*57 iflüSw i l MM m Kinder- und Greiscnlocken leis' Flimmert's wie Himmelsscheinen. So nahe dem Himmel schon wieder der Greis, So nah' noch dem Himmel die Kleinen. L o h m c y e r. (Nachdruck verboten.) Geächtet. Roman von Lothar Br en kendors. (Fortsetzung.) Elisabeth von Marschall aber hatte noch am nämlichen Abend eine sehr ernste Unterredung mit ihrem Vetter. Sie erzählte ihm von ihrem Gespräch mit dem Alten und fügte der Mitteilung, daß sie dessen Gesuch abschlägig beschieden, in sehr nachdrücklichem Tone hinzu: „Ich mußte Deine Autorität ausrecht erhalten; aber der unglückliche Mensch that mir dabei von Herzen lech, und ich weiß nicht, ob ich mich auch in künftigen Fällen ebenso entscheiden würde. Denn ich will nicht, daß diese armen Leute, die unser wärmstes Mitgefühl verdienen, hart oder ungerecht behandelt werden. Es soll nicht dahrn kommen, daß mein Name hier zu Lande mit Abscheu genannt wird". Franz hatte sie bis dahin schweigend angehört; nun aber sagte er mit einem merklichen Anflug von Sarkasmus- ,Wenn Du glaubst, daß dies Gesindel mit eurem milden Regiment zu lenken ist, wohl, so kann ich es ja versuchen Aber ich übernehme keine Verantwortung für das, was daraus entsteht. Und ich will ausrichtig wünschen, daß Du nicht bereust, diesem gefährlichen Burschen, dem Iakubeit, noch für eine Nacht Unterkunft auf Las- dehnen gewährt zu haben. Man hätte ihn meiner Ueber- zeugung nach besser mit der Hetzpeitsche und mit den » Hunden davongejagt". Und in der Frühe des kommenden Tages empfrng Elisabeth den Beweis, daß er diesmal mit seiner Ansicht im Recht gewesen war. Sie hatte sich nach ihrer Gewohnheit schon beim Morgengrauen aus den Kissen erhoben und ging im Reitanzuge zu den Ställen hmuber, um sich ihr Leibpferd satteln zu lassen. Die Knechte und Mägde waren entweder bei dem Vieh beschäftigt oder sie befanden sich schon draußen auf dem Felde, so daß tn diesem Augenblick kein menschliches Wesen auf dem Hofe zu erblicken war. Da plötzliche sprang eine Gestalt hart vor dem jungen Mädchen hinter einem Leiterwagen hervor, eine wilde Verwünschung ausstoßend und einen keulen- ähnlichen Gegenstand in den erhobenen Fäusten schwingend. Glücklicherweise hatte Elisabeth bei aller Ueber- raschung Geistesgegenwart genug, sich schnell zur Seite zu Liegen und so wenigstens dem ersten, mit furchtbarer Wucht Herniederschmetternden Schlage auszuweichen. Sie stieß einen lauten Hilferuf aus und wendete sich zur Flucht. Aber der Angreiser war offenbar entschlossen, sich; sein Opfer unter keinen Umständen entrinnen zu lassen. Er hob seine Wafse von neuem und rannte mit heiserem Wutgeschrei hinter ihr her. Wohl tauchten jetzt hier und da in den Thüren der Ställe menschliche Gestalien auf, die durch den Lärm aufmerksam gemacht worden waren, aber bis einer von ihnen die Bedrohte hätte erreichen könnn, wäre es sicher zu spät gewesen, sie vor dem Rasenden zu retten. Denn schon war er ihr so nahe gekommen, daß er aufs neue zum Schlage ausholen konnte, und an dem Verlauf der nächsten Sekrmden hing ohne Zweifel ihr Leben. Ein nahezu wunderbarer Zufall war es, der sie vor dem schrecklichsten bewahrte. Sie strauchelte über einen im Wege liegenden Gegenstand und stürzte zu Boden. So kam es, daß auch der zweite Schlag des Meuchelmörders sie nicht erreichtes Noch bevor er aber zum drittenmale den Arm erheben konnte, krachte fast unmittelbar neben ihm ein Schuß; mit schrillem Aufschrei ließ er seine Waffe fallen, und der anscheinend getroffene rechte Arm sank ihm schlaff am Körper nieder. Sein von Wut und Schmerz verzerrtes Gesicht wendete sich in ohnmächtigem Grimm dem mit rauchender Pistole heranstürzenden Verwalter entgegen; aber als er dann gewahrte, wie von allen Seiten die Gutsleute auf ihn zueilten, um ihn zu packen, ergriff er, des blutenden, zerschossenen Armes ungeachtet, in langen Sätzen die Flucht, und sein hagerer Körper entwickelte dabei eine so erstaunliche Krast und Gewandtheit, daß der Abstand zwischen ihm und den Verfolgern mit jeder Sekunde ein größerer wurde. „Fangt ihn!" schrie Franz von der Röcknitz den Leuten zu. „Fangt ihn — oder schlagt ihn tot! Schande über Euch, wenn Ihr den Mörder entwischen laßt!" Er selbst aber beteiligte sich nicht an der tollen Menschenjagd. Elisabeth, die von dem schweren Fall nur für einen Augenblick betäubt worden war, richtete sich lansgsam auf, und er war ritterlich bemüht, ihr beizustehen. Sie mußte mit dem Kopf gegen einen Stein oder einen anderen scharfkantigen Gegenstand geschlagen sein; denn aus einer Stirnwunde floß das Blut, und ihre Blässe verriet, wie schwach sie sich fühlte. Sie that zwei oder drei Schritte, dann aber blieb sie wieder stehen; denn es flimmerte ihr vor den Augen, und ihre Knie bebten. „Nimm meinen Arm, Elisabeth, und stütze Dich auf mich!" drängte Franz bittend. „Du bist nach diesem Schrecken nicht stark genug, allein in das Haus zu gehen". 462 Sie zauderte, ihn'zu berühren; aber es war sonst keiner in der Nähe, der ihr hätte helfen können, und so mußte sie sich wohl entschließen, sein Erbieten anzunehmen. Er geleitete sie in ein Zimmer des Erdgeschosses und schaffte dann eilig Wasser und ein Tuch herbei, um ihre Wunde zu kühlen. Die Verletzung erwies sich als ganz unbedeutend, und auch die lähmende Nachwirkung des ausgestandenen Entsetzens begann rasch zu schwinden. Als Franz sich zum zweitenmale über sie beugte, um die feuchte Kompresse aus ihre Stirn zu legen, nahm sie ihm das Tuch aus der Hand. „Ich danke Dir", sagte sie. „Du warst es, der auf den Mann geschossen hat, nicht wahr?" „Ja. Und ich danke dem Himmel, der mich gerade rm rechten Augenblick aus dem Hause treten ließ. Nur noch eine halbe Minute — und ich wäre vielleicht schon SU spät gekommen. Die geladene Pistole trage ich zum Gluck immer bei mir, seitdem ich weiß, wessen man sich von diesem Gesindel zu versehen hat. Und wenn auch meine Kugel dem Schurken eigentlich durch den Hirnkasten gehen sollte, so ist sie doch, Gott sei Dank, nicht gänzlich ins Blaue geflogen. Selbst wenn die Kerle ihn jetzt absichtlich entwischen lassen, mit seinem zerschwetterten Arm wird der wahnwitzige Alte nicht allzuviel Unheil mehr anrichten können". „Du hast mir das Leben gerettet, Franz! Soweit j es, sich um die Rechnung zwischen uns beiden handelt, waren wir also quitt". Die eigentümliche Situation, der weiche Klang ihrer Stimme, den er für eine süße Verheißung nahm, ließen chn mit einem Male die gewohnte Vorsicht vergessen. Er sank neben ihrem Stuhl auf ein Knie nieder und I ergriff ihre Hand. „Nein, Elisabeth, ich bleibe nach dieser Stunde Dein Schuldner tote bisher; denn mein ganzes Dasein gehört I allein, und mit Freuden wollt ' ich es hinwerfen, I wenn rch Dir damit auch nur den kleinsten Dienst erwiese. Da mir das köstlichste Glück doch grausam versagt bleiben I soll, was könnte ich mir besseres wünschen, als für Dich zu sterben?" 