(Nachdruck verboten.) Geächtet. Roman von Lothar Brenkendors. (Fortsetzung.) Siebentes Kapitel. lieber die Zustände in Ostpreußen, insbesondere der preußischen Provinz Litauen, hatte 1739 der damalige Kronprinz Friedrich aus Insterburg an seinen Freund Voltaire geschrieben: „Mein Vater war erschüttert von dem allgemeinen Notstand. Er kam an Ort und Stelle, sah selber dieses weithin verwüstete Land mit all den Schreckensspuren; welche eine ansteckende Krankheit, die Hungersnot, und die schmutzige Habsucht der Minister hinter sich gelassen hatte; zwölf oder fünfzehn entvölkerte Städte, vierhundert oder fünfhundert verlassene Dörfer, das war das traurige Schauspiel, das sich seinen Blicken darbot. Weit entfernt, zurückzuscheuen vor so abstoßenden Dingen, fühlte er sich ergriffen von dem lebhaften Mitgefühl und entschloß sich; Menschen, Wohlstand, Handel wieder aufleben zu lassen in einer Gegend, die fast das Aussehen eines Landes verloren hatte. Seitdem hat er keine Ausgabe gescheut, um seine wohlthätigen Absichten auszusühren. Er machte Anordnungen voll Weisheit, baute alles wieder an, was die Pest verheert hatte, ließ Tausende von Familien aus allen Winkeln Europas kommen. Die Aecker wurden wieder bestellt, das Land bevölkerte sich aufs neue, der Handel blühte wieder auf, und jetzt herrscht der Wohlstand in dieser fruchtbaren Gegend mehr als je. Litauen hat mehr als eine halbe Million Einwohner, mehr Städte, mehr Herden als ehedem, mehr Reichtum und Ergiebigkeit als irgend ein Fleck in Deutschland. Und alles was ich ihnen gesagt habe, ist einzig und allein dem König zu danken, der nicht blos angeordnet, sondern der Ausführung selber vorgestanden, die Pläne allein entworfen und allein durchgeführt hat. Nicht Sorge und Mühe, nicht Ströme von Geld noch! Versprechungen und Belohnungen hat er gescheut, einer halben Million denkender Wesen zu Glück Sonntag den 12. Angust iiTi II i I'i.IIbHu Spot I Ml WKW ' r IMl" er???'11'■ MMW i —n flirlii jb WWW WWNk ümmjuiL ie Sonnenblume liebt das Licht, Sie will sich stets zur Sonne drehen; So mußt du Gottes Angesicht, Willst du nicht irren, auch ansehen. Ter steegen. und Leben zu verhelfen, die ihm allein ihr Gedeihen und Fortkommen zu danken haben". Wie wenig aber stimmte zu diesem lachenden Bilde das Aussehen der vielgeprüften Provinz um die Zeit des Hubertusburger Friedens. Jener Landstrich zumal, der zwischen der Inster und dem Königreich! Polen lag, glich völlig einer wilden, seit Menschengedenken nicht mehr bewohnten Wüstenei, darin man tagelang reisen konnte, ohne auch nur einem menschlichen Wesen zu begegnen. Furchtbarer als die schrecklichsten Seuchen hatte der unerbittliche Krieg unter den Ansiedlern und ihrer mühsam errungenen Habe gehaust. Jahrelang hatten die Russen hier als unumschränkte Herren gewirtschaftet und Städte und Dörfer erbarmungslos gebrandschatzt und ausgeplündert. Dann waren preußische Streifkorps oder kleine Armeen gekommen, um den Feinden blutige Gefechte zu liefern. Wohl waren sie oftmals als Sieger aus diesen Zusammenstößen hervorgegangen, aber die Schlachten waren doch auf preußischer Erde geschlagen worden, und sie hatten überdies keinen anderen Erfolg gehabt, als daß die Russen unmittelbar nach dem Abzüge der preußischen Truppen zurückkehrten, um mit verdoppelter Grausamkeit ihren Grimm an den unglücklichen Bewohnern auszulassen. Die Dörfer und Gutshöfe wurden niedergebrannt, das Vieh fortgeschleppt oder erschlagen, und glücklich waren üoch diejenigen Landleute zu preisen, die durch schleunige