1900. MW WS 'st das leichteste Spiel von allen. Stelle dich selber dar, Und du läufst nie Gefahr, Aus deiner Rolle zu fallen. Rückert. (Nachdruck verboten.) Geächtet. Nomau von Lothar Brenkendorf. iForrseyuug.) Die Kleine konnte ihre Betroffenheit nicht ganz verbergen. „Wirklich ? Wir werden hier immer mutterseelen- allern für uns bleiben müssen? Das ist freilich nicht sehr- verlockend. Aber ist es denn gar so weit von Königsberg bis Lasdehnen?" Die Frage war ihr augenscheinlich halb gegen ihren Willen entschlüpft, denn sie wurde sehr rot, noch ehe das letzte Wort heraus war, und als sie es nun gar wie ein verständnisvolles Lächeln um Elisabeths Lippen zucken sah, hätte sie gewiß am liebsten ganz auf eine Antwort verzichtet. Aber es war zu spät, und sie mußte es schon geschehen lassen, daß die Freundin neckend erwiderte: „Von dort her also erwartest Du das §eü? Und die gelegentlichen Besuche eines gewissen Leutnants vom Kii- rassierregiment Möllendorf würden Dir vielleicht sogar die angenehmen Nachbarfamilien ersetzen, auf deren Vorhandensein iä) Dir leider keine Hoffnung machen darf?" „Ach, Du bist garstig", schmollte Charlotte. „Als ob es iii Königsberg nicht auch noch andere Leute gäbe! Am Ende glaubst Du gar, ich verginge in Sehnsucht nach einem Menschen, der so unbeständig ist, daß er nur den Rücken zu wenden! brauchte, um uns alle; miteinander zu vergessen". „Jedenfalls hat es nicht den Anschein, als wärest Du auf dem Wege, ihm Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Wie lange ist es wohl her, daß Du zum letzten Male von ihm geträumt haft?" Jetzt glühte das Fräulein von Menzelius wie eine Päonie. „Wenn ich von ihm geträumt hätte, wäre ich etwa dafür verantwortlich? Aber es ist auch gar nicht wahr. Dieser Herr von Kapnist ist mir höchst gleichgiltig, o so gleichgiltig! Ich wünschte wahrhaftig, er käme einmal Yrerher, nur, damit ich Euch endlich beweisen kann, wie gleichgiltig er mir ist". Diese Versicherung wäre ohne Zweifel viel glaubhafter- gewesen, wenn sie in einem minder leidenschaftlichen Tone abgegeben worden wäre, und wenn nicht zugleich ein paar Helle Thränlein in den hübschen Augen gefunkelt hätten. Elisabeth aber kam nicht mehr dazu, einem etwaigen Zweifel Ausdruck zu geben, denn nun erschien auch! Frau von Menzelius, und mit ihrem Eintritt war das Thema sofort abgethan. Die junge Gutsherrin rief ihre Zofe und befahl ihr, sich nachj dem Stande der Vorbereitung für das Abendessen zu erkundigen. Es gab eine neue Ueberraschung, als das Mädchen mit der Meldung zurückkam, man habe rn der Küche nur aus den Befehl des Servierens gewartet, und als in der That kaum fünf Minuten später ein Mahl aufgetragen wurde, dessen Reichhaltigkeit und vortreffliche Herrichtung alle Hoffnung weit übertraf. Frau von Menzelius, die auf diesem Gebiete sachverständiger war, als auf irgend einem anderen, erging sich in beinahe feurigen Lobeserhebungen auf den trefflichen Wülfing, der in ihren Augen mehr und mehr zu einem wahren Hexenmeister wurde. Wenn ihr auch das Opfer, das sie Elisabeth mit dieser Uebersiedelung gebracht hatte, noch immer als ein geradezu heldenhaftes erschien, so begab sie sich doch eine Stunde später in viel besserer Stimmung zur Ruhe, als sre