1 MW w a§ ganze Geheimnis, das Leben zu verlängern, besteht darin, es nicht zu verkürzen. Feuchtersleben. (Nachdruck verboten.) Geächtet. Roman von LotharBrenkendorf. (Fortsetzung.) Siebzehntes Kapitel. Schweigend waren Sixtus und Elisabeth durch das Vorzimmer geschritten; dann ehe sie die Stiege erreichten, zog Elisabeth den Major hastig in ein kleines, unbeleuchtetes Geinach und verschloß hinter sich und ihm die Thür. Unfähig, ihre furchtbare Aufreguug länger zu meistern, warf sie sich, in Thränen ausbrechend, an seine Brust: „O mein Geliebter, was hast Du gethan' Was ist geschehen, daß Du hierher kommen mußtest, gerade hierher, wo ich Dich weniger zu schützen vermag, als an irgend einem anderen Orte? — Ich, Unglückselige wähnte Dich in vorläufiger Sicherheit jenseits der Grenze". „Diese verbundene Hand, Elisabeth, und der Sterbende da unten, beweisen Dir, wie es um meine Sicherheit aus russischer Erde bestellt war. Seit gestern wurden wir von einer Militärabteilung verfolgt, die uns an Kopszahl mehr als fünffach überlegen war. Ich suchte einem Kampfe auszuweichen, so lange es möglich war, aber das Gelände ist dort drüben für uns viel weniger günstig als hier diesseits der Grenze. §eute nachmittag war es den Russen gelungen, uns fast vollständig einzuschließen, und gegen Abend kam es zu einem verzweifelten Gefecht. Meine braven Burschen kämpften mit löwenhafter Tapferkeit, und — was mir selber vorher fast unmöglich erschienen war — wir schlugen uns durch Wie viele von uns dabei ihren Tod gefunden, weiß ich freilich noch nicht; denn wir mußten uns bei der Flucht in möglichst viele kleine Trupps zerstreuen, um den Feinden die Verfolgung zu erschweren. Mein getreuer Wachtmeister und ich, wir waren die Letzten. Wie es uns erging, brauche ich Dir nicht noch einmal zu erzählen". „Der Verwundete ist also derselbe Mann, von dem Du neulich sagtest, daß er Dich während Deiner Krankheit so aufopfernd gepflegt hat?" „Ja — ein Kamerad, wie es keinen besseren nnd treueren giebt. Nie hätte ich den Namen eines Edelmannes verdient, wenn ich fähig gewesen wäre, ihn im Stich zu lassen. Nicht zum ersten-, nein, zum zehntenmale hat er mir heute das Leben gerettet. Und ich ahnte nicht einmal, daß ihn eine der tückischen Kugeln getroffen hatte. Er hielt sich im Sattel bis wir die Grenze hinter stns hatten und unsere Verfolger losgeworden waren. Dann rief er plötzliche mit erlöschender Stimme: „Leben Sie wohl, Herr Major! Es ist aus — ich kann nicht weiter —" und glitt vom Pferde herunter. Ich riß ihm die blutgetränkten Kleider auf und sah mit Entsetzen, wie schwer er verletzt war. Mit meiner einzigen brauchbaren Hand hätte ich beinahe nichts für ihn thun können, wenn sich nicht auf mein Signal ein paar von meinen versprengten Leuten eingefunden hätten, die mir behilflich waren, ihn zu verbinden und den Bewußtlosen wieder in den Sattel zu heben. Denn ich hatte auf der Stelle Pen Entschluß gefaßt, Deine Gastfreuirdschaft für ihn zu erbitten. Um ungefährdet eine gewagte Rekognoszierung vorznnehmen, hatten wir beide, er und ich heute morgen unsere Uniformen mit bürgerlichen Kleidern vertauscht, und so brauchte ich nicht zu fürchten, daß Deine Hausgenossen und Dienstboten uns erkennen würden. Daß die Kürassiere sich noch immer auf Lasdehueu befänden, vermutete ich nicht; aber als es mir von einem meiner vorausgesandten Begleiter, der das Gehöft umschlichen hatte, gemeldet wurde, ließ ich mich dadurch nicht an der Ausführung meines Vorhabens hindern. Zwar habe ich wenig Hoffnung, daß mein armer Wachtmeister den kommenden Tag überleben werde, und tote die Dinge für uns liegen, wünsche ich es ihm nicht einmal. Aber eilt längeres