Tliii M glücken? was du bist! : hast du die Achtung; Bist du ein liebendes Herz: bist du der Liebe gewiß. Mahlmann. (Nachdruck verboten.) Geächtet. Roman von LotharBrenkendorf. (Fortsetzung.) Achtes Kapitel. Der mittlere Hauptteil des Schlosses und der rechte Seitenflügel toar durch Feuer völlig zerstört. Nur die geschwärzten Brandmauern waren stehen geblieben und gaben mit ihren leeren Fensterhöhlen dem ganzen Bauwerk das sehr wenig anheimelnde Aussehen einer verwitterten Ruine. Auch der linke Seitenflügel des weitläufig angelegten Herrenhauses mochte sich noch vor kurzem in nicht viel besserem Zustande befunden haben; denn das dürftige Schindeldach das gar wenig zu dem vornehmen Baustjil des Schlosses stimmen wollte, war sicherlich noch nicht mehr als einen Monat alt. Hier waren die Fenster zum Teil mit Brettern vernagelt, zum Teil mußte geöltes Papier die Stelle der Scheiben vertreten, und nur im ersten Stockwerk warfen richtige Glasfenster die goldroten Strahlen der Abendsonne zurück. Was sonst noch an Baulichkeiten vorhanden sein mochte, ließ sich von der Straße aus, auf der die Reisenden an», kamen, nicht erkennen, und es konnte darum nicht wunder nehmen, daß der erste Eindruck, den Lasdehnen auf Frau von Menzelius und ihre Tochter hervorbrachte, ein wahrhaft niederschmetternder war. „Wie? In diesem Trümmerhaufen sollen wir künftig Hausen?" rief die kleine dicke Dame entsetzt. Aber dann könnten wir ja ebensogut gleich- unter freiem Himmel wohnen wie die Zigeuner; denn dem Winde und dem Regen werden wir in dieser Ruine ohnehin schutzlos preisgegeben sein. „Hoffentlich! ist es nicht gar so schlimm, liebe Tante", tröstete Elisabeth, ihre eigene Enttäuschung und Bangigkeit tapfer hinter einem erzwungenen Lächeln verbergend. „Und es wird meine erste Sorge sein, Dir und Charlotte ein paar Stübchen zu schaffen, die nicht weniger behaglich sein sollen, als unsere Wohnung in Küstrin. Daß wir hier sogleich in einen herrlichen Palast einziehen würden, durften wir doch wohl kautn erwarten". Aus dem großen Sandsteinportal, dessen Figurenschmuck von rohen Fäusten mutwillig herabgeschlagen und verstümmelt worden war, trat in diesem Augenblicke die Gestalt eines Mannes, der dem schwerfällig heranfahrenden Reisewagen mit raschen Schxitten entgegenkam. Obwohl der rötliche Vollbart verschwunden und das hagere, unschöne Gesicht von Wind und Sonne kräftig gebräunt war, erkannte Charlotte in ihm doch- zugleich! jenen Menschen, der im verflossenen Sommer zu Küstrin eine geheime Unterredung mit ihrer Base Elisabeth begehrt hatte. Und sie war darüber keineswegs erstaunt; denn sie wußte ja, daß dieser Peter Wülfing Verwalter auf Lasdehnen sei. Elisabeth hatte Charlotte und deren Mutter damals gesagt, daß sie in dem Manne einen durch widrige Schicksale verarmten ehemaligen Jugend- bekannten gefunden und ihm zur Verbesserung seiner Lage jenen Posten übertragen habe. Den längst verschollenen Franz von der Röcknitz, den sie trotz ihrer entfernten ver- wandschaftlichen Beziehungen nie ° gesehen hatten, vermuteten sie gewiß am allerwenigsten in diesem übertrieben demütigen und unterwürfigen Menschen, dessen regelmäßig eintreffende Briefe aus Lasdehnen nichts als schrankenlose Dankbarkeit und Ergebenheit für seine junge Herrin geatmet hatten. Auch jetzt entblößte er schon in einer Entfernung von zehn Schritten das Haupt, um daun mit tiefer Verbeugung an den Kutschenschlag zu treten. „Ich heiße die Herrschaften willkommen und bitte um Vergebung, wenn ich Ihnen keinen festlicheren Empfang zu bereiten vermochte. Aber ich erwartete Sie heute noch nicht, und es wäre mir überdies schwer geworden, mit den vorhandenen Mitteln eine angemessene Einholung zu bereiten". Elisabetü antwortete ihm kühl, daß man zufrieden sein werde, nach den Strapazen der Reise ein halbwegs menschenwürdiges Obdach zu finden, und er versicherte unter erneuten Verbeugungen, daß er nach dieser Richtung hin alles gethan habe, was in seinen schwachen Kräften stehe. Dau schritt er neben dem Wagen her, bis die ermüdeten Pferde an der Eingangsthür des ausgebesserten Seitenflügels Halt machen durften. Ein so unerhörtes Vorkommnis, wie das Erscheinen einer mit vornehmen Damen besetzten Reisekutsche war natürlich unter den Gutsbewohnern nicht unbemerkt geblieben, und ein Häuflein ärmlich gekleideter Tagelöhner hatte sich neugierig auf den Hof des Herrenhauses gestohlen. Aber die Leute blieben in respektvoller Entfernung, und auf einen gebieterischen Blick des Verwalters zogen sie sich scheu zurück. „Mau darf sich nicht zu weit mit diesem Volke einlassen", sagte er gleichsam entschuldigend, da er Elisabeths chtung willst du erwerben? Es soll dich Liebe be A chtung erwirbt, was du thust; Liebe verschafft, Richtest du Rühmliches aus, schaffst Nützliches 454 erstaunten und unwilligen Blick bemerkte. „Während des Krieges ist eine arge Verwilderung unter den Leuten eingerissen, und wenn man sie nicht beständig die eiserne Faust des Gebieters fühlen läßt, werden sie nur zu leicht aufsässig und widerspenstig. Es hat mich Mühe genug gekostet, Ordnung und Disziplin unter ihnen herzustellen". Wenn er dafür auf Elisabeths Anerkennung gerechnet hatte, so mußte er sich vorläufig noch gedulden; denn sie trat, ohne auf weitere Erörterungen einzugehen, rasch in das Haus und durchschritt mit prüfenden Blicken die wenigen, notdürftig bewohnbar gemachten Gelasse. Soweit es sich dabei um die im Erdgeschoß belegenen Zimmer, die Küche, die Wirtschaftsräume und die Domestikenkammern handelte, war das Ergebnis der Musterung nicht sonderlich darnach angethan, sie zufrieden zu stellen. Als die Damen dann aber auf des Verwalters höfliche Einladung über die roh gezimmerte Treppe in das erste Stockwerk hinaufstiegen, gab es von feiten der Frau von Men- zelius und ihres Töchterchens allerlei lebhafte Ausrufe ungeheuchelter Ueberraschung und aufrichtiger Freude. Auch Elisabeths ernste Miene hellte sich! auf; denn es war nicht anders, als sei sie durch ein Wunder aus der denkbar armseligsten und notdürftigsten Umgebung plötzlich wieder in die gewohnten, anheimelnden und behaglichen Verhältnisse versetzt worden. Den größeren Teil der Einrichtung hatte sie allerdings selbst vor einigen Wochen hierhergesandt, aber die Art der Anordnung und Aufstellung und die mancherlei kleinen Luxuszuthaten, die er sich von diesem entlegenen Winkel aus sicherlich nur mit großer Mühe hatte verschaffen Jönnen, waren ohne jeden Zweifel das eigene Werk des Verwaltrs. Er hatte dabei soviel Geschmack und soviel feinsinnige Rücksichtnahme aus die kleinen Bedürfnisse und Wünsche verwöhnter Damen an den Tag gelegt, daß Frau von Menzelius aus der Verwunderung gar nicht herauskam und ihm ihr Lob in der freigiebigsten Weise spendete. „Das habt Ihr vortrefflich gemacht; das ist ja beinahe so gemütlich, wie bei uns in Küstrin!" rief fie einmal über das andere. „Sieh nur, Elisabeth, an was alles dieser gute Wülfing gedacht hat. Er ist, wie mir scheint, zum Haushofmeister geboren". Fräulein von Marschall sagte nichts; aber als sich ihre Tante und ihre Base zurückzogen, um ein wenig Toilette zu machen, bedeutete sie Franz durch eine Handbewegung, noch zu bleiben. „Du bist, wie ich sehe, sehr eifrig um unser Behagen bemüht gewesen, Franz", wandte sie sich an ihn, sobald sie allein waren. „Es hätte dessen nicht bedurft, aber ich danke Dir nichtsdestoweniger für die freundliche Absicht. Und nun zu etwas Wichtigerem. Wie soll sich Deiner Meinung nach unser Verhältnis künftig gestalten? Ich habe unter der Hand Erkundigungen eingezogen und man hat mir gesagt, daß Du auch heute noch wegen Deines einst begangenen Verbrechens vor den Richter gestellt werden würdest, wenn man Dich ergriffe. Auf die Verschwiegenheit der Frau von Menzelius wäre vielleicht nicht'unbedingt zu rechnen, und ich, möchte überdies ihr Gewissen nicht ohne Not belasten. Darum scheint es mir das beste, wenn Du hier für jedermann ohne Ausnahme auch künftig der Gutsverwalter Peter Wülfing bleibst" „Wie Du es befiehlst, Elisabeth! Ich will in den Augen der anderen gern für einen Menschen von geringer Herkunft, für einen niedrigen Diener gelten, wenn ich nur hoffen darf, in den Deinen endlich wieder —" „Nicht so schnell!" unterbrach sie ihn mit Entschiedenheit. „Ich war noch nicht zu Ende. Erinnere Dich des Gespräches, das wir vor einigen Monaten in Küstrin miteinander geführt; dann wirst Du begreifen, daß ich nicht innerhalb dieser kurzen Zeit völlig anderen Sinnes geworden sein kann. Du schreibst mir, daß Du hier übermenschlich gearbeitet hast, um Dich meines Vertrauens würdig zu erweisen. Wohl, ich will es glauben. Doch einige Wochen rechtschaffener Arbeit können mich unmöglich vergessen machen, was ich schon um meines eigenen Verschuldens willen wahrscheinlich niemals vergessen werde. Ich will versuchen, nicht den Zerstörer meines Glückes, sondern nur einen Fremden in Dir zu sehen und Dich wie einen Fremden zu behandeln. Bist Du damit einverstanden, so steht Deinem ferneren Verbleiben auf Lasdehnen nichts im Wege. Hast Du aber etwas anderes erwartet, so ist es besser. Du gehst. Ich bin bereit. Dir einen geeigneten Poften aus meiner Besitzung in Schlesien anzuweisen". Während sie sprach, hatte erst eine brennende Röte und dann eine um so tiefere Blässe das Gesicht des Verwalters überzogen. Seine Fingerspitzen gruben sich in die Handflächen ein, und in verbissenem Grimm preßten sich seine schMalen Lippen zusammen. „Ist Dir mein Anblick so verhaßt, Elisabeth, daß Du mich nicht in Deiner Nähe dulden kannst, wahrhaftig, dann hättest Du mich damals nicht hindern sollen, auf dem Grunde der Oder mein elendes Dasein zu enden". „Ich habe nicht davon gesprochen, daß mir Dein Anblick unerträglich ist. Ich will nur, daß von vornherein kein Mißverständnis zwischen uns sei, damit solche Erörterungen sich niemals wiederholen. Du sollst, nicht darauf rechnen, unter vier Augen mit mir. zu verkehren wie dereinst in unserer Kinderzeit. Das ist vorbei — für immer vorbei! Und weil Du den Unterschied vielleicht als eine Demütigung empfinden könntest, stelle ich Dir frei, zu bleiben oder zu gehen". .„Und was wolltest Du beginnen, wenn ich Dich wirklich jetzt verließe? Schön nach Verlauf der ersten vierundzwanzig Stunden würdest Du mit Schrecken inne werden, daß Du ohne den Beistand eines entschlossenen Mannes in dieser Wildnis so gut wie verloren bist". Elisabeth selbst hatte seit ihrer Ankunft unter dem Druck einer ähnlichen Empfindung gestanden; nimmermehr aber würde sie diese Schwäche gerade dem Manne offenbart haben, dessen Feigheit und Charakterlosigkeit ihr bei jener unvergeßlichen Szene in ihrem Zimmer so tiefe Verachtung eingeslößt hatten. „Die Verantwortung für mein Schicksal darfst Du getrost mir allein überlassen", sagte sie kalt. „Auch wenn Du bleibst, werde ich selbstverständlich von morgen an die Verwaltung meines Besitzes in die eigenen Hände nehmen". Diesmal entging ihr der tückische Blick nicht, mit dem er sie streifte. „Du hast sehr viel Vertrauen in Deine Kraft, Elisabeth! Ich will Dir wünschen, daß Du Dich- nicht täuschest; aber ich, fürchte, Du wirst nach einer Woche minder zuversichtlich sein als heute. Und ich bitte Dich^ mich wenigstens noch so lange bei Dir zu behalten. Es wäre nach, meiner Ueber- zeugung geradezu ehrlos gehandelt, wenn ich Dich, jetzt im Stiche ließe". Die junge Gutsherrin hatte nicht viel Zeit, ihre Antwort zu überlegen, denn Charlotte, die schon mit dem Wechseln ihres Anzuges fertig war, klopfte an die Thür. „Mag es so sein!" sagte sie deshalb schnell. „Jedenfalls kennst Du meine Bedingungen und weißt, was ich von Dir erwarte". Mit ehrerbietiger Verbeugung zog sich der Verwalter zurück, als das Fräulein von Menzelius eintrat. Charlotte, die ihn jetzt aufmerksamer betrachtet hatte, als vorhin in der Unruhe und Aufregung der Ankunft, schüttelte nach seiner Entfernung wie in mißbilligender Kritik das dunkellockige Köpfchen. „Eigentlich gefällt mir Dein geschätzter Peter Wülfing heute noch ebensowenig wie damals mit dem Vaga- öundenbarte und der schwarzen Augenbinde. So unterwürfig er ist und so viel ihm an unserer Bequemlichkeit gelegen scheint, ich kann mir nicht helfen, es bleibt für mich> do,ch immer etwas unheimliches an dem Menschen". „Niemand wird Dich! zwingen, Freundschaft mit ihm zu schließen. Aber nun sage mir ganz aufrichtig, kleine Lotte: bist Du nicht voll Entsetzen über diesen neuen Aufenthaltsort, an den ich. Euch, wie ich nun wohl einsehe, nimmermehr hätte mitnehmen sollen?" Charlotte zögerte ein wenig; dann aber erwiderte sie aufrichtig: „Ein bischen weniger trübselig und verfallen habe ich! mir das Schloß allerdings vorgestellt. Doch ich werde mich! schon noch daran gewöhnen. Und dann giebt es in der Nähe gewiß auch ein paar angenehme Familien, mit denen sich's gut verkehren läßt. Man feiert ja so reizende kleine Feste aus dem Lande. Mama weiß aus ihrer Jugendzeit die lustigsten Geschichten davon zu erzählen". „Welche Enttäuschung wird Dir alsdann das Leben 455 auf Lasdehnen bereiten, arme Lotte!" sagte Elisabeth mit ement wehmütigen Lächeln. „Denn auf lange Zeit hinaus werden wir hier weder Besuche empfangen noch fröhliche Feste begehen. Haben wir selber doch noch kaum ein sicheres Dach über unseren Köpfen". (Fortsetzung folgt.) Reisebilder aus China. Von Wilh. F. Brand. m Nachdruck verboten. Von Hongkong nachShanghai. „In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad", ertönt es über die 'wogenden Fluten dahin, und durch der Schiffe schornsteinreichen Wald im Hafen von Hongkong flattert uns die deutsche Flagge entgegen. In einigen Augenblicken befinde ich mich ivieder auf deutschem „Grund und Boden", an Bord der „Preußen", die sich eben zur Werterfahrt nach Shanghai anschickt, und unter den Klängen von „Deutschland, Deutschland über alles" stechen wir alsbald in See. An Bord b efand sich auch ein Ablösungskommando der Marine, das in „geschlossenem Kommando" und daher auch rn Uniform und init Aufrechterhaltung des Dienstes reiste. So war die „Preußen" bis zu einem gewissen Grade in ern Marine-Transportschiff umgewandelt. Doch trug dies neue dem Reichspöstdampfer beigemischte Element mancher- ler zur Unterhaltung per Passagiere bei, wie denn zumal auch, dre Offiziere, in ihrer Eigenschaft als Reisegenossen,' betrachtet, natürlich als eine gar angenehme Zugabe sich erwiesen. Unter ihnen befand sich, auch der liebenswürdige Graf Soden, der Befehlshaber der letzthin zum Schutze der deutschen Gesandtschaft nach Peking geschickten deutschen Truppe. Niemand aber genoß die „Einquatierung" wohl mehr, als die verschiedenen farbigen Kindermädchen, die sich mit den Mannschaften im Zwischendeck angefreundet hatten — Siamesinnen, Malahinnen und Chinesinnen —, es mögen aber auch andere Mädchen gewesen sein, ich sah sie nur mehrfach so im dunkeln vorüberhuschen, nachdem sie mit einem der zahlreichen „Vettern" unten ein Stelldichein gehabt. Aber auch bei uns ging es gar lustig zu. Schon am ersten Abend war 'großer Ball. Und besonders erfreulich ist es, zu beobachten, wie die Angehörigen der verschiedenen Nationalitäten — Engländer, Holländer, Amerikaner, Belgier, Franzosen, Japaner und Deutsche — so trefflich mit einander auskommen. Freilich, es sind ja alles vielgereiste Menschen, die nicht nur Rücksicht auf einander nehmen, sondern auch,Verständnis für einander haben und nicht in aufgeblasener, kurzsichtiger, nationaler Dünkel-, Hastigkeit immer nur ein Auge für die Schwächen der anderen besitzen, wie es bei den Nationen im allgemeine^ der Fall ist.. So gleiten wir auf unserem schwimmenden Palast weiter dahin durch das chinesische Meer. Nichts als Himmel und Wasser und dazwischen unser winziges Fahrzeug! Verzeihung, Herr Kapitän, es ist ja ein Koloß an sich, gewiß; aber im Vergleich, zu dem unbegrenzten Himmelszelt, das darüber ausgespannt, zu den endlosen Wassermassen, auf denen es dahinwogt, ist es doch gewiß nur einer Nußschale gleich. Und der Mond scheint so geheimnisvoll drein! Und die Sterne blicken in seltsamer Pracht. Wir rasen dahin, von 3500 schäumenden Seerossen gezogen, in vollstem Galopp, unaufhaltsam. Und die Menschen ringsum, sie schäkern und tanzen und jauchzen. Ein Wolkenschleier umlagert die Himmelsleuchte! Wir erkennen kaum noch, die Umrisse der sich umschlungen haltenden Paare! Doch ein inneres Licht läßt uns um so tiefer blicken — tiefer und tiefer!--bis auf den Boden des Schiffes! — Und tiefer und tiefer noch ■—>ijn die wogenden Wasser mit den Scharen von Haien und anderen Meeresungetümen — und tiefer noch, —, immer tiefer bis auf den Grund des Meeres. Und von kriechendem Getier und düsterem Pflanzenwuchs umgeben — auf hartem Fels gebettet — liegt das Wrack eines einstmals stolzen Dampfers, und in seinen Kabinen — Ein besonders enthusiastisches Pärchen hätte mich, in diesem Augenblick beinahe über den Haufen getanzt. Zerronnen find plötzlich alle die krausen Bilder. Sie kommen hier ja so leicht. Und doch ist hier thatsächlich nicht mehr Anlaß dazu vorhanden als anderswo. Das beweist eben das lustige Treiben, das sich auf unserem Schiffe entwickelt hat. Was ist es anderes als ein Bild aus dem Menschenleben im allgemeinen, in dem wir dahin jagen und tanzen über Abgründe, die uns überall entgegen gähnen! Aber wer könnte je wieder tanzen und fröhlich sein, wenn er stets „auf den Grund" blicken wollte. Der Himmel wacht auch über uns —■ der Himmel und Kapitän Wettin mit allen feinen braven Mannen. Wohlbehalten trafen wir in Shanghai ein. Indessen wie bedeutend dieser Ort als Handelsplatz auch sein mag, für den Vergnügungsreisenden,, zumal in szenischer Hinsichjt, steht Shanghai weit hinter Hongkong zurück. Doch scheint das gesellige Leben in der europäischen Kolonie wieder recht entwickelt; und so giebt es hier auch wieder mehrere großartig eingerichtete Klubs, wie sie nur wenige Städte Deutschlands aufweisen können. Hier findet der Reisende dann leicht Einführung und ein trautes Heim in fremden Landen. Wie aber überall, wo die Engländer stark vertreten sind, so hat auch Shanghai unmittelbar bei der Stadt seine große Rennbahn, Cricket- und Foot-Ball-Felder. Ja, es giebt sogar eine Art Korso in Shanghai — in Nanking- Road — an dem auch die Chinesen sich rege beteiligen. Einzelne halten sogar Equipagen, in denen sich auch wohl die Schönen des Landes zeigen, prächtig herausgeputzt, mit Blumen im Haar, bunt, Prunkhast, blendend, befremdend, traumhaft, wie Wesen aus einer anderen Welt und wieder wie ausgeputzte Puppen, und trotz alledem nicht ohne einen gewissen Geschmack gekleidet. Hübsch sind sie jedenfalls nicht. Aber es scheint fast, sie gewinnen etwas bei näherer Bekanntschaft. Jedenfalls kommen sie mir schon nicht mehr so erschreckend häßlich vor, wie zu Anfang. Ja, eine der jungen Chinesinnen auf dem heutigen Korso nahm sich fast wie eine Prinzessin unter ihren Landsmänninnen aus — freilich wie eine chinesische Prinzessin natürlich. Indessen ich gestand eben noch, daß mir diese Damen vielfach wie Wesen aus einer anderen Welt vorkommen, ich konnte mir daher auch nicht gleich über ihre soziale Stellung selbst Aufschluß geben. Meine Begleiterin, eine hier ansässige deutsche Dame, an die ich eine hierauf bezügliche Frage richtete, rümpfte aber das Näschen und Jagte nur: „Nichts Rechtes!" Ich mochte nicht weiter forschen, jedoch wenn wir erwägen, daß die vornehmeren Damen, die tugendsamen und wohlerzogenen, sich hierzulande nicht leicht öffentlich auf der Straße in offenem Wagen zeigen, vollends nicht vor uns „Barbaren", so dürfte meine Freundin doch wohl recht haben. Armes Prinzeßchen! Uebrigens sind die Equipagen und selbst die Mietwagen auch hier noch ziemlich spärlich vertreten. Das eigentliche Nationalgefährt ist hier der — Schubkarren! Dieser ist ähnlich wie der bei uns wohl bei der Feldarbeit verwandte Karren, nur schwerfälliger und größer. Das gewaltige Rad durchschneidet den „Bock" in zwei Teile, und auf diesem hocken die Herrschaften, indem sie die Beine herabbaumeln lassen. Ich habe so öfters auf einem einzelnen Karren nicht weniger als sechs Frauen und Kinder und auch Männer untergebracht gesehen, und ein einziger Kuli schob natürlich das ganze halbe Dutzend. Glücklicherweise giebt es hier auch wieder Jnrickschas, und so habe ich bislang das Nationalgefährt noch gar nicht benutzt. Indessen auch das Zweirad hat hier längst seinen Einzug gehalten, und zwar nicht nur unter den Chinesen, die damit kund- thun, daß sie „wirklich vernünftigen" Neuerungen gar nicht so ganz abhold sind. Ja, es beginnt sich nach mancherlei Richtungen hin zu regen in diesem „Lande des Zopfes". Daß dieser Zopf selbst aber zu irgend etwas nütze sein könne, davon erhielt ich einmal einen augenscheinlichen Beweis. Ein Sicherheitsbeamter führte drei Gefangene durich die Stadt. Sie hatten weder Handschellen an, noch Ketten an den Füßen, — sie waren einfach mit ihren Zöpfen zusammengebunden. 456 Mode und Sport. Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Schnittmanufaktur, Dresden. Modell Nr. 96. das Sportskostüm er» Modell Nr. 98 gegnet sind, welche unter Wetterfestigkeit und Dauerhaftigkeit einfaches Zusammenhalten des Stoffes zu verstehen schienen und sich in einem so verschlossenen, verknillten und verregneten Anzuge zeigten, daß man gleich von vornherein eine Abneigung gegen Rad- und Tonristensport empfand. Leichter herzustellen ist ja ein einfacher Rock, bei welchem man durch Einlegen einer tiefen Falte in der Hinteren Mitte einen ähnlichen sich nur zweckentsprechend, das ist die radikale Richtung, ober — sie macht der, Mode einige Konzessionen und das ist der gemäßigtere und empfehlenswertere Weg. Zudem wird jetzt allerhand Sport so vielfach betrieben, daß man im Laufe der Zeit immer besser und gründlicher ausfindig gemacht hat, das Zweckmäßige mit dem Schönen nach Kräften zu vereinen. Die am meisten Interesse beanspruchenden Sportanzüge sind ohne Zweifel die für's Radfahren und für Hochtouristik; denn die zahmeren Sportarten wie Lawntennis und Rudern bereiten hinsichtlich der Anpassung an die Mode weniger Schwierigkeiten, und der Reitsport ist eine Abart, so ganz für sich, und mit traditionellen Kostümen, welche bei dieser Besprechung gleich von vornherein außer Frage kommt. Welches sind nun aber die Grundbedingungen, nach denen ein tadelloser, dabei moderner Sportanzug hergestellt sein muß? Vor allem muß er vollkommen zweckentsprechend sein, darf aber dabei die Gesetze der Schönheit nicht verletzen; Spitzen, Besätze, überhaupt Modetand sind dabei vollkommen ausgeschlossen. Er muß ferner wetterfest und dauerhaft fein, d. h. auch dauerhaft hinsichtlich des guten Ausfehens, so daß er auch nach längerem Gebrauch feine Ansehnlichkeit behält. Wir betonen dies ganz besonders, da uns öfters Damen be- Und doch! wie nett und schneidig kann scheinen, wenn es vernünftig gewählt wird. Vor allem geben wir jedem den guten Rat, bei Ankauf des Stoffes nicht zu sparen; denn nichts ist teuerer, als ein billiger Stofs. Dieser scheinbare Widersinn bewahrheitet sich besonders beim Radfahranzuge; denn ein solcher aus leichtem, billigem Stoff sieht nicht nur nicht gut aus, denn er hat keinen Fall und fliegt beim Fahren, was ja besonders unangenehm ist, sondern er verliert auch den wenigen durch das apprettierte Futter hineingebrachten Halt in kürzester Zeit, so daß er dann noch eifriger flattert, als anfangs. Wie vornehm sieht dagegen ein Rock aus schwerem, dichtem Herrenstoff aus, von welchem melierter Covercoat der praktischen Farbe wegen am empfehlenswertesten ist. Natürlich ist dabei auch Bedingung, daß der Rock einesteils einen guten Schnitt aufweist und andernteils genau gearbeitet und gut gebügelt ist, wie es die Schneider thun. Ein derartiger Rock muß vorn über den Knieen die nötige Weite haben, und die darunter getragenen Beinkleider müssen aus möglichst glattem Stoff bestehen. Beides ist deshalb notwendig, damit der Rock sich beim Fahren nicht über den Knieen festhängt, sondern bei jeder Senkung des Beines sofort wieder glatt herabfällt. Besonders elegant beim Fahren sind die Röcke mit geteiltem Sattelstück, wie es unser Modell jRr. 96 veranschaulicht; denn Reichhaltiges Modenalbum und Schnittmusterbuch äbOPsg. daselbst erhältlich. Sport und Mode stehen sich in gewiffem Sinne feindlich gegenüber; denn was die Mode fordert, ist für den Sport, welcher Art er auch fei, gleichgültig, ja untauglich und umgekehrt, die für den Sport nötige Kleidung verträgt sich nicht mit den Gesetzen der Mode. Für die sportliebende und sportausübende Frau entsteht nun dadurch eine gewisse Schwierigkeit, aus welcher zwei Wege führen. Entweder sie kehrt sich überhaupt nicht an die Mode und kleidet durch die Teilung des Rockes legt sich derselbe in schönem Fall zu beiden Seiten des Rades. Beim Absteigen fällt dann die Falte vollkommen zusammen, sodaß die Teilung ganz unsichtbar ist. Bei diesem Rock ist allerdings mehr als bei jedem anderen ein guter Schnitt und tadellose Bearbeitung Hauptbedingung. Effekt erzielen kann, wie beim geteilten Rock, doch ist auch hierfür ein guter, von sachverständiger Hand ausgeführter Schnitt, wie solche von der Internationalen Schnittmanufaktur, Dresden, geliefert werden, unentbehrlich. Von Wichtigkeit bei einem Radfahrrock ist auch die Länge desselben; denn ein zu kurzer Rock sieht, besonders bei großen und starken Damen leicht unschön aus, während ein zu langer Rock wiederum dadurch, daß er leichter in das Rad kommt, gefährlich werden kann. Besondere Aufmerksamkeit erfordert auch das Korsett; denn sowohl aus ästhetischen, als auch aus Praktischen Gründen kann es nicht ganz entbehrt werden. Es sei jedoch ganz weich und ganz locker, sodaß es der Figur nur gerade den nötigen Halt verleiht. Schnüren ist jedoch unmöglich, und Schnüren und Radfahren versucht jede Dame nur ein Mal, dann wird sie entweder das eine oder das andere lassen. Weniger von Wichtigkeit sind die übrigen Bestandteile des Anzuges, wie Bluse, Jacke, Hut und Stiesel. Die Jacke sei immer zum Anzuge Passend; im übrigen kann sie wie gewöhnlich mit Schößchen oder wie Modell Nr. 98 kurz gehalten sein. Die Bluse wird wohl immer am besten die Hemdblusenform ausweisen und dabei je nach der Jahreszeit aus Flanell oder aus leichterem Stoff bestehen. Weiße Kragen sind hierzu das Eleganteste; bei Dauerfahrten ist jedoch ein Stoffumlegekragen praktischer. Hut und Schuhe können ganz nach Belieben und Modell Nr. 132. Geschmack gewählt werden; nur bei großen Touren, wo man öfters in die Lage kommt, bei Steigungen und Gefällen auf holperigen Wegen schieben zu müssen, sind hohe Schnürstiefel mit festen Sohlen geboten. Anders beim Bergsteigen. Hier sind tüchtige, nägelbeschlagene Bergschuhe nötiger, als alles andere. Im übrigen ist der Anzug für Bergtouren derselbe wie für das Radfahren, nur daß man hier was Ausstattug wie z. B. Kragen und Manschetten, Gürtel ec. anbetrifft, mehr die Zweckmäßigkeit vor die Eleganz stellt. Demnach würde sich ein derartiger Anzug aus kurzem, bis an die Knöchel reichendem Rock, Blufe, Jacke und einfachem Filzhütchen zusammensetzen. Darunter ist wie beim Radfahranzuge eine Pumphose aus wärmenden Stoff das > Beste. Daß so ein Anzug bei gutem Stoff, gutem Schnitt und sauberer Arbeit trotz Einfachheit und Zweckmäßigkeit auch nett aussehen kann, beweist unser Modell Nr. 132. Literarisches. Sich elegant kleiden mit wenig Mittel« — wer das will, bediene sich der so Praktischen Schnitte der Internationalen Schnitt- manusaktur, Dresden. Es sind leicht verwendbare, außerordentlich kleidsame Modelle, die daselbst in den nach fachwifsenschaftlichen Grundsätzen hergestellten Schnitten geboten werden. Sie machen das Selbstschneidern zur Spielerei. Die Auswahl geschieht nach dem reichhaltigen Modenalbum und Schnittmusterbuch, welches in großartiger Ausstattung zu jeder Saison zum Preise von 50 Pfg. erscheint. Dasselbe bietet eine, vollständige Uebersicht über die neue Mode. Humoristisches. Ein Pantomimist. Gattin: „Der freche Mensch wollte also seine Miete nicht bezahlen?" — Gatte (Hauswirt): „So wörtlich hat er das nicht gesagt, aber er hat es mir zu verstehen gegeben." — Gattin: „Wodurch denn?" — Gatte: „Er schmiß mich die Treppe hinunter." Autoritätsglaube. „Was hat Gott am sechsten Tage erschaffen?" — (Alles schweigt.) — „Nun, was ist das vornehmste Geschöpf?" —■ Der kleine Fritz (aufspringend): „Den Herrn Bnrger- meester!" Magisches Zahlen-Quadrat. Nachdruck verboten. In die Felder nebenstehenden Quadrates sollen die Ziffern 6 12 24 38 viermal derart eingetragen werden, daß die Suinine der Zahlen in jeder der senkrechten, wagerechten und Diagonalreihen stets 80 ergibt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Kapselrätsels in voriger Nummer: Ehrlich währt am längsten. Rebatties: L. Burkhardt. — «ruck nutz Strlag der Brützl'schen Urrtversttüts-Buch- und Sttinbrnderei (Pietsch erben) in Gießen.