(Nachdruck verboten.) Die Irre von Sankt Rochus. Kriminalroman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Ungeduldig schritt der junge Arzt Doktor Gerth im Wartesaale der kleinen Eisenbahnstation auf und ab. Er war mit dem Zuge der hier abzweigMden Nebenlinie angekommen und wollte die Reise auf der Hauptlinie sort- setzen. Der erwartete Zug hatte aber fünfunddreißig Minuten Verspätung, und das ist ein verzweifelter Aufschub, wenn man zu einem .totkranken Bruder reist, dem mau vor seinem Hinscheiden noch jein letztes Mal die Hand drücken will. Eben schrillte der Pfiff einer Lokomotive, mächtig brauste es heran, und die Schatten einer langen Wagenreihe verdunkelten plötzlich den Saal. Aber der angekommene Zug war nicht der erwartete, sondern er kam aus der Provinzialhauptstadt, und dorthin wollte der junge Arzt. Des Auf- und Abgehens überdrüssig, trat er an eins der Fenster und blickte zerstreut in das bunte Gedränge der aussteigenden Personen. Unter diesen siel ihm eine junge Dame aus, welche durch die Perrvnthüre in den Wartesaal trat. Ihre hohe, schlanke Gestalt war vom reizvollsten Ebenmaß. Wer sie sah, dessen Blick wurde sogleich von den großen, tiefdunklen Augen gefangen, welche wie zwei Sterne flammten. Das zwischen Hut und Stirn hervorschauende rabenschwarze Haar war mit Verleugnung aller herrschenden Mode schlicht gescheitelt, doch vermochte diese puritanische Einfachheit die Schönheit der Gesichtszüge . nicht zu beeinträchtigen. Aber dieses Antlitz war bleich und fast bis zur Durchsichtigkeit von einem tiefest Leid vergeistigt, und in den wunderbaren Augen lag ein Ausdruck von Trauer, Schwermut und Hoffnungslosigkeit, von welchem der junge Arzt sich tief ergriffen fühlte. Sie nahm in der hintersten Ecke des Saales an einem kleinen Tische Platz. Zwei andere Passagiere, ein Mann und eine Frau, setzten sich zu ihr. Nach ihrer Kleidung und ihren sehr gewöhnlichen, derben Gesichtszügen zu schließen, waren beide keine passende Gesellschaft für die junge Reisende, welche den ^Eindruck einer feingebildeten Dame machte. Dennoch fchienen fie zu ihr zu gehören; I K EM Sfi chöne Gedanken und Edelsteine Wollen die Welt entzücken; Diese blitzen im Sonnenscheine, Jene in Herzen und Blicken. Julius Lobmeycr. denn der Mann wechselte einige Worte mit ihr, woraus die Frau nach dem Buffet ging und ihr ein Glas Wasser brachte. In einem Dienstverhältnisse standen sie jedoch nicht zu der Dame, wenigstens war von jener bescheidene Reserve, jener höflichen Unterprdnung, svelche dienende Personen im Verkehr mit ihrer Herrschaft zeigen, an ihnen nichts zu bemerken. Während Dr. Gerth darüber grübelte, welch schweres Leid die schöne Reisende in der Blüte ihres Lebens wohl schon getroffen haben könne, und in welchem Verhältnisse sie zu ihren Begleitern stehen mochte, begegnete er dem dunklen Augenpaare der interessanten Fremden. Als habe sie erraten, welche Fragen ihren Beobachter beschäftigten, streifte sie mit scheuem Blicke ihre beiden Reisegestossen und senkte dann das Auge zu Boden, um es nicht mehr zu erheben. Die Ankunft des erwarteten Zuges schreckte den Arzt aus seinen Gedanken. Er mußte sich losreißen von dem verstohlen genossenen Anblick dieses seingeschnittenen Gesichtes mit dem geheimnisvollen Leid. Noch einmal sah er zurück, als er den Wartesaal verließ und noch einmal begegnete er ihrem Auge, das ihm gefolgt war. Während der Fahrt schwebten ihm fortwährend die graziöse Gestalt, die schmerzliche Trauer jener Züge, diese wunderbaren, von