1900, MUMM WMÄGWMK o Argwöhn wurzelt, muß Liebe welken. Argwohn gegen den Freund ist Unkraut unter dem Weizen. Nachdruck verboten. Wer an einer Sache verzweifelt, hat ste halb verloren. Sprichwörter. Heimatlos. Roman von R. P. Roe. (Fortsetzung.) XI. Das alte Herrenhaus. Am anderen Morgen erhielt Mildred von ihrem Vater eine Antwort auf ihren Brief. Er schrieb, sie solle zu ihm kommen, um zwei Wohnungen zu besehen, welche er gefunden hatte, und sie bestand darauf, so bald als möglich seinen Wunsch zu erfüllen. Gern härte sie noch etwas von Arnold gehört, wagte aber keinen Versuch zu machen. Zu ihrem Erstaunen überreichte ihr Robert am folgenden Morgen einen Brief, desien Handschrift sie sogleich erkannte. „Woher haben Sie diesen Brief, Mister Atword?" fragte sie. „Ich dachte, es würde Ihnen angenehm sein, etwas von Ihrem Freund zu erfahren, und deshalb bin ich nach dem Hotel gegangen. Sobald mich Mister Vinton sah, bat er mich, Ihnen diesen Brief zu bringen.* Mildred biß sich auf die Lippen. Ob dies eine aufdringliche Einmischung in ihre Angelegenheiten war, oder eine wohlgemeinte Dtenstwilligkeit, — immerhin hätte sie gewünscht, daß ihr der Brief auf anderem Wege zugekommen wäre. Sie dankte ihm, fügte aber hinzu: „Ich bitte Sie, sich nicht mehr für mich zu bemühen, wenn ich Sie nicht darum ersuche. Er hatte wirklich Selbstverleugnung bewiesen und erntete schlechten Dank dafür. Er wurde bleich, verbeugte sich und wandte sich ab. Arnold schrieb: Die Erinnerung an die gestrige Szene wird mir immer drückend sein. Nichts konnte Ihnen klar beweisen, daß ich Ihrer unwürdig bin. Meine Mutter hat mir gesagt, sie habe Ihnen mitgeteilt, wie schwach ich sei, und ich habe bewiesen, daß ihre Worte wahr sind. Ich fühle, daß ich Ihnen nichts besseres sagen kann, als: vergessen Sie mich, und doch werden Sie nie ermessen können, wie schwer mir diese Worte fallen. Ich werde Sie nie vergessen bis zum Tode. Wenn ich die Kraft hätte, Ihnen irgend welche Hilfe zu bringen, so würde ich sogleich mit allem brechen und die Folgen auf mich nehmen, aber ich bin mein Lebenlang hilflos gewesen und verstehe kaum, warum ich noch immer lebe. Wenn aber die Zeit kommen sollte, wo selbst ein so schwaches Wesen wie ich Ihnen helfen kann, so lassen Sie mir die eine schattenhafte Hoffnung, daß Sie daun sich an mich wenden werden. Arnold Vinton. Mildred schrieb sofort: „Es liegt nicht in meiner Natur, zu vergeffen, deshalb kann ich es nicht, und es ist nicht mein Wunsch, zu ver- geffen, deshalb will ich es nicht. Sie werden mich immer unwandelbar finden.* Mildred Howell. Robert hätte ihre Antwort an demselben Abend ins Hotel gebracht, so groß war ihre Macht über ihn. Aber sowohl seinetwegen, als ihretwegen wünschte sie, ihm ein für allemal begreiflich zu machen, daß ihre Wege getrennt seien. Ste fürchtete nach seinen Worten, er werde ebenfalls nach der Stadt gehen und sie mit seinem unwillkommenen Besuch verfolgen. Deshalb übergab sie ihren Brief an Jotham und schenkte ihm einen Dollar aus ihrer schmalen Börse. Er verlor jedoch den Brief, verschwieg es aber hartnäckig, um nicht den Dollar zu verlieren. Robert erfuhr nur, daß der einfältige Jotham ihm vorgezogen wurde und war tief verletzt. Als sie eine Stunde später nach der Landung fahren wollte, war er nirgends zu finden. Sie fühlte einige Ge- wiffensbtsfe, aber sie dachte, das sei eine gute Lektion für ihn und werde ihn wahrscheinlich von seinen unsinnigen Plänen, berühmt zu