1 I Seine Worte atmeten eine so heiße Leidenschaft, daß Elisabeth rn unwillkürlichem Entsetzen ihre Hand ab- I wehrend gegen ihn ausstreckte. I „Nichts mehr von dieser Art, Franz! Ich, will es I vergessen — um des Beistandes willen, den Du mir eben I geleistet, will ich nichts davon gehört haben. Doch käme jemals wieder Aehnliches über Deine Lippen, ich! dürfte I Drch nicht eine Stunde länger hier in meiner Nähe I dulden". i | Sie war aufgestanden und wendete sich zur Thür Mit fest zusammengebissenen Zähnen erhob sich auch Franz aus seiner knieenden Stellung. I „Vergieb ch murmelte er. „Ich, weiß ja, daß es Wahnsinn ;st. Und ich werde mich zusammennehmen. Du sollst mrr nicht noch einmal mit dem Wegjagen drohen müssen". Elisabeth ging hinauf, um ihren Reitanzug mit einem Hauskleide zu vertauschen. Als Frau von Menzelius und Charlotte später ahnungslos aus ihren Schlafzimmern zum Vorschein kamen, bemerkten sie an der jungen Gutsherrin I sslchts Ungewöhnliches außer der kleinen Stirnwunde die I fte der Wahrheit gemäß mit einem Fall erklärte. Von dem Attentat des entlassenen Tagelöhners erfuhren sie erst I viel später durch die Leute, und als Frau von Menzelius ihre Nichte dann mit /aufgeregten Fragen überschütten wollte, gab Elisabeth ihr auf freundliche, doch unzweideutige Weise zu verstehen, daß es ihr peinlich sei, davon zu reden, und daß sie den unerfreulichen Vorfall so schnell I als möglich vergessen zu sehen wünsche. Den verwundeten Jakubeit aber hatten seine Verfolger in der That nicht einzuholen vermocht, und auch die Be- I lohnung, die Franz aus eigener Machtvollkommenheit spater für seine Einbringung aussetzte, hatte keinen Erfolg Der Alte blieb spurlos verschwunden, und da seine Verletzung allem Anschein nach eine recht schwere gewesen war galt es auf Lasdehnen bald für ausgemacht, daß er sich in irgend einen versteckten Winkel verkrochen habe, um dort elend zu sterben. | Neuntes Kapitel. «Ich begreife nicht, woher Du den Mut nimmst mutterseelenallein in dieser Wildnis umherzustreifen I Wenigstens von dem Verwalter könntest Du Dich doch be- Esten lassen, wenn Du es schon einmal für ganz uner- I läßlich hältst, die Feldarbeiten selbst zu besichtigen" Elisabeth, die im Reitanzuge am Fenster stand und I «4. das Vorführen ihres Pferdes wartete, schüttelte zu EE besorgten Mahnung der Frau von Menzelius I lächelnd den Kopf. 0 „ „Was sollte mir denn widerfahren, liebste Tantes Außer Lasdehnen giebt es in meilenweitem Umkreise keine bewohnte menschliche Niederlassung, also auch niemand vor dem ich mich fürchten könnte. Von wilden Tieren ist im Frühling gleichfalls wenig zu besorgen, und wenn- doch etwa em verirrter Wolf Gelüste nach meinem Pferde tier- spuren sollte, so werden meine beiden guten Pistolen ihm I solchen Appetit schon vertreiben". v I ^au von Menzelius verzichtete seufzend auf weitere Einwendungen aber als sie dann Elisabeth unten in den Sattel ihres feurigen Pferdes steigen und in flotter Gangart davonsprengen sah, konnte sie sich doch nicht ent- halten, bedruckten Herzens zu murmeln: „Sie hat den Mut eines Mannes; aber ihre Tollkühnheit bringt uns auf diesem entsetzlichen Stück Erde sicherlich noch alle mitein- | ander ms Verderben". — ®ie schöne, junge Reiterin war von solchen düsteren Ahnungen unverkennbar vollkommen frei. Das bange Gefühl der Verlassenheit und Ohnmacht, darunter sie wahrend der ersten Tage nach ihrer Ankunft so schwer