MM SS^^teb sSÄiilBi 3®ö?cnn 5)11 ^’e Welt willst sehn mSCT Und ihre Gestalten fassen, Must du drauf aus nicht gehn, Dich selber mir sehn z» lassen. Rückert. gMea—eaggg-______■'■■"■■ Nachdruck verboten. Heimatlos. Roman von R. P. Roe. (Fortsetzung.) VII. Neue Pläne. Die beiden folgenden Wochen gingen still vorüber. Eines Morgens saß Frau Howell mit Mildred traurig in ihrem Zimmer. Sie hatten einen Brief von Howell erhalten, aus welchem sie erfuhren, daß er keine Fortschritte gemacht hatte und daß einige Agenturen, die er übernommen hatte, nur wenig einbrachten. Mildred grämte sich bitterer als je über die Zeit des müßigen Wartens und wurde dadurch oft reizbar. Mehr als einmal hörte Robert, wie sie Bella und die Kinder mit einer Schärfe und Ungeduld zurechtwies, welche bewiesen, daß sie nicht engelhaft war. Doch dies beunruhigte ihn nicht- denn er wünschte weder ein Engel zu sein, noch mit einer so unbequemen Vollkommenheit etwas zu thun zu haben. Ein menschliches, vernünftiges Mädchen war mehr nach seinem Geschmack. „Mildred, sagte Frau Howell, ich habe schreckliche Ahnungen und kann mir nicht verzeihen, daß ich nicht früher Tag und Nacht an Sparsamkeit gedacht habe. Was werden wir machen, wenn wir kein Geld mehr haben?" Bella und ich müssen arbeiten, sagte Mildred mit Entschlossenheit, und es ist eine Schande, daß wir noch nicht begonnen haben. „Was könnt Ihr thun, wenn es Eurem Vater nicht gelingt?" „Was andere arme Leute auch!" „Ich kann dieses trostlose Warten und die Trennung nicht länger ertragen!" Dies schrieb sie ihrem Vater und wurde ruhiger in Erwartung der Antwort. Mit jedem Tage bestärkte sich ihr Entschluß, dieser Spannung ein Ende zu machen. Eines Morgens fand sie den Farmer und seine Frau mit Vorbereitungen beschäftigt, zum Markt in der Stadt zu fahren, mit Butter, Giern und anderen ländlichen Produkten. Sie erhielt zugleich die Erlaubnis, sie zu begleiten, und machte einige geheimnisvolle Einkäufe in der Stadt. Seit dieser Zeit bemerkte Robert, daß sie fast immer in ihrem Zimmer war. Sie wußte auch die flatterhafte Bella zu ver- anlasfeu, daß sie auf den kleinen Fred und Minute Acht hatte. Sie behielt ihr freundliches, fröhliches Wesen bei, aber Rodert sah ein, daß er vergessen war. Doch mit jeder Stunde wuchs seine Sympathie, und gelegentlich, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, bemerkte er einen ängstlichen Blick in ihren Augen, als ob sie von ernsten Befürchtungen verfolgt würde. In solchen Augenblicken empfand er den Antrieb zu Thaten unerhörter Selbstaufopferung. Er verbarg jedoch seine Gefühle vor seiner Mutter und Schwester, welche eine große Veränderung an ihm wahrnahmen, aber er leitete sie irre, indem er sagte: Ich hatte einen Zank mit Amalie Stone. „Nun, die wäre die letzte in der Welt, um die ich mich grämen würde, wenn ich ein Mann wäre, meinte Susanne. „Du bist eben kein Mann, und außerdem gräme ich mich auch nicht, aber ich muß etwas thun in der Welt, und daran denke ich." „Er wächst, sagte die Mutter mit Stolz, und diese Theorie war für sie eine genügende Erklärung seines veränderten Wesens." In dieser Zeit trug sich Robert mit ernsten Plänen. Er wollte eine Stellung erringen, die ihn an Mildreds Seite erheben würde. Er hatte genügendes Selbstvertrauen, um nicht daran zu zweifeln, daß er die Höhe des Erfolges erreichen werde. Er wußte einen Weg, um ihr Vergnügen zu machen, und benutzte ihn so gut er konnte. Er arbeitete fleißig im Hause, nachdem die Tagesarbeit gethan war, um überall Verschönerungen anzubringen. Er schnitt das Gras im Hof vor dem Hause, besserte den Zaun aus und strich ihn an, und auch an den Blumenbeeten waren seine verschönernden Hände eifrig thätig. Gegen Abend verließ Mildred das HauS, um einen Spaziergang zu machen und ihren trüben Gedanken zu entgehen. „Was soll aus uns werden?