(Nachdruck verboten.) Geächtet. Roman von L o t h a r B r e n k e n d o r f. (Fortsetzung.) Während er sprach, war sein lauernder Blick unverwandt auf die junge Schloßherrin gerichtet, und in seinen Mienen wie in seinem ganzen Benehmen trat eine zuversichtliche Dreistigkeit zu Tage, die sich viel zu auffallend von seinem gewöhnlichen, unterwürfigen Wesen unterschied, als daß Elisabeth nicht mit lähmendem Entsetzen in dem Sinn seiner Worte zugleich die Ursache dieser Veränderung hätte erkennen sollen. Ihr Geheimnis in Besitz dieses Menschen zu sehen, war für sie gleichbedeutend mit der Gewißheit einer furchtbaren Gefahr; denn sie gab sich keiner Täuschung darüber hin, daß sie von ihm, den sie so oft und so tief gedemütigt hatte, nicht die geringste Schpnung erhoffen dürfe, wenn sie sich einmal in seinen Händen befand. Wahrlich, es war gut, daß der Leutnant in diesem Augenblick seine ganze Aufmerksamkeit dem neuen Ankömmling zuwandte; denn ihr jäher Farbenwechfel und das Beben ihrer Lippen hätten selbst seiner naiven Ahnungslosigkeit befremdlich scheinen müssen. Nun aber kehrte er sich gegen den Verwalter und rief, in lebhafter Ueberraschung: „Was sagt Ihr da? Von hier aus wäre er benachrichtigt worden? Er hätte also einen Spießgesellen unter den Bewohnern dieses Gutes?" „Ohne Zweifel. Ich. habe dafür nicht blos Vermutungen, sondern greifbare Beweise. Irgend jemand hat in der vorletzten Nacht während des Gewitters zu Pferde den Hof verlassen, um das Lager des Majors aufzusuchen. Daß es nur in der Absicht geschehen sein kann, ihn von Ihrem Angriffsplan zu unterrichten, liegt auf der Hand". „Alle Wetter! Das ist ja eine hübsche Neuigkeit! Den Kerl müßt Ihr mir zur Stelle schlaffen, Mann! Denn, bei meiner Ehre, er wird ohne Gnade und Barmherzigkeit gehängt". Tie Mundwinkel des Verwalters verzogen sich zu K ras* it bist auf dieser Welt nur Gast Auf eine kurze Zeit von Tagen. Wird dir's so schwer, dich also zu betragen, Daß du nicht andern Gästen fällst zur Last? Joh. Trojan. einem tückischen Lächeln. „Ich denke wohl, daß ich ihn noch ausfindig machen werde, Herr Leutnant! An einem ganz bestimnlten Argwohn fehlt mir's nicht; aber in einer solchen Sache darf man nichts übereilen. Vielleicht kann ich Ihnen schon morgen den Namen nennen. Vorerst aber sollten Sie Sorge tragen, daß nicht auch, in dieser Nacht etwas Aehnliches geschieht. Wäre ich an der Stelle des Herrn Leutnants, ich stellte so viele Wachen aus, daß auch nicht eine Katze den Hof ungesehen verlassen könnte". Der Leutnant von Kapnist hatte sich! bereits erhoben. „Ich muß um Verzeihung bitten, mein gnädiges Fräulein", sagte er in dienstlich gemessenem Tone, „wenn ich auf eine solche Angabe hin allerdings genötigt bin, gewisse Vorsichtsmaßregeln zu treffen, die fast wie ein Eingriff in Ihr Hausrecht erscheinen könnten. Aber ich darf die Verantwortlichkeit, die bereits auf mir liegt, nicht ohne Not vergrößern, und überdies werden auch das gnädige Fräulein gewiß den Wunsch hegen, dieser abscheulichen Verräterei auf den Grund zu kommen". Mühsam hatte Elisabeth ihre Selbstbeherrschung zu- rückgewonnen. Sie versicherte dem Leutnant, daß er ganz nach seinem Ermessen über ihr Haus verfügen könne, selbst wenn er, wie sie in gezwungen scherzendem Tone hinzufügte, mit der Absicht unigehe, sie auf ihrem eigenen Grund und Boden zur Gefangenen zu machen. Irgend eine Meinung über den Argwohn des Verwalters äußerte sie nicht, und sie erhob auch keinen Einwand, als