir diesen geringfügigen Dienst zu »rweisen". Norrenberg nahm die Visitenkarte vom Tische und hielt sie dem anderen entgegen. „Und dieser erborgte Name? Halten.Sie es für so leicht, deutsche Behörden zu täuschen? Man würde alles entdecken, und für mich bliebe dann nichts anderes übrig, als eine Kugel oder ein Sprung ins Wasser". „Seien Sie unbesorgt! Meine Legitimationspapiere sind in bester Ordnung. Auch wenn die Waldenberger Polizei mißtrauisch genug wäre, in jedem harmlosen Fremdling einen Verbrecher zu wittern, würde sie mich doch unbehelligt lassen .müssen". Der Bankier seufzte tief auf; dann aber, als sei ihm plötzlich ein rettender Gedanke gekommen, sagte er mit nachdrücklicher Betonung: „Und doch ist es unmöglich Ei» selber werden nicht länger darauf bestehen, wenn 3JL MM f aran erkenn' ich den gelehrten Herrn: Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern; Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar; WaS ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr; Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht; Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht. Goethe, Faust II, 1. Sie erfahren, daß der zweite Staatsanwalt am Waldenberger Landgericht der Verlobte meiner Tochter ist". „Eine interessante Neuigkeit — in der That! Ich gratuliere Ihnen aufrichtig. Vernrutlich ist dieser Staatsanwalt ein sehr netter und umgänglicher Mensch; denn Fräulein Dora ist doch wohl berechtigt, einige Ansprüche zu stellen. Ich werde mich freuen, seine Bekanntschaft zu machen". „Wie? Sie denken also noch immer daran, Ihre tolle Idee wirklich zur Ausführung zu bringen?" „Lieber Freund, es ist völlig verlorene Mühe, mich anderen Sinnes machen zu wollen. Ich bin keine Wetterfahne, und ich habe außerdem in diesem Fall ganz besonders triftige Gründe. Kommen wir also zum Schluß Welchen Weg halten Sie für den einfachsten, mich mit den angesehenen Familien der Stadt bekannt zu machen?" Noch einmal hatte Norrenberg wie abwehrend die Hand erheben wollen, aber er lieh sie sogleich wieder sinken und gab in einem Tone müder Hoffnungslosigkeit zurück- „Darüber werde ich Ihnen morgen Auskunft geben, wenn ufj! Zeit gehabt habe, mit mir selber zu Rate zu gehen. In diesem Augenblick bin ich kaum noch eines klaren Gedankens fähig, und ich bitte Sie deshalb in Ihrem eigenen Interesse, mich zu schonen. Eine Gnadenfrist von vrerundzwanzig Stunden werden Sie mir doch wenigstens gewähren können". „Mit dem größten Vergnügen. Gestatten Sie mir also, Ihnen den nächsten Besuch nicht hier, sondern in Ihrer Privatwohnung zu machen. Wir wollen annehmen, daß Sie mich soeben für morgen zum Mittagessen eingeladen hätten, und daß diese Einladung von mir mit verbindlichstem Danke angenommen worden wäre. Ich werde mich so zeitig einfindcn, daß uns vor dem Essen noch ein Stündchen zu gemütlichem Geplauder unter vier Augen verbleibt". Der Bankier machte keinen Versuch mehr, sich gegen den überlegenen Willen seines Besuchers aufzulehnen. Er nickte nur bejahend, und seine Stimme war ganz klanglos geworden, als er sagte: „Also um vier Uhr, wenn es Ihnen beliebt. Ich werde meine Tochter vorbereiten. Meine Frau ist schon seit vier Jahren tot". „Das betrübt mich aufrichtig — eine so treffliche Dame! — Natürlich wird auch der Herr Staatsanwalt zugegen sein — ich bitte ausdrücklich darum. Sie dürfen mir diesen Wunsch durchaus nicht abschlagen, lieber Freund!" „Ich! werde ihn zu Tische bitten, wenn Sie darauf bestehen. Auf Ihr Haupt aber falle die