Nachdruck verboten. Heimatlos. Roman von R. P. Roe. (Fortsetzung.) Arnolds Familie war verwundert über sein Wesen. Er lehnte es ab, nach einem der vornehmen Badeorte zu reisen, und seine Elterir zögerten daher, ohne ihn abzureisen, aus Furcht, daß er in ihrer Abwesenheit Thorherten machen könnte. Sie fühlten, daß sie die Sache irgendwie zu Ende bringen mußten, -wußten jedoch keinen Rat, da sie ihm in keiner Beziehung ettvas vorwerfen konnten. Zuletzt unternahm es ohne ihr Wissen ein älterer Bruder, das Problem zu lösen. Er war ein Mann der Welt, deren Gebote er pünktlich befolgte. Arnold, sagte er eines Tages, was für. Rarrheiten machst Du in dieser Geschichte! Ich habe Deine Flamme gesehen und gestehe, daß sie reizend ist! Du hast Geschmack bewiesen, aber an praktischem Verstand fehlt es Dir. Mädchen in ihrer Lage nehmen es nicht so genau mit den Bedingungen, wenn sie ihre Umstände bedeutend verbessern können. Du hast Geld genug, um sie wie eine Prinzessin Entrüstet erwiderte Arnold seinem Bruder, er kenne Mildred gar nicht. .. O, j,ch kenne die Frauen, erwiderte der andere, ich habe mehr vergessen, als Du gekannt hast. 1900. rfämbccH' u-Ct ®ThPIw iw w. ÄÄ^bnig, wenig begehr' ich im Leben, Wenig, wenig und doch so viel! jl:«- Gütige Götter, wollet mir's geben Bis an all meiner Tage Ziel. Rüstige Hand zu jeglichem Werke, Das die Stunde mich schaffen heißt, Frischen Mut nnd freudige Stärke, Klare Stirne und klaren Geist! Allen den Meinen, groß und kleine, Rosige Wang' und ein lachend Äug', Feuer am Herde, Brot im Schreine Und ein Tröpfelein Wein im Schlauch! Frieden im Haus und im Herzen Frieden Und ein klingendes Saitenspiel! Wenig, wenig begehr ich hienieden, Wenig, wenig und doch so viel. Adolf Schults. Die böse Saat keimte rasch auf. 'Das Verhältnis, dachte Arnold, würde anders sein, als sein Bruder riet, heiliger und fester bindend, als eine Heirat. Seine Charakterschwäche machte ihn sehr geneigt, diese Lösnng als die beste unter den gegenwärtigen Umständen anzusehen. Er zweifelte mit Recht daran, daß er jemals im stände sein werde, sich unabhängig zu machen. Er war systematisch zur Schwachheit erzogen worden, und seine kalte, hochmütige Zurückhaltung war nur geheime Furchtsamkeit. Wenn seine Siebe zu Mildred günstig ausgenommen worden wäre, so wäre sein Schicksal ein anderes geworden, sie hätte in zärtlichster Weise seine verkümmerte Männlichkeit entwickelt, und der Erfolg wäre Glück für sie beide gewesen. Mildred, sagte Arnold an einem sternhellen Abend, fragst Du viel nach der Meinung der Welt? O nein, Arnold, ich habe mich nie darum gekümmert, ich bin wie die gute Mama, ihr Haus war ihre Welt. Mir liegt nichts an der Welt, sagte er mit Ungestüm, ich hasse sie sogar, ich habe sie immer öde und rauh gefunden, mein Herz sehnt sich nach der süßen Ruhe und Abgeschiedenheit eines solchen Heims, wie Du es schaffen würdest, Mildred! Jetzt habe ich kein Heim, ein hohler Eisberg könnte nicht kälter und freudloser sein, als der Ort, wo ich mein Leben zubringe. Auch Du hast kein Heim! Nur in flüchtigen Augenblicken können wir miteinander aussprechen, was in unfern Herzen liegt, in beständiger Furcht vor Unterbrechung. Fortgerissen von seinen Gefühlen, von seiner Sehnsucht begann er, dem Mädchen, dessen Kopf vertrauensvoll an seiner Brust ruhte, den Lebensplan auszumalen, den er so verlockend fand. In ihrer Unschuld und Treue verstand