1900. m !]•- älW jWÄeM1 fenn am besten, glaube ich, leben diejenigen, die am meisten fich's angelegen sein lasten, immer besser zu werden, und niemand lebt angenehmer, als die, welche lebhaft fühlen, daß fie besser werden. Sokrates. (Nachdruck verboten.) Die Irre von Sanft Rochus. Kriminalroman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Als Konstanze den jungen Arzt eintreten sah, schlug sie diie kleinen weißen Hände vors Gesicht. Mit dumpfer Gleichgiltigkeit hatte sie vorher die anderen Doktoren empfangen; sie wußten ja bereits, daß sie es mit einer Mörderin zu thun hatten; seit ihrer Verhaftung war Konstanz« es gewohnt, dafür gehalten zu werden. Aber daß sie diesen Mann, welcher ihr das tiefe Leid aus dem Gesicht abgelesen und, wie sie wohl bemerkt, ihr eine warme Teilnahme geschenkt hatte, nun an diesem Orte wieder treffen mußte, erschien ihr wie das Walten eines höhnischen Schicksals, und sie kam sich wie eine Entlarvte vor. Doktor Gerths freundlicher Zuspruch, das feine Taktgefühl, welches er dabei bekundete, indem er nichts sagte, was auf den Ort und die Verhältnisse, unter denen er sie wiederfand, Bezug haben konnte, schienen ihr wohl- zuthun. Aber ihre Hand, die er tröstend ergreifen wollte, verweigerte sie ihm. „In den Augen der Welt ist diese Hand mit Blut befleckt", sagte Konstanze. Sie sank auf den Stuhl und verbarg wieder ihr Gesicht, wie sie es bei Gerths Eintritt gethan. Trockenen Auges hatte sie vor ihren Richtern gestanden, denn es giebt einen Schmerz, welcher das Gefühl betäubt und das Herz erstarren macht. Was sie aber jetzt empfand, brach sich in einem stillen Thränenstrome Bahn. „Ich sehe nicht mit den Augen der Welt", entgegnete Gerth. „Sagen Sie mir, daß Sie das Opfer einer Verkettung unglückseliger Umstände sind, und ich glaube Ihnen." „Sie glauben an meine Unzurechnungsfähigkeit und entschuldigen mich damit", schluchzte das Mädchen. „Nein, ich glaube, daß Sie die That überhaupt nicht begangen haben. Und wenn Sie mir die Hand reichest, die Sie mir vorhin versagten, so ist mir das genug. Einer anderen Antwort bedarf ich nicht!" Die im Tone ehrlicher, männlicher Ueberzeugung gesprochenen Worte machten auf Konstanze einen tiefen Eidruck. Sie sah auf und blickte ihn mit ihren großen dunklen Augen forschend an. Dann streckte sie ihm die Rechte entgegen. Der Arzt ergriff diese so schwer verdächtigt« Hand umd drückte sie leise und zart; ja, er that noch mehr, er neigte sein Haupt und führte sie an seine Lippen. Und auch das ließ sie willig geschehen. „Dank! Dank!" flüsterte sie kaum hörbar und unter Thränen lächelnd, und in diesem Lächeln lag die verklärte Glückseligkeit eines Kindes. „Giebt es keine Hoffnung, daß Ihre Schuldlosigkeit an den Tag kommen könnte?" frug er. „Keine! Ich bin gerichtet, und diese Mauern sind mein Gefängnis, welches sich mir niemals wieder öffnen wird." „Regt sich in Ihnen kein .Verdacht auf irgend eine Person?" frug Gerth weiter. „Um einen Raubmord hat es sich nicht gehandelt. Wer konnte ein Interesse daran haben, das Leben eines so harmlosen Mannes wie Professor Georgi zu verkürzen?" Konstanze schwieg eine Weile. Sie schien mit sich zu kämpfen, ob sie diese Frage beantworten solle oder nicht. „Ich fürchte, es giebt eine solche Pexson", sagte sie endlich. „Und warum nannten Sie diese nicht?" „Weil ich darüber schweigen muß." „Man zwingt Sie zu diesem Schweigen?" „Nein, ich erlege es mir selbst