Verantwortung für alles, was sich daraus ergiebt". „Natürlich! — Und nun, damit Ihre Angestellten nichts Verwunderliches in meinem Besuche finden, wollen — SS- — wir zum &j}|lun noch ein kleine» Geschäft miteinander machen. Ich habe hier einige russische Papiere, die ich Ihnen zum Tageskurse verkaufen tvill. Sie haben wohl die Güte, Ihren Kassierer mit der erforderlichen Anweisung zu versehen". Er hatte die Effekten aus der Tasche seines Ueber- roaes genommen, und sie Franz Norrenberg mit lässiger Handbewegung überreicht. Ratlos und unentschlossen blickte der Bankier zuerst auf die bedruckten Blätter und dann auf das Gesicht Scmdorys. „Nun?" meinte dieser etwas ungeduldig. „ Muß ich.Ihnen erst sagen, daß diese Obligationen so gut sind wie bares Geld?" „Das weiß ich Wohl. Aber können Sie mir auch versichern, daß sie — daß uns keine Ungelegenheiten aus dem Kaufgeschäft erwachsen werden? Sie verstehen sicherlich, ivie ich das meine". „Gewiß, ich verstehe vollkommen. Sie dürfen ganz ruhig sein. Die Nummern dieser Stücke stehen auf keiner polizeilichen Fahndungsliste, ich würde sie sonst wahrscheinlich anderswo versilbern, als gerade bei Ihnen". Mit einem Seufzer öffnete Norrenberg die Thür und rief hinaus: „Auf einen Augenblick, Herr Ruthardt, wenn ich bitten darf!" Esu etwas bleicher und schmächtiger junger Mann mit feinem, bartlosem Gesicht erschien auf der Schwelle. „Gehen Sie damit zum Kassierer, und lassen Sie die Obligationen zum Tageskurse in Reichskassenscheine umwechseln. Verkäufer ist Herr Rudolf Sandory." Der junge Mann entfernte sich mit den Papieren. Sandory aber fragte: „Ruthardt heißt dieser Jüngling? Vielleicht ein Verwandter des gleichnamigen Arztes?" „Ja — sein Sohn! Er arbeitet seit einem halben Jahr als Volontär in meinem Kontor. Aber woher in aller Welt kennen Sie denn den Doktor?" „Ich kenne ihn noch nicht, aber ich habe den lebhaften^ Wunsch, mir dies Vergnügen zu verschaffen". „Das sollten, ©ie bleiben lassen! Doktor Ruthardt ist ein Mann, dem Sie viel besser aus dem Wege gehen". „Weshalb? Steht er in schlechtem Rufe?" „Im Gegenteil! Er gilt mit vollem Recht für einen Ehrenmann von unantastbarer Reinheit des Charakters. Aber er gehört nicht zu der Gattung der sogenannten ,guten Kerle'. Sein Scharfblick ist hier schon manchem verhängnisvoll geworden, und es giebt viele, die mit Schrecken an seine unbarmherzigen Rücksichtslosigkeiten denken; denn er ist ein Fanatiker der Wahrheit und hegt einen leidenschaftlichen Haß gegen jede Art von Heuchelei". „Vortrefflich, ein Mann ganz nach meinem Herzen. Aber bei solchen Charaktereigenschaften ist es eigentlich merkwürdig, daß er aus seinem Sohne gerade einen Börsianer machen will". „Das war ursprünglich auch nicht seine Absicht. Der junge Mann hatte sich auf seinen eigenen Wunsch dem Studium der Medizin gewidmet, als ihn aus Anlaß einer Studentenaufführung eine so unsinnige Leidenschaft für die Schauspielkunst erfaßte, daß er darauf und daran war, zum Theater zu gehen. Der Vater mußte seinen ganzen Einfluß aufbieten, es zu verhindern, und ich glaube wohl, daß es .damals sehr harte Kampfe Zwischen den beiden gegeben! hat. Der junge Ruthardt verfiel in eine schwere Krankheit, und als' er genesen war, erklärte er, unter keiner Bedingung zu seinem Studium znrückkehren zu können. Warum er sich dann gerade für den Kaufmannsstand entschieden hat, weiß ich nicht. Aber ich! habe jedenfalls keinen Anlaß, es zu bedauern; denn er ist ein gewissenhafter und tüchtiger