^ dachte sie. Wir haben nicht Geld genug für den ganzen Sommer, wenn wir hier bleiben, und der Vater schreibt so entmutigt. Wenigstens bin ich nicht länger müßig, ob meine Arbeit etwas einbringt oder nicht. Roberts Jagdwagen stand vor der Thüre, und er war im Begriff, eine Kiste aufzuladen. „Ach, Herr Atword, rief sie. Es hat schon lange den 18 Anschein, als ob eine gute Fee im Hause an der Arbeit wäre." „Wenn eS Ihnen gefällt, so bin ich reichlich belohnt, erwiderte er errötend." „Wenn es mir gefällt?" wiederholte sie erstaunt. „Nun, es wird allen gefallen, besonders Ihrer Mutter und Susanne." „Kann sein, aber ich dachte nur daran, daß das alles jetzt mehr dem ähnlich ist, an was Sie gewöhnt sind." „Nun ich hoffe, Sie haben sich nicht meinetwegen alle diese Mühe und Sorge gemacht!" „Ich habe mir gar keine Sorge gemacht, aber Sie sind in Sorge, Fräulein Howell, und vielleicht werden diese Blumen Sie etwas erheitern." „Ich habe keinen Anspruch auf solche Aufmerksamkeit, erwiderte sie zögernd mit einem forschenden Blick." Obgleich er sehr verlegen war, hielten seine schwarzen Augen denselben ohne Schatten aus. „Können Sie diese Blumen nicht von mir annehmen?" fragte er. „Ich verstehe Sie nicht, erwiderte sie verwirrt." „Fräulein Howell, rief er Plötzlich, ich würde die ganze Welt dafür geben, wenn Sie mir Ihre Freundschaft schenken würden. Sie würde mir so unendlich viel nützen!" „Mister Atword erwiderte Mildred mit einem Lachen, das mit einigem Verdruß gemischt war, Sie lassen sich von Ihrer Phantasie betrügen, und ich fürchte, Sie geben sich absurden Gedanken hin. Aber Sie sind gutmütig, und ich will darum aufrichtig gegen Sie sein. Wir sind in Sorge. Verluste und Mißgeschick haben meinen Vater betroffen, wir sind verarmt, und werden vielleicht noch ärmer werden. Vielleicht werde ich bis zum Ende meines Lebens Arbeiterin sein, und darum bitte ich Sie, machen Sie keine Heldin aus mir, das wäre eine zu grausame Satire auf mein prosaisches Los!" „Sie verstehen mich nicht, erwiderte er, vielleicht verstehe ich mich selbst kaum. Wenn Sie glauben, daß mein Kopf voll von sentimentalem Unsinn sei, so wird die Zeit Ihnen beweisen, wie sehr Sie sich irren. Ich habe viel gelernt, seit ich Sie kenne, und kann mein altes Leben nicht fortsetzen. Vielleicht erscheine ich Ihnen noch linkisch und lächerlich, aber die Zeit wird kommen, wo Sie sich meiner Freundschaft nicht schämen werden. —" „Was veranlaßt Sie, zu glauben, daß ein einfaches Mädchen, wie ich Ihnen helfen könne?" „Sie sind ungerecht gegen sich selbst und gegen mich, erwiderte er. Ich habe noch wenig von der Welt gesehen, aber ich erkannte sofort Ihre Ueberlegenheit. Ich habe unsere ländlichen Schönheiten mit Ihnen verglichen, und auf den ersten Blick erkannt, daß sie neben Ihnen nur irdenes Geschirr sind." Mildred konnte sich nicht enthalten, laut zu lachen. „Wenn Sie Ihre Illusionen so schnell verlieren, sagte