Verweilen unter freiem Himmel hätte feine Leiden grausam gesteigert, und wir hatten da draußen nicht einmal einen Trunk Wein, um ihn zu erquicken. Irgend ein Märchen, das Deine Einquartierung täuschen würde, ließ sich ja leicht erfinden, und der Paß, den ich vor mehreren Monaten für gutes Geld in einem russischen Wirtshause gekauft, hat mir in ähnlichen Fällen schon mehr als einmal gute Dienste geleistet, obwohl es in Wahrheit gar kein Paß, sondern ein Anstellungsdekret ist". „Und Deine Gefährten? Wo sind sie geblieben?" „Sie durften sich in ihren Uniformen vor den Kürassieren natürlich nicht blicken lassen. In einem sicheren Versteck unweit des Schlosses erwarten sie meine Rückkehr". „Deine Rückkehr, Sixtus? — Du hattest also die Absicht, das Haus alsbald wieder zu verlassen?" „Ja. Ich kann leider nicht bei meinem Wachtmeister bleiben, bis er seinen letzten Atemzug gethan hat. Was von meiner Schar noch übrig ist, wird sich vor Tagesanbruch an einem bestimmten Tage sammeln, und es ist nötig, daß ich als einer der Ersten zur Stelle bin". „Aber Du weißt nickst, daß morgen auch die anderen Militärabteilungen in dieser Gegend eintreffen, daß Ihr 526 vollständig umzingelt sein werdet. Eine solche Sammlung wäre also Euer sicheres Verderben. Jeder einzelne von Euch muß sich vielmehr auf seine eigene Hand zu verbergen suchen, so gut er kann". Der Major schüttelte den Kopf. „Es ist alles reiflich bedacht Und wohl erwogen — glaube mir das, mein teures Mädchen! Haben wir uns gestern trotz der Umschließung durchgehauen, gelingt es uns morgen vielleicht auch hier. Jedenfalls ist es unsere letzte Hoffnung, und — so oder so — meine Leute dürfen nicht vergebens lauf mich warten". „Aber das Gehöft ist ringsum mit Wachen besetzt, keinem menschlichen Wesen soll gestattet werden, es während der Nacht zu verlassen". „Das ist schlimm, doch es wird nicht ganz und gar unmöglich sein, trotz dieses Kordons an irgend einer Stelle das freie Feld zu gewinnen. Im schlimmsten Fall schlage ich einen dieser schwerfälligen Burschen nieder". „Nein, nein, Sixtus, keine Gewaltthat, so lange nicht jeder andere Ausweg versperrt ist. Es sind ja auch gar nicht die Kürassiere und ihr ahnungsloser Anführer, von denen Dir die schrecklichste Gefahr droht. Mein Gott, mein Gott, warum habe ich diesen Elenden nicht damals in Küstrin von meiner Schwelle gewiesen, wie eine innere Stimme es mir zurief!" „Ich verstehe Dich nicht, Elisabeth", sagte der Major befremdet. „Wer ist es, von dem Du sprichst?" „So hast Du,den Mann nicht erkannt, der Dich in den Hof einließ?" „Deinen Verwalter? — Nein. Ich war zu sehr mit der Sorge um meinen armen Wachtmeister beschäftigt, und dann blieb der Mann auch fast immer im Dunkeln. Aber er erwies sich sehr menschenfreundlich gegen uns. Du meinst doch wohl nicht, daß er —" „Er hat keinen, glühenderen Wunsch als den, Dich zu verderben. Es ist mein Vetter Franz von der Röcknitz". „Wie? — Dieser — dieser Mensch lebt unter Deinem Dache — und als Dein Gehilfe — vielleicht Dein Vertrauter ?" „Als mein Gehilfe — ja! Ich machte ihn dazu aus falschem Mitleid, als er sich in äußerster Not an mich wandte und mir mit Selbstmord drohte, wenn ich ihn erbarmungslos zurückstieße. Aber ich habe trotzdem niemals aufgehört, ihn zu verachten und ihn meine Verachtung fühlen zu lassen. Gerade weil er seine wahnwitzigen Hoffnungen getäuscht sah, ist er mein grimmigster Feind geworden — und damit auch der Deine". „Inwiefern auch, der meine? — Er kennt also unser Geheimnis?" „Er weiß alles. Auf welche Weise er es in Erfahrung bringen konnte, ist mir zur Stunde noch unbegreiflich, daran aber, daß es wirklich geschah, darf ich leider nicht