es beim ersten Anblick der Schloßruinen für möglich gehalten hätte. m In der Frühe des nächsten Tages, als ihre beiden Reisegefährtinnen noch im süßesten Schlummer lagen, begann Elisabeth unter der Führung des Verwalters mit der Besichtigung ihres Gutes. Schon der Besuch der Stallungen und der übrigen Wirtschaftsgebäude lieferte ihr den Beweis, daß er keineswegs übertrieben hatte, wenn er in seinen Berichten immer wieder von der Übermensch^ lrchen Arbeit gesprochen, die er in ihrem Interesse auf >lch genommen. Was er da innerhalb dieser wenigen Monate mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln aus Schutt und Trümmern hatte neu erstehen lassen, war des höchsten Lobes wert, und sie versagte ihm ihre Anerkennung nicht. Noch auffälliger aber offenbarten sich ihr die Erfolge seiner Thätigkeit bei einem Ritt über die Felder, an deren Bestellung die Leute überall mit sichtlichem Eifer thatng waren. In weitem Umkreise schon hatte er den verwahrlosten Boden für eine nutzbringende Bebauung zurückgewonnen, und er durfte wohl mit berechtigtem Stolz aussprechen, daß man für diesen Sommer sicherlich in ganz Litauen nirgends eine reichere Ernte erhoffen durfte als hier in Lasdehnen. Dabei war sein Benehmen gegen Elisabeth vollkommen musterhaft und gab ihr nicht den geringsten Anlaß, die Mahnung vom gestrigen Tag zu wiederholen. Wohl bedienten sie sich, wenn sie ohne Zeugen waren, m ihrer Unterhaltung des verwandschaftlichen Du; doch Franz von der Röcknitz bewahrte trotz dieser vertraulichen Anrede auch dann die bescheidene Haltung eines Untergebenen, der seine Meinung nur zu äußern hat, wenn er ausdrücklich darum befragt wird, der in ge- — 458 bährender Demut das Lob wie den Tadel hinnimmt, und sich in allen Stücken ohne Widerspruch dem höheren Willen der Gebieterin unterwirft. Und wie an dem ersten Morgen verhielt er sich auch während der folgenden Tage, obgleich die Auszeichnung, die ihm Frau von Menzelins zu teil werden ließ, wohl darnach angethan gewesen wäre, ihn stolz zu machen. Die kleine, dicke Dame hatte offenbar eine ganz besondere Vorliebe für ihn gefaßt. Da ihr der Posten eines einfachen Gutsverwalters für den weltgewandten, allezeit verbindlichen und artigen Mann eigentlich viel zu gering dünkte, hatte sie ihm aus eigener Machtvollkommenheit den Titel eines Intendanten verliehen, mit dem sie ihn bei jeder Gelegenheit voll freundlichster Herablassung anredete. Schon am dritten Tage lud sie ihn in Elisabeths Gegenwart huldreich ein, mit ihnen zu speisen. Daß er diese Gnade als etwas ihm nicht Geziemendes bescheiden ablehnte, hatte ihre Wertschätzung seiner ausgezeichneten Eigenschaften nur gesteigert, und Elisabeth würde sicherlich auf den entschiedensten Widersprach von feiten ihrer miitterlichen Freundin gestoßen sein, wenn sie ihn aus seiner Stellung hätte entlassen wollen. Die junge Gutsherrin selbst aber hatte noch öor. Ablauf der von Franz ausbedungenen erschn Woche diesen Gedanken aufgegeben. Daß sie inzwischen volle Gewißheit darüber erlangt hatte, wie unschätzbare Dienste er ihr hier geleistet und wie schwer, ja unmöglich! es sein! würde, einen geeigneten Ersatz für ihn zu finden, hatte nur den kleinsten Anteil an ihrer Entschließung gehabt. Ungleich