MU E K Ausdauer fehlten: kurz, bei diesen Unterrichtsstunden kam nichts gutes heraus, die erschrockenen Tiere bissen und hackten ihre schwerfällige Lehrerin, und die Aufregung, das Geschnatter und Geschrei, verbunden mit den Zeichen der Angst, die sich! am, Platze des Unterrichtes häuften-, verleideten der phlegmatischen und sauberen Frau bald diese neue Berufswahl.-- Zum Frühjahr kopnte Nettchen mit ihren Tieren znm ersten Jahrmärkte ziehen. Sie hatte sich einer Spezialitätentruppe angeschlossen, einer Gesellschaft Artisten, die im Winter auf ganz anständigen Provinzbrettern ihre Leistungen darboten, inN Sommer jedoch, wie so der fachmännische Ausdruck lautet, „aus der krummen Kante lagen." Diese Leutchen nahmen insgesamt jeden Unterschlupf, der sich ihnen für die „faule" Jahreszeit bot, ohne weitere Bedenken an; und so kam es, daß Nettchen unter der Reisegesellschaft, die sich durch die Vermittelung eines Agenten zusammengefunden hatte, ein paar Herrschaften vortraf, die schon die halbe Welt durchflogen hatten. Der Wagen, in dem die Gesellschaft reiste, war ein großer, schöner, mächtiger Kasten, nagelneu aus der Werkstatt eines der ersten Wagenbauer in den Besitz des Truppendirektors Stanioli übergegangen. Ohne einen solchen klingenden Namen geht es nun einmal bei diesen Leutchen nicht ab. Der Direktor, ein früherer Zuschneider, hieß in Wirklichkeit W. Bleikapsel, aber mit der ihm zu Gebote stehenden Ueberfetzungs- kenntnis hätte er Stanioli aus seinem Vatersnamen gemacht. In dem großen, grünen, nagelneuen Wagen, der eines Tages den Berliner Vorort Rixdorf verließ, um über Halle und Naumburg ins Thüringische hinaus zu kut- schierett, war nach dem Vorbild der Arche Noah Vorkehrung für eine Ansammlung Menschen getroffen, die auch des lieben Viehes nicht vergessen durften; und so teilte sich das Apartement in die Kabinen der Aufrechtgehenden und in die Käfige und Kammern der Kriechenden, Hüpfenden, Glucksenden, Bellenden und Beißenden. Nettchen hatte mit der Tochter des Direktors ein Kam- merchen inne, so eng, daß sie sich gerade darin umdrehen konnte. Aber dicht über ihrem Bett war ein Schiebefenster angebracht, das sie tagsüber und oft auch des Nachts geöffnet hielt, und da sie gerade vom Kopfpolster aus durch dieses Fenster hinausschauen konnte in die Landschaft, merkte sie die Enge ihres Käfigs nicht, sondern es gehörte ihr die ganze große vorbeifliegende Welt. Der Frühling war da, als sie ins Thüringische einzogen. Es war so grün und warm unter Gottes blauem Himmel, daß den Menschen das Herz in der Brust M«» mußte. — wohl das Glück die schönste Palme beut? Wer freudig thut, sich des Gethairen freut. Goethe, Sprichwörtlich. Nachdruck verboten. Das Pflegekind. Roman von Elsbeth Meyer-Förster. (Fortsetzung.) Nach acht Tagen hatte Nettchen die Tiere so weit,, daß sie in guter Haltung, gehorsam hintereinandergereiht wie zwei Soldaten, durch die Stube schritten, vor der Schwelle Halt machten, auf den Ruf „Links um!" eine Wendung vollbrachten und bei: „Rrrührt Euch!" sich hoch in die Höhe hoben, mit den Flügeln schlugen und ein Helles, tätterndes Geschrei ausstießen. Für den Anfang bedeutete das schon einen Erfolg. Und Nettchen, von' glühendem Enthusiasmus gepackt, träumte nun von der Zukunft und ihrem klingenden Lohn. Wie ein Philosoph grübelte sie stundenlang, um immer neue Zeichen der Intelligenz an ihren Zöglingen herauszufinden; ihr scharfer und klarer Kops begann zu arbeiten, sich einen ganzen Plan, eine ganze Methode zu schaffen, und sie, die früher keine ruhige Stunde des Stillsitzens gekannt hatte, konnte nun stundenlang