Nr. 180 iS jJÄSfc UDW MU LrMW es Herzens Andacht hebt sich frei zu Gott; Das Wort ist tot, der Glaube macht lebendig. Schiller, Maria Stuart V, 7. (Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Zehntes Kapitel. Geradeswegs vom Bahnhose begab sich Sigismund in den „König von Spanien"; denn auch ihm brannte das Geld, das er bei sich trug, auf der Seele, und es verlangte ihn außerdem danach, eine Erklärung von Sandory zu fordern. Darüber, woher die beiden Frauen das Geld zur Rückerstattung des Darlehens genommen haben mochten, zerbrach er sich in seinem gegenwärtigen Gemütszustände gar nicht weiter den Kopf. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, Elli danach zu fragen, und jetzt, wo sie fort lvar, hätte ihm auch alles Grübeln nichts mehr geholfen. Denn er würde die Wahrheit doch nimmermehr erraten haben — diese traurige Wahrheit, daß die junge Schauspielerin, nachdem sie Sandorys Brief gefunden, stundenlang in der fremden Stadt umhergelaufen war, um ihren Schmuck, ihre Theatergarderobe, kurz alles, was sie besaß, zu Gelde zu machen. Er ahnte in seiner glücklichen Unerfahrenheit ebensowenig etwas von den Qualen, die sie auf diesem dornenvollen Leidenswege erduldet, als von der furchtbaren Szene, die sich darauf zwischen ihr und ihrer Mutter abgespielt hatte. Die ganze Vergangenheit mit all ihren Kämpfen und Sorgen lag hinter ihm >vie ein häßlicher Traum; alle seine Gedanken waren einzig der hoffnungsvollen, sonnigen Zukunft zugewendet. Der Pförtner des Hotels sagte ihm, daß Herr Sandory vor einer Stunde ausgegangen und noch nicht nach Hause zurückgekehrt sei. Sigismund fühlte sich etwas niedergeschlagen durch die Auskunft; denn es schien ihm ganz undenkbar, daß er das Geld noch bis morgen mich sich herumtragen sollte. Da wurde er des Herrn Jakob Schwanflügel ansichtig, der in seiner blütenweißen Weste auf der Schwelle des Speisesaales stand, und er entschloß sich ohne weiteres, ihm das inhaltreiche Couvert zu übergeben. „Sie werden die Güte haben, es Herrn Sandory ein» zuhändigen, sobald er nach Haus kommt", bat er. „Es befindet sich eine große Summe darin. Irgend einer weiteren Bestellung bedarf es nicht; denn Herr Sandory weiß schon, um was es sich dabei handelt." Dann trat er leichten Herzens den Heimgang nach dem Elternhause an, unablässig seinen großen Zukunftsplan im Kopfe wälzend. Margarete war es, die ihm auf sein Klingeln öffnete. Sie sah sehr verweint aus, und als Sigismund kaum den ersten Schritt über die Schwelle gethan hatte, fiel sie ihm zu seiner grenzenlosen Ueberraschung laut schluchzend um den Hals. „Was ist geschehen?" fragte er bestürzt. „Es ist doch nicht etwa dem Vater oder der Mutter ein Unglück widerfahren ?" „Nein, nein! Aber es hat sich trotzdem etwas Schreckliches ereignet — schrecklich für Dich und für uns alle, mein armer Sigismund! O, Du wirst mir gewiß niemals verzeihen, wenn ich es Dir erzähle." Sie hatte ihn in das Wohnzimmer hineingezogen, und als er zunächst seine Frage nach den Eltern wiederholte, erfuhr er, daß der Doktor in der Villa Norrenberg, die Mutter aber im Hause des Stadtrats Sartorius sei. Mit einem Ausruf höchsten Erstaunens nahm er diese letzte Mitteilung auf; denn er wußte ja überhaupt noch nichts von Walthers Erkrankung, und