g^Aten hatte, war längst' überwunden. Wie hart auch die Arbeit sein mochte, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten hier noch zu verrichten war, Elisabeth hatte ^zwischen doch die Gewißheit erlangt, daß sie ihre Kräfte urcht überstieg. Sie fühlte sich, stark und schaffensfreudig. Die Vorstellung, all den verwüsteten und verwahrlosten Boden rings umher wieder in lachende Gefilde zu verwandeln, spornte ihren Ehrgeiz und half ihr leicht hinweg über die zahlreichen, großen und kleinen Verdrießlichkeiten, an denen es nicht mangelte, seitdem sie zum grimmi- I S/n Verdrusse ihres Verwalters die Zügel der Regierung auf Lavdehnen selbst tn die Hand genommen hatte. ,, Das stolze Bewußtsein vollkommener Freiheit und Unabhängigkeit beglückte sie nie höher, als in diesen von angestrengter, ermüdender Arbeit ausgefüllten Tagen und Wochen. Die schreckliche Langeweile, die den beiden Damen von Menzelius das litauische Exil zu einem wahren Martyrium machte war ihr ein völlig unbekannter Be- grisf, und allabendlich, wenn sie ihr Tagewerk überdachte, regte sich § tn ihr wie Bedauern über den allzu flüchtigen Lauf der Stunden, der das Vollbringen trotz aller Anstrengungen noch immer hinter dem Wollen zurückbleiben Der scharfe Morgenritt durch die weithin sich dehnen- B ba im Vollgefühl ihrer jugendlichen Kraft und Gesundheit machte, war ein so köstliches Ver- ssvvöen, daß sie auch nach Beendigung ihrer Besichtigung noch fein Verlangen spurte, auf dem kürzesten Wege nach ^rren^u'e Surückzukehren. Wie sie es in der letzten Zeit schon öfter gethan, unternahm sie aufs Geratewohl eme jener Rekognoszierungen, die sie mit der weiteren Umgebung von Lasdehnen bekannt machen sollten, indem sie sich dabei für die Orientierung chisschließlch auf ihren vorzüglich ausgebildeten Ortssinn verließ. . Namentlich der herrliche litauische Wald in seiner dusteren Majestät übte stets einen besonders mächtigen Rmz auf ihr Gemüt, und sie lenkte darum auch heute "ihr Pferd gegen den dunklen Streifen hin, der wie eine un- Mauer das Gesichtsfeld abschloß. Als ste ihn erreicht hatte, ritt sie eine gute Weile ohne Sbeg und Steg rm Schritt zwischen den gewaltigen, rnoos- uberzogenen Stammen dahin. Plötzlich aber gewahrte sie deutliche Spuren eines Pfades, der ehedem wohl eine richtige Straße gewesen sein mochte. Sie verfolgte ihn in schnellerer Gangart weiter, bis ste an eme gewaltige Lichtung gelangte, auf der einst die Hansel eines? vielleicht blühenden und wohlhabenden — 463 — ?bFF«fÄ! ksä* vollendet iSbniemanbÖf” die an die prägnanten, kurzangebundenen Leben voll Arbeit, Lc2” Großen erinnern, die Sinter ft* hnt ^r und Enttauschung Entscheidung nut ferner eigenartigen, fast Zierlichen, kleinen In dieser Weise arbeitet ber Kaiser, der baut statt bet früher von rhm bevorzugten Virginia, auf bie er seit ernrgen Zähren auf Anraten seiner Aerzte verzichtet hat mehrere Mebra Regalia raucht, bis gegen 8 Uhr fort. Dann erscheinen die verschiebenen militärischen unb bem Biöif angehörigen Herren seines Gefolges zum Vortrag Zuerst bre Generalabjutanten Felbmarschalleutnant von Bolfra« unb Graf Paar, mit welchen militärische Angelegenheiten auf bas erngehenbste erwogen werben, bann ber Kabinetts- brrettor unb ber Oberhofmeister unb bie verschiebenen Minister, von benen, wegen ber staatlichen Trennung Oester- rerchs von Ungarn, kein Monarch so viele hat als Franz rsofef. An mehreren Tagen ber Woche