tiefem Seelenleid erfüllten Augen vor. Und wer waren ihre seltsamen Begleiter? Ach, daß ihm dies jetzt erst einfiel! Gerade ihm hätte es nahe liegen müssen, sich diese Fragen zu beantworten. Der Eisöst- bahnzug, auf welchen die drei Reifenden zu warten fchiesten, berührte einen Ort, wohin schon mancher gekommen war, welcher in unpassender, ihm ausgezwungener Begleitung reiste, zu seiner eigenen oder zu anderer Leute Sicherheit. Das war die Landesirrenanstalt Sankt Rochus, und von diesem traurigen Orte war Dr. Gerth gekommen. War dies das Reiseziel der schönen Unbekannten, und wärest jener Mann und jene Frau ihr als Wächter beigegebon,. dann sah er die Unglückliche wieder, denn er bekleidete in St. Rochus die Stelle des ersten Assistenzarztes. Nichts im Benehmen des jungen Mädchens hatte eine geistige Störung verraten, aber indem Gerth mit jener so plötzlich in ihm aufgestiegenen Vermutung die unsägliche Schwermut ihres Wesens in Zusammenhang brachte, schauderte er zusammen; denn dies sagte ihm, dem Psychiater, mehr als ein ganzes Tollhaus. Ein gebrochenes Herz, zertrümmertes Liebesglück — das waren nur zu häufig die Ursachen, welche innerhalb der Mauern seines ernsten Wirkungskreises Jugend und Schönheit dem allmählichen Verfall entgegenführten, so sicher, so unaufhaltsam, wie Narrheit und Raserei..... Als Doktor Gerth in der Provinzialhauptstadt ankam, war sein Bruder bereits aus dem Leben geschieden. Der 334 — Verstorbene, dem Arzte an Jahren weit voraus, hatte sich durch glückliche Handelsunternehmungen ein bedeutendes Vermögen erworben, welches er, als kinderloser Witwer, dem einzigen Bruder hinterließ. Als reicher Mann kehrte Doktor Gerth nach St. Rochus zurück. Sein Schmerz über den Verlust des teuersten und letzten Angehörigen war jedoch noch zu neu, als daß er sich in das Bewußtsein, der Besitzer eines großen Erbes zu sein, schon hätte einleben und neue Pläne für seine Zukunft fassen können. Er übernahm wieder seine täglichen Pflichten, und kaum daß er den Reisestaub von sich geschüttelt hatte, trat er seinen gewohnten Rundgang an und begab sich, wie es täglich um diese Stunde geschah, in einen von hohen Mauern umgebenen großen Hof. In diesem mit Rasen bedeckten und von Kastanienbäumen überschatteten Raume wandelten etwa fünfzig Frauen verschiedenen Alters auf und ab. Es war die Abteilung für schwere und zum Teil gefährliche Kranke, von denen einige sogar Verbrechen begangen hatten. Viele litten an Hallucinationen, und ihre lauten Selbstgespräche verrieten, daß sie der Welt der trügerischen Phantasie angehörten. Eine hielt sich für die verstoßene Gemahlin eines gekrönten Hauptes; eine andere, die ihr neugeborenes Kind getötet hatte, suchte überall nach diesem umher und fragte die ihr Begegnenden mit entsetzlicher Angst in Stimme und Geberde, ob sie es nicht gesehen hätten; eine dritte, welche durch eine unglückliche Ehe um den Verstand gekommen war und jeden Mann, den sie zu Gesicht bekam, für den ihrigen hielt, stürzte mit drohend erhobener Faust stuf den jungen Arzt zu und überschüttete ihn mit einer Flut von Schimpfnamen^ unter denen „Trunkenbold" und „Erzlump" noch die gemäßigtsten waren, und dann floh sie, in der dunklen Erinnerung, daß in ihren lichten Tagen auf diese Titulaturen die unbarmherzigsten Schläge gefolgt waren, mit dem Jammerrufe: „Hilfe! er schlägt mich tot!" vor ihm zurück und suchte bei den anderen Frauen Schutz, Mitten in diesen Szenen, in diesem ohrenbetäubenden Geschnatter der verrücktesten Monologe, der