Arbeiter, der mir bereits vollauf einen Buchhalter ersetzt". „Und der Doktor? Er hat keine Kinder außer diesem Sohne?" „Doch! Er Hai außerdem noch eine Tochter. Aber es ist merkwürdig, welches Interesse Sie an dieser Familie nehmen". „Man unterrichtet sich doch gern ein wenig über die Leute, mit denen man künftig leben soll. Eine Tochter — sagten Sie? Und wie alt?" „Sie mag zwischen siebzehn und achtzehn sein — doch dc» ist Ihr Geld, Herr Sandory. Wollen Sie die Güte haben, tu nachzuzählen und mir daun btt Ordnung Halber diese Quittung zu unterschreiben?" Rudolf Sandory steckte das ganze Bündel von Kass«t- scheinen achtlos in die Tasche. „Ich denke, es hat wohl seine Richtigkeit. Aber die Quittung müssen Sie natürlich haben. Geben Sie mir eine Feder!" Er setzte mit raschem energischem Zuge seinen Namen auf das Blatt und reichte es dem jungen Ruthardt zurück, der in der Thür darauf gewartet hatte. Dann schüttelte er Franz Norrenberg kräftig die Hand und ging mit einem fröhlich klingenden: „Auf Wiedersehen morgen mittag!" von dannen. (Fortsetzung folgt.) Renatus Karl Freiherr von Senkenberg. Zum 18. Oktober 1900. Nachdruck verboten. In der zweiten Hälfte des Jahres 1800 herrschte in unserer Stadt eine schlimme Blättern-Epidemie, die noch in die ersten Monate des nächsten Jahres hinübergriff und große Opfer an Menschenleben, besonders in der Kinder- welt, forderte. Unter den Erwachsenen traf die Sense des Todes Renatus Karl Reichssreiherrn von © e n f e n & e r g, der im kräftigen Mannesälter von 49 Jahren am 18. Oktober von der verheerenden Krankheit dahingerafft und um 21. desselben Monats zur ewigen Ruhe bestattet wurde. Wenige Wochen vorher, am 1. Oktober, hatte er seine einzige Tochter Sophie, die Gattin des Rittmeisters von Buseck, die im Alter von 23 Jahren der gleichen Krankheit zum Opfer gefallen war, zu Grabe geleitet. Es war der letzte große Schmerz seines von trüben Erfahrungen nicht freien Lebens^ Wie bekannt, hat Senkenberg in seinen letzten Willensverordnungen seine reiche Bibliothek von 15 000 Bänden, sein Hans und 10000 Gulden der Universität vermacht. Die hundertste Wiederkehr seines Todestages wird daher von der Universität durch eine besondere Festschrift gefeiert werden, in der der Stifter als Gelehrter und zweiter Begründer der Universitäts-Bibliothek gewürdigt werden wird. Wir wollen in diesen Blättern zu seinem Gedächtnis nur einen Blick ans sein Leben werfen und dabei sehen, welche Beziehungen ihn und seine Familie mitunseremLandundbesondersmitunserer Stadt verknüpft haben. Karl Renatus Senkenbergs Urgroßvater war aus Troppan in Oberschlesien in Friedberg eingewandert, wo er sich als Apotheker niederließ, und obgleich Fremder, im Laufe der Zeit in den Rat, später sogar zum zweiten Bürgermeister gewählt wurde. Auch feine Söhne wurden in der Folge Schöffen und Ratsmitglieder; der zweite Sohn, zugleich Physieus ordinarius der Stadt, legte 1688 seine Friedberger Aemter nieder und siedelte nach Frankfurt a. M. über. Als er int Jahre 1703 zum zweitenmal heiratet, findet die Hochzeit in Gießen statt, wo die Mutter der Brant in zweiter Ehe mit dem Professor der Theologie Johann Heinrich Mai lebte und ihre Schjwester die Gattin des Kanzlers Grolmann wurde. Diesen verwandtschaftlichen Beziehungen verdankte es Heinrich Christian, der älteste Sohn des Frankfurter Physikus und Vater Karls Renatus', daß er schon in seinem dritten Lebensjahre dem schlimmen Einflüsse seiner Mutter, die als Typus einer Megäre geschildert