schwerer fiel für sie die Erkenntnis ins Gewicht, daß die Thätigkeit auf Lasdehnen wirklich einen anderen, besseren Menschen aus ihm gemacht habe. Sie hätte kein Weib sein müssen, wenn das Bewußtsein, einen fast schon Verlorenen gerettet zu haben nicht ihrer Eigenliebe ^geschmeichelt und sie nicht mit einem gewissen Stolz erfüllt hätte. Die Möglichkeit, daß er in einer anderen Umgebung den kaum gewonnenen Boden wieder unter den Füßen verlieren und dann vielleicht tiefer sinken würde als Zuvor, ließ in ihrem Herzen ein Gefühl der Verantwortung entstehen, das sie gegen den Urheber ihres bittersten - Kummers freundlicher und rücksichtsvoller machte, als sie selbst es dereinst für möglich gehalten. Franz von der Röcknitz konnte also mit dem Erfolg dieser ersten acht Tage rechr .wohl zuftieden sein, und er hütete sich weislich, ihn durch ein unbedachtes Wort oder auch nur durch! einen verräterisch begehrlichen Blick leichtsinnig wieder aufs Spiel zu setzen. — Einmal freilich mußte er sich dennoch einen ziemlich herben Tadel aus Elisabeths Munde gefallen lassen. Sie war bei einbrechender Dunkelheit von einem Ritt über die Felder heimgekehrt und hatte sich eben aus dem Sattel geschwungen, als ein finster blickender, grauhaariger Mann, der offenbar auf ihre Ankunft gewartet hatte, entblößten Hauptes, doch in auffallend trotziger Haltung ihr den Weg in das Haus vertrat. Elisabeth erkannte in ihm einen der Gutstagelöhner, dessen mürrisches, wenig ehrerbietiges Benehmen schon wiederholt ihre Verwunderung erregt hatte. „Was wollt Ihr?" redete fte rhn an. „Habt Ihr etwas Besonders auf dem Herzen?" Der Mann drehte seine Mütze zwischen den plumpen Fingern und sah düster vor sich hin. Es fiel ihm offenbar sehr schwer, sich zu einer Bitte zu zwingen. „Mit Euer Gnaden Erlaubnis", stieß er endlich mühsam 'hervor, „weiter nichts, als daß ich nicht gerne verhungern möchte". „Vor solcher Gefahr, denke ich-, wäret Ihr auch ge- fichert Giebt man Euch hier nicht Speise und Trank? Und werdet Ihr nicht nach Verdienst für Eure Arbeit bezahlt.Z ^her dieser Hund, dieser Leuteschinder, den Euer Gnaden uns als Herrn gesetzt haben, will mich davonjagen". „Hütet Eure Zunge, Mann, und wagt Eure Worte, wenn Ihr wollt, daß ich Euch! anhören soll!" unterbrach ihn Elisabeth streng. „Ist es der Verwalter Wülfing, von dem Ihr in so ungehörigen Ausdrücken redet?" „Wer sonst als er! — Der Satan möge — aber ich will meine Zunge hüten, wie Euer Gnaden befehlen. Was thut man nicht alles um ein Stück Brot, wenn man erst einmal zum Bettler geworden ist!" „Will der Verwalter Euch entlassen, so werdet Ihr es jedenfalls auf irgend welche Art verschuldet haben. Ich kann Euch keine Antwort geben, bevor ich nicht weiß, was ihr gegen ihn gefehlt". „Was ich gegen ihn gefehlt? — Hm! — Meine Hacke habe ich ihm vor die Füße geworfen, und vielleicht — nun, vielleicht hätte ich ihn zu Boden geschlagen, wenn nicht ein paar andere mir in den Arm gefallen wären. Nun werden Euer Gnaden vermutlich finden, daß mir mit dem Verhungern nur mein Recht geschieht, nicht wahr?" „In der That, ich wüßte nicht, was ich nach solchem Geständnis noch für Euch thun soll, zumal es durchaus nicht den Anschein hat, als ob Ihr Euer sträsliches