sie ihn anfangs kaum, plötzlich aber erhob sie den Kopf, und sah ihn in wildem Erstaunen an. Was? sagte sie zitternd, keine Heirat? Mister Went- worth und Robert Atword sollen nicht zugegen sein? Kein Geistlicher könnte unseren Bund heiliger machen, als er ohnedies für mich wäre, erwiderte er, und sobald die Hartnäckigkeit meiner Eltern — Sie sprang auf und rief leidenschaftlich: Eher wollte ich sterben, als eine Schamröte auf Robert Atwords Miene bringen! Dann sank sie mit einem unüberwindlichen Ausbruch vou Kummer in ihren Stuhl zurück. Er suchte sie zu beruhigen, aber sie war taub und stieß ihn zurück. O, o! seufzte sie. Ist das der einzige Lohn für meine Mildred, bat er, Du wirst mich töten, wenn Du Dich nicht beherrschen kannst! Ich will alles thun, was Du sagst, und bin mit allen Bedingungen einverstanden. Habe Mitleid, oder ich muß sterben! 98 zweiten Jahres kam Mildred von der Pflege emes Kranken zurück und fand die Vorsteherin in Ratlosigkeit. Frau Sheppard, sagte sie, eine der reichsten Damen aus der fünften Avenue, ist hier gewesen, und bietet leben Preis für eine Pflegerin. Ihr Bruder stirbt an der Auszehrung, sagte sie. Sie hat einen Diener, aber der Arzt aqt, er müsse eine gelernte Krankenpflegerin haben, da er beständiger Pflege bedarf, und jeden Augenblick sterben kann. Augenblicklich ist aber keine einzige Pflegerin frei. Sind Sie zu ermüdet, um hinzugehen? O nein, sagte Mildred. Dann werde ich Frau Sheppard sagen lassen, sie möge in einigen Stunden nach Ihnen senden, sodaß Sie noch etwas Zeit haben, sich bereit zu machen. , Zwei Stunden später fuhr Mildred in einer eleganten Kutsche rasch nach einem1 vornehmen Hause in der fünften Avenue und wurde sogleich in das Krankenzimmer gesuhrt. Der Kranke schlief, und die Vorhänge waren herabgezogen. Eine Dame von mittlerem Alter, Frau Sheppard, empfing sie. , .... Ich freue mich,daß Sie gekommen sind, denn ich bui schon ganz ermüdet. In der letzten Nacht war er ruhelos und wollte niemand bei sich dulden, außer mir. Sern Diener ist in dem Zimmer dort jenseits des Flurs und kommt, sobald er gerufen wird. Jetzt, wo mem Bruder schläft, werde ich mich sogleich zur Ruhe legen. Mem Zimmer ist hier neben diesem, rufen Sie mich, wenn es nötig ist, und ängstigen Sie sich nicht, wenn er irre redet. Dieses Zimmer ist das Ihrige. Darauf ging sie mit dem Ausdruck großer Müdigkeit im Gesicht und war bald em- qeschlafen. _ Mildred blieb allein in dem halbdunklen Zimmer zurück und traf ihre Vorbereitungen. Ihre Gedanken waren anfangs traurig, denn sie kehrten immer wieder zu Arnold zurück. Seit dem Abschied vor Jahren hatte fte nichts mehr von ihm gehört, er war tot für fte, doch niemals hatte sie seiner mit Groll gedacht, und auch letzt hatte sie nur Thränen des Mitleids für ihn. Ohne es zu wissen, wurde sie von dem Kranken beobachtet, der kaum zu atmen wagte, aus Furcht, die Erscheinung zu verjagen. Der Kranke war Arnold, ^n ihrer Uebermüdung hatte seine verheiratete Schwester, Frau Sheppard, vergessen, seinen Namen zu nennen, und Mildred war daher der Meinung, der Name ihres Patienten sei Sheppard. Sie war niemals in dem Vm- ton'schen Hause gewesen, und kannte auch fern Aeußeres nicht. Als sie es an dem stürmischen Abend eilig betrat, hatte sie nicht die geringste Ahnung, daß es das Haus sei, in welchem sie und ihre Mutter einst freudig ausgenommen zu werden hofften. Als Arnold