die aufregenden Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden waren ihm völlig unbekannt geblieben. Mit hastigen Fragen bestürmte er seine Schwester um ausführliche Erklärungen, und sie erzählte ihm alles, was sich, seit dem gestrigen Abend zugetragen, wo der Stadtrat Sartorius seinen Feind zu dem sterbenskranken Sohne gerufen. „Und nun?" drängte Sigismund, ganz von der innigsten Teilnahme erfüllt. „Sein Zustand ist noch immer hoffnungslos?" Margarete drückte die gefalteten Hände gegen die Brust, und auch ihren noch in Thränen schwimmenden Augen brach ein wundersames Leuchten. „Nein, — das Wunder, an das der Vater nicht mehr glauben wollte, es ist wirklich geschehen! Walther wird nicht sterben, sondern wieder gesund werden. Seine kräftige Natur hat die furchtbare Krankheit glücklich überwunden. Als der Vater am Vormittag wieder zu ihm kam, fand er bereits eine bedeutende Besserung in seinem Befinden, und vor einer Stunde erklärte er ihn für gerettet." „Dem Himmel sei Dank! Und das Schreckliche, von dem Du gesprochen, worin kann es am Ende noch bestehen, wenn es keinen von denen betrifft, die wir lieben?" Wieder legte sie ihren Arm liebevoll um seinen Nacken und zog ihn neben sich auf das Sofa nieder. „Ich muß Dir ein Geständnis machen, armer Sigismund, und ich, bitte Dich, zürue mir nicht, wenn Du — 718 mich nachher für die Urheberin Deines Unglücks ansehen mußt." Und nun erzählte sie ihm alles, was sie bisher in den geheimsten Tiefen ihres Herzens verschlossen gehalten. Sie sprach ihm von ihrer Zusammenkunft mit Sandory, von dem Schuldschein, den er ihr gezeigt und von der Bedingung, die er an das Versprechen seines Stillschweigens geknüpft hatte. Mit den schonendsten Worten ging sie über Sigismunds Fehltritt hinweg, und nur gegen sich selbst richtete sie immer wieder die schmerzlichsten Anklagen. „$fli wußte nicht mehr, was ich thun sollte", schluchzte sie, „mir war so wirr im Kopfe, und hch fühlte mich so über alle Maßen unglücklich. Mein einziger Gedanke war, daß Du gerettet werden müßtest, und daß der Vater nichts erfahren dürfe. Darum gab ich ihm wider meinen Willen oas Versprechen, das er von mir verlangte und duldete es, daß er mich seine Braut nannte, obwohl mir dabei zu Mute war, als ob ich auf der Stelle sterben müßte. Aber damals kannte ich mich selber noch nicht, Sigismund, damals wußte ich noch nicht, daß ich ihn niemals würde heiraten können. Das ist mir erst heute morgen klar geworden, als ich, von dem Vater hörte, daß Walther Sartorius dem Sterben nahe sei, und daß er noch auf seinem Leidenslager keinen anderen Gedanken gehabt habe, als den Gedanken an uns. Siehst Du, ich! will ja mit Freuden alles für Dich thun — alles! Nur das kann ich nicht — nur das eine nicht! Ich habe an Sandory einen Brief geschrieben, um eine nochmalige Zusammenkunft von ihm zu erbitten. Dann muß ich, ihm offen sagen, daß ich. ihn getäuscht habe, und dann wird er vielleicht hingehen, um dem Vater alles zu offenbaren. Denn je deutlicher mir die Erinnerung an seine Worte zurückkehrt, desto weniger Hoffnung habe ich«, ihn durch meine Bitten zum Schweigen zu bewegen. Und wenn er es thut — was soll dann aus uns werden, Sigismund — was soll dann aus uns werden?!" Sie rang in ratloser