sie, so werde ich wohl auch bald an die Reihe kommen, und dann nur Fayence neben irgend einem Stück von echtem Porzellan sein." „Sie mögen über mich lachen, aber eines Tages werden Sie finden, daß ich nicht so thöricht bin, wie Sie glauben!" Mildred befand sich in einem Zustand unangenehmen Erstaunens. Sie konnte sich die Veränderung, die in ihm vorgegangen war, nicht erklären. Er bat um Freundschaft, aber sie zweifelte stark daran, ob ihm diese lange genügen würde. Sie wünschte sehr, dieses Gespräch abzubrechen und aller Annäherung von seiner Seite enthoben zu sein, denn der bloße Gedanke an Worte der Liebe von ihm oder irgend einem andern, als Arnold Vinton, erregte ihren heftigen Widerstand. Als sie sich umsah, um ihre Flucht vorzubereiten, sah sie einen Herrn rasch auf das Haus zukommen. Nach kurzem Zögern eilte sie ihm entgegen. „Willkommen, Willkommen, Papa!" rief sie. VIII. Beratungen. Robert sah, wie Mildred sich in die Arme des hochgewachsenen Herrn warf, deffen dunkle Augen feucht wurden bei der leidenschaftlichen Begrüßung seiner Tochter. „Ich habe einen schlechten Eindruck gemacht, murrte er, und er wird vielleicht lange nachwirken." Dieser Empfang des alten Herrn überzeugte Frau Atword, daß seine lange Abwesenheit nicht durch einen Familienzwist verursacht war. Er wurde von allen stürmisch begrüßt, und die Kinder wollten keinen Augenblick seine Arme verlassen. „Fanny, sagte er zu seiner Frau, ich hatte mir gelobt, nicht früher hierherzukommen, bis ich eine Stellung habe, welche Dir ein sorgenloses Leben sichern würde. Aber solche Stellen sind besetzt, und wenn sie frei werden, werden sie mit Verwandten oder mit jüngeren Kräften besitzt. Aber meine Freunde arbeiten noch immer sür mich, und vielleicht gelingt es mir, einen bedeutenden Geschäftsverkehr mit dem Süden anzuknüpfen. Trotz dieser hoffnungsvollen Aussichten bemerkte Mildred, daß er an diesem Abend mehr als einmal seufzte. Spät am Abend während die Kinder schliefen, sprachen die Eltern in Mildreds Gegenwart noch lange über bte Zukunft. Howell wünschte, daß sie auf dem Lande bleiben und vielleicht ein kleines Haus in «Forestville mieten sollten. „Nein, Martin, erwarte Frau Howell, die Trennung muß aufhören. Jetzt, wo Du wieder da bist, erkenne ich erst, daß der Druck auf meinem Herzen weniger durch den Verlust und durch die Aussicht auf Armut, als durch die Sehnsucht hervorgebracht wurde. Mein Platz ist bei Dir! Aber hier müßig zu sitzen und zu warten, ist unerträglich." „Mama hat recht, bestätigte Mildred. Papa, wir müssen eine kleine Wohnung mieten, unseren Mitteln entsprechend, und ein neues Leben beginnen. Es wird nicht lange dauern, bis Bella und ich Arbeit finden." „Es ist bitterer als der Tod sür mich, erwiderte er, daß meine Frau und Töchter um ihr Brot arbeiten müssen." „Papa, rief Mildred, wäre es nicht unendlich bitterer, das Gnadenbrot zu essen?' „Ich will nicht behaupten, daß ich Mühe und Armut liebe, aber es ist nicht meine Absicht, ruhig zu sitzen und die Hände zu ringen. Nur, wenn wir uns der Hoffnungslosigkeit überlassen, sind wir verloren. Wir wollen zusammenbleiben und unsere Anstrengungen vereinigen." „Wirklich, rief Howell, vereint mit solch einer Frau und solchen Kindern kann man großes ausführen. Aber es ist wie in der Armee: Wenn einer seinen Platz im Glied verloren hatte, so war er allen im Wege und wurde