erwachte, erblickte er vor sich eine fremde Gestalt, welche er bald als diejenige erkannte, welche niemals aus seiner Erinnerung verschwand. Sie ist tot, dachte er, und dies ist ihr Geist! Oder ist das ein Traumbild? Ist meine Vernunft schon so sehr erschüttert? O, sieh' da, es sind Thränen in ihren Augen, und ihre Lippen bewegen sich, sie spricht mit sich selbst. Großer Goll! Sollte es Wirklichkeit sein? Milli! Mildred Howell! rief er endlich. c , Ach, rief Mildred erschreckend, und blickte ängstlich nach der halbgeschlossenen Thüre zu Frau Sheppards Zimmer. Es war Arnolds Stimme! murmelte sie. Mildred, sind Sie es wirklich, oder ist es em Traum? Sie machte einige Schritte nach dem Bett und bedeckte dann ihr Gesicht mit den Händen. O, sprechen Sie! rief er angstvoll. Mildreds erste Regung war, sogleich zu gehen, dann aber gewannen Mitleid und Pflichtgefühl die Oberhand. Arnold war ein Sterbender, und sie war eine Krankenpflegerin, vielleicht war das eine Fügung Gottes! Mister Vinton, sagte sie mit erregter Stimme, das ist ein seltsames Zusammentreffen, aber es erklärt sich sehr einfach. Ich bin jetzt Krankenpflegerin am Bellevue- Hospital, und auf die Aufforderung Ihrer Frau Schwester erschienen. Es wird indes besser sein, wenn eine andere jetzt meinen Platz einnimmt. O, rief Arnold in heftiger Erregung, wenn es erneu Gott giebt, so hat er Sie jetzt zu mir gesandt; denn ich sterbe an Gewissensbissen. Oft war ich auf dem Punkte, Verlassen Sie mich! sagte sie mit matter Stimme. Niemals! rief er. Endlich gelang es ihr, die Herrschaft über sich selbst wieder zu erlangen. Mister Vinton, sagte sie fest, ich bemitleide Sie! Selbst in diesem Augenblick will ich mich bemühen, gerecht gegen Sie zu sein. Mein Herz ist gebrochen, und doch fürchte ich, Sie werden noch mehr leiden, als ich. Ich würde Sie geheiratet und mit Ihnen in einem Miethanse gewohnt haben, ich hätte Sie mit meinen Händen unterstützt. Die Schwachheit, an der Sie selbst nicht schuld sind, hat mein Herz zu Ihnen gezogen. Aber Sie haben heute einen Mangel in ihrem Charakter gezeigt, welcher uns für immer scheidet. Ein Abgrund liegt zwischen uns! In der Rücksicht auf das Unrecht, das Ihnen andere zugefügt haben, vergebe ich Ihnen! Aber ich sehe, wir haben uns ganz und gar mißverstanden. Verlassen Sie mich für immer! Sprachlos und verzweifelt verließ er das Zimmer. XXXVIII, Licht und Dämmerung. Als Arnold an diesem schrecklichen Abend müde die Treppe hinaufstieg, rief ihn sein Vater in fein Zimmer, wo er mit seiner Frau sich beraten hatte, da es notwendig schien, der Sache ein Ende zu machen. Frau Vinton verlangte strenge Maßregeln. Beim Anblick seines Sohnes rief der alte Herr: Gerechter Gott! Was ist geschehen? Er wird einen von seinen Anfällen haben, sagte die Mutter und klingelte hastig. Mit einem haßerfüllten Blick sagte Arnold zu ferner Mutter: Dein Wunsch ist erfüllt, ich werde Mildred niemals heiraten! Wieso? r , Es ist Min letzten Mal, Mutter, daß ich! nut Du spreche! Ich bin hoffnungslos verloren, und Du bist die Ursache, Dein Werk ist vollbracht! Du hast meine Hoffnungen gemordet! _ , . Die Mutter brach in hysterisches Weinen aus, und der Vater verschloß sich in sein Arbeitszimmer, in welchem er noch stundenlang ruhelos aus- und abging. Am andern Morgen suchte er sich durch ruhiges Zureden mit seinem Sohne zu verständigen, aber der junge Mann war taub und steinern in