blödsinnigsten Zwiegespräche und Zänkereien, mitten unter diesen Unglücklichen, deren Seelen tiefe Nacht bedeckte, für welche es in diesem Leben kein Morgengrauen mehr gab, erblickte der junge Irrenarzt plötzlich die schöne Reisende, die einige Tage vorher im Wartesalon so lebhaft seine Be- wnnderung und Teilnahme erweckt hatte. Statt der Kleidung, welche sie in der ihr nun entfremdeten Welt zuletzt noch getragen hatte, umhüllte jetzt das graue öde Anstaltsgewand ihre edle Gestalt. Noch hatte sie den Arzt nicht bemerkt, und er konnte beobachten, wie sie schaudernd in das grause Treiben um sich her blickte uno sich vor einigen ihrer Leidensgenossinnen, die sie wütend ankreischten, entsetzt zurückzog. Bei einer solchen Gelegenheit war sie in seine Nähe gekommen. Auge in Auge stand sie ihm plötzlich gegenüber. Sie erkannte ihn, und mit einer Bewegung verzweifelnder Scham, mit einem Blicke unsagbaren Jammers, den er nie mehr vergessen konnte, wandte sie sich von ihm ab. Der Trauerfall, der ihn betroffen, und die Abspannung, welche die Erfüllung der ihm dadurch auferlegten Pflichten nach sich zog, hatten in ihm die Erinnerung an jene Begegnung auf der Bahnstation zurückgedrängt. Jetzt trat ihm die Fremde mit dem ganzen Zauber ihrer Persönlichkeit wieder entgegen. Seine Befürchtung, sie hier wiederzusehen, hatte sich bewahrheitet. Er glaubte sie unter dem Drucke einer still.zehrenden Schwermut, welche die aufmerksamste Pflege, die schonendste Fernhaltung von aller Ausregung der Nerven nötig machte, und nun fand er sie in dieser Gesellschaft, in der tiefsten Klasse, unter den freundlos Verlassenen, den längst Aufgegehenen, wo es zwischen selischer Entartung und Verbrechen keinen Unterschied mehr gab! Er konnte die Lösung des Rätsels kaum erwarten und' begab sich zum Direktor der Anstalt. Dieser kam seiner Frage entgegen, denn er empfing ihn mit den Worten: „Wir haben während Ihrer Abwesenheit die uns angekündigte Patientin bekommen." „Angekündigt?" frug Doktor Gerth, der sich nicht gleich erinnern konnte. „Oder sagen wir: uns überwiesen durch die Staatsanwaltschaft und überbracht durch einen Kriminalbeamte« in Zivil." i „Und wer ist das junge schöne Mädchen, das ich soeben im Hofe der vierten Abteilung sah?" frug Gerth. „Das ist sie ja eben", erwiderte der Direktor. „Sie scheinen zu zweifeln? Nun, es erging mir fast ebenso; denn was auch die Zeitungen über ihre äußere Erscheinung schrieben, so einnehmend hätte ich mir diese Konstanze Herbronn denn doch nicht vorgestellt." „Konstanze Herbronn!" wiederholte Gerth wie vernichtet. Er brauchte nicht mehr zu hören. Der Name hatte ihm alles gesagt; denn er kannte den Mordprozeß aus der Zeitung. Es wäre übel angebracht gewesen, hätte er sich hier seinen Empfindungen ganz hingeben wollen. Dennoch sagte er: „In mir sträubt sich jede Fiber, an die Schuld dieses jungen Mädchens zu glauben." Der Direktor zuckte die Achsel. „Es ist ein rein pathologischer Fall, etwas Lügen- und Verstellungskunst vielleicht abgerechnet. — Uebrigens mein aufrichtiges Bedauern über den Todesfall Ihres Herrn Bruders", fügte er hinzu, dem jungen Arzte die Hand drückend. „Sie befinden sich jetzt in unabhängigen Verhältnissen. Muß ich fürchten, daß wir Sie verlieren werden?" ' Doktor Gerth hatte noch keinen festen Entschluß gefaßt. Dennoch gab er auf die Frage, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, zur Antwort: „Vorläufig denke ich an keine Veränderung." . . . Im Laufe des Tages machte er der neuen Patientin seinen