Franz sich dienstwillig bereit erklärte, auf Grund seiner genauen Ortskenntnis dem Offizier bei der Verteilung der Wachtposten mit seinem Rate beizustehen. Aber sobald sich die Thür hinter den beiden Männern geschlossen hatte, sprang sie von ihrem Sessel empor und begann fieberhaft erregt im Zimmer auf und nieder zu schreiten. Daß Franz von ihrem nächtlichen Ritt nach dem Totendorf wußte, und daß es in seine Macht gegeben war, sie durch eine Anzeige zu verderben, galt ihr jetzt als unumstößliche Gewißheit. Der Blick, den er ihr soeben beim Fortgehen hinter dem Rücken des Leutnants zugeworfen hatte, war von einer nicht mißzuverstehenden Beredtsamkeit gewesen. „Fürchte nichts, noch werde ich Dich nicht verraten", hatte sie darin gelesen; „denn, ich denke mein kostbares Geheimnis teurer zu verkaufen, als für die Genugthuung, Dich in's Gefängnis wandern zu sehen!" Und sie kannte im vorhinein den Preis, den er fordern würde, wie sie im vorhinein wußte, daß sie ihn nimmermehr zahlen könne. Nicht einmal zu einer Bitte vermochte sie sich vor diesem Elenden zu erniedrigen, dessen war sie ganz gewiß. Verachtung und Abscheu vor seiner Verworfenheit waren zu mächtig in ihrer Seele, als daß sie im stände gewesen wäre, sie ihm zu verbergen. Was auch immer mit ihr geschehen mochte, wenn sie der 518 sträflichen Unterstützung des Geächteten überführt wurde, lieber wollte sie das äußerste tragen, als der schimpflich erkauften Großmut eines Schurken ihre Rettung verdanken. Noch war sie auf ihrer ruhelosen Wanderung begriffen, als Charlotte mit dem Mädchen hereinkam, das die eilig bereitete Wendmahlzeit für den Leutnant von Kapnist brachte. Es mußte viel beizender Rauch in der Küche gewesen sein; denn die sonst so blanken Augen der jungen Dame waren trübe und merklich gerötet. Mit Bestürzung gewahrte sie, daß der Offizier gar nicht mehr im Zimmer war. Sie fragte beklommen nach seinem Verbleib, Elisabeth aber stand noch zu sehr unter dem Banne ihrer quälenden Gedanken, als daß sie zu einer ausführ- lichen Antwort geneigt gewesen wäre. „Er stellt Wachen aus —> oder sonst etwas Dienstliches — ich weiß es nicht — frage ihn selbst, wenn er zurückkommt." Sie hatte gewiß nicht unfreundlich sein wollen, aber für Charlottens schuldbeladenes Gewissen war die hastig und abgerissen hingeworfene Erwiderung ein sicherer Beweis, daß die schreckliche Offenbarung bereits erfolgt sei; daß Elisabeth die Wandlung in Kapnists Empfinden entdeckt und vielleicht auch schon in der vermeinten Freundin die treulose Zerstörerin ihres Glückes erraten! habe. Nun wußte die arme Charlotte mit einem Male, wie es dem Delinquenten um's Herz sein muß, dem sein letztes Stündlein bevorsteht. Sie wünschte sich weit, weit von hier hinweg, am liebsten gleich; ins kühle Grab, und nicht um eine Million würde sie es über sich vermocht haben, die Augen noch einmal zu Elisabeths Antlitz zu erheben. Die Teller klapperten und klirrten in ihren zitternden Händen, während sie den Tisch für den wankelmütigen Urheber all dieser grausamen Kümmernisse herrichtete, und eben wollte sie sich nach verrichteter Arbeit lautlos zurückziehen, als er in all seiner jugendlichen Schönheit und Stattlichkeit leibhaftig wieder auf der Schwelle stand. „Wie, mein gnädiges Fräulein, Sie ergreifen vor mir die Flucht?" fragte er vorwurfsvoll, da sie behend an ihm vorbeizuschlüpfen versuchte. „Ist es denn nicht vielmehr meine Pflicht, als ungerufener Eindringling das Feld zu räumen?" Sie würde