Verzweiflung die Hände; der Bruder aber zog sie voll tiefer Bewegung an seine Brust. „Sei ruhig, mein großherziges, heldenmütiges Schwesterchen! Dieser Elende wird nicht mehr die Macht haben, mich zu verderben. Ich aber werde nie vergessen, was Du für mich- thun wolltest." Und da sie in zweifelndem Erstaunen zu ihm aufblickte, ungewiß, welche Deutung sie seinen zuversichtlich klingenden Worten geben dürfe, begann er nun auch! seinerseits, ihr rückhaltlos sein ganzes Herz auszuschütten. Noch heute werde ich aus freien Stücken dem Vater alles bekennen", schloß er im Tone eines mannhaften, unwiderruflichen Entschlusses. „Er wird mich; mit harten Worten strafen, aber ich hoffe, er wird mir verzeihen. Und wenn es mir nicht gelingen sollte, auf der Stelle seine Vergebung zu erhalten, so werde ich mich ihrer durch! ein rechtschaffenes, arbeitsames Leben würdig zu machen suchen. Wie.streng er auch ist, gegen die Beweise einer aufrichtigen Reue kann er sein Herz doch nicht verschließen, und er wird mir früher oder später wieder seine Vaterarme öffnen." Da schlug draußen die Hausthürglocke an, und Margarete sprang auf. „Das ist er", sagte sie beklommen. „Ich fürchte mich vor dem, was die nächste Stunde bringen wird; aber ich- kann Dir trotzdem nicht raten, Deinen Entschluß zu ändern. Tausendmal besser, er erfährt es aus Deinem Munde, als aus dem Munde dieses Fremden. Und vielleicht würdest Du ihn auch niemals wieder in einer so glücklichen Stimmung treffen wie heute, wo ihn Walthers unerwartete Rettung mit einer tiefen Freude erfüllt hat. Ich höre seine Stimme. Komm, Sigismund, laß uns zusammen zu ihm gehen!" Der Doktor war eben im Begriff, in das Arbeitszimmer zu gehen, als er seine Kinder Hand in Hand aus der Wohnstube treten sah. Er mochte wohl erkennen, daß sie irgend etwas auf dem Herzen hatten, aber er «ab ihrem vermeintlichen Wunsch eine falsche Deutung. „Vermutlich wollt Ihr wissen, wie es da draußen steht", sagte er mit mildem Ernst. „Norrenberg hat ausgelitten — ich kam nur noch eben recht, um ihn sterben zu sehen. Und es war gut so; denn selbst im günstigsten Falle hätte ihn nichts anderes mehr erwartet, als ein qualvolles Siechtum ohne alle Hoffnung und Lebensfreude." „Und Dora?" fragte Margarete leise. „O, diese junge Dame ist von bewunderungswürdiger Charakterstärke. Ihr Vater war noch nicht fünf Minuten tot, als sie mir vollkommen ruhig erklärte, daß es ihr unumstößlicher Entschluß sei, gleich nach der Beerdigung Waldenberg zu verlassen und sich zur Stärkung ihrer angegriffenen Gesundheit nach dem Süden zu begeben. Tie Firma solle in Liquidation treten, das Haus in der Stadt und die Villa aber werde sie verkaufen. Wenn man schon an einem Sterbebette so gelassene und wohlbedachte Zukunftspläne entwerfen kann, ist man des Trostes wohl kaum sehr bedürftig." Er wollte die Schnelle seines Zimmers überschreiten; da sagte Sigismund mit bescheidener, doch freimütiger Festigkeit: „Ich bitte Dich, Vater, mir eine Viertelstunde zu schenken; denn ich habe Dir ein Geständnis zu machen, das nicht länger hinausgeschoben werden darf." Doktor Ruthardt sah ihn aufmerksam an, dann winkte er ihm mit der Hand. „So komm herein! Ich bin bereit Dich zu hören." „Laß mich mitgehen, Vater!" bat Margarete innig. „Ich- kann