auf." „Sie kennen also den Mörder", begann Gerth nach einer kurzen Pause wieder, „und wollen lieber Ihr Leben an diesem traurigen Ort verbringen, hier Ihre Jugend vergraben, als ihn nennen?" „Nein, ich kenne den Mörder nicht", antwortete das Mädchen. „Es wäre allerdings ein seltsamer Zufall, wenn der Mord »unabhängig von jener Person geschehen wäre; wer aber die That vollbrachte, darüber habe ich nicht die leiseste Vermutung." Die Aerzte der Anstalt durften nicht länger bei den einzelnen Kranken verweilen, als unbedingt nötig war. Gerths Zeit war um. Niemand durfte merken oder auch nur ahnen, daß ihm die Bewohnerin dieser Zelle etwas anderes als eine schwere Epileptikerin sei. „Möge Ihnen der Gedanke einigen Trost bringen", sagte er beim Gehen, „daß Sie in mir einen Freund besitzen, einen zuverlässigen, mitfühlenden Freund, der Ihnen Ihre Lage zu erleichtern suchen wird, so viel in seinen Kräften steht. Bei der eisernen Hausordnung, die hier herrscht, werden diese Dienste leider nur sehr gering fein können." Als er draußen stand, stieß er einen tiefen Seufzer aus. Im Leben dieser Unglücklichen iga6 es irgend ein Geheimnis, welches sie fest in ihrer Brust verschloß. Sie stand unter einem Banne, von welchem sie selbst sich nicht befreien konnte. Ward vielleicht mit der Ergründung jenes 338 Geheimnisses der Bann gelöst? Der junge Arzt sah sich vor einem toten Punkte angelangst über welchen hinauszukommen es nur ein einziges Mittel gab: die Entdeckung des Mörders. Doktor Gerth hatte sich in auskömmlichen, aber immerhin knappen Verhältnissen bewegt. Seine Mittel waren zur Vollendung seiner Studien ausreichend gewesen; dann aber wurde eine feste Anstellung zu einer Lebensfrage, und als diese durch seine Berufung nach Sankt Rochus ihre bescheidene Lösung gefunden, machte er sich mit dem Gedanken vertraust daß alle ehrgeizigen Pläne hier wohl auf lange Zeit begraben sein würden. Seinem Bruder würde er nie ein Opfer zugemutet haben, der Tod desselben hatte außerhalb jeder Berechnung gelegen. Nun war das! Unerwartete dennoch eingetreten, und die Erbschaft, welche srch Gerth in die Hand gespielt sah, hätte ihm gestattet, seinen Lieblingstraum zu verwirklichen: auf Reisen zu gehen Und sich überall in der Welt umzusehen, wo es Gelegenheit gab, sich in seiner Wissenschaft, der er mit ganzer Seele ergeben war, zu vervollkommnen. Der Reiz dieses Traumes war vor Konstanze Herbronn verblaßt. Durch nichts wäre er mehr zu bewegen gewesen. Sankt Rochus zu verlassen. Es war ihm die Welt geworden, die ganze, weite Welt. Der fortgesetzte Verkehr mit dem jungen Mädchen, der durch seine Amtspflichten begünstigt wurde, befestigte seine innere Ueberzeugung von ihrer Schuldlosigkeit mit jedem Tage mehr; ihr tragisches Geschick, der still duldende Heroismus, mit dem sie es trug, und ihre reine Schönheit, die für ihn durch kein Vorurteil, durch kernen Schatten getrübt wurde, übten einen Zauber auf ihn, dem er sich nicht zu entziehen vermochte. Die Ordnung seiner Erbschaftsangelegenheiten führte rhn wreder auf mehrere Tage nach der Provinzialhauptstadt. Er hatte kaum die nächsten Formalitäten erledigst als er srch auf den Weg zu dem Rechtsanwalt machte, welcher Konstanzes Verteidigung geführt hatte. Während er durch die Straßen ging, traf sein Auge plotzlrch auf den Namen derjenigen, welche seine Gedanken eben lebhaft beschäftigte: „Konstanze Herbronn vor dem Schwurgericht. Stenographischer