Flucht wenigstens das nackte Leben zu retten vermochten. Weitaus die meisten gingen durch Hunger und Seuchen zu Grunde, wenn sie nicht den Mißhandlungen ihrer barbarischen Feinde erlagen. Das erbarmungswürdige Litauen war im eigentlichsten Wortsinne zu einem Lande des Todes geworden. Daß die Kriegsschrecken hier schon um ein Jahr ftüher als im übrigen Preußen ein Ende erreichten, vermochte an dieser traurigen Lage nichts mehr zu ändern. Friedrichs unversöhnliche Gegnerin, die russische Kaiserin Elisabeth, war ani 5. ,Januar 1762 gestorben, und ihr Nachfolger, Peter III., der zu den begeisterten Verehrern des genialen Preußenkönigs gehörte, beeilte sich, als der erste die große Koalition zu durchbrechen und die Hand zum Frieden zu bieten. Von russischen Soldaten war hinfort nichts mehr zu fürchten, und einzelne der versprengten Ansiedler wagten es daraufhin in der That zurückzukehren. Aber sie vermochten kaum noch die Stätte zu finden, auf der sich einst ihre Hütten erhoben. Ihre Felder waren verwüstet, von ihrer Habe war nichts mehr vorhanden, sie besaßen weder Vieh noch Gerätschaften, um auch nur den winzigsten Acker neu zu bestellen, und ihre Hoffnung, als Tagelöhner einen kümmerlichen Unterhalt zu gewinnen, schwand bald dahin, als sie wahrnahmen, daß auch die meisten der großen 450 Gutshöfe von ihren Besitzern oder Verwaltern längst verlassen waren. Wenn dieser entlegenste Teil seiner Monarchie nicht auf Jahrzehnte hinaus ruiniert bleiben sollte, mußte König Friedrich wohl auf außergewöhnliche Mittel sinnen, ihm beizustehen. Und eine der einschneidendsten Maßnahmen, die er im Interesse der unglücklichen Provinz für geboten hielt, war jene von den Betroffenen mit wahrem Entsetzen aufgenommene Verfügung an die litauischen Domänenbesitzer. Es war ein drastisches Heilmittel, wie es eben nur durch die schwere Gefahr gerechtfertigt werden konnte; aber die weitsichtige Klugheit Friedrichs bewährte sich! auch hier in einem Erfolg, tote er auf anderem Wege schwerlich! erreicht worden wäre. Ein Teil jener adeligen Familien, die von Friedriche Wilhelm I. zur Belohnung für irgend welche Verdienste mit Domänen in Litauen beschenkt worden waren, hatte durch den Krieg und durch die unseligen Münzverhältnisse, die sich in seinem Gefolge herausgebildet, so schwere Ver- mögenseinbnßen erlitten, daß von neuen Opfern, ungeachtet aller patriotischen Gesinnung, nicht mehr die Rede sein konnte. Diese Bedauernswerten liehen ihre unter den gegenwärtigen Umständen für sie ohnedies wertlosen Besitzungen lieber im Stich, als daß sie sich und ihre Angehörigen einem höchst ungewissen Schicksal überlieferten. Die Wohlhabenden aber leisteten mehr oder weniger ttnder- willig dem Machtwort des Königs Folge und machten durch ihre Rückkehr die so lange verwaisten Güter zu wrllkom- menen Zufluchtsstätten für jene ehemals selbständigen Bauern, die jetzt glücklich waren, um geringen Lohn als Knechte arbeiten zu dürfen und so wenigstens dem langsamen Hungertode zu entrinnen. Der erste Winter war allerdings für alle Beteiligten nodt schwer und entbehrungsreich genug. Im Frühling des Jahres 1764 aber ging man doch schon besseren Mutes an die Arbeit, und inmitten der öden Wüsteneien zeigten sich wenigstens hier und da sorgfältig bestellte Felder. An einem dieser ersten linden Frühlingstage traf Elisabeth von Marschall nach langer und beschwerlicher Reise auf oft kaum passierbaren Wegen in Lasdehnen ein Wie Charlotte es so zuversichtlich vorausgesagt, war Frau von Menzelius nicht einen Augenblick