wird, und den unerquicklichen Verhältnissen des Vaterhauses entzogen wurde und unter die Obhut seiner Großmutter nach Gießen kam. Hier verbrachte er unter der Leitung des hochgebildeten Mai seine Jugend bis zum 18. Lebensjahre. Seinen Unterricht erhielt er zuerst durch Privatlehrer, sodann in der Stadtschule und seit 1713 int fürstlichen Pädagogium. Sechs Jahre später bezog er die Universität, an der er bis 1724 Jurisprudenz studierte. Nahe daran, in dem wüsten Treiben Gießener Studenten unterzngehen, wurde er von seinem Oheim, dem Kanzler Grolmann, vor diesem Unglück bewahrt. Sein Fleiß und seine Tüchtigkeit, durch die er sich nachher auszeichnete, fanden nach der öffentlichen Verteidigung einer von ihm verfaßten staatsrechtlichen Schrift dadurch Ausdruck, daß ihm die Universität die Doktor- n a t Elisa erster Nam Rufn seine deuts jungt Haup 9 Dar st löge begab anhal ins d verbu Tage, zurück Späte obglei nicht § didate Jahre und e fonnti Neben msse worbe Studi genest Unter hochgt sie in oft ii fällt s Renat fassen kicher hatte erhobt fett st Tode - richt s er fük in di bliebe einzig eine 1 Büche siebze da 17 der g Erwit am R des „ hatte. wüt Hin WUI pro> gan mit mir! feffc als an dem Verl der nach bett, Kind Lebe und er v siede stadt < 581 So wurde Wien die Geburtsstadt unseres Karl Re- “V " s- Sein Vater heiratete dort in zweiter Ehe Sophie Elisabeth Frenn von Palm, die ihm am 23. Mai 1751 ihren ersten Sohn gebar. Das Kind erhielt in der Taufe die Namen Renatus Leopold Christian Karl, bereit erster der Rufname wurde; den letzten pflegte später der Schriftsteller seinen Schriften vorzusetzen, weil er ihn für den schönsten deutschen Mannesnamen hielt. Ihm gesellte sich noch ein jüngerer Bruder, der in sardinische Kriegsdienste trat, als Hauptmann den Abschied nahm und 1842 kinderlos starb _ Renatus Karl hat uus sein Leben selber erzählt. Seine Darstellung, die übrigens durch vor ihr erschienene Nekro-> löge anderer Schriftsteller bestätigt wird, zeigt uns ein begabtes Kind,das indessen seine Frühreife mit jahrelang anhaltendem Siechtum büßen mußte. Vom uenuten bis ms dreizehnte Jahr litt er an heftigem mit Schwindel verbundenem Kopfweh, Schlaflosigkeit und Trägheit bei Tage Infolge dieser Zustände blieb er im Wachstum Äurucf und erlitt eine Schwächung seiner Kopsnerven. Spater erholte er sich jedoch so vollkommen wieder, daß er, obgleich von zarter Beschaffenheit, doch bis zu seinem Tode nicht ernstlich krank war. i Seinen ersten Unterricht erhielt er durch einen Kandidaten der Theologie, der ihn bis zu seinem neunten ^ahre so weit brachte, daß er Cornelius Nepos, Justinus und einiges von Sueton übersetzen, sowie griechisch lesen konnte. Französisch! sprechen lernte er von einem Bedienten Neben diesen sprachlichen Fertigkeiten hatte er gute Kenntnisse in der Geschichte, Geographie und Rechenkunst erworben. In den Jahren seiner Krankheit wurden die I ötuinen nur mäßig fortgesetzt, daun aber, als er langsam I genesen war, übernahm sein Vater selbst die Leitung seines I Unterrichts. Glücklich, wer einen Vater besitzt, der selber I hochgebildet, die Fähigkeiten des Sohnes erkennt und I )te in die rechten Bahnen zu lenken versteht! Was andere I ost tnt Finstern tappend sich mühsam erringen müssen, I fallt solchen Kindern fast spielend zu. So war es bei Karl I Renatus. Der Vater war ein bedeutender Kopf, von um- I fassender Bildung, vorzüglicher Jurist und ein unbestech- I Ucher Beamter. Wegen seiner hervorragenden Verdienste