ersten Besuch. Man hatte ihr eine besondere Zelle angewiesen, doch nur für die erste Zeit; später sollte sie anderen Leidensgenossinnen zugesellt werden. Ob sie es als eine Vergünstigung betrachtet haben würde, daß sie nicht Tag und Nacht die Gemeinschaft Verrückter teilen mußte, erscheint zweifelhaft, wenn sie gewußt hätte, daß diese Zelle der Schauplatz eines gräßlichen Mordes gewesen war, indem eine frühere Bewohnerin derselben eine Wärterin hier erwürgt hatte. (Fortsetzung folgt.) Ein neuer Nordostsee-Kanal. Ein Geleitwort zur Eröffnung des Elbe-Trave-Kanals, (16. Juni 1900.) Von Rudolf Curtius. Nachdruck verboten. Am 16. Juni dieses Jahres vollzieht sich ein Ereignis das einen weiteren Schritt auf dem Wege zur dominierenden Handels- und Verkehrsmachtstellung Deutschlands bedeutet, zu welcher es dank seiner geographischen Lage und dem Fleiße und der Geschicklichkeit seiner Bewohner berufen . ist. In Gegenwart des Kaisers wird an dem genannten Tage im alten hansischen Lübeck der Elbe-Trave-Kanal eingeweiht, welcher eine neue Verbindung zwischen den beiden deutschen Meeren schafft und dazu berufen ist, ohne Schädigung der mächtigen Handelsemporien Hamburg und Bremen den altehrwürdigen Stätten des deutschen Handels- und Unternehmergeistes an der Ostsee, unter den modernen Verhältnissen mit den Nordseehäfen in ihrer Entwickelung nicht gleichen Schritt zu halten vermochten, frisches Lebensblut und neue Kräfte einzuflößen. Wenn Man Itrt alten Zeiten Kanäle baute, so geschah es fast stets, um die Bewässerung eines Landes zu fördern, und die Chinesen waren so ziemlich die einzigen, welche schon vor Jahrtausenden erkannt hatten, daß das Wasser nicht nur der Befruchtung eines sterilen Bodens dienstbar gemacht werden könne; die regen Verkehrsverhältnisse, wie «sie schon damals an den Ufern des Hoang-Ho und Iang-tse-Kiang durch die dichte Bevölkerung bedingt ivaren, führten sie dazu, schon zu einer Zeit, wo das mittlere ' Europa noch ein von undurchdringlichen Urwäldern bedecktes ungastliches Land war, der Natur nachzuhelfen und mächtige Kanäle, deren Dimensionen noch heute Staunen erregen, oft Hunderte von Meilen durch das Land zu graben. In Europa war nach den Völkerstürmen des frühen Mittelalters die Einwohnerzahl so heruntergegangen, daß ein praktisches Bedürfnis zu Kanalbauten nicht vorhanden war, und die Italiener waren die ersten, welche seit dem Jahre 1100 in der hierzu allerdings förmlich herausfor- 335 — dernden Tiefebene des Po Kanäle anzulegen begannen, die zur Bewässerung oder Entwässerung eben so sehr bestimmt waren, wie für Handelszwecke. Es ist nun ein Beweis für die hohe Kultur des damaligen nördlichen Deutschlands, daß man zunächst hier diesem Beispiele folgte. Jener mächtige deutsche Städte- bund, welcher vom 13. bis 17. Jahrhundert bestanden hat und über 90 See- und Binnenstädte von Reval bis nach Amsterdam umfaßte, verbreitete durch seinen mächtigen Handel allenthalben Reichtum und blühenden Aufschwung, und man empfand daher an den Gestaden der Nord- und Ostsee gar bald das Bedürfnis, der Schiffe tragenden Flut dort einen Weg zu bahnen, wo es die Bedürfnisse des Verkehrs besonders wünschenswert machten. Ein seltsamer Zufall hat es gefügt, daß gerade dort, wo heute der Kaiser dem Feste der Kanaleröffnung durch seine Anwesenheit die höchste Weihe giebt, vor 500 Jahren der erste Schiffahrtskanal in deutschen Landen erbaut wurde. Aber welche ein gewaltiger Unterschied in allen anderen begleitenden Umständen! Heute ein Träger der