Bericht über den Mord- prozeß Georgi", las er auf dem Titelblatt einer Broschüre, welche »m Fenster eines tteinen Buchhändlerladens zwi- ichen Traum- und Komplimentierbüchern, Blumensprachen, Briefstellern für Liebende, Koch- und Jndianerbüchern ausgestellt war. Auch das Porträt der Angeklagten befand sich auf dem Titelblatt, ein grober Holzschnitt mit Punkten und Strichen am unrechten Orte, wodurch die Gesichtszüge bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurden. Um den Prozeß in seinem vollen Zusammenhänge kennen zu.lernen und der ganzen Verhandlung Wort für Wort zu folgen, kaufte Gerth die Broschüre, und da sich rn der Nahe des Buchhändlerladens eine Anlage mit schattigen Bäumen und Bänken darunter befand, so ließ er sich dort nieder und versenkte sich in die düstere Lektüre, bis er Arese zu Eüde gelesen hatte. Er erhob sich mit der traurigen Ueberzeugung, daß Verteidiger ihm weder etwas neues, noch etwas tröstliches würde sagen können, und zögernden Schrittes nur setzte er seinen Weg fort. Immer langsamer wurde fein Gang, immer nachdenklicher seine Miene. Von toet= djer Seite er den Prozeß auch betrachten mochte, überall war uhm hier die Welt mit Akten und Protokollen und mit beschworenen Zeugenaussagen vernagelt. Um Bresche in diese zu legen, hätte es eines Mediums bedurft, welches seine ganze Persönlichkeit für diese Sache einsetzte, welches scharfen Spürsinn mit durchdringender Menschen? kzuntnis vereinigte und mit den Waffen der List und Schlauheit Wege zu finden wußte, die dem Coder mit seinen geschriebenen Paragraphen verschlossen sind. Bei diesem Gedanken hielt er unwillkürlich, seine Schritte an. Wiederholt hatte er in den Zeitungen von einem Detektive, namens Allram, gelesen, welcher in der lleberlistung schwer erreichbarer Verbrecher wahre Meisterstücke geleistet hatte. Wer das zuwege brachte, der wäre wohl auch cher Mann gewesen, den wahren Urheber eines Mordes zu entdecken, welcher auf den Schultern eines jilngen, zarten Mädchens lastete. Gerthe änderte nun die Richtung feines Weges und begab sich in ein größeres Restaurant, wo er sich das Einwohner-Adreßbuch geben ließ und die Wohnung des Detektivs bald ausfindig ae- macht hatte. Herr Titus Allram war in früheren Jahren geheimer Kriminalkommissar gewesen. Man hatte den äußerst gewandten Mann in den Dienst der politischen Polizei stelleu und nach der Reichshauptstadt versetzen wollen. Aber der Eifer, mit welchem er dem Staate diente, erstreckte sich nur auf Verbrecher, die sich gegen Leben oder Eigentum vergangen hatten; in politischen Dingen war er sehr liberal, und daher hatte er die ihm zugedachte Auszeichnung abge- lehntund es vorgezogen, seine Entlassung aus dem Staatsdienste zu nehmen und sich in der Provinzialhauptstadt als Privatdetektiv zu etablieren, was bei seinem wohlbegründeten Rufe jedenfalls einträglicher war, als eine Beamtenbesoldung. Als Schrecken der Verbrecherwelt war er nie seiner Haut sicher und schon einigemale nur mit knapper Not der Rache entlassener Sträflinge entronnen, welche er seinerzeit hinter Schloß und Riegel gebracht. Daher hatte ey auch seine Wohnung in einer der belebtesten Straßen und rn einem Haufe gewählt, wo zu allen Tageszeiten viele Leute ein- und ausgingen, und einem revanchelüsternen Mordgesellen so leicht keine Gelegenheit geboten war, unbemerkt zu kommen und zu gehen. Im Parterre lagen die Lokalitäten eines vielbesuchten