IBM Lonntag den 13. Mai I I-, »W WM IESto Nachdruck verboten. ancher, der seinen Nächsten höchlich beleidigt hat, ist am schwersten zur Versöhnung zu bringen. Scriver. „Es sah eine Linde ins tiefe Thal." Novelle von R. Litten. (Fortsetzung.) Wieviel Mühe da die treue Frau hatte, das fiebernde Kind zu beruhigen, wie sie sich gelobte, es nie zu verlassen! Das hatte sie ja auch schon seiner Mutter schwören müssen. Man hatte sie, die junge Gärtnerswltwe, dre Milchschwester der Gräfin, welche dieser gefolgt war, als Schloß Mellinghausen ihre Heimat wurde, gerufen, als der Tod bereits die Zunge der jungen Schloßherrin zu läh- men begann, und tief hatte sic ihr Ohr au die bleichen Lippen legen müssen, um die Flüsterworte der Sterbenden zu verstehen. „Mein Kind, Brigitte — sein Vater liebt es nicht — weil es kein Knabe ist. — Verlasse mein Kind nicht — schwöre es mir!" ' .... Da war Brigitte erschüttert vor dem Bette der Gräfin in die Knie gesunken und hatte laut und feierlich gesprochen: „Das schwöre ich, so wahr mir Gott helfe!" „Amen!" war es wie ein Hauch aus den seidenen Kissen gekommen, und flüchtig, wie ein verlöschender Sonnenstrahl, hatten die dunkleii Augen in dem weißen, vom Tode schon gezeichneten Antlitz pufgeleuchtet. Ob der Graf den Schwur vernommen? Wohl schwerlich! Im entferntesten Winkel des großen Gemaches stand er, wahnsinnige Verzweiflung im Gesicht, Und beschwor die Aerzte, sein Vermögen, all seine Habe zu nehmen, und sein Weib, sein Kind zu retten. Als ob sich der Tod bestechen liehe! Das junge blonde Weib mit beit zauberhaften dunklen Augen wurde em- qesarqt, ihren Knaben, der nie die Augen dem Licht geöffnet, hielt sie an der Brust — und da soll Graf Welling- Hausen noch lachen, wohl gar das kleine Geschöpf, dessen Anblick ihm seinen Verlust stets so grausam vor Augen führt, hätscheln, mit ihm kosen? Dergleichen kam ihm nie in den Sinn. Arbeit, ruhelose, betäubende Arbeit, das mußte jetzt seine Losung fern, nur so konnte er weiterleben. Und so leitete er denn rastos Verbesserungen, große industriele Unternehmungen auf seinen Gütern, studierte Nationalökojnomie, beschäftigte sich eingehend mit Politik und gönnte sich höchstens das anstrengende Vergnügen der Jagd in seinen ausgedehnten Forsten. Und kam ihm bei alledem doch einmal der Gedanke an das mutterlose Kind in seinem Schlosse, so gab er ihm nicht lange Gehör. Für die Kleine war ja ausreichend gesorgt. Die junge Gärtnersfrau war sofort nach dem Tode der Gräfin ins Schloß gekommen — ohne Weisung, wie selbstverständlich war es geschehen — auch die alte Dame, welche dem auf bestem Fuße geführten Haushalt Vorstand, sah sicher hin und wieder nach ihr, und im nächsten Jahre — Dina war jetzt sechsjährig — würde man eine Französin oder Engländerin für sie ins Haus nehmen. Daß solch kleines Geschöpf mehr verlangen, daß es nach Liebe, nach der Liebe des Vaters, hungern und dürsten könnte, kam ihm gar nicht in den Sinn. Manchmal freilich hatte er es von weitem stehen sehen, die großen Augen sehnsüchtig Q,uf ihn gerichtet, aber wenn er dann, einer flüchtigen, weichen Regung folgend, näher getreten, war das kleine Gesicht erblaßt, die langen Wimpern tief gesenkt. Es war offenbar: Das kleine scheue Ding fürchtete ihn! Ja, wäre es ein Knabe gewesen, sein Knabe! Und wieder murmelte der Graf finstere Worte, ehe er sich von seinem zitternden Kinde wendete. Dann flüchtete dieses wie gehetzt zur Wärterin oder — und man verwehrte es ihr nie — hinunter zu dem weinumspoNnenen Häuschen, wo Herr Engelhardt, der Schullehrer, seinem unscheinbaren Flügel süße Melodieen zu entlocken wußte, so süße, daß sie bald den Kummer des kleinen Herzens übertönten.