Dienstag den 15. Mai. MWM MMMMZ MS«. '**Ä Ml WMK «i'iVy WPM lie soll ich mich im großen Schwalle Zur Geltung bringen, sag' mir'S an? — Mach' eins nur trefflicher als alle, Nur eins, was so kein and'rer kann. E. Geibel. (Nachdruck verboten.) „Es sah eine Linde ins tiefe Thal." Novelle von R. Litten. (Fortsetzung.) Tina, die Heranwachsende Tochter des Hauses,-ging in all diesen Jahren ihren eigenen, stillen Weg. Sie lebte ihren Studien, trieb mit Herrn Engelhardt, welcher ein gut durchgebildeter Musiker war, und einst nur ungern, durch widrige Verhältnisse gezwungen, seinem Jugendtpaum, ganz seiner geliebten Kunst zu leben, entsagt hatte, eifrig Musik, ließ sich bei günstigem Wetter von seiner sanften Frau zu ihren weit und breit berühmten Rosen führen, machte ihren täglichen, weiten Spaziergang und widmete sich im übrigen dem kleinen, kräftig Heranwachsenden Bruder. Auch wenn die Stiefmutter im Schlosse war, änderte sich wenig in ihrem Leben, und nur selten sah man die schlanke Gestalt der jungen Komtesse in den mit schwerer Pracht ausgestatteten Gesellschaftsräumen. Sie küßte dann den älteren Damen die Hand, wechselte ein paar Worte mit den jüngeren, und war gewöhnlich froh, wenn man sie unbehelligt in ihrer Fensternische ließ. Manchmal trat dann die schöne Stiefmutter zu ihr und meinte lächelnd: „Nicht wahr, Du sehnst Dich nach Deinen Büchern und nach Wolf? Wir alten Leute sind Dir zu langweilig? Nun, dann laufe nur, ich drücke die Augen zu, und von den anderen merkt wohl niemand Dein Verschwinden." Dina merkte den Spott der letzten Worte nicht, ebenso wenig ahnte sie, daß Gräfin Lori sich gewöhnlich erst dann ihrer erinnerte, wenn einer der Herren ihr wieder zugeflüstert: „Ihre Tochter wird süperb, Gräfin, eine Schönheit! Diese schmiegsame Gestalt, diese durchsichtige Haut und vor allem diese tiefblauen, melaüchvltschen Augen. Wo die Kleine fie nur her hat? Ich fürchte, die werden noch manchem Rätsel ausgeben, bei deren Lösung er, wenn nicht den Verstand, so doch das Herz verliert!" Baron Eberhard von Ramberg, der Vetter der Gräfin, welcher schon den dritten Sommer in Mellinghausen verlebte, sagte gar nichts, aber seine Augen, welche unablässig- der leichten Mädchengestalt folgten, sprachen desto deutlicher. Gräfin Lori zerriß heimlich die kostbaren Spitzen ihrer Battisttücher, wenn ihre funkelnden Blicke dasch'eMerkten, und ihr Lachen klang in solchen Augenblicken plötzlich laut und schrill. Wie lange war es denn her, daß Eberhards glühende Blicke nur ihr galten, daß er ihr zugeschworen, nie im Leben könne ein anderes Weib ihr Bild aus seinem Herzen verdrängen? Auch jetzt, bei jedem der zufälligen und doch fo sorgfältig vorbereiteten Zusammentreffen in'der Bibliothek oder im Park versicherte er es ihr, und doch — und doch! Wie von einer Natter gestochen, ivar sie zusammengezuckt, als! er am vergangenen Tage in der Dämmerung des Laubenganges, tief unten im Park, wo sie nebeneinander auf der kleinen Bank saßen, plötzlich aus tiefem Schweigen heraus — in ihr erwachte lebhaft die Erinnerung an andere, längst vergangene Tage, wo sie ebenso gesessen, das arme Edeli fräulein und der verschuldete Rittmeister, die sich so heiß und so aussichtslos liebten — eine Frage an sie gerichtet hatte. Warum Dina noch nicht in die Gesellschaft eingeführt werde? Ihr siebzehnter Geburtstag könne doch nicht fern sein. Sie hätte ihn in dem Augenblick erdolchen können, aber sie sagte leichthin: „Im nächsten Winter! Vorläufig würde sie noch eine traurige Figur im Salon spielen." Auch ihrem Gemahl, dem Grafen, sagte sie das. „Dina ist noch zu sehr Kind. Sie muß erst anders lverden, mehr aus sich heraustreten lernen. Vorläufig ist sie noch — wie soll ich es nennen, Achim? scheu und versteckt tvill ich es nicht bezeichnen, aber ich finde augenblicklich keine andere Benennung für ihr Wesen. Gesprächig und heiter ist sie eigentlich nur mit ihrer Brigitte und den Lehrersleuten. Ich fürchte immer, Achim, die arme Kleins hat einen Zug nach unten, in niedere Sphären!" Die Wahrheit zu sagen, fürchtete die schöne Gräfin eine Einbuße ihrer Triumphe, die junge Rivalin, derest knospenhafte Schönheit schon jetzt neben der ihren, im' Zenith stehenden, bemerkt wurde. Im Zenith, das war es ja eben! hat man den Höhepunkt erreicht, kommt das Abwärtssteigen, und — es ging der Gräfin wie allen Frauen, die nur schön sind, nichts weiter — sie fürchtete sich namenlos davor. Altwerden, erst feine, daun immer aufdringlichere Fältchen auf Stirn und Wangen entdecken, mit furchtsamen Augen die Haarflut prüfen, ob nicht ein weißes Fädchen in dem schimmernden, so oft bewunderten Gold, die Frische der Haut aus der Schminkbüchse stehlen, vertuschen, studieren, bei jedem Gewände, bei jeder Blume prüfen, ängstlich wägen, und doch die Schönheit nicht halten können, sie täglich weiter entweichen sehen, entsetzlich! Und dabei, bei all diesen heimlichen Qual, die frisch aufblühende Schönheit zur Seite, die Knospe, die, es- ließ sich nicht leugnen, eine so herrliche Blüte verhieß! Wie die kaum dreißigjährige, noch so strahlend schön« 2.’0 §;rmt aufsprang bei dem Gedanken, wie sie im Zimmer um» herirrte, wilde Worte murmelnd. ' Sie haßte ihre Stieftochter, haßte sie ihrer Jugend, ihres Liebreizes wegen! Wenn sie sich von ihr befreien, sie unschädlich niachen könnte! Sie fortschicken, sie verheiraten? Sic lachte schrill auf. Vielleicht mit Eberhard?! Warum sinnst und grübelst Du, Gräfin Lori, warum hältst Du plötzlich in Deinem wilden Umherwandern inne, und schaust mit weitgeöffneten, haßfunkelnden Angen durch das ojffene Fenster der leichten Gestalt nach, die dort im schlichten, weißen Gewände, den Strohhut am Arm, und gefolgt von den beiden Bernhardinern, ihren beständigen Begleitern, die Schloßterrasse hinuntergeht, dem Walde zu? Störe sie nicht, sie geht ihrem Schicksal entgegen, und ihr Schicksal ist Dir zu Diensten! — Wieder hebt die Schattenhand der grauen Fee eine Hülle vom Bilde des Gewesenen. Was ist es, was die träumende Frau mit den bleichen, auf der Brust gefalteten Händen jetzt erblickt, was ihr schwache Rosenglnt ins Antlitz treibt? Mitten im Walde ein heimliches, lauschiges Plätzchen. Eine Eiche steht dort, die älteste im ganzen Revier, um sie herum nur junger Nachwuchs, Buschwerk und Farrn- kraut. Die mächtigen, dicht belaubten Zweige sind eng ineinander verwachsen und wehren der Sonne den Eingang. Nur manchmal, ab und zu, huscht einer ihrer Strahlen hindurch, gleitet wie eine glitzernde Schlange am rissigen Stamme hinunter und legt sich, liebkosend auf das Köpfchen, welches, leicht angelehnt, dort ruht. Aber die schlanke Mädchengestalt am Fuße des Bäumes regt sich nicht. Lässig halten die zarten Finger den vollen Strauß von wilden Rosen, braunen, schwankenden Gräsern und Glockenblumen, von welchen sich! ab Wb zn eine der Blüten löst, um lautlos auf das weiße Gewand zu flattern, und die tiefblauen, schwermütigen Astgen schauen sehnsüchtig nach oben, wo goldenes Licht durch das dunkle Grün zittert. Plötzlich regen sich die beiden großen Hunde, welche still zu ihren Füßen gelegen, knurren, springen auf und machen Miene, vorzustürzen. Im gleichen Moment dringt eine fremde tiefe Stimme an ihr Ohr: „Glicht rühren, sitzen bleiben, einen Augenblick nur!" Tie Stimine hat etwas Zwingendes, und der Blick, der sie aus dunklen, leuchtenden Augen trifft, nicht minder. Ihr gegenüber, durch hohes Gebüsch fast verdeckt, steht ein Mann, die Augen fest auf sie, dann auf ein Heft in seiner Hand gerichtet, die Rechte fährt eifrig mit sicherem Stift über das weiße Papier. „Rufen Sie die Hunde zurück!" sagt er halblaut dabei. Und das Mädchen gehorcht, es kann' nicht anders. Ein paar Minuten, dann wird das Heft zusammengeklappt, ein junger Mann mit dunklem, welligem Haar über breiter, weißer Stirn kommt, den Ströhhut in der Hand, mit zwei, drei leichten Sprüngen näher und beugt sein Knie vor der Regungslosen. „Und nun laß Dir huldigen, Waldfee", ruft er, „die dem armen Sterblichen erschien, damit er das Urbild der Schönheit schauen darf, nach dem seine Seele lechzte bis zu dieser Stunde!" Er schlägt sein Heft auf, blickt auf eins der Blätter, dann ivieder anf das holde Mädchengesicht. „Viktoria! Viktoria! Waldmärchen nenne ich es — den braven Vierfüßlern nur noch einen Schuppenpanzer, ein paar Drachenflügel und etwas Feueratem — die Waldfee bedarf meiner Phantasie nicht, der könnte sie nur schaden — und den wrll ich sehen, der mir bestreitet, daß es den Namen Herbert Kraneck klingen macht, soweit man Pinsel und Palette kennt!" Der junge Maler springt auf und steht tief atmestd mit glühendem Antlitz vor dem verwirrten, noch immer regungslos dasitzenden Mädchen. „Können Sie ahnen, wie glücklich ich bin und wie dankbar! Eins meiner Bilder, „Das Mädchen mit den Rosen" — ich male nur Müdchenköpfe, giebt es denn auch etwas verlockenderes für Maleraugen? — hat kürzlich auf einer großen Gemäldeausstellung gefallen. Man lobte es, nicht eben übersprudelnd, aber die Zeitungen sprachen davon, von dem jungen Künstler, welcher einen Fuß auf die Staffel des Ruhmes gesetzt, mit seinem nächsten Bilde sicher — und so weiter, und so weiter. Das spornt an, gewiß! Hundert Ideen gähren in dem unruhigen Kopse, eine drängt die andere. Darum, Waldfee, kam ich hierher in Ihr grünes Reich, Ich wollte mich sammeln, sichten und klären, was in mir wogt, und fand mehr, o tausendmal mehr, als ich suchte." Ehe sie es hindern kann, hat er sich über ihre Hand gebeugt und seine heißen Lippen darauf gedrückt. „Dank! Tausend Dank!" In demselben Augenblick tönt der volle Klang der Schloßnhr in zwölf langhallenden Schlägen durch den Wald, und das Mädchen erhebt sich erschreckt. „Schon zwölf Uhr, ich muß gehen! Man wird mich vermissen!" Der junge Mann hält ihre Hand fest und sucht mit den leuchtenden Augen die ihren. „Aber morgen — morgen sehe ich Sie wieder! Nicht wahr, Sie verweigern mir meine Bitte nicht? Ich bedarf Ihrer noch zu meinem Bilde, und ich weiß — ich habe meine alten Märchestbücher nicht vergessen — nicht halb beglücken holde Feen, ganz und voll schütten sie das Füllhorn ihrer Gnade über den seligen Sterblichen aus." Sie giebt keine Antwort, sie lächelt nur, das süße, träumerische Lächeln, an welchem die traurigen Augen so wenig teil Haben, und welches vielleicht gerade dnrstm das junge Gesicht so wunderbar anziehend macht, aber als sie dann gegangen — „schwebend wie es Feenbrauch", murmelt der ihr entzückt nachschauende — da wendet sie an der ersten Biegung des Weges das Köpfchen zurück, sie kann nicht anders. Im Park begegnet ihr Ramberg, aber sie bemerkt ihn nicht, und als er plötzlich an ihrer Seite ist, sie anspricht, wird sie glühend rot und giebt nur verwirrte, zusammenhanglose Antworten. Er stutzt, aus seinen müden, halbverschleierten Augen bricht ein Blitz, und tiefer neigt er den Kopf, heiße Worte in ihr Ohr flüsternd. Aber plötzlich, sie hat ihn kaum begriffen, und sieht mit ihren ernsten Kinderaugen erstaunt in sein leidenschaftlich erregtes Gesicht, richtet er die schlanke Gestalt höher und zwingt den blasierten Ausdruck, der ihnen sonst eigen, in die Züge. In einem Seitenwege rauscht es wie von seidenen, flatternden Gewändern und nun, wie hingeweht, steht Gräfin Lori vor den beiden. Sie ist atemlos wie von eiligem Laufe. Heiße Röte brennt auf ihren Wangen, ihre Lockeri sind gelöst, ihr Busen ioogt, und ihre sonst so girrende Stimme klingt heiser, als sie hervorstößt: „Wir vermißten Dich bei der Früh- stückstafel, Dina! Uitb auch Sie, Eberhard!" Ihre Stieftochter sieht sie überrascht an. Seit wand wurde ihre Abwesenheit denn überhaupt bemerkt? „Ich war im Walde, Mama, wie immer um diese Zeit", sagte sie einfach. „Verzeih, wenn ich mich verspätete!" Tas klingt so harmlos; aber warum huscht dunkle Purpurglut über die Wangen des Mädchens, warum bebt ihre Stimme? Ein böser Zug entstellt das schöne Gesicht der Gräfin, sie bückt sich und zerrt so heftig am Sgum ihres lichtblauen Kleides, welchen eine Baumwurzel gefaßt hält, daß der kostbare Spitzenbesatz in Fetzen reifst „Und Sie, Baron, Sie leisteten meiner Tochter Gesellschaft?" Er streicht mit der weißen, ringgeschmückten Hand über den dunklen Schnurrbart, ein spöttisches Zucken seiner Lippen dabei verdeckend. „Nicht doch, Gräfin, so glücklich war ich nicht! Ich erinnerte mich heute nur, daß die Schloßfrau von Welling- Hausen keine bindenden Gesetze für ihre Gäste hat und benutzte die letzte Stunde zu einer Entdeckungsreise hier im Park. Ihre neueste Laune, Lori, die Tuffsteingrotte, ist übrigens allerliebst, schade, daß ich nur durch das Fenster Einblick nehmen konnte. Wann werden Sie denn meinen profanen Händen den Schlüssel dazu anvertrauen? Soeben, als ich das Glück hätte, Komtesse zu begegnen, grübelte ich der Frage nach." Die Angeredete giebt keine Antwort, sie ergreift seinen Arm, — heftig, leidenschaftlich geschieht es — und schreitet der Stieftochter voran dem Schlosse zu. Wäre das jungfräuliche Grafenkind nicht so völlig im Banne der eigenen Gedanken gewesen, diese Stunde hätte es belehrt, warum sein Gefühl es so beharrlich von dieser Frau abstieß. (Fortsetzung folgt.) 271 Wohlfeile Herren-Konfektion» Von Charles Dumont (Paris). Nachdruck verboten. Alle Welt spricht von dem Niedergang gewisser französischer Industrien, und bis zu einem gewissen Grade mag dgs auch zutreffend sein. Von der Bekleidungsindustrie gilt es jedenfalls nicht; sie ist eine Großmacht ersten Ranges und kann es mit der Konkurrenz aller Kulturstaaten aus- nehmen. Französische Konfektionswaren zeichnen sich, wie man allgemein zugeben wird, durch große Eleganz besonders aus. Einen Beweis dafür aber, daß man in Frankreich auch billig und gediegen zu arbeiten versteht, liefert die Herren-Konfektion. Viele sind deshalb geneigt zu glauben, daß auch aus diesem Gebiete die Maschine vollständig die Handarbeit verdrängt habe. Wie wäre es sonst möglich, so meinen sie, daß ein Paar Stoffhosen für 2 Frcs. 25 Cent., ein vollständiger Anzug für 9 Frcs. 90 Cent, fix und fertig dem Kunden im Detailhandel übergeben werde? Und doch sind diese Leute im Irrtum. Ein Gang durch die Werkstätten eines der großen Pariser Magazine für billige Konfektion würde sie überzeugen, daß bei der Herstellung dieser Ware die Maschine nur eine verhältnismäßig unbedeutende Rolle spielt; die überwiegende Arbeit dagegen die Hände der Arbeiter leisten, allerdings bei ausgedehnter Anwendung des Prinzips der Arbeitsteilung. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß bei großen Betrieben, die der Maschine entbehren, die Menschen selbst beinahe zur Maschine um- gewandelt'werden. Was beim Betreten des Stofflagers eines großen Konfektionshauses zunächst auffüllt, ist die große Menge der Ware. Die Ballen und Stücke türmen sich vom Fußboden bis zum Plafond auf, nur schmale Stege dazwischen srei- lassend. Es geschieht dies natürlich der Raumersparnis wegen, da man bei den geringen Raumdimensionen der Pariser Häuser, der Höhe abringen muß, was die Ausdehnung in anderer Richtung versagt. Dieser Mißstand bringt jedoch die Gefahr mit sich, daß der allzu beschwerte Boden einstürze, was thätsächlich schon öfter in solchen Häusern geschehen ist. Versuchen wir immerhin in dieser dichtgedrängten Masse eine kleine Umschau. Vorerst also die zwei großen Abteilungen der Stoffe mit gewebten und mit gedruckten Mustern. Die gewebten kommen von Roubaix, Tourcoing und Vienne, die gedruckten von Lisieux und Vienne. Für leinene Arbeitskittel liegen Schichten von „toile du nord" bereit, die in Lille und Armentieres fabriziert werden; für die schwarzen Blusen der Weinhündler — auch Parisienne oder Salopettes im Geschäftsjargon genannt — webt Roubaix, und das Vogesenland Moleskin und Clairvaux, deren Färbung Villesranche übernimmt. Waschstoffe für Sommerkleidung stammen aus Saint-Die, Epinal und Laval. Außer den billigen einseitig bedruckten, gießt es noch zweiseitig bedruckte Stoffe, welche an Solidität und schönem Aussehen den Stoffen mit gewebtem Muster kaum nachstehen. Sie werden von Uneingeweihten sogar sehr ost mit den letzteren verwechselt, obgleich eine ganz einfache Prozedur genügt, um zu erkennen, ob man nicht von seinem Schneider respektive Keiderlieferanten, statt mit gewebten Mietern bekleidet zu werden, nur in eine Illusion eingewebt wird. "Durchsticht eine Nadel, die man in den Stoff gesteckt, von beiden Seiten dasselbe Musterdetail, dann ist das Muster gewebt, im anderen Falle, und mögen die entsprechenden Einzelheiten der Zeichnung auch nur um einen Millimeter differieren, ist es gedruckt. Das ist ja den Fachleuten zweifellos bekannt, aber für den Laien muß es doch betont werden. Der erste Vorgang, .dem der irtdie Werkstatt gelangende Stoff unterworfen wird, ist das Falten. Die Stoffbreite beträgt gewöhnlich 1,30 Meter. Für eine Hose wird der Stoff auf 1,10 Meter, für eine Weste auf 35 Zentimeter, für den Rock auf 1,50 Meter, für den Ueberzieher aus 2,20 Meter breit gefaltet (in beiden letzten Fällen natürlich mit Hinzuziehung einer zweiten Stoffbreite). Von den so gefalteten Stoffen, welche „matelas" (Matratzen) genannt werden, kommen nun — je nach der Dicke des Stoffes und der Appreturstärke — 50 (z. B. vom croisee) bis 80 (wie bei der Gattung President) gleicher Breite übereinander gelegt, um gleichzeitig geschnitten zu werden. Bei dem Anbringen der Schnittzeichnung auf der obersten Stoffschicht sind zweierlei Methoden gebräuchlich. Die erste besteht im Auflegen von unabhängigen, ausgeschnittenen Kartonformen — für jeden Teil des Kleides — und Bezeichnen der Umrisse mit Kreide. Dazu gehört aber, um an Stoffen zu sparen, eine gewisse Geschicklichkeit des Zeichners. Arbeiter, die in dieser Spezialität große Fertigkeit besitzen, lassen sich daher auch teurer bezahlen und verlassen häufig ihre Stelle, weil sie sicher sind, anderweitig unter besseren Bedingungen anzukommen. Um diesem Uebelstand aus dem Wege zu gehen, wird in vielen Häusern die zweite Methode vorgezogen. Der Stoff wird mit einer Schablone bedeckt, auf welcher alle Formen in durchlöcherten Umrissen fixiert sind; ein in blaue d'Espagne getunkter Bausch wird hierauf über die Schablonen gezogen und alle Formen kommen reinlich und scharf in punktierten Linien auf dem Stoff zum Vorschein. Die zwischen den einzelnen Formen bleibenden Reststücke fallen — mit welcher Sparsamkeit auch die Zeichnung auf der Patrone zusammengestellt ist — doch in großen Haufen um den Zuschneider herum, der bald bis zur Tischhöhe in einem Meer von Lappen (residüs) steckt. Die Arbeit des Zuschneiders wird zumeist mittelst einer Art Säbel vollzogen, den der Arbeiter, die Stoffschichten mit der linken Hand fefthaltend, den Umrissen der Zeichnungen folgend, von oben nach unten führt. Natürlich gehören auch große Kräfte dazu, die Stoffmassen in dieser Weise durchzusäbeln. In anderen Fällen, besonders dort, wo der Stoff z. B. wie das Genre Clairvaux der Säbelschneide Widerstand leistet, wird das Schneiden durch eine Dampfmaschine besorgt; doch erfreut sich diese keiner ausgedehnten Beliebtheit, da der Lärm und der üble Geruch, den sie verursacht, in keinem Verhältnisse zu den Vorteilen steht, welche sie leistet. Man erhält einen Begriff davon, was Menschenhände leisten können, wenn man erfährt, daß drei Zuschneider täglich 1000 Westen oder — zu verschiedenen Jahreszeiten werden natürlich verschiedene Kleidungsstücke verlangt — jährlich durchschnittlich 150 000 Blusen ausschneiden. Nach dem Zuschneiden kömmt das Plätten mit heißem Eisen, dann das Steppen falscher Nähte (oder >Scheinnähte) und die Anfertigung oder das;eigentliche Nähen. Die zwei letzten der Prozeduren gehen außerhalb des Konfektionshauses mit Hilfe von sogenannten Unternehmerinnen (entrepreneuses) vor sich. Bevor jedoch die zugeschnittene Ware in die Hände der Entrepreneuse gelangt, muß der Stoff — für jedes Kleidungsstück besonders — zu Rollen gewickelt werden. Die speziellen Arbeiter, die hierfür bestimmt sind, haben eine schwerere Aufgabe, als es den Anschein haben könnte; man behalte nur folgende Zahlen: jede Hose besteht aus 28 Stiicken, die Weste aus 18, der Rock aus 34, der Ueberzieher aus 34 Stücken. Dabei verdient ein Arbeiter, der — da die Arbeit ja als eine leichte gilt — 14 Stunden täglich schaffen muß, für diese Zeit nur 3 Frcs. Nicht glänzender ist der Verdienst der Arbeiterinnen, welche das eigentliche Nähen der Kleider besorgen. Für die Hose zahlt man 50—60 Cent., für den Rock 1,50—1,75 Frcs., für die Weste 70—75 Cent. In Lille sind die Preise noch niedriger: 1,15 Frcs. für den Rock, 32 Cent, für die Hose. Und dies erhalten erst die Unternehmerinnen, oder selbständig im kleinen arbeitende Nähterinnen: auf die bei den Unter- nehmeriünen ständig beschäftigten Arbeiterinnen entfällt natürlich noch weniger — und da eine Arbeiterin je nach der Größe des Stückes nicht mehr als 2—4 pro Tag fertig bringt, so kommen nur wahre Hungerlöhne dabei für sie heraus. Das ist die Schattenseite der billigen Konfektionsware. Wer nun dafür verantwortlich gemacht werden muß — der Konfektionshausbesitzer, der die Herstellungskosten nach Möglichkeit herabdrücken will, oder das Publikum, das nach immer billigerer Ware verlangt — das mag hier unerörtert bleiben, denn die soziale Frage bildet" nicht das Thema unseres Artikels. Jedenfalls kann nur die Zusammenwirkung der niedrigen Arbeitslöhne mit den ungeheuren Ziffern der jährlich produzierten Waren, die fast ans unglaubliche grenzende Billigkeit derselben erklären. Ein einziges Konfektionshaus in Paris produziert. - 272 - Auflösung in nächster Nummer. Redaktion: E, Burkhardt. »ruck und Betrag der Brühl'schen UniverfitSts-Buch.^^Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). jährlich 59000 Räche, 120 YOO Hosen, 10 OHO ileberzieher, 100 000 Blusen. Daß aber Lille nun — bis auf weiteres 7~ Stoffhosen zu 1,75 Frcs. das Paar «inzusenden vermag, daß ist mir selbst völlig unerklärliche geblieben. Vermischtes. Dhm Pauls Lungen. Bor Ausbruch des Krieges kamen ein paar Buren ans dem Hinterland bei Präsident Krüger zu Besuch. Ohm Paul ließ sie u. a. die Gouverne- mentsbureaus sehen und fragte die Hinterländer, ob sie wohl imstande seien, die Glühlichter auszublasen. Die Buren, Riesenkerle, stellten sich in Positur und bliesen, daß sie rot wurden wie Truthähne. Aber die Lichter brannten ruhig weiter. Ohm Paul lächelte schlau, blies mit aller Kraft und drückte gleichzeitig auf den elektrischen' Knopf. Ein allgemeines Ah erfolgte, als gleichzeitig zwei Lichter erloschen. Das ganze Hinterland bewundert jetzt Ohm Pauls Lungen, die soviel Luft fassen, daß er damit Lrcht durch ein Glas hindurch ausblasen kann. kauen oder, wenn es angeht, blos zwischen die leidenden und daneben stehenden Zähne drücken, worauf in beiden Fällen auch die heftigsten Schmerzen in zwei bis drei Minuten nachlassen würden. Mr die Küche. Buttermilchsuppe. Zu jedem Liter Buttermilch nimmt man 30 Gramm feines Weizenmehl. Dies rührt man mit der Milch glatt an und läßt es mit etwas Salz rasch aufkochen, rührt die Suppe mit Zucker, Zimmt und einem Eidotter ab und legt einige in Butter geröstete Weißbrotschnitte in die Terrine. Kräuter-Sem'meln. Zum Frühstück oder Abendessen bereitet man sehr wohlschmeckende Semmeln auf folgende Art: Zunächst wird ein Viertel Pfund Butter gut zerrührt. Nachdem dies geschehen, wird feingewiegte Petersilie darunter gemischt. Schließlich werden drei bis vier Eier recht hart gekocht Und ebenfalls fein gewiegt zur vorher bereiteten Bfasse gegeben. Dies alles gut untereinander gerührt streicht man auf die Brödchen. Diese Semmeln stnd wegen ihres pikanten Geschmackes besonders bei Herren sehr beliebt. GeinernnützigeO. Hat dieKleidung eines Menschen Feuer gefangen, so ist die gefährlichste Stellung für ihn die aufrechte; denn die Flamme strebt immer empor. Befindet sich ein solcher allein, und es gelingt ihm nicht, das Feuer auszulöschen, so ist das beste für ihn, sich auf die Erde zu werfen und sich auf derselben herum zu wälzen. Wird dadurch auch das Feuer nicht gelöscht, so wird doch wenigstens seine Wirkung aufgehalten; kann man aber eine grobe wollene Decke um seinen Körper werfen, so ist die Gefahr gehoben, indem auf diese Weise das Feuer erstickt wird. Ein altes, aber sehr gutes Rezept zur An< fertigungeinerGeschirr-undLederschwärze ist folgendes: Hammeltalg 60 Gr., Bienenwachs 180 Gr., weißer Zucker 180 Gr., weiche Seifen 60 Gr., gepulverter Indigo 30 Gr. Ist alles zusammengeschmolzen und gut vurcheinaudergemischt, so fügt man 120 Gr. Terpentin hinzu. Mittel hegen Holzwürmer. Man kocht in zwer bis drei Liter starkem Weinessig oder in der gleichen Menge Essiasprit 1 Teil Kochsalz, 1 Teil Paprika, 1 Teil weiße Senfkörner, 1 Teil Knoblauch, 1 Teil Wermutblätter, wobei man die Flüssigkeit bisweilen umrührt, und läßt drese ca. zwei bis drei Minuten sieden. Nach dem Erkalten gießt man die Tinktur durch einen mit einem reinen Tuche ausgelegten Trichter in eine größere Glasflasche. Bestreicht man mittelst dieser Tinktur die von den Holzwürmern heimgesuchten Gegenstände, so werden nach dem zweiten Anstriche nicht nur die Würmer, sondern auch deren g,anze Brut vollständig vernichtet sein. Feuerfester, unverwüstlicher Anstrich. Salz, Alaun, Wasserglas und wolsramsaure Soda, zu gleichen Teilen mit vier Teilen Kalk gemischt und mit Lemsamenöl angerieben, macht das Holz feuersicher und wie versichert wird, bis zu 30 Jahren haltbar. Für Fensterrahmen, Rollläden und dergleichen dürfte sich in gewissen Fällen, wo hervorragende Haltbarkeit bedingt wird, die Anwendung dieses Anstriches empfehlen. Aefundhettspffege. Sin gutes Desinfektionsmittel für Krankenzimmer ist folgendes: In ein Gefäß (Topf oder Krug) gieße Man ein Liter kochendes Wasser, verbinde emen Theelöffel voll Terpentinöl damit durch Hinein- traufeln, und der schönste Tannengeruch durchströmt das Zimmer. Jeder Ansteckungsstoff wird durch dieses täglich zwei 'ÄS drei Mal zu wiederholende Verfahren unschädlich gemacht. Bei Brustkranken ist die Wirkung überraschend günstig. Dabei ist das Mittel sehr billig, da eine Quan- ^at^Terpentinöl für 10 Pfg. die ganze Woche hindurch * d^MH"ehastetenPersonDn $ von Wein sehr zu empfehlen. Die Aepsel enthalten em reichliches Verhältnis an Zucker, Schleim und Stärkemehl, mit welchem jene Säuren und aromatischen Bestand- teile verbunden sind, welche bei Personen, die häufig animalische Nahrung zu genießen pflegen, dazu dienen, die Geneigtheit dieser Nahrungsmittel, in Fäulnis überzugehen, verhindern und als kühlende Stärkungs- und anti- septische Mittel wirken und die Verdauung befördern Solchen Personen, welche Geneigtheit zur Gicht besitzen, würde ein Spaziergang vor dem Frühstück und der Genuß eines guten Pipinapfels zu empfehlen sein, indem er wesentlich dazu beitragt, die Anfälle dieser Krankheit zu verhindern. Mittel gegen Zahnschmerzen. Ein italieni- scher Arzt empfiehlt das Katzenkraut als unfehlbar die Zahnschmerzen mögen nun von Erkältung oder hohlen Zahnen herrühren. Die Blätter dieses Krautes soll man Auflösung des Geographischen Berschiebrätsels in voriger Nummer: O B t aftlien Engt and Aegypte« Sera i ewo H t lgoland So f ata F1 oriba R u bien San f ibar Afghani f tan Auflösung des Preisrätsels in Nr. 59: Margarete — Schafpelz — Skorpione. Nr io8 26 nichtige Lösungen ein, dar Los fiel auf v‘r' tV. Einsender. M. Creutzburg, Gießen. ®er Preis — Hrinr. Seidels Erzählende Schriften, Bd. 3 in d?r fflpfsfts10’nncl' Se8en Vorzeigung der Abonnementsquittung m der Geschäftsstelle der „Familienblätter" in Empfang zu nehmen.