seiner Verzweiflung. Es ist zu spät! wiederholte er mehrmals. Ach, laß ihn machen, sagte seine Frau ärgerlich, als ihr Mann ihr angstvoll darüber Mitteilung machte, einige Monate lang wird Arnold Tragödie spielen, bis' er allmählich zu Verstände kommt. An diesem Tage verließ Arnold das Elternhaus, in das er erst nach Jahren zurückkehrte. * Zwei Jahre vergingen. Ermüdet durch die Einförmigkeit ihres Lebens sagte Mildred eines Tages zu ihrem Geistlichen: Ich sehne mich nach einem neuen Lebenszweck. Giebt es keinen Beruf für ein Mädchen, das nicht mehr Verstand und Kenntnisse hat, als ich? Ich bin es müde, eine Nähterin zu sein. O ja, erwiderte der Geistliche, machen Sie Robert glücklich! Sie schüttelte den Kopf. Das ist das einzige, was ich nicht thun kann, erwiderte sie traurig. Er verdient die erste starke Liebe eines guten Weibes, und diese wird ihm auch eines Tages beschieden werden. Aber glauben Sie, ich könnte vor Gottes Altar stehen und versprechen, was unmöglich ist? Sie sind ein seltsames Mädchen, Mildred, aber vielleicht haben Sie recht. Nun, ich weiß einen Beruf, welcher vielleicht für Sie paßt. Er erzählte ihr von der Schule für Krankenpfegeriunen. Diesen Vorschlag nahm Mildred mit Freuden an. Sie machte im folgenden Sommer ihrer Freundin Klara Wilson und ihren Geschwistern einen langen Besuch auf dem Lande, und widmete sich dann ihren neuen Pflichten. Ihr Eifer wurde noch durch die Aussicht gesteigert, eine Einnahme zu haben, welche es ihr möglich machen werde, Fred und Minnie eine gute Erziehung zu geben. Das erste Jahr ging still vorüber. Eines Abends während des 99 mir Las Leben zn nehmen, aber immer hielt mich etwas zurück. Vielleicht war es so, weil ich diese Stunde erleben sollte. Mildred, haben Sie Mitleid! Arnold, erwiderte sie sanft, ich glaube, Sie haben recht, Gott hat mich gesandt, und ich werde Sie nicht verlassen. Aber ich muß eine Bedingung stellen, — von der Vergangenheit darf keine Rede sein! Sie ist für immer entschwunden! Vergeben Sie mir, Mildred! bat er. Ich habe Ihnen längst vergeben! Können Sie sich nicht erholen und weiter leben? fragte sie weinend. Nein, erwiderte er mit einem tiefen Seufzer, ich habe auch gar nicht den Wunsch, weiter zu leben. Weiß jemand, wer Sie sind? Nein; ich fürchte, Ihrer Mutter wird es mißfallen. Ich habe seit jenem schrecklichen Abend nie wieder mit ihr gesprochen, aber ich werde es meiner Schwester sagen; sie ist nicht wie meine Mutter und hat ein gutes Herz. Als Frau Sheppard in der Dämmerungsstunde wieder eintrat, fand sie ihren Bruder schlafend, während Mildred seine Hand hielt. Ihren etwas erstaunten Blicken begegnete Mildred unbefangen. Wenn Ihr Bruder erwacht, sagte sie ruhig, so hat er Ihnen etwas mitzuteilen. Ich bin Mildred Howell. --- Die Dame sank in einen Stuhl und blickte sie ernsthaft an. Lange habe ich gewünscht, Sie zu sehen, begann sie. Arnold hat mir alles gesagt. In meiner Uebermüdung habe ich gestern ganz vergessen, Ihnen seinen Namen zu sagen und nach dem Ihrigen zu fragen. Wußten Sie, wohin Sie gingen? Ich hatte keine Ahnung davon, bis er erwachte und mich dann erkannte. War er sehr erregt? Ja, anfangs. Ich glaube, Gott hat Sie gesandt, Miß Howell! Das sagte er aüch. Sie werden ihn nicht verlassen, bis — bis — es kann nicht mehr lange dauern. Das hängt von Ihnen ab, Frau Sheppard! Ich be- daure ihn sehr! Thränen füllten ihre Augen. Fortsetzung