kommen nun noch Dutzenbe von Aubienzen von Beamten unb Offizieren' welche sichi für Ernennungen unb Beförberungen bebanken' von angesehenen Personen, bie persönlich bie Orden des verstorbenen Vaters überbringen dürfen und von zahlreichen Bittstellern hinzu, die für sich- oder nahe Angehörige dre kaiserliche Gnade anrufen. An anderen Tagen wieder begiebt sich der Monarch zu Besichtigungen von Truppen zu Ausstellungen und auberem Feierlichkeiten oder stattet mit semer eigenartigen, fast zierlichen, kleinen Handschrift an den Rand. Meistens liegt fo überreiches Material zur Entscheidung vor, daß die Zeit, bis ju ber Munde, wo andere Obliegenheiten zu erfüllen sind, voll- standig verbraucht wird. Ist dies ausnahmsweise einmal uuht der Fall, so wird gewiß schon in früher Morgenstunde nach den Kabinettskanzleien geschickt, um neues Material zu holen oder der Monarch erledigt jetzt seine Privat- torrespondenz, welche bei der großen Mitgliederzahl des kaiserlichen Hauses und der Verwandtschaft mit fremden Hosen keme geringe ist, und namentlich- im Verkehr mit semen beiden Töchtern, der Prinzessin Gisela, der Gemahlin ^bopold von Bayern, und der Erzherzogin Marre Valerie Gemahlin des Erzherzogs Franz Salvator mit strenger Regelmäßigkeit gepflegt wird. Rippen des fungen Kaisers soll sich damals der ^UJ entrungen haben: „Lebe wohl, meine k Unb b^ Worte sind nur allzu wahr geworden; der zweiundfünfzig -jährigen Regierung, auf bE der Monarch zurückblickt, hat das von ihm geleitete Staatswesen so viel Wandelungen durchgemstcht, daß in t,u>t ununterbrochener Folge schicksalsschwere Entschließungen zu fassen waren, welche das rege Verantwortlüü- keitsgefühl des Kaisers wohl manchmal schwer bedrückt "* b‘n Su8=n&e, wachge. LLL 's minutiöse Art und Weise, wie er seinen Tag eingeteilt hat, damit auch nicht ern geringer Bruchteil desselben ungenützt VvvU v-Wv, r . gehört zu den Frühaufstehern und verläßt ^.chLag'w schon rn zeitiger Morgenstunde; denn nur in mestr Zeit kann er sich ungestört intensivster geistiger Arbeit hingeben, da der übrige Teil des Tages überreich mit Vortragen von Militärs und hohen Beamten, mit Empfängen und anderen repräsentativen Obliegenheiten belastet ist. Pünktlich zu der am Abend vorher festgesetzten Stunde — es ist meistens um halb vier oder vier Uhr, und nur im Winter zuweilen erst um fünf Uhr — betritt der Dienst- HÄienbe von den drei Kammerdienern, welche den persönlichen Dienst versehen, das Schlafgemach des Monarchen, d.^n fre auf jeden Fall zu wecken haben, auch wenn er im tiefsten Schlafe liegt, und nach einem einfachen Frühstück, Fr’T’L a^S Tusse schwarzen Kaffees und Weißbrot besteht, begiebt sich Franz Josef an die Arbeit, chu großen Mappen und Taschen liegen hier die Hunderte von Aktenstücken, welche der Erledigung harren und die vom Kaiser gleich eingehend geprüft werden, ob sie nun Vorschläge der obersten Verwaltungs- und Gerichtsbehörden oder Militarangelegenheiten betreffen, welch letztere dem Monarchen, der vom Scheitel bis zur Sohle Soldat ist besonders am Herzen liegen. Aber auch von den zahl- lo>en Bitt- und Gnadengesuchen, die tagtäglich beim Kaiser einlaufen, dessen gütiges Wesen seinen Völkern wohlbe- tannt ist, wird kemes ohne Prüfung seines Inhalts blos ™ c ... Nachdruck verboten. ÄrÄX ?u s* a $ Millionen den Gegenstand der. Verehrung zu bilden • denn bte meisten tonnen sich von den durch- die Kindermärchen verkommenen Vorstellungen