Dir doch vielleicht manches erklären, was Du sonst nicht ohne weiteres verstehen würdest." „Das klingt sehr geheimnisvoll! Aber wenn Sigismund damit einverstanden ist, sein Geständnis in Deiner Gegenwart abzulegen, so habe ich- nichts dagegen." Mit festem, ermutigendem Druck umfaßte Margarete ihres Bruders Arm. Dann schloß sich hinter den dreien die Thür. Elftes Kapitel. Es war kurz vor neun Uhr, als Rudolf Sandory noch einmal im Hotel versprach, um sich zu erkundigen, ob etwa nach- ihm gefragt worden fei. Diensteifrig überreichte ihm Herr Jakob Schwanflügel Sigismund Rut- Hardts Brief. Sandory riß den Umschlag herab und durchblätterte das Pächh-en von Kassenscheinen, das seinen einzigen Inhalt ausmachte. „So war es also gemeint!" murmelte er, wahrend er sie achtlos in seine Brusttasche schob. „Nun, wir werden ja sehen, ob das Spiel wirklich schon verloren ist — wir werden ja sehen". Dann schlenderte er langsam und gemächlich, die Zigarette zwischen den Lippen, durch die Straßen, um sich nach der kleinen Weinstube neben dem Gebäude des Polizeiamtes zu begeben. Als er dort eintrat, kam ihm sein Zimmernachbar bereits mit dem gewohnten, schüchtern verbindlichen Lächeln entgegen. „Wie liebenswürdig, daß Sie mich nicht vergeblich warten lassen, mein werter Herr Sandory! Wenn es Ihnen genehm ist, wollen wir nicht hier in dem allgemeinen Gastzimmer bleiben, sondern uns dort in das Honoratiorenstübchen setzen, da plaudert sich's besser und ungenierter, zumal mir der Wirt versichert hat, daß heute einer Festlichkeit wegen der Stammtisch unbesetzt bleiben wird." * Sandory hatte nach seiner Gewohnheit einen aufmerksam forschenden Blick auf seine Umgebung geworfen. Aber er mußte Wohl nichts Verdächtiges wahrgenommen haben; denn außer einer kleinen lustigen Gesellschaft in der einen Ecke der Gaststube, befanden sich! in dem Raume nur tioch zwei «ernsthafte Md- spießbürgerlich! dreinschftuend-e Männer, die schcheigsam vor einem Schoppen Moselwein saßen. Er folgte also der Aufforderung des anderen und streckte fichi gemächlich in einen der steiflehnigen Stühle, vor dem er ein Glas und eine entkorkte Rotweinflasche schon bereit gefunden hatte. „Plaudern wir also", meinte er, „aber wenn ich bitten darf, so nehmen Sie mir gefälligst den größeren Teil dieser angenehmen Aufgabe ab; denn ich! habe einen anstrengenden Tag hinter mir und fühle mich- etwas abgespannt." t , Er füllte sein Glas, hielt es gegen das Licht und trank es dann langsam bis auf den letzten Tropfen leer. „Ah, ein recht mittelmäßiger Tropfen trotz der hochtönenden Marke. Ich habe auf russischen Landsitzen einen 719 Leoville getrunken, im Vergleiche zu dem dieser hier nicht viel besser als Spülwasser ist." Herr Eschenbach, sprach sein lebhaftes Bedauern därüber aus, daß er es nicht besser getroffen habe, und fing dann, an die hingeworfeue Bemerkung Sandorhs an- bnüpfend, an, von der weltberühmten Gastlichkeit des russischen Adels zu sprechen. „Ja, dort muß sich's noch leben lassen", meinte er. „Ich- habe glänzende Schilderungen von dem Leben auf solchen Schlössern gelesen. Aber sagen Sie mir doch mein verehrter Herr Sandory: eine Bärenjagd, das heißt, eine Jagd auf wirkliche, wild herumlaufende Bären, haben Sie tvohl niemals mitgemach,t?" , Der