1100 Bl ■fc et gut und laß do» dir die Menschen Böses sagen; Wer eig'ne Schuld nicht trägt, kann leichter fremde tragen. Rückert. (Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Reinhold Ootmann. (Fortsetzung.) Zweiter Band. Erstes Kapitel. Es war lange nach Mitternacht, als der eigentliche Ball endlich mit einer lustigen Polonaise eröffnet wurde. Dora Norrenberg mochte erwartet haben, daß Sandory sie zu diesem ersten Tanz auffordern würde; aber er kayr nicht, und nachdem sie zweimal einen Korb erteilt hatte, durfte sie den dritten Bewerber, obwohl er ein ihr wenig sympathischer Mensch war, nicht mehr sortschicken, wenn sie nicht in Gefahr geraten wollte, sitzen zu bleiben. Aber ihr Kavalier hatte wenig Veranlassung, sich! seiner kaum erhofften Eroberung zu freuen; denn Dora zeigte sich während des Rundganges von ihrer unliebenswürdigsten Seite. Während er umsonst verzweifelte Anstrengungen machte, sie für irgend einen Gesprächsgegenstand zu interessieren, hingen ihre heißen Blrcke unverwandt an dem auffallend schönen Paare, das an der Spitze des bunten Reigens schritt. Der Tanzordner hatte sicher die glücklichste Wahl getroffen, als er Rudolf Sandory ersuchte, die Führung der Polonaise zu übernehmen, und Margarete durfte sich wohl geschmeichelt fühlen, daß sie dazu ausersehen war, an dieser Auszeichnung terl- zunehmen. . ... Aber sie war trotzdem nicht mehr so fröhllch, tote ]te es beim Beginn des Festes gewesen. So oft ihr Sandory eine seiner Artigkeiten sagte, wurde sie verlegen, weil sie sich ihres vorigen allzu freien Benehmens schämte, und die kleine Anwandlung von Reue, die sie unter Walther Sartorius' vorwurfsvollem Blick empfunden, regte sich zu ihrem Verdruß noch' mehr als einmal in dem jungen Herzen. Er war nicht gekommen, sie um einen Tanz zu bitten. Ihre Karte war schon ganz mit mehr oder weniger unleserlichen Namen bedeckt; aber fre hatte sich vorgenommen, daß sie ihm ohne Rücksicht auf frühere Bewerber den Vorzug geben würde, wenn er sich doch noch entschließen sollte, sie aufzusordern. Eine Kränkung, einen tiefgehenden Schmerz hatte sre ihm ja vorhin keinsswegs zufügen wollen. Denn der Groll, den sie gegen ihn empfand, weil er ihrer Meinung nach nicht den Mut besaß, sich offen für die gerechte Sache ihres Vaters zu erklären — dieser wunderliche Groll, der sie nun schon wiederholt gerade in den entscheidenden Augenblicken bestimmt hatte, den jungen Doktor schroff und abweisend zu behandeln — er mußte doch, wohl noch nicht tief genug Wurzel gefaßt haben in ihrer Seele, daß sie über einen Kummer des ehemaligen Freundes hätte Genugthuung fühlen können. Wenn es angesichts der väterlichen Feindschaft zwischen ihnen jetzt auch nicht mehr sein durfte, wie früher, wo sie ja überhaupt noch ein Kind gewesen war, so brauchte er doch nicht gerade zu glauben, daß sie von Haß gegen ihn erfüllt sei. Die erbetene Rose hatte sie ihm nicht gegeben, daran war nun nichts mehr zu ändern, selbst wenn es ihr jetzt aufrichtig leid gethan hätte — einen Tanz aber brauchte sie ihm trotz der veränderten Verhältnisse wohl nicht abzuschlagen/ und es war am Ende doch ein Zeichen von Gleichgiltigkeit auf seiner Seite, daß er nicht einmal den Versuch machte, eine solche Gunst zu erlangen. Sie war verstimmt, obwohl sie es