-- Fünf Jahre später. Eine glänzende Equipage, von vier feurigen Rappen gezogen, rollt den Schloßberg hinan und hält mit kühnem Ruck vor der blumengeschmückten Rampe b:e§ imposanten Gebändes. Im Fond fitzt Graf Mellinghausen, neben ihm — das lockige, wie von rotem Gold umflossene Köpfchen wunderbar gehoben durch den blaßblauen Atlas der Polsterung — sein junges, ihm gestern in der Residenz angetrautes Weib. Möllerschüsse begrüßen sie, wehende Fahnen, vielstimmiger Gesang ans frischen Kinderkehlen, donnernde Hochrufe und duftende, ihnen zu Füßen gestreute Blumen. Das junge, märchenhaft schöne Weib atmet tief auf —. der glückliche Sieger am heißersehnten Ziel atmet so — und läßt die Blicke wie trunken schweifen. . Die spitzen bamtergeschmückten Türme des Schlosses streifen sie, das stolze Wappen über dem Portal, die mächtige Front nut den zierlichen vorspringenden Erkern, den zahllosen, in der Julisonne glitzernden Bogenfenstern, den herrlichen dunkelgrünen Hintergrund, den die alten hohen Bannte des Parkes bilden, die vielköpfige, jubelnde Menschenmenge auf dem Schloßhof: für alles und alle haben dte strahlen- — 266 den Aurikelaugen ein sonniges Lächeln, nur das kleine weißgekleidete Mädchen, welches, einen Strauß roter Rosen in der Hand, dicht am Wagenschlag steht, bemerken sie nichts Erst als die üppig graziöse Gestalt in der lichtgrauen kostbaren Reisetoikette auf dem Rasen steht und der Graf ihr ein paar Worte zuflüstert, fährt sie herum, brennende Röte im Antlitz, und schließt die Kleine stürmisch in die Arme. „Meine süße kleine Dina, da bist Du ja endlich! Weißt Tu denn auch, wie sich die arme Mama gesehnt hat, ihr Töchterchen zu begrüßen? Und so reizend schaust Du aus, so allerliebst? Gelt, da müssen wir den bösen Papa schelt- ten, der nichts vön alledem verraten hat! Nicht wahr, mein Herz? Aber recht lieb wollen wir beide uns haben, willst Tu, meine kleine Dina?" Wie zärtlich ihre Stimme klingt und wie girrend ihr leises Lachen. Das Kind steht wie betäubt, erst als es des Vaters Blicke auf sich gerichtet fühlt, zuckt es zusammen und antwortet leise: „Ja, Mama!" Aber es klingt gepreßt, sie hat Thränen in der Stimme. In der Dämmerung desselben Tages sucht Brigitte voller Angst ihr Komteßchen, welches die gnädige Gräfin doch schon vor einer Stunde ins Kinderzimmer geschickt haben will. Endlich findet sie es am Ende des weiten Parkes, dort, wo die Toten des stolzen Grafengeschlechtes mehr oder weniger gern von dem Erdenleben ausruhen. Der jüngste Sproß desselben kauert am vergoldeten Gitter, welches die Ahnengruft umschließt und schluchzt, daß die kleine Gestalt erbebt wie ein vom Sturm geschüttelter Halm. Als Dina Frau Brigitte erblickt, fliegt sie auf sie zu, sie fest umklammernd. „Ich kann sie nicht lieb haben, Brigitte, ich kann nicht! Sie ist falsch, ihre Lippen sprechen süße Worte und ihre Augen lachen, aber ihr Herz weiß nichts davon. Ich habe es wohl'gehört, wie sie zu ihrer Kammerfrau, die mit ihr kam, sagte: Schloß Wellinghausen ist prächtig, über mein Erwarten prächtig, nur eins ist überflüssig darin: die kleine Dina, das Anhängsel!" Wieder umfaßt das Kind die Gitterstäbe und schluchzt, die brennenden Augen auf die stille Gruft gesenkt: „Das Anhängsel! Allen bin ich im Wege! O, Mama, Mama Wie deutlich die einsame Frau das alles noch