Handeln bereutet". „Bereuen?" fuhr er auf. Doch dann, da Elisabeth Miene machte, sich von ihm abzuwenden, fügte er mit schwer erzwungener Unterwürfigkeit hinzu: „Wenn ich mir mein armselig Stück Brot auf andere Art nicht erkaufen kann — wohl, so will ich in Gottes Namen auch bereuen und Buße thun. Jhro Gnaden sollten ein wenig Geduld mit mir haben. Ich war nicht immer ein Bettler und ein elender Knecht wie heute. Es ist noch, nicht lange her, da saß ich; als freier Mann auf meiner eigenen Scholle und hätte mich vor keinem Menschen ge- demütigt — vor keinem adligen Fräulein und vor keinem hergelaufenen Halunken. Aber dieser dreimal verfluchte Krieg hat mich um alles gebracht, um Weib und Kinder, um Haus und Hof. Ich habe nichts aus all dem Jammer gerettet als das nackte, armselige Leben, und das möcht' ich, wenn es denn sein muß, immer noch lieber am Galgen enden als in einem Graben am Wege, wo mir's der Hunger ftückweis abfrißt". Ein mühsam unterdrückter, leidenschaftlicher Grimm glitzerte unheimlich in den Augen des Alten. Das Mitleid, das sich schon in Elisabeths Herzen für ihn geregt hatte, wandelte sich bei seinen letzten, drohend hervorgestoßenen Worten in lebhaften Unwillen. „Ihr führt Eure Sache sehr schlecht", sagte sie in dem gebietenden Tone der Herrin. „Wie groß auch immer Euer Unglmck fern mag, es giebt Euch nimmermehr ein Recht zu trotziger Auflehnung gegen die, von denen Ihr Wohlthaten empfangen habt". „Wohlthaten?" fiel er mit wildem Hohne ein. „Nun ja, Euer Gnaden mögen es wohl so ansehen, und ich elender Tagelöhner kann mit einer so vornehmen Dame natürlich nicht um Worte rechten. Vielleicht wissen es das gnädige Fräulein auch gar nicht, wie bitter das Brot schmeckt, das man sich! hier auf Lasdehnen erarbeitet; denn es ist mit Schimpf und Erniedrigung gewürzt, wie das Brot im Zuchthause. Das Vieh vor dem Pfluge und der Hund an der Kette haben es besser als wir, die wir vor diesem herzlosen Schurken im Staube kriechen sollen. Ja, ich sage es noch einmal frei heraus vor Euer Gnaden: heute hält' ich ihn niedergeschlagen, wenn sich nicht diese jämmerlichen Knechtsseelen zwischen ihn und mich geworfen hätten. Denn auch auf einen Bettler soll man nicht mehr Schmach! häufen, als er ertragen kann. Ich sollt' mich nicht wieder auf Lasdehnen blicken lassen, oder die Hunde würden auf mich gehetzte Müßt' ich, wohin ich mich wenden soll, bei Gott, ich hätte mir's nicht zweimal sagen lassen. Aber wenn ich von hier fort muß, kann ich mich getrost hinter die erste beste Hecke legen und mein Ende abwarten. Darum bitte ich Euer Gnaden in aller schuldigen Ehrfurcht, mich! auf Lasdehnen zu behalten". Ein paar Sekunden lang war Elisabeth wirklich unentschlossen, dann aber schüttelte sie, wenn auch ohne verletzende Unfreundlichkeit, verneinend den Kopf. „Es geht nicht. Eure eigenen Worte machen es mir unmöglich!. Wenn es Eure Meinung war, daßber Verwalter Euch- unrecht that, so hättet Ihr Euch bei mir beschweren sollen. Offene Widersetzlichkeit aber darf ich mcht dulden, wenn nicht jegliche Ordnung anfhören soll, ^hr mögt noch für diese Nacht auf Lasdehnen bleiben, morgen 459 — aber müßt Ihr Euch anderswo nach, Arbeit umsehen. Man wird Euch Euren Lohn auszahlen und Euch