mehr zweifeln. Und wenn er Dich vorhin erkannt hat, so ist alles verloren". „Ich begreife noch iminer nicht ganz. Eben wenn er mich erkannt hat, müßte er sich doch wohl viel eher verpflichtet fühlen, mir beizustehen. Ich meine ihm dereinst einigen Anlaß zur Dankbarkeit gegeben zu haben". „Kannst Du Dankbarkeit erwarten von einem Eifersüchtigen, der in Dir nicht mehr seinen Retter, sondern nur noch einen verhaßten Nebenbuhler sieht?" „Ist es möglich, Elisabeth? Dieser Erbärmliche könnte es wagen —" Mit raschen Worten erzählte sie seinen weiteren Fragen zuvorkommend, alles, was sich seit jener ersten Wiederbegegnnng in Küstrin zwischen ihr und Franz zugetragen hatte. Auch die Wahrnehmungen vom heutigen Abend, die sie mit so banger Sorge erfüllt hatten, verschwieg sie ihm nicht. Als sie geendet, gab es ein kleines Schweigen, dann sagte Sixtus voll tiefen Ernstes: „Ich habe Dich also durch mein Erscheinen in viel größere Gefahr gebracht, als ich es ahnen konnte". „Es ist nicht möglich", fuhr der Major zu Elisabeth fort, „das Geschehene ungeschehen zu machen, und alle meine Selbstvorwürfe vermögen nichts mehr daran zu ändern. Aber ich habe nun erst recht die Pflicht, Dich von meiner verderblichen Gegenwart zu befreien, bevor jener andere mich erkannt hat. Denn noch hat er mich nicht erkannt. Was hätte ihn sonst abhalten sollen, mich sofort an die Soldaten auszuliefern!" „Gott gebe, daß Deine Vermutung zutrifft, Sixtus!" versetzte Elisabeth. „Aber es ist wahr, der Morgen darf Dich hier nicht mehr finden, denn im hellen Tageslicht könntest Du den Mißtrauischen sicherlich nicht länger täuschen. Noch weiß ick) nicht, wie ich Deine Flucht ermöglichen soll, doch wir haben noch zürn Glück fast die ganze Nacht vor uns. Es muß sich bis zur Morgendämmerung ein rettender Ausweg gefunden haben, ohne daß Du versuchen müßtest. Dich gewaltsam zu befreien". Ein Laut wie ein qualvolles Stöhnen, der aus den unteren Räumen des Hauses kommen mußte, drang in diesem Augenblick zu ihnen herauf. „Ich vergesse meinen armen Kameraden, Elisabeth", sagte der Major in schmerzlicher Bewegung. „Vergieb, wenn ich Dich bitte, vor allem meine Bruderpflicht gegen ihn erfüllen zu dürfen". „Wie sollte ich Dich daran hindern! Ich gehe mit Dir, denn vielleicht kann ich doch noch irgend etwas für den Unglücklichen thun". Sixtus gestattete es nur ungern; denn die Erkenntnis, durch seine Tollkühnheit ihre teure Person gefährdet zu haben, lastete mit furchtbarer Schwere auf seiner Seele, und er wollte durchaus alles vermieden sehen, was eine Entdeckung ihrer heimlichen Gemeinschaft beschleunigen könnte. Erst als er sah, daß ihr Entschluß unerschütterlich war, und als sie ihm versprochen hatte, die Kammer nach kurzem Verweilen wieder zu verlassen, gab er alle weiteren Einwendungen auf. Sie stiegen in das Erdgeschoß hinab und öffneten die Thür des kleinen, niedrigen Gemaches, in das man den todwunden Wachtmeister getragen. Es war ein kahler, unfreundlicher Raum, den man bis dahin nur zur Aufbewahrung von allerlei Wirtschaftsgegenständen benutzt hatte. Ein Tisch und ein hölzerner Schemel bildeten neben dem dürftigen Lager jetzt seine ganze Ausstattung. Von einer wollenen Decke umhüllt, ruhte die knuskulöse Gestalt des Sterbenden auf dem roh gezimmerten Bette. Er war noch immer nicht zum Bewußtsein erwacht, und sein blutloses, verfallenes Antlitz wies bereits alle Anzeichen des nahen Todes auf. Es war sicherlich nicht schön zu nennen, das harte, verwitterte Gesicht dieses rauhen Kriegsmannes, der wie ein Sechziger aussah, obwohl er in Wahrheit wohl noch um mehr als ein Jahrzehnt jünger sein mochte. Unter anderen Umständen würde sich Elisabeth sogar vor seinem Anblick entsetzt haben. Jetzt aber war er für sie nichts anderes als der heldenmütige, opferwillige Lebensretter des Geliebten, und ohne jede Anwandlung schwächlichen Grauens beugte sie sich über ihn herab, um seine bleiche Stirn zu küssen. (Fortsetzung folgt.) Zm Manöver. Nachdruck verboten. Skizze von H. D u P l e s s a c. Autorisierte Uebersetzung von A. Friedheim. Aus dem Tagebuch eines Offiziers. 