verweilen, ihre beiden Enten im Schpß, deren Köpfe sie kraulte, während sie bereits neue Instruktionen entwarf, um sie den unglücklichen Tieren anzuhängen. Sie begnügte sich nicht mit diesen beiden machtlosen Geschöpfen ihres Willens. Nach und nach nahm sie ein paar Tauben, einen jungen Truthahn und die bevorzugteste Gattin des Hahnes dazu, und während sie tagsüber der Federviehhändlerin durch Hilfeleistungen in den fchsversten und gröbsten Arbeiten Yen ihr gewährten Unterhalt vergütete, war sie vom ersten Morgengrauen an bei ihren Geschöpfen, von denen sie eine Anzahl durch kontrakt- liche Verpflichtungen für die spätere Erlegung der Kaufkumme von der Händlerin als Eigentum erwarb. Die Händlerin, welche den Erfolg des Experimentes wohl zu erfassen vermochte, hatte gegen diese Art der Abmachung nichts einzuwenden. Aber heimlich bedauerte sie, nicht aus eigener Initiative auf den lukrativen Einfall gekommen zu sein, und sie versuchte in einsamen Stunden en ihrem beschnäbelten Personal die versäumten Bildungs- Versuche nachzuholen. Aber sei es, daß ihr die Elastizität des belehrenden Geistes, die Geduld und auch wiederum das Feuer der 154 Um den grünen Wagen herum und hoch über ihn. hinweg schwirrten die Schwalben. Die blühenden Aepfel- zweige, die zarten Trauben des Goldregens und die lila Farbenbüschel des Flieders streiften die winzigen Schiebefenster, wenn das ungeheure Gefährt durch enge Wiesenwege mußte. Auch das Häuflein Männer und Weiber, das der Wagen mit sich führte, spürte den Frühling. Aus den fahlen, von der Ähminke zerbissenen und vom Schicksal wie mit eisernem Griffel gezeichneten Gesichtern glänzte etwas wie Lebenslust. Welche Last rauher und oft verzweifelter Geschicke — diese für den Augenblick aneinandergereihten Zigeunerleben, die der Herbst wieder auseinanderschütteln wird, wie welke Blätter von einem Baume. Wo kamen sie hin, wo blieben sie dereinst, wo ließen sie eine Spur zurück?!? — Nettchen saß auf der kleinen Treppe, die von der Wagenthür zum Erdboden hinuntergelassen wurde, sobald das Gefährt an seinem Ziele hielt. In der Nähe eines Kurortes vor einem Gasthause hatte man Halt gemacht. Das Haus lag eine Strecke vor dem Ort, und kein neugieriges Volk bildete wie an belebten Punkten eine Ansammlung rund um den Wagen. Die Männer und Frauen waren ausgestiegen, um sich im Wirtszimmer zu erquicken. Auch Nettchen erhob sich und gesellte sich ihnen zu. Um den großen Tisch in der Gaststube hatten sie sich im Kreise niedergelassen. Der Wirt hatte Brot, Schinken, Eier aufgetragen, und da die Einnahme der letzten Tage eine gute gewesen, kargten die Männer nicht und bestellten Bier, Branntwein uni> Grog. Grog fand bei allen die beifälligste Aufnahme. Trotz der lauen Frühlingsnächte froren sie durchgängig in den dünnen und dürftigen Betten, über die durch die unsichtbaren Fugen der Bretterwände des Wagens die kühle Nachtluft dahinstrich Eine der Frauen, deren Ernährer ein kleines, zartes Männchen, der artistische Leiter des Unternehmens war, säugte ihr Kind an der Brust. Eine zweite, ein schönes aber verblühtes Weib, die Trapezkünstlerin, scharmuzierte mit dem Gastwirt, was dessen ab- und zugehende Gattin mit Achselzucken übersah. Ein junges Mädchen in einem verwachsenen Matrosenanzug stand am Fenster und blickte gelangweilt hinaus, Rosi, dre Antipodenkünstlerin, deren Schwester, ein zartes Kind von acht Jahren, sich >neben sie drängte, um auch etwas zu sehen. Unmutig schob Rosi das Kind beiseite, das sich aber nicht abweisen ließ, sondern, geschickt wie ein Kätzchen, der Schwester am Rücken hinaufkletterte. Diese beiden