Gefragte lächelte in seiner leicht sarkastischen Weise. „Mehr als eine. Aber das ist nicht so gefährlich, wie es in den Kinderbüchern geschildert wird. Ein gutes Auge und eine sichere Hand machen die Sache harmlos wie einen Pürschgang auf Rehböcke." ,^st es möglich ?Ach, erzählen Sie mir doch etwas von einer solchen Jagd! Es mag Ihnen lächerlich Vorkommen ; aber vielleicht gerade weil ich noch nie eine-Flinte in der Hand gehabt habe, höre ich, nichts lieber, als derartige Geschichten." Schluß folgt. Großvaters Weihnachten. Novellette von A. Dourliac. Autorisierte UeberseHung aus dem Französischen von A. Heim. Nachdruck verboten. Es war ein strenger Frost; der Doktor Corda mochte sich noch so weit unter das Verdeck seiner Halbchaise zurück- Ziehen, sich noch so dicht in sein Plaid einwickeln und den getreuen Begleiter, seinen Hund, als Wärmflasche benutzen, der eiskalte Wind faßte ihn doch und ließ ihm die Glieder allmählich erstarren. So war es denn auch wohl erklärlich, daß seine Gedanken auf das behagliche Heim, die gut durchwärmte Stube und ein sorgfältig bereitetes Mahl gerichtet waren, und in feinem Verlangen, all diese Segnungen zu genießen, trieb er mit einem „Hü, Gü, Liese" das Pferd zur Eile an. Aber die Liese blieb plötzlich stehen und spitzte die Ohren . . . Und Nero, der Hund, streckte den Kopf zwischen den Beinen seines Herrn hervor und fing ein wahrhaft unheimliches Heulen an. Der Wagen fuhr am äußersten Kaiufer der Stadt. Auf der anderen Seite hoben sich als dunkle Masse die 'Fabrikschlote des Arbeiterviertels gegen den sternenflimmernden Nachthimmel ab, die glitzernden Mondstreifen spiegelten sich im Wasser und ließen hier und da einen Kahn mit Kohlen, Holz oder Steinen beladen, deutlich hervortreten, aber die gleiche weiße Schneedecke lag wie ein Leichentuch über allem. „St, Nero, sei ruhig!" Und der Doktor beugte sich zum Wagen hinaus, um zu lauschen. In der fast feierlichen Stille drangen Violintöne an sein Ohr; sie schienen gleichsam aus dem Wasser zu kommen und klangen so merkwürdig jammernd und traurig, daß der Doktor sich strammer aufrichtete, als wenn er den peinlichen Eindruck von sich abwehren wolle. „Das ist der alte Gillert, zum Kuckuck mit dem alten Narren!" Er hob die Peitsche . . . Aber über die Böschung tauchte eine Männergestalt auf, und eine Hand ergriff das Pferd am Zügel. „Sind Sie es, Doktor Corda?" „Jawohl, was ist los?" „Der Junge ist krank." „Na, was fehlt ihm denn?" fragte der Doktor, der beim Schein der Laterne einen der Kahneigentümer erkannt hatte. „Ja, wir wissen's nicht, drei Tage ist er nun schon sticht wie sonst; heute ist's noch schlimmer, er hustet gerade wie Ihr Hund — nichts für ungut, Herr Doktor — und dann kriegt er keine Luft... als ich eben fortlief, um Sie zu holen, war er so zu sagen schon tot. . ." „Hm! könnte schon Krupp sein! ist jetzt überall. . . ich komme gerade aus Harly, wo mehrere Fälle sind." Der Doktor nahm seine dicke Jnstrumententasche, schlang die Zügel des Pferdes um einen Baumstamm und folgte dem Mann die Böschung hinunter. „Was kommt denn nur dem alten Gillert bei, auf seiner Violine zu kratzen, wenn sein Enkelsohn im Sterben liegt?" , „Ja, Herr Doktor, Sie wissen ja, der Alte ist nicht ganz richtig im