werden, heilen. Nur die entschiedenste Abneigung kann ihn zur Vernunft bringen, dachte sie und glaubte, er werde jetzt nach ihrer Abreise zu seinem bisherigen Leben zurückkehren und die Sommereptsode vergeffen. Bella und die Kinder begleiteten sie zum Landungsplatz, erfreut über die lange Fahrt. Auch Mildreds Stimmung wurde mutvoller, ste freute sich, daß die Zeit des bangen Wartens vorüber war, und daß sie jetzt zur Stadt gehen konnte, um eine neue Heimat und eine Existenz zu gründen. Am Morgen wo Mildred erwartet wurde, hatte sich Howell aus seiner chronischen Niedergeschlagenheit durch Morphium befreit. Er kam ihr entgegen mit der lebhaften Freudigkeit eines stolzen Vaters- Sie war entzückt, ihn so wohl zu 26 finden- hoffnungsvoll fuhren sie zur Stadt, und niemand, der ihre strahlenden Gesichter sah, hätte geglaubt, daß sie einem schweren, sorgenvollen Schicksal entgegengingen. Milli, sagte Howell, ich fürchte, der Anblick des Hauses, in das ich Dich jetzt führen werde, wird Dich zuerst ein wenig erschrecken. Aber eS erinnerte mich an ein Herrenhaus im Süden, und wenn es auch nicht ganz so gut ist, so sieht es doch nicht wie ein gewöhnliches Miethaus in der Stadt aus. Beim Anblick des alten Hauses sank Mildreds Mut. Es sah alt und verfallen aus und schien über hundert Jahr alt zu sein. Die Hauptfassade war nach dem Fluß gerichtet. Ueber dem halb verfallenen Dach erhob sich eine Plattform, welche die Bewohner des Hauses zum Wäschetrocknen be- nutzten. Sie traten in einen engen Hausflur ein und stiegen eine schmale, hölzerne Treppe empor. Der Vorplatz zur Treppe führte auf einen Balkon hinaus, von welchem aus Generationen den Sonnenuntergang betrachtet haben mochten. Jetzt aber war er ringsum von hohen Mauern der Nachbarhäuser umgeben. Früher hatte ein breiter Gang durch das ganze Gebäude geführt bis zu einer Hausthür auf der anderen Fassade, jetzt aber war der Raum jedes Stockwerks in vier Wohnungen abgeteilt, so daß das alte Haus jetzt von zwölf Familien, anstatt von einer einzelnen bewohnt war. Die Thüren waren hoch und von kostbarem, aber wurmstichigem Schnitzwerk eingefaßt. Der Aufseher des Hauses führte sie in ein Zimmer im zweiten Stock von etwa zwanzig Fuß im Geviert, dessen frühere Bewohner schmutzige Spuren hinterlassen hatten. Es waren unordentliche Leute, und solche behalten wir nicht im Hause, sagte der Mann. „Das ist schon etwas, was zugunsten des Hauses spricht, Papa, bemerkte Mildred, und für jetzt erschien ihr' dieser Vorzug auch als der einzige, denn das alte Haus war innen und außen verfallen. Doch das Zimmer war groß und luftig und sehr hoch, ein kleines Zimmerchen stieß daran und das war alles. „Kann eine Familie ihr ganzes Leben in solchen zwei Zimmern zubrtngen? fragte sich Mildred seufzend." „Ich hatte keine Ahnung davon, wie Hunderttausende leben!" — „Es ist nur für kurze Zeit, Mildred, flüsterte ihr Vater." --- „Das junge Mädchen schauderte selbst an diesem Sommermorgen. „Wollen wir nicht die andere Wohnung besehen, von der Du schriebst?" fragte sie ängstlich. „Wir werden in einer Stunde ungefähr wiederkommen, flüsterte Howell dem Aufseher zu, denn er war überzeugt, daß die andere Wohnung noch abschreckender wirken werde." So war es auch Sie besahen noch andere Miethäuser zu zehn und sechzehn Dollar den Monat, fanden aber, daß die erste Wohnung die beste war. „Verzeihe Papa, sagte sie lächelnd, daß ich beim ersten Anblick zurückschrak. Wir wollen in dem ersten Hause wohnen, es