28. August. Nein wirklich! was ich da treibe ist Thorheit, und das Thörichtste ist dabei noch, daß ich es doch nicht lassen kann! In der Schule hatte mir ein Mitschüler, der im „deutschen Aussatz" sehr gut war, vorgestellt, wie hübsch es sei, ein Tagebuch zu führen... er that es selbst, und schrieb jeden Abend nieder, was er erlebt, und welchen Eindruck ihm der Tag gebracht hatte. „Du wirst später sehen", wiederholte er' mir unausgesetzt, „welchen Reiz diese Blätter für dich haben, wenn du alt bist und so Tag für Tag deine Jugend noch, einmal durchlesen kannst." , Ich ließ mich überzeugen und machte es wie er. Da steht nun verzeichnet: „Heute Klassenarbeit... zwei Arithmetikaufgäben.... eine gelöst, die andere falsch. . . Karl Landru hat mir in der Pause gesagt, daß ich eine Kartoffelnase hätte, ick habe ihm einen Faustschlag gegeben, sodaß die seine ordentlich aufgeschwollen ist; dafür habe ich nachbleiben müssen- . . s bei der Rangordnung bin ich heruntergekommen . - - es ist eine schreiende Ungerechtigkeit." Dann kommt die Zeit vor dem Offiziersexamen . - - — 527 Utzereien während der Uebungsstunden . . . vom Pferd qe- fallen . . . Utzereien ... 2 Tage Krankensaal. . . Reitstunde . . ." Viel Abwechselung! Dann folgen während der nächsten Monate, als junger Offizier viele Anproben beim Schneider, sodann viele Stellen, wo nur das Datum verzeichnet . . . höchst wahrscheinlich, hat sich an dem Tage nichts zugetragen, was die Nachwelt zu wissen braucht. Tann mein Eintritt ins Regiment, die ersten Eindrücke und von da ub das tägliche Einerlei des Garnisonlebens. Hat es nun irgend ein Interesse das auszuschreiben? Ich frage mich das selbst jeden Abend und habe oft picht übel ^uft, den Manzen Kram ins Feuer zu werfen. Trotzdem nehme ich dann die Feder und fahre aus reiner Gewohnheit mit Aufschreiben fort. So z. B. heute, was habe ich da zu notieren? Nichts! Mem Tag hat sich ohne jedes Ereignis abgewickelt. Ich war in der Kaserne. Ich habe zwei Leute bestraft. Ich habe den Prowantmeister Robert angefahren. Der Oberst Kunow har mich angefahren. In der Reitbahn habe ich „Flora" geritten. Mit „Fuchs" bin ich nachher einige Kilometer getrabt. Frühschoppen, Mittag ein paar Briefe qe- schweben. Drei Besuche gemacht. Abendbrot, eine Partie Billard, und nun sitze ich hier und schreibe. Ob das alles jur meine eventuelle Nachkommenschaft sehr wichtig ist? Ach: -denn ich noch irgend ein hübsches kleines Abenteuer .zu erzählen hätte! Außer der Befriedigung fürs Herz wäre es doch auch! eine gute Stilübung... ich gehe schlafen. n. ,, . . ~ , 1. September. ,± „ Gptt sm Dank! Endlich eine Abwechselung! Schriftstellerisch ist dabei allerdings auch nichts zu wollen, aber w doch erfreulich, wenigstens nach meiner Auffassung, wel Offiziere sind nicht wenig verstimmt darüber. Mein Hauptmann ist ganz unnahbar. Im gewöhnlichen Leben ist er schon nichts weniger als angenehm, aber jetzt. . wie mn Igel der sich aufrollt. Man muß sich stechen, wenn man ihm zu uahe kommt. Und das -alles, weil das Regiment Befehl bekommen hat, am dritten zum Manöver aus- zurücken. Wir hatten erst keine Ordre. Der Grund, warum dre Aenderung eingetroffen, ist mir auch ganz gleich! Wir, die 5. Dragoner, sind dabei, und das ist mir die Hauptsache! Große Aufregung! Musterung der Mannschaft, Musterung der Pferde, der Austüstung, mit einem Worte Generalmusterung! Ist eine tolle Wirtschaft, alles schreit und schimpft, hastet und treibt. . Ich bin riesig froh! Es ist schönes Wetter. Es geht hinaus ins unbekannte, ins Freie. Man schüttelt mal während drei Wochen die Langweiligkeit der Garnison ab. Und wer weiß? Vielleicht finde ich bei den Streifzügen das Abenteuer, nach, dem ich mich sehne? . 