überall umhergestoßen, und wenn er schwach war, seinem Schicksal überlassen. Die Welt geht ruhig weiter und tritt den unter die Füße, der seinen Halt verloren hat." „Unverzagt, rief Mildred, indem sie ihre Arme um seinen Hals legte. Es giebt Tausende, die viel schlimmer daran sind als wir, also Mut gefaßt! Es wird eine Zeit kommen, wo wir eine schönere Heimat haben werden als je!" Dann, um ihre Eltern zu erheitern, hauptsächlich aber in der Absicht, die Abreise zu beschleunigen, erzählte Mildred ihre Unterredung mit Robert, den sie nicht ohne Gewissensbisse etwas karrikierte. Frau Howell nahm gutmütig seine Partei. „Mildred, Du bist ungerecht und satirisch, sagte sie, ich bin überzeugt, er ist ein ehrenwerter junger Mann." „O Mama, wie gut Du bist! Wenn Du nichts anderes von einem Menschen zu sagen weißt, so behauptest Du, er sei wohlwollend, aber niemals werde ich solchen ehrenwerten jungen Mann heiraten." „Sie waren alle getröstet, und die Hoffnung kehrte wieder." Mildred war noch nicht lange in ihrem Zimmer, als sie das Knirschen der Räder von Rodens Wagen auf dem Kies vernahm. Lächelnd dachte sie: Er muß ein willigeres Öhr und Herz gefunden haben, als das meinige, weil er so lange ausblieb! IX. In Banden. Früh am nächsten Morgen wurden die Vorbereitungen zur Abreise begonnen. Howell suchte Robert auf dem Felde auf, um sich mit ihm wegen seiner Sachen zu besprechen, und Robert war gern bereit, ihn am Nachmittag an den Landungsplatz des Dampfboots zu fahren. Als Howell sich entfernte, sah ihm Robert nach und bemerkte, daß der alte Herr, anstatt nach Hause zurückzukehren, sich bei einer Baumgruppe niedergelegt und sein Gesicht mit den Händen bedeckt hatte. Es ist eine Schraube los bei dem Alten, murmelte er. Sein Benehmen ist zu sonderbar. Da sitzt er und grämt sich unter diesem Baum, während er doch nur noch wenige Stunden bei seiner Familie zuzubringen hat. Noch viel schwärzere Gedanken waren es, welche Howell verfolgten, während er an Roberts Seite bleich und schweigend zum Dampfboot fuhr. Er dachte an den schweren Kamps mit Not und Entbehrung, der ihm und seiner Familie bevorstand, und noch größer war seine Angst bei der Erkenntnis seines wirklichen Zustandes. „Wird es mir gelingen, die Kette zu brechen? fragte er sich zweifelnd. Die hungrige Gier nach Moiphium war seit Wochen immer stärker geworden, und immer häufiger griff er in seiner Verzweiflung nach diesem trügerischen Mittel. Er hatte das Farmerhaus mit dem Entschluß verlassen, das Gift nicht wieder anzürühren. Robert fuhr vor dem großen Hotel vor und sagte: „Entschuldigen Sie, Herr Howell, ich habe eine kleine Besorgung hier, die mich aber nicht lange aufhalten wird." Nachdem er sein Geschäft besorgt hatte, stand er vor der Thüre des Speisesaals und beobachtete einen jungen Mann, welcher langsam auf ihn zukam. Der Fremde war fast so hoch gewachsen als Robert, aber viel schmächtiger. Sein Wesen zeigte Müdigkeit und Schwäche und seinem Gang sehlte Festigkeit. Seine Augen waren trüb und apathisch. Plötzlich, als er Howell erblickte, schien er ihn zu erkennen. Er zögerte einen Augenblick und schritt dann hastig auf Howell zu, sobald aber der alte Herr ihn erkannte, wandte er sich hochmütig zur Seite. Der junge Mann errötete tief, blieb einen Augenblick unschlüssig stehen und wandte sich dann mit einem raschen Blick nach Robert um, und verschwand. Ehe Robert den Wagen bestiegen hatte, kam der Eigentümer des Hotels heraus und rief ihn zurück, weil etwas vergeffen worden war. Diese Unterbrechung war geheimnisvoll für Howells gute Entschlüsse. Arnold Vinton, welcher die Zuneigung seiner Tochter gewonnen, aber dem Anschein nach nicht die Kraft hatte, auch im Mißgeschick treu zu bleiben, konnte er nur mit Abscheu ansehen, und der Geoanke an den Reichtum und Luxus, in dem der junge Mann lebte, während Howell für seine Familie und seine schöne Tochter eine billige Mietwohnung suchen mußte, brachte ihn dem Wahnsinn nahe. Er trat rasch in ein kleines Nebengebäude, nahm seine Morphiumspritze heraus, und im nächsten Augenblick strömte das Gift durch sein ganzes Nervensystem. Noch ehe Robert wieder erschien, hatte Howell den Wagen wieder bestiegen. Jetzt aber strahlten seine bisher trüben Augen in hellem Glanz und seine Zunge wurde gesprächig. — »Haben Sie den jungen Mann gesehen, mit dem ich nicht reden wollte?^ fragte er. „Ja, erwiderte Robert." „Das ist ein erbärmlicher Mensch. Er war einer unserer Freunde aus ter guten Zeit, welcher verschwunden ist, sobald der Himmel sich bewölkte. Jetzt treibt er sich hier in dem teuren Hotel herum, aber die Zeit wird kommen, wo wir ihm aupeis ge^e, über stehen. Ich habe Pläne, geschäftliche Aussichten — Und nun f chr er fort, seine Pläne in so unsinniger, übertriebener Weise zu entwickeln, daß Robert ihn in stummem, starren Erstaunen ansah und an seinem Verstand zweifelte. Er konnte sich die plötzliche Veränderung in dem alten Herrn nicht erklären, er hatte nicht getrunken, denn an seinem Atem war nichts zu merken, aber sein Gesicht war gerötet und er schien sich in einer seltsamen Aufregung zu befinden, die ihn veranlaßte, seine wirren Pläne in einer Weise auszusprechen, wie sie kein vernünftiger Mann, am allerwenigsten einem Fremden gegenüber, äußert. Als sie den Landungsplatz erreichten, stand die Sonne schon tief im Westen, und Howell war wieder stiller und träumerischer geworden. Vor der Abfahrt ging Robert nochmals auf das Verdeck, um zu sehen, wie sich der alte Herr befinde. Howell erwachte aus träumerischem Nachdenken, als Robert ihn anredete. „Bitte, bestellen Sie meiner Familie, sagte er, daß sie mich gesund und wohl verlassen haben, und nach einer ruhigen, etwas förmlichen Verbeugung versank er wieder in seinen träumerischen Zustand." Als der Dampfer abgefahren war, ging Robert nach dem Hotel zurück. Selbst inmitten seines Morphiumrausches hatte der Vater zu viel Zartgefühl beseffen, um Mildreds Namen ober Vintons Absichten zu erwähnen. Aber der scharfsinnige Bursche hatte den Eindruck, daß der elegante, junge Fremde in früheren, besseren Tagen ein begünstigter Verehrer gewesen sei, und darum erwachte der lebhafte Wunsch in ihm, den Mann zu sehen und zu beobachten, welcher, wie er vermutete, Mildreds Beifall gefunden hatte. (Fortsetzung folgt.) Vom Monat Januar. Januar 1900 Jetzt sind sie wieder da die schönen Abende der Winterfestlichkeiten in denen das Licht der Kronleuchter auf kunstvoll gedeckte und mit der Küche Feinheiten besetzte Tafeln und auf fröhliche Menschen herniederstrahlt. Für die kulinarischen Bedürfnisse dieser Gesellschaften liefert der offene Markt wohl nur den geringsten Teil, es strömt dazu wohl mehr aus dem reichen Füllhorn der Delikateßläden, die fast täglich Neuheiten bieten. Durch die Eisenbahn, die bereits die dunkelsten Erdteile durchbraust und durch unsere Handelsschiffe werden uns von Jahr zu Jahr neue Früchte, Gemüse und andere Produkte aller Erdteile und Zonen zugeführt. Auf den offenen Marktplätzen hat sich nun die winterliche Ruhe und Gleichmäßigkeit eingerichtet. Die anhaltende Kälte hat dem Gemüsehandel außerordentlich geschadet. Präserven und Konserven gewinnen täglich an Wichtigkeit, da von frischen Gemüsen meist nur Kellervorräte dargeboten werden, sogar Grün- und Braunkohl schon knapp wird und Wirsing oder Welschkohl sehr mäßig ist. Wurzelgemüse wird durch Erdrüben vertreten, die in guter Zubereitung mit Hammel- oder Pökelfleisch, auch Pökelgans, eine recht annehmbare Speise sind. Zwiebeln werden merklich teurer. Je eintöniger das Bild des Marktes wird, um so reicher entfaltet sich die Gemüse- und Fruchtpracht in den Delikateßläden. Da sieht man französische Bohnen, englische Treibgurken, Bleichsellerie, Treibspargel, jungen Treibsalat, frische Tomaten, Artischocken, und Cardy oder Cardone. Dieselbe ist bekanntlich eine Kulturform der Artischockendistel und liefert eßbare fleischige Blattstiele, die sorgfältig in Stroh gebleicht werden. Sie wird in größerem Umfange in Spanien und Frankreich kultiviert. In der feinen Küche findet sie gleiche Verwendung wie die Artischocke mit dem Unterschied, daß von der Artischocke der fleischige Fruchtboden der Blütenköpfe genossen wird, während von Cardy die Blattstiele verwendet werden. Gut zubereitet ist sie nicht blos, von der äußeren Erscheinung abgesehen, der Artischocke vollkommen ebenbürtig, sondern verdient wegen ihres kräftigen Geschmackes als Gemüse sogar den Vorzug. Cardy mit Brühe oder Knochenmark ist das non plus ultra der Gemüse, daß nur leider nicht jedem ans den Tisch kommt. Die gelblich weiß gebleichten Blatt- ‘2Ö stiele werben von beit Stacheln befreit, in fingerlange Stücke geschnitten, in kochendem Wasser blanchiert, in kaltem Wasser abgekühlt nnd mit einem Tuche die äußere faserige Haut abgerieben. Alsdann werden sie nochmals gewaschen, in kräftiger Brühe, aus 10 Gramm Liebig's Fleisch-Extrakt, weich gekocht, die Brühe mit in Butter geschwitztem Mehl verdickt, mit Citronensaft geschürft, mit Salz und Cayennepfeffer gewürzt und einige Minuten darin aufgekocht. Dieses Gemüse dient als Beigabe zu gebackener Kalbsmilch, Hühnerkoteletts oder ähnlichen Fleischspeisen, ganz besonders wohlschmeckend aber ist es zu Fray Bentos Zungen. Neben Treibsalat und Gurken sind Sellerieknollen, Esearole, große breitblättrige Endivien und starke Rapon- tikawurzeln ein ausgezeichneter Tafelsalat, letzterer ist leicht verdaulich, wohlschmeckend und die Tafel zierend. Man schabt und säubert die Wurzeln, wäscht sie mehrmals, kocht sie in schwachgesalzenem Wasser weich und schneidet sie in dünne schräge Scheiben. Hierauf mischt man drei Löffel Oel, 3—4 Löffel Essig, etwas Salz und 3 Gramm Liebig's Fleisch- Extrakt, welches man in kochendem Wasser aufgelöst hat, zu einer Sauee, giebt dieselbe über die Rapontikascheibeu und benützt Rapünzchen zur Garuierung. Trotz der auch im Süden herrschenden Kälte werden Trüffeln von Perigord noch immer geliefert. Auch sehen wir schon gute Treibchampignons. Die Obstvorräte des Marktes nehmen sehr ab und beschränken sich fast nur auf minderwertige Aepfel, die wenig verlockend sind. Die edleren Obstsorten, die uns die Delikateßläden bieten, umfassen kostbare Tiroler und Italienische Tafeläpfel, Duchesse-Birnen, blaue englische Treib- Haus-Trauben, Weintrauben und Orangen, die von Woche zu Woche besser werden, sowie Datteln, Feigen, Mandeln und alle Sorten Nüsse. Von heimischem Wild ist der Hase noch immer der wesentlichste Vertreter. Der Jagdschluß für Hasen im Januar verursacht eine allgemeine Steigerung für Wildbret, die sich namentlich für Hasen und Fasanen geltend macht. Kaninchen werden viel und in großer fetter Winterware angeboten, finden aber trotz ihrer Billigkeit nur wenig Beachtung. In Deutschland wird das Kaninchen für die feine Küche gern umgangen, in Holland, Frankreich und England hat die bürgerliche Küche es vollständig angenommen. Für das teurer werdende Rehwild bietet das Renntierfleisch guten Ersatz. Gutes Schwarzwild wird in den Delikateß- und Wildhandlungen angeboten, in junger Ware (Frischlingen) teurer, von alten Tieren billig. Das Fleisch des Wildschweines, namentlich der jungen Tiere ist sehr geschätzt, es ist sehr schmackhaft, leichter verdaulich als das des zahmen Schweines und vereinigt mit dem Geschmack des Fleisches zahmer Schweine den vortrefflichen Wildgeschmack. Außer dem Braten, zu welchem der Rücken die Keule oder das Blatt verwendet wird, giebt das Kochbuch noch Anweisungen zu vielerlei Zubereitungen, wie Ragout, Rouladen rc., und Wildschweinkopf bietet noch immer eine beliebte Erscheinung auf jeder Herrentafel. Sogar Wurst von Wildschwein soll von Liebhabern ganz besonders wohlschmeckend befunden worden sein. Brehm erzählt, an egyptischen Seen, wo die Wildschweine in gewaltigen Rudeln hausen, beschäftigen sich europäische Fleischer Monate lang mit der Jagd dieses, von den Mu- hamedanern mißachteten unreinen Tieres, bereiten aus dem Fleisch der erlegten Tiere Würste, welche sie mit gutem Gewinn verkaufen. Das wohlschmeckendste aber von allem ist ein gut zubereiteter Frischlingsbraten. Das Fleisch wird sauber enthäutet, fein gespickt, mit Salz bestreut in die Pfanne gelegt und mit der gebräunten heißen Butter übergossen, in den Bratofen gesetzt und unter fleißigem Begießen mit Brühe aus 10 Gramm Liebig's Fleisch-Extrakt gebraten. Alsdann bereitet man eine Sauee aus ein Viertel Liter Grundsauee, ein Viertel Liter Rotwein, je zwei Eßlöffel Johannisbeer- und Himbeersaft, Nelken, etwas Citronensaft, 1 Stengel Majoran und 30 Gramm gestoßener Schwarzbrotrinde, streicht dieselbe durch ein Sieb, benutzt die Sauee zum Zugießen und läßt den Braten in derselben ein bis eineinhalb Stunden garbraten. Er muß schön glasiert aussehen und die Sauee recht pikant schmecken. Wildgeslügel ist in großer Auswahl zu haben. Im Januar beginnt die große Saison für Mastgeflügel, es liefern die Geschäfte die Produkte in- und ausländischer Mastanstalten. Von Hausgeflügel werden Suppenhühner knapp, und Tauben fehlen empfindlich. Für die großen Diners ist die Auswahl an Fischen sehr reich, besonders fein sind Lachs, Steinbutt und Forelle. Krebse sind in allen Arten vom Oderkrebs bis zum lebenden Hummer und dem riesigen Langusten vorhanden. Kaviar wird immer milder im Kern und Salz, aber nicht billiger, ebenso sind Austern sehr gut aber teuer. Literarisches. Einen ganz eigenartigen Charakter hat die illustrierte Berliner Wochenschrift „Der Bär" angenommen. Von dem Grundsätze ausgehend, daß das gesamte deutsche Reich mit der Reichshauptsiadt durch tausendfache Bande aus das innigste verknüpft ist, hat diese Zeitschrift ihr Arbeitsgebiet über ganz Deutschland ausgedehnt und bringt nunmehr Landschafts- und Srädiebilder von überall her; sie vermittelt dadurch die Kenntnis der deutschen Stämme und Gaue untereinander. In der ersten Nummer des neuen Jahrgangs finden wir beispielsweise vortrefflich ausgefllhrte Illustrationen aus Dresden und Hamburg. Die Artikel, denen sie als Schmuck dienen, sind flott und unterhaltend geschrieben. Ein anderer Artikel vergleicht das gesellschaftliche Leben in Berlin und Paris. Seit „Der Bär" im Verlag von Friedrich Schirmer, Berlin SW., Neuenburger Straße 14a, erscheint, hat er sich sehr zu seinem Vorteil verändert und modernisiert. Da zur Kenntnis des modernen Lebens und seiner sozialen Erscheinungen auch ein Einblick in die wirtschaftliche Bewegung gehört, wird dem „Bär" eine besondere Gratis-Beilage „Der Reichsaar" beigelcgt, der in unparteiischer und unabhängiger Weise die Vorgänge auf den Warenmärkten Deutschlands und des Auslandes schildert. Hervorragende Neuheiten auf technischem Gebiet werden eingehend besprochen, so daß der „Reichsaar" Industriellen und Kaufleuten unentbehrlich werden 'dürfte. Auch unseren Frauen bringt „Der Bär" eine Gabe im „Franenspiegel", der in vorzüglichen Holzschnitten die neuesten Moden für Damentoiletten und Kinderkleider vorführt. Praktische Artikel aus dem Gebiete der Gesundheitspflege, der Kindererziehung rc. und eine Fülle von Handarbeitsmustern und kunstgewerblichen Vorlagen werden den Inhalt des „Frauenspiegel" auf das glücklichste vervollständigen. Für Unterhaltung sorgt eine heitere Novelle von Robert Kohlrausch „Wotans Verlobung"; eine Erzählung von Ernst von Wildenbruch wird diesem litterarischen Werke folgen. Trotz der Vielseitigkeit des „Bär" und seiner Beilagen bleibt der Abonnementspreis der alte. (Vierteljährlich 2.50 Mark, Einzelheft 20 Pfg.) Wir können den „Bär" mit bestem Gewissen unfern Lesern als eine gediegene und vornehme Zeitschrist empfehlen. Humoristisches. Vorsichtig. Wirt (in der Sommerfrische zu einein Fremden): „Kommen Sie vors' Haus, Herr Müller, ein wunderbar schöner Regenbogen steht am Himmel." — Fremder: „Kostel's was?" Zur Beherzigung. Die Ansichtskarte — so bös wär' sie nicht, Beschrieb' sie nicht jeder mit einem Gedicht. Drum heißt cs an alle die Mahnung zu richten: Lerne schreiben, — ohne zu dichten! Kapselrätsel. (Nachdruck verboten.) Aus dem ersten und dem letzten der folgenden Wörter sind je drei, aus jedem der übrigen Wörter zwei zusammenhängende Buchstaben zu entnehmen, sodaß sich daraus ein Sprichwort ergiebt. Neunaugen — Nebelhorn — Waschkcssel — Heldentod — Spitzkegel — Radfahrer — Fensterbrett — Bauerngut. ' Auflösung folgt in nächster Nummer. Auflösung der Skataufgabe in voriger Nummer: (Mit a, b, c, d werden die vier Farben bezeichnet; also a — Eichel, Treff; b — Grün, Pique; c = Rot, Coeur; d — Schellen, Carreau; A — Aß; II — Unter, Wenzel, Bube; D = Dame, Ober.) Vorhand hatte a D, a 8, b D, b D, b 9, b 8, b 7, d A, d 9, d 8, d 7, im Skat lagen a 7 und b K; Rest zur Hinterhand. Verlauf des Spieles: 1. V. dA. M. d v. H. bA — 25. 2. V. d 9. SW. dK. tp. a Z = — 14. 3. H. o Z. V. a D. M. v A — — 24. Sa. — — 63 Augen. Redaktion: E, Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.