überdies eine Wegzehrung reichen. Das ist alles, was" ich für Euch thun kann". Die Brust des Mannes hob sich in einem tiefen Atemzuge. Ein wahrhaft unheimlicher Blick wütenden Hasses traf das Gesicht seiner schönen, jungen Herrin, aber er erwiderte nichts mehr. Wortlos stülpte er die Mütze auf das graue Haar und wendete sich zum Gehen. In der nächsten Minute schon war seine hagere, sehnige Gestalt in der Dämmerung zwischen den Wirtschaftsgebäuden verschwunden. (Fortsetzung folgt.) Derby und Bankholidah. Eine Plauderei aus England. Von Leopold Kätscher. Nachdruck verboten. Wer wüßte nicht, was „der Derby" ist? Man hat das unter diesem Namen bekannte große Pferderennen, das alljährlich zu Epsom, einem auch, wegen seiner Bittersalz- quellen berühmten Städtchen^ vor sich geht, nicht mit Unrecht „die isthmischen Spiele der Engländer" genannt. Gewisse blasierte Cyniker behaupten, seit einigen Jahren habe dieser nationale Festtag ausgehört, unterhaltend zu sein, er weise keine Heiterkeit oder Lustbarkeit mehr auf, es herrsche beim Derby keine Aufregung mehr. Das ist aber falsch. Die frühere „Heiterkeit" und „Aufregung" herrscht freilich nicht mehr, und das ist gerade recht erfreulich Es kommt ganz darauf an, was man unter Spaß und Scherz, unter Lustigkeit und Amüsement versteht. Die Zeiten ändern sich eben, und das ist ein Glück. Vermissen jene Blasierten etwa die rohen Scherze, die den Derby einst kennzeichneten, die empfindlichen Blasrohre, die umhergeschleuderten Mehldüten, die falschen Nasen, oder die scheußlichen Masken? Ehemals galt kein Derby für regelrecht, wenn nicht eine Anzahl anständiger Menschen auf der in Staub gehüllten Landstraße mit schlimmen Subjekten in ein Handgemenge gerieten. Kindischen Blödsinn sah man für Humor an, und die Narren, die den tollsten Mummenschanz trieben, wurden als die besten Gesellschafter betrachtet. Jetzt ist beim Derby von alledem freilich fast gar nichts zu sehen; aber der Umstand, daß die ungeheure Volksmasse sich heutzutage geziemend und anständig zu benehmen pflegt, berechtigt noch nicht zur Behauptung, daß die Leute den Sinn für ein richtiges Vergnügen verloren haben. Je schöner das Wetter, desto gewaltigere Volksmassen wallfahrten nach Epsom, desto gemütlicher ist die Stimmung des Publikums. In einer so ungeheuren Menschenansammlung kann es selbstverständlich niemals an Gaunern, Bettlern und Landstreichern fehlen; allein während diese Elemente früher eine peinlich hervorragende Rolle spielten, machen sie seit einigen Jahren sich nur in ganz geringem Maße bemerkbar, und die Menge beträgt sich friedlich und unaufdringlich. Alljährlich erscheint das englische Thronfolgerpaar nebst mehreren anderen Mitgliedern der königlichen Familie auf dem Rennplätze. Eine oder die andere Gruppe hochstehender oder offizieller Persönlichkeiten nimmt ihr Gabelfrühstück unter entsprechend eingerichteten Zelten ein. Nach der traditionellen Theorie mag es vielleicht regelrechter sein, im Freien zu sitzen, den Teller auf dem Schoß zu halten, wegen des Gleichgewichts der Trinkgläser fortwährend in Angst zu sein und nach der Mahlzeit die Abfälle ins Gras oder auf die Straße zu werfen; minder „romantisch", dafür aber zweifellos angenehmer und bequemer