Wiener Cafees; in der Hausflur hatte ein Gräupler seinen Verkaufsstand errichtet; eine Treppe hoch befand sich ein Tag und Nacht wohl- bewachtes Bankgeschäft, und diesem gegenüber in demselben Stockwerk war der Eingang zu Herrn Titus Allrams bescheidener Wohnung. Er war in geheimen Missionen dreifach äuf Reisen, häufig sogar im fernen Auslande, und Doktor Gerth konnte daher von Glück sagen, daß er ihn zu Hause traf. Die äußere Erscheinung des Dcktek- trvs, der im Anfang der Vierzig stehen mochte, war eine zremlrch alltägliche, fast harmlose. Er hatte die gewöhnliche Mittelgröße; das glatt rasierte Gesicht erinnerte an einen Schauspieler, der er wohl auch zuweilen sein mochte; rn dem Blicke seiner wasserblauen Augen lag eher etwas! von Gutmütigkeit als von jener durchbohrenden Schärfe, die den Menschen bis ins Herz sieht und für ein böses Gewrssen sogleich eine Warnung ist, auf seiner Hut zu fern. (Fortsetzung folgt.) Das geheimnisvolle Modell. Von Paul Junka. Autorisierte freie Uebersetzung von A. Friedheim. „ . , . „ „ Nachdruck verboten. „Erna . . . mrch durstet!" Das junge Mädchen, dem diese klagende Bitte galt, legte die Stickerei, mit der sie am Fenster gesessen, aus der Hand, stand auf und sagte: „Ich werde Dir Deinen Thee geben, Großmütterchen." Aber die Rekonvaleszentin hob abwehrend die magere Hand, indem sie meinte: „Oh! Thee! den habe ich so lange getrunken, weißt Du, was ich möchte, Erna?" Das junge Mädchen schob! lächelnd der alten Frau eine Strähne des silberglänzenden Haares unter das Häubchen und antwortete: „Nun was denn, Großmütterchen . . . wenn's niM «direkt gegen die Verordnüng des Arztes verstößt, sollst Du Deinen Willen haben, was ist's denn?" „Champagner ist es! Und weißt Du, Hunger habe rch! auch, und wenn Du mir morgen ein junges Hühnchen bereiten willst, dann esse ich. es ganz und gar auf, und dänn kann ich. auch bald das Bett verlassen. . . aber Ehämpagner mußt Du mir bringen. . . weißt Du, wie während der Krankheit, das war immer so schön kühl, ich erinnere mich, noch daran." „Ja, aber" . . . stotterte Erna. Sie war im Begriff gewesen zu sagen, „Champagner ist teuer", doch! als sie das abgemagerte, liebe Gesicht in den Kissen sah, da schloß sie mit den Worten. . . „Aber ich habe keinen mehr im Haus!" Und wie ein Kind, das nach einer bestimmten Sache verlangt, antwortete die alte Frau: „Oh, dann besorgst Du mir morgen aUes zusammen." Erna küßte die Leidende 339 zärtlich! und sagte leise: „Ja, ja, Großmütterchen . . . morgen." So einfach das Versprechen schien, so schwer war doch das Gewünschte zu beschaffen, denn es fehlte Erna am notwendigsten... am Geld. Die Krankheit der Großmutter hatte die letzten Hilfs- Mittel aufgezehrt, und Erna, die nach dem vollständigen Ruin der Eltern und nach dem Tode derselben zu der Großmutter gekommen, hatte sich redlich bemüht, mit für den Unterhalt zu sorgen . . . Doch was ist mit vereinzelten Nachhilfestunden zu verdienen? was bringt das Ueber- malen von Photogrammen, oder Handarbeiten ein?! Und nun kam gar der Sommer herbei- wo die Stickereigeschäfte kaum für altbewährte Kräfte zu thun haben. Und als Erna am nächsten Tage ihre Arbeit ablieferte, da kam es, wie sie befürchtet: die Kassiererin teilte ihr beim Auszahlen des Geldes mit, daß bis zum Herbst keine Arbeit außer dem Haus zu vergeben sei. Ratlos was nun beginnen, mit dem Gedanken an die Großmutter, die kaum dem Tode entronnen