waren die Kinder des Direktors. Draußen auf dem Hofe wurden Kühe aus dem Stall geführt, und der Knecht, welcher die Tiere trieb, blickte mit weit aufgerissenen Augen auf die beiden nie gesehenen Gestalten hin, die sich mit kindlicher Grazie weit aus dem Fenster lehnten. „Drücke mich nicht", rief Rosi plötzlich aus. „Du stößt mir noch den Kopf ein, Tier. Mach, daß Du weiter kommst." Sie schüttelte sich so heftig, daß die Schwester von ihrem Rücken herunterfiel wie eine Raupe von einem glatten Stamme. Am Tische lachten alle, während Minja, die kleine Abgewvrfene, mit empörtem Schluchzen durch die offen- stehende Thür hinauslief. Nettchen war ihr nachgefolgt. „Komm", sagte sie freundlich zu dem Kinde, das im Hausflur heftig weinend an die Kalkwand gedrückt stand. „Wir wollen ein wenig spazieren gehen." Sofort war Minja getröstet. „Bei die Kühe?" fragte sie in ihrem Straßenkindsjargon. „Auch dahin", sagte Nettchen, „wenn Du willst." Sie schritten über den sonnigen Hof in den Stall. Der Knecht, welcher Heu in die Raufen thät, starrte die beiden fast blödsinnig an. „Wir wollen uns ein wenig die Kühe ansehen", sagte Nettchen, indem sie ihm zunickte. Leicht, mit ihrem freien, lebhaften Wesen schritt sie an dem wie verdummt dastehenden vorbei. „Js der dämlich!" erklärte die kleine Minja. „Du, Nettka", setzte sie dann enthusiastisch hinzu, „darf ich auf so eine Dicke reiten?" Nettchen setzte das Kind auf den breiten Rücken einer platt am Boden liegenden Kuh, die nicht einmal die Augen nach ihnen hinbewegte. Der Knecht war hinzugekommen. „Gutes Vieh", stieß er einleitend hervor, indem er zinnoberrot erglühte. „Ja", sagte Nettchen, „und thut uns auch nichts — nicht wahr? Wie hübsch sauber Sie sie gehalten haben. Und der ganze Stall. Das glänzt ja alles nur so. Das war so ihr Kunstgriff. Aller Welt, auch den ihr gleichgültigsten Menschen, etwas angenehmes zu sagen. Sie kannte genau die Schlüssel zu den Herzen der verschiedenen Menschen. Auf diese Weise zog sie siegend durch die Welt, überall dankbare, glühende und ihr ergebene Herzen zurücklassend. Auch der blöde Knecht richtete einen Blick auf sie, in dem alle Empfindungen lagen, die er wörtlich nicht auszudrücken verstand. „Jetzt möcht ich auch auf das Pferd!" rief Minja, indem sie vergnügt mit ihren schlanken Beinen wippte. Noch tiefer als zuerst erglühend, ergriff der Knecht das schöne Kind und setzte es auf das Pferd. Aber Nettchen drängte nun.weiter. ,,Wir wollen uns auch den Garten ansehen", sagte sie. Es zog sie eigentümlich hinaus in dieses Stück Frühlingswelt. Alle Bäume standen in duftigem Blütenzauber, und zarte, grüne Keime lugten aus den Gemüsebeete«. Zwischen den Sträuchern flatterte auf dichten Leinen blendend klare Wäsche, und es sah aus, als winkten die im Winde flatternden Hemdsärmel den lustig hin und her schaukelnden Schürzen zu. Nettchen und das Kind gingen langsam zwischen den schinalen Wegen auf und ab. Oft bückte sich Minja, um einen Käfer, eine Blume oder einen Stein emporzuheben. Ihr bronzefarbenes Gesicht hatte sich leicht gerötet. Jede ihrer.Bewegungen war voll Anmut, und in froher Bewegung durften sich die schlanken Glieder ausdehnen, die von klein auf geknechtet, gerenkt und gedehnt und zu einer unnatürlichen Elastizität künstlich ausgezerrt worden waren. (Fortsetzung folgt.) Drücke ein Auge zu! Nachdruck verboten. Willst Du mir, geschätzter Leser, glauben, daß es unter Umständen eine Tugend sein kann, zu rechter Zeit ein Auge zuzudrücken? Führen wir uns ein Beispiel vor Augen! Da ist eine Frau von schwächlicher Gesundheit, aber mit einer Schar unruhiger kleiner Gäste gesegnet. Ihre Verhältnisse erlauben es ihr nicht, mehr als ein Dienstmädchen zu halten. Dürfen wir da wohl dieselbe peinliche Ordnung verlangen, wie im Hause einer reichen Frau, deren zwei bis drei Dienstboten wohl geschult sind, und eben für nichts anderes zu sorgen haben, als überall Ordnung zu halten? Würden wir es nicht lieblos nennen, wenn nach einem Besuch in ersterem Hause Bemerkungen fielen, wie: „Aber die Fußböden bei Frau M. waren doch nicht annähernd so blank wie die meinen, und es ist doch mit so leichter Mühe zu erreichen, aber wenn man keinen Sinn hat dafür. . .", oder: „Bemerkten Sie wohl die Fliegenflecke auf dem Spiegel? Ich begreife nicht, wie man so etwas ruhig mit ansehen kann. Frau M. hält wirklich zu wenig auf Ordnung!" „Und die Kinder kleidet sie doch auch gar zu einfach, keine Spitze, keine Stickerei!" Wer weiß, welche Ueberwindung es die Frau gekostet hat, bis sie einsehen lernte, daß es besser sei, die notwendigen Ansprüche auf Gesundheit und Leben gründlich zu erfüllen, als alles halb zu thun. Vielleicht hat sie es anfangs versucht, sich selbst und die Magd den ganzen Tag abzuhetzen, um jene Ordnung herzustellen, wie sie sie so sehr wünscht und liebt. Den Gatten empfing dann am Abend eine abgemattete, erschöpfte Frau, welche nicht 155 mehr Lust und Kraft besaß, zu einer anregenden Unterhaltung, geschweige denn zu geselligen Vergnügungen. Der Mte ward darob mit der Zeit verstimmt, das häusliche Gluck, welches zu behüten und zu bewahren die vornehmste Aufgabe jeder Frau ist, litt darunter. Aber sie war eine kluge Frau und fand zur rechten Zeit den rechten Weg. Wer will sie deswegen verurteilen und schmälen? Ich meine, hier ein Auge zudrücken, wäre Gebot der Nächstenliebe, also Tugend. Wir kommen doch nicht zusammen, um Entdeckungsreisen auf die Mängel und Schwächen anderer anzustellen, sondern um uns seiner Person, seiner Gegenwart zu erfreuen. Denkst Du nicht auch so, geschätzter Lesev'? Und gehen die Kinder wirklich in einfachen Kleidern einher, kann nicht auch hinter einem solchen das Herz froh und glücklich schlagen? Was haben Spitzen und Eleganz mit echt kindlichem Frohsinn zu thun? S^er soll sich vielleicht die Mutter in ihren wenigen Mußestunden hinsetzen ynb mit zierlichen Stickereien für Kinderkleider ihre Augen und ihre Gesundheit ruinieren*? Wem wäre damit gedient? Wer würde dadurch glücklicher? Iernen wir ein Auge zudrücken, wo immer die Nächstenliebe es gebietet! ^Wir alle haben unsere Fehler und Schwächen, für welche wir die Nachsicht unserer Nebenmenschen in Anspruch nehmen müssen. Und hast Du, werter Leser, an diesem Artikel etwas uuszusetzen, dann bitte, drücke auch hier ein Auge zu. ____________ E. Friedel. Die Uhr. Von Curt Müller. Nachdruck verboten. Eine sonderbare Marotte dieses alten Justizrates! Die Zimmer, die der alte Herr mit seiner Haushälterin allein bewohnt, sind aufs prächtigste ausgestattet. Vor allem ist in dem großen, eleganten Salon manches Prunkstück zu sehen, das würdig wäre, in einem fürstlichen Saale zu stehen. Porzellanfiguren, Marmorbüsten, Vasen, keramische Erzeugnisse, Kupferstiche und Gemälde — man glaubt, sich bei einem Antiquitätenhändler zu befinden. Ich habe manchen Vormittag in dem Salon des alten Justizrates verbracht und mich an diesen Dingen ergötzt. Das kleinste Figürchen ist für den Sammler von großem Wert, und ich fand es wohl begreiflich, daß der Herr Justizrat mit peinlicher Sorgfalt die Schätze seines Salons hütete. Aber eines fiel mir jedesmal, wenn ich diese Wertgegenstände bewunderte, auf. Was mag nur jene alte Schwarzwälder Uhr, die mitten unter den schönsten Gemälden hängt, Wertvolles an sich haben? Ich fand nichts Kostbares, nichts Eigenartiges und seltsames an ihr. In den Stuben der ärmsten Familien hört man ein derartiges Ding schlagen Die meisten dieser Uhren pflegen sogar besser zu sein als dieses alte häßliche Ding, das so unschön unter prächtigen Gemälden an reichtapezierter Wand hängt. Eine sonderbare Marotte dieses alten Justizrates! — Es war an einem herrlichen Sommerabend. Ich saß mit dem alten Herrn in dem Salon. Die großen, hohen Fenster waren geöffnet, und herein strömte würzige, kühle Abendluft. Der alte Herr saß im Lehnstuhl, und schaute linnend hinaus durch das weit geöffnete Fenster. Die Aussicht war eine gar herrliche! Grüne Berge zogen sich längs des breiten Stromes. Auf den Bergen standen Hütten und Burgen. Auf dem Flusse schwammen Kähne und Schiffe dahin. Der Justizrat saß oft Stunden lang so wie heute da und sann und träumte. Was träumte er wohl? Ich wollte ihn nicht stören und ging betrachtend und studierend auf dem weichen persischen Teppiche einher und sah mir die herrliche Marmorbüste des Apollo, die porzellanenen Pagoden und die schönen Gemälde an. Und wieder ärgerte sch mich über diese alte häßliche Uhr, die jedem Betrachtende,l den Kunstgenuß verdarb. Ich ging an den Tisch. Auf chm stand eine Spieldose. Ich zog sie auf, und eine hübsche ^»^rmelodie erklang. Es war, als ertönten helle Silber- plötzlich schlug die alle, häßliche Uhr heiser acht Mal Wieder störte dieses Ding mir den Kunstgenuß. Aergerlich rief ich: „Sagen Sie einmal, Herr Justizrat, warum dulden Sie denn diese alte Uhr hier in Ihrem Salon? Ich glaube, gerade hier ist sie am allerwenigsten am Platze, hier unter teueren Prachtstücken!" „Sie ist das Teuerste von allen diesen nichtigen Gegenständen", antwortete der alte Herr. Ich lachte unwillkürlich bei dieser Antwort auf. Der ^ustizrat aber fuhr gleichmütig fort: „Sie lachen mit Recht und mit Unrecht. Recht haben Sie, da nach meinem Tode diese Uhr als völlig wertlos weggeworfen wird Doch ich gebe Ihnen nicht Recht; denn für mich hat sie einen Wert, der nicht zu bezahlen ist. Sie ist mein bester Freund auf der Welt!" Er sah mit trübem Blick nach der Uhr und seufzte; dann fuhr er fort: „Als ich ein kleiner Knabe war, horte ich sie gern schlagen, und in kindlicher Weise äffte ich den schnarrenden Ton nach. Abends nahm mich meine Mutter oft auf ihren Schoß. Und wenn die Uhr schlug, so zahlte die Mutter taut, und ich zählte mit, und so lernte ich bis zwölf zählen. Als ich nun in die Schule kam, galt ich unter meinen Kameraden als ein gescheidter Junge denn ich konnte bis zwölf zählen und sie nicht. Sie sollten es ja erst lernen. Und das hatte ich der alten Uhr zu verdanken. Und wenn sie früh sechs Mal schlug, so war ich gar böse auf sie, denn dann mußte ich aufstehen und in die Schule gehen. Wenn sie aber abends neun Mal schlug, so nickte ich ihr dankbar zu, denn dann konnte ich zu Bette gehen. Und oft sagte ich in kindlicher Einfalt zu ihr: „Ach, liebe Uhr, schlage morgen nicht so früh, ich will einmal tüchtig ausschlafen!" Und als ich ein Jüngling war und m die Musenstadt zog, um das Jus zu studieren, da gab mw die Mutter die Uhr mit. Die Mutter legte mir ans Herz, diese Uhr ja hoch und heilig zu halten, da sie ein altes Erbstück wäre. Sie habe bereits geschlagen, als meine Mutter das Licht der Welt erblickte. Und ich hütete auch die Uhr. Ich hängte sie in meinem kleinen Studierzimmer sorgsam auf. Und wenn sie früh sechs Uhr schlug, so klang ihre schnarrende Stimme so mahnend, daß ich zu hören glaubte: sie rufe: „Auf! auf! auf! auf! auf! auf!" Und so versäumte ich nie das Kolleg. Wenn es aber Winter war und ich mit lieben Freunden beim dampfenden Grog auf meiner Bude saß, da klang uns ihr Tick-tack so traulich und uns ward so behaglich zu Mute, daß wir ost länger bei- sarnrnen blieben, als wir anfangs im Sinne hatten. Meiner Wirtin Töchterlein war ein reizendes, liebes Ding. Und ich hatte Frieda, so hieß das Mädchen, gar bald lieb, und mich auch. Und als ich ihr mein Herz ausschüttete, als ich sie an meine Brust zog, und ihr den ersten Kuß auf die purpurroten Lippen drückte, da schlug die alte, liebe Uhr so freudig, daß es mir klang, als sagte sie: „Gott segne Euch!" Und zu mancher glücklichen und zu mancher trüben Stunde schlug sie uns beiden Liebenden. Eines Tages aber packte ich meine Sachen, um in die Welt zu ziehen Weinend hals mir Frieda. Als ich nun das Mädchen in meiste Arme schloß, um ihr den Abschiedskuß auf die Lippen zu drücken, da schlug mahnend drei Mal mit kläglichem Ton die Uhr. Jetzt erst besann ich mich, daß ich im Trennungsschmerze vergessen hatte, die alte Uhr von der Wand zu nehmen. „Nun mag sie auch hängen bleiben, Frieda", sagte ich, „bis ich komme, und Dich als meine liebe grau hole. Ich lasse Dir sie als Pfand meiner Siebe und Treue hier. Sie hat geschlagen, wie ich geboren wurde; sie hat geschlagen, als ich Dich fand; sie hat geschlagen, da ich Dich lassen muß, und sie wird schlagen, wenn ich Dich wiedersehe!" Ich ließ sie hängen, und als ich nach Jahren in die Musenstadt zurückkehrte, und in meine alte Stube eintrat, da klang das Schlagen der Uhr wie ein freudiger Willkommengruß und mein Liebchen fiel mir jauchzend um den Hals. Und beide folgten mir in mein neues Heim. 3U mancher glücklichen Stunde schlug die Uhr, unsere treue Gefährtin. Und gar manches wertvolle Zimmerstück und Hausgerät schafften wir jungen Eheleute uns an, das wertvollste aber blieb uns die alte, liebe Schwarzwälderin. Doch Mötzlich wandte mir das Glück den Rücken. Meine heißgeliebte Frau wurde krank, schwer krank. Ich bflegte sie Tag und Nacht. Aber bald wußte ich, daß sie reicht mehr zu retten war. Und in einer Nacht, es war eine stürmische Novembernacht, da klammerte sich mein armes Weib fest an mich an. ^Sie rang und rang und schluchzte: „Komm' mit! O laß. mich nicht allein!" Ich aber drückte sie — 156 — 6 10 4 10 6 7 8 5 9 9 9 9 7 4 8 5 2 6 9 6 1 2 3 4 5 7 8 9 6 7 3 7 2 6 3 6 2 5 2 10 deutsche Stadt weiblicher Vorname. 10 ein Hohlmaß. 6 3 südliche Frucht. 10 ein Längenmaß. 6 ein Planet. 7 8 kleines Raubtier. 3 6 10 ein Handwerksmann. 6 3 etwas Unangenehmes, bekannter Badeort. Arithrnogriph. (Nachdruck verboten.) Die goldene Rose der Königinnen. Gewisses Aussehen erregte kürzlich in Rom ein Begräbnis, bei dem sämtliche Kardinäle und Bischöfe in ihren ^scharlachroten und purpurnen Festgewändern erschienen. Man glaubte allgemein, daß eine hervorragende oder sehr vornehme Persönlichkeit -zu Grabe getragen .werde. Dem war aber nicht so. Aus Anordnung des Papstes erwies man diese höchste Ehre einem schlichten Arbeiter, der jedoch nicht zu der gewöhnlichen Menge gezählt werden durfte. I Pietro Santelli, wie alle seine Ahnen ein Goldschmied, konnte seinen Stammbaum in direkter Linie bis zurück zum 15. Jahrhundert nachweisen, und die Familie lebte stets in demselben Hause in unmittelbarer Nähe des Vati- I kans. In dem einfachen, kleinen Laden, der nie nod). dem I Geschmack des Tages renoviert worden ist, wurde seit langer Zeit die „Rose d'Or" angefertigt, die der Papst derjenigen Königin überreichen läßt, deren „Betragen" während des verflossenen Jahres das beste war, wie Leo XIII. scherzhaft zu sagen pflegt. Diese goldene Rose kostet Seiner Heiligkeit jedesmal die bescheidene Summe von 40 000 Lire. Die Santellis allein erhielten 16 000 Lire, doch nahm die überaus mühselige Arbeit auch fast das ganze Jahr in Anspruch. Aus massivem Golde hergestellt, mißt der Stil der Rose nahezu vier Fuß. Die große Blüte, die eher einer Hundsrose, als einer vollen Garten-Centisolie ähnelt, ist aus einzelnen Blättern zusammengesetzt, aus denen der Name des heiligen Gebers, und die verschiedenen Tugenden der Empfängerin eingraviert sind. Die Blumenblätter erstrahlen überdies von zahllosen winzigen Brillanten, die den himmlischen Thau darstellen. Dieser riesige Rosenzweig wurde früher in einem eleganten, mit himmelblauem ] Atlas gepolsterten Kasten gebettet, der mit wundervoll ziselierten kleinen Silberrosen ausgelegt war. Seit der Papst aber im Jahre 1892, als er der Königin Amalie von Portugal die Goldrose übersandte, eine enorme Extrarechnung für das kostbare Etui begleichen mußte, entschloß er sich, in Zukunft ökonomischer zu sein, und die Rose nur in ein seidenes Tuch zu hüllen, und auf einer Unterlage von Watte in einem bescheidenen Karton zu plazieren. Das Senden der Rose d'Or kostet nicht weniger als 24 000 Lire. Diese ansehnliche Summe empfangen nämlich die beiden aus dem ältesten römischen Adel zu dem Amte gewählten Ueber- bringer für ihre Mühe. Recht kompliziert ist die Zeremonie bei der Ueberreichung des päpstlichen Geschenkes. Eine Gala-Hofequipage, die mit einer Guirlande frischer oder künstlicher weißer Rosen geschmückt ist, erwartet die Abgesandten des Kirchensürsten am Bahnhof. Im Hofe des königlichen Palastes müssen die vornehmen Gäste aus der ewigen Stadt von einem in Paradeuniform dort aufgestellten Regiment mit Trommelwirbel begrüßt werden. Der ältere der zwei päpstlichen Sendboten trägt nun die Rose mit hocherhobenen Händen bis zu dem Empfangssalon, wo er sie auf einem zu dem Zwecke bereitstehenden, mit weißem, silberbefranztem Seidentuch bedeckten Tischchen niederlegt. Gleich darauf wird in der Schloßkapelle von dem Bischof weinend fest an mich. Da neigte sie welk ihr Haupt zur Seite. Noch einmal seufzte sie schwer auf, und leblos lag sie in meinen Armen. „Nun bin ich ganz verlassen!" rief ich schmerzerfüllt und verzweifelt aus. Da schlug es zwölf Mal. Es klang wie die zitternde Stimme eines Klagenden". Der alte Herr hielt inne. Die Spieldose spielte immer noch. Mit glockenreinen Tönen erklang es: „Lang, lang ist's her!" „Jetzt ist die Wunde, die einst so furchtoar blutete, vernarbt!" führ der Justizrat fort. „Kurz ist ja unser Leben, und mit Ergebenheit ertrage ich es. ^ch sehe mein liebes Weib doch einmal für immer wieder. Und zu meiner Sterbestunde wird die alte Uhr dort rote damals beim Scheiden meiner lieben Frau schlagen. Dann mag die alte Uhr für immer stille stehen!" Und von der Wand herüber erklang das Schlagen der Uhr. Mir erschien es nicht mehr häßlich und störend, sondern gar "klagend und herzbewegend. Es ward still im Zimmer. Nur die kleine Spieldose schwieg nicht. Sie begann eben ein neues Lied: „Verlassen, verlassen, verlassen bin i!" — — 10 6 7 8 wichtige Getrcideart. Die Anfangsbuchstaben der gefundenen Wörter sollen der Reche nach, von oben nach unten gelesen, den Titel einer Operette ergeben. Auflösung in nächster Nummer. Auflösimg des Kapselrätsels in voriger Nummer. Der Zorn ist ein schlechter Ratgeber. eine Messe verlesen, während der die Königin unter einem weißen Baldachin sitzt. Dann begiebt man sich in den Thronsaal, und hier nimmt Ihre Majestät aus einem, mit den Herrscher-Emblemen geschmückten Sessel Platz. Neben ihr läßt sich der ältere Abgesandte nieder, der jüngere dagegen steht in ehrerbietiger Haltung vor ihr und verliest mit lauter Stimme ein Handschreiben des Papstes. Dreimal schwingt er dabei langsam den goldenen Zweig hin und her und überreicht ihn schließlich dem Prälaten. Dieser lehnt die Rose mit leise gemurmelten Segensworten an das Herz der Königin und sagt dann: „Ecce Rosa mystica, donum sanctissimi Patris". Die erlauchte Empfängerin küßt die goldene Blume und antwortet: „Deo Gratia". Mit einem rauschenden 'Tedeum endet die Zeremonie. Die Boten des Pontifex werden sofort von der Hand des Königs oder der Königin mit den höchsten Orden des Landes dekoriert. rinterchaltitirgsspiel. liebst das Salta-Spiel, dessen in letzter Zeit in der Presse mehrfach Erwähnung geschah, teilt uns em §rchnd unseres Blattes das Folgende mit: Entgegen der Annahme, daß „Salta ein Schicbespiel sei, das den Spielern nur eine begrenzte Aktiousfreiheit gewahre, mochte ich hier aus Grund mehrmonatlicher Ersahrung konstatieren, daß das neue Spiel, 'wenn man vom Schach absicht, mehr Kombinationen zulatz, als alle bekannten anderen Brettspiele zusammengenommen. Za, ich must hinzufüqen, daß das Salta-Spiel auch dem Schach nicht nachsteht soweit das bei jedem ernsten Spieler vorauszusetzcnde Ziel in Betracht kommt, durch Ermittlung immer neuer Angriffs- und Verteidigungsmethoden sich auf dem Brett sozusagen individuell auszuleben, inneren Kern gleicht das Salta dem Schach insofern, als-es ebenso wie das attere Schwcsterspiel eine Kriegsschlacht mit allen ihren charakteristischen Ilio- menten, wie den Vormarsch, die Retirade, den Vorstoß, den Flankenan- orisf, die Blockade re. re. verkörpert, und mit dem Fortschritten der Partie das Interesse des Spielers zusehends wächst. Trotzdem ist Salta viel leichter zu erlernen als Schach, wie sein Spielen auch weniger Gedanken-Konzentration erfordert, daher der Geist nicht so sehr angestrengt wird; für die Mußestunden ist mithin Salta wett geeigneter als Schach. Dieser Vorzug des Salta ist auf dessen höchst einfache Spielregeln zurückzuführcn, die schon ein Kind zu ersassen vermag. Litterarrsches. Die moderne Arauenkleidung für Frühjahr und Sommer ist in überans übersichtlicher und vielseitiger Weise in dem reichhaltigen Modenalbum und Schnittmusterbnch (Preis 50 Pfennig) veranschaulicht, welches die Internationale Schuiilmanufaktur in Dresden soeben neu verausgabte. Dieses mit mehreren hundert Origmalmodellen ausgestattete,Album ist der zuverlässigste und bequemste Berater für alle Modefragen und deshalb für jede Dame von großem Wert. Dte Mode- darstellungen sind nicht, wie so oft in den Modezeitungen, flnaussuhrbare zeichnerische Phantasien, sondern wirkliche, dem neuesten Modegeschmack entsprechende Modelle, denn von allen Abbildungen sind fertige Eckpittte erhältlich und zwar zu verhältnismäßig sehr niederem Preis. Tue e letztere Einrichtung erhöht den Wert des Albums ganz ungemein fu jede Dame, die ihrer Schneiderin eine bestimmte und zuverlässige Anleitung für die zu fertigenden Kostüme zu geben wünscht für M sparsame Hausfrau, die selbst schneidert und einer bequemen Hufe bedarf. Zudem erfreuen sich die Schnitte der Internationalen Schnttlmanusaktur, Dresden, wegen ihres ganz vorzüglichen Sitzes und leichtester Verwen - barkeit großer Beliebtheit, sodaß auch aus der weiteren Benutzung des empfohlenen Modenalbums der Damenwelt nur Vorteile erwachsen werden. ______________ Redaktion: ®. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Meßen. 9 war,