ist es, unter Dach und Fach an einem Tische behaglich essen und dann das Wettrennen ungestört, das heißt ohne Rippenstöße mit ansehen zu können. Hat man nach der Ankunft in Epsom auf der Wiese oder dem Hügel Posto gefaßt, so hat Man hauptsächlich dreierlei zu thun: die Ankommenden zu mustern, dann zu speisen und schließlich ob des Wettrennens in Aufregung und Begeisterung zu geraten. Die erstgenannte Beschäftigung wird immer wichtiger; denn die besser situierten Klassen machen von Jahr zu Jahr Fortschritte in der Auserlesenheit der Toiletten, in denen sie beim Derby erscheinen. — Zwischen dem Essen und dem Beginn des Wettrennens begeben sich viele auf den eingehegten, ungemein ruhigen, selbst in der Sonnenhitze erfrischend kühle« Weideplatz, wo die Anwesenden lautlos durchs hohe, blumenbesäete Gras wandeln, von den Bewegungen der hier weidenden Pferde angezogen und außer stände, den Derbylärm zu hören oder das bunte Treiben der Menge zu sehen. Kaum gießt jedoch der Polizei-Inspektor das Zeichen zum Beginn der Prozession, stürzt jedermann aus der Einfriedigung, um auf den Schauplatz des Wettrennens zurückzueilen. Alsbald bemächtigt sich des Publikums eine gewaltige Aufregung, Teller und Schüsseln, Gläser und Messer, Gabeln und Löffel werden zur Seite geworfen, die leeren Flaschen unter die Wagen geschleudert, alle verfügbaren Sitze erklommen und sämtliche vorhandenen Turf- Fernrohre auf das höchst bemerkenswerte Schauspiel gerichtet. Natürlich kann nur ein verhältnismäßig geringer Teil der Myriaden das eigentliche Rennen deutlich sehen; die Uebrigen erwarten mit Spannung das Glockenzeichen, und alle verhalten sich so mäuschenstill, als hätten sie den Atem verloren. Plötzlich ertönt eine Stimme, gleich darauf ein Dutzend, dann Tausende und bald schreit die ganze Versammlung aus vollem Halse den Namen des gewinnenden Pferdes. Endlich macht sich die verhaltene Aufregung bei den Gewinnenden wie bei den Verlierenden in einem allgemeinen tiefen Aufseufzer Luft. Das Volk auf der Wiese beginnt zu tanzen, die andern besteigen ihr Pferd, ihren Wagen oder einen Eisenbahnzug, um nach Hause zurückzukehren und — der Derby ist vorbei! Der Derby ist zwar ein nationaler Festtag, aber er kann doch nur von Leuten mitgemacht werden, die ihr Alltagsberuf nicht von Epsom fernhält. Anders ist es mit den sogenannten „Bankseiertagen". Diese können von jedermann oder doch von den allermeisten gehalten werden. Da die Sonntagsfeier in England bekanntlich eine ungemein strenge ist, haben die Leute, die die ganze Woche hindurch beschäftigt sind, äußerst selten Gelegenheit, die öffentlichen Sammlungen — Museen, Bildergallerien usw. — oder die Vergnügungslokale — Theater, Aquarien, Tiergärten, Unterhaltungspaläste und dergleichen — zu besuchen. Vor einer Reihe von Jahren nun wurde aus Betreiben des berühmten Naturforschers Sir John Lubbock, der auch Bankier und Parlamentsmitglied ist, ein Gesetz geschaffen, wonach alljährlich an vier Werktagen alle Bankhäuser gesperrt zu bleiben häten, um den Angestellten Gelegenheit zu geben, manches mitzumachen, was ihnen sonst unzulänglich! bliebe. Bald wurde das humane Gesetz auf sämtliche Geschäftshäuser, Fabriken, Werkstätten ausgedehnt, die betreffenden