6. September. Kerne Spur von dem kleinsten Erlebnis. Ich habe grausam viel Staub geschluckt, weil ich am Ende der Kolonne ritt. Es ist furchtbar heiß Wir brechen bei Tagesgrauen auf, und wenn wir ins Quartier kommen und der Dienst aus ist, dann schläft alles den ganzen Nachmittag . . bis jetzt ist es wirklich nicht mehr amüsant! Mir macht das aufs unbestimmte in den Taghineinleben aber doch Spaß. Wenn man des Morgens aufsteht, weiß man nicht, wo man sich am Abend zur Ruhe legen soll. Die wichtigste Frage ist immer das Bett. Dreimal ist die Frage schon an -mich herangetreten. Das erste Mal im „Lindenschloß", wahrhaft fürstliche Ausnahme des Hausherrn. Am zweiten Tag. in einer Dorfwirtschaft... Oh, oh, unzählige Mitbewohner . . . habe schließlich auf dem Stuhl geschlafen. Dafür war das gestrige Quartier wieder ein sehr gutes, und zwar bei einer prächtigen alten Frau in einem reizenden kleinen Haus. Die gute Frau hat mich mit Aufmerksamkeiten überschüttet. Sie schien nur unangenehm berührt, als ich ihr gestehen mußte, daß ich ihren Sohn, der Wachtmeister bei der Infanterie ist, nicht kenne. Ja, mein Gott, ich! kann doch nicht alle Wachtmeister der ganzen Armee kennen! 7. September. Heute morgen war ich sehr guter Laune als ich aufwachte, und als ich auf „Fuchs" saß, da habe ich wahr- haftig, glaube idji, ein Liedchen geträllert. Sollte ein unbestimmtes Etwas in der Luft liegen, das den Menschen erraten läßt, ob der Tag gut oder schlecht für ihn verlaufen wird? Ich war heute morgen ganz sicher, daß mir etwas Angenehmes begegnen müßte... und es ist auch so gekommen. Immer Ruhe und von Anfang an mit allen Einzelheiten berichtet. Diesen Tag muß ich in späteren Jahren wieder durchlesen können, es darf nichts davon in meinen Tagebuchblättern fehlen. Er sing schgn ganz poetisch an. Bei Sonnenaufgang sah der Himmel aus wie eine große Malerpalette, vom zartesten Blau bis zum Rosenrot war alles vertreten. Kein Pinsel hätte die Pracht wiedergeben können. Ich war auch gerade an der Spitze der Kolonne. Ein Glück kommt ja nie allein! Kein Staub, und weit genug von den übrigen voraus, um nicht das recht öde Gespräch der Kameraden zu hören. Herrlich war der Morgen! Alles so taufrisch!, so unberührt, als wenn die ganze Pracht der Natur sich nur für mich entfalten wollte. Am Wegrand glänzte jeder Grashalm, und ein leises Wogen ging durch den Morgenwind darüber hin. Große rote Kleeselder hoben sich scharf gegen den goldgelben Roggen ab. Am Horizont sah man als dunkle Linie den Wald, der noch nicht von der Sonne getroffen wurde. lieber den Tannenspitzen zogen leichte Nebelstreifen. Aus dem Kornfeld stieg die Lerche tirilierend in die Höhe, und dicht neben mir schwirrte ein Haselhuhn mit gellendem Schrei auf, sodaß „Fuchs" ganz erschreckt zur Seite sprang. Sechs Stunden Marsch nur von einer Raststunde unterbrochen. Um 10 Uhr rückten wir ins Quartier, ein größeres Kirchdorf mit geraden sauberen Straßen. Die Bewohner kamen mir gleich! freundlich und angenehm vor. Ueberall waren schöne alte Bäume und Blumen vor den Häusern. Richtig im Grünen lag der Ort. Auf dem Kirchplatz empfing uns der Bürgermeister selbst, der mit dem Quartiermeister am Tage vorher alles Nötige verabredet