einmal erlebte! Die Dämmerstunde, die Fee im grauen, schattenhaften Gewände mit den tiefen geheimnisvollen Augen und der leise raunenden, herzaufwühlenden Stimme stand neben ihr, hob einen Schleier nach dem andexn vom Bilde der Vergangenheit und flüsterte ihr, dicht an sie geschmiegt, eine traurige Geschichte zu: die Geschichte ihres Lebens. O, das Kind hatte sich nicht in der Stiefmutter getäuscht! Kinder täuschen sich überhaupt selten in solchen Fällen. Sie sehen mit ihren jungen, klaren Augen viel besser bis ins Menschenherz als die Großen, denen Leidenschaft, Selbstsucht und innere Zerrissenheit die Blicke trübten. m Das mittellose, wenn auch ahnenreiche und vornehme Fräulein, welches Graf Joachim von Wellinghausen in sein Schloß geführt, hatte viel Sinn für Prunk und Glanz, für rauschende Feste, glänzende Kavaliere, kostbare Pariser Toiletten, funkelndes Gestein; aber wenig Herz für das Kind ihrer Vorgängerin, für das Anhängsel. Ja, wäre Dina wenigstens ein Kind ihres Herzens, ihres Sinnes gewesen, hätte sie nur das geringste Talent zum Genießen, zum Abschlürfen des kostbaren Schaumes aus der Oberfläche gezeigt, aber so —? Die ernsten Augen in dem jungen Antlitz waren ihr entschieden unangenehm. Sie that auch nichts, das Kind dem Vater näher zu bringen. Und gerade sie hätte das so leicht vermocht! Der Graf liebte das junge Weib mit dem zarten, wunderschönen Antlitz, welchem die dunklen Sammetaugen einen so eigenartigen Reiz verliehen, mit Leidenschaft, mit der Leidenschaft, welcher so oft ernste, ausgereifte Naturen zum Opfer fallen. Er las ihr jeden Wunsch von den Augen, und besonders, als sie ihm Nach Jahresfrist den heiß erwünschten Erben in die Arme legte, war ihre Macht über ihn grenzenlos. Er, der sonst so kühl, so sicher Urteilende, wußte nicht, daß körperliche Schönheit das einzige Gut des goldhaarigen Weibes, daß ihr Herz leer, ihr Geist arm, daß sie keinerlei Ideale hatte, sich nicht an schönem und hohem zu erwärmen vermochte, daß ihr ganzer Ideen- kreis sich unablässig um den einen Mittelpunkt bewegte: das eigene vergötterte Ich. Er sah es nicht, konnte es nicht sehen; die Leidenschaft mit ihrem Feuerbrand blendete seine Augen. Wie verzückt konnte er sie anschaNen, wenn sie ihm — er war ein Frühaufsteher und liebte einen Ritt durch taufrische Wiesen und Wälder — im Frühstückszimmer im weißen, schleppenden Gewände, die wundervolle Haarfülle frei über den Rücken wallend, den schönen Knaben im Arm, entgegentrat. Mit stolzem, glück- lichein Lächeln schloß er sie dann beide in die Arme, seinem Töchterlein, welches mit brennenden Augen von ferne stand, kaum flüchtig zunickend. Und doch war er jetzt anders, wärmer zu der Kleinen als bisher. Teilte er von seinem inneren Glück mit, merkte er an dem Ueber- schuß von Zärtlichkeit, welche er für den Sohn hatte, wie sehr er sein ältestes Kind bisher darben ließ, oder rührte es ihn, Dinas Entzücken zu sehen, wenn das Brüderchen ihr zulächelte, ihr jauchzend die Aermchen entgegenstreckte? ^Und das that das kleine Menschenkind mit immer größerer Vorliebe. Die beiden waren gut Freund mit einander^ Tie Schwester war ständiger Gast im Kinderzimmer und die entzückteste BewuNberin der sich dort täglich kräftiger entfaltenden Lebenskraft. Welche Ereignisse: Wolfs erster Zahn, seine ersten stammelnden Laute, die ersten ängstlichen, unbeholfenen Schrittchen. Die schöne Mutter ließ sich dergleichen Freuden herzlich gern entgehen. Noch immer begrüßte sie allmorgendlich in anmutigster Pose mit dem Knaben den Gemahls aber damit schien sie sich aller Mutterpflichten los und ledig zu halten. „Bubi ist entzückend, ein reizender kleiner Schelm! — Bubi hat wohl schon wieder ein paar Zähnchen mehr? — Bubi läuft wohl nächstens?" — aber das' alles nur im Fluge, in vorsichtiger Entfernung. Die kleinen Knabenhände konnten schon recht kräftig zugreifen und trugen kein Bedenken, die kunstvolle Frisur, den duftigen Spitzenbesatz des seidenen Kleides zu zerstören. Und dann hatte Gräfin Lori Wellinghausen auch, je älter ihr Knabe wurde, desto weniger Zeit für ihn. Im Sommer reiste sie in trgenjb ein vornehmes Modebad, im Winter mußte man notgedrungen wenigstens die erste Saison in der Residenz verleben — man war es seinem Stande schuldig, und ivozu hatten die Wellinghausen ihr prächtiges Palais dort? — und war man zu Hause, so gab es Jagden, Ausslüge, Bälle und Gelage, denen man sich doch unmöglich entziehen konnte. „Und nicht wahr, Achim, das verlangst Du auch gar nicht? Wolf ist in bester Hut — der Junge versprecht ein Hüne wie sein Vater zu werden — und warum soll man das Leben nicht genießen, so lange man jung und schön ist? Oder bin ich das nicht mehr?" Dabei legte sie die weichen, weißen Arme so fest um des Grafen Nacken, lächelte ihn so berückend mit den braunen Augen an, daß die Falte zwischen seinen Augenbrauen, welche jetzt manchmal dort wieder zum Vorschein kam, schwand, und er hingerissen die roten Lippen, deren süßer Hauch die seinen streift, küßte. (Fortsetzung folgt.) Malle Storcks Werbung. Humoreske von Teo v. Torn. Nachdruck verboten. „Na, Herr Konsul--seltsames Zusammentreffen, was?" Leutnant z. S. Emanuel — genannt Malle — Storck zog seinen prächtigen braunen Schnurrbart durch die Finger rind blinzelte den steifleinenen alten Herrn mit so listiger Ueberlegenheit an, daß dieser sich vor Zorn an seinem Rotspon verschluckte. Zum Ueberfluß streckte Malle Storck nun auch noch den mit der blanken Krone bestickten Arm aus und schlug den hanseatischen Geschäftsträger Sr. Majestät des Königs 267 von Dänemark, Herrn Konsul Jens Peter Erkensen, hilfreich und zuthunlich. aufs Kreuz. Der alte Herr rückte mit einer heftigen Bewegung ab. Um seiner Entrüstung noch anders Luft zu machen, wie er das, nach seinem Japsen zu urteilen, gerne wollte, dazu fehlte ihm momentan der Atem. Nachdem er sich mit seinem buntseidenen Taschentuche umständlich die Augen getrocknet, barg er das faltige blaurasierte Kinn in der altmodisch geknüpften schlohweißen Halsbinde und wollte den dreisten jungen Mann gerade zurechtsetzen, als der Geheime Ad- miralitätsrat von Groone, welcher die Herren für ein paar Augenblicke allein gelassen hatte, wieder das gemütliche Box des Ratskellers betrat. „Nehmen Sie's nicht übel, Herr Konsul", sagte der dicke, kurzluftige Rat, indem er sich niederließ und eine Ecke des Tisches geschäftig abzuräumen begann, „der Rote ist bildschön, aber ich habe nun schon zwei Pullen davon im Leibe, und da ist mir, offen gestanden, ein bischen schlabberig. Seien Sie jetzt mal mein Gast, und ich werde Ihnen etwas zu trinken geben, was der ärmste Mensch genießen kann, wenn ihm schlecht ist. Prost Rest, meine Herren!" Damit hob er sein Glas und goß es mit dem spitzen Munde des Genußmenschen hinter die Binde. Malle Storck folgte dem guten Beispiele jedoch nicht, ohne den Rest unter höflicher Verbeugung speziell dem gnatzigen alten Herrn zu weihen, welcher sich bei der Proposition des Rats ohne rechten Erfolg um ein