Tage aber, der Ostermontag, der Pfingstmontag, der erste Montag im August und der Tag nach dem Weihnachtstag — heißen noch immer „Bankferien". Der Montag wurde gewählt, weil die Leute, wenn sie wollen oder können, dadurch in der Lage sind, Samstagabends auf das Land, an die Seeküste oder sonst wohin zu reisen, um bis Dienstagmorgens zu bleiben. An diesen Tagen sind denn auch — mit Ausnahme der Tabakläden, der Wirtshäuser und der Zuckerbäckereien, alle Ge- schäftslokale gesperrt, sogar die meisten Postämter; selbst die Briefträger haben von neun Uhr morgens bis acht Uhr abends Ruhe. Natürlich hängt der Erfolg der Bankholi- days größtenteils vom Wetter ab. Die „Priester des heiligen Lubbock" — so nennt man scherzhaft jene, die an diesen Feiertagen etwas mitmachen — flehen jedesmal schon längere Zeit vorher den „Clerk of the weather", den „Wettergott", um schönes Wetter oder doch mindestens ein trockenes Firmament an. Werden die Gebete von dieser ebenso wichtigen, wie einflußreichen Persönlichkeit gnädigst erhört, so hat das zur Folge, daß die Eisenbahn-Gesellschaften und die Besitzer aller übrigen Beförderungsmittel, sowie der Vergnügungsstätten glänzende Geschäfte machen. Genreinnütziges. Rohrgeslecht zu spannen. Das Rohrgeflecht bei Stühlen wird wieder straff und fest, wenn man den Stuhl stürzt, das Rohrgeflecht mit ganz heißem Wasser mittels eines Schwammes recht gründlich anfeuchtet und abwäscht, sodaß sich! das Rohrgeslecht tüchtig mit Wasser an- 460 saugen kann. Hierauf stellt man den Stuhl in die freie Lust oder noch besser in die scharfe Zugluft und laßt ihn trocknen. Alte Parkettböden erhalten ihre ursprüngliche Farbe wieder, wenn man folgendes Verfahren einleitet: Man macht sich, aus einem- Teil calcinierter Soda, einem Teil gelöschtem Kalk und 15 Teilen Wasser eine Lauge, läßt dieselbe dreiviertel Stunden lang kochen und bestreicht damit dann den Fußboden. Nach einiger Zeit reibt man denselben mit einer Bürste feinem Sand und genügend Wasser ab, damit das alte Wachs heruntergeht. Alsdann macht man eine Mischung aus einem Teil konzentrierter (unverdünnter) Schwefelsäure und acht Teilen Wasser und bestreicht damit den Boden. Auf diese Weise wird die Farbe des Bodens gereinigt und belebt. Nach der gründlichen Reinigung läßt man gut trocknen und behandelt den Boden durch Bohnen wie einen neuen. Frische Tintenflecke lassen sich aus Teppichen unb Wollstoffen leicht mit Hilfe von Milch entfernen, ohne daß eine Spur davon zurückbleibt, wenn die Tinte noch feucht ist. Man tröpfelt zu diesem Zwecke, nachdem etwa noch vorhandene Tinte durch Löschpapier oder Watte abgesaugt ist, ein wenig süße Milch aus den Fleck und saugt diese mit Löschpapier oder Watte auf. Dies wird mehrere mal mit frischer Milch und Watte wiederholt, bis der Fleck verschwunden ist. Es scheint, daß die emulgierten Fettartikel der Milch die farbegebenden Metallsalze der Tinte einhüllen und mit fortnehmen. Kitt für Petroleumlampen. Es kommt zuweilen vor, daß die Glaskugeln der Petroleumlampen von den metallenen Füßen abgehen und darum zwecks Reparatur zum Spengler gesandt werden müssen. Diese Verkittung kann jedoch ein jeder Hausvater selbst vornehmen, wenn er folgenden Kitt anwendet: Ein Stückchen