und sorgsamster Pflege bedurfte, ging Erna heim . . .5 Mark, die sie soeben erhalten, das war ihr ganzes Besitztum. . . und wenn die verausgabt. . . was dann? Sie war so in Gedanken versunken, daß sie ohne Gruß bei der Zeitungsverkäuferin an ihrem Nachbarhaus vorüber ging und erschreckt zusammenfuhr, als die gutmütige Frau sie anrief: „Nun, Fräulein Erna, wollen Sie denn heut garnicht die Anzeigen durchsehen? . . . Vielleicht findet sich doch wieder etwas für Sie?" Halb mechanisch, um nicht unfreundlich zu sein, griff das junge Mädchen nach- der dargebotenen Zeitung, und plötzlich tanzten ihr die Buchstaben vor den Augen. Da stand in großen Lettern: „Bedeutender Bildhauer verlangt junges „Mädchen — nicht Modell von Beruf — „zur Studie für Kopf. Sitzung von zwei „Stunden 10 Mark, wahrscheinlich für „den ganzen Sommer. Vorstellung im „Atelier von Robert Nantil, Parkstraße 25. Zahn Mark für die Sitzung! . . . und für den ganzen Sommer! . . . Wenn sie sich meldete? . . . Dann wäre sie für lange alle Sorge los, könnte ihre Kranke mit dem Besten vom Besten pflegen. . . . And dann lehnte sich- alles in dem jungen Mädchen dagegen auf: Sie ein Modell! Nein, das konnte sie nicht! Aber die Not zu Haus. Durfte sie sich von dem Begriff der nun einmal dem Wort beigelegt wurde, bestimmen lassen... es handelt sich ja nur um den Kopf? Wenin sie reich wäre und sich malen lassen wollte, müßte sie doch auch dem Maler sitzen? ; Mut, Erna, Mut! redete das junge Mädchen sich selbst zu, und während sie im Geist den enttäuschten Blick der Großmutter sah, wenn sie mit leeren Händen heimkam, wandte Erna mit klopfendem Herzen der eigenen Wohnung den Rücken und schlug den Weg nach der Parkstraße ein. Der Bildhauer Robert Nantil ging in seinem Atelier aus und ab, und die zusammengezogenen Augenbrauen und der Ausdruck des Gesichtes ließen darauf schließen, daß er gerade nicht in rosigster Stimmung. Benoit, der alte Diener, der schon bei den Eltern Robert Nantils Faktotum gewesen war, sah denn auch besorgt auf seinen jungen Herrn, und endlich! hatte er den Moment abgepaßt, um ein: „Der junge Herr scheinen verstimmt?" zu wagen, während er sichl scheinbar sehr eifrig mit dem Abstauben einer Statuette zu schaffen machte. ,„Verstimmt? . . . Wütend bin ich, Benoit , . .!" Und Benoit bückte sich und nahm die kaum angerauchte Zigarette auf, die sein junger Herr zu Boden geschleudert hatte; dann meinte er mit großer Seelenruhe: „Hat denn die Anzeige nicht den gewünschten Erfolg gehabt?" Der Bildhauer zuckte ungeduldig die Schultern, aber es.schien doch, als wenn er nur die Gelegenheit erwartet, um sich auszuspr^chen, denn er sprudelte auch gleich darauf heraus: „Oh! die Anzeige! . . . genug sind gekommen seit 8 Tagen. . . Brünette, Blondinen und Rothaarige! . . . Wer von dem was ich suche, keine Spur! . . . Freilich, ideale Reinheit giebt's nicht mehr! so etwas, wie ich für meine Statue der „Aufrichtigkeit" brauche, das findet man nicht auf den Straßen der Großstadt. . . Wenn ich nur wüßte, wo ich sie suchen sollte! . . . Mein Wunsch ist unerfüllbar! ... Oh! Augen, die einen klar und freimütig an seh en . . . ein Läch!eln, das von . . ." Ein schwaches Anschlägen der Glocke ließ Robert Nantil mitten im Satz abbrechen, und der alte Benoit schritt mit dem Federwedel zur Thür und meinte im Hinausgehen: „Na! Vielleicht kommt da das vielgesuchte Modell! Auf jeden Fall immer Geduld! Sie werden