Kopfe, aber er hat seinen Enkelsohn doch lieb." Bald gingen sie über den schmalen Steg des Kahnes und befanden sich dem Musiker gegenüber. Es war ein alter Mann, mager, kahlköpfig und gebeugt, dessen Augen merkwürdig flackerten. Aufrecht, ohne Kopfbedeckung, stand er auf der Brücke, und der kalte Herbstwind blies durch die dürftige Kleidung, sodaß der alte Mann vor Frost nur so zitterte. Und dennoch spielte er, spielte mit einer wahren Leidenschaft, lauter alte Weihnachtsmelodien: „Vom Himmel hoch, da komm ich her" und dann . . . fang er mit schwacher Stimme dazu als Begleitung. „Vater Gillert, bei solchem Wetter müßt Ihr nicht draußen bleiben, kommt herein!" „Nein! ... oh nein! . . . Herr Doktor... der Tod würde auch gleich- hinter mir hineinschlüpfen . . . ich muß aufpassen ... er kann nicht durch. . . seien Sie nur ruhig. Ja! Ja! er möchte schon meinen armen kleinen Tony nehmen . . . aber er soll ihn nicht haben." Der Alte stand vor der Kajütentreppe, drohend, als wenn er sich einem Feinde gegenüber befände. „Laßt uns durch, Vater Gillert", sagte der Doktor und schob ihn sachte beiseite, ich muß 'mir den kleinen Patienten ansehen." Der also Angeredete trat gehorsam zur Seite. „Kommt mit mir, Ihr könnt Euch den Tod holen, wenn Ihr hier draußen bleibt!" Der Alte fing an zu lachen. „Das will ich ja. . . Herr . . . darum bitte ich jcr den heiligen Christ... er ist gut. . . der heilige Christ hat mir noch nichts abgeschlagen... er wird mich statt meines Enkelchens nehmen. . . darum stehe ich ja hier. . . und spiele ihm all die schönen Lieder." Und von neuem fing er an: „O du fröhliche, p du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit." „Vater Gillert" oder „der verrückte Gillert", wie ihn die Straßenjugend nannte, war früher Musiker gewesen. Nun war er 80 Jahre und fast kindisch. Er hatte die Sucht, sich vom Kahne fortzuschleichen und ans Land zu gehen. Dann schritt er tänzelnd und auf seiner alten Violine kratzend, in die nächstgelegenen Straßen und war in dem Wahn, eine fröhliche Bauernhochzeit anzuführen. Wie die Pilze nach dem Regen aus der Erde schießen, so kamen beim ersten Fidelstrich die Kinder herbei, und mit Johlen und Schreien: „He, alter Gillert", liefen sie dem armen Manne nach! Kinder sind grausam. Und die Straßenjugend tanzte um den Alten herum, zupfte ihn am Rock, stieß und drängte und quälte ihn aus tausenderlei Art, bis eine kleine Hand die des alten Mannes erfaßte und eine sanfte Stimme schmeichelte: „Komm' rasch, Großvater. . . wir suchen Dich überall." Und der Enkelsohn brachte den Großvater wieder zurück und verstand es, die Vorwürfe der Eltern von dem Greis fernzuhalten: „Ich bitte Euch, scheltet den Großvater nicht, er will es auch nicht wieder thun . . ." „Nein... ich thue es nicht wieder. . ." stammelte Vater Gillert dann . . . Und bei der nächsten Gelegenheit schlich er wieder aus Land; denn das Leben auf dem Kahn mochte er gar nicht leiden. Er kannte so viel schöne Dörfer, wo er überall aus den großen Wiesen den Bauern zum Tanz aufgespielt hatte, war so frei, durch das blühende, fruchtbare Land gewandert, und allüberall, wo er mit seiner Violine hin- 720 — kam, da war Freude und Scherz gewesen. Nun saß er eingesperrt auf dem schmalen, engen Kahn, der