sich! selber nicht eingestehen mochte, und sie verhielt sich auch darum Sandory gegenüber schweigsamer, als es sonst ihre Gewohnheit war. Ja, sie hörte vielfach nur mit halbem Ohr auf seine Worte, und der Sinn mancher bedeutsamen Aeußerung, die wohl danach angethan gewesen wäre, sie stutzig zu machen, ging ihr darum vollständig verloren. Er war aber viel zu scharfblickend und zu klug, um einen ungünstigen Augenblick für seinen entscheidenden Angriff zu wählen. Er hütete sich wohl, ihr durch allzu beharrliche Huldigungen lästig zu fallen und zog sich gleich nach Beendigung des ersten Tanzes zurück, um ohne kleinliche Eifersucht auch anderen Verehrern das Feld freizugeben. „Sie scheinen sich lieber in Deutschland als in Indien aufzuhalten, edler Fürst", sagte Dora in erzwungenem Scherz, als er sich ihr jetzt mit seinem unveränderlich! gelassenen Lächeln näherte. „Ich möchte wahrlich! nicht Schuld daran sein, daß irgend ein blondes Gretchen in Sehnsucht nach Ihnen vergeht." „Sie würden nicht an die Aufrichtigkeit meiner grenzenlosen Bewunderung glauben können", erwiderte er ohne Verlegenheit, „wenn ich! mich völlig blind stellen wollte für andere Schönheit. Die Rose bleibt die Königin der Blumen, auch! wenn das stille Veilchen die Menschen gelegentlich mit seinem Dufte erfreut." „Doch soll es Leute geben, die überhaupt viel lieber- demütige Veilchen als dornenbewehrte Rofen brechen." Sandory begnügte sich damit, ihr statt aller weiteren Antwort tief in'die brennenden Augen zu sehen, und dann zog er sie so ungestüm in den Wirbel einer raschen Polka — M — hinein, daß Dora kaum Atöm genug behalten hätte, dies Gespräch! fortzusetzen. „Genug!" sagte sie endlich leise, indem sie ihre Hand mit etwas festerem Druck aus seinen Arm legte. „Ich kann nicht mehr. Lassen Sie uns lieber ein wenig promenieren." Sie traten in den Speisesaal, der sich an den großen Festraum anschloß, und in dem zahlreiche lustig tafelnde Gruppen an kleinen Tischen saßen. In dem breiten Mittelgang warrdelten schon viele andere Paare gleich! ihnen aus und nieder, und sie mußten ihre Stimmen bis zu leisem Flüstern dämpfen, wenn sie nicht von ihrer Umgebung belauscht werden wollten. Dora war es, die zuerst von dem folgenschweren Ereignis dieser Ballnacht sprach, nachdem sie vergebens auf eine Frage Sandorys gewartet hatte. „Lengfeld hat seine Drohung zur Wahrheit werden lassen", sagte sie, „den Skandal, aus den ich mich gefaßt machen sollte, er hat ihn wirklich herbeigeführt." „Ah, in der That? Welche Geschmacklosigkeit! Sie sollten ihn empfindlich, dafür büßen lassen, damit ihm künftig solche Neigungen vergehen." Er hatte das ohne Ueberraschung gesagt und in einem so leichten Ton, als handle es sich nur um eine ganz gleichgiltige Begebenheit, die morgen wieder vergessen sein würde. Da er seine Begleiterin nicht ansah, entging ihm auch der seltsame, unmutig forschende Blick, mit welchem sie über sein Gesicht hinstreifte. Dora wartete abermals, ob er noch etwas hinzufügen würde; da es nicht geschah, fuhr sie in nachdrücklicherem Tone fort: „Und Sie fragen mich nicht einmal, was es gegeben hat? Noch vor kurzem schienen Sie eine etwas lebhaftere Teilnahme für mein Geschick zu empfinden." „Ich wollte nicht indiskret sein, und ich denke doch, daß es nicht