schon finden, was Sie suchen! In der Großstadt giebt's alles, selbst Aufrichtigkeit !" Mit den Worten, die großen Optimismus oder eine bedeutende Philosophie verrieten, schloß sich die Thür hinter dem Diener, und der junge Künstler blieb allein. Aber nicht für lange, denn gleich darauf erschien Benoit und führte ein schlankes, junges Mädchen herein, das trotz der sehr bescheidenen Toilette doch einen entschieden aristokratischen Eindruck machte, und einen Schleier dicht vor dem Gesicht über dem Matrosenhütchen befestigt hatte. „Ich komme. . ." fing die Fremde mit unsicherer Stimme an. . . „Infolge meiner Anzeige?" sagte Robert Nantil höflich. . . . „Wollen Sie freundlichst Ihren Hut abnehmen!?" Erna nestelte mit zitternden Fingern Hut und Schleier los . . . und ein Aufleuchten ging beim Anblick des jugendlich- feinen Köpfchens, des zarten Teints und der großen graublauen Augen mit dem halb ängstliche fragenden Ausdruck über sein Gesicht. . . Ja, das, das gerade suchte er. Fast ängstlich klang seine Frage: „Wollen Sie mir zu meiner Statue sitzen?" And dennoch, als echter Künstler, wartete er schon nicht mehr auf eine Antwort, sah kaum das Nicken des jungen Mädchens, sondern schob ihr hastig einen Sessel zurecht und griff nach seinem Modellierholz. Benoit schlich schmunzelnd und befriedigt sich die Hände reibend, leise zum Atelier hinaus. Drei Stunden später stand Erna mit hochroten Wangen am Bett der Großmutter, und fütterte die alte Frau wie ein Kind mit zartem Hühnerfleisch und Champagner. „Also Fräulein Erna, Sie bleiben unerbittlich und wollen mir nicht Ihren Namen und Ihre Wohnung sagen", sprach Robert Nantil vielleicht vier Monat nach dem eben geschilderten Ereignis, während er die säst vollendete Statue der „Aufrichtigkeit" von allen Seiten betrachtete, „solche Heimlichkeiten passen doch garnicht für ein Modell der „Aufrichtigkeit!" Erna wandte den Kopf etwas zur Seite. „Ich. bitte Sie, Herr Robert, dringen Sie nicht weiter in mich, Sie glauben garnicht, wie Sie mich damit quälen." „Schön. . . schön, ich schweige schon, denn Sie ver-- lieren auch, die richtige Stellung . . . Aber dennoch, Sie thun Unrecht, sich vor. . . einem Freund zu verbergen! Ich bleibe ewig Ihr Schuldner, denn Ihnen danke ich es, daß ich. mein Traumbild habe verwirklichen können und ... es wird mir unmöglich gemacht. Ihnen zu Weihnachten ein paar Blumen, oder von Zeit zu Zeit ein Lebenszeichen, eine Erinnerung zu senden . . . Haben Sie denn gar keine Achtung und Sympathie für mich?" Für eine Sekunde war es, als wenn Erna ihre ruhige Fassung verlor, die langen Wimpern legten sich so rasch über die Augen, als wollten sie aufsteigende Thränen Zurückdrängen. Sie konnte doch unmöglich gestehen, wie schwer es ihr wurde, auf Nimmerwiedersehen von dem heiteren, feinen Manne zu scheiden, der es ihr angethan hatte! Und so zwang sie sich denn zu der Entgegnung: „Wer Herr Robert, wie können Sie die Sache so tragisch auffassen; zwei- oder dreimal sind wir ja doch noch zusammen bevor Sie fertig sind, und wer weiß, was bis dahin noch alles passiert!" Ja, Robert Nantil wußte absolut nichts von seinem Modell, und nachdem er Erna zuerst mit ihrer Heimlichkeit geneckt, hatte er allmählich- einen kleinen Stachel darin gefunden. Auf seine Fragen hatte sie mit sichtlicher Verlegenheit geantwortet, daß sie von Beruf Näherin sei und bei chrer Großmutter klebe; aber die schlanken Finger zeigten 340 Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Homonym in voriger Nummer: Hagen. «ebatom: «. Burkhardt. - Druck und B-rlag der Brühl'schen Universttät^Buch. und Tteindruckerei (Pietsch Erben) in ««gen. keine Spur von Nadelstichen, und ihre Unterhaltung, wenn Erna nicht besonders aus sich achtete, bewies dem Maler deutlich, daß sein rätselhaftes Modell aus seiner eigenen sozialen Stellung sein müsse. Es war nicht müßige Neugierde, sondern wahres Interesse an dem jungen Mädchen, das Robert Nantil veranlaßte, immer wieder zu fragen, und ihn schließlich zu dem Entschluß führte, mit Gewalt den Schleier des Geheimnisses zu lüsten. Und so kam es, daß Erna an dem Tage, als fte das Atelier verließ und nach Hause eilte, keine Ahnung hatte, daß ihr in entsprechender Entfernung ein Herr folgte, der Robert Nantil zum Verwechseln ähnlich sah! Am folgenden Tage ging Erna zur festgesetzten Stunde zuip Sitzung, aber . . . kaum war sie um ine nächste Straßenecke gebogen, da schlüpfte Robert Nantil aus der Thürnische eines Nachbarhauses und trat an die Portierloge des Hauses, aus dem Erna gekommen, um zu fragen: „Fräulein Erna. . . wohnt doch hier?" . Die erstaunten, musternden Blicke der Verwalterm, welche den Fragesteller von oben bis unten maßen, sprachen deutlich dafür, daß nicht oft Männer seines Alters nach dem jungen Mädchen fragten. „Die ich nicht zu Hause", kam bte kühl abweisende Antwort. „Und die Großmutter?" ... „Jawohl! ... 3 Treppen hoch, links . . ." klang es viel! freundlicher; denn wer nach der Großmutter fragte, konnte doch nicht mit schlechten Absichten kommen. „Danke", sagte Robert Nantil, und während er die Treppen hinanstieg, überlegte er, was er nun eigentlich der Großmutter sagen sollte... Ich weiß wahrhaftig nicht, was . . . nun, ich werde ja sehen, meinte er für ftch. Eine alte Dame mit silberglänzendem Scheitel und frischen klaren Augen öffnete auf sein Klingeln die Thür. „Habe ich, das Vergnügen, mit der Großmutter von Fräulein Erna zu fprechen", fragte er mehr der Form wegen, denn gerade fo wie jetzt die Enkeltochter, mußte einst die alte Frau da vor ihm ausgefehen haben. „Mit Frau von Espay, jawohl", antwortete die alte Djame mit freundlichem Lächeln. . . „Sie haben gewiß mein Enkelkind bei dem großen Künstler Robert Nantil kennen lernen? Bitte, treten Sie doch näher." . Ueberrascht durch den Namen „von Espay" und m seiner Eigenliebe als Künstler geschmeichelt, war Robert Nantil im Begriff zu antworten: „Der große Künstler Nantil bin ich selbst." Aber ein gewisses etwas hielt ihn davon ab; er folgte Frau von Espay in einen kleinen Salon, setzte sich auf ihre Einladung, und die alte Dame machte es sich in ihrem Lehnstuhl bequem, um bann mit ber alten Leuten eigenen Rebseligkeit zu beginnen. „Wenn Sie mit Erna sprechen wollen, müssen Sw schon wieder kommen. . . Sie ist jetzt bei Herrn Nantil . . . Nicht wahr, ber Herr ist gut? ... Wie brillant bezahlt er die Stunden, bie Erna seinen Kinbern giebt! . . . Ach! Sie hat wirklich! Glück gehabt, solche Familie zu sinben . . . foenn — warum soll id) es Ihnen nicht sagen — gerade als Erna die Stunden bei Herrn Nantil erhielt, ging es uns nicht zum Besten... ich war sehr krank gewesen . . . Schmachans war Küchenmeister, und mein Herzblatt wußte nicht rnchr aus nosch ein, um ihre alte Großmutter zu! pflegen. . . denn meinetwegen arbeitet sie doch nur so! Als wir aus der Heimat sortzogen und