monatelang still auf einem Platze lag. Und wenn das schwere Lastschisf langsam den. Fluß hinabglitt, wenn die Schiffer ihre Pfeifen rauchten und die Frauen mit dem Strickzeug auf dem Deck saßen und das Ufer und die Häuser an sich vorbeigleiten sahen, dann nahm der alte Gillert seine Violine in den Arm, seinen Enkel an die Hand — seine beiden Freunde — ging ganz vorn an die Spitze des S-chiffes und spielte die alten Tanzweisen, denen das Kind entzückt lauschte. Und sie waren glücklich mit einander. In der engen Kajüte, deren Decke man mit der Hand berühren konnte, liegt das Kind, und pfeifend und mühsam ringt sich der Atem aus der gequälten Brust, während die Blicke angstvoll und verschleiert wie Hilfe suchend umherirren... Ein Blick auf das Kind genügt dem Doktor, um die Sachlage zu übersehen. Besorgt schüttelt er den Kopf, während der Alte draußen spielt: „Vom Himmel hoch, da komm' ich her . . ." Die Mutter hat die Schürze vors Gesicht geschjlagen, schluchzt und jammert: „Mein kleiner Tony . . . Herr Corda, ach . . . mein armer, kleiner Junge!" Bestürzt und angstvoll verfolgt der Vater jede Bewegung des Arztes; der verlangt etwas Wasser und einen Löffel, nachdem er ein weißes Pulver, das er aus seiner Arzneitasche genommen, aufgelöst hat, bringt er dem Kinde mühsam den Löffel mit der Flüssigkeit zwischen die zusammengepreßten Lippen. Der kleine Kranke macht unwillkürlich eine allem Anschein nach schmerzhafte Schluckbewegung, aber die Arznei ist doch ausgenommen, und der Doktor wiederholt die Einflößungen noch zwei- oder dreimal. Dann fetzt er sich in banger Erwartung neben das Lager des Kindes. In der Ferne beginnen die Glocken zu läuten, um die Weihestunde der heiligen Nacht zu verkünden. Unruhig wirft sich das Kind auf die andere Seite, und der Vater jammert: „O mein Gott! mein Gott! mein Kind stirbt." Doch da. . . mit einem Male wird der Atem freier, gleichmäßiger, der Arzt neigt sich über den Knaben, sieht, daß wohlthätiger Schweiß eingetreten ist, bettet das Kind bequem und sagt: „Er ist gerettet. . ." Im selben Augenblicke, ganz unvermittelt, verstummt die Violine, es klingt wie ein letzter schwerer Seufzer, und als Doktor Eorda und der Schiffer die Thür aufreißen, sehen sie den alten Gillert zusammensinken . . . Sein Wunsch ist erfüllt. Der heilige Christ hat den Tausch angenommen: den alten Großvater für das zarte Enkelkind, und das Gesicht des toten Greises ist wie in überirdischer Opferfreudigkeit verklärt. Geinsinnütziges. Reine Luft für Ob st. Sämtliche Früchte, besonders Aepfel, sind außerordentlich empfindlich gegen die sie umgebenden Gerüche, und wird ein Apfel, der auch nur vorübergehend sich in einem Raume mit schlechter Luft befunden hat, für jeden Feinschmecker ungenießbar. — Sehr treffend wird durch einen Bericht im praktischen Ratgeber im Obst- und Gartenbau die große Empfindlichkeit der Aepfel gegen fremde Einflüsse erläutert. Man hatte das Spalierobst vorläufig in eine Kammer gebracht, in der der Schrank mit Pelzwerk steht, und als dann das Obst gekostet wurde, roch es nicht nur, sondern schmeckte sogar nach Naphtalin. Gegen Vergiftung durch Seemuscheln usw., die sich durch Frösteln, Kopf- und Magenschmerz, geschwollenes Gesicht, nesselartigen Ausschlag und Jucken am