gerade ernsthaft ist — nicht wahr?" „So ernsthaft, als es nur immer sein kann. Zwischen ihm und mir ist es aus — ganz aus! Darüber konnte kein Zweifel mehr bestehen, als er vorhin in Heller Entrüstung das Fest verließ." „Er wird wiederkommen, Sie um Verzeihung zu bitten — seien Sie versichert, daß er es thun wird." „Nein, er wird es nicht thun. Und wenn er ehrlos genug wäre, es zu versuchens, so würde ich ihn nicht einmal anhören. Aber es scheint, als ob Ihnen eine Versöhnung zwischen mir und meinem ehemaligen Verlobten erwünschter wäre, als ein Bruche." „Mir? O gewiß nicht! Wenn Sie ganz sicher sind, dast Sie das erhoffte Glück an seiner Seite nicht gefunden haben würden —" Ungeduldig schüttelte Dora den stolzen Kopf. „Nur nichts von solchen Phrasen — ich bitte Sie darum! Was ich gethan habe, war einfach eine Notwendigkeit, eine Pflicht der Selbsterhaltung. Sie sollten es doch wahrlich am besten wissen, daß ich nicht anders konnte." „Und der Herr Staatsanwalt war es, der das entscheidende Wort gesprochen hat?" „Er oder ich! — ich weiß es nicht mehr. Was ist auch daran gelegen. Genug, daß es aus ist, und daß ich frei bin, endlich! — endlich frei." „Aber Ihr Vater — er wird sich nur schwer in diese Wendung der Dinge finden." „Ich werde harte Kämpfe zu bestehen haben, darüber bin ich mir vollkommen klar — Kämpfe mit meinem Vater und vielleicht noch mehr mit der hämischen Bosheit dieses erbärmlichen Haufens, der sich bei uns die gute Gesellschaft nennt. Ich fürchte mich! nicht davor, aber es ist am Ende doch kein angenehmes Bewußtsein, ganz allein zu stehen gegen so viele. Soll ich Ihnen ehrlich bekennen, daß ich eigentlich ein wenig auf Ihren Beistand, auf Ihre Freundschaft gerechnet hatte?" „Ich aber brauche Ihnen hoffentlich nicht erst zu versichern, daß Sie unumschränkt über beides gebieten können." Das klang viel mehr wie eine herkömmliche Redensart, als wie eine aus dem Herzen kommende Beteuerung, und wieder streifte 'Dora die Züge ihres stattlichen Kavaliers mit jenem mißtrauisch forschenden Blick. „Nun, wir werden ja sehen", sagte sie ziemlich! rauh. „Darf ich für einen der nächsten Tage Ihren Besuch erwarten?" /' „Befehlen Sie, und ich werde gehorchen. Bin ich denn nicht Ihr getreuer Sklave?" „Ach,' lassen wir doch jetzt diese Maskenscherze! Ich fange nachgerade an, den Geschmack daran zu verlieren. Also Sie werden morgen kommen? — Nein — nicht morgen! Diese ersten vierundzwanzig Stunden möchte ich ganz für mich allein haben. Aber übermorgen! Um die Mittagszeit! Wollen Sie mir das versprechen?" „Mit meinem Manneswort!" „Gut! So lassen Sie uns jetzt in den Tanzsaal zurückgehen. Und tanzen Sie meinetwegen weiter mit Ihrem blonden Gretchen! Vielleicht ist es in der That besser, daß man Sie nicht beständig in meiner Gesellschaft sieht." Wenige Minuten später war er entlassen, aber als er gleich! daraus Margarete zu der vorhin bewilligten Mazurka abholen wollte, gab sie ihm einen Korb. Sie habe Herzklopfen, sagte sie unsicher, und ihr Vater wünsche, daß sie ein wenig raste. Später, nach! der Pause, wolle sie ihm gern einen anderen Tanz gewähren, wenn ihm überhaupt daran gelegen sei. Sandory hatte keinen Grund, sich gekränkt zu fühlen; denn er sah, daß sie wirklich neben ihrer Mutter sitzen blieb. Er geriet