war jedenfalls einmal ein prachtvolles Haus, und wir können auch dort glücklich sein! Diese anderen Miethäuser sind keine Wohnungen, sondern uur viereckige, menschliche Packkisten, ein Spott auf jeden Gedanken an Freiheit und Gemütlichkeit. Die Wohnung in dem alten Hause wurde gemietet, ein kräftiges englisches Weib, Frau Willow, übernahm es, sie zu reinigen. Howell ließ die Möbel von ihrem Aufbewahrungsort bringen und begab sich wieder nach der Stadt zu seinen Geschäften. Mit einem Eifer, einer Kraft und Geschicklichkeit, welcke Mildred bewundernswert erschienen, machte sich die vernünftige Frau Willow an die Arbeit, und bald schwanden die Flecken und Spuren, und die ganze Wohnung wurde auf ihren Rat mit weißer Farbe gestrichen. Es war nicht Mildreds Art, müßige Zuschauerin zu sein, sie nahm aus einer Reisetasche ein Hauskleid und zog es an. Ihre runden, weißen Arme, welche fast bis zu den Schultern entblößt waren, schienen eher zum Modell einer Statue geeignet zu sein, als zur Führung von Bürste und Scheuerbesen. XII. Eine neue Heimat. Die Phantasie der praktischen Frau Willow war nicht so beschäftigt, wie ihre Hände, und als es zwölf Uhr schlug, wußte sie die Stunde, obgleich sie keine Uhr hatte. Zuweilen hatte sie Mildreds Gedanken unterbrochen, aber ziemlich zerstreute Antworten erhalten. „Ich habe das Gefühl, daß es Zeit ist, einen Bissen zu nehmen, sagte sie. Und Mildred fragte sie, ob sie nicht einen Ort wisse, wohin sie speisen gehen könnte." „O ja, kommen Sie mit mir, wenn Ihnen meine Gesellschaft nicht zu gering ist. Ich kann einen guten Thee brauen, und es wird sich auch etwas Nahrhaftes dazu finden." „Frau Willow, Sie find eine wahre Freundin! Es freut mich, daß Sie mir helfen, und ich fühle mich wieder etwas hoffnungsvoller. Sie scheinen tapfer zu sein und sich nicht vor der Armut zu fürchten, und das möchte ich von Ihnen lernen." „Gut, gut, Sie sollen alles erfahren! Schließen Sie die Thür und kommen Sie mit mir!" Frau Willowö Wohnung war einfach, aber niedlich. Ein abgenutzter Teppich bedeckte einen Teil des Fußbodens, und alle vorhandenen Möbel waren sehr sauber und gut erhalten. Auf dem Kochofen stand bald darauf ein schmackhaftes Mittagessen. Ihre Tochter, ein zwölfjähriges Mädchen, half ihr und ging dann, um die anderen Kinder zu rufen, welche auf der Straße spielten. — „Wie kommt es, Frau Willow, daß Sie so unverzagt und heiter sind, während Sie doch allein mehrere Kinder zu erhalten haben?" „O, erwiderte die Frau mit einem sonnigen Lächeln, ich habe ein paar kräftige Arme und den festen Glauben, daß der himmlische Vater mir und den meinigen hilft. Ich thue meine Pflicht und überlaffe es ihm, für das übrige zu sorgen. Zuweilen war ich ein bischen hungrig, aber die Kinder hatten immer genug. Und so arbeite ich, vertraue auf Gott und verliere keine Zeit mit Grämen. Es wird alles gut werden. Da sind die Kinder! Nun seid artig und setzt euch. Wir wollen gute Nachbarn sein, und ehe Sie es merken, werden Sie in ihrer eigenen Wohnung sich ganz behaglich fühlen und so glücklich, wie jemals in Ihrem Leben. Wenn man arm ist und arbeiten muß, das ist nicht das schlimmste in der Welt." Die kräftige und heitere Denkungsart der guten Frau hatte den besten Einfluß auf Mildred, und als ihr Vater um sechs Uhr erschien, fühlte er, wie ihr Lächeln sein Herz erwärmte. Er lobte ihre Arbeit und dankte Frau Willow für ihre Hilfe mit so warmen Worten, daß ihre Augen feucht wurden. Nach kurzer