Kaiserkrone, der sich eins weiß «mit allen, die in Deutschland national denken, und die Bedürfnisse des Volkes besser kennt, als mancher seiner Räte. — Damals aus Deutschlands Thron jener schwächliche Wenzel aus luxemburgischem Hause, der ruhig zusah, daß man ihn unter nichtigen Gründen absetzte, und der bei einem Becher goldenen Weines sich leicht über den Verlust von Szepter und Reichs tröstete. Unter einem solchen Reichsregiment war der thätige deutsche Norden auf eigene Kraft angewiesen, und so entstand just vor einem halben Jahrtausend in den Blütezeiten der Hansa, als deren anerkanntes Haupt Lübeck galt, als erster Kanal, der überhaupt in Deutschland gebaut wurde, die Wasserverbindung, welche bis vor wenigen Jahren als Stecknitzkanal von Lübeck quer durch Holstein nach der Elbe bei Lauenburg führte Md jetzt in unvergleichlich größeren Verhältnissen als Elbe-Trave-Kanal seine Wiedergeburt feiert. Aus lübischem Gelde in den Jahren 1391 bis 1398 erbaut, war der alte Stecknitzkanal das rechte Prototype eines Kanalbaues früherer Zeiten, wo man, um mit den geringsten Kosten auszukommen, willig den launenhaftesten Krümmungen der natürlichen Flußläufe folgte und sich mit geringen Wassertiefen von 40 bis 60 Zentimeter begnügte, so daß man kühn, ohne die Kleider aufwärts 8er Taille zu gefährden, hindurchwaten konnte. Auf solchen seichtest Gewässern konnten Natürlich nur Kähne von geringem Tonnengehalt verkehren, und bis vor wenigen Jahrzehnten galt auf unseren natürlichen und künstlichen Wasserstraßen eine Schiffsladung von 800 bis 1200 Zent- nern als ungefähr normal. Als dann die Eisenbahnen sich überall hin ausbreiteten, welche in einem Güterzuge bequem 3000 bis 4000 Zentner befördern, schien die letzte Stunde des Kanalwesens geschlagen zu haben. Die Möglichkeit der Massenbeförderung durch die Bahnen war aber keineswegs das Todesurteil der Binnenschifffahrt, sondern vielmehr das treibende Motiv, das Kanalwesen den mo-> dernen Verhältnissen anzupassen; denn für Massengüter, mit deren Beförderung es keine besondere Eile hat, war der Bahntransport auf weite Entfernungen doch zu kostspielig, und wenn es in der Norddeutschen Tiefebene gelang, Wasserstraßen zu schaffen, auf welchen Fahrzeuge von 12 000 bis 20 000 Zentner Tragfähigkeit verkehrten, war der Wassertransport jenem per Bahn wieder zum mindesten gewachsen, wenn nicht gar überlegen. Natürliche gab es noch manche Hindernisse zu überwinden, die zumeist thörichtes Vorurteil waren. Zunächst jammerten alle die, welche stets 50 Jahre hinter der Gegenwart mit ihrem langsamen Denken nachhinken, daß die Zeit der Kanäle auf immer vorbei sei, und daß man dem angeblich einzig berechtigten Transportmittel, den Eisenbahnen keine künstliche Konkurrenz bereiten dürfe. Wie unberechtigt diese Befürchtungen waren, zeigten die Verhältnisse auf dem Rhein, welcher mit großem Kostenaufwande zu einer leistungsfähigen Wasserstraße umgebaut wurde, und auf welchem sich seitdem ein Verkehr entwickelt hat, wie er auf keiner Binnenschifffahrtsstraße Europas seinesgleichen hat. Wer von Frankfurt oder Mannheim/ ab den Main oder Rhein hinunterfährt, passiert eine stolze Reihe mächtiger Hafenplätze, auf deren Umschlag manche Seehafenstadt mit Neid blicken muß, und obwohl die billigen Massengüter wie Steinkohlen, Steine, Getreide, Petroleum, Holz usw. fast ausschließlich den Wasserweg wählen, hat auf jedem der beiden Ufer eine zweigleisige Bahn noch übrig genug zu fahren. Was sich/ am Rheine so glänzend bewährt hatte, wurde