unversehens an Herrn Franz Eschenbach, der merkwürdigerweise noch immer da war, und ihn eine Viertelstunde lang mit allerlei naiven Fragen über das gesellschaftliche Leben in Sankt Petersburg langweilte. Dann gab es eine große Tanzpause mit deklamatorischen und musikalischen Vorträgen. Ein Konzertflügel, der bis dahin hinter den Coulissen verborgen gewesen war, wurde auf die Bühne geschoben, und verschiedene Dilettanten beiderlei Geschlechts produzierten sich zu ihrem eigenen und ihrer Anverwandten lebhaftem Vergnügen. (Fortsetzung folgt.) In goldener Faffung. Von I. Berr de Turique. Autorisierte Bearbeitung von E. Vilmar. Nachdruck verboten. I. Liebesheirat oder Vernunftehe? Sind sie die Glücklicheren, die sich von der Liebe „heiligem Götterstrahl" leiten lassen, sind sie's, die sich! erst nach reiflicher Erwägung von Für und Wider zur Ehe entschließen? Das ist eine Frage, die niemals aus der Welt geschafft werden wird, solange die Einrichtung der Ehe hienieden besteht, und voraussichtlich dürfte sie sobald nicht aufgehoben werden. Auch Felix von Ellern, den Held unserer Geschichte, beschäftigte dieser interessante Gedanke. Er war ein achtundzwanzigjähriger, stattlicher, junger Mann mit hübschen, intelligenten Zügen, vornehmem Wesen und sehr bedeutendem Vermögen. Als Besitzer derartiger natürlich-er, geistiger und . . . klingender Begabung war er in den Kreisen der nach einem Schwiegersöhne ausschauenden Väter und Mütter erklärlich! eine sehr gesuchte Persönlichkeit. Von allen Seiten hagelte es Einladungen, Briefe, Anträge auf ihn hernieder. Kaum ein Tag verging, ohne daß ihm Gelegenheit geboten ward, eine oder die andere „seltene Perle" zu bewundern. Töchter hoher Würdenträger, Bankiersund Grafentöchter waren ihm zur Wahl gestellt. Doch Felix übereilte sich! nicht. „Natürlich will ich vor allen Dingen geliebt werden", sagte er zu seinem besten Freunde, dem Dichter Ottokar Waldheim, der ihn daraufhin ansprach „Was hilft eS mir, Familienglied der Grafen von Dreistern ober der Baronin von Blauenblut zu werden, wenn das Bindeglied mir das Leben unerträglich! macht? Und welchen Zweck hätte es andererseits, meine Million mit der Fräulein Hansens ober Fräulein Duponts zu vereinen, bie mir beide — die eine durchs ihr Aeußeres, die andere durch ihr Wesen — unleidlich! sind?" „Und was gedenkst Du eigentlich!'. . ." „Vorläufig mache ich es wie Du und begnüge mich mit der Rolle des Beobachters. Du schaust Dir Blumen, Bäume, Sonnenuntergänge, Me»resflut»n und hübsche - 651 - Araurii w, um sie in Versen zu besingen; ich, um mir eine Augenweide zu bereiten, Michi zu zerstreuen bis . . „Bis. . .?" „ . . . Ich! die Gesuchte gefunden habe." „Und Du suchst natürlich ein Ideal an Schönheit und Liebreiz, in jeder Beziehung erster Güte?" „Bewahre, ich suche einfach ein Weib, das mich um meiner selbst willen liebt und fähig ist, mir das Leben angenehm zu machen." Ottokar lachte unwillkürlich auf. „Kindskopf! Wenn das alles ist, so dürftest Du mit Deinem Aeußeren, Deinem Mammon — mit Leichtigkeit Dutzende von Frauen finden." „Das vielleicht. Als „Partie" dürfte ich vielleicht Anspruch! auf das, Prädikat „erste Güte" erheben. Aber das ist es eben. Gesetzt den Fall, ich ginge der erwähnten Vorzüge verlustig, ich verlöre Haar und Geld