folgt. Brunos erster Ball. Humoreske von Richard Pappritz. Nachdruck verboten. „Hurra, ich darf doch hinfahren". Mit diesen Worten betritt Bruno Berger die Unterprima des Gymnasiums. Seit Wochen, ja seit Monaten war in der Familie der verwitweten Amtsrätin Berger und in Brunos Freundeskreise von nichts anderem die Rede, als davon, ob Bruno „hin" fahren dürfe. Dieses „hin" war ein landwirtschast- licher Ball in der Nähe von X. Bruno brannte daraus, sich dort im Kreise seiner Gespielen und Gespielinnen, der Freunde und Bekannten seiner Eltern, die ihn alle nur in Pumphöschen kannten, als erwachsenen jungen Mann in Frack, Lackstiefeln und weißen Glacees zu zeigen. Die Erlaubnis, den Ball zu besuchen, wurde von der Weihnachts- Zensur abhängig gemacht. Diese war nicht glänzend, int Lateinischen, Deutschen und Mathematik: Noch mcht genügend. Die Aussichten sanken unter Null. Aber als Bruno unter dem brensienden Weihnachtsbaum wirklich sehr hübsch ein Geigensolo ausführte, als er feierlich gelobte, von nun an ernstlich zu arbeiten, seine Horazoden aufs genaueste zu lernen, nur noch Samstags Skat zu spielen, sein Stammlokal nur ganz selten, beinahe me zu besuchen, da wurde das Herz der gütigen Frau Amalre Berger gerührt, und die Lösung der wichtigen Frage „Ball wurde verschoben. Jetzt hatte Bruno mit glanzender Majorität auf der gesamten Linie gesiegt, er durfte fahren. „Nun leb wohl, mein guter Junge. Nimm Dich recht in acht, daß Du Dich nicht erkältest, und fahre zweiter Klasse, hörst Du. Geld hast Du genug". — — Lautes Trampeln auf der Treppe des eleganten Hauses. Heftiges Reißen an der Klingel. „Morgen, morgen, Bruno; famos, daß Du noch da bist. Wir bringen Dich an die Bahn". „Ein Billet zweiter nach Gandersberg" will Bruno eben sagen, da fällt ihm Max Ring ins Wort: „Was, Mensch, Du wirst doch nicht zweiter Klasse fahren, na so ein Stumpfsinn. Ich bin noch nie in meinem Leben zweiter gefahren. Das Geld würde ich sparen, oder noch lieber verkneipen". „Ja, Bruno, das ist wahr", fährt Heinz SBerg» mann fort, „Du könntest uns eine Lage schmeißen, wir sind Deinetwegen nach den Bahnhof gekommen". „Gut, also ein Retourbillet dritter „Gandersberg". „Kellner, vier Töpfe Bier!" „Na, Prost Bruno, daß Du Dich gut amüsierst. Sage mal, sind denn in dem Nest eigentlich schneidige Mädels", fragte der Urberliner Max. „Na, und ob. Ich sage Dir, reizende Käfer". „Du, Bruno, Du erlaubst wohl, daß ich mir eine „Jauersche" bestelle", fragte Heinz, der stets einen beneidenswerten Appetit hatte. „Na, ich bin blos froh, daß ich da nicht hin muß", fährt er dann fort. „So ein Stumpfsinn. Sich die halbe Nacht um die Ohren schlagen". „Das glaub ist schon",/versetzte Bruno, „die Geschmäcker sind eben verschieden. Für mich giebt es kein schöneres Vergnügen als tanzen. Ohne mich rühmen zu wollen, Walzer tanze ich fein, und auch am liebsten". „Na, na, wenn's nur wirklich so weit her ist". „Na mehr wie Du, Heinz, von Geschichte, verstehe ich sicher vom Walzer". „Der Witz ist aber faul. Für den wirst Du Dich stärken". Eben hatte Bruno ein Glas Bier erhalten, da ertönt der durchdringende Ruf des Portiers „Einsteigen in der Richtung nach . . . Gandersberg . . ." Verständigerweise will Bruno sein Bier im Stich lassen, aber da hat er nicht mit seinen Kommilitonen gerechnet. Ein allgemeiner Entrüstungssturm erhebt sich: „Was Bier stehen lassen, na so 'ne Schlappheit, Du, das