sich mit ihren häuslichen Obliegenheiten entschuldigt haben, wenn nicht Elisabeth sie erbarmungslos daran gehindert hätte. „So bleib' doch Charlotte, und hilf mir, unfern gestrengen Kerkermeister bei guter Laune zu erhalten. Wir sind also jetzt wirklich Ihre Gefangenen, Herr von Kapnist?" „Welch eine Vermutung, meine Gnädrgste! Der Hof ist allerdings von meinen Wachen umstellt, und die Leute haben strengen Befehl, jeden festzunehmen, der ihn zu verlassen sucht. Daß aber ein solcher Befehl sich nicht auf Sie, meine Damen, erstrecken kann, bedarf doch wohl nicht erst der Versicherung". „Und wenn ich nun wirklich Lust hätte, einen Spaziergang in der kühlen Nachtluft zu unternehmen, würde ich nicht Gefahr laufen, von Ihren Soldaten erschossen oder niedergemacht zu werden?" Der Leutnant nahm die Frage von der scherzhaften Seite. „Wenn das gnädige Fräulein es verschmähten, diesen Spaziergang unter meinem Schutze zu machen, und wenn Sie überdies den Posten auf ihren Zuruf nicht Rede ständen — wer weiß, ob eine so fürchterliche Katastrophe dann nicht in der That eintreffen könnte. Aber wir brauchen ja zum Glück nicht mit solchen Voraussetzungen zu rechnen". „Und wozu all diese Vorsicht, Herr von Kapnrst? Angenommen selbst, daß es auf Lasdehnen einen Verräter gäbe, was in aller Welt sollte er denn heute dem Major Sixtus verraten?" „Wenn er es verstanden hat, meine Leute auszuhorchen, kann er immerhin erfahren haben, daß für morgen ein Hauptschlag gegen die Bande beabsichtigt ist, und er kann sie daraufhin bestimmen, vorläufig noch jenseits der Grenze zu bleiben". „Sind Sie denn nicht der Meinung, daß Major Sixtus das auch ohne besondere Warnung thun würde?" „Nun, ich halte es wenigstens nicht für unbedingt sicher. Denn da drüben wird ihm das Leben kaum minder sauer gemacht werden, als auf preußischem Gebiet. Es fehlt dort überdies an schützenden Schlupfwinkeln für das Gesindel. Sobald er annimmt, daß wir uns aus der Gegend verzogen haben, kommt er sicherlich zurück". „Nun, ich bin in dar That neugierig, ob Ihre Wachen den Spion abfangen werden, der, wie ich glaube, nur in der Einbildung meines allzu mißtrauischen Verwalters existiert. Hoffentlich ließen Sie keinen Ausgang unbesetzt, und hoffentlich schläft keiner Ihrer braven Kürassiere auf seinem Posten ein". „Was das betrifft, so will ich schon selber dafür Sorge tragen, daß sie munter bleiben. Es verlangt mich so lebhaft darnach, den Burschen baumeln zu sehen, der mir den schurkischen Streich gespielt hat, daß mir's wahrhaftig nicht darauf ankommt, für seine Ergreifung eine Nachtruhe zu opfern". „Aber Sie hegen doch wohl nicht die Absicht, Herr . Leutnant, solche summarische Justiz hier auf meinem Grund und Boden zu üben? Auch; wäre der Strick in diesem Fall jedenfalls eine viel zu harte Strafe". „Keineswegs, mein gnädiges Fräulein! Die Ordre des Königs giebt uns nicht nur das Recht, sondern sie legt uns sogar die Pflicht auf, mit den Marodeuren tote mit ihren Helfershelfern nach Standrecht zu verfahren, und als die Tochter eines Soldaten wissen Sie ohne Zweifel, daß in den Kriegsartikeln auf Verräterei der Tod steht. Wer Sie dürfen unbesorgt sein. Fangen wir den Hallunken, so werden wir ihn weit genug von Ihren Fenstern aufknüpfen, daß sein Anblick Ihnen nicht lästig fallen kann". Mit bestem Slppetit hatte Herr von Kapnist während dieser Unterhaltung begonnen, dem Abendessen zuzu- sprechen, dessen Trefflichkeit durch Charlottens Herzenskummer glücklicherweise