zugleich . . . glaubst Du wohl, daß gute Sitten und Verstandeswert allein genügen, um Eindruck auf ein junges Mädchenherz zu machen?" „Hm. . ." meinte der Poet bedenkliche „Siehst Du, da habe ich,Dich festgenagelt! . . . Und kannst Du mir unter all den Mädchen meiner Bekanntschaft, die bei jedem meiner Worte anscheinend in Bewunderung zerfließen, auch nur eine, eine einzige nennen, die mir. . . im Falle ich mittellos . . ." „Und kahl wäre . . ." „Mit derselben bestrickenden Liebenswürdigkeit begegnen würde?" „O ja, id), kenne eine." „Wer ist sie?" , „Gerda Larisch, die Du schon oft bei Deiner Tante, Frau von Cron, getroffen hast." „Ach geh doch! Sie beachtet mich! ja kaum, ja, sie weicht mir sogar aus. Und wenn die Höflichkeit es un- umgänglich erfordert, daß. ich sie zum Tanz auffordere, findet sie stets einen Vorwand, meine Bitte abzulehnen." „Weil sie Dich! liebt." „Wie . . . Du glaubst? . . ." „Aber bester Junge, das sieht man doch! ... Ich bin vollkommen überzeugt davon. Für uns Poeten giebt es untrügliche Symptome." „Mer wenn es so wäre, warum dann diese äußere Mißachtung?" „Mißachtung? . . . Ich halte es für Zurückhaltung, für weibliche Würde. Fräulein Larisch ist arm, und Du bist Millionär." „Wer sie ist berückend schön. . ." „Allerdings, und wenn ich, ein armer Poet ohne Heller und Habe, in Deiner Stelle wäre. . ." „Aber wie erfahre ich, ob Deine Behauptung zutrifft?" „O, das dürfte nicht schwer halten. Auf der nächsten Wendgesellschaft bei Deiner Tante werde ich ihr im Vertrauen mitteilen, daß Du mittellos bist und eine Perrücke trägst. Dann bittest Du sie um den nächsten Walzer, und Du sollst sehen, sie nimmt Deine Aufforderung an. Und da sie Dir bisher, so lange sie Dich reiche und . . . behaart gewähnt, keinen Tanz gewährt, wäre dies der schlagendste Beweis fürs die Richtigkeit meiner Behauptung." — „Gut, versuchen wir es, und sei's auch nur aus Wißbegier." II. Wirklich! nur aus Wißbegier? Jedenfalls ward Felix an gedachtem Abend zum ersten Mal das Vergnügen zu teil, mit Fräulein Larisch zu tanzen, wobei er Gelegenheit fand, sie nicht nur als vorzügliche Tänzerin, sondern auch als überaus anziehendes liebenswürdiges Wesen kennen und schätzen zu lernen. Und als er im Laufe des Abends zum Brennpunkte, zu der Frage gelangte, ob sie seine Frau werden wolle, harrte er voll Bangen ihrer Antwort. Sie war sehr einfach. „Wie gut, daß Sie diese Frage nicht geäußert haben, bevor Sie Ihr Vermögen verloren. Nun kann ich! freudigen Herzens „ja" sagen." Der Kahlheit erwähnte sie nicht; denn der diplomatische Ottokar hatte es schließlich doch! für ratsamer gehalten, sich diese Lüge zu ersparen. Sechs Wochen später fand die Vermählung des Paare- statt. Die jungen Gatten machten eine Hochzeitsreise nach Italien und ließen sich, zurückgekehrt, auf dem herrlichen Landgute Ellerns nieder. Die ersten Gäste, die sie dorthin einluden, waren Ottokar Waldheim und Tilly Leer, eine Freundin Gerdas, die auf der Hochzeit derselben Ottokars Brautdame gewesen. Es ist nicht schwer zu erraten, daß das junge Ehepaar eine Verschwörung angezettelt hatte, um sich dem Poeten , dessen kluger Strategie sie ihr Glück verdankten, erkenntlich zu zeigen. Sie hofften, daß Tilly, die elternlos, freie Herrin ihrer Entschließungen und für edle