ganzen Körper kennzeichnet, wende man schleunigst Breche Pulver, 0,10 Gramm auf ein halbes Glas Wasser oder 2 Gramm pulverisierte Brechwurzel an; diesem läßt man löffelweise einen Trunk folgen, dem auf 150 Gramm 2 bis 4 Gramm Aether und 10 bis 15 Tropfen Opium zugesetzt ist. Wasser mit Essig lasse man gleichfalls trinken und mache Umschläge von Leinsamenpulver oder erhitzten Tüchern auf Magen und Leib. Wlumenpflege. Das Begießen der Pflanzen im Winter. Wasser zur rechten Zeit, in der nötigen Wärme und Quantität, sind Voraussetzungen eines gesunden Pflanzenwuchses auch im Winter. Als Regel für das Begießen gelte: Je feuchter und kühler der Ueberwinterungsraum, desto weniger haben die Pflanzen Wasser nötig; je wärmer, trockener und Heller ein Zimmer, desto reichlicher soll man begießen. Pflanzen, welche im Winter ruhen und im Sommer treiben und blühen, überwintere man in kühlen, wenn auch dunklen Räumen, so die Hortensien, Fuchsien usw. Pflanzen, welche im Sommer ruhen, dafür aber im Winter treiben und blühen sollen, brauchen Hellen, warmen Stand. Die ersteren begieße man mit kühlem, aber immerhin abgestandenen Wasser nur so viel, daß die Topfballen nicht austrocknen, letztere wie Cinerarien, Primeln, Cyclamen und alle Treibpflanzen begieße man oft mit warmem Wasser; denn dadurch! beschleunigt man den Eintritt der Blüte und eine kräftige Entwicklung der Pflanzen. Vermischtes. Etwas vom Borgen. Gar manche hätten nie erfahren, was Not ist, wenn sie den ersten Schritt zum Borgen nicht gemacht hätten. Was ihnen im Augenblick eine Erleichterung schien, ist ihnen zur schweren Last geworden. Wer mit Schulden anfängt, sagt das Sprichl- wort, hat in des Teufels Lotterie gesetzt, wo jeder Gewinn ein Verlust ist. Auf den ersten Schritt zum Borgen folgt schnell der zweite, ist man erst einige Pfennige schuldig, werden sie zur Mark, hier ein wenig und da ein wenig, und bald steckt man drin bis über die Ohren. Wie viel leichter wäre es, sich zu gewöhnen, beim Bäcker oder Kaufmann gleich zu bezahlen, statt immer in der Kreide zu stehen. Oekonomisch haushalten heißt die Schlacht des Lebens schon halb gewonnen zu haben; aber vorgegessen Brot bringt Mmmer und Not. Darum sei nie einen Pfennig schuldig, und Du wirst nie zehn Mark schuldig sein. Schulden lassen sich nicht anders als mit barem Gelde tilgen. Versprechungen machen Schulden, können aber keine bezahlen. Und wer sich der Hoffnung hingiebt, sich durch irgend einen glücklichen Zufall aus. seinen Schulden helfen zu können, klammert sich an einen Strohhalm. Unbezahlte Rechnungen sind wie Dornen, wo man sie anrührt, stechen sie. Borgen ist leicht, bezahlen fällt aber immer schwer. Schnell kommen die Verfalltage, und ein Heex von Sorgen und Unruhe steht vor der Thür. Schulden gehen mit schlafen und stehen mit aus; denn das alte Sprichwort hat recht: Borgen macht Sorgen. Silb env ersteckräts el. Nachdruck verboten. Es ist ein Sprichwort zu suchen, dessen Silben in nachstehenden Wörtern versteckt find, wie die Silbe „na" in Knabe. Mischung — Tigerjagd — Ueberlistung — Oderkrebse — Liebesbriefe — Edelsteine — Kochelfall. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Niederdrückender Kummer. Redaktion: @. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.