nicht beeinträtigt worden war. Aber seine Mahlzeit war noch nicht beendet, als ein Diener mit der Meldung erschien, der Wachtmeister von den Kü- rassieren wünsche den Herrn Leutnant zu sprechen. Trotz der freundlichen Aufforderung Elisabeths, den Mann hier im Zimmer zu empfangen, ging der junge Offizier aus schuldiger Rücksicht auf die Dame des Hauses hinaus, und die Zurückbleibenden hörten nach; Verlauf weniger Minuten im Vorgemach ärgerlich ausrufen: „Aber warum, zum Henker, haben Sie mich nicht vorher gefragt? Wir können doch nicht ohne die Einwilligung der Besitzerin ein Lazarett aus ihrem Schlosse machen. Wenn der Verwalter die Verantwortung dafür auf sich genommen hat, hätte er jetzt auch selber kommen sollen, die eigenmächtige Handlung vor dem gnädigen Fräulein zu vertreten". Nun hielt es Elisabeth doch für nötig, die Thür zu öffnen und zu fragen, um was es sich handle. Sichtlich ungehalten erstattete ihr der Leutnant Bericht. „Mein Wachtmeister meldet mir soeben, daß vor dem verschlossenen Hosthor zwei Reiter erschienen seien, von denen der eine um Aufnahme für sich und seinen schwerverwundeten Begleiter gebeten habe. Es sollen zwei russische Reisende sein, die jenseits der Grenze einen Zusammenstoß mit Wegelagerern hatten, und sich mühsam bis hierher flüchteten. In der That stellte sich bei näherem Zusehen heraus, daß der eine bewußtlos und au scheinend sehr übel zugerichtet auf seinem Pferde festgebunden war. Die am Thore ausgestellte Wache wollte, wie es sich ja eigentlich von selbst verstand, Ihre Befehle hinsichtlich einer Ausnahme oder Abweisung der Fremden einholen; Ihr Verwalter aber, der dazu kam, ließ sie ohne weiteres in den Hos, und nun ist, wie ich höre, der Verwundete bereits in einem Zimmer aus diesem Flügel untergebracht worden. Ich bedaure wirklich von Herzen, daß Sie zu allem anderen auch noch diese neue Ungelegenheit haben mußten". „Die Ersüllung einer Menschenpflicht kommt mir niemals ungelegen, Herr Leutnant! Mein Verwalter hat in diesem Fall durchaus nach meinem Sinn gehandelt, und ich hoffe, daß maü dem armen Verletzten jede Hilfe zu teil werden läßt, die ihm hier überhaupt geboten werden kann". Bewundernd sah der Leutnant zu ihr auf. „Wahrhaftig, mein gnädiges Fräulein, Ihr Edelmut könnte manchen beschämen. Ich bin gewiß, daß dieser arme 519 — Teufel von einem Reisenden in solchen Zeiten an zwanzig anderen Thüren vergeblich angeklopft haben würde. Der Mensch, den er selbst im Sattel festgebunden hat, um ihn nrcht auf freiem Felde seinem Schicksal überlassen zu AU müssen, ist übrigens nur sein Bedienter, und dah er trotzdem so viel für ihn thut, macht dem Russen meiner Mernung nach alle Ehre". „Gewiß! Und er selbst? Ist er unverwundet?" „Er hatte die linke Hand mit einem Tuche umwickelt", rapportierte der Wachtmeister, „aber er sagte aus meine Frage, daß es nicht der Rede wert sei nur eine kleine Schmarre. Uebrigens muß er sich auf solche Sachen verstehen, denn er hatte den Bedienten, der durch die Brust geschossen ist, schon ganz regelrecht verbunden". „Und wo befindet sich der Reisende jetzt?" „Bei dem andern unten in der Kammer, die der Verwalter für ihn angewiesen hat. Der Me mit dem Zerschossenen Arm liegt in einem Verschlage nebenan". „Ihr sagt, daß Ihr mit ihm gesprochen hättet — er ist also der deutschen Sprache mächtig?" „Er redete nicht anders, als Euer Gnaden und ich". „So teilt ihm mit, daß ich mich freuen würde, ihn hier an meinem Tische zu sehen und