sofort aus der Elbe, der Oder, der Weser und anderen Flüssen nachgeahmt, und wer aus eigener Anschauung den Schiffsverkehr gesehen hat, wie er vor einem kurzen Menschenalter von einigen dreißig Jahren in Bodenbach, Breslau oder Minden vorhanden war und damit das stolze Bild der Gegenwart vergleicht, wird sich des Gefühls staunender Bewunderung nicht erwehren können. Auf den Gipfel kann aber diese grandiose Verkehrsentwickelung erst dann geführt werden, wenn die großen deutschen Ströme, welche fast insgesamt die Richtung von Süden nach Norden verfolgen, unter sich! durch künstliche Wasserstraßen ver- bnndeu werden, die von Osten nach Westen verlaufen. Das Streben der Regierungen und aller Kanalfreunde geht daher dahin, diese Kanäle, welche in den meisten wichtigen Richtungen zwar schon vorhanden sind, aber im 19. und 18. Jahrhundert nur in geringen Breiten- und Tiefenabmessungen ausgeführt wurden, entsprechend zu vergrößern oder neu zu schaffen. Der im vorigen Jahre eingeweihte Dortmund-Ems- Kanal ist daher ebenso wie der jetzt dem Verkehr zu übergebende Elbe-Trave-Kanal nur ein einzelnes Glied in der Kette der Maßnahmen, welche Deutschland in noch viel höherem Maße als bisher zum wirtschaftlichen Mittelpunkt Europas zu machen berufen sind, und auch der von der preußischen Regierung im vorigen Jahre vergeblich beantragte Mittellandkanal wird wie mehrere andere Projekte nicht eher aus der öffentlichen Diskussion verschwinden, als mit dem Ban thatsächlich begonnen sein wird. Die neue Wasserstraße, die nächst dem 8 Meter tiefen Kaiser-Wilhelm-Kanal und dem zweieinhalb Meter tiefen Eider-Kanal die dritte Wasserstraße ist, welche die Nordsee bezw. die Unterelbe mit der Ostsee verbindet, beginnt an der Elbe bei Lauenburg und folgt zunächst dem Flußbette der Delvenau, steigt dann mittelst Schleusen zum Möllner See auf, von dessen ^Wasser sie auf ihrer 27 Kilometer langen Scheitelstrecke gespeist wird und benutzt dann das Bett des. entsprechend erweiterten, alten Stecknitz-Kastäles bis nach- Genin, wo sie vier Kilometer südlich/ von Lübeck kn die Trave mündet. Von der Gesamtlänge von 98 Kilokneter fallen 67 Kilometer auf entweder gänzlich! neu angelegte oder vertiefte Kanalstrecken, auf denen sich/ sieben Schleusen von je 78 Meter Länge, 11,5 Meter Breite und 2,5 Meter Tiefe befinden. Die Breite des Kanals beträgt 32 Meter am Wasserspiegel und 22 Meter an der Sohle, wobei als mindeste Tiefe 2,5 Meter garantiert werden, und ist es vorgesehen, daß die den Kanal benutzenden Schiffe auf diesem durch Schraubendampfer mit einer Geschwindigkeit von 5 Kilometer in der Stunde gezogen werden, sodaß zum Passieren der ganzen Strecke rund 20 Stunden erforderlich sein werden. Die Gesamtkosten des Werkes, von welchen Lübeck zwei Drittel übernommen hat, belaufen sich auf 35 Millionen Mark. Die Grundsteinlegung fand am 31. Mai 1895 statt, sodaß zur Vollendung des großen Werkes wenig mehr als 5 Jahre erforderlich, waren, während die Einweihung fast auf den Tag genau 5 Jahre nach, der Eröffnung des Kaiser-Wilhelms-Kanales erfolgt. Welche Bedeutung man dem Kanal bereits heute im Auslande beimißt, beweisen die großen Vorbereitungen, welche der Handelsstand von Schweden, Norwegen, Dänemark und Finland schon jetzt trifft, um sich; der bevorstehenden Verkehrsumwälzung gewachsen zu zeigen. Ganz erheblich, wird sich diese Bedeutung aber noch steigern, wenn erst einmal der schon erwähnte Mittellandkanal und die Fortsetzung des Dortmund-Ems-Kanales nach, dem Rheine