nicht losmachen, daß das ^.eben eines Monarchen eitel Wonne und Genuß sei und man muß zugeben, daß sie in diesen Anschauungen bestärkt werden durch den verdächtigen Eifer, mit der so mancher ^vlstelstaatprinz sich, bemüht, ein erledigtes Thrönchen im ^nent zu ergattern und nun in seinem blaublütiaen Zerren dem'ihm bis bannten fremden^ Volke-entdeckt, das er vordem vielleicht ^Hammeldiebe zu bezeichnen geneigt gewesen wäre. - ber Monarchenberuf aber ernst genommen wird' LoML ,UiC w°nig- von be^bie^f^ö ^. Drr erlauchte Verbündete des deutschen Reiches und Italiens, dem es von uns Deutschen nie vergessen werden b5,= vr.rückhaltlos und ohne Hintergedanken auf Bismarck» genialen Plan des deutsch-österreichischen Bünd- Nlfses emglng und die menschlich- berechtigte Empfindlichkeit zuruckstellte über den Ausgang des Krieges von 1866 r^./bm und seinem Reiche den Einfluß in Deutschland Stunde zur Regierung, als des Schick- n schwer auf Oesterreich herniederhingen. Als m den Revolutwnssturmen des achtundvierziger Jahres L“ 0an^e "Metternichtigkeit" des Staatskünstlers zu- j°v"venbrach, der durch mehr als 30 Jahre bemüht ge- Kiwi war^uberdem monarchischen Europa die Ruhe und 5 Friedhofes auszubreiten und zu erhalten, zeigte £ Oesterreich einer frischen Kraft bedurfte, der wie dem damals regierenden Kaiser Ferdinand, ge- bfe ®uh9cer durch frühere Zusagen namentlich, an n^aren die Hande gebunden waren. Ferdinand S”b bamau$: der nächste thronberechtigte Agnat, Erzherzog Franz Karl, beeinflußt von seiner willenskräf- ehrgeizigen Gemahlin Sophie, Tochter des Bayern, Verzicht leistete, gelangte 1 ^?^reu Sohn Franz Josef, der zu diesem Berufe am herüber 1848 als großjährig erklärt worden war, im Alter von 18 Jahren auf den Thron eines -anderkomplexes, der wegen der Vielsprachigkeit und der hohen Kulturstufe der in ihm wohnenden Völker ken is?"" °IIen Ländern Europas am schwersten zu len- Ä gestanden haben mußten, die aber heute nichts -ftnäE v»ar, als eine große, öde Brandstätte von »v»i.ii.nust schauerlichem Aussehen. Ein paar berußte dauern ragten twch da und dort aus den schwarzen Trümmerhaufen empor, die Stellen bezeichnend, wo sich vor Zähren die stattlichsten und widerstandsfähigsten Gebäude befunden hatten. Ein Flug von Krähen erhob sich b^m Herannahen der Reiterin mit widerwärtigem Gekrächz aus bem Sch-uttfelde; Elisabeths Pferd aber scheute nach einem nb ^^kerer Schritte vor einem im Wege liegenden &^rntf'rbeffen Anblick auch das Blut des fungen Mädchen» für einen Augenblick erstarren machte. (Fortsetzung folgt.) Kaiser Franz Josef l. bei der Arbeit. Ein Charakterbild des Monarchen anläßlich- seines 70 Geburtstages am 18. August 1900. Von Paul von Edelskron. 464 in den Künstlerateliers von Wien und Budapest Besuche ab. Nach dem Mittagessen, das gewöhnlich, um halb vier Uhr stattfindet, wird die Arbeit am Schreibtisch fortgesetzt bts zur Zeit, wo der Monarch sich zur Ruhe begiebt; denn selten nur pflegt er Theater und Konzerte zu besuchen, und auch Privatvisiten werden nur ungern abgestattet. Statt dessen verwendet der Kaiser gern die Abendstunden zu Lektüre von Zeitungen, vonLeuen ihm eine Anzahl inländrscher vollständig vorliegen, während von anderen eine Auswahl in Form von zettelweise auf grbßen Bogen ausgeklebten Ausschnitten zurechtgemacht wird, wobei einem on btt zufolge allerdings mancherlei unterdrückt wird, wovon dre Kanzlei annimmt, daß es an allerhöchster Stelle