Poesie außerordentlich, empfänglich war, sich schon aus Begeisterung für Ottokars schöne Verse entschließen würde , ihm ihre Hand zu reichen, in der sich, etliche hunderttausend Mark befanden. Es waren herrliche Tage, die die Vier niitsammen verlebten. Ottokar, der bereits auf der Hochzeit sehr entzückt von seiner Brautdame gewesen, geriet alsbald in jenen eigenartigen, nicht mißzudeutenden Zustand, der sich durch. Seufzen, schmachtende Mienen und Augenverdrehen kund zu thun pflegt. Bei Gelegenheit machte er Felix zum Vertrauten seines Hangens und Bangens. „Du glaubst also wirklich, daß dieses göttliche Weib im stände wäre, mir ihr Herz zu schenken?" fragte er. „Ich bin überzeugt davon." „Wäre es möglich? Mich. . . mich sollte sie lieben? Mich armseligen Schlucker?" „Bei Menschen von hervorragender Veranlagung spielt Geld meist keine Rolle. Sieh Dir Gerda an! Hat sie mir ihre Liebe nicht dann erst bekannt, als sie mich mittellos wähnte?" „Das ist allerdings wahr." Während dieser Unterhaltung ergingen sich die Freunde im Park. Der Abend dunkelte bereits. Der heraufziehende Mond begann seinen magischen Goldschein um Baum und Busch zu weben. Schritte und Stimmen klangen durch die Abendstille. .„Halt!" sagte Ottokar. „Dort kommt Deine Frau mit Tilly." „Vielleicht verhandeln sie dasselbe Thema wie wir", meinte Felix. „Solch! stimmungsvoller Mondscheinabend ist zu Herzensergüssen wie geschaffen." „O wüßte idji, ob sie mich liebt", seufzte Ottokar träumerisch. „Das kannst Du möglicherweise gleich! in Erfahrung bringen. Schnell hier hinein!" Damit zog Felix den Freund in ein dichtes Gebüsch, wo beide regungslos den Stimmen der Nahenden lauschten. Langsam, Arm in Arm, näherten sich die beiden Damen einer in der Nähe des Gebüsches stehenden Bank. „Wollen wir uns hier ein wenig setzen?" fragte Gerda. „Gern." Die beiden Lauscher frohlockten innerlich Besser hätte es sich garnicht fügen können. Kein noch so leises Wort konnte ihnen jetzt entgehen. „Und hast Du eine glückliche Wahl getroffen? Entspricht er in jeder Beziehung Deinen Wünschen?" tönte Tillys Stimme an ihr Ohr. Ottokar stieß Felix an, was ungefähr besagen sollte: „Paß auf? Die Rede ist von Dir, alter Freund!" Mit vollstem Vertrauen erwartete der Gatte die Antwort seiner Frau, ein festes, kurzes, entschiedenes, natürliches „Ja!" „Nein!" klang es statt dessen zurück. „Es wird Dir vielleicht unbegreiflich scheinen, Tilly, aber ich, bin seiner sehr bald überdrüssig geworden und mag ihn nicht mehr." Glücklicherweise konnte Felix sich in diesem Moment auf Ottokar stützen; denn seine Knie schienen plötzlich zu. wanken. „Mein Gott! Mein Gott!" ächzte er leise. „Aber wie kommt denn das?" entgegnete Lilly ve-- troffen.' „Du schienst doch anfangs so viel Gefallen an ihm zu finden?" „Nun ja . . . aber man kann sich, täuschen. Und dies ändert sich! auch! der Geschimack." . Dicke Schweißtropfen perlten auf Felix' Etirn. Gr wollte fliehen, um nichts weiter zu vernehmen, um sich! wenigstens noch; die Möglichkeit eines letzten leisen Zweifels zu wahren. Doch die leiseste Bewegung würde seine Anwesenheit verraten. Er muhte ausharren. „Aber warum hast Du ihn denn genommen?" fragte Lilly. „Weil er in Gold gefaßt war." Ein kühler Wind hatte sich erhoben. Die leicht gekleidete Tilly erschauerte. „Komm", sagte sie, „es wird kühl, wir wollen' ins Haus zurückkehren." Sie erhoben sich und eilten den mondschimmernden Kiesweg hinunter, dem Hause zu. Mit Augen, düster wie die Nacht, starrte Felix ihnen «ach, „Die Elende!" knirschte er, sobald sie außer Hörweite waren, „o, diese Elende!" Ottokar hätte viel darum gegeben, seinen Freund trösten zu können, doch angesichts dieses Schmerzes fand er die rechten Worte, den rechten Ausdruck nicht. Ihm war, als habe er einen Keulenschlag erhalten. „Und Dir. . . Dir habe ich das zu verdanken!" wandte Felix sich! .fetzt erbittert gegen den Freund. „Mir. . .?" „Jawohl, Dir . . . Deiner Poeten-Einfalt. Du Hast Dich! von der Komödie, die sie gespielt, fangen lassen, und ihr obenein noch znr Erreichung ihres Zweckes verhalfen. Und wenn ich! bedenke, daß ich so blödsinnig gewesen, mich! ebenfalls sangen zu lassen! . . . Wenn ich mir ihre Antwort auf meine Liebeserklärung vergegenwärtige: „Wie gut, daß Sie nicht um mich geworben, bevor Sie Ihr Vermögen verloren; denn nun kann ich! freudigen Herzens „Ja" sagen . . ." O, diese elende Heuchf- lerin! . .-. Nur um meines Mammons, um meiner „goldenen Fassung" halber ift- sie mein Weib geworden!" „Felix, ich! bitte Dich, beruhige Dich!" „Mich! beruhigen? . . . Wie sollte das wohl möglich sein? Wenn ich; sie wenigstens nicht so liebte oder hoffen könnte, sie eines Tages nickst mehr zu lieben ! Aber sie ist mir so unendlich^ ans Herz gewachsen, daß ich mich nie mehr von ihr loszureißen vermag. O, es ist, entsetzlich!, Ottokar, über alles Denken fürchterlich! ... Zu wissen, daß sie, die man anbetet, unserer Liebe unwert ist!" Und auf der Bank niedersinkend, auf der seine Frau zuvor gesessen, brach! Felix in leidenschaftliches Schluchzen aus. „Wenn ich denke, wieviel Anwartschaft auf ein glückliches Dasein ich gehabt! "stöhnte er. „O, und wie glücklich hätte ich irgend ein braves, ehrenwertes Weib machen können, das mir dafür erkenntlich gewesen wäre! . . . O, dieses Elend, diese Qual!" DaS Leid des Freundes schmerzte Ottokar in tiefster Seele. „Vergieb mir, Felix, vergieb mir!" bat er innig. „Ich bin trostlos, die Ursache Deines Unglücks gewesen zu sein. Doch mein Glück ist ebenfalls dahin; denn so sehr ich! die Freundin Deiner Frau lieb gewonnen, vermag ich jetzt nicht mehr, an eine Vermählung mit ihr zu denken. Ich habe kein Vertrauen mehr zu den Weibern ' und will mich nicht der Gefahr einer ähnlichen Entdeckung «uSsetzen, wie sie Dir soeben befchieden worden." III. Schließlich mußten die Freunde wieder daran denken, ms Haus zurückzukehren. „Welche Qual liegt in dem Gedanken, diesem Weibe wieder gegenübertreten, sich unwissend stellen, von gleich- gütigen Dingen mit ihr reden zu müssen!" rief Felix verzweifelt. „Allerdings. . . denn daß wir uns versteckt hatten, um sie zu belauschen, können wir ihnen nicht sagen. Durchtrieben, wie Deine Frau ist, würde sie Dir dann erwidern, daß ihre Aeußerungen lediglich bezweckten, Dich für Deine Neugier zu strafen." Wenige Minuten später betraten die beiden Herren den Salon. „Wie lange Ihr draußen geblieben seid!" wandte Gerda sich mit sanftem Vorwurf an den Gatten. „Das ist unrecht von Mr, Felix; Du weißt doch, tote leicht Du Dich erkältest." „Pah, was thut das?" versetzte er