I hatte ihn der Kaiser 1751 in den Reichsfreiherrnstand I erhoben, und als er 1768 starb, hatte seine rastlose Thätig- I feit seine Gesundheit untergraben und ihn einem frühen I Tode.entgegengeführt. Dieser Mann beschränkte den Unter- I richt seines Sohnes nicht auf die üblichen Lehrgegenstände, I er führte ihn auch frühzeitig, schon mit dreizehn Jahren, I tn die Diplomatik und die Rechtswissenschaft ein. Beide I blieben die Lieblingsfächer des eifrigen Schülers. Das 1 einzige von ihm bekannte Bild stellt ihn dar als Kind, I eine Urkunde in der Hand und umgeben von juristischen I Büchern. Nach dem Tode des Vaters bezog Karl Renatus I siebzehnjährig die Universität Göttingen und ging von I da 1771 nach! Straßburg. Wie er hier ankam, als Goethe, I der große Landsmann seines Vaters, gerade die Stadt I Erwins verlassen hatte, so sehen wir ihn auch in Wetzlar I am Reichskammergericht erscheinen, als eben der Dichter I des „Werther" der alten Reichsstadt den Rücken gekehrt I hatte. Kaum war er hier in Thätigkeit getreten, so I I nbtigte ihn der jähe Tod seines Oheims Johann Christian I zu emem längeren Aufenthalt in Frankfurt und später I Emer wiederholten Reisen nach dieser Stadt, um seine I ^flrchlen als Aufseher der berühmten Senkenbergischen I Stiftung, deren Urheber eben jener Oheim war, zu er« I füllen. Aus Gesundheitsrücksichten unternahm er dann I 1 Reife durch Tirol nach Italien, von der er I mit Entzücken in seiner Lebensbeschreibung spricht. In I Rom wurde er von der Dichtergesellschaft, „die Arkädier" I genannt, als Mitglied aufgenommen, eine Ehre, die er I Ä ?enlg schätzte, obgleich die Dichtkunst vielleicht seine I schwächste Seite war. Als Mitglied dieser Gesellschaft er« I hwlt er den Namen Polydorus Nemeaeus und „nach I der sonderbaren Weise dieser Gesellschaft noch einen großen I Lehnbrief über die Nemäischen Felder, wo Herkules den I Löwen erlegt hat". Als Polydorus Nemeaeus hat Senken- I berg ein. Bändchen lateinischer und griechischer Gedichte I herausgegeben, außerdem anonym eine Sammlung in I deutscher Sprache unter dem Titel „Gedichte eines Christen" I Auch dramatisch versuchte er sich, an dem Stoff, den ihm I das Schicksal der Charlotte Corday bot. I ®on seiner Reise heimgekehrt wurde er im Januar I 11 von Landgraf Ludwig IX. zum Regierungs-Assessor I in Gießen ernannt. Nun hatte er den Hafen gefunden, I sw! dem sem Lebensschifflein dauernd vor Anker gehen follte. Er heiratete hier im April 1776 eine Anverwandte, I Anna Margarethe von Rauen und erhielt von ihr im I Mgenden Jahre sein einziges Kind, die oben erwähnte I Tochter. I Eießen sand Senkenberg nach seinen eigenen Worten „bey Akten und Büchern und freundschaftlichem Umgang eine seinem Wunsch gemäße Lebensart" und „genoß einer ungestörten Gesundheit". Einmal jedoch wurde fein ^dhll durch einen unangenehmen Zwischen- falt unterbrochen, den wir hier nicht übergehen dürfen. Unter den Papieren seines Vaters hatte er die Abschrift einer Urfunbe gefunden, bie für die am bairischen Erb- folgestreit beteiligten Häuser die Streitfrage zu gunsten d^sft^sWhsviAischen. Ansprüche und zum Nachteil des öfter« reichifchen Hofes löste. Er brachte diese Abschrift zur Kennt- nis von Kurpfalz, wie er nachher aussagte, nur, um dem Recht zum Sieg zu verhelfen und unnützem Blut- v ergieß en vorzubeugen. Man hat auch nie gehört, daß er Geld oder andere Vorteile für diesen angeblichen „Verrat" erhalten habe. Auf einer Reise nach! Wien wurde er indessen dort