Beratung mit Frau Willow bat Mildred am nächsten Morgen ihren Vater, die Familie sogleich kommen zu lassen. Alles war bereit, und die Möbel kamen, und sie war wirklich glücklich, während sie die kahlen Wände schmückte und eine Heimat entstehen sah, welche mit jeder Stunde einladender wurde. Als sie im Frühjahr ihr Haus aufgaben, hatten sie viel mehr Möbel behalten, als für den begrenzten Raum genügend war, und Mildred hatte daher jetzt reiches Material, um der neuen Wohnung einen Anschein von Luxus zu geben. Nach zwei Tagen emsiger Arbeit war alles vollendet, und Mildred schlief in ihrem kleinen Zimmer, das sie mit Bella künftig teilen sollte. Nach altem Gebrauch zündete ihr Vater auf dem Herd ein Feuer an, bei dem er brütend saß und mit Bedauern in die Vergangenheit, mit Bangen in die Zukunft blickte. Am Abend kam das Dampfboot an, das Frau Howell mit Bella und den Kindern brachte. Die Begrüßung Howells war so zärtlich und erschien so heiter, daß sie mit hoffnungsfreudiger Stimmung der neuen Heimat entgegengingen. Beim 27 Anblick des alten Hauses aber mit der halb verfallenen Treppe sank ihr Mut. „Willkommen zu Hause! rief Mildred," als sie das HauS betraten. „Zu Hause! Welch ein Spott! flüsterte sie seufzend." „Mut, Mama, wir haben Papa versprochen —" „Ja, wir dürfen ihm unsere Thränen nicht zeigen." Diese Ermahnung hätte bet Frau Howell gewirkt, auch wenn die Zimmer nur Gefängniszellen mit einem Strohbündel auf dem Fußboden gewesen wären, aber als sie in das geräumige, von der Sonne beschienene Zimmer trat, nach der hohen Decke emporsah, als sie die Erfolge von Mildreds und Frau Wtllows Mühe erblickte, erhellte sich ihr Gesicht in angenehmer Ueberraschung. „O, o, wie viel besser ist das alles, als Ihr mich erwarten ließet! Ist das wirklich unser, Mildred? Gott sei Dank, das ist wirklich eine Heimat! Ich bin mehr als zufrieden, mit den Kindern bei Dir zu sein und werde wieder glücklich sein." „Mildred ist die gute Fee, der dies alles zu verdanken ist, sagte Howell." „Papa hat auch viel gethan! rief Mildred. Aber komm, Mama, ich bin Herrin von diesem kleinen Teil des ehrwürdigen Hauses, bis nach dem Frühstück, dann werde ich meinen Stab in Deine Hände legen." „Milli, rief Bella, Du bist ein Edelstein I Es ist prachtvoll, und so unendlich besser, als ich erwartet habe." (Fortsetzung folgt.) Reise-Erinnerung an die Kapkolonie. Von Marinepfarrer a. D. P. G. Heims. ------- Nachdruck verboten. Da lag sie vor uns im goldenen Sonnenuntergang, dre sangvorgestreckte, .hügelige 'Landzunge des Kap Agulhas, des Nadelkaps, das die äußerste südliche Spitze des afrikanischen Festlandes bildet. Scharf und klar hob sie sich ab von dem lichten, funkelnden Goldgrund des Himmels. Sie grebt genau die Grenze an zwischen dem Indischen und Atlantischen Ozean. Die Fregatte war auf der Heim- reise. Fortan ging unser Kurs nordwärts. Der aufleuchtende Glanz des Feuerturmes auf dem Vorgebirge warf freundlichen Schein; und ehrlich war der dankende Gruß gemeint, den wir nach Seemansart dem Weltmeer hinter uns zuwinkten. Bei Sonnenaufgang des nächsten Tages hatten wir das Kap der guten Hoffnung in Sicht, wie es sich auf der schlichten, klaren Folie des goldigen Morgenhimmels abzeichnete als charakteristische Bergkette mit scharfen Zacken, auf deren höchster und zumeist vorspringender Spitze wiederein Leuchtturm ragt; neben ihm eine Signalstation. Mehr nach Westen zu schnitt ein langer, hoher, kaum merklich genügter Felsentisch scharf ab gegen das helle Firmament: der berühmte Tafelberg, hier sichtbar auf 40 Seemeilen Entfernung. Gegen Abend hieß es: „Ruder hart an Steuerbord!" und wir fuhren ein in die nach Norden geöffnete Bucht, in deren Grunde die Häusermassen der Kapstadt sich ausbreiteten vor dem in mehr als Brockenhöhe mit 3500 Fuß senkrecht aufsteigenden gewaltigen Tafelberge mit seiner schnurgeraden Platte. Der jähe, Absturz der ungeheuren dunkelfarbigen Granrtmasse, hier und dort stark durchfurcht und wie mit mächtigen Strebepfeilern gestützt, macht in seiner regelmäßigen Schichtung des Gesteins auf den ersten Blick den Eindruck einer riesenhaften Aufmauernng. Die noch höheren Gipfel des „Löwenkopfes" rechter und des „Teufelsgiks" linker Hand faßten das großartige Bild kulifsenartig ein. Eins fehlte dem Bilde jetzt, zur hiesigen Winterszeit: das belebende Grün, dunkles Wasser, helle Hauser, ernsthaftes Gestein: das war alles. zuerst sahen, den Tafelberg, aus der Jta9e bei Sonnenuntergang, da stellte er sich vor in seiner ganzen Majestät und in Glanz gehüllt; aber auch gedeckt mit dem weißen, über den scharfen Rand der Platte sich niederrollenden „Tischtuch" aus Nebel zeigte er sich zu Zeiten; einmal auch in dem wunderbar prächtigen Farben- spiel, das der goldene und purpurne Fürstenmantel über ihn breitet zur Zeit der untergehenden Sonne, die in die Nebelmafsen hineinleuchtet. Das sind jene „bunten wechselnden Signale" des Tafelberges, von denen Freilig- rath im „Löwenritt" spricht, andere Signale giebt er nicht Durch die abenteuerlichsten, wildesten Schluchten führt bei- Weg lauf die von-Abgründen durchfurchte Fläche des Berges die eine ganz eigenartige Pflanzenwelt aufweist. Auf- und Abstieg zusammen erfordern gegen achtzehn Stunden auf rauhen Pfaden. Das Stadtbild ist ein ganz modernes. Die breite „Adderlay-Street" könnte in jeder Großstadt sich sehen lassen mit ihrem Bahnhof, der Standard-Bank, den schönsten Läden, der Pferdebahn und dem „Publik-Garden" an ihrem Ende. Die Raumverhältnisse haben es erlaubt, der Allee, die zu ihnen hinführt, zwischen dem reizenden „Botanischen Garten" und dem des Regierungsgebäudes, eine fürstliche Ausdehnung zu geben. Das Straßenleben zwischen den verhältnismäßig niedrigen, weißen Häusern mit südlich flachen Dächern — nur einige ältere Gebäude aus holländischer Zeit sind noch gegiebelt — ist ganz europäisch. Besonders an England erinnern die weißen, zweirüderigen, von dem hintenaus- fltzenden Kutscher gelenkten Kabs, denen man nur Schnelligkeit und gutes Aussehen, aber nicht gerade Billigkeit nachrühmen kann. Farbige waren nicht zu sehen; Hottentotten gar nicht. Mehr bunt.als geschmackvoll zeigten sich die mit weißem Mieder und fast altägyptischer Kopfbinde geschmückten Malayenfrauen, in schreiend Helle, blaue, gelbe oder grüne Gewänder zu oft unförmlicher Dicke gehüllt. Es sind Nachkömmlinge der zur Zeit der holländischen Herrschaft von den Sundainseln her eingeführten Sklaven; zum Teil sogar sehr reiche, denn die Röcke waren oft von starrer Seide. — Am Sonntagabend aber wimmelt es in einigen Straßen von festlich in herrlichem Staat einherwandelnden wunderschönen Negerfräuleins mit Federhut und Schleppkleidern, begleitet von dunkelhäutigen Kavalieren mit weißem Vorhemde und langen Manschetten. Auch diese wollköpfigen Herren der Schöpfung sahen besser aus als am Montag- morgen, wenn sie wieder auf dem Blockwagen standen und ihre Gespanne durch den tiefen Kot der Docks