nächste Mal bestell' Dir doch Limonade, oder Zuckerwasser ist noch besser". Für einen deutschen jungen Mann im Alter von 17 bis 21 Jahren gilt nichts für eine so große Schande, als zuzugestehen: ich kann nicht mehr trinken, das Bier schmeckt mir nicht mehr, ich habe keinen Durst mehr. Daran dachte Bruno. Mit Todesverachtung, mit geschlossenen Augen und gezücktem Speer drängt er daher auf seinen Feind ein, und vernichtet, wenn auch „stark blutend", zwei Drittel desselben. In nervöser Hast eilt er aus den Bahnsteig, gefolgt von dem treuen Max, der den Handkoffer trägt. Heinz verzehrt unterdessen in Seelenruhe den Rest seiner Jauerschen. Glücklich findet Bruno noch einen Platz in einem überfüllten Rauchkoupee dritter Klasse. Als er aus einem unruhigen Halbschlummer erwacht, fährt der Zug in die Bahnhofshalle von X. Unser Held fühlt sich elend, zum Sterben elend. Wenn ich etwas genieße, wird mir besser, denkt er und steigt aus. Wohl erquickt ihn ein köstliches Butterbrot und einige rotwangige Aepfel, aber in seiner Zerstreutheit hat er sich sein Koupee nicht gemerkt. Wie soll er dasselbe finden? In zwei, drei hat er vergeblich nachgesehen, verzweiflungsvoll steigt er in einen Wagen vierter Klasse ein, um eventuell ohne Handkoffer und Ballanzug zum Ball zu fahren, da ertönt in nächster Nähe eine tiefe Baßstimme: „Sie, junger Mann, Sie haben ja Ihren Koffer hier noch stehen". Wie den Seeleuten des Kolumbus die Worte „Land, Land", wie den Soldaten Xenophons der Ruf Thalatta, Thalatta, so köstlich dünkten unserm Bruno die Worte des biederen Spießbürgers. Ohne Unfall erreicht er Gandersberg. Schleunigst wird nun Toilette gemacht. Der Frack, ein Weihnachtsgeschenk der guten Mutter, sitzt tadellos, der Scheitel bildet eine schnurgerade Linie. Voll frohen Selbstbewußtseins betritt Bruno den Saal. „Ach, das ist ja sehr nett von Ihnen, Herr Berger, daß Sie gekommen sind. Ich bitte Sie, sich für den heutigen Abend als meinen Gast zu betrachten". Mit diesen Worten empfing ihn der Landrat Bunhardt. Bruno strahlt. Die Musik spielt den prickelnden Walzer von Strauß: So voll Freudigkeit, Giebt es weit und breit, Keine Stadt, wie die Kaiserstadt, wie das lustige Wien. Bruno tanzt unaufhörlich. Er walzt wirklich nicht schlecht, der junge Mann, noch ein wenig schülermäßig, aber sicher und nach dem Takt. Dabei trinkt er tüchtig. Die köstlich süße Ananasbowle, der schäumende Sekt, das ist doch etwas anderes, als das fade Bier. Plötzlich fühlt er eine gewisse Müdigkeit in den Kniekehlen, eine Art Schwindel. Ach was, ein Mann darf sich durch so was nicht beeinflussen lassen. Die Zähne aufeinander gebissen, ein Glas Sekt zur Stärkung, und es wird weiter gewalzt. Richtig, es geht brillant. Aber plötzlich kommt der Anfall wieder; Bruno unterhält sich gerade mit Lotte Bermath. Man will eben von dem interessanten Thema „Gas" auf das Thema „Fußboden" übergehen, da bricht Bruno plötzlich ab. Mühsam schleppt er sich auf einen Stuhl. Alles dreht sich vor seinen Augen: der Saal, die Menschen, die Möbel. Er hat das Gefühl, ein Pfropfenzieher arbeite in seinem Innern, zugleich legt sich eine schwere, eiserne Hand an seine Kehle. Er kann kein Glied mehr rühren, keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nur das empfindet er mit Bestimmtheit, daß etwas Schreckliches, unsagbar Furchtbares herannaht. Da, in der höchsten Not kommt Rettung. Frau Landrat Bunhardt