verhaftet, vernommen, wieder frei ae- lassen, und konnte endlich nach sieben Monaten nach Hause reisen, verbannt aus den österreichischen Staaten. Erst Kaiser Franz II. hob 1792 die Verbannung auf. Bald nach seiner Rückkehr (1780) wurde Senkendem zum Regierungsrat ernannt, legte aber schon nach vier Zähren sem Amt freiwillig nieder, um ganz den Wisfen- schasten und Jemen schriftstellerischen Arbeiten leben zu tonnen. Nur wenige Reisen unterbrachen das beschauliche Dasein, von dem er selbst eine so getreue Beschreibung 1 It- ivLL- Gießen war dem Vielgewanderten zur zweiten Heimat geworden In seinem Hause am Brandplatz (an der Stelle wo fetzt das Kreisamts-Gebüiide steht) sammelte er seine reicheBibliothek, seine Handschriften imd Urkunden Hwr ^^vfaßie er den größten Teil seiner Schriften, meist staats- rechtlichen und historischen Inhalts, deren er selber 31 ?wMhlt. In Spaziergängen und kleinen Gesellschaften fand er Erholung von seinem Tagewerk, das jede Stunde des.Tages weise ausnützte. Seine Lust am Lehren be- thatigte er durch das Erteilen von Unterricht in der geliebten Diplomatik und in der Reichsgeschichte an junge Leute nachdem seine Tochter seinem Unterricht entwachsen war' .So sympathisch uns dies stille Gelehrtenleben er« ftchint, so giebt es doch noch einen Punkt, der uns diesen Mann näher bringt: seine Vorliebe für unsere Stadt Zu enter Zeit, da alle, die unsere Stadt kennen lernten nur Schlimmes von ihr, ihren Festungswerken, ihren Gassen, ihren Burgern, ihren Professoren und Studenten zu berichten wissen, nimmt Karl Renatus von Senfenbera' per dw schönsten Städte Deutschlands und Italiens ae- sehen hat, in Gießen seinen Wohnsitz. Er behält ihn bei als nichts mehr ihn an die Stabt bindet, als er sogar wurde verleihen wollte. Er aber lehnte bescheiden unter Hinweis auf seine große Jugend ab. Erst viel später (1736) wurde er von der Ludoviciana zum Doctor jurisutrinsaue promoviert. In den nächsten Jahren nach seinem Weggang von Gießen finden wir Heinrich Christian Senkendem mit seiner weiteren Ausbildung beschäftigt. Endlich (1735) wird er Univerfitäts-Syndikus und außerordentlicher Pro- Rechte in Göttingen. Von dort wird er 1738 als Regierungsrat und Ordinarius der Rechtswissenschaft an die Universität Gießen berufen. Freudig folgte er dem Rufe nach der Stadt, tu der er seine glückliche Jugend verlebt hatte, und hier gründete er sich seinen Hausstand der leider nur von kurzer Dauer sein sollte. Denn schon nach dreiviertel Jahren starb ihm seine Gattin im Wochen- ÄUlt= ^?bmgen Tagen folgte ihr das eben geborene ^wse Schicksalsschläge machten ihm das Leben tn Gießen unerträglich Er legte seine Aemter nieder und zog sich, nach Frankfurt zurück. Am 7. Oktober wurde b'vunz I. zum Reichshofrat ernannt und peoelte bald darauf mit feinem Collegium nach der Kaiserstadt an der Donau über. 1 - 592 wieder nach seiner geliebten Vaterstadt hätte awswawdern dürfen. Auch das stolze Frankfurt, daH ihn durch feine Beziehungen zur Stiftung des Oheims Wohl hätte locken können, vermag ihn nicht abwendig zu machen. An Gießen fesselt ihn der Zauber, der über dem akademischen Leben liegt, der Verkehr mit gleichgesinnten Männern der Wissenschaft, der stille Frieden der Kleinstadt und nicht zum wenigsten der Reiz der Umgebung. Gr pflegte zu sagen, daß er nur die Gegend von Biebrich am Rhein und von Neapel derjenigen von Gießen vorziehe. Ist das selbst für ein lokalpatriotisches Herz ein verwunderlicher Vergleich, so war die Vorliebe doch echt. In