ihm persönlich meinen Glückwunsch zu seiner Rettung auszusprechen". Der Wachtmeister salutierte und ging, während Elisabeth mit dem Leutnant in das Speisezimmer zurück- kehrte. Fünf Minuten später öffnete der Diener die Thür, um zu melden, daß der Herr Baron Botukow dem gnädigen Fräulein feine Aufwartung zu machen wünsche. Ein Wink ber Schloßherrin bedeutete ihn, den Fremden hereinzuführen. In der nächsten Sekunde aber hatte Elisabeth von Marschall eine Empfindung, als ob die Decke des Gemaches über ihr zusammenbräche und alle Gegenstände um sie her ins Wanken gerieten. Denn der da auf der Schwelle stand — totenbleichen Antlitzes und mit verbundener Hand — es war kein anderer als der Major Sixtus von Plothow. (Fortsetzung folgt.) Obstkmen. Von Dr. Julius Lang (Berlin). Nachdruck verboten. In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts lebte in der Pfalz ein Arzt, Dr. Stolbertus mit Namen, der in einer im Jahre 1778 erschienenen Schrift den Apothekern den Rat erteilte, sie möchten statt gewisser Pulver, Pillen und Mixturen in ihren Läden weißgeflochtene Körbchen mit Obst hinstellen und so den halben Teil ihrer Apotheken in. einen Obstmarkt verwandeln. So sehr war dieser Arzt von der Heilkraft des Obstes überzeugt. Thatsächlich giebt es eine ganze Anzahl von Krancheits- Zuständen, bei denen das Obst eine sehr gute Heilwirkung entfaltet. Aber obgleich diese Thatsache schon lange bekannt ist, ist man der Sache wissenschaftlich, doch erst in der jüngsten. Zeit näher getreten. Und auch seit dieser Zeit erst werden eigentliche „Obstkuren" methodisch angewandt. Die beste Zeit für derartige Kuren ist die „Obstzeit", nämlich der Spätsommer und Frühherbst, weil dann die in Betracht kommenden Früchte am frischesten, saftigsten und daher am wirkungsvollsten sind. Bis vor kurzer Zeit wurden zu Heilzwecken derart allein die Traubenkuren angewandt. Jetzt aber benutzt man dazu auch anderes Obst, namentlich Birnen, Aepfel und Pflaumen. Den ersten Rang aus diesem Gebiet nehmen allerdings nach wie vor die Traubenkuren ein. Die Heilwirkung des frischen Traubensaftes beruht auf söinem Gehalt an Säuren (Weinsäure), Eiweiß und Nährsalzen. Infolge dieser Zusammensetzung fördert der kurgemäße Gebrauch des Traubensaftes alle Ausscheidungsvorgänge des Körpers und begünstigt dadurch den Heilungsvorgang in den verschiedenen Körperorganen, abgesehen davon, daß ihm auch eine direkt nährende Eigenschaft (durch den Zucker, das Eiweiß und die Nährsalze) innewohnt. Die Traubenkur wird jetzt in zwei Formen angewandt, als milde und als scharfe Kur. Bei ersterer werden täglich bis vier, bei letzterer bis acht Pfund Trauben verzehrt. Die milde Kur, zu der nur süße Trauben benutzt werden, kömmt bei solchen Kranken zur Anwendung, die in ihrer Ernährung heruntergekommen sind, also bei blutarmen, bleichsüchtigen, skrophulösen Personen und dergleichen. Hier muß die Traubenkur allemal noch mit einer kräftigen, vorzugsweise aus Fleisch bestehenden Ernährung verbunden werden. Die scharfe Kur dagegen, zu der sich besser mehr säuerliche Traubensorten eignen, ist bei vollblütigen Personen angebracht, bei Fettleibigkeit, Gicht, bei Nieren- und nervösen Magenleiden, bei chronischer Stuhl-Verstopfung, Hämorrhoidalleiden und hypochondrischen Zuständen, sowie bei chronischen Rachen-, Kehlkopfs- und Lungenkatarrhen. Die Diät richtet sich in allen diesen Fällen nach dem Grundleiden, gegen das die Traubenkur angewandt wird, und muß vom Arzt in jedem einzelnen Falle dem Zustande entsprechend festgesetzt werden. (Man soll ja überhaupt auch die ganze Traubenkur nie ohne ärztliche Verordnung betreffs der Einzelheiten unternehmen; diese Angaben hier verfolgen nur den Zweck der allgemeinen Belehrung.) Sehr günstig wirkt die Traubenkur auch als Nachkur nach einer Kur in Karlsbad, Marienbad, Kissingen u. a. m.; doch ist unter diesen Umständen eine magere Diät mit Beschränkung im Fleischgenuß und gänzlicher Vermeidung des Fettes erforderlich Früher wurde die Traubenkur auch häufig und wird auch jetzt noch öfters bei der Lungenschwindsucht angewandt. Erfahrene Autoritäten verwerfen jene Kur bei diesem Leiden aber vollkommen, weil sie nicht nur völlig nutzlos, sondern häufig sogar direkt schädlich ist, indem sie Verdauungsstörungen und Durchfälle, ja nicht selten sogar Bluthusten verursacht. Was das Verfahren bei der Traubenkur selber anbetrifft, so beginnt man mit einem Pfund auf den Tag und steigt allmählich zu der erforderlichen Menge (vier bezw. acht Pfund) an. Eine Traubenkur muß je nach der beabsichtigten Wirkung vier bis sechs Wochen dauern. Die Tagesmenge wird in. drei Teilen genommen, der erste Teil, und zwar die Hälfte der Gesamtmenge, morgens nüchtern eine Stunde vor dem ersten Frühstück, der zweite Teil eine Stunde vor dem Mittagessen, und das letzte Viertel eine Stunde vor dem Abendessen. Manche Kranke vertragen die Trauben nüchtern nicht, da sie ihnen Magendrücken, Blähungen und dergleichen verursachen. Alsdann kann der erste Teil auch eine Stunde nach dem ersten. Frühstück genommen werden. Alle diese Zeit- und .Mengenangaben bilden nur die allgemeine Regel, von der abzuweichen der Arzt sich häufig gezwungen sieht. Man kann auch, wem die Trauben so nicht schmecken oder wem die stumpsen Zähne unangenehm sind, etwas Brotrinde oder Semmel dazu genießen. Von den Traubensorten eignen sich zur Kur am besten solche, die nicht zu kleine Beeren haben, und keinen zu wässerigen, sondern mehr einen schleimig-dicklichen Saft enthalten, auch- nicht zu viele und zu große Kerne besitzen. Kerne und Schalen dürfen natürlich nicht mitverschluckt werden. Zur Vornahme einer Traubenkur braucht man durchaus nicht etwa einen der vielen Traub en kurorte aufzusuchen, sondern man kann solche Kur auch zu Hause mit dem gleichen Erfolg veranstalten. Wem aber Zeit und Mittel es gestatten, eine derartige Kur an Ort und Stelle durchgumachen, soll dies in Anbetracht der viel günstigeren Allgemeinwirkung nicht verabsäumen. . Erheblich beschränkter ist das Heilgebiet der andersartigen Obstkuren; doch inan kann auch mit diesen bei gewissen Krankheitszuständen vorzügliche Erfolge erzielen. Namentlich gilt dies für .zwei Leiden, die chronische Stuhlverstopfung und die Hämorrhoiden. Durch eine mit Ausdauer durchgeführte Obstkur gelingt es nicht selten, diese Zustände selbst nach jahrelanger Dauer und bei größter Hartnäckigkeit allen bisherigen Heilungsversuchen gegenüber dauernd zu beseitigen, und bei den Hämorrhoiden wenigstens alle Beschwerden zu heben. Allerdings ist es hier mit einer mehrwöchigen Kur nicht gethan, vielmehr gehören Monate, dazu, bis ein günstiger Erfolg sich bemerkbar macht. Im Gegensatz zu den Trauben ist mit anderem Obst solche lange Kur sehr leicht durchführbar. Monate lang täglich! vier bis acht Pfund Trauben zu genießen, dürfte wohl den wenigsten Menschen möglich sein; es würden sich auch bald üble Nebenwirkungen ein- 520 stellen. Dagegen kann Wohl jeder mit Leichtigkeit längere Zeit hindurch täglich größere Mengen Baumobst, namentlich, in gekochtem Zustande, verzehren. Die Baumobstkur empfiehlt sich daher besonders für solche Kranke genannter Art, deren Leiden zu eingewurzelt ist, als daß es durch die kurz bemessene Traubenkur behoben werden könnte. Die Baumobstkur kann mit rohem oder mit gekochtem Obst vorgenommen werden. Ersteres empfiehlt sich bei Personen mit gutem, letzteres bei solchen mit schwachem Magen. Die Kur selbst besteht darin, daß man j e d e M a h l- zeit init einer bestimmten Menge Obst beschließt. Man beginnt mit einer Birne oder einem Apfel (von Mittelgröße) oder vier Pflaumen, roh, bezw. gekocht (für einen ganz schwachen Magen in Breiform) und steigt allmählich bis auf drei bis vier Birnen oder Aepfel, bezw. zwölf Pflaumen, zu jeder Mahlzeit. Es empfiehlt sich dabei, möglichst wenig Fleischspeisen und zur Mahlzeit selber weder Wasser noch Bier oder Wein zu genießen. Diese Lebensweise kann und inuß von jetzt ab bis tief in das Frühjahr hinein fortgesetzt werden. Was bringt der September der Hausfrau? Gemüse: Artischoken, Basilikum, Blumenkohl, Bohnen (grüne), Chalotten, Champignons, Endiviensalat, Esdragon, Kartoffeln, Kohlrabi, Kopfsalat, Möhren, (Karotten), Petersilie, Pilze (aller Art), Porree, Rettich, Rotkohl, rote Rüben, Teltower Rüben, weiße Rüben, Sellerie, Weißkohl, Wirsing (Savoherkohl), Zwiebeln. Früchte: Aepfel, Aprikosen, Berberitzen, Birnen, Feigen, Kirschen, Kürbis, Melonen, Nüsse, Orangen, Pfirsiche, Pflaumen, Preißelbeeren, Quitten, Reineclauden, Tomaten, Weintrauben, Zwetschen. Fleisch: Ochsen-, Kalb-, Hammel-, Schweinefleisch, Spanferkel, Kaninchen. Geflügel: Ente, Gans (junge), Hähnchen, Kapaun, Poularde, Truthahn (junger), Tauben. Wild: Damhirsch (Spießer), Frischling, Gemse, Hase, Rehbock, Rothirsch (Spießer), Wildschwein. Wildgeslügel: Auerhahn und Henne, Bekassine, Birkhahn und Henne, Drosseln, Fasan, Feldhuhn, Haselhuhn, Krammetsvögel, Lerchen, Schnepfe, Wildenten, Wildtauben, Wachteln. Fische und Schaltiere: Aal, Austern, Barsch, Forelle, Grundeln, Heringe, Kabeljau, Karpfen, Lachs, Lachsforelle, Makrele, Quappe, Schellfisch, Schleie, Seezunge, Steinbutt, Stör, Thunfisch, Zander. Gemeinnütziges. Der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau fährt fort, Ansichten und Grundrisse kleiner Villen zu veröffentlichen, die er seinem Preisausschreiben (Landhaus für 15 000 Mark!) verdankt. Ganz besonders reizvoll ist das in der soeben ausgegebenen Nummer veröffentlichte — der Baumeister Georg Groh in Magdeburg istj der Einsender. Das Aeußere gleicht einer kleinen germanischen Zwingburg; das.Innere ist außerordentlich malerisch, behaglich und praktisch gedacht. Der Entwurf konnte nicht preisgekrönt werden, weil der Verfasser sich zu wenig an die Bausumme gehalten hat. Wer aber Sinn sür malerische Schönheit und einige tausend Mark mehr zum Verbauen im Portemonnaie hat, dem raten wir dringend, sich einmal den Groh'schen genialen Entwurf anzusehen: es muß sich urbehaglich in dem Schlößchen wohnen! Die betreffende Nummer des praktischen Ratgebers wird von dem Geschäftsamt dieser Wochenschrift in Frankfurt a. O. auf Wunsch gern jedermann umsonst zugeschickt. Kranke Pflanzen. Der Blumenfreund hat in diesem Sommer arge Enttäuschungen erlebt. Es sind ihm viele Pflanzen krank und schlecht geworden, weil er nicht wußte, ob sie viel oder wenig oder gar keine Sonne liebten. Um ihm in Zukunft helfend zur Hand zu gehen, hat der „Erfurter Führer im Gartenbau" in Nr. 23 die Pflanzen nach! ihrem Lichtbedürfuis zusammengestellt, — und auch die nötigen Winke gegeben, wie man das Krankwerden der Pflanzen durch Sonnenglut verhüten kann. — Unseren Abonnenten steht diese Nummer postfrei zur Verfügung, wenn sie sich mittelst Postkarte nach Erfurt wenden. LitterarNches. Die Bibel in Bildern. 