darüber km Zweifel gewesen, daß sie ihre tapfere Nichte begleiten müsse, sobald sie Elisabeths Entschluss als ein en unerschütterlichen erkannt hatte. Nur die alte, halbblinde Sophie hatte man gut versorgt zurückgelassen, um sich tu Begleitung einer neu engagierten Jungfer und emes zuverlässigen Dieners auf die mühselige, bet den damalrgen Zeitverhältnissen keineswegs gefahrlose Retse nach dem entlegensten Winkel der Monarchie zu begeben. Ohne mancherlei bedenkliche Abenteuer und aufregende Zwischenfälle war es denil auch! keineswegs abgegangen. Elisabeths Klugheit und Entschlossenhert aber, rhre vornehme, imponierende Erscheinung und thr sicheres Auftreten hatten jede Fährlichkeit siegreich überwunden, ^hre immer gleiche Ruhe, der heitere Gleichmut, den ste allen Strapazen und Hindernissen gegenüber bewahrte, hatten sowohl auf die ängstliche Verzagtheit der Frau von Menzelius als auf Charlottens launenhafte Ungeduld überaus wohlthätig eingewirkt, und namentlich die kleine korpulente Witwe befand sich aus der letzten Strecke ihres Weges beständig in einem gewissen freudigen Erstaunen, daß ste wider alle Erwartung diese „Todesfahrt" recht munter und wohlbehalten überstanden. Gerade auf dieser letzten Wegstrecke aber wurde Elisabeth von Marschall stiller und ernster, als sie es während der vorhergegangenen Tage gewesen war Ste hatte sich als halberwachsenes Mädchen etmge Zeit mit ihren Eltern in Lasdehnen aufgehalten und das Bi d der blühenden fruchtbaren Gefilde durch die sie damals gefahren war, stand noch so deutlich vor ihrer Seele, daß die grauenhafte Veränderung sie wohl traurig und fchweig- sam machen mußte. Was man ihr auch immer über den schrecklichen Zustand des Landes berichtet hatte, hinter dieser trostlosen Wirklichkeit blieben doch selbst ihre düstersten Vorstellungen noch weit zuruck. Und der Anblick der Landschaft wurde immer trübseliger, je naher sie ihrer eigenen, hart an der russischen Grenze gelegenen Besitzung kam. Von bebauten Aeckern und Wiesen zeigte sich nirgends eine Spur; aber hier und da bezeichneten rauchgeschwärzte Trümmerhaufen die Stätten, wo sich einst die Niederlassungen friedlicher, arbeitsamer Menschen befunden hatten Und wenn auch die Ueberreste unbestatteter Leichen nicht, wie Frau von Menzelius es befürchtet, zu Taufenden umherlagen, so waren fie doch schon mehr als einmal auf einen nahe beim Wege grinsenden Totenschädel, oder auf ein von Wölfen und Aasvögeln sorgfältig abgenagtes, schneeweiß glänzendes Tiergerippe Einzig den herrlichen litauischen Wäldern hatten die Greuel des Krieges nichts von ihrer Pracht und ernsten Majestät zu rauben vermocht. Ja, sie waren nur großartiger, üppiger und wilder geworden in diesen sieben Jahren, wo keines Holzfällers Axt mehr in ihnen erklungen war. Das Unterholz hatte sich fast überall zu undurchdringlichem Dickicht entwickelt, und es gab weite Strecken, wo man sich ohne alle Zuhilfenahme phantastischer Vorstellungen in einen Urwald versetzt glauben konnte. Das Wild schien sich ins unermeßliche vermehrt und alle Scheu vor dem Menschen abgelegt zu haben; denn rudelweise traten Hirsche und Rehe bei dem Geräusch der Wagenräder zwischen den Stämmen hervor, um mit großen, neugierigen Augen die unbekannte Erscheinung der schwerfälligen Reisekutsche zu betrachten. Zu den alten Bewohnern des Waldes aber hatten sich, inzwischen neue gesellt, die man sonst nimmer im Zustande ungebundener Freiheit dort angetroffen. Als die Reisenden zum erstenmale einer Herde verwilderter Rinder begegnet waren, die in