freundliches Gesicht bemühte. Herr Konsul Erkensen wußte aus Erfahrung, was solche Mariniers zu leisten vermögen. Das allein aber wäre nicht so schlimm; man konnte sich ja einrichten — wie heute z. B. mit zwei Glas, während die anderen zwei Flaschen intus hatten. Aber wenn diese Leute auftauten, dann hatten sie so besondere Getränke, aus die sie stolz waren, weil sie sie selbst mischten, und die bei aller Verschiedenheit der Namen durchweg das eine gemeinsam hatten, schrecklich schnell betrunken zu machen. Und wirklich schwenzelte der Kellner mit einem großen Tablett an, ans welchem ein vielversprechendes Stillleben arrangiert war — zwei aufeinanderpassende silberne Mischbecher, Eis, Eier, Sherry, Madeira, Cognac, Angostnra rc. „Nun, Storck — dalli, Ihren berühmten Cocktail!" ermunterte der Rat leuchtenden Auges. Und nach ein paar geübten Griffen raffelte unter den schüttelnden Händen des Leutnants das Eis in den Bechern wie eine samoanische Kriegstrommel. Dabei sah Malle Storck den alten Herrn so verheißnngsvoll an, als wenn er sagen wollte: „Na Du kannst Dir gratulieren!" Dieser nnterhielt sich zwar angelegentlich mit dem Rat, aber einzelne Seitenblicke ließen doch erkennen, daß er nicht übel Lust hatte, sich mit dem jungen Menschen zu prügeln. Eigentlich war es auch zum Teufel holeu. Bor ein paar Wochen erst hatte er dem windigen Leutnant rund nud deutlich sein Haus verboten, weil er die Stirn gehabt, schon zum zweiten Male um Henny Erkensen, das schönste und reichste Mädchen sämtlicher freien Reichsstädte, anzuhalten. Als ob die Tochter des Handelsfürsten Erkensen jemand anderes heiraten dürste, als mindestens einen Handelsprinzen. Henny selbst schien zwar aus der guten hanseatischen Art schlagen zu wollen — aber das kam blos daher, weil ihr dieser Thunichtgut schon als Primaner den Kopf verdreht hatte. Vor ein paar Wochen also hatte er der Sache radikal ein Ende gemacht. Und Jens Peter Erkensen hielt die Lösung trotz der Thränen auf der einen und der unverschämt lächelnden Zuversicht auf der anderen Seite für eine endgiltige. Denn wenn Malle Storck auch ein Windhund war, dessen Gymnasiastenstreiche noch in aller Munde lebten, so war er jetzt doch Offizier und würde nach dem unzweideutigen Verbot das alte Patrizierhaus in der Dyvekestraße als Tabu betrachten. Die Hoffnnng, den unbequemen Freier überhaupt nicht wiederzusehen, hatte sich leider nicht erfüllt. Der Konsul war wie aus den Wolken gefallen, als ihm vom Reichs- Marineamt der Geheime Admiralitätsrat von Groone und der seiner besonderen Fachkenntnisse wegen zur Werst- Sektion kommandierte Leutnant z. S. Emanuel Storck zwecks Abnahme der letzten Teakholz-Lieferung avisiert wurden. Ein Glück war es, daß sein Haus zur Zeit innen und außen von Maurern und Malern belagert war und die Renovierungsarbeiten einen schicklichen Grund gaben, die Herren nicht daheim zu bewirten. So saß er denn jetzt neben dem zurückgewiesenen Eidam, welcher eben die Gläser mit einer ganz verdächtigen gelben, starkdustenden Flüssigkeit füllte. Sein väterliches Patrizierherz lehnte sich ans gegen die Nachbarschaft eines Menschen, welcher schon so viel Aerger und Unruhe über sein sonst so korrektes, sriedsames Haus gebracht. Ter Kaufmann in ihm dagegen bedingte Duldung, ja sogar eine gewisse äußere Liebenswürdigkeit. Die Geschäfte hatten sich — abgesehen von ein paar niederträchtigen Bemängelungen seitens des Sachverständigen, Lentnants Storck —• ziemlich glatt abgewickelt, und der Konsul