vollendet sein werden. Wenn dann noch die Kanalstrecken zwischen Elbe und Oder, der Großschifffahrtsweg zwischen Berlin und Stettin, die Verbindung der Warthe mit der Weichsel und die Erschließung des oberschlesischen. Bergwerksrevieres durch, einen leistungsfähigen Stichkanal in Ordnung gebracht sein werden, besitzt Deutschland ein Netz von Wasserstraßen wie kein anderer Staat der Erde. .336 m. Homonym. Nachdruck verboten. Mein Wort nennt eine Stadt Im lieben deutschen Land; Ein Held der deutschen Sage Wird ebenso genannt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Versteckrätsels in voriger"Nummer. Nom ist nicht an einem Tage erbaut worden. Lttterarisches. Ein Vergnügen ist das Reisen für unsere Damen nur dann, wenn sie sich in reizvolle, duftige, dabei aber auch praktische und dauerhafte Toiletten Hullen können. Dre,e finden fie stets in dem leitenden Weltmodenblatt „Große Mod en Welt" mit bunter Fächervignette, Verlag ^ohn Henry Schwerin, Berlin, dessen neueste Nummerden Leserinnen eine große Auswahl eleganter Sommerkostume für Erwachsene wie für Kinder vorführt, die jede Hausfrau sich mittelst der jeder Nummer beigelegten Schnrttmuster- bogen selbst billig herstellen kann. In der Rubrrk „Neue» «aus Paris" bringt das unermüdlich Aktuelles knetende Blatt überraschende Pariser Kostüme. Eine willkommene Beigabe bilden außerdem das illustrierte Unterhaltung?-! blatt und eine Handarbeiten-Beilage in großem Format, die unserer Damenwelt entzückende Dessins zu Handarbeiten für die Mußestunden des Sommeraufenthaltes bietet. 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Die Frage, ob man der beranwachsenden Jugend ein sogenanntem Taschengeld m die Hand geben soll, tritt mit der Zeit an alle Eltern heran und dürfte es daher für dieselben nutzt ohne ^uterefse sein, die diesbezüglichen Ansichten eines erfahrenen Pädagogen zu hören: Derselbe bezeichnet das Paschengeld für Kinder geradezu als eine unumgängliche erzieherische Maß, regel, sosern die Eltern hinsichtlich dessen Hohe das richtige treffen und dabei nicht versäumen, sich von Zeit zu Zeit seiteüs der Kinder Rechenschaft über den Verbrauch ablegen zu lassen. Der goldene Mittelweg ist auch- hier hinsichtlich der Höhe des zu verabreichenden Taschengeldes der beste Geben wir den Kindern natf)- dieser Richtung hm zu Zsür die Küche. Reis mit Rum. 250 Gramm besten Reis verlesen j gründlich blanchiert. Mit frischem Wasser das zur Halste I übersteht, langsam weich« ziehen lassen, nicht darm rühren, j wenn er anfängt zu kochen. Sollte das Wasser nicht ganz I verkocht sein, auf ein Sieb' zum Abtropfen geschüttet, 2o0 I Gramm Zucker dick geläutert, etwas auf Zucker - abgeriebene Zitronenschale zugefügt den Reis darm auskochen lassen. Etwas verkühlt, Rum oder Arrak nach Geschmack zugesügt, in eine Form, welche mit Rum ausgespult ist, I gestillt. Erkaltet gestürzt, nach Geschmack mit eingemachten Früchten verziert.^ e. Einen halben Weißkohl- kops gut abgebrüht, abgefrischt, ebensoviel Sauerkraut, damit zusammen fein gewiegt. Mit Butter, ifleischbruh- fett und etwas Wasser 3 bis 3 eme halbe Stunde gekocht, j öfter umgerührt, brennt leicht an. Anderthalben Eßlöffel Mehl, in Butter geschwitzt, zu dem Kraut gethan, Mit Fleischbrühe aufgefüllt, so daß es eme semige Suppe wird. Eine halbe Stunde vor dem Anrichten em Weinglas saure Sahne hinzugefügt, etwas gewiegte Petersilie^, em abgekochtes, geschältes, in Scheiben geschnittenes Würstchen in bW Rind ftl?iftch-Rolets. Etwas rohes, fettes Rindfleisch