ungestümen Sätzen dahinjagten, hatte Charlotte laut ausgeschrieeu vor Erstaunen und kindlichem Vergnügen. Allgemach aber war ihnen dies seltsame Schauspiel immer häufiger zu teil geworden, und ein paarmal hatten sie aus der Ferne auch große Trupps von offenbar herrenlosen Pferden wahrgenommen, die den Wagen freilich niemals nahe genug an sich herankommen ließen, um den Insassen eine gemächliche Beobachtung ihrer übermütigen Spiele zu gestatten. Für Charlotte und selbst für Frau von Menzelius, die uachgerade einen guten Teil ihrer Aengstlichkeit verloren hatte, waren das sehr angenehme und unterhaltende Abwechslungen gewesen; Elisabeth aber sah darin nur weitere, traurige Zeichen der hier von Menschenhänden angerichteten Verwüstung, und ihr mutiges Herz wurde von schwerer Bangigkeit beschlichen bei dem Gedanken an die ungewisse Zukunft, der fie in dieser Wildnis entgegenging. Wohl war sie aus Mühsal und harte Arbeit gefaßt gewesen, das aber, was allem Anschein nach hier auf sie wartete, ging doch vielleicht über ihre Kraft. Ein drückendes Gefühl der Verlassenheit stahl sich in ihre Seele, und mit dem ganzen Aufgebot ihres starken Willens mußte sie die Thräuen zurückdräugen, als endlich im Abendsonnenschein die Ueberreste des sonst so stattlichen Herrenhauses von Lasdehnen vor ihren Blicken auftauchten. (Fortsetzung folgt.) Das Jubiläum eines Wüstlings. Historische Reminiseenz von Dr. Walter Goehring. (Zum 13. August.) Nachdruck verboten. Die Brühlsche Terrasse ist die Perle und der Stolz der schönen sächsischen Residenz. Von ihr aus genießt der entzückte Beschauer eine wunderbare Aussicht auf den herrlichen Elbstrom mit seinen Dampfern, Lastschiffen und Kähnen, auf die anmutigen Ufer, die malerischen Bergeshöhen und Brücken und einen Teil der prächtigen Gebäude der an stolzen Bauten so überreichen Stadt. Wenige erinnern sich bet diesem Anblick wohl des Mannes, dessen Namen die Terrasse trägt, und wer es thut, ist weit entfernt, seiner dankbar zu gedenken; denn Reichsgraf Heinrich v. Bruyl, der allmächtige Minister August III., Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen, ist eine der schmachvollsten Figuren der Geschichte Sachsens und der Weltgeschichte überhaupt, das Urbild eines erbärmlichen Schmarotzers 451 und Favoriten, und auch, die herrliche Terrasse erschuf er nicht zum Wohle und zur Freude der Stadt, sondern wie alles andere, nur für sich selbst und seinen Gebrauch. Nur das eigene jammervolle Ich füllte das verbrecherische Leben dieses gewissenlosen Günstlings aus, der alle Interessen des Landes und seines Fürsten, selbst die heiligsten, nur seiner maßlosen Verschwendung und Genußsucht, seinem grenzenlosen Egoismus dienstbar machte. Das Unglück von Tausenden verschuldete dieser Minister, wie er nicht sein soll; über Elend und Not schritt er erbarmungslos hinweg, die Gerechtigkeit machte er zur feilen Dienerin seiner Interessen, und ein gewisser, ihm nicht abzusprechender Kunstsinn wurde entweiht durch die Mittel, welche er Zu seiner Befriedigung anzuwenden sich nicht scheute. Schon der Ehrgeiz und die Prunksucht Augusts des Starken hatte über das arme Land unnützes Unglück heraufbeschworen. Unsinnige Kriege hatten es verwüstet, die Krone Polens, für welche der ehrsüchtige Kurfürst den Glauben seiner Väter abschwor, kostete dem unglücklichen Sachfen Blut.und Geld in reichem Maße. Hoffnungsvoll richteten sich aller Blicke auf den Nachfolger, Augusts einzigen legitimen Sohn August II. oder vielmehr August III., wenn man ihn als sächsischen Kurfürst