fühlte sich verpflichtet, den Herren Bescheid zu thun. Tas Zeug schmeckte übrigens nicht schlecht. Bei aller Konsistenz hatte es einen nur leicht süßen, überaus würzigen Geschmack, welcher zu dem vorweg genossenen Rotwein vorzüglich „stand" und audji durchaus den Eindruck der Ungefährlichkeit machte. Jens Peter Erkensen hatte erst ein- oder zweimal mit hochgezogenen Augenbrauen vorsichtig genippt und nahm nun einen kräftigen Schluck. Als er das Glas bedächtig uiedersetzte, drückte er schmeckend die Lippen zusammen und wiegte voller Anerkennung sein würdiges Haupt. Na, Herr Konsul — was sagen Sie nun?" interpellierte der Rat mit triumphierendem Ausblick. „In der That, ein wohlschmeckendes Getränk", erwiderte der alte Herr, indem er wie zur Bethätigung seines Lobes das Glas nochmals an die Lippen siihrte. Aber er konnte sich nicht enthalten, die im Grunde doch nur dem Leutnant gespendete Anerkennung wenigstens durch eine kleine Malice einzuschränken; und so sägte er denn mit einem gekniffenen.süßsauren Lächeln hinzu: „Haben sehr bemerkenswerte Fähigkeiten, unsere jungen Herren von heute." In Malle Storcks hübschem Gesicht spielten eine ganze Anzahl undefinierbarer Schalke. Plötzlich wurde er ernst und schüttelte langsam den Kops. „Es ist eigentlich furchtbar häßlich von Ihnen, Herr Konsul", meinte er dann, indem er die Schultern wie unter einem leichten Seufzer hob und gleich darauf trübselig zusammensackte, „entschieden häßlich, daß Sie unsere kleinen Meinungsverschiedenheiten immer hervorkehren. Mein verehrter Chef, der Herr Geheimrat, muß fast glauben, daß Ihr Wohlwollen für mich ein begrenztes ist —" Jens Peter Erkensen hob sein Kinn aus der Binde und wollte schon die Versicherung abgeben, daß diese Annahme durchaus den Thatsachen entsprechen würde — aber er brachte es doch nicht recht heraus. Er sühlte ein sonderbares leichtlebiges Wohlwollen in sich, das ihm Dinge von der humoristischen Seite zeigte, die er sonst nur bitter ernst zu behandeln pflegte. Also stimmte er in das gemütliche Auflachen des Admiralitätsrats ein. „Sie müssen nämlich wissen, Herr Geheimrat", wandte der Leutnant sich an dielen, „daß ich mit meinem väterlichen Freunde, Herrn KMsul Erkensen, der mich schon seit meiner Knabenzeit kennt und schätzt, in einigen kleinen Ansichtssachen disharmoniere. So verficht er seftlängerem schon die Aussassung, daß ich kein geeigneter Schwiegersohn für ihn wäre, wohingegen ich der begründeten Meinung bin, daß ich die ausgesucht vortrefflichsten Qualitäten für diese angenehme Stellung in mir vereinige. Des weiteren ist Herr Konsul des Glaubens, daß die zwei handlichen Körbe, welche er mir hat zuteil werden lassen, mich entmutigen müßten, das Glück seiner Familie anzustreben. Das' ist ein Fehlschuß, der auf einer kränkenden Verkennung meines guten Herzens beruht und--" „Holla", unterbrach ihn der Konsul so geräuschvoll lustig, daß Malle Storck aus seiner geduckten Haltung auf» schaute und sich, auch an den geröteten Ohren und fidelen Augen des sonst so gestrengen Herrn, höchlichst ergötzte, „holla, mein junger Freund, nur sachte gespaßt! Nach unserer letzten Rücksprache —" „Werde ich Ihr Haus nicht eher und nrcht anders wieder betreten", ergänzte der Leutnant gelassen, „wie als Schwiegersohn." - 268 — „Das werden Sie nie!" rief der alte Herr mobil und zuversichtlich, nach einem kräftigen Zug Cocktail. „Nie werden Sie auch nur Gelegenheit haben, eine erneute Werbung anzubringen — es fei denn, daß Sie--" „Zwischen Rotwein und Cocktail? Nein, niemals, Herr Konsul. Ich werde mir erlauben, morgen mittag zwischen Zwölf und Eins in. aller Form noch einmal vorzusragen. —_ Bitte ---" fügte er hinzu, indem er den lebhaft gestikulierenden alten Herrn mit seinem Stuhl niederdrückte, „ohne natürlich die Schwelle Ihres Hauses zu betreten oder zu überschreiten." „Also auf der Straße etwa?!" „Aber ich bitte Sie, Herr Konsul! Außerdem weiß ich, daß Sie zwischen Zwölf und Eins stets zu Hause sind." „Nun wohl, so werden Sie schreiben, und ich werde Ihren Brief nicht beantworten!" „Ich werde nicht schreiben, sondern den Borzug haben, mich persönlich zu erkundigen, inwieweit Sie sich zu meiner Ansicht bekehrt haben." Malle Storck verzog keine Miene, sondern schickte sich mit ruhiger Selbstverständlichkeit an, einen zweiten Cocktail zu brauen. Der Konsul sah mit einem seiner weniger schlauen Gesichter von dem köstlich amüsierten Geheimrat auf dessen Adlatus. Nach wenigen Sekunden konsternierten Schweigens aber überkam ihn eine solche unbändige Heiterkeit, daß er buchstäblich Thränen lachte. „Nein — das ist köstlich! Haben Sie es gehört, Herr Geheimrat? Leutnant Storck geht in die vierte Dimension! — Wissen Sie, junger Freund", rief er, indem er mit dem Taschentuch in der Linken sich die Augen betupfte und mit der Rechten sein Glas hinhielt für die neue Auflage des „wohlschmeckenden Getränks, „— wenn Sie das zu Wege bringen, dann glaube ich auch noch an ein anderes Wunder, daß Sie nämlich doch noch ein vernünftiger Mensch — Pardon, in meinem Sinne vernünftig —1 werden könnten! Darauf trinken wir, meine Herren! — Als Malle Storck an drei oder vier Stunden später den hanseatischen Geschäftsträger Sr. Majestät des Königs von Dänemark, Herrn Konsul Jens Peter Erkensen, durch den großen prächtigen Vorgarten bis hart an die Schwelle seines Hauses begleitete, apostrophierte dieser seinen neuen jungen — Duzfreund mit unsicherer, sehr gerührter Stimme: „Du bist ein lieber Kerl — und Du kannst mir einen Kuß geben, weißt Du — aber — heiraten werde ich Dich nicht — auf keinen Fall--und über meine Schwelle kommst Du mir auch nicht--" Am anderen Morgen war der Konsul höchst ungnädiger Stimmung — und das hielt so ziemlich bis zum Lunch an, den er mit seiner runden freundlichen Gattin allein einnahm, weil Fräulein Henny Erkensen wegen verweinter Augen sich nicht an den Tisch traute. Es war ein herrlicher, sonniger Mittag. Die Maler hatten ihr Gerüst draußen verlassen, und man konnte die Fenster aufsperren. Das erfrischte den alten Herrn sichtlich, und er aß mit relativ gutem Appetit. Die kleinen Einzelheiten von „Odysseus Heimkehr", welche die kleine Frau Konsul mit Bezug auf gestern abend zum Besten gab, waren zum Teil zwar etwas genierlich für einen älteren Herrn, der nur noch in der Kirche und dann natürlich nicht den „Herrn v. Rodenstein" zu singen pflegte; aber es war doch vieles so überwältigend komisch dabei, daß er schließlich von der neckischen Heiterkeit seiner Gattin sich fortreißen ließ. — Als der Geheime Admiralitätsrat von Groone sich melden ließ, um, wie verabredet, die Abnahmescheine zu unterzeichnen, war die Stimmung des alten Herrn eine so vorzügliche, daß er weder an den roten Augen seines gleichzeitig eintretenden Töchterchens noch auch daran Anstoß nahm, daß der joviale Geheimrat alsbald auf den Leutnant z. S. Emanuel Storck, auf seine Tüchtigkeit und voraussichtlich glänzende Carriere zu sprechen kam. „Alles sehr schön und gut", erklärte der Konsul nicht unfreundlich!, indem er "dem Gaste Rotwein einschenkte, „aber der junge Herr ist ein Windbeutel und Flausenmacher — erklärte er nicht gestern, hier noch einmal seine Werbung Vorbringen zu wollen, ohne die Schwelle meines Hauses zu überschreiten — —" Jens Peter Erkensen hatte noch nicht ausgesprochen, als sein Töchterchen mit einem Schrei aufsprang, um dann ihr Taschentuch mit beiden Händen gegen den Mund zu pressen. In demselben Moment ertönte vom Fenster her ein munteres „Guten Morgen!" Malle Storck, itn Dreimaster und Epaulettes und Schärpe, balanzierte auf dem schwankenden Malergerüst, wie auf einer Mars-Raae und grüßte freundlich hinein; dann stützte er sich mit beiden Händen auf das Fensterbrett und sagte: „Herr Konsul — gnädigste Frau--ich bitte um die Hand Ihrer Tochter!" In seinem ersten Schreck hatte der Konsul eine Butterdose ergriffen, um sie nach dem unerhörten Eindringling zu werfen. Er mußte aber das Projektil wieder sortstellen — wenn er nicht sein Töchterchen treffen wollte. Und „Nein!" durfte er schon gar nicht sagen; denn nach seinen strengen Grundsätzen mußte ein Mann, der von einer Tochter in Gegenwart der Eltern so furchtbar abgeküßt wurde, diese Tochter nolens volens auch heiraten. — GeMeinnütziges» Gleichmäßig grünen Rasen zu erzielen und zu erhalten ist besonders in Gärten ohne Wasserleitung schwer, und doch verlangt Auge und Schönheitsgefühk solchen Rasen während des ganzen Sommers. „Der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau" schreibt in feiner neuesten Nummer: Die wundervollen Rasenanlagen Hamburgs, die mit ihrem samtartigen Smaragdgrün bis in den spätesten Herbst hinein einen entzückenden Anblick gewähren, werden ebenso sorgsam wie Blumenbeete behandelt. In den Gärten der reichen Besitzer wird der Rasen jedes Jahr umgegraben und frisch mit Raygras besäet. Alle 10 Tage wird gemäht, gejätet, gewalzt und jeden Abend, mit Ausnahme der Regentage, mit Wasser besprengt. Das ist natürlich ein kostspieliges Vergnügen, das nicht jeder sich erlauben kann, aber es geht auch mit geringerem Kostenaufwand. Ich kenne Rasenplätze hier int Norden, die vor 15 Jahren angesäet, noch heute so schön grün und rein von Unkraut. sind, wie frisch angelegte. Es kommt nur darauf an, für solche Dauerrasen Dauergräser zu säen und den Graswuchs möglichst kurz und dicht zu halten. Dadurch verschwindet viel Unkraut von selbst. Besagter fünfzehnjähriger Rasen wird alle 12 Tage mit der Maschine geschnitten, gejätet und gewalzt. Es ist leicht ersichtlich, daß bei einem so häufig ausgeführten Jäten nur wenig Unkraut aufkommen kann und diese Arbeit daher jedesmal in kurzer Zeit sich ausführen läßt. Auch das Mähen und Walzen erfordert mit der Maschine keine besonderen Kräfte, und jeder Gartenbesitzer kann ohne allzugroße Mühe selbst oder mit Hilfe der ©einigen ohne fremde Kräfte die Arbeit besorgen. Hierzulande machen sich die jungen Mädchen oft ein Vergnügen daraus, die Mähmaschine zu handhaben. Geographisches Berschiebrätsel. (Nachdruck verboten.) Nebenstehende geographische Namen sollen derart unter einander geschoben werden, daß eine Buchstabenreihe entsteht, welche von oben nach unten gelesen, den Namen eines Flusses in Afrika ergießt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Anagramms in voriger Nummer Harfe — Hafer. Oporto Brasilien England Aegypten Serajewo Helgoland Sofala Florida Nubien Sansibar Afghanistan Reboltion: r. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erb eni in Kietzen.