Alaun wird in einem Blechlöffel recht heiß gemacht, die flüssige Masse in die Oeffstung des Metallfußes gegossen und der Petroleumbehälter sofort hineingedrückt. Da der heiße Alaun sofort wieder verhärtet, so muß diese Verkittung eiligst ausgeführt werden. Reinigung lackierter Präsentierteller. Lackierte Präsentierteller darf man nicht mit heißem Wasser reinigen, weil sonst der Lack springt und sich abblättert. Man nehme ein weiches Läppchen, gieße darauf einige Tropfen Oel und reibe damit so lange, bis der Teller wieder trocken ist. Sieht er schmierig aus, so stäube man etwas Mehl darauf und poliere es mit einem weichen, trockenen Lappen ab. Wie schmiert man die Schuhe? Das am meisten angewandte Mittel zum Schmieren der Schuhe ist der Thran, obgleich er das schlechteste ist; denn er ist gleich dem Leinöl ein eintrocknendes Oel, und das Leder bleibt nur etwa einen Tag davon durchtränkt, wird dann wieder hart und brüchig. Die besten Mittel sind das aus Tierwolle gewonnene gereinigte Lanolin und gelbes Vaselin. Beide Mittel brauchen nur mit einem Läppchen aufgetragen zu werden; sie ziehen nach einigen Minuten vollständig ein, und das Leder bleibt viele Tage von ihnenj durchtränkt und geschmeidig. Diese Mittel find etwas teurer als der Thran, man braucht aber weniger davon, auch sind sie geruchlos und für das zarteste Leder nicht von Nachteil. i Isür die Küche. Savo ury-Eier. Einige Scheiben gekochtes Hammelfleisch oder was man sonst hat (etwas Fett ist daran zu lassen), wiege man fein, vermische es mit wenig gestoßenem Pfeffer, Salz, einer Messerspitze gewiegter Petersilie, buttere einen alten Teller, welcher Ofenhitze verträgt, gut aus, überstreue ihn mit gewiegtem Fleisch, schlage frische Eier auf, lege sie nebeneinander neben das Fleisch, stelle den Teller auf den warmen Herd, siede die Eier langsam weich, bis das Eiweiß geronnen ist, ohne daß das Gelbe hart wird, halte geröstete Semmelscheiben auf warmem Teller bereit, schiebe das ganze vorsichtig darauf und trage auf. Nach Belieben können statt der Semmel dünne Scheiben fetter Schinken verwendet werden. Hrnnspistisehes. Kindermund. Junge: „Ach, geben Sie mir doch noch eine Schachtel von den Pillen, Herr Provisor, die Sie meinem Vater gestern gegeben haben." — Provisor: „Sie thun ihm also gut, mein Junge?" — Junge: „Das weiß ich nicht; aber ich stecke sie immer in mein Pusterohr!" Ein sparsamer Gatte. „Moritz, mir is schlecht, ich hab' ferchterliche Zahnschmerzen — schick' zum Doktor, ich glaub', ich-sterb'!" — „Aber Frau! Was willst De schicken zum Doktor heit am 28. Dezember! Soll'n wer doch warten bis zum 1. Januar! Brauchen mer dann zu bezahlen die Rechnung erst im nächsten Jahrhundert!" £ifierarifd?es. Als sechster Band des neunten Jahrgangs der Veröffentlichungen des „Vereins der Bücherfreunde", (Geschäftsleitung: Verlagsbuchhandlung Alfred Schall, König!. Preuß. und Herzog!. Bayer. Hofbuchhändler), Berlin W. 30, erschien soeben: Im Weltgelriebe. Roman von Clarissa Lohde. Umfang 20 Bogen. Preis geheftet 3. Mk- 50 Pfg., gebunden 4 Mk- 50 Pf. Für Mitglieder des „Vereins für Bücherfreunde" kostet der Band nur 1 Mk. 85 Pfg. geheftet und 2 Mk. 25 Pfg. gebunden. 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