und nicht als polnischen König registriert. Das stattliche, majestätische Aeußere des neuen Monarchen 'versprach, einen thatkräf- tigen, energischen Mann, doch der Augenschein täuschte, wie so oft, auch, hier. Wenn auch nicht so sinnlich wie sein Vater, war der neue Kurfürst doch ein unselbständiger, Phlegmatischer Mann, der sich zwar für Kunst und Wissenschaft interessierte, aber den Geschäften des, Regenten keinerlei Teilnahme abgewinnen konnte. An seiner Stelle regierte schrankenlos und willkürlich, ganz wie ein Monarch sein erbärmlicher Günstling Brühl. In dessen Händen lag die Entscheidung über Krieg und Frieden, über Ehre und Gerechtigkeit, über das Wohl und Wehe von Millionen — der König war nichts als feine Puppe, die sich begnügte, wenn die ungeheuren Summen, deren er für seine Neigungen bedurfte, ohne Stockung in seine Hände flössen. Wo sie sein Günstling hernahm und wie er sie erpreßte, darnach, fragte der schwache Monarch nicht, ja er überhäufte den gewissenlosen Minister mit immer Neuen Ehren und Reichtümern. Brühl hatte es verstanden, wie kein anderer, sich, em- porzuschwingen. Am 13. August 1700 zu Weißenfels war die Menschheit mit diesem seltenen — Diplomaten beglückt worden. Sein Vater bekleidete den Rang eines Oberhofmarschalls und Geheimrats am Hofe des Herzogs von Sachsen-Weißenfels. Heinrich v. Brühl begann seine Laufbahn als Page und wußte sich durch sein geschmeidiges Wesen bald die Gunst König Augusts des Starken zu Erwerben. Im Jahre 1727 ernannte ihn der König zum Kammerjunker, 1731 zum Obersteuereinnehmer, General- accisendirektor, Direktor des Departements des Innern und Geheimen Rat, 1733 zum Kammerdirektor — und alle diese Aemter bekleidete der Günstling, ohne zu ihrer Verwaltung die geringsten Kennttsisse oder überhaupt etwas anderes mitzubringen, als den festen Entschluß, sich nach Möglichkeit zu bereichern und die Wünsche seines Herrn .bedingungslos Zu erfüllen, allen seinen Launen zu fröhnen, mochten sie ihn mit dem, was andere Leute Gewissen nennen, auch in noch so bedenklichen Konflikt bringen. Als echter und rechter Favorit wandte er seine Blicke sofort nach; dem Tode seines Gönners dem neu ausgehenden Sterne zu. Kaum hatte August der Starke die Augen geschlossen, so nahm Brühl die Krone und die Reichskleinodien Polens in Besitz und eilte damit nach Dresden, um sie dem Sohne Augusts zu überbringen. Seinen Bemühungen war es zum größten Teil zu danken, daß der neue Kurfürst auch wieder an Stelle seines Vaters zum König von Polen gewählt wurde — daher kam es, daß sich Brühl auch bei August III., der ihn bis dahin nicht sonderlich- leiden mochte, schnell genug in Gunst setzte und von diesem in allen seinen Aemtern bestätigt wurde. Brühl ließ kein Mittel unversucht und unbenutzt, sich des Königs Gnade Zu erhalten. Er schloß innige Freundschaft mit dem Günstling des neuen Herrschers, dem Grafen v. Sulkowski, um durch diesen dem Kurfürsten um so besser empfohlen zu werden, sobald er aber der Freundschaft Sulkowskis nicht mehr bedurfte, und sich sicher genug in Augusts Gunst fühlte, zettelte er allerhand Jntriguen gegen ihn an, die schließlich zu dessen Entlassung führten. Seine Heirat mit der Tochter der Oberhofmeisterin der Kurfürstin, der Gräfin Kolowrat-Krakowski, hatte ebenfalls nur die Sicherung seiner Stelle §unt! Zwecke, und in der That befestigte e.r sich bald mit solchem Erfolg in der Gnade, schlich, er sich fo in das Vertrauen des Monarchen, daß dieser ihn von Stufe zu Stufe zu immer höheren Würden erhob. Schon 1733 ernannte er ihn zum Kabinettsminister und Inspektor über sämtliche Staatskassen. 