und fetten Schinken zu Brei verhackt, m Butter gedämpft, kleingeschnittene Zwiebeln, etwas geriebenes Milchbrot drei Eier, gestoßenen Pfeffer, Salz, etwas MuZat^uß zugemengt Fingerdicke Rindfleischscheiben, etwas weich und breit geklopft mit der Farce dick bestrichen, mit dünnen Schinken- oder Speckscheibchen belegt, mit klem gehackten Morcheln und Trüffeln bestreut, aufgerollt, mit Bindfaden umbunden, in Mchlgewalzt.Abfalle von Speck und Schinken, auch einige Stückchen Kalbfleisch oder dergl. kN eine Kasserole gelegt, die Rouladen darauf nebst emem Die eine Milliarde Mar! aber, welche zur Erreichung dieses idealen Zieles in Summa erforderlich rsfl und vor deren neun Nullen sW der Philister heute noch entsetzt, werden reichlich Früchte tragen, und zwar nicht nur für einige Tausend Kaufleute, sondern für fede Haushaltung, §i es nun in der Villenwohnung des Rentiers oder in bcnr b^fitfi.cibcTtCTT Ouuxticr 9Ixbeit€X§. Wenn dann der heulende Ton der Schiffsdampfpfeifen in dch stille Kammer Till Eulenspiegels druigt, der m Mölln begraben liegt, dann wird er ftch ftcherlutz nicht im Totenschrein umdrehen; sondern er wird darüber lächeln der alte unverbesserliche witzige Bummler, daß die Men- Wen immer noch in ihrer Mehrheit so thöricht smd, sich zu dem zwingen zu lassen, was ihnen frommt. Der Fortschritt selbep aber ist unaufhaltsam, und im Zeichen des Verkehrs Aüßt und eint sich die Menschheit des neuen Jahrhunderte. Watte und Ohr. Die Sitte, bei Zahnschmerzen mit allerlei Essenzen gesättigte Wattebäusche ins Ohr zu stecken oder Oel einträufeln zu lassen, kann, öfters wiederholt, zu schweren Gehörgangs-Entzundungen und msolgedes en zur Verengung und Verwachsung des Gehorganges fuhrm Anders verhält es sich mit der Verwendung von nnt Olivenöl getränkten Wattebauschchen beim Baden Doch muh inan auch hier im allgemeinen zwischen Leuten mit gesunden und kranken Ohren unterscheiden. Solche mit i ' w"verleiten wir dieselben dadurch zu Betrügereien, gesunden Ohren können sich« ohne Gefahr für dieses Organ S, 1 Oer.-ud}ert werden, das ihnen mangelnde auf dem Vergnügen des Badens hmgeben blo^beun Baden erlangen, geben wir ihnen dagegen zu in salzhaltigem Wafser ist Vorsicht geboten, da dieses Wasser I werden sie verschwenderisch und lernen den Wert Entzündungen im Ohr tzervorrufm kann. Bleibft w n I ^'^ldes nicht. Gerade aber hinsichtlich des Begriffes man Wasser im Ohr hattenach dem Entweichen des I Wertschätzung des Geldes können wir nicht genug aus Wassers aus dem Ohr noch Schwerhörigkeit zuruck, so ist | emwirken und bildet hierbei einen wichtigen dies meist auf die Schwellung, emes Ohrschmalzpfropl^us I Erreichung unseres Zweckes, eine Kontrolle zurückzuführen und läßt sich hier leicht mit der Ohrspritze | F überVerwendung des Taschengeldes, wobei Abhilfe Waffen. Hat das Trommelfell em Loch fo ist und Tadel - sofern nötig - die Sache schlimmer, weil dann beim Eindringen von | ■ ~ n lassen darf. So ist es den Eltern in die Hand Wasser leicht Eiterungen entstehenkonnen -ieserG gegeben brave und sparsame Menschen heranzuziehen: beugt man, wie bereits erwähnt, durch Emsuhrung eines 1 segnen, y*-uue uu it_i________ in Olivenöl getränkten Wattebausches vor. JkUhm: «. Burkhardt. - »ruck «n» B-rl-g der Drühl'schen llni»ersttLt-.«uch° und Stdnbnider« (Pi-tsch Erde») in «i-tzen. sie di- Gleiä pfanc beritt es g dieser abgel nahm mußt fals,^ gefül was sie n zuthi verw fleckt' barg gethc stand betär empf Gertl kettu Ihne entsct begm die E ande sprvc druck