hat den Armen erspäht, und mit dem feinen Takt, wie er gebildeten Frauen eigen ist, kommt sie ihm zu Hilfe. „Wer lieber Herr Berger, Sie sehen ja ungemein blaß aus. Sie sind gewiß von der Reise ein wenig angegriffen. Wenn ich Ihnen einen Vorschlag machen darf, legen Sie sich einen Augenblick, nur einen kleinen Augenblick hin, und tanzen Sie dann mit frischen Kräften weiter". Mechanisch nimmt Bruno den Arm der gütigen Frau. Mechanisch folgt er ihr. Was dann geschah, hätte er nicht sagen können. Als er nach einigen Stunden aus einem wohlthätigen Schlaf erwacht, ist es einhalb vier Uhr morgens. Bruno liegt auf einem bequemen Sopha, auf dem Tisch daneben steht eine geöffnete Flasche Selterswasser und eine Flasche Eau de Cologne. Musik vernimmt er nicht mehr, dagegen tönt ein dumpfes Grollen, wie das Brausen des Bieres an sein Ohr. Die Gesellschaft ist eben im Begriff aufzubrechen. So endete Brunos erster Ball. Die Kunst des Plauderns. Nachdruck verboten. Das leichte, anmutige Plaudern ist eine Kunst, welche in der Gesellschaft hoch geschätzt wird. Jeder, der nicht von der gütigen Mutter Natur diese Gabe empfangen, sollte daher bestrebt sein, sich dieselbe, wenn auch in bescheidenem Maße anzueignen. In gefälliger Weise zu plaudern, verlangt nicht nur Kenntnisse und Taktgefühl, sondern vor allen Dingen Sicherheit in den Formen des guten Tones. Das Plaudern ist weder eine gelehrte Rede, nvch Schwatzhaftigkeit, noch leeres, oberflächliches Gespräch. Echte Plauderei weiß dem unscheinbarsten Thema Reiz zu verleihen. Sie erschöpft kein Thema vollständig, sondern springt in leichter graziöser Weise von einem Gegenstand zürn andern über. Aus einer leicht hingeworfenen Bemerkung greift sie eine Idee heraus und spinnt daran den Faden der Unterhaltung geschickt weiter. Echte Plauderei ist verständig, harmlos geistreich und immer anziehend. Wer die Kunst des Plauderns versteht, der wird nie a II e in die Unterhaltung führen wollen und nur seinen Geist und Witz leuchten lassen, sondern unbemerkt alle Anwesenden! anregen und mit in die Plauderei hineinzieheu. Das ist echtes Plaudern! E. Friedel. GeMeinnAtziges. Durch Schaden wird man klug! Sellerie, Mohrrüben und ähnliche saftige Wurzelgemüse zeigen zum Schaden und Aerger derer, die sie überwintert haben, gerade jetzt häufig Fäulnisflecke, und sind zum Genüsse oder Verkauf unbrauchbar geworden. Es braucht dies nicht nur an einem ungesunden, feuchten Aufbewahrungsraum zu liegen, wenn auch -ein trockener, luftiger, gleichmäßig kühler und Heller Raum natürlich dringend erforderlich ist. Aber mit Recht erinnert der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau daran, wie verbreitet die Unsitte ist, solchem Wurzel-Gemüse vor dem Winter-Einschlag den Blätterschopf und die Krone der Wurzel abzuschneiden, und damit die Wachstumsfähigkeit der Gemüse, das beste Schutzmittel gegen Fäulnis, zu vernichten! Solche Gemüse müssen mit Blättern und Wurzeln in die Winter-Aufbewahrungsräume gebracht werden. KefundheiLspffege. Airgenpflege. Zar Erhaltung der Augen, dieses edlen Organs, sind folgende Vorsichtsmaßregeln zu beachten: 1. Man verrichte keine feinen Arbeiten bei zu schwachem Lichte, während der Dämmerung oder gar im Mondschein. Ebenso vermeide man zu starkes Licht und bringe z. B. die Lampe dem Auge nicht zu nahe. 2. Beim Lesen, Schreiben re. sollte das Auge stets ungefähr 30 Centimeter weit vom Arbeitsgegenstand entfernt sein. Die Platte eines Schreibtisches sei nicht wagrecht, sondern am besten geneigt (pultartig). 