hatte, und das war um so wichtiger, weil wir hier Halt machen sollten, zwei Nächte und ein ganzer Ruhetag. Mein Quartierzettel lautete auf den Notar des Ortes, und mau zeigte mir sein Haus, welches dicht bei der Kirche lag. Nachdem meine Leute und die Pferde versorgt, begab ichj mich dorthin. Schon von außen gefiel mir das Haus. Ein zweistöckiges Gebäude, ganz mit Kletterrosen bedeckt, die von den Balkons in langen Ranken herabwehten. Bei meinem Anblick geriet die ganze Schreibstube in Aufregung, alle kamen in den Hausflur, um den Dragoneroffizier in der Nähe zu sehen. Der Notar kam herbei, ein dicker, kleiner Herr mit einem freundlichen rosigen Kindergesicht, und bot mir ein fröhliches Willkommen. Ich wurde auf mein Zimmer geführt; ein wahres Schmuckkästchen! Alles in rosa Cretonne, zwei Fenster nach dem großen Garten hinaus, hübsche Möbel aus hellem Holz, schneeweiße Gardinen um das Himmelbett, auf den Bordbrettern und deni Kaminsims eine Fülle von Nippsachen, allerliebste Dingelchen, nirgends ein Stäubchen. Es war mir ordentlich -unangenehm, mit meinen derben Stiefeln auf das blanke Parkett zu kommen. „Herr Leutnant", sagte mein Wirt, ich hoffe, daß Sie uns die Freude machten werden, unsere bescheidene Mahlzeit mit uns zu teilen, so lange Sie hier sind . . . meine Frau und Tochter werden darüber ebenso erfreut sein, wie ich!" ... Sollte sich da das geträumte Abenteuer finden? Wahrhaftig, jetzt, wo ich! das schreibe, glaube ich. es fast! „Elsa" ist 22 Jahre alt, hat 'prächtige dunkle Haare und große dunkle Augen, in denen es von Leben und Geist nur so sprüht, sie ist groß und schlank, eine prächtige Figur. Nicht solch ein kleines blutarmes Zierpüppchen. Sie ist eine vollkommene Schönheit, aber entzückend; ein Künstler würde vielleicht manches auszusetzen haben. . . aber ich möchte den sehen, der eine einzige Stunde snit ihr plaudert und nicht ganz von ihr bezaubert ist und sie reizend findet! Ich, thue es jedenfalls! Wie kommt ein Mtar in einem weltabgeschiedenen Nest zu solch einer Tochter! . . . geistig bedeutend! Ihre Stimwe klingt wie Musik. Ihr Lächeln ist reizend. Man hat sofort das Empfinden, daß sie einen voll versteht, selbst wenn man seine Gedanken nicht ganz in klare Worte ausdrücken kann. Wahrhaftig, sie ist überall beschlagen. Wir haben über Litteratur und Kunstgeschichte gesprochen, von dem Leben, in der Großstadt — 528 — itnb von der Landwirtschaft ist die Rede gewesen, ja sogar von der Mode und ihren Launen. Nichts, wo sie »richt Bescheid wußte, und welche richtige Auffassung, welches Verständnis, welche Reife des Urteils und dabei doch diese jugendliche Frische und Lustigkeit! Ach! welch herrlicher Abend und welch reizendes Ge- schöpschen! Wie recht ich hatte, als ich mich so auf das Manöver freute, da ich „sie" dabei kennen lernte . . . ich bin 27 . . . viele Offiziere in meinem Alter sind schon verheiratet. . . Tochter eines Notars... Und inzwischen sitze icfy an ihrem Schreibtisch, in ihrem Zimmer! Ja, ich habe das von meinem Burschen gehört, der weiß von dem Mädchen, daß dies das Zimmer des „gnädigen Fräuleins" ist. Hier lebt sie; ihre schönen Augen streifen über alles hin; diese Nippsachen werden jeden Tag von ihr berührt. Jeden Morgen sieht sie von ihrem Fenster den Garten, den tity jetzt betrachte. Es ist mir gerade, als wenn ich sie sehe, höre, ihre "Nähe spüre, hier in diesem Raum! Als ich erfuhr, daß ich ihr Zimmer inne habe, wollte ich fort, weil mir der Gedanke, sie vertrieben zu haben, schrecklich war. Dann aber überkam mich der Egoismus, die Freude, daß ich armer Zugvogel hier in diesem lauschigen Nestchen, in ihrem Reich, mich aufhalten kann! Ernstlich erwogen! Ich habe ja manche Dummheit gemacht, aber es bleibt mir doch noch immer eine ganz nette Summe, außer meinem Offiziersrang . . . ich werde schon Carriere machen. Mit 30 Jahren kann ich Hauptmann sein. Ich habe einen guten Namen. . . warum nicht? Werde ich je wieder einer Elsa begegnen? 