1737 zum Chef des Augwärtigen Departements und zum dirigierenden Oberkämmerer. Ja, im Jahre 1747 schuf er einen ganz neuen, in Sachsen bisherunbekannten Rang für den Günstling, indem er ihn zum Premierminister mit beinahe unumschränkter Machtvollkommenheit erhob. Natürlich, blieb es nicht blos bei den Rangerhöhungen, sondern Brühl empfing auch wie wir weiter unten sehen werden, allerhand klingenden und anderen Lohn für seine „unschützbaren" Dienste. Um sich gegen Jntriguen oder auch gegen die Stimmen der Wahrheit falls diese einmal bis zu den Ohren des Königs dringen würden, zu schützen, umgab Brühl den König vollständig mit seinen Kreaturen, wie er auch für seine eigenen Zwecke die erbärmlichsten Emporkömmlinge benutzte, da selbstverständlich, alle ehrenhaften Männer unter einem solchen Regime sich zurückzogen. Seine Vertrauten waren u. a. der Oberkonsistorialpräsident v. Glo- big, der Kanzler v. Stamer und der frühere Lakai Heinicke. Niemand erhielt Zutritt zum König, außer durch ihn, selbst die Kabinetsminister dursten den Monarchen nur in seiner Gegenwart sprechen. Sogar die eigene Familie wußte er dem kurzsichtigen Gebieter zu entfremden. Zwei Ziele hatte der Minister ausschließlich im Auge: dem Könige und sich Geld zu verschaffen. Um diese Ziele zu erreichen, waren ihm alle Mittel recht. (£r trieb Schacher mit Stellen, verkaufte Sachsens auswärtige Politik, erhöhte die Steuern ins ungemessene, verminderte das Heer, um die frei werdenden Summen für sich und den König zu verwenden, hielt die Gehälter zurück und beugte in gewissenlosester Weise durch seine Organe im Interesse der Reichen und Mächtigen das Recht. Wehe dem, der sich zu beklagen suchte/ das Gefängnis war ihm sicher! Um die unzufriedenen Elemente kennen zu lernen, ließ der Minister die der Post anvertrauten Briefe erbrechen — wie er auch die von der preußischen Regierung an den preußischen Gesandten einlaufenden Sendungen heimlich abfangen und öffnen ließ, um Preußens Absichten kennen zu lernen. Die Staatsschulden stiegen immer mehr, so daß der Staat die Zinsen kaum mehr zahlen konnte, die Steuerscheine, das Papiergeld des Staates, waren dadurch fast wertlos geworden, trotzdem mußten alle Depositen- und Mündelgelder gegen solchen Steuerschein umgetauscht werden! Im Jahre 1756 befanden sich die Gehälter seit 22 Monaten im Rückstand; das Heer wurde nach und nach von 42 000 auf 19 000 Mann vermindert, aber nicht zur Entlastung des gedrückten Volkes, sondern um die frei werdenden Gelder für die Kasse des Königs und die eigene zu erlangen. Dabei fehlte es den Soldaten am nötigsten, es gab keine kläglichere Armee in Europa. Der Sold war seit Jahren im Rückstände, man hatte weder Pferde, noch Munition, noch andere notwendige Gegenstände. Während das Volk darbte, lebte Brühl herrlich und in Freuden und häufte Reichtümer auf Reichtümer. Der „edle" Mann verfolgte die einträgliche Praxis, wenn er ein neues Amt erhielt, die früher bekleideten nicht niederzulegen, sondern sie sämtlich beizubehalten und für alle die Gehälter einzustecken, während die betreffenden Arbeiten von schlechtbezahlten Subalternen erledigt wurden. Schon diese Methode verschaffte ihm ein fürstliches Einkommen, denn er bezog 1756 bereits 60 000 Gulden monatlichen Gehalts. Außerdem versorgte ihn sein König mit gut rentierenden Rittergütern, 1740 bekam er die Herrschaften Forsta und Pfördten, 1746 Gangloff-Sömmern und zur Entschädigung für seine Verluste im siