«PIMBff^MkINfk «jM!»WALLLAMUW u kleine weiße Flocke, Du bist des Lebens Bild, Herabgeschneit vom Himmel Aufs irdische Gefild. Du schwebst im Sonnenglanze, Ein flüchtiger Krystall, Weißt nicht, wohin ein Lüftchen Dich tragen wird im Fall. Die Stunde, die dich bringet, Bringt mir dir eine Schar; Wer wird, wo tausend fallen, Der einzelnen gewahr? I. G. Seidl. Nachdruck verboten. Heimatlos. Roman von R. P. Roe. (Fortsetzung.) XXXV. Untergang. Selten hatte die Septembersonne eine traurigere Gruppe beschienen, als die, welche Bellas Totenbett um- 9nb’i^di muß jetzt zu Mister Wentworth gehen, sagte Robert endlich. Aber ich kann den Gedanken mcht ertragen, Mildred, daß Bella auf einem der überfüllten Stadtkrrch- höfe begraben werden soll, wir wollen sie nach ville bringen, dort können wir Blumen an ihrem Grabe pflanzen, so lange wir leben. P O Robert, wie schön! Welcher Trost wäre das fUl Ich werde sie selbst hinüber bringen, sagte Robert. Er bat seinen Vater, ihm an das Dampfboot entgegen zu kommen mit dem Leichenwagen. Die Neuigkeit verbreitete sich schnell, und das Interesse der kleinen Gememde war lebhaft erregt. Frau Howell war zu schwach, um die Fahrt zu waaen, und Mildred wollte sie nicht verlassen. Mister Wentworth hielt eine herzliche, einfache Trauerrede am Sarge und dann fuhr Robert mit ferner traurigen Last ab. Sein Vater traf ihn an dem Dampfboot und Roberts Zustand versetzte den alten Mann rn Sorge mehr um den Lebenden, als um die Tote. , pr Es ist richtig, wie mein Bruder nur sagte, murrte er, es ist eine Narrheit, wenn ein Mensch sich in >anderer Leute Sorgen einmischt. Man war heftig aufgebracht in d u kleinen Städtchen, als es bekannt wurde, daß Robert von demselben Fieber befallen fei, an dem Bella gestorben war. Furchtsame Seelen fürchteten den Ausbruch einer Seuche, aber die meisten ließen sich von ihren guten Gefühlen leiten und boten Atword Beistand an. Mehrere junge Farmer, welche Bella gekannt hatten, wachten am Sarge, und die Beerdigung war eine denkwürdige Feier! für Forestville. Inzwischen aber lag Robert im Fieber und sprach rn seinen Phantasieen beständig von der Vergangenheit. Mister Wentworth blieb nach der Abfahrt der Leiche noch eine Stunde bei der Mutter und Tochter zurück, bald nach ihm ging auch Frau Willow, mit dem Versprechen, zurückzukehren, und die Nacyt bei ihnen zuzubringen. Plötzlich wurde die Thüre aufgerissen und eine wild aussehende struppige Gestalt erschien vor ihnen. Einen; Augenblick sahen sie sich in dumpfen Schrecken an, dann! rief Frau Howell laut! Martin! Martin! und die Thränen gewährten ihr Erleichterung. Langsam und zitternd trat er ein, Mildred wollte in seine Arme eilen, aber er stieß sie zurück. Sein Wesen erfüllte sie mit einer schrecklichen Furcht. Wo sind die Kinder? fragte er mit heiserer Stimme.^ Wir haben sie aufs Land gesandt. Was bedeutet dieser schwarze Flor? fuhr er fort. Wo ist Bella? Ach, ach! seufzte Mildred. Papa! Konntest Du nicht in solchen Augenblicken uns Trost bringen? Sie ist also tot? flüsterte er und sank in einen Stuhl, wie vom Blitz getroffen. Ja, sie ist gestorben. Nach Dir hat sie zuerst gefragt, als sie vom Fieber erwachte. Großer Gott, meine Strafe ist härter, als ich ertragen kann, stöhnte er. Martin, komm zu mir! rief Frau Howell und streckte ihm die Arme entgegen. Er sah sie mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Schuldbewußtsein an. Nein, Fanny, sagte er, ich bin dessen nicht würdig. Ich morde Euch alle! Hastig ging er in sein Zimmer und verschloß die Thüre. Nach wenigen Augenblicken kam er heraus, sein Gesicht war aschfahl und verzweifelt. Trotz seiner zurückweisenden Geberde umfaßte ihn Mildred mit ihren Armen. Laß mich los! rief er. Ich vergifte die Luft, in der ich atme. Ihr seid Engel des Himmels, ich aber — o Gott! — Aber das Ende ist nahe! Er stürzte hinaus in die Dunkelheit. Frau Howell suchte ihm nachzufolgen und fiel mit einem verzweifelten Schrei besinnungslos zur Erde. Mildred wandte sich zuerst zu ihrer Mutter, um ihr Hilfe zu bringen, in der Meinung, der Vater werde bald zurückkehren, denn sie wußte schon, wie schnell oft das Morphium einen Umschlag in der Stimmung hervorbrinch, aber als der Sinn seiner Worte ihr klarer wurde, geriet sie in eine heftige Angst. O, Mildred, warum hast Du mich nicht sterben lassen, murmelte die Mutter klagend, als sie wieder erwachte. Maina, wie kannst Du nur daran denken, mich zu verlassen? Mildred, ich fürchte, es muß sein, mein Herz verblutet innerlich. Plötzlich ergriff sie Mildred heftig an der Schulter. Geh' hinein in sein Zimmer — und sieh — nach seiner Pistole! O, Mama! Mama! rief Mildred. Schnell! Schnell! rief die Mutter. Ich kann die Un- gewißheit nicht ertragen! In der Meinung, daß ihre Mutter etwas hysterisch aufgeregt sei, uud daß die Erfüllung ihres Wunsches sie beruhigen werde, ging Mildred in das andere Zimmer, wo der Vater immer seinen Kavallerierevolver aufbewahrte, das einzige Angedenken an sein Kriegsleben. Der Revolver war verschwunden. Sie sank beinahe nieder vor Schrecken und wagte nicht, zu ihrer Mutter zurück zu kehren. Mildred! Mildred! Schnell! mahnte die Mutter. Das arme Mädcheu eilte hinaus und verbarg sein Gesicht an der Brust der Mutter. Mama, Mama, Du mußt leben für uns! Ich wußte es! — Ich wußte es! stöhnte die Mutter. Ich habe es in seiner verzweifelten Miene gelesen! Ach, Martin, Martin! wir wollen miteinander sterben! Sie umfaßte Mildred, drückte sie an sich und zitterte krampfhaft, dann aber fielen ihre Arme herab, und sie wurde so still, wie die arme Bella gewesen war. Mama! schrie Mildred in wahnsinniger Angst, aber schon war die Mutter weit entfernt, und das leidende Herz war zur Ruhe gegangen. — Noch an demselben Abend brachte ein kleiner Knabe einen Brief. Mildred ergriff ihn und fragte: Wer hat Dir das gegeben? Ich weiß nicht — ein unbekannter Mann. Er deutete nach dieser Thüre und dann ging er sehr rasch fort. Sie öffnete den Brief und las mit Entsetzen. Mein geliebtes Weib, das mir teurer ist als alles in der Welt in diesen letzten, verzweifelten Augenblicken. Meine Liebe zu Euch ist das einzige Gute, was in meinem Herzen geblieben ist. Ich sterbe für Euch, denn mein längeres Dasein wäre ein Fluch für Euch! Ich bin von einem Teufel besessen, den ich nicht bezwingen kann! Ich kann Dich nicht um Verzeihung bitten und kann mir selbst nicht verzeihen ! Lebet wohl! Wenn ich dahin bin, werden schönere Tage für Euch alle kommen. Bemitleide mich, wenn Du kannst, und erinnere Dich meiner, wie ich früher gewesen. Und damit endigte die schreckliche Botschaft. Eine Stunde lang lag das Mädchen stöhnend in tiefem Schmerz, und dann gab der Arzt, der gerufen wurde, ihr ein Beruhigungsmittel, worauf sie in einen langen Schlaf verfiel. Spät am Morgen erwachte sie zu der schrecklichen Wirklichkeit, aber Frau Willow und Klara Wilson saßen an ihrem Bett. Die letztere war zur Stadt gekommen, um Mildred und ihre Mutter auf das Land zu bringen. Ich muß Papa finden, erwiderte Mildred auf Klaras Aufforderung, sie zu begleiten. Soll ich es ihr sagen? fragte Frau Wilson leise und Frau Willow nickte. Wir haben dies in der Zeitung gefunden, sagte Klara. Ein Unbekannter hat sich auf den Stufen des Hauses Hudsonstraße 73 erschossen. Der Leichnam ist nach der Morgue gebracht worden. Einen Augenblick zitterte Mildred so heftig und sah so niedergeschmettert aus, daß die Frauen das Schlimmste befürchteten. Armer Papa! stöhnte sie. Die Gewissensbisse und das Morphium haben ihn wahnsinnig gemacht. Hudsonstraße 73, das war ja das Haus, in dem wir einst wohnten, dort hat Papa die ersten glücklichen Jahre in dieser Stadt verlebt. O, wie entsetzlich! Was sollen wir thun? Ueberlassen Sie das alles mir, sagte Frau Willow und jnachte sich sogleich auf den Weg. Ach, wie wünschte ich, daß Robert hier wäre! seufzte Mildred. Mildred, erwiderte Klara, seinetwegen müssen Sie sich zusammennehmen. Ich glaube, sein Leben hängt von Ihnen ab, er hat das Fieber, und im Delirium ruft er beständig nach Ihnen. Diese Nachricht schien auf Mildred noch verhängnisvoller einzuwirken, als alles frühere. Ich habe ihm nichts als Unglück gebracht, klagte sie. Mildred, noch ist er nicht tot, und wenn Sie wollen, können Sie ihm das Leben zurückgeben. Mildred wurde bald wieder ruhig und entschlossen. Das hängt alles von Ihrem Mut ab, wiederholte Klara. Ich habe mit Frau Willow bereits alles verabredet, wir wollen mit dem Boot heute abend nach Forestville fahren und die Ueberreste Ihrer Eltern mitnehmen. Sie wurden still und einfach neben der armen Bella begraben. Mildred sah mit zärtlichen Blicken, wie sehr ihre kleinen Geschwister in der reinen Landluft gewonnen hatten. O, Klara, sagte sie, wie, freundlich haben Sie sich gegen usts bewiesen! Gott allein kann Sie belohnen! Am Abend nach der Beerdigung besuchte Mildred Frau Atword, welche sie herzlich begrüßte, selbst der alte Farmer fuhr mit dem Aermel über die Augen. Wenn Sie uns Helsen wollen, unfern Jungen zu retten, so werden Sie finden, daß ich kein so knorriger Mensch bin, wie es aussieht. Mit Verwunderung und erstarrendem Herzen erblickte Mildred die Veränderung im Aeußeren Roberts. Sie wurde seine unermüdliche Wärterin, alle bewunderten ihre Ausdauer. Endlich kam die Krisis, aber sie führte nicht zum Tode, sondern in einen ruhigen Schlaf. Mildred hielt seine Hand, und als er die Augen öffnete mit, dem hellen Blick des Verständnisses, erblickte er zuerst ihr liebes Gesicht. Mildred! flüsterte er. XXXVI. । Mutter und Sohn. Unsere Geschichte geht rasch über die folgenden Monate hinweg. In der frischen Bergluft erholte sich Robert rasch. Sobald er stark genug war, ging er auf den Kirchhof, um Bellas Grab zu besuchen. Schluchzend führte ihn Mildred nach Hause zurück. Sie widerstand allen Bitten, auf dem Lande zu bleiben; sie sagte, sie sei an das Stadtleben gewöhnt und müsse in der Stadt ihren Unterhalt verdienen. Als Frau Willow von Mildreds Absicht, nach der Stadt zurückzukehren, erfuhr, nahm sie eine bequemere Wohnung in dem alten Hause, um dem jungen Mädchen ein Zimmer davon abgeben zu können. Als Robert wieder seine frühere Kraft erlangt hatte, sagte Frau Atword zu ihrem Mann, er müsse mit ihr seinen Bruder in der Stadt besuchen, denn die würdige Mutter hatte einen Plan, den sie mit zärtlichster Entschiedenheit und Einfachheit zur Ausführung brachte. Sie trafen Bruder und Schwägerin beim Frühstück an, das sie auf eine etwas frostige Einladung mit einnahmen. Dann begann Roberts Mutter ohne Umschweife: Schwager, ich bin gekommen, um mit Ihnen zu sprechen, und wenn Sie ein echter Atword sind, so werden Sie mich anhören. Ihre Frau und mein Mann müssen gegenwärtig sein. Jonathan, ich glaube, Sie sind von Herzen ein guter Man,n, aber Sie legen zu viel Wert auf vergängliche Dinge. Mein Sohn hat mich belehrt, daß es noch Besseres in der Welt giebt, und wir werden bald alle dort sein, wo wir das Geld als einen Fluch erkennen werden. Sie haben seit dem letzten Frühjahr mit meinem Sohn nicht mehr gesprochen und sind kalt gegen uns geworden. Sie sollen die Wahrheit wissen und ein-, sehen, was Sie thun; denn wenn Sie in diesem Wesen beharren, so müssen Sie es mit ihrem eigenen Gewissen ausmachen. Und mit dem ihr eigenen Pathos sprach sie alles aus, was sie aus dem Herzen hatte. । Der Onkel versuchte zuerst grimmig und hartnäckig zu sein, aber bald wurde sein Widerstand vollkommen gebrochen. Es freut mich, daß Ihr gekommen seid, sagte er. Mein Gewissen hat mir seit Monaten keine Ruhe mehr gelassen, und ich hätte gerne nachgegeben. Aber für einen Atword ist nachgeben so angenehm, wie Zähne ausziehen. Ich Ebenbürtig. Ein Beitrag zur Geschichte fürstlicher Heiraten. Von Paul von Edelskron. Nachdruck verboten. „Und Menschen san mer alle", sagt der Dichter des Volksstückes. In hunderten von Variationen ist mit ähnlichen Worten die Gleichheit der Menschen besungen worden; aus manchem fürstlichen Munde ist dies Bekenntnis demütiger Bescheidenheit erklungen, und auch die Herren der Frankfurter Nationalversammlung, welche, statt mit Blut und Eisen das deutsche Volk zusammen zu kitten, sich vermaßen, ein papierenes Kartenhaus zu errichten, das vor der Realität der Thatsachen bald genug jämmerlich zusammenbrach, glaubten, daß sie wer weiß was thaten, als sie in die verfassungsmäßige Deklaration der Menschenrechte den Satz auffwahmen: „Vor dem Gesetz gilt kein Unterschied der Stände". Wer die Welt nach demjenigen beurteilt, was auf dem geduldigen Papiere steht, müßte von der humanen, aufgeklärten Anschauung, welche aus solchen Worten spricht; entzückt sein; jedoch die Wirklichkeit entspricht keineswegs dem Ideale des Philosophen; denn die Menschheit liebt es, sich zu belügen und das Ideal von der allgemeinen Gleichheit wird wohl immer nur ein Traum bleiben. Es wäre unrecht, den Großen der Erde daraus emen Vorwurf zu machen; denn sie thun nach dem Maßstabe ihrer Verhältnisse genau dasselbe, wie alle anderen bis zur untersten Sprosse der sozialen Stufenleiter. Wenn die Klassenunterschiede in der Breiten Masse sich nicht so schroff bemerkbar machen, so liegt dies daran, daß wir uns an die Alltäglichkeit dieser Dinge zu sehr gewöhnt haben; je kleiner aber auf den höchsten sozialen Stufen der Kreis der Begünstigten wird, desto auffälliger treten ihre Eigentümlichkeiten hervor und geben Anlaß zu motivierter Kritik. Es ist darum kein Wunder, daß in diesen Tagen, wo die Gerüchte über Ehebündnisse von Mitgliedern regierender Häuser mit Personen des niederen Adels durch die Luft schwirren, die sonst im Hintergründe des Interesses stehende juristische Doktrin der „Ebenbürtigkeit" neuerdings aktuelles Interesse bietet. Im Orient und in alten Zeiten wußte man nichts von Ebenbürtigkeit und Unebenbürtigkeit. Ein Ramses, em Darius, Ptolemäus, ein Kaiser Claudius war für sich und seine Familie bei der Wahl des Ehegatten ebensowenig auf eine eng begrenzte Zahl von Familien angewiesen, wie heute Abdul Hamid, oder Persiens Schah, oder em indischer Sultan, oder der Kaiser von China. Die ganze Institution ist vielmehr erst ein Produkt des Mittelalters, und zwar des deutschen, welche von den regierenden Familien anderer Länder im Interesse der Dynastie adoptiert worden ist. Frankreich und England haben sich Nie daran gekehrt, und noch bei manchem anderen europäischen Staate würde die Entscheidung der Frage, ob das Prrnzrp der Ebenbürtigkeit in der regierenden Familie des betreffenden Landes eine Rechtsinstitution geworden ist, den damit betrauten Herren Kronjuristen schlaflose pachte bereiten. Das alte deutsche Recht kannte eme ähnliche Beschränkung nicht. Die Ehe eines jeben freien Mannes mit einer freien Frau verlieh den daraus hervorgehenden Kindern Ebenbürtigkeit, und ein Franken- oder Gotentonig bin stolz aus den Jungen, und er wird uns allen zur Ehre gereichen. Er hat mehr Verstand, als irgend einer von uns und dabei ein braves Herz. Er soll das Mädchen heiraten, wenn er will, und jetzt, wo ihr elender Vater tot ist, wird es ja auch nichts schaden. Aber sie sind noch zu jung, -sie müssen warten, bis Roberts Ausbildung vollendet ist, und da ich nun einmal nachgegeben habe, so will ich nichts halb thun. Er bestand darauf, nach seinem Advokaten zu senden und sofort sein Testament zu Gunsten Roberts zu machen. Ich bin nicht in solcher Absicht gekommen, sagte Roberts Mutter, ihre Augen wischsnd, während der Vater fein Entzücken kaum verbergen konnte, aber ich habe ein» gesehen, daß es für uns Zeit ist, nicht so weiterzuleben, wie die Heiden. Fortsetzung folgt. brauchte sich nicht darum zu bekümmern, ob feine Söhne, die ihm eine aus dem Volke gewählte Gattin geschenkt, auch wirklich erbfolgefähig seien oder nicht. Zwei in der sozialpolitischen Geschichte des deutschen Volkes noch viel zu wenig gewürdigte Faktoren mußten erst in Erscheinung treten, damit sich der Begriff der" Ebenbürtigkeit bilden und praktische Bedeutung gewinnen konnte. Der erste von beiden war, daß ein großer Teil der kaiserlichen Lehnsmannen sich allmählich zur Bedeutung von Territorialfürsten aufschwang, und daß diese Familien, deren es zur Zeit der größten deutschen Zersplitterung mehrere hundert gab, es praktisch fanden, sich nur mit solchen Familien zu verschwägern, bei denen eventuell ebenfalls ein Stückchen territoriales Hoheitsrecht zu gewinnen war. Der zweite aber war die nicht genug zu beklagende Thatsache, daß in jenen Zeiten allgemeiner Zuchtlosigkeit und mangelnden Rechtsschutzes Millionen von freien Leuten, die nicht in den Städten wohnten, sich in die Hörigkeit des waffenstarken Adels begeben mußten, der ihnen dafür den Schutz des Eigentums und des Lebens zusicherte. Auch diese adligen Familien sahen keineswegs einen Vorteil darin, daß sich ihre Mitglieder mit den Halbfreien verbanden, und so dehnte man denn den altdeutschen Grundsatz, daß aus einer Ehe eines Freien mit einer Sklavin, oder besser gesagt „Unfreien", nur unfreie Kinder hervorgehen konnten, allmählich auf die Ehen des Adelsstandes mit Halbfreien, und endlich auch auf jene mit Mitgliedern des freien Bürgerstandes aus. Die Stände hatten sich so bon, einander gesondert und abgeschlossen. Während nun die den niedrigen Adel vom Bürgertnni. trennende Schranke längst niedergerissen ist, haben sich die Ebenbürtigkeitsbegriffe in den regierenden Familien und dem denselben gleichgestellten hohen Adel eher verschärft als gemildert. Während in früheren Jahrhunderten der deutsche Kaiser von dem Rechte, Reichsstandschaft zu verleihen, häufig Gebrauch machte, ist seit der Auflösung des alten Deutschen Reiches im Jahre 1805 eine derartige Standeserhöhung nicht mehr vorgekommen, und da das neue Reich schwerlich staatsrechtlich als eine Fortsetzung! des heiligen römischen Reiches deutscher Nation angesehen werden kann, ist es eine Doktorfrage, ob dem Kaiser das Recht zusteht, die Qualität der Ebenbürtigkeit zu verleihen. Sicher ist aber, daß sich das Ausland und sogar die meisten hochadligen und regierenden Familien des Inlandes daran nicht kehren würden und damit nur die Aussaat für spätere Erbfolgestreitigkeiten gelegt fein würde. Eine letzte Ausnahme erfolgte, als man durch die deutsche Bundesakte des Wiener Kongresses und das Protokoll des Aachener Kongresses denjenigen Familien, die früher Reichsstandschaft und Landesherrlichkeit besessen, dieselbe aber bei den Korrekturen der Landkarte durch Napoleon Bonaparte verloren hatten, ein Pflaster aus die schmerzende Wunde legte, indem man ihnen gegenüber den regierenden Häusern das Recht der Ebenbürtigkeit beilegte. Seitdem^ aber besteht für diese Familien der numerus clausus, und es ist nicht abzusehen, wann darin eine Aen- derung eintreten könnte. Daß Hunderte hochadeliger Herren durch den Umstand, daß ihre Kinder dadurch den Anspruch auf einen Thron verlieren können, von einer Ehe mit einer Dame des Bürgerstandes oder niederen Adels sich nicht haben abschrecken lassen, ist allgemein bekannt. In vielen Fällen haben sie sogar bei Eingehung einer derartigen Ehe auch für ihre Person allen Erbfolgerechten entsagt, wozu sie keineswegs verpflichtet waren, was aber immerhin einigen Wert hat, da es ebenso sehr im Interesse des Landes wie der Dynastie liegt, wenn die Thronfolge, soweit es nach menschlichen Verhältnissen möglich ist, uim zweifelhaft klar gestellt wird. Die meisten dieser Vorkommnisse Bieten auch kein öffentliches Interesse, und nur der Zauder der Romantik umkleidet mit goldigem Glanze die Persönlichkeit jener, welche den Lockungen des Purpurmantels und des Diadems widerstanden und auf dem Altar der Liebe die Aussichten auf höchste irdische Macht . als Opfer niederlegten, um dem Zuge ihres Herzens folgen zu können. Oft aber entbehren auch derartige Ehen weder der aktuellen Bedeutung noch des komischen Beigeschmacks. Der Streit um die 22 Quadratmeilen des Fürstentums Lipptz Mit seinen 130000 Bewohnern ist genugsam bekannt. Der Großvater des jetzigen Graf-Regenten von Lippe-Biester- feld wird sich bei Eingehung seiner Ehe mit einer einfach adeligen — Modeste von Unruh — im Jahre 1803 kaum etwas von den Verdrießlichkeiten haben träumen lassen, welche seinem Enkel aus diesem Umstande erwuchsen. Das Schiedsgericht hat sich einer weitverbreiteten Rechtsanschauung des 18. Jahrhunderts angeschlossen, wonach die Ehe eines hochadeligen Mannes mit einer Frau des niederes Adels als ebenbürtig anzusehen ist, und hat dem Biester- felder damit das Regentschaftsrecht gegeben. Nachdem dieser mit einer Gräfin Wartensleben vermählt ist, deren Mutter als Mädchen ein einfach bürgerliches Fräulein^ Halbach war, muß die Ebenbürtigkeitsfrage betreffs der gräflichen Kinder in einiger Zeit wiederum aktuell werden. Deutschland wird dann