240 Darstellungen erfunden und auf Holz gezeichnet von Julius Schnorr von Carolsfeld. Mit kurzen Bibeltexten nach der revidierten luth. Bibel. Preis gebunden 16 Mk., in Goldschnitt und Prachtband 20 Mk. Leipzig. Georg Wigand. Es ist ein dankenswertes Unternehmen der obigen Verlagsbuchhandlung, die bekannte und beliebte Bilderbibel von Schnorr in neuer Ausgabe — gegen früher fast zur Hälfte des Preises — und zwar in der alten guten Ausführung dargeboten zu haben. Das Werk bedarf keiner besonderen Empfehlung mehr; es ist in vielen Häusern seit Jahren Familienbuch geworden. Namentlich, wo Heranwachsende Jugend sich befindet, sollte es nicht fehlen, da die anschaulichen, aus edlem religiösem Empfinden heraus geborenen Bilder wesentlich zur Vertiefung des Verständnisses der biblischen Geschichten beitragen. Gegenüber dem mancherlei Minderwertigen, das auf dem Gebiete der religiösen Darstellung vertrieben wird, bietet sich hier zu nicht teurem Preis ein wirklich wertvolles, gehaltreiches Buchs Moderne Reklamekunst. Von Mil. Richter. Mit dreizehn Illustrationen und Texterklärungen. 5 Bogen. Oktav. Geh. 1 M. 50 Pf. A. Hartleben's Verlag, Wien, Pest und Leipzig. Betrachtungen über die moderne Reklamekunst führen gewöhnlich zu einem interessanten Ergebnis. Einmal zeigen sie das mächtige Durchdringen neuer, revolutionärer Ideen und die frische, phantasiereiche Gestaltungskraft künstlerischen Schaffens. Dann aber lassen sie auch erkennen, wie der Begriff der Modernen gleich einer unechten Scheidemünze kursiert. Denn die Reklamekunst ist ja nichts weiter als ein Pendant zur modernen Jndustriekunst, als ein wohlfeiler Ersatz zu dem lästigen Geschrei jener patriarchalischen Zeiten, wo man auf Messen und Märkten alles durch die laute, ohrenzerreißende und nerventötende Sprache anpries. Heute hat man dafür durch Schrift und Bild einen vortrefflichen Ersatz gefunden. Angesichts dessen schien es dem Verfasser dieses interessanten Buches eine hohe und wichtige Aufgabe zu sein, gelegentlich litterarischer Besprechungen einzelner Reklamezweige die künstlerischen Gesichtspunkte zu betonen. Es liegt daher in der Natur der Sache, daß die kritisch-ästhetische Betrachtungsweise seine Ausführungen gleich einem roten Faden durchzieht. Doch überall wird man in der Begeisterung sür das Schöne und Praktische eine stark ausgeprägte Neigung für die Bedürfnisse und den Geschmack der heutigen Zeit finden. So will die Arbeit ausgefaßt sein: kritisch und künstlerisch anregend, geschäftlich belehrend. Wiederkehr. In wenigen Tagen hält die Herbstsaison ihren Einzug und mit ihr die Sorge um der Jahreszeit entsprechende Kleidung. In ungemein praktischer Weise erleichtert die bewährte Modezcit- s chrift „Wiener Mode" ihren Leserinnen diese schwere Ausgabe in ihrem soeben erschienenen Heft 24 XIII. Jahrgangs, indem sie Toiletten jeden Genres, aller Arten Konfektion und Hüte, sowie eine Unzahl jener Details bringt, die für die herrschende Mode so charakteristisch sind. — Preis vierteljährlich 2 Mk. 50 Pfg., einzelne Hefte 45 Pfg. 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