lenkten. Die Rhede ist unbequem; darum hatte, die-Fregatte.auch an die Pier, den langen Hafendamm, verholt, trotz der fabelhaften Massen von Ratten, die in dem Balkenaufbau ihr Wesen trieben. Daß die Bucht nicht die beste ist, davon zeugten verschiedene Wracks, die den Strand mehr malerisch als gerade empfehlend zierten, und auch manch guter deutscher Schiffsanker liegt da auf dem Grunde. Es ist viel gethan für den Hafen; riesige Wellenbrecher, die verschiedensten Bollwerke zum Anlegen und Vertäuen; ein mächtiges Trockendock erster Klasse, leer einem vertieften langgestreckten Amphitheater in seinem Stufenbau ähnelnd • unaufhörlich fahren die Arbeitszüge auf die Dämme hinaus und hinein, in ihr Pfeifen und Rollen tönt das Zischen der Dampfmaschinen, die am Kai beim Löschen und Laden all der Briggs, Barks und Vollschiffe thätig sind, zum Geschrei der arbeitenden Neger und dem Rasseln der Arbeitswagen. Dort werden Kohlen genommen, hier eiserne Schienen klirrend verladen; langsam zieht ein' Trupp Strafgefangener vorbei unter Bedeckung, Hacke und Spaten aus der Schulter, weiße und dunkle Galgengesichter im innigen Verein, weil sie etwa oben in den Feldern bei Kimberley Diamanten gestohlen oder auch nur von Negern gekauft haben. Die deutsche Kolonie ist bedeutend; wenn auch s. Z. leider nur wenige in die Matrikel des deutschen Konsuls eingetragen waren, die Kirchengemeinde allein hatte einen Grundbesitz im Werte von zwölftausend Pfund Sterling; en, der Schule wirkten alte deutsche Lehrer, eine deutsche Zeitung „Das Kapland" und eine deutsche Buchhandlung machten gute Geschäfte und standen im Ansehen, und ein deutscher Hilfsverein Amieitia wirkte segensreich. Auch außerhalb Kapstadts nimmt die deutsche Bevölkerung nach Zahl und Tüchtigkeit eine sehr angesehene Stellung ein. So auch in Paar! in drei Stunden Eisenbahn- vou der Hauptstadt. 28 i Die Bahn dorthin führt ans der ganzen Strecke durch I ebenes Land, das vielfach an unsere norddeutsche Heide I erinnert. Rote Erikablüten reichlich zu beiden Seiten des Schienenweges; dazwischen weißes und gelbes Blnmen- gewächs in Massen; und uns unbekannte wundersame tulpenähnliche, rot und weiß geflammte Kelche aus hohem struppigen Busch; hier und da glitzernde Sumpfflächen und flache Wassertümpel vom Regen her. Hin und her über die Ebene zerstreut bis an den Fuß des hohen felsigen Gebirgszuges liegen die Gehöfte der Ansiedler, der unter britischer Herrschaft stehenden Bnren. Die Häuser sind durchgängig im alten holländischen Stil mit ausgeschweiftem Bogengiebel gehalten; niedrige, tadellos weiß getünchte Häuser, oft mit Strohdach, immer mit grünen Thüren und Fensterläden; teils kleine Ansiedlungen, teils stattliche, große Bauernhöfe von jungem oder altem Baumwuchs umhegt, unter dem die Eiche, der Eukalyptus, eine Kiefer mit dichter, runder Krone und eine sehr schmalblätterige Weide obenan stehen. Auf den Aeckern wurde fleißig gearbeitet. Sechs Rinder oder vier Pferde zogen den Pflug; auf dem Meidegrund dort hatte sich eine Herde langhaariger weißer Angoraziegen zerstreut, drüben gingen träge und behaglich Kühe mit riesigen Hörnern ihrer Nahrung nach; und dort in dem großen Gehege jagten mit langem hochbeinigen Hahnentritt und gehobenen Flügeln Strauße einher; das wertvollste Besitztum des jetzigen Farmers. Lächerlich langbeinig und dumm von Angesicht tollten sie in den ihnen gesteckten weiten Grenzen oft in bedeutender Zahl einher. Die Weibchen in ihrem grauen Kleid machen wenig Staat; aber die schwarzen Männchen mit dem Schmuck der prächtigen weißen Flügel- und Schwanzfedern sehen, besonders in hastiger Bewegung, gut aus. Seit Anfang der 60 er Jahre ist die Aufzucht zahmer Strauße erst in Angriff genommen; heute werden-in allen Teilen der alten Kapkolonie, die so groß ist wie das Deutsche Reich und die Schweiz, wohl zweimal hundert- tausend dieser Riesenvögel gehalten, dagegen ist der wilde Strauß hier ganz verschwunden. Die besten Federn, ganz lange, tadellose Ware, kosten das Pfund 500 bis 800 Mark. Einzeln sind sie unter 10 bis 16 Mark nicht zu haben. Der Preis eines ausgewachsenen Vogels, der Federn im Wert von 100 Mark im Jahr abgeben kann, soll bis zu 1000 Mark betragen. Schon längst waren uns längs der Bahn Aecker ausgefallen, die in dieser Winterzeit Aehnlichkeit hatten mit heimischen Kartoffelfeldern im Herbst, wenn die Stauden blattlos abgewelkt stehen. Aber die Stengel waren zu dick und zu holzig für unsere werten Erdäpfel. Das waren die Weinfelder, auf denen das berühmte Gewächs, „Kapwein" geheißen, gebaut wurde, erzeugt von Reben, die in der flachen Ebene in Reihen gepflanzt, ohne Stöcke und anderen Hält in Buschform gezogen werden. Das Holz war jetzt etwa zwei Fuß vom Boden zurückgeschnitten; die Hauptstämme zuweilen von Armdicke. Die Rebe muß riesig ausdauernd sein. In Paarl wurde uns ein Acker gezeigt, der mit 120 jährigem Gewächs bestanden war! Hier in Paarl wurden wir mit heller Begeisterung ausgenommen. Wir mußten eine Hängebrücke besuchen, die über einen Fluß oder Bach gespannt war, der im Hochsommer gar kein, und jetzt wenig Wasser hatte, und ein Wasserloch, in dessen Nähe wilde Oliven, Eichen, Bambu, echte Kastanien, Pisungs einträchtig beieinander wuchsen; wir freuten uns über das liebliche Bild der Hecken von blühenden dunkelroten Rosen, abwechselnd mit solchen von scharlachfarbenem Geisblatt, welche die Gärten voneinander schieden, während rohere Gemüter sich des stachlichten Kaktus oder der spitzen Aloe bedienen, von der der Dichter singt: „Setzt man sich drauf, dann thut es weh". Wir ließen „Setzt man sich darauf, dann thut- es weh". Wir ließen uns von dem einen Ansiedler erzählen, daß seit 210 Jahren sein Geschlecht auf diesem Boden Hause, auf dem er uns seine vorzüglichen schweren Weinproben vorsetzte, und schauen hinüber nach den Bergen, in dbnen flüchtige Zebras und bösartige Leoparden Hausen sollten/ — Paarl ist ein altholländischer Name; Stellenbosch und andere ähnlichen Klanges geben Kunde von der Zeit, in der bis 1806 Kap- land Kolonie der Niederlande war. Es wird noch jetzt vielfach „dutch", d. h. holländisch gesprochen, ebensoviel aber das „properly afrikander", ein Gemisch von holländisch, englisch und malayisch. Auch die ungeheuren Karren, bespannt mit sechszehn Ochsen, fehlten nicht am Wege, neben hocheleganten Gigs oder einer uralten Burenkutsche, die von dem vierspännigen Postwagen im schlanken Trabe überholt wurde, der, hochbepackt nach Norden, ins Innere seinen Weg nahm. Jetzt haben die englischen Divisionen denselben Weg genommen. Nicht alle werden auf ihm zurückkehren! Die Buren schießen zu gut. Literarisches. Preisausschreiben. In der ersten Nummer des 1900 er (19.) Jahrgangs der „Gefiederten W e l t", begründet von Doktor Karl Ruß, erläßt die, jetzige Schristleitung zwei Preisausschreiben zu je drei Preisen — das erste für die beste photographische Ausnahme öoit lebenden Stubcn- vögeln (erster Preis Mk. 30.—, zweiter Preis Mk. 20.—, dritter Preis Mk. 10.—), das zweite für die beste Schilderung einer selbst betriebenen Zucht einheimischer Stubenvögel mit einer guten Zeichnung oder Photographie (erster Preis Mk. 50.—, zweiter Preis Mk. 30.—, dritter Preis Mk. 20.—) — für welche bei der Verbreitung der Bogel-Liebhaberei voraussichtlich auch in unserem Leserkreise lebhaftes Interesse vorhanden sein wird. Indem wir die Vogel-Liebhaber aus unserem Leserkreise auf obige Preis - Ausschreiben Hinweisen, teilen loir ferner mit, daß die C r e u tz ' s ch e Verlags-Buchhandlung in Magdeburg die Bedingungen zur Teilnahme am Wettbewerb auf Wunsch gern durch kostenlose und postfreie lleber- sendung jener ersten 9hmtmcr der „Gefiederten Welt" bekannt geben würde. Preisrichter sind: 1. Prof. Paul Meherheim, Mitglied der Königl. Akademie der Künste, 2. Dr. Ludwig Heck, Direktor des zoolog. Gartens zu Berlin, 3. Karl Neunzig, der Herausgeber: der „Gefiederten Welt". Von deutsche Kunst und Dekoration Verlag von Alexander- Koch, Darmstadt (Preis jährlich 12 Hefte Mk. 20,—, Einzelhefte Mk. 2,—, ) erschien soeben Heft 4 des dritten Jahrganges unter dem Son- dertitel: Dresdner Kunstausstellung Heft 2. Plastik, Malerei, Keramik, Metall-Erzeugnisse, Buch-Schmuck. Dasselbe enthält: Nachklänge von der Dresdener Kunstausstellung (von Dr. Jean Louis Sponsel Dresden.) Hans Unger (von Dr. Hans W. Singer Dresdens Paul Dubois (von Oktave Maus Brüssel.) Wettbewerbe. Kleine Mitteilungen. Atelier- Nachrichten. Außerdem farbige Beilagen außerhalb des Textes Vollbildcr und Illustrationen im Texte in reichem Wechsel. Das durchaus zeitgemäße vornehme Unternehmern immer wieder zu empfehlen, halten wir für eine Ehrenpflicht. Lexikon der Metall-Technik. Handbuch für alle Gewerbetreibenden und Künstler auf metallurgischem Gebiete. Enthaltend die Schilderung der Eigenschaften und der Verwertung aller gewerblich wichtigen Metalle, deren Legierungen und Verbindungen. Unter Mitwirkung von Fachmännern redigiert von Dr. Josef Bersch. Das Werk ist vollständig in 20 Lieferungen zu 50 Pfg. Auch in zwei Halbbänden geh. ä 5 Mk., oder in einem elcg. Halbfranzband gebunden 12 Mk. 50 Pfg. komplett zu haben. (A. Hartleben's Verlag in Wien.) Das einstimmige Urteil berufener Fachleute über dieses nunmehr vollendet vorliegende Werk stimmt mit jenen, welche uns während des Erscheinens der einzelnen Lieferungen zugckommen sind, in allen Dingen überein. Dasselbe ist ein bis in die kleinsten Einzelheiten und unter Berücksichtigung des neuesten Standes der Wissenschaft und Technik abgefaßtcs Werk, in welchem alles enthalten ist, was dem Metalltechniker im umfassendsten Sinne des Wortes an fachlichem Wissen notwendig. Das Lexikon der Metall-Technik ist daher ein encyklopädisches Werk von hervorragend praktischem Werte, da es als Unikum in der Fachliteratur für jeden Metall-Techniker ein in allen Fragen sicheren Aufschluß erteilendes Handbuch bildet. Magisches Quadrat. (Nachdruck verboten.) ■——।---- In die Felder nebenstehenden Quadrates sind die Buchstaben a a, d, e e, f f, 1 I, o o, p, r r, u, w derart einzutragen, daß die wagerechten und I 1 senkrechten Reihen gleichlautend solgendes ergeben: 1. Wildes Raubtier. 1_____ 2. Musikalisches Werk. 3. Mythologischen Namen. ---------- 4. Einen Titel. (Auflösung folgt in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Besser nubegonncn als unbesonnen. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Neben) in Gießen.