8. September. Ach! In demselben Zimmer, in ihrem Zimmer, an ihrem Schreibtisch, wo ich gestern freudig bewegte Gedanken voller Hoffnungen auf die Zukunft niederschrieb, müß ich heute Mutlosigkeit und bittere Enttäuschung dem Papier anvertrauen. Und doch! wie schön war der gestrige Tag! Nach dem Frühstück schlug ihr Vater einen Waldspaziergang vor; bei langem Plaudern, in welchem es mir war, als wenn ich sie immer gekannt hätte, habe ich noch mehr als am ersten Tage alle Herzens- und Geisteseigenschaften von Elsa würdigen können. Immer hatten wir dieselben Anschauungen über Menschen und Dinge. Und wie sie das sagte, was sie sagte, welch inniges Empfinden, ein poetischer Hauch ging von ihr aus. Ich bin ganz berauscht von dem Spaziergang heimgekommen. Nach dem Abendessen, war ich mit ihr allein im Garten. Es war prächtiger Mondschein, die Luft so lind und weich. Ich schritt neben Elsa, entzückt von ihrer Nähe, und wir sprachen von dem Soldatenleben, von der Armee. Ich war erstaunt, welche genaue Kenntnis der militärischen Organisation sie besitzt, es ist gerade, als hätte sie sich speziell damit beschäftigt. Doch leider wurde es spät, wir mußten ins Haus; denn morgen früh 4 Uhr rücken wir aus. Ehe wir aber in den Lichtkreis des Hauses kamen, konnte ich mich nicht mehr bezwingen, das Herz klopfte mir zum Zerspringen, ich griff nach Elsas Hand und sagte mit zitternder Stimme: „Gnädiges Fräulein, ich! muß fort. . . mir würde das Scheiden nicht so schwer werden, wenn ich hoffen dürfte, daß Sie sich auch dieser Leiden Tage erinnern würden, die Mir ewig unvergeßlich- bleiben werden . . . und wenn ich Sie eines Tages Wiedersehen dürfte." „Gewiß, Herr Leutnant", war ihre Antwort, „ich werde gern an die angenehmen Stunden denken und der Zufall des Garnisonlebens wird uns vielleicht auch mal ein Wiedersehen bringen. . . .denn ich gehöre auch bald dazu. Hat Ihnen mein Vater nicht gesagt, daß ich mich Anfangs Oktober mit Herrn Robert Martin, Hauptmann bei der Artillerie, vermähle.? Er ist ein prächtiger Mensch, und jetzt auch im Manöver. Vielleicht treffen Sie ihn zufällig, und dann bitte ich Sie, ihm Grüße von seiner Braut zu bringen, die JhneU diese anvertraut." Und mit ihrem reizenden Lächeln fügte sie hinzu: „Also auf Wiedersehen, Herr Kamerad" .... Das ist das Ende von meinem Roman! 36 Stunden hat er gerade gedauert! Wenn Elsa morgen ihr Zimmer wieder in Besitz nimmt, wird sie ahnungslos sein, was ich darin gelitten habe! Und was mich inmitten meines Kummers noch ärgert, ist, daß sie einen von der Artillerie heiratet! Wenn es wenigstens noch ein Dragoner gewesen wäre! .... Ich glaube, ich habe genug von meinen Tage- buchblättern. Die Wettanschaunrrg Friedrich Nietzsches. Dargestellt von Dr. Hugo Kaatz. Zwei Teile in einem Band. 1. Kultur und Moral. 2. Kunst und Lebeu. Mit einem Bildnisse Friedrich Nietzsches. Zweite Auflage. 1899. Dresden und Leipzig. Piersons Verlag. Preis 4 Mark. Verfasser schreibt in der Vorrede unter anderem: „Bei dein Wandel der Ansichten, wie er in Nietzsches Werken zu Tage tritt, kann für die Zwecke dieses Buches natürlich nur diejenige Weltanschauung in Betracht kommen, zu der sich Nietzsche schließlich durchgerungen hat. Sie beginnt in „Menschliches, Allzumenschliches" sich vor- zubcreircn und erhält ihren vollen Ausdruck in „Morgenröte", „Jenseits von Gut und Böse", „Genealogie der Moral" und „Fröhliche Wissenschaft", sowie in dem Pamphlet „Der Fall Wagner". In „Zarathustra" versucht Nietzsche dieser Wcltauffassung den höchsten Ausdruck zu geben, indem er sie in eine andere Sphäre entrückt. In „Götzendämmerung" endlich stellt er gewisse Konsequenzen derselben in gedrängtester Form noch einmal zusammen." . Den Inhalt dieses Bücherkreises umfaßt die genannte Schrift. Unter Ausschluß jeder Kritik bringt sie nur die Anschauungen Nietzsches — und zwar, wo irgend angängig, mit Nietzsches eigenen Worten. So bleibt das Unmittelbare des Eindrucks gewahrt, was bei Nietzsche von ganz besonderer Bedeutung ist; denn selten noch sind Form und Inhalt zu einem so untrennbaren Ganzen zusammengeschmolzen worden, wie bei ihm. Man kann dem Verfasser das Zeugnis nicht versagen, daß es ihm glänzend gelungen ist, seine Aufgabe, in das Verständnis Nietzsches cin- zusühren, zu lösen. Nietzsches Hingang rückt uns sein Leben näher; auch mancher Leser dcr„Familienblättcr" wird sich demzufolge damit beschäftigen. Eine mehr oder minder beschränkte Weltanschauung bildet sich wohl ein jeder, ob sie aber überall den Maßstab der Ehrlichkeit dermaßen verträgt wie die schrankenlose Nietzsches, bleibe dahingestellt. Ihm muß der Neid es lassen, daß er grundehrlich verfahren ist gleicherweise gegen sich wie gegen andere. Rücksichtslos und dabei rücksichtsvoll, unbarmherzig und dennoch liebreich zu sein, war seine Stärke. Wie selten einem gilt ihm der Wahrspruch: „Dieser ist ein Mensch gewesen, und das heißt ein Kämpfer sein!" Ohne uns im übrigen zu seinen Anschauungen zu bekennen, musten wir doch Nietzsches durchdringende Geistesschärfe aufrichtig bewundern, und, obgleich er lauteres Mitleid für ein Unding erklärt, nötigt gerade sein herbes Mißgeschick uns solches ab.____ Bdt. W. H. Riehls GeschichtenHid^Novellen. Gesamt-Ausgabe. Erscheint vollständig in 44 Lieferungen zu 50 Pf., alle 14 Tage eine Lieferung. Stuttgart. I. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger G. m. b. H. Die Lieferungen 32—37, die den 6. Band, den vorletzten der ganzen Sammlung bilden, enthalten den von Riehl unter dem Namen „Feierabend" vereinigten Novellenkranz. Der Wunsch, den der Verfasser, in dem als Vorwort gedruckten launigen Begleitbrief an einen musikalischen Freund, zum Ausdruck bringt: daß aus diesen Erzählungen etwas vom Frieden feierlicher Augenblicke, den er bei der Entwerfung empfunden, auf die Leser übergehen möchte, ist schon an Tausenden in Erfüllung gegangen und wird gewiß noch an vielen Anderen Erfüllung finden. Denn als unalternd erweist sich ja, mitten im Gedränge neuer und neuester Litteratur- bestrebungen, die Riehl'sche Kunst. Ihre architektonisch-musikalische Eigenart, von der jene besänftigende, friedengebendc Wirkung ausgeht, tritt in dem Aufbau der Novellen gerade dieses Bandes (Das verlorene Paradis, Wanda Zalnska, Seines Vaters Sohn, Mein Recht, Burg Neidcck, der alte Hund) ganz besonders hervor. Riehl giebt sogar den scherzhaften Rat, die Sachen in gewissen verschiedenen Tempi zu lesen. Es ist ein Scherz, hinter dem aber ein tieferer, berechtigter Smn sich verbirgt. ---------------- Logogriph. Nachdruck verboten. Mit goldigem Glanze und ehernem Ton, Und doch nur ein Bastard, ein Mischlingssohn! Vertausche mein „g" in ein „a", und ich werde Ein üppiger Garten auf südlicher Erde, Am Mittelmcer; an gesegnetem Strand Beschenk' ich mit goldenen Früchten das Land. m. Auflösung in nächster Nummer. , Auflösung des Magischen Dreiecks in voriger Nummer: Aster Saul Tum E l R »tWkteR: e. Bur^rht. — Druck und «erlag der Brühl sch-n U«i»rrsit«tS.Buch. und Steiudruckerei (Pietsch Lrberr) in Bi-ßen. der daß ihm in i aus us lich ihr ihr