(Nachdruck verboten.) Die Irre von Sankt Rochus. Kriminalroman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Allram blickte gleichmütig aus dem Buch auf und frug in nachlässigem Tone: „Seit wann sind Sie mit Ihrem jetzigen Gatten verheiratet?" Die Gefragte schien sich erst zu besinnen. „Seit sechs Wochen", gab sie zur Antwort. ' „Können Sie mir den Trauungstag genau angeben?" „Ist das wesentliche?" „Nein, aber es könnte nützlich werden, wenn ich den Tag genau wüßte". Sie schien zu rechnen. „Am 10. Juni", war die Antwort. Der Detektiv warf wieder einen flüchtigen Blick in das Buch. Wie der Steckbrief besagte, war Sexauer seit dem 14. Juni flüchtig. Er hatte sich! also am 10. Juni, dem angeblichen Tage der Trauung, noch in UntersuchMgs- haft befunden. „Ich besitze die Photographie eines verdächtigen Mannes", sagte Allram, „dem in Gang und fehlerhafter Aussprache genau die Gebrechen Ihres Gatten anhaften". „Wie heißt dieser Mann", frug die Dame etwas unsicher. „Seinen Namen kenne ich nicht", antwortete Allram. „Ist das Ihr Gatte?" Mit rascher Hand hatte er aus dem Buche eine dem Steckbriefe beigefügte Photographie in Visitenkartenformat losgelöst und hielt sie der Dame plötzlich, hin. „Er ist es", sagte sie, das Bild flüchtig betrachtend, aber es lag etwas Unschlüssiges in ihrer Antwort, nichts nichts von der Hast einer Ueberraschung, die doch bei dieser Gelegenheit sehr natürlich gewesen wäre. Allram fand, daß die Sache sehr interessant wurde. Die Dame wollte also mit dem Bankerotteur Sexauer an einem Tage, wo dieser sich' hinter Schloß und Riegel befunden hatte, getraut worden sein. Schon stand der Detektiv im Begriff, sie nach dem Namen ihres Gemahls zu fragen, aber leicht hätte sie merken können, daß er ihr Faustncke lege. Kl i k- n lil] jkPÄiJpl aß flieh'n, was sich nicht halten laßt, Den leichten Schmetterling laß schweben, Und halte nur dich selber fest: Du hältst das Schicksal und das Leben. E. M. Arndt. Daher lehnte er sich! gemächlich in seinem Stuhle zurück und sagte im Tone harmlosester Neugier: „Ich will Ihnen offen gestehen, daß ich, glaubte, ein Mann, dem eine reiche und noch dazu sehr hübsche Frau (er begleitete dieses Lob mit einem Blicke großen Wohlgefallens) Herz und Hand schenkt, ein solcher Mann, glaubte ich, müsse mindestens durch eine glänzende äußere Erscheinung für sich eingenommen haben. Diese Photographie stellt aber eine nichts weniger als anziehende Persönlichkeit dar, ganz abgesehen von jenen beiden Gebrechen, welche das Bild verschweigt. Schreiben! Sie es auf Rechnung meiner Teilnahme für eine schmählich betrogene Frau, wenn ich den mir unerklärlichen Grund wissen möchte, der Sie zu dieser Heirat bewegen konnte". Die Dame schien um eine Antwort verlegen. Mit dem gespannten Lächeln, welches stets ein schlaus Spiel um ihren Mund hervorrief, blickte sie im Zimmer umher, als sammle sie auf den verschiedenen Gegenständen desselben ihre Gedanken. „Ich will offen sein", unterbrach sie endlich das Schweigen. „Eitle Titelsucht war es, die mich zu diesem Schritte verlockte". „Ihr Gatte trägt also einen Titel?" bemerkte Allram fast humoristisch. „Als ich mich als reiche unabhängige Witwe sah, erwachte der Ehrgeiz in mir. Ich wollte durchaus einen vornehmen Namen tragen. Wie man durch Geld zu einem solchen leicht gelangen könne, hatte ich oft genug in den Zeitungen gelesen. Es fand sich ein total heruntergekommener Baron, der bereit war, sich' gegen eine entsprechens hohe Summe mit mir trauen zu lassen, ohne auf eine wirkliche Ehe mit mir Anspruch' zu machen. Es wurde vereinbart, daß er bald nach der Eheschließung die bedungene Summe von mir erhalten und sich dann aus dem Staube machen sollte, um mir Veranlassung zu geben, wegen böswilligen Verlassens die Scheidung zu beantragen. Er ist denn auch seiner Verpflichtung nachgekommen, hat sich jedoch mit der empfangenen Geldsumme nicht begnügt, sondern hat mir eine weitere Summe entwendet und den Smaragdschmuck dazu". „Irre ich nicht, Frau Baronin, so haben Sie von einem Rubinschmuck gesprochen", warf der Detektiv ein. Die Frau Baronin biß sich' bei dieser Berichtigung auf die Lippen. „Ganz recht, ein Rubinschmuck war es", nickte sie. „Da haben Sie die Geschichte meiner Heirat und zugleich den Grund, weshalb ich mit der Verfolgung des diebischen Ehegatten nicht eine öffentliche Behörde betrauen möchte, sondern mich an Sie wende". „Nun, ich stehe Ihnen zu Diensten und das gleich heute", sagte Allram entschlossen. „Es fragt sich nur, ob sich der Herr Baron noch in seinem bisherigen Versteck aufhält". 386 „Erst gestern Nacht hat ihn der Fährmann noch unter den Linden des Gartens promenieren sehen", antwortete die Baronin, welcher die Freude über die erhaltene Zusage eine fliegende Röte über das Gesicht trieb. „Der Fährmann; — sagten Sie nicht, er sei dem Trünke ergeben?" siel dem Detektiv ein. „Allerdings, doch darf man seiner Aussage trotzdem Glauben schenken", entgegnete die Baronin, die nicht im geringsten ahnte, welcher geheime Gedanke dem Detektiv diese Frage eingegeben hatte. „Wo ist der Ort, an welchem Ihr Gatte sich verborgen hält?" „Ganz in der Nähe des Städtchens Wörb, einer kleinen Eisenbahnstation, die von hier aus in wenigen Stunden zu erreichen ist". „Ich kenne das Städtchen", nickte Allram. „Das Gut heißt der Lindenhof und liegt, wie ich schon sagte, mit der Gartenseite ünmittelbar am Flusse". „Und dort soll ich vermutlich heute nacht ihren Gatten aufsuchen, während er im Garten promeniert, und ihm den Schmuck abfordern, wenn er ihn noch hat". „Ohne Zweifel besitzt er ihn noch, denn er will damit eine Pression auf mich ausüben, mir das wertvolle Familienandenken durch neue Opfer zu erkaufen. Wie man mit einem solchen Wichte reden muß, das wissen Sie als gewiegter Kriminalist am besten. Und wenn er merkt, wen er vor sich hat, so wird er sich leicht einschüchteru lassen; denn er ist feig, und wird zufrieden sein, wenn ihm nicht auch die gestohlene Geldsumme abverlangt wird. Um sieben Uhr abends geht von hier der letzte Zug ab, der in Wörb hält. Sie kommen dort gegen elf Uhr (an und begeben sich nach dem nahen Flußufer. Auf einen Pfiff oder einen Ruf wird Sie der Fährmann abholen. Am Fährhause werden Sie mich und den Besitzer der nahen Sägemühle finden. Er ist ein alter Bekannter von mir und wird uns begleiten. Das Fährboot bringt uns unmittelbar an den Gartenzaun, der eine große Lücke hat, sodaß man leicht hineingelangt. Der Mond geht ja bereitst vor zehn Uhr unter; wir werden also unbemerkt am Garten landen können". „Ist der trunksüchtige Fährmann ebenfalls ins Vertrauen gezogen?" „Gott bewahre! Aber er steht in Diensten des Sägemüllers, da die Fähre zur Mühlengerechtigkeit gehört". „Ist das alles, was ich wissen muß?" 'frug Allram, da die Baronin schwieg. „Ich wüßte nichts hinzuzufügen. Alles andere bleibt Ihnen überlassen". Gut. Zählen Sie auf mich, Frau Baronin". „Darf ich für Ihre Bemühungen eine Summe im Voraus erlegen?" sagte sie, ihm einen schon bereit gehaltenen Tausendmarkschein hinreichend. Allram schob die Banknote wieder zurück. „Sie überschätzen den Wert meiner Mitwirkung; das beste daran ist ohnehin Ihr eigenes Verdienst. Erst wollen wir den Erfolg abwarten. Heute Nacht elf Uhr finden Sie mich am Fährhause". Die Baronin dankte dem Detektiv für seine Bereitwilligkeit und empfahl sich. Ein Blitz des Triumphs leuchtete aus ihren Augen aus, als sie die Thüre hinter sich geschlossen hatte. ; Einige Tage vor diesem Besuch hatte Allram einen Brief von Doktor Gerth erhalten. „Alles ist aus und vorbei", schrieb der Irrenarzt. „Alle Ihre Bemühungen und Erfolge sind vergebens gewesen, und mit schwerem Herzen bitte ich Sie, Ihre Thätigkeit in dieser Angelegenheit als abgeschlossen zu betrachten. Eine unübersteigliche Schranke ist es, welche dieses Halt! gebietet. Nicht einmal Andeutungen kann ich Ihnen geben; es handelt sich um die Bewahrung eines Geheimnisses, an dem ich! nicht zum Verräter werden darf. SUrr so viel kann ich Ihnen sagen, daß nicht der geringste Flecken auf der Unglücklichen ruht, welche fich freiwillig eine fast beispiellose Märtyrerschaft auferlegt hat. — Sie ergriff das einzige Mittel, das ihr noch verblieb, um den Knoten zu lösen, der sich so fest tunt dieses arme Opfer unseliger Schicksalsverkettungen geschlungen hat: sie machte einen Fluchtversuch. Nach drei Tagen brachte man sie im jammervollsten Zustande wieder zurück. Dadurch, hat sich ihr Los noch verschlimmert und sie der wemgen Vergünstigungen beraubt, die ich ihr zu erwirken vermochte. — Ich werde bleiben, bis das schwach flackernde Licht, welches mich hier festhält, erlischt, — dann will ich zum Wanderstabe greifen und in die Welt hinausziehen denn in diesen Mauern müßte ich, vor Schwerz vergehen!" Mit fast überströmenden Danksagungen für den Eifer womit Allram sich der Sache des unglücklichen Mädchens gewidmet hatte, schloß der Brief, ohne jeden Hinweis auf den beigefügten Check, dessen stumme Ziffern beredter als alle Worte anssprachen, wie hoch! der junge Arzt die Dienste des Detektivs zu schätzen wußte..... Seit Allram Privatdetektiv geworden, hatte er schon manches Mal dicht vor einem glänzenden Erfolge gestanden, auf den er noch im letzten Augenblicke verzichten mußte, weil Rückfichten, die sich seinen Auftraggebern plötzlich aufzwangen, dazwischen getreten waren. Er wurde bezahlt, ja, und sogar sehr gut bezahlt; am Mammon hing jedoch das Herz dieses vereinsamt dastehenden Mannes nicht. Er besaß vollauf, was er brauchte, und für seine alten Tage war gesorgt; aber es war ihm Bedürfnis, immer auf irgend einer Fährte zu sein; ohne diese Aufregungen erschien ihm das Leben leer, und hierin ähnelte er dem schaffenden Künstler, der sich stets mit Ideen trägt und ohne diesen Nervenreiz nicht leben kann. Die Gläubiger des verschwundenen Bankrotteurs Sexauer hatten den Detektiv wiederholt angegangen, die Verfolgung des Flüchtlings aufzunehmen, zumal sich das Gerücht, er sei in Kairo, hartnäckig aufrecht erhielt, und Allram dafür berühmt war, schon manchen Verbrecher aus einem sicheren Asyle herausgelockt zu haben. So beschloß er denn, jener an ihn ergangenen Aufforderung nachzukommen, nachdem seine Thätigkeit für die Irre von Sankt Rochus einen so unerwarteten Abschluß gefunden hatte, und traf seine Vorbereitungen zur Reise nach der Hauptstadt Aegyptens, wie der vollgepackte große Reisekorb bewies. . . . Als ihn die Baronin verlassen hatte, erschien Frau Schubert wieder mit Ausklopfer und Teppichen. „Nun will ich die Droschke bestellen", bemerkte sie, als die Teppiche ihre Plätze wieder erhalten hatten; „auf morgen früh vier Uhr, sagten Sie, nicht wahr?" Der Detektiv räusperte sich verlegen. „Lassen Sie's vorläufig noä)> sein, Frau Schubert. Es ist möglich, daß ich! nicht reise". „Was sagte ich?!" frohlockte die Alte. „Sagte ich nicht. Sie hätten's benießt? Nun lachen Sie mich nur nicht mehr aus, Herr Allram, weil ich an Vorzeichen glaube. Das Beniesen ist ein Prophet, der niemals trügt, — mit oder ohne Seife in der Nase!" (Fortsetzung folgt.) Von Tientsin nach Peking. Reiseerinnerung von Marinepfarrer a. D. P. G. Heims. Nachdruck verboten. „Das Blutbad von Tientsin!" Das ist die fürchterliche Erinnerung an das Jahr 1870, dem hoffentlich das Jahr 1900 nicht mit gleich, schrecklicher Erinnerung an die Seite tritt. Menn der Chinese losgelassen wird, dann wird er zur blutgierigen, lüsternen Bestie. Damals erwachte, lang im geheimen geschürt, der Fanatismus der Chinesen gegen die sieben barmherzigen Schwestern, die sich der Erziehung chinesischer Waisenkinder widmeten. Es waren über ihr Thun die unglaublichsten Lügen verbreitet worden. So auch, daß sieden gestorbenen, d. h. natürlich von ihnen gemordeten Kindern, die Augen ausgerissen hätten. In solchen Zeiten ist ja jede Lüge gut. Dazu kam die Erbitterung darüber, daß thörichter Weise die Kathedrale mit ihrem ragenden Turm auf dem Platze eines früheren kaiserlichen Palastes erbaut war. Da gerade keine Kriegsschiffe im Hafen lagen, stiirmte die blutgierige Bande Kirche und Kloster, und als erste Opfer ihrer viehischen Wut fielen die Schwestern in ihre Hände. Am selben Tage wurde der sianzösische Konsul ermordet und das Konsulat zerstört. Frankreich hatte damals die Hände gebunden. Von da an lag nach gemeinsamem Abkommen der Mächte immer wenigstens ein Kriegsschiff im Hafen von Tientsin. 387 Das europäische Settlement, wie es nun einmal heißt, macht, am Hafenkai entlang gelegen, durchaus den Eindruck einer europäischen, wohlhabenden Seestadt. Stattliche Häuser von elegantem Bau, mächtige Warenlager hinter schattigen Baumgängen, die das Ufer freundlich einfassen, und längs der Kaimauer Schiff an Schiff vertäut; der chinesische Passagierdampfer, damals noch friedlich neben dem englischen Kanonenboot und dem deutschen Fracht- schisf, das seine Ladung löscht bis zum letzten Abendstrahl. Das eilige Geklingel, Ufer hinauf und hinab, rührt von den flinken Reiteseln her, deren die Chinesen sich mit Vorliebe bedienen, und ebenso schnell huschen die Lichtlein der „Jourikscha" vorbei, der von einem Mann gezogenen leichten Wäglein, die die Stelle der Droschken vertreten; und auf dem Strom flimmern die Lichte der Dschunken durch Den milden, prächtigen Abend. Ueber den Fluß in seiner hier recht stattlichen Breite führte eine elende holperige Pontonbrücke, über die eine sehr gedrängte, bunte, entschieden aber unreinliche Masse von Fußgängern sich wälzte, untermischt mit Karren, Maultieren und Reitern, die über die schwankenden Bretter der schwimmenden Brücke sich! klemmten. Unser Weg ging von Tientsin nach der Hauptstadt. Drei Beförderungen dahin gießt es: einmal im House- boat, sicher, bequem und maßlos langweilig in vier Tagen; in zwei Tagen zu Lande entweder zu Pferd oder in der Karre. Leider ließ ich! mich zu letzterer bereden. Die Fahrt gehört zu den scheußlichsten Erinnerungen meines Reiselebens. Man denke sich eine große, oben abgerundete Hundehütte, eben für einen großen Leonberger passend, und diese auf zwei große, starke Räder ohne irgend welche Federung gestellt. Vor diese Hütte sind zwei Maultiere gespannt, ein stärkeres, das in der Gabel geht, und ein schwächeres, das mit langen Strängen an die Achse; gespannt ist. Vorn auf dem Wagen sitzt mit herabhängenden Beinen der Kutscher, möglichst lumpig in blauen Drillich gekleidet, ein Tuch um den Kopf, und für den Fall eintretender Kälte oder nässenden Regens!init einem wattierten blauen Schlafrock versehen, dem die Eingeweide überall heraushängen. Aber hinein in die Karre. Rund 120 Kilometer liegen vor uns! Und nun gehts los. Ohne Wechsel krachte das eine oder andere Rad in einen Abgrund des Geleises; jetzt an einem' stinkenden, grau überlaufenen Kanal entlang mit abbröckelndem Ufer, nun über jene greuliche Pontonbrücke — und nun war das freie Land erreicht, die „Straße nach Peking!" Aber es giebt solche Straßen gar nicht. Nur ein verworrenes Netz von Steinwegen und Heidespuren, aus denen die Fahrt zu einem wüsten Kampf ums Dasein wird, das nur dadurch! halb erträglich wurde, daß man in liegend sitzender Stellung ohne Stütze für die Füße mit dem Ellenbogen sich gegen die Seitenwände der Hundehütte abstemmte, während man mit den Handgelenken nach unten federte. So wurden die Stöße einigermaßen pariert, ohne daß es zu vermeiden war, daß man gelegentliche mit dem Kopf rechts und links anschlug, sodaß einem Hören und Sehen ver- war im Oktober, und der Fluß war erst vor kurzem ausgetreten gewesen; stellenweis war der Weg darum noch derartig überschwemmt, daß die Räder oft bis an die Achse int Wasser fuhren, und einmal blieb meine Karre in solchem Sumpf so stecken, daß das arme Stangenmaultier siche verzweifelnd im tiefen Morast niederlegte, und es gehörte schon die bestialische Grausamkeit eines Chinesen dazu, um es wieder auf die Beine zu bringen. Gelegentlich ging's einen Abhang hinauf, wo der Weg unmögliche wurde, und oben auf dem Acker weiter gewühlt, um nach einer Weile mit Wucht in das Moor der Straße zurück zu poltern. So kamen wir in das, auf halbem Wege gelegene Nachtquartier von Hotschiure, und gern hätten wir's Den Maultieren nachgemacht, die nach altem Brauch, kaum der Deichsel und Stränge entledigt, sich nach Herzenslust! auf dem Hofraum wälzten, alle Viere nach! oben. Zwei Stunden nach Mitternacht ging's wieder hinein in den Marterkasten. Die Gegend flach, langweilig, abgeerntet, reizlos. Mer es kam noch besser, wie am ersten Tage. In Scha-wei-schau hatten wir nach neunstündiger GeMHinnütziges. Künstliche Roheisbereitung im Hause Es wird jeder Hausfrau angenehm sein, zu erfahren, aus welches Weise sie schnell etwas künstliches Eis erhalt. Hier Fahrt kurze Rast gemacht. Als wir dort durch des Thores Bogen hinauszogen, sauste die Karre ohne jede Porberei- tung zunächst in einen mit Entengrütze bewachsenen, grünen Teich, der offiziell trotz seines gräßlichen Geruches zum Wege nach Peking gehören mußte, denn es ging nur durch ihn, nicht um ihn herum, von der Höhe eines Abhangs mit aller Wucht hinunter. Das faulige Jauchenwasser ging bis unter den Boden des Wagens und spritzte über dem Dach! zusammen, und die Frösche sprangen ans Ufer und sahen uns vorwurfsvoll nach;, den „roten Teufeln", die ihre Ruhe gestört hatten. Aber bis Sonnenuntergang mußten die drei Karren innerhalb der Thore von Peking sein, die erbarmungslos mit dem sinkenden Tageslicht geschlossen werden. Darum: vorwärts! Aber wie wir auch weiter kamen: nichts deutete die Nähe der Hauptstadt an. Es begegneten uns nicht mehr Karren als bisher, keinen Wanderer sah man die Straße ziehen; am Horizont keine Ahnung von hohen Tempeln oder ragenden Zinnen; die Straße war breiter geworden und deutlicher, aber nicht besser, bald rechter, bald linker Hand bog die hohle Gasse ein; plötzlich jetzt eine Wendung gegen Westen, und da lag wie durch einen Zauberschlag aus der Erde gestampft die Riesenmauer der Hauptstadt vor uns, und wir fuhren an ihr entlang, durch einen breiten, zähen Sumpf, vom dunklen, fünfzig Fuß hohen Steinwall der Mauer nickte gewaltiges Unkraut, das sich zwischen den Zinnen hindurchdrängte. Da mit einem Mal tauchte das Südthor von Peking auf, überbaut mit einem mächs- tigen viereckigen, dreistöckigen, geweißten Wachtturm mit ausgefchwungenem Dach, und aus des Thores tiefem, dunklen Schlunde kam im letzten goldenen Abendlicht eine lange Reihe gewaltiger, gelber Dromedare hervor, dreizehn an der Zahl, die ernsthaft hinter einander herschritten. Jetzt fuhren wir mit einer letzten Anstrengung der müden Tiere aus den einst gewiß großartigen, jetzt tief klaffenden Quaderdamm hinauf, der ins Thor hmein- sührte, dessen schwere, eiserne, mit dicken Buckeln versehene Thorflügel doch noch offen standen. Aber jetzt war's nicht mehr zum Aushalten, dies Stürzen von den Granitquadern in den tiefen, schwarzen Morast zwischen denselben; und dann wieder hinauf; Da sprang ich- hinaus und bin auch! nicht wieder hineingekrochen. c Da waren wir nun in der „Hauptstadt des himmlischen Reiches". Und überraschend war es, was uns umgab. So viel Schmutz und Verfall konnte keiner erwarten! Durch die Chinesenstadt ging es nach Passierung noch eines dunklen Thores und einer Mauer in die Mandschustadt. Ueberall dasselbe volkreiche Leben im bunten Gedränge; derselbe massenhafte Unrat in den breiten Straßen; hier und dort zwischen armseligen Gebäuden ein reich vergoldetes und mit buntem Schnitzwerk geschmücktes; aber wohin in dem kolossalen Wirrwarr? Der „Mafu" versteht ietne Silbe englisch; und die beiden anderen Karren sind weit voraus — ein Oberstabsarzt und ein Auditeur hocken in ihnen; die berühmte Fahri der drei Fakultäten in Ostasien —"? Da kommt zum guten Glück ein europäisches, elegantes Einspännerfuhrwerk mir entgegen. Der Lenker desselben, der französischen Gesandtschaft angehörig, bietet mir liebenswürdig.einen Sitz an und' fährt mich vor die „deutsche Gesandtschaft". Die Thore des stattlichen Hauses offnen sich!, in deutschen Lauten trifft es unser Ohr, deutscher Handschlag bietet den Willkomm, und über uns rauscht grüßend die Flagge des deutschen Reiches! Nun ist das alles wohl in Trümmer und Asche gesunken und das Dach in Flammen zusammengestürzt, unter dem wir so gute, heimatliche Stunden verlebten und unter dem Herr v. Brandt so ritterlich die Gäste bewirtete. Alles, alles dahin! m , ... Aber ich gönne es den Chinesen, daß die Rache über sie kommt wie ein gewappneter Mann und furchtbar die Faust auf sie nieder fällt. 388 das Rezept: Man nehme einen irdenen Topf, gieße 100 Gramm Schwefelsäure und 50 Gramm Wasser hinein und füge sodann 30 Gramm schwefelsaure Soda hinzu. In diese Mischung, die natürlich auch in größerer Menge hergestellt werden kann, stelle man ein kleineres Gefäß, welches das zum Gefrieren zu bringende Wasser enthält, decke es zu und drehe das Ganze leicht hin und her, damit die Kältemischung in Bewegung bleibt. In wenigen Minuten wird das Wasser in dem kleinen Gesäß zu Eis geworden sein. Dieselbe Lösung läßt sich! mehreremale verwenden. Ein einfach es und billiges Mittel gegen Wanzen ist Ammoniak. Es wirkt sicherer als alle Tinkturen, welche zum Anstreichen der Möbel usw. bestimmt sind, weil das Gas leicht in die feinsten Spalten eindringt. Man stellt in einem infizierten Zimmer mehrere flache Tassenschälchen mit etwas Salmiafgeist, welcher Ammoniak enthält, hier und da auf, worauf man durch Oeffnen von Fenstern und Thüren für Wiederherstellung reiner Luft sorgt. Wenn der Verdacht auf Wanzen begründet war, d. h. wenn wirklich! welche da waren, so wird man wohl zwar tote, aber keine lebenden mehr finden. Sind mehrere Zimmer infiziert, so setzt man dort das Verfahren fort. Verfahren, um Ledersohlen undurH - dringlich zu machen. Man thut in einen glasierten Topf einen genügenden Teil guten Theer und etwas in dünne Streifen geschnittenes Gummi Elastikum, welches man vorher in Dämpfen von kochendem Wasser aufgeweicht hat. 9hin setzt man den Topf an ein gelindes Feuer und rührt mit einem hölzernen Löffel diese Mischung um, wobei man das Ueberlaufen des Theers zu verhindern suchen muß. Sobald das Gummi vollständig aufgelöst ist, trägt man mittels eines Pinsels die Masse auf die Sohlen auf, bis die Schicht die Stärke einer dünnen Pappe erreicht hat. Kesundyeitspffege. Etwasüber den GenußderMilch«. Viele Personen leben in der Einbildung, daß sie die Milch! nicht vertragen können, da der Magen sie nicht verdaue! Dem ist aber nicht so; denn die Milch ist und bleibt ja doch ein Universalmittel für Groß und Klein, indem der schwächste Magen die Milch! verdaut. Nur soll sowohl dem gesunden, als auch dem schwachen Magen die Arbeit des Verdauens der Milch nicht unnötig erschwert werden dadurch, daß man dieselbe so rasch als möglich und in großen Zügen hinunterstürzt. Die Milch enthält wicht allein Zucker, Butter und Albumin, sondern auch das sogenannte Casein. Dieses Casein gerinnt, wenn die Milch mit einer Säure vermengt wird, was auch der Fall ist, wenst sie in den Magen gelangt. Daher ist es begreiflich, daß, wenn man dem Magen die Milche in großen Portionen zuführt, dieselbe nicht genügend von dem säuern Magensaft durchdrungen werden kann. Das Gerinnen vollzieht sich alsdann in großen, käsartigen Klumpen, die nur langsam aufgelöst werden, und dem Magen eine zu große Leistung zumuten. Umgekehrt wird der Magen in seiner Arbeit unterstützt, wenn wir die Milch so genießen, daß ihr Gerinnen im Magen in ganz kleinen Portionen vor sich! geht. Am sichersten wird dies dadurch erreicht, daß man die Milch in kleinen Zügen, oder mit Brot genießt. Auch Kinder darf man die Milch! nicht hastig trinken lassen, sondern langsam und in möglichst kleinen Zügen. Die Kinder lieben den Kaffee sehr, und muß sich! die sorgsame Mutter in erster Linie fragen, ob sie dieser Neigung genügen darf. In den meisten Familien erhalten die Kinder im allgemeinen zu viel Kaffee. In kleiner Menge mit Wasser gemischt, ist er von heilsamer Wirkung und stärkt; besonders ist er für lymphatische (weißblütige) Kinder zu empfehlen; keinesfalls dürfen sie ihn aber abends bekommen, namentlich«, wenn sie nervös sind; denn der nächtliche Schlaf muß wohl in Erwägung gezogen werden, er ist ebenso notwendig wie eine gute Nahrung. Isür die Küche. Schoten-Extrakt als Suppenwürze. Wenn die Hausfrauen die Schoten enthülsen und die Schalen fortwerfen, so berauben sie sich einer billigen und nahrhaften Suppenwürze für die Zeit, wo es an frischem Gemüse mangelt. Wenn man nämlich die Schalen mit Wasser, dem ein wenig kohlensaures Natron zügesetzt wird, gehörig auskocht, die Abkochung durch ein Tuch seihet und mit einem Zusatz von etwas Zucker ganz dick einkocht, so erhält man einen Extrakt, der sich; lange ohne zu schimmeln hält; ein Theelöffel dieses Extraktes auf einen Teller Fleischbrühe verleiht letzterem ganz den Geschmack von frischen Schoten. Lttterarisches. Die deutschen Volks st ämme und Landschaften. Von Prof. Dr. O. Weise in Eisenberg. Mit zahlreichen Abbildungen. Geh. Mk. —.90, geschmackvoll geb. Mk. 1.15. Seitdem die deutschen Stämme und Gaue geeint sind, nach! außen zur Wehr, im Inneren zur Arbeit, gießt man sich wieder mehr und mehr auch, der liebevollen Pflege der Besonderheiten eines jeden Gaues und eines jeden Stammes hin. Man wird sich immer mehr bewußt, welch!er hohe Wert in ihnen liegt der gleichmachenden modernen Kultur gegenüber. Das Verständnis für die Eigenart der deutschen Stämme und Landschaften zu fördern oder zu wecken sucht das vorliegende Buchs Es schildert die «charakteristischen Eigentümlichkeiten der Landschaft, ihre Beziehungen zu den Nachsbarlandsch asten, den Einfluß der Gegend auf das Temperament und die geistige Anlage der Menschen, die Leistungen hervorragender Männer auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft, des Gewerbes und der Industrie; Sitten und Gebräuche, Sagen und Märchen, Besonderheiten in der Sprache und Hauseinrichtung, in der politischen Haltung und dichterischen Beanlagung u. a. m. Der Inhalt ist zu reich, als daß er aus diesem Raume erschöpft werden könnte, wie das Gebotene stets anregend und interessant ist. Eine gute Auswahl von Städtebildern, Landschaften und Bauten wie volkstümlichen Kunstwerken schmückt das Buch!, das jedem Freunde deutschen Wesens und deutscher Eigenart in Nord und Süd, Ost und West hochwillkommen sein wird. Der Jugend muß die Kindheit erhalten werden! Das ist eine natürliche und doch so wenig erfüllbare Forderung! Da darf >man wohl ein Blatt, welchxs sich den ersteren Satz zu eigen gemacht hat, mit Freuden begrüßen, nämlich« die prächtige, in ihrer Eigenart einzige, reich« illustrierte „Kind er gar der ob e", Verlag John Henry Schwerin, Berlin. Wie ist in seiner Beilage: „Im Reiche der Kinder", in seinen Unterhaltungs- und Beschäf- itgungsspielen, in seinen prächtigen Modengenrebildern doch das Kinderleben so richtig erfaßt und wiedergegeben — ein Kinderblatt für Kinder! Und nun den eminenten praktischen Nutzen, die Mutter und Kinderfreundin von den vielen Modenbildern, dem Schnittmusterbogen und den extra (gegen 35 Pfg. pro Schnitt, den eigenen Selbstkosten) gelieferten Schnitten genau nach angegebenem Körpermaß hat ! Auch« die häuslichen und ärztlichen Winke werden allen hoch willkommen sein. „Kindergarderobe", mit den Beilagen „Für die Jugend" und „Im Reiche der Kinder" — Abonnement nur 60 Pfg. pro Quartal — ist zu beziehen von allen Buchhandlungen und Postanstalten. Gratis-Probenummern durch« erstere und den Verlag John Henry Schwerin, Berlin W. 35, Steglitzerstr. 11. Citatenrätsel. (Nachdruck verboten.) Aus jedem der folgenden Citate ist ein Wort zu nehmen, sodaß sich ein neues Citat ergiebt. 1. Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt. 2. Des Menschen Engel ist die Zeit. 3. Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten. 4. Gebraucht die Zeit, sie geht so schnell von hinnen.^ 5. Was seh' ich dort? Ganz anders als . . . 6. Allwissend bin ich nicht, doch viel ist mir bewußt. 7. Du trägst den Cäsar und sein Glück. 8. Wir bleiben die Alten! 9. Anklagen ist mein Amt und meine Sendung: Es ist mein Herz, das gern beim Lob verweilt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Tinte — Tante. Rekattten: ®. «urkbardt. — Druck unk «erlag der Br üb!'scheu Unt»ersttSl«.Buch- und «teinkruckerci (Pietsch erben) in Meine.