vielen seiner Gedichte behandelt er Gießener Verhältnisse, und ost kehrt in ihnen der Name der Stadt wieder. In einem lateinischen Gedicht, das er einem seiner Briefe an seinen Bruder entnahm, um es den „Carmina varia selecta" einzureihen, singt er ihr zudem ein begeistertes Loblied. Mögen andere — so etwa ist der Sinn des Gedichtes — Gefallen finden an den Ufern des Rheins, an der Donau oder der Elbe, ihm ist äm liebsten die Gegend der Lahn und der kleinen Wieseck. Dann werden alle uns so vertrauten Höhen aufgezählt, zwischen denen die Sladt eingebettet daliegt. Zum Schluß bittet er die Gottheit, sie möge ihm seinen Wunsch erfüllen und ihn hier seine Tage vollenden lassen. Ich fetze einige Verse des Gedichts zugleich als Probe seiner Dichtkunst hierher: „Sunt, quibus aurigeri placeant, scio, litora Rheni, „Prae cunctis, rapidusve Ister, vel navifer Albis. „At mihi prae multis regio gratissima, Lanus „Parvaque quam Viseca rigant, habitata colono „Hassiaco, culmen Taunus*) qua quereifer altuni „Elevat, et densis assuevit condere nimbis. „Qua tollit veteres Cleiberga ad sidera muros, „Qua Fezbergiacae cernuntur reliquiae arcis, „Et Koenigsbergae candentia moenia late, „Conditaque in summa Solmana**) palatia rupe, „Et navis eui forma dedit sua nomina monsque,***) „Teutonieorum equitum sacra domus alta cohortis. „Hos inter montes media in convalle patenti „Gissa jacet, dives pratis atque ubere terrae, „Circuitu non ampla quidem, sed amoena virenti „Planitie, atque auras Borea purgante salubris, „Lata per irrignos campos, silvasque sonoras, „Aut in ventosos patet hinc spatiatio montes. „Atque utinam Nurnen non spernat Vota precantis, „Et mihi quod superest det ibi eonsumere vitae.“ Der Himmel hat seine Bitte erfüllt und ihn sein Leven in unseren Mauern beschließen lassen. Alle Unannehmlichkeiten, die er in seinen letzten Jahren noch hier erfahren hat und zu denen besonders auch die durch die französische Besetzung verursachten Lasten gehören, haben ihm den Aufenthalt in unserer Stadt mcht verleiden können. Seiner Liebe giebt noch das kurz vor seinem Tode errichtete Testament Ausdruck. Was er der Universität vermacht und wie er so den Grund zum Aufblühen der Bibliothek gelegt hat, haben wir oben gesehen. Aber auch der Stadt selbst und ihrer Armen gedachte er. Dem Stadt- und dem Burg-Kirchen-Kasten hinterließ er je 100 Gulden, deren Zinsen jedesmal an seinem Todestage den beiden Predigern, welche nicht Superintendenten! find, zugestellt werden sollten. Der Armenkasten erhielt 1000 Gulden, mit deren Zinsen noch heute alljährlich eine arme Familie unterstützt wird. Wie sein Testament ihn uns zeigt, so hat er sich auch im Leben bewährt. Ein aufopfernder und liebevoller Gatte und Mater, hatte er für jedermann ein warmes Herz Wir können zu seiner Charakteristik keine besseren Worte finden, als sie ihm Nebel in den hessischen Denkwürdigkeiten nachgerufen hat: Notleidenden war er der terlnehmendste Freund, und er teilte mit freigebiger Hand reiche Spenden unter sie aus Vielleicht hrnterging ihn mancher derselben unter der Larve der Religiosität. Aber wer vermag hier zu richten, wenn man das edle Herz des Gebers erblickt! *•) Dünsberg. **) Hohensolms. . . . ***) Der Name Schiffenberg wird hier irrig von der «estalt »es Nerzes hergeleitet. Mtzäkt'-ei! G. — »«*4 rm» Beetaf »er Brüh!'schrei Er war ein in unserem Zeitalter seltenes Mustsr echter Religiosität. Ohne daß er Kopfhänger war, bekannt« er ich frei und offen zu dem Glauben seiner