unser Besitztum, das durch bie Reblaus entwertet war, verkauft hatten, ba hat Erna es sich, in ben Kops gesetzt, unseren Unterhalt verdienen zu wollen . . . unb sie Hais auch wirklich erreicht . . . Aber ich benfe, Gott wirb es ihr schon einmal lohnen, was sie alles sür ihre alte Großmutter thut! . . . Glauben Sie bas nicht auch?" Robert hörte eigentümlich, bewegt zu. Jetzt verstand er bie fromme Lüge, bie ben Zweck gehabt, ber Großmutter den Schmerz zu'ersparen, baß bie Enkeltochter sich als Modell angeboten, um bie Not von ber alten Frau fern zu halten. t „Ja gnäbige Frau", sagte Robert Nantil und küßte Frau von Espay ehrfurchtsvoll bie Hanb zum Abschieb, „ja ich. glaube unb hoffe, daß Fräulein Erna noch glücklich werden wirb." Inzwischen hatte bas junge Mäbchen bei ihrer Ankunft im Atelier einen Bries des Künstlers gefunden, worin ber- elbe sie bat, auf seine Rückkehr zu warten, er habe in einer bringenbeu Angelegenheit sortgemußt. Gerade sah ErM ungebuldig nach, der Uhr, da erschien der Bildhauer und bat: „Verzeihen Sie, Fräulein Erna, wenn ich! Sie warten ließ, ich, habe mich in der Gesellschaft von Frau von Espay verplaudert, wir hatten uns soviel von ben Heinen Nautils unb deren Lehrerin zu erzählen..." Erna wurde bunteirot, bie Augen füllten sich nut Dhränen, flehend hob sie bie Hände unb rief ganz fassungslos: „O mein Gott! Sie haben Großmütterchen gesehen. Aber Sie haben ihr doch hoffentlich nicht erzählt, baß . . .?* Robert war ganz nahe an Erna herangetreten und hatte die zitternden Hände in seine zusammengefaßt: „Ich habe garnichts erzählt . . . Großmütterchen hat die ganze Zeit gesprochen ... und während sie sprach, habe ich gedacht, wie schön es fein müsse, sich von einem solchen Mädchen lieben zu lassen . . . Sag' Erna, Geliebte . . . kannst Du Dich nicht entschließen, bei mir zu bleiben? . . . müssen wir uns durchaus Lebewohl sagen. . .?" Erna sah scheu zu dem großen Mann auf, der sich zu ihr niederbeugte unb wie ein ängstlicher Knabe um ihre Liebe bat . . . ihre Liebe, bie sie ihm schon so lange heimlich gegeben ... Unb fassungslos konnte sie nur fragen: „Wie soll ich, benn aber nur Großmutter meme Luge beichten?" ,. Unb Robert Nantil mußte wohl aus btefen Worten bu erhoffte Antwort heraushören, ober las er sie tn den Jedenfalls sagte er siegesbewußt: „Dafür laß' wich mir sorgen . . ." Unb bann flüsterten bie beiden miteinander . . . und bann würbe es ein Weilchen ganz ganz still, unb darauf wurde plötzlich! die Klingel so ungebuldig gezogen, baß ber alte Benoit gar nicht schnell genug herem- lommen konnte. Und als ihm sein „junger Herr sagte. „Benoit, hier steht Deine „junge Herrin", unb habet auf Erna wies, ba schien ber alte Diener es wohl zuftiebeu und schmunzelte vergnügt, als bas glückstrahlende junge Paar den Heimweg zu Ernas Großmutter antrat. Gemeinnütziges. Isür die Küche. Weiße Bohnen mit Kartoffeln. Bohnen auslesen, waschen, mindestens zwei Stunden weichen. Mit reichlich frischem Wasser aufstellen, kochen, bis dre Hülsen sich lösen. Das Wasser weggießen, wenig ftisches kocheubes Wasser zugießen. Mit einem Löffel Mehl, reichlich Fett, Salz, wenn sie zu haben, einige Löffel fetter Fleischbrühe besonbers eine weiße Sauce gekocht, bie Bohnen bannt gebunben. Geschälte, in Stücke geschnittene Kartoffeln au, bie Bohnen gelegt, zugedeckt, darauf gar gemacht, leicht untergerührt, angerichtet. Bilderrätsel. , (Nachbildung verboten).