3. Wenn möglich, nehme man bei feineren Arbeiten, wie auch beim Schreiben, eine solche Stellung ein, daß das Licht von der linken Seite her auf den Gegenstand, also der Schatten der Hand nach der rechten Seite hinfällt. 4. Da zu starkes Licht immer schädlich für das Auge ist, lasse man Kinder nicht in die Sonne oder das Lampenlicht starren. Das Sonnenlicht falle auch nicht auf die Arbeit, mit welcher man sich beschäftigt. Rascher Wechsel von Helle und Dunkelheit $ dem Auge ebenfalls nicht zuträglich. 5. Das Licht sei ruhig, nicht flackernd. Lesen beim Gehen und Fahren ist zu anstrengend für die Augen, ebenso längeres Lesen allzu feinen Druckes. 6. Das Auge bedarf der Ruhe wie andere Organe des Körpers. Beginnen z. B. beim Lesen die Augen zu schmerzen, so lasse man sie ausruhen und setze erst nach einer Pause die Lektüre fort. 7. Zu vermeiden ist fortgesetztes Hinausschauen aus dem Fenster der Eisenbahnen ; das zu rasche Vorbeifliegen der Gegenstände schädigt die Sehkraft. 8. Beim Fahren ist es für das Gehirn sowohl als für das Auge zuträglich, wenn das Gesicht der Gegend zugerichtet ist, nach welcher hin sich der Wagen bewegt. Das Auge soll sich dem Gegenstände nähern, welchen es vor sich sieht, nicht sich von demselben entfernen. Das ist auch beachtenswert bei Kindern, welche im Wagen gefahren werden. Vermischtes. Die Alkoholprovnktior» in England und Amerika. 152V« Millionen Pfand Sterling hat im verflossenen Jahre das englische Volk für Spirituosen ansgegeben. Die Temperenzler finden die Ziffer ans moralischen und hygienischen Gründen erschreckend. Die sozialistischen Blätter auch, aber aus einem anderen Grunde: Sie sagen, in keiner Industrie würden so schlechte Löhne bezahlt wie in der der Erzeugung alkoholischer Getränke, und die Ziffer wäre deshalb so erschreckend, weil auf die arbeitenden Klassen, die nicht nur durch ihre Arbeit jene Summe schassten, sondern anch als Konsumenten sie auf diese Höhe brächten, noch nicht ein Viertel davon als Gewinnanteil entfiele, die Brauer und Destillateure aber mehr als drei Viertel in ihre Taschen steckten. In den Vereinigten Staaten hat die letzte Zählnng 1924 Etablissements für die Produktion aller Arten spiritnoser Getränke ergeben, die ein Gesaintkapita! von 269 270 249 Dollars darstcllten und einen Ertrag von 28 977 639 Dollars hatten. Da das zur Fabrikation verwendete Material nur 80 230 532 Dollars kostete und an Löhnen für 41425 in dieser Industrie beschäftigte Persouen 31 678 166 Dollars gezahlt wurden, so haben die 1924 Betriebe einen Gewinn von 177 866 941 Dollars gehabt. Durchschnittlich kommt hier auf den Angestellten ein Jahresverdicnst von 765 Dollars. Charave. Nachdruck verboten. „Wie schön und herrlich!" so wird oft das Erste Durch Dichters Lied gepriesen und besungen. Und wenn bei Sturmestoben endlich naht das zweite, Ist froh der Ruf: „Dem Himmel Dank!" erklungen. Sobald sich mit einander Eins und Zwei verbinden, Wirst du im schönen Süden als Stadt das Ganze finden. P. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Tauschrätsels in voriger Nummer: Mund — Ilias — Leid — Leder — Oder — Eber — Celle — Korn — Elster — Riese; Millöker. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniversttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.