Väter, er beuchte den öffentlichen Gottesdienst fleißig . . . Ungeachtet er lebhaft und von sanguinischem Temperament war, und eine Affekten nicht selten aufbrausten, so hatte er doch )urch anhaltende Hebung und durch Grundsätze eine eltene Stärke über sich selbst erlangt. Glaubte er Unrecht gethan zu haben, so machte er mit einem offenen Geständnis und mit reichen Händen es wieder gut. Er ertrug die Fehler anderer mit Sanftheit und deckte sie mit dem Mantel der Liebe zu, er redete von niemanden übel und er hatte das seltene Glück, keinen Feind zu haben und von allen bedauert aus der Welt zu scheiden". Hundert Jahre sind seit dem Tode Karl Renatus vou Senkenbergs dahingegangen. Aus dem Gießen „circuitu non ampla", das er so sehr liebte, ist eine ausgedehnte Stadt geworden, und modernes Hasten und Treiben geht durch die einst so stillen Straßen. Aber wie er der Stadt, so hat sie ihm die Treue gehalten über das Grab hinaus. Zwar kennen wir nicht die Stätte, da seine Gebeine ruhen, aber eine Straße hat die dankbare Nachwelt nach ihm benannt und in goldenen Lettern leuchtet sein Name über der Pforte der Universitäts-Bibliothek. So bleibt fsin Gedächtnis lebendig in den Herzen seiner Gießener. K. v Ltttevavisches. In München herrschte Anfang Oktober ein äußerst bewegtes, festliches Leben. Die frohe Daseinslust der Münchener Bevölkerung konnte sich auf dem Oktoberfeste wieder einmal gründlich austobeu, und zu all' dem bunten Jahrmarktstreiben kommen noch die glänzenden Feierlichkeiten, welche zu Ehren der Vermählung des Prinzen Albert von Belgien und der Prinzessin Elisabeth in Bayern veranstaltet wurden. Eine hübsche Aufnahme des jungen Paares, sowie interesiante Bilder von den Volksbelustigungen bringt die neueste (siebente) Nummer der „Weiler» Welt". Wie bisher, bietet diese Zeitschrift auch diesesmal wieder eine Fülle intereffanter Aufnahmen, die dem Leser die jüngst stattgehabten Ereigniffe bildlich veranschaulichen sollen. Gediegene Aufsätze, künstlerisch wertvolle Illustrationen, Fortsetzungen eines Romanes und einer Novelle, Behandlungen intereffanter Zeitfragen werden auch die höchsten Ansprüche befriedigen. Bemerkt sei noch, daß die einzelne Nummer (Union, Deutsche Berlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin) nur 26 Pfg. kostet. Skatairfgahe. Nachdruck verboten. (a b c d die vier Farben; A Aß; K König; D Same, Ober; B Bube, Wenzel, Unter; V M H btc drei Spieler.) V, der Spieler in Vorhand, ist wütend darüber, daß er lange kein Spiel bekommen, und beschließt, auf folgende Karte in jedem Fall zu spielen, um den Göttern was zu opfern. aK, 9, 8, 7; cA; dA, v, 9, 8, 7. O ❖ .0 o. ❖ o o + + ❖"O o o M hatte gepaßt, aber H reizte bis b-Handspiel. V erklärt nunmehr a-Handspiel und gewinnt zu seiner eigenen Ueberraschnng das Spiel mit Schneider, obwohl im Skat nur 3 Augen lagen. Die Gegner kommen bis 29. Wie saßen die Karten? Wie ging das Spiel? Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Inhalt, Anhalt, Vorhalt, Hinterhalt. Auflösung des Preisrätsels in Nr. 148: Treulich bringt ein jedes Jahr Welkes Laub und welkes Hoffen. Lenau. Es gingen insgesamt 17 richtige Lösungen ein, das Los fiel auf Nr. 6. Einfender: Hermann Möller, Gießen, Löberstraße 6III. Der Preis — Heinrich Seidels Erzählende Schriften, Band V — ist von dem Gewinner gegen Vorzeigung der Abonnementsquittung in der Geschäftsstelle der „Familienblätter" in Empfang zu nehmen. Uw»erstt4t«-Bnch- und Stetndrnckerei (Pietsch Setzen) in Siesten.