voll inner«« Grimmes. „Was es thut? Nun, wenn es Dir nichts thut, ist es doch für Deine Frau sehr betrübend, den geliebten Herrn und Gemahl leiden zu sehen", lächelte Gerda, während sie, auf Felix zutretend, zärtlich! seine Wange tätschelte. Es bedurfte des Aufwandes all seiner Willenskraft, um angesichts dieser schändlichen Heuchelei einen Ausbruch innerer Empörung zu unterdrücken und seine Ruhe zu wahren. „Sag', lieber Schatz", ging Gerda dann ziemlich unvermittelt auf ein anderes Thema über, „gedachtest Du nicht morgen nach Wien zu reisen?" „Warum diese Frage?" „Ich wollte Dich in diesem Falle bitten, mir diesen Fächer umzutauschen, den ich in voriger Woche — unter dieser Bedingung — gekauft habe. Anfangs gefiel er mir, aber ich bin seiner sehr bald überdrüssig geworden. . ." Wie ein Blitzstrahl durchzuckte es Felix. „Wie kommt denn das?" fragte er sich, zur Ruhe zwingend, in halb ersticktem Tone. „Das ist doch sonst nicht Deine Art?" „Ich! weiß nicht. . . vielleicht weil er allzu sehr ins Auge fällt." „Aber warum hast Du ihn denn genommen?" „Woeil er in Gold gefaßt ist... Das ift jetzt das Modernste." Eine Bergeslast fiel ihm von der Seele, während Gerda harmlos fortfuhr: „Wer Du weißt ja, ich bin mehr für das Einfache, Unauffällige. Du wirst mir etwas recht Hübsches aussuchen, nicht wahr, Männchen? Ich verlasse mich auf Deinen guten Geschmack." „Ja, mein Lieb, ja; ich werde mein möglichstes thun. Doch halt, erst' gieb mir einen Kuß!" Und leidenschaftlich preßte er sein junges Weib in die Arme. „Wer Felix, ich bitte Dich!, sei doch vernünftig! . . . Was muß Herr Ottokar denken?" „Ach was! Er wird denken, daß ich Dich liebe und ein glücklicher Mensch bin. . . und das wird er sehr begreiflich finden." Gemeinnütziges Neue Apfelsorten. Seit der Einbürgerung des Bismarckapfels legen sich unsere -Obstzüchter immer mehr auf die Anzucht frühtragender und großfrüchtiger Apfelsorten. Es ist erstaunlich, was hierin schon geleistet wird. In der neuesten Nummer des praktischen Ratgebers im Obst- und Gartenbau werden zwei dieser Sorten in Wort und Bild vorgeführt. Es sind dies Fießcrs Erstling und Großherzog Friedrich von Baden. Schon ganz kleine Bäumchen, wie sie eins der Bilder veranschaulicht, ja sogar einjährige Veredlungen, hängen schon voll prächtiger, sonnenwärts leicht geröteter, dem weißen Winter- Calvill ähnlicher, wundervoll duftender und in der Lagerreife goldgelb werdender Früchte. Da die Sorten auch kräftig treiben, wird der Gartenliebhaber gewiß große Freude an denselben erleben. Die betreffende Nummer, in welcher diese schönen neuen Sorten besprochen und abgebildet sind, wird auf Verlangen vom Geschäftsamt des praktischen Ratgebers im Obst- und Gartenbau in Frankfurt a. Oder frei zugesandt. Gilbenversteckrätsel. Nachdruck verboten. Gleiwitz, Wochenblatt, Brühsuppe. Wunderkind, Ringlein, Scheune, Kapitän, Pendel. Es ist ein Sprichwort zu suchen, befielt einzelne Silben der Reihe nach versteckt sind in vorstehenden Wörtern ohne Rücksicht auf bereu Silbenteilung. Auflösung folgt in nächster Nummer. Auflösung der Gleichung in voriger Nummer: Hnnbstage. (a Hund; b Stange; c Neid; d Eid.) Redaktion: ®. Burkhardt. — Druck und Berlaz der Briihl'schen UniverfitätS-Buch- und Steindruckern (Pietsch Erben) in Gießen.