das erbauliche Schauspiel des Streites darüber sehen, ob 25 Prozent bürgerliches Blut in den Adern einer Persönlichkeit diese zur Regierung über den geruhigen deutschen Bürger untauglich machen. In England hat man sich an die deutsche Ebenbürtigkeitstheorie nie gekehrt. Wenn man es vorzog, sich im allgemeinen mit gleichfalls regierenden Häusern zu verschwägern, so hat doch der Umstand, daß der Blaubart ajüf dem Königsthrone, der achte Heinrich, die unglückliche Anna Boleyn heiratete, es nicht verhindert, daß die dieser Ehe entsprossene Tochter Elisabeth, die maiden Queen, den Dhron des Jnselreichs bestieg, und auch heute besteht, wenn ein gleicher Fall einträte, kein rechtliches Hindernis. Das Gleiche gilt von Rumänien, obwohl dort ein Zweig des fürstlichen Hauses Hohenzollern herrscht. Daß der Thronfolger trotz der Begünstigung des Verhältnisses dudch die Dichterkönigin Carmen Sylva schließlich nicht die schöne Bojarentochter Vacarescu heimführte, sondern! eine englische Prinzessin ehelichte, hatte seinen Grund nicht in einer Unebenbürtigkeit der ersteren, sondern in dem Umstande, daß man bte ganze Dynastie für gefährdet erachten mußte, wenn in dem von Parteiungen zerrissenen Lande der künftige König durch Verheiratung mit einer eingeborenen Dame seine Stellung über den Parteien aufgäbe und in die inneren Streitigkeiten hineingezogen würde. .Das meiste Interesse erregen natürlich die in den letzten Zeiten aus Oesterreich eingetroffenen Nachrichten. Die Heirat der Kronprinzessin-Wittwe Stephanie mit dem Grafen Lonyay, welche demnächst stattfinden soll, ist vom Gesichtspunkt des öffentlichen Rechtes gänzlich belanglos. Denn daß die aus dieser Ehe zu erwartenden Mnder weder in Oesterreich-Ungarn noch in Belgien irgend welche Rechte an den Thron haben, ist ebenso sicher, wie daß die Tochter des verstorbenen Kronprinzen Rudolf und der Stephanie erst dann an den Thron gelangen könnte, wenn sämtliche österreichischen Erzherzöge — gegenwärtig etwa 40 — ausstürben oder verzichteten. Etwas anders liegen die Verhältnisse, hinsichtlich der angeblichen bevorstehenden Vermählung des Thronfolgers Franz Ferdinand mit der Gräfin Chotek. Der genannte Erzherzog ist zweifellos thronberechtigt und könnte sich nur durch freiwilligen Verzicht von der Herrscherpflicht befreien. Zweifelhaft ist die Sache nur hinsichtlich dev Erbfolgerechte der aus dieser Ehe zu erwartenden Kinder. Ob die kaiserliche Familie sich nach den Ereignissen von 1805 und 1866 noch zum „deutschen" Hochadel rechnet, kann zweifelhaft sein. Es kommt daher alles darauf an, ob und was in der Zeit von 1805 bis zum Beginn der Verfassungsära die Dynastie hausgesetzlich über diesen Punkt bestimmt hat. Soweit Fernstehende, die den Inhalt dieser Hausgesetze nicht kennen, die Rechtslage beurteilen können, ist eine Thronfolge erzherzoglicher Kinder, welche einer nach deutschem Fürstenrecht nicht ebenbürtigen Frau das Leben verdanken, keineswegs absolut ausgeschlossen. Daß aber eine der ältesten und vornehmsten Dynastieen Europas diese für sie selbst so überaus wichtigen Fragen in einem hundertjährigen Zeitraum nicht längst geregelt haben sollte, ist durchaus unwahrscheinlich, und es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß, falls sich Redaktion: ®. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen die jetzt umlaufenden Gerüchte bewahrheiten, der-Bruder! des Obengenannten, Erzherzog Otto, oder dessen männliche Nachkommenschaft im Falle der hoffentlich noch recht fernen Vakanz des Kaiserthrones als Monarchen in den Kaiserpalästen am Burgring in Wien und in der ihrer Vollendung nahen Burg in Ofen ihren Einzug halten werden. Literarisches. Die Mode 1900 Mit der Jahrhundertwende trifft auch eine erfreuliche Wendung der Hutinode zusammen. Man giebt diesem charakteristischen Schmuck der Frauen individuellen Charakter, indem man ihn dem Kopf der Trägerin entsprechend malerisch formt, so daß es eine bestimmte Modefayon eigentlich nicht gibt und die Neuheit erst durch den Aufputz zum Ausdruck gelangt. Ganz originelle Arrangements bringt die „Wiener Mode" in farbigen und Textbildern in ihrem soeben erschienenen 10. Hefte, das für 45 Pfennig, durch alle Buchhandlungen und vom Verlage der „Wiener Mode", Wicnstraße, zu beziehen ist. Das Reichsschatzamt. Schüchtern pocht es am Schalter — Lisettchen steht draußen so bang, Dahinter ein mürrischer Alter, Der läßt fie warten so lang . . . Jetzt hat er das Fenster offen, Fragt knurrig um Lieschens Begehr, Das zögert und schweigt ganz betroffen, Dann flüstert's: „Mein Gott, lieber Herr! Um einen Schatz thät ich bitten, Wie Suschen und Annamarei, — Die Grete hat gar schon den dritten. Nur ich allein bin noch frei!" — Der Alte schließt fluchend die Pforte, Lisett' ist so klug wie zuvor — Sie glaubt' sich am richtigen Orte, Es steht doch „Reichsschatzamt" am Thor. I P. Magisches Quadrat. Nachdruck verboten. In die Felder nebenstehenden Quadrates sind die Buchstaben b, e e, h h, k, l l, n n, o o o o, r, z derart einzutragen, daß die wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes ergeben: 1. Nahrhaftes Gemüse. 2. Musikalisches Instrument. 3. Waffe mancher Tiere. 4. Viel gepriesene Zeit. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Skataufgabe in voriger Nummer: (Mit a, b, c, d werden die vier Farben bezeichnet; also a — Eichel, Treff; b — Grün, Pique; c --- Rot, Coeur; d — Schellen, Carreau; A — Aß; D — Unter, Wenzel, Bube; D = Dame, Ober.) Vorhand gewinnt ihr Spiel; sie legt: a Z und dZ, in den Skat. Mittelhand hatte b TS, dü, a K, a 9, a 7, b Z, bD, b 8, cZ, d 9, Hinterhand den Rest. Verlauf des Spieles: 1. SB. aA M. a7 H. a8 — 11. 2. 33. oA SDl.cz §. c 9 = 21. 3. V. d A M. d9 §. d 8 = 11. Der Spieler bekommt nichts mehr, hat aber schon genug, da et ja 20 gedrückt hatte. 1000 Mark für eine Idee! Jeder Leser ober Leserin dieser Mitteilung kann sich um diese 1000 Mark bewerben! Sie wissen, daß Dr. Oetkers Backpulver, .Vanillin-Zucker und Puddingpulver jährlich millionenweis in den Küchen verwandt werden und wegen ihrer unübertroffenen Güte dm Beifall aller Hausfrauen finden. Trotzdem giebt es noch eine große Anzahl Hausfrauen, welche ihre Kuchen mit minderwertigem Backpulver gebacken haben und nachher behaupten, daß Backpulverkuchen nicht zu genießen seien. Wissen Sie nun eine neue ausführbare Idee, um die Hausfrauen zu veranlassen, daß dieselben beim Einkauf dieser Artikel nicht einfach Backpulver wünschen, sondern Dr. Oetkers Backpulver verlangen? Denn der Name „Dr. Oetkers" giebt Garantie für allerbeste Qualität. Ich bitte darüber nachzudenken und mir bis zum 1. Juli Ihren Plan mitzuteilen. Sollte niemand eine ausführbare Idee angeben können, so stelle ich diese 1000 Mark einem Hausfraueu-Verein für einen wohlihätigen Zweck zur Verfügung. Dr. A. Setter, Backpulv ssabrik. Bielefeld. UniverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen-