Lormtag den 14 Januar. H ffl i9oo. Vi i: 5g|» 3®®er m’t Siebe dich warnt, Mil Achtung dich tadelt, X#8r Sei Freund dir! Lavater. Nachdruck verboten. Heimatlos. Roman von P. R o e. (Fortsetzung.) X. Eine Begegnung. Robert saß auf der geräumigen Terrasse des großen Hotels und blickte durch die großen, offenen Fenster in den langen Speisesaal hinein, um die Welt zu beobachten, zu welcher, wie er fühlte, Mildred gehörte. Mit gespanntem Interesse betrachtete er die Gruppen an den Kartentischen, die nickenden Köpfe schwatzhafter, alter Damen, die jungen Fräulein und Herren, welche schwatzend und scherzend auf die Terrasse herauskamen und dann wieder in den Tanzsaal zurückkehrten, wo ein kleines Orchester den neuesten Walzer spielte. An mehr als einem der Tänzer bemerkte er eine gewisse linkische Ländlichkeit, welche ihm wohl bekannt war. Den jungen Fremden, welchem Howell so abstoßend begegnet war, suchte er längere Zeit vergebens auf der Terrasse und in den Billard- und Lesezimmern. Endlich kehrte er enttäuscht zu seinem Sitz zurück, von dem aus er den Saal überblicken konnte. Kaum hatte er sich niedergelassen, als der junge Mann, den er suchte, die Treppe hcraufstieg, eine Zigarre wegwarf und langsam durch eine Glasthür in den Saal not. Er durchschritt denselben so unbefangen, als ob er leer sei, und setzte sich auf ein Sofa neben eine ziemlich starke und sehr elegant gekleidete Dame. Ohne sich Rechenschaft über seine Gefühle zu geben, folgte Robert nur seinem Drang, zu erfahren, durch welche Macht dieser junge Mann die Gunst der einen gewonnen hatte, die für ihn so unnahbar war. Mit scharfem Blick musterte er sein Aeußeres und sein Wesen und suchte seinen Charakter zu erforschen. Bald sah er, daß der junge Mann, von dem Howell in so harten Worten gesprochen hatte, ganz das Gegenteil seiner eigenen Natur war. Seine langsamen Schritte und eine gewisse, ungezwungene Würde ließen darauf schließen, daß ihm jeder Zweck fehlte, irgend wohin zu gehen oder irgend etwas zu thun. Die Dame an seiner Seite sprach ziemlich entschieden mit ihm und er gab kurze Antworten, ohne sie anzusehen. Dann sprach sie noch energischer, worauf er sich langsam erhob, sich einer jungen Dame näherte, welche nach einigen Worten von ihm rasch aufsprang und mit ihm durch den Saal tanzte. Nach einigen Augenblicken kamen sie bet Robert vorüber, und er konnte die Miene des Tänzers genau beobachten. Aber er war erstaunt und entwaffnet, denn der Fremde zeigte keine Spur von Vergnügen oder Aufregung. Er tanzte sehr leicht und streng im Takt, aber sein Gesicht war farblos und sein Ausdruck nicht blasiert, aber müde und melancholisch. Dann verließ er mit einer leichten Verbeugung den Saal. Die beiden Damen sprachen einige Zett miteinander und schienen verdrießlich zu sein. Rodert fand eine solche Aehnlichkeit zwischen ihnen, daß er sie für Mutter und Tochter hielt. Robert hatte genug gesehen. Es ist nicht viel an ihm zu hassen, dachte er. Er ist nur der Schatten eines Menschen. Ich hätte nie glauben können, daß sie an ihn denkt! Es ist unerklärlich, wenn er nicht etwa mit besonderen GeisteSgaben ausgestattet ist. Robert fuhr in unbehaglicher Stimmung nach Hause. Er hat sie nicht vergessen, wenn er sie wirklich wegen ihrer Armut aufgegeben hat, dachte er. Er hat ebenso gut, wie ich, gesehen, daß keine einzige von allen, die zugegen waren, sich mit ihr vergleichen kann, aber da sitzt er und grämt sich, anstatt einen Versuch zu machen, um sie zu gewinnen. Wenn er tanzen kann, warum kann er nicht auch etwas anderes unternehmen? Ich danke dem Himmel, daß ich Kraft und Willen habe. Ich werde öfters hierherkommen, um Manieren zu studieren, ich glaube an die Kraft! Die Kraft bewegt die Welt und führt einen Menschen zum Erfolg! Aber ich sehe, es muß eine Kraft vereint mit guter Laune und guten Manieren sein. Sie hält mich für rauh und ungeschickt, aber die Zeit wird kommen, wo ich keinen Vergleich mehr zu fürchten habe! Obgleich es schon spät war, als er nach Hause kam, erwarteten ihn doch Frau Howell und Mildred. „Ich habe mich einen Augenblick im Hotel aufgchalten, erwiderte er/' „Haben Sie eine Botschaft von meinem Mann?" fragte Frau Howell hastig. „Er trug mir auf, Ihnen zu sagen, daß ich ihn gesund und wohl verlaffen habe." „Schien er auch wohl zu sein, als Sie ihn verließen?§ fragte sie. 2L „Ebenso wohl, wie gestern, glaube ich, erwiderte Robert." Die nächsten Tage der Erwartung und Ungewißheit waren für Frau Howell und Mildred peinlicher als je. Mit jedem Pofttag erwarteten sie eine bestimmte Nachricht, aber immer vergebens. Endlich schrieb Mildred an ihren Vater, sie werde selbst kommen, wenn er nicht irgend etwas finden könne. Am Morgen nach der Absendung dieses Briefes nahm Mildred ihre Arbeit hinaus vor das Haus und setzte fich in der Nähe der stillen Landstraße. Fred und Mtnnie waren bet ihr und spielten. Bon dem Plätzchen auS konnte fie Robert und andere Leute da und dort an der Arbeit sehen und beneidete sie um ihre bestimmte und gut belohnte Arbeit und um ihr einfaches, aber gesichertes Leben, während sie einer Welt voll Ungewißheit entgegenging. In letzter Zeil war Robert zurückhaltender gewesen, was sie mit Wohlgefallen wahrnahm, und er glaubte zu bemerken, daß fie in letzter Zeit weniger unnahbar geworden sei. Ein oder zwei Mal hatte fie thn für eine kleine Gefälligkeit mit einem Lächeln belohnt. Rach einer kleinen Pause vernahm Robert Hufschläge auf der Straße, er fuhr auf und erblickte den Fremden, welcher vorüber ritt. Er schien in Gedanken zu sein und bemerkte Robert nicht. Plötzlich hörte er einen Ausruf und erhob den Kopf. Einen Augenblick darauf sprang er vom Pferde, warf die Zügel über einen Baumast und ergriff Mildreds Hand mit einer Lebhaftigkeit, welche in der That bewies, daß fie die Macht hatte, ihn aufzuwecken. Robert war zu entfernt, um zu sehen, wie sie den unerwarteten Freund früherer Tage begrüßte. Er sah, wie er ihre Hand in seinen beiden Händen hielt und lebhaft sprach. Das Pferd wurde unruhig, riß seine Zügel los und gallopierte die Straße entlang auf Robert zu, welcher nach kurzem Zögern über die kleine Steinmauer sprang und sich auf die Straße stellte, um das Pferd zu erwarten. Das boshafte Tier schien Robert schon so nahe zu sein, daß Mildred leicht aufschrie, aber einen Augenblick darauf sah sie, wie er rasch zur Seite sprang, einen der Zügel erfaßte und sich einige Schritte wett mitschleppen ließ, worauf das Pferd sich fügte. Eine Staubwolke verhüllte die Gruppe. Dann sprang der ländliche Athlet leicht in den Sattel und trabte rasch auf fie zu. Sie war erbost auf sich selbst darüber, daß ihr Gesicht so tief errötete unter seinem kurzen Blick, aber ohne ein Wort zu sagen, sprang er leicht herab und befestigte daS Pferd an einen Baum. Beim ZeuS I Das war gut gemacht! ries Arnold. „Nehmen Sie diese Banknote für Ihre Mühe!" „Daß ich Ihr Pferd gefangen habe, beweist noch nicht, daß ich ein Hausknecht sei! erwiderte Robert hochmütig." Arnold erkannte jetzt den jungen Mann, den er in Gesellschaft des alten Howell und später nochmals im Hotel gesehen hatte. Er hatte seinen Namen erfahren. „O, entschuldigen Sie, Mister Atword —! Aber ehe er weiter sprechen konnte, kam ein bedeckter Wagen rasch den Hügel herab, bog auf die Straße ein und verschwand im Schatten des Gebüsches. Arnold war bleich geworden, und Robert erkannte in dem Wagen die Dame, die er im Hotel gesehen hatte, und die, wie er erfahren hatte, die Mutter des widerwilligen Tänzers war. Ein flüchtiger Blick bewi.'s ihm, daß Mildred sie auch kannte. Die Dame befahl mit scharfer Stimme dem Kutscher, anzuhalten und nach einem kühlen Blick in Mildreds errötendes Gesicht sagte sie: „Arnold, sei so gut und begleite mich aus meiner Fahrt!" „Ich werde gleich kommen!" sagte er unschlüssig. „Dann werde ich warten, bis Du Dein Gespräch beendigt hast, erwiderte sie kühl und lehnte sich im Wagen zurück. Ihr Ton und Benehmen erregten Mildreds Entrüstung. So milde und zurückhaltend sie gewöhnlich war, konnte fie doch, wenn fie gereizt wurde, sehr eutschieden auftreten." „Guten Morgen Frau $mton V* sagte fie mit Würde. Dann ergriff sie die Hand der kleinen Minnie, rief Fred zu sich und schritt dem Hause zu. Aber der einzige Weg zum Hause führte sie an dem Wagen vorüber, und die Art, wie die fremde Dame ihre Gegenwart ignorierte, war so unerträglich, daß sie stehen blieb und ihre zornigen Augen auf das gerötete, stolze Gesicht richtete. „Frau Vtnton, fragte sie, was habe ich Ihnen zuleide gethan?" Die Dame schwieg etwas verlegen. „Sie wiffen so gut wie ich, fuhr Mildred fort, daß Sie mir keine unwetbliche Handlung vorwerfen können, aber Ihr Blick und Ihr Wesen gegen mich sind unweibltch und un- christlich!" „Sie beleidigen mich in meiner Armut ohne den geringsten Grund!" Dann wollte fie vorübergehen. „Mutter, lasse fie nicht ohne ein Wort der Teilnahme vorübergehen! rief ihr Sohn mit heiserer Stimme." „Fräulein Howell, begann die Dame," „ich wollte Sie nicht beleidigen, aber —" „Aber! rief Arnold zornig. Großer Gott! Er schlug mit der Hand an seine Stirn, schwankte und fiel zur Erde nieder. Im nächsten Augenblick kniete Mildred neben ihm, und Robert sah, daß sie thn von ganzer Seele liebte." „Bringen Sie Wasser und Branntwein, Mama wird Ihnen alles geben! sagte sie zu ihm mit fester Stimme und er machte sich auf den Weg, ihren Wunsch zu erfüllen. Frau Vinton stieg hastig aus und griff nach dem Puls ihres Sohnes." „Es ist nur eine Ohnmacht, sagte sie. Er hat zuweilen solche Anfälle." „Sie sehen, Fräulein Howell, er ist keine Stütze, sondern muß selbst gestützt werden. Ich meine eS so gut mit Ihnen, wie mit ihm! Er wird sich bald wieder erholen, seit seiner Jugend war er oft in diesem Zustand." „Sie werden mich jetzt bester verstehen, da Sie dies wissen) Thomas, rief sie dem Kutscher zu, heben Sie ihn in den Wagen! Glauben Sie mir, mein Fräulein, ich meine es gut mit beiden, aber ich weiß, was recht und was am besten ist!" Der Kutscher hob den Kranken in den Wagen, und dann fuhren sie rasch davon. Mildred ging bleich und mit niedcrgeschiagener Miene nach dem Hause. Bald kam Robert ihr entgegen. Man hat ihn fortgeführt, sagte sie kurz, ohne aufzusehen. „Ich bitte, nehmen Sie sein Pferd in acht und empfangen Sie meinen Dank. Dann eilte fie auf ihr Zimmer und erschien an diesem Tage nicht wieder." ' (Fortsetzung folgt.) Die schwere Frage. Ein Geschichtchen von Luise Glaß. (Nachdruck Verbotes.) Nun war ja Weihnachten vorbei mit all seinem Durcheinander und all seiner Glückseligkeit. Aufatmen hätte man können und sich so recht der Wirtschaft, der Kindererziehung und dem Behagen hingeben. Ja, man hätte können und konnte doch wieder nicht. Statt aufzuatmen, seufzte Frau Anne; der Gast, den sie sich eingeladen hatte, gleich nach dem Fest, beunruhigte sie. Als Gast durchaus nicht, an Gäste war dies stattliche Gutshaus gewöhnt, aber die Frage, die mit diesem Gast in ihr Leben getreten war, die lag schwer auf Frau Annes Herzen. Dies Herz war so weich und warm, irgend etwas mußte es immer für andere schäftern, deshalb sollte auch übermorgen wieder große Bubengesellschaft für 6 Meilen Nachbarschaft sein, und Frau Anne saß eifrig an einem vollbeladenen Tisch und bereitete Lose und Gewinne für die Lotterie vor. Daß Maja dabei teilnahmlos an der Veranda- thür stand und in den Schnee hinausschaute, das war wiedermal „echt". 23 Ach, Frau Anne hatte eine ganze Menge an Maja auszusetzen, obgleich sie ihr Gast und ihre beste Freundin war. Warum ihr Bruder durchaus diese Maja zum Weibe begehrte? — das sagte sich die junge Frau gerade so lange vor, als die Freundin teilnahmlos am Fenster stand. Dabei war's nicht einmal Wahrheit, sondern regelrechter Aerger und Trotz. Wenn Maja sich nichts aus ihrem herrlichen Eberhard machte, dann sollte er doch auch keine Neigung an die stolze Schöne verschwenden! Er aber hatte ihr den heikel» Auftrag zugeteilt, Majas Herz auszuforschen. Maja ausforschen! Zehn — zwanzigmal seit gestern, hatte sie von ihm zu reden begonnen, und jedesmal war sie einer gelassenen Ablehnung begegnet. Ach — so gelassen war nur die Gleichgültigkeit — und/ ihrem Aerger zum Trotz, schlüpfte ihr ein „armer.Eberhard!" über die Lippen. Scheu sah sie zu Maja hinüber. Hatte sie das gehört? Anzumerken war ihr nichts, obgleich Frau Anne das Profil deutlich beobachten konnte. Der arme Eberhard mußte ihr doch wohl gleichgültig sein. — Bor zehn Jahren war es anders gewesen. Damals liebte ihn Maja mit dem ganzen Ueberschwang eines erwachenden Mädchenherzens. Aber damals begehrte Eberhard die andere, die dritte in dem Freundschaftsbund seiner Schwester, und Majas Liebe erlosch. Sie erlosch! Frau Anne mochte sinnen und grübeln, wie sie wollte, kein einziges Lebenszeichen hatte Majas Liebe gegeben, seit er mit seiner Braut vor sie hingetreten war: der Stolz hatte die Liebe getötet. Und als der verwitwete Eberhard sie jüngst unter dem Weihnachtsbaum bat: Forsche Maja aus, ob sie mein Weib werden will, da wurde ihr erst so mit Schrecken bewußt, daß weder in der Brautzeit, noch als sie beide Paten seines Töchterchens geworden waren, noch als die junge Frau starb, Majas Liebe je ein leisestes Lebenszeichen gegeben hatte. Sie blieb immer gleichmäßig, immer gütig; nicht sehr warm, aber immer korrekt — nein, das bringt heimliche Liebe nicht fertig — die thut bald zu viel und bald zu wenig, die wirft sich hin und quält dann wieder in Angst und Unruhe, Pein und Stolz. Eberhard war ein Thor. Heute hatte er ihr gar einen rechten Narrenbrief geschrieben: Du fassest mein Schicksal mit plumpen Händen an, und ich martere mich in Ungewißheit. Ich will selber sehen und reden, und mir mein Glück schmieden! — Jawohl — das war wiedermal diese unverwüstliche Männereitelkeit, die sich einbildete, ein Frauenherz müsse ewig an seiner allerersten Thorheit festhalten, — ob es inzwischen auch verschmäht und mißhandelt worden sei. — Und während Frau Annes Gedanken also aus die beiden schalten, that ihr das Herz um sie weh in Sorge und Hoffnung. „Sie paßten ja ganz wundervoll zusammen!" Maja fühlte endlich den forschenden Blick, und trat ins Zimmer zurück. Um sie nicht entwischen zu lassen, sagte Frau Anne: „Willst Du mir helfen?" Maja griff mit verlegenem Lächeln nach Schere und Papier. „Du weißt, dazu eigne ich mich gar nicht. Kinder und Kinderspiel. —" „Ja, ich weiß!" Frau Anne ärgerte sich schon wieder — wenn man drei Prachtjungen hat, und die Freundin achtet nicht mehr auf sie, als auf die Hühner im Hof, muß sich eine gute Mutter ärgern. „Ich weiß, Du machst Dir nichts aus Kindern." „Ich verstehe sie nicht glücklich zu machen." „Das ist Ausrede, das sagt mein Bruder gerade auch von sich, und seine kleine Lori steht mitten drin in Unglück und Ungeschick! Das arme Ding! wenn wir sie nicht'hier gehabt hätten, was für ein Weihnachten wäre das gewesen' Ganz verschüchtert und hilflos kam sie an, hier ist sie endlich mal wieder aufgewacht zu ihrer natürlichen Lieblichkeit. Verzeih, Kinder kümmern Dich nicht, aber mir frißt's am Herzen, so was liebes Wärmebedürftiges frieren zu sehen. Ich wollte sie behalten, Eberhard gießt sie nicht her, und dabei versteht er sie nicht! — Gerade wie Du! Aber pflichttreue Menschen zwingep sich und erzwingen mit Hufe des guten Willens auch Vermögen und Verständnis. Ueberhaupt", fügte sie mit seltsamer Logik hinzu, „mein armer Bruder! wann endlich wird er wieder einmal Frieden und Behagen am eigenen Herd finden?" „Es giebt Menschen," antwortete Maja gelassen, „denen es bestimmt ist, allein mit dem Leben fertig zu werden." Immer gelassen! Frau Anne schwieg, heiß und rot. Da aber warf Maja lachend Papier und Schere auf den Tisch. „O weh, Annchen! Dein schönes Papier! Verzeih, dazu bin ich eben wirklich nicht zu gebrauchen." War das nun ein Zeichen? Frau Annes Herz klopfte heftig — das Papier war arg verschnitten, kreuz und quer; hatten daran die Gedanken an Lori und den alten Liebsten Schuld — bei jeder andern hätte sich die junge Frau dies Zeichen zu Gunsten des Bruders gedeutet, aber von Maja hatte sie nur schon allzuoft erfahren, daß sie nicht zu tändeln verstand, bei Maja würde es nur wieder die gewöhnliche Teilnahmlosigkeit sein. O über die schwere Frage! Da stürmten ihre drei Knaben herein in wilder Lust. Rasch warf sie ein Tuch über den bunten Tisch und winkte ab. Das blonde Kleeblatt benahm sich ja auch, sobald es der „stolzen Tante" ansichtig wurde, merklich gesitteter, und Frau Anne schickte sie nach ein paar Küssen wieder fort, damit Maja in gute Stimmung komme" — wartete sie doch auf das Rollen von Eberhards Wagen. Als sie die Gewinnpäckchen wieder zur Hand nahm, begann sie zu plaudern. Leichte, liebe Dinge — Kindererinnerungen, deren jede mit Eberhard begann und mit Eberhard endete, Schwärmereien der sechszehn Jahre alten von dem herrlichsten, der damals sogar ihr noch der Bruder gewesen war. Maja stimmte mit ein, lächelnd und gelassen, sie nahm sogar Frau Anne die alten Fäden aus der Hand und spann weiter daran. Machte es ihr Freude, davon zu reden? War das ein Zeichen? Ach, wenn die Stimme nur ein einziges Mal gezittert hätte. Frau Anne hielt sich mit aller Gewalt fest im Zimmer, als draußen das erwartete Rädergerassel erscholl, als das Jubelgeschrei der Kinder ihr sagte: sie sind da. Sie hielt voll fieberhafter Spannung auf ihrem Platze aus. — Wie würde sie ihn empfangen? Da trat er ein — Lori flog ihm voraus, flog in der ließen Tante offene Arme, ließ sich abküssen und drehte daßei doch das Köpfchen seitwärts: „Pate Maja, ich hab Dich lieb. Du bist meine schöne Pate". Rührte sie nicht wenigstens das? Nein — Fischblütige Du! — Maja strich der kleinen Else gelassen über die Stirn, sagte: „Ja, Du bist mein Patchen!" und wandte sich dann an Eberhard. „Grüß Gott, Herr Landrat!" Seine Stirn brannte, seine Hand, die die ihre drückte war heiß. Befremdet sah Maja ihn an, änglich beobachtete Frau Anne die beiden; jetzt gab es ein Unglück! Ehe es aber irgend etwas gab, kam Frau Annes Mann, mit fröhlichem Willkommenhallo verjagte er alle Bangiq- feit. Dann sah er den Tisch voller Lotterieüberraschungen und schickte „das neugierige Kraxelvolk" hinaus. „Holt Euch im Garten einen gesunden Hunger!" Schickte die Frau in die Küche „damit's festlich werde" und „lotfte" den Schwager ins Gastzimmer. Nach fünf Minuten voll Lärm und Unruhe stand Maja allein neben dem bunten Tisch. — So brauste das Leben der anderen dahin, — und so still stand sie daneben. Sie strich sich mit der Hand über die Stirn und seufzte - verstohlen, als dürfe sie selbst nichts davon wissen. Daber sah sie immer Loris Gesichtchen in holder Neigung sich zugewandt und hörte das liebe Sümmchen sagen' „Hast Du mich lieb?" 9 Eine Unruhe überkam sie. Das arme Kind. Das einsame Kind. Die Mutter tot, und der Vater verstand nichts von lieb haben. Er hatte es nie verstanden. ... Maja ging in den Garten, wohin die blonden Wildfänge das stillere Mädchen geschleppt hatten, langsam zuerst, dann schneller und schneller, bis sie das kleine Volk hinter der Taxushecke beobachten konnte. Dort standen auf reingefegtein JSoben die Turngeräte; Franz ließ sich von der großen Schaukel bis in die Baumwipfel tragen, Fritz zeigte Lori am Reck eine wundevolle Welle und verlangte Nachahmung, Fred versprach ihr seinen schönsten Lotteriegewinn — wenn er ihn nur erst hätte. Lori nahm Leistungen und Versprechen mit gleichen 24 Ruhe hin; natürlich waren Jungen Helden, und ihre Vettern die größten, und ihr würden sie all ihre Künste zur Verfügung stellen — jetzt aber langweilte sie die Turnerei, sie trippelte zur Taxuswand, um sich ein Sträußchen zu pflücken. Ein Sträußchen aus dem Schnee das machte Spaß. Kaum aber hatte sie an den harten Zweigen gezupft, da hörte sie eine lockende Stimme: „Lori mein Liebling!" Sie horcht und hebt das Köpfchen, dann lacht "sie leise und läuft wie ein Rebhennchen um die Hecke, auf Maja zu, die mit verschränkten Händen und sehnsüchtigen Augen ihrer wartet. Dicht vor ihr bleibt die kleine Anmut stehen, der kühle Empfang fällt ihr ein, und daß die Pate ganz anders gewesen ist, als der Vater sie ihr geschildert und „Pate", beginnt sie zögernd, „Pate Maja, hast Du mich lieb?" Da lösen sich Majas Arme, sie zieht das Kind an sich und überschüttet es mit stummer, leidenschaftlicher Zärtlichkeit. Und die kleine Person läßt sich's wohl sein. „Mütterchen, sagt sie traulich, „Mütterchen". Da kauert sich Maja nieder, spielt mit dem braunen Haar, das dem Haar des Vaters gleicht, küßt die Augen, küßt den Mund und flüstert ihr scheue heimliche Liebesworteins Ohr. Frau Anne aber flog in ihres Bruders Zimmer — atemlos, lachend, weinend flog sie ihm ans 5ierz. „Jetzt weiß ich's! Jetzt! Das Zeichen ist da! Die Kinderfeindin herzt Deine Lori. Weil sie Dein Kind ist, liebt sie das Püppchen. Komm, komm schnell! Wer am Zauberquell trinken will, darf nicht warten, bis er versiegt." Sie zog den Ueberraschten über die Veranda nach der Taxushecke; da kniete Maja noch immer im Schnee und — keine Spur der gefürchteten, kühlen Gelassenheit war mehr in dem schönen Gesicht zu finden. „Nun bist Du mein Mütterchen," plauderte Lori fröhlich, „die Kindermuhme sagt, ich soll beten, daß Du es wirst, und Papa will Dich bitten; aber Du bist's schou — ja? Bist Du's ganz gewiß? Ehe sie antworten mußte, kniete Eberhard an ihrer Seite: „Maja — Maja — bist Du's? Ihr Mütterchen und mein Weib? Kannst Du mich lieb haben, nach allem —" „Ich habe Dich immer lieb gehabt, sagte sie, ehe er ausreden konnte. GenreinnÄtziges. Iür die Küche. Karpfen in Rotwein als Zwischengericht, für feinere Tafeln, ein köstliches Esten und nicht allzuviel Mühe verursachend (Bereitungsdauer 1 Stunde) wird folgendermaßen hergestellt: Man nimmt (für 10 Personen) 5—6 Pfd. Karpfen, tötet sie — wobei man das Blut in Essig auf- fSngt und mit diesem verquirlt — teilt sie in Hälften, wäscht sie und schneidet sie in Stücke. Dann belegt man den Boden einer Kafferolle mit Zwiebelscheiben, streut Gewürz, Pfeffer, Salz darauf, fügt ein Lorbeerblatt und einige Citronenscheibchen hinzu. Zuerst legt man das Kopfstück, dann den übrigen Fisch hinein, dazwischen einige Schwarzbrotrinden, ein Viertelpfund Butter, und süllt soviel Rotwein auf, daß daS Ganze davon bedeckt ist. Nachdem der Fisch ziemlich weich gekocht, nimmt man ihn aus der Sauce, rührt das Karpfenblut hinein, fügt 15 Gramm echtes Liekng's Fleisch-Extrakt, sowie Zucker nach Geschmack hinzu, schlägt die Brühe durch ein Sieb, giebt sie zurück in die Kafferolle und läßt den Fisch noch kurze Zeit darin durchziehen, nicht kochen. Er wird zusammen mit der Sauce serviert. Schweinsrippen auf russische Art gefüllt. 10 Personen. Bereitungszeit drei Stunden. Zuthaten: 21/, Kilo Schweinsrippen, die Rippen in der Mitte geknickt, 1J/2 Kilo Sauerkohl, 1/a Kilo gekochte, geschälte, in Hälften geschnittene Kastanien, 350 Gramm Butter, ein Eßlöffel Zucker, Salz nach Geschmack, ein Glas Weißwein, */< Liter Bouillon aus Liebig's Fleischrxtrakt. Ter gut auSgedrückle Sauerkohl wird mit 250 Gramm Butter in einer Kafferolle aus's Feuer geatzt, mit dem Zucker bestäubt, mit den Kastanien und dem Weißwein eine halbe Sluude unter fleißigem Umrühren gekocht und zum Abkühlen in eine Schüssel geschüttet. Dann in das Schweinsrippenstück gefüllt, näht man dasselbe z», bestreut es mit Salz, setzt es mit dem Rest der angegebenen Buiter in den Ofen, begießt es nach und nach mit der Bouillon aus Liebig's Fleischrxtrakt und läßt eS in 2 Stunden saftig weich dämpfen. Schön gebräunt wird es auf den Tisch gegeben und nach Belieben noch mit Kartoffeln garniert. £itterarifri?es. „Neueste Erfindungen und Erfahrungen" auf bett Gebieten der praktischen Technik, der Elektrotechnik, der Gewerbe, Industrie, Chemie, der Land- und Hauswirtschaft -c. XXVIi Jahrgang (2t. Hartlcben's Verlag in Wien) Pränumerationsprcis qaniiäbria für 13 Hefte franko 7 Mk. 50 Pfg. Einzelne Hefte für 60 Pfg. in Briefmarken. Diese Zeitschrift dient ausschließlich nur der Praxis. Ihre Mitteilungen, die sich über alle Bcrussarten verbreiten, bestehen lli praktischen, zuverlässigen und leicht ausführbaren Anweisungen, Arbeitsverbesserungen und Neuerungen auf technischem und industriellem Gebiete. Besonders wertvoll sind die zahlreichen Anweisungen zu neuen,, lohnenden Erwerbsarten. Aus der Fülle des Inhaltes des ersten Heftes vom siebenundzwanzigsten Jahrgange seien besonders folgende Artikel hervorgehoben: Die Selbstkocher und ihre Verwendbarkeit in Werkstatt Haushalt und im Felde. — Meine praktischen Erfahrungen über das Bleichen und Färben der Jute. — Herstellung farbiger Lackierungen mittelst Alizarlnfarbstoffen. — Neuer Schmelzofen. — Neuer nachstellbarer Hohl- fräscr. — Praktische 'Anleitung zum provisorischen Einrahmen von Stichen und zum Dekorieren der Wände mittelst Bildpostkarten. — Herstellung von Menthol-Präparaten. — Welche Heizungsarr ist für große gastwirtschaftliche Räume, Theater, Säle, Hotels und Konditoreien die beste? — Praktische Anleitung zur Herstellung von Arznei-Gelatinekapseln. — Neuer Trichter zur Feststellung des Flüssigkeitsstandes in undurchsichtigen Behältern beim Füllen. — Pressen von Gegenständen ans einer messingartigen Legierung. — Anleitung zur Herstellung von Medizinalweinen. — Zählerprüfklemme mit drehbarer Brücke. — Die Telephonmembran. — Die Verwendung flüssiger Luft im Brauerei- betriebe. — Neues Verfahren zur Herstellung eines zementartigen Bindemittels. — Herstellung künstlichen Himbeersaftes. — Herstellung von Torsbrikelts. — Bezugsquellen für Maschinen, Apparate und Materialien. — Bestimmung von Alkohol und Aether in Gegenwart von Petroleumäther. — Elektrischer Apparat zur Schmelzpunktbestimmung von Fetten und Wachsarten. — Lösung von Kampher in Salzsäure. — Neuer Apparat zum Reinigen des Quecksilbers. — Wann soll das Spargelkraut abgeschnitten werden? — Ofenglanzpomade. — Herstellung von Putzsteinen. — Bleichen von Badeschwämmen. — Darstellung von Saktelselfe. — Kleinere Mitteilungen. — Neuigkeiten vom Büchermärkte. — Eingegangene Bücher und Broschüren. — Neue Erscheinungen ans dem Patentgebiete. — Chemisch-technisches Feuilleton. — Physikalisch- technisches Feuilleton — Patenttechnisches Feuilleton. — Mitteilungen aus unserem Leserkreise. — Kalender-Litteratur. — Fragekasten — Beantwortungen. - Briefkasten. Die „Neuesten Erfindungen und Erfahrungen", nunmehr im XXVII. Jahrgange erscheinend, bieten jedermann, insbesondere dem Techniker und Industriellen, die Mittel, alle neuen Erscheinungen und alle wertvollen praktischen Errungenschaften kennen zu lernen und so zu verstehen, daß er sie in seinem Geschäfte sofort verwerten kann und demzufolge immer aus der Höhe der Zeit steht. Hunderte von Fragen aus allen BernfSfächern finden in dieser Zeitschrift praktische und kostenlose Beantwortung. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten.) Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Kapselrätsels in voriger Nummer: Neue Besen kehren gut. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen llmverfitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erbens in Gießen.