Mtß- stimtnung erregen könnte. Der Kaiser geht meistens schon um 9 Uhr zu Bett, da er trotz seiner 70 Jahre das Nachmittagsschläfchen gänzltch verschmäht und nach 17 stündiger fast ununterbrochener Thütigkeit so ermüdet ist, daß er fast augenblicklich entschlaft. Nichtsdestoweniger ereignet es sich, oft, daß der Kaiser, der beim Einlaufen wichtiger Nachrichten unverzüglich geweckt werden muß, sich auch' mitten in der Nacht an den Schreibtisch begiebt und sofort seine Weisungen niederschreibt, die schon wenige Minuten daraus von dem in der Hofburg befindlicher« Telegraphenamte in die Provinzen hinaus weiter gegeben werden. Der Wiener Hof ist zwar durch Prachtentsaltung und eine ganz vorzügliche Küche bei festlichen Gelegenheiten in ganz Europa berühmt; für seine Person aber sind die materiellen Ansprüche des Kaisers auffallend gering, und seine Lebensweise ist die denkbar einfachste. Nach, dem Morgenkaffee vergehen viele Stunden bis er etwas genießt, und es wird meist Mittag, ehe der Kaiser wieder etwas zu sich nimmt, wobei Goulasch, nach ungarischer Art zubereitet, bevorzugt wird, zu dem er ein Krügel schäumenden Ptlsener Bieres trinkt, welches aus einem nahen, durch seinen ausgezeichneten Stoff berühmten Restaurant geholt wirb. Im Wrigen ist der Kaiser kein Freund alkoholisch^^ Getränke, was ihn jedoch nicht hindert, seinen Gästen das beste vorsetzen zu lassen, was an feinen Weinen im Keller liegt, der neben den in der ganzen Welt berühmten Rheinwein- und Bordeauxmarken kostbare Schätze von Vöslauer Weinen und den feurigen Tropfen der Hegyallya enthält. Das gewöhnliche Mittagsmahl besteht nur aus Suppe, Rmd- fleisch Braten nnd Mehlspeise und wird in weniger als einer halben Stunde abgewickelt, ganz einfach ist auch der Imbiß, den der Kaiser abends etwa noch genießt. Das liebste Vergnügen des Monarchen ist es, wenn es ihm seine Zeit gestattet, aus dem Zwange der Residenz zu entfliehen und in den Alpenbergen dem edlen Watdwerk zu huldigen. In dem einfachen Jagdschlößchen bei Mürzsteg in Steiermark oder am Kaiserschild bei Eisenerz vereint er dann ‘eine puserlesene Gesellschaft, in der sein intimer Freund, König Albert von Sachsen und sein Schwiegersohn, Prinz Leopold von Bayern, selten fehlen. Roch ehe im Osten das Frührot schimmert, geht es dann in den Hochi- gebirgswald auf die Hahnenbalz und die Gemsjagd oder zur Pirsche auf Hirschwild, und das steirische Bäuerlein, welches da auf schmalen Gebirgspfad einer Anzahl Stadtherren im Lodenrock begegnet, grüßt ehrfurchtsvoll den Monarchen, dessen Bild in jeder Alpenhütte hängt und der im schlichten Jägerkleide seinem Herzen unendlich viel näher tritt als im weißen Generalsrock und grünen Federbusch. Die Last der Jahre ist an Franz Josef nicht spurlos vorüber gegangen, und der Schnee des Alters bedeckt sein Haupt. Dank seiner guten Gesundheit und regelmäßigen Lebensweise ist ihm aber eine Elastizität des Geistes und Körpers geblieben, um die ihn mancher Vierzigjähriger beneiden kann. Das Geschick hat dem Monarchen reine der schweren Prüfungen erspart, die einen Menschen treffen können. Der Verlust der Vormachtstellung in Italien und Deutschland, die blutige Revolution in Ungarn, welche in ihren Folgen fast 20 Jahre später zur Zweiherrschaft führte, die nationalen Kämpfe, die seit langen Jahren das Lebensmark der Monarchie angreifen und den Hemmschuh volkswirtschaftlicher Entwickelung bilden, werden keineswegs ausgeglichen durch die Erwerbung Bosniens und der Herzegowina, wenngleich man diesen Besitz, welcher wohl nicht der einzige auf der Balkanhalbinsel bleiben wird, nicht in seinem Werte unterschätzen darf. Aber schwerer noch als das mannigfaltige politische Ungemachs mußten den Kaiser die zahlreichen Katastrophen in der eigenen Familie treffen. Die Schicksalstragädie im fernen Mexiko, wo fern Bruder Maximilian den kurzen Kaisertraum mit dem Leben bezahlen mußte, der gewaltsame, für die Welt noch immer unaufgeklärte Tod seines einzigen Sohnes, des Kronprinzen Rubolf zu Mayerling, und endlich die Ermochung ferner Gemahlin, der Kaiserin Elisabeth zu Genf, wie noch manches andere Unglück in der Familie mußten das Gemüt des Kaisers schwer erschüttern, und nur tiefe, echte Relt- giosität und ein eisernes Pflichtgefühl konnten ihm über diese furchtbaren Ereignisse hinweghelfen. Ob die Weltanschauung, die ihm sein Religionslehrer, der spätere Kardinal-Erzbischof Rauscher, einprägte, rhm immer von Nutzen gewesen sein mag, und ob es ihm immer gelungen ist, die besten Ratgeber zu finden, als er Leute tote Bach, Schmerling, Beust, Taaffe und Badem an bte Spitze bet Staatsgeschäfte berief, dies zu beurtetlen ist Sache des Politikers und einer späteren Geschichtsschretb- ung Ihm selber aber gebührt der Ruhm, mit allen fernen Kräften redlich das Beste gewollt zu haben und „in magnis voluisae sat est.“ (Großes gewollt zu haben genügt.) Wenn aber Bismarcks Wort wahr ich daß Oesterreich- Ungarn für Europa eine Notwendigkeit ist, und daß mau es schaffen müßte, wenn es nicht schon da wäre, so ist es ebenso wahr, daß dieses schwer zu regierende Reich fernen pflichtgetreueren und gütigeren Monarchen haben kann als Franz Josef es ist. Ob nach dem Ausspruchs des biblischen Psalmisten sein arbeitsvolles Leben „köstlich" oder vielmehr nicht ent bitterer Leidenskelch gewesen, kann nur er selbst beurtetlen. Mer ehrfurchtsvoll beugen sich! an dem Tage, wo er dte Schwelle des 71. Jahres überschreitet, allenthalben auf dem zivilisierten Erdenrund und namentlich int Deutschen Reiche die Herzen vor der Majestät des Kaisers aus habsburgisch-lothringischem Stamme, und der enthusiastische Empfang, den er erst vor wenigen Monaten in des Deutschen Reiches Hauptstadt gefunden, beweist, daß aus dem ehrlichsten Herzensgründe der Segenswunsch kommt, den wir ihm heute zurufen: „H eil Fr anz I o se f!" Magisches Dreieck. Nachdruck verboten. In die Felder nebenstehender Figur sollen die Buchstaben a a, b b, e e, h, l l, n n, o o, r r derart eingetragen werden, daß die einander entsprechenden wagcrcchten und senkrechten Reihen gleichlautend folgendes ergeben: 1. Einen Titel. 2. Biblischen Namen. 3. Tier des Waldes. 4. Teil von Polen. 5. Einen Buchstaben. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Leiter — Liter. Auflösung des Preisrätsels in Nr. 109: Es schreit nur, wer nicht reden kann, Es schimpft, wer nichts zu sagen weiß, Es flucht nur ein geschlag'ner Mann; Des Starken Rede klinget leis. Es gingen insgesamt 5 richtige Losungen ein, das Los fiel auf Nr. 2. Einsender: Klara Simon, Gießen, Frankfurterstr. 10. Der Preis — H. Seidel, Erzählende Schriften, Bd. 4, geb. — ist von dem Gewinner gegen Vorzeigung der Abonnementsquittung in der Geschäftsstelle der „Familienblätter" in Empfang zu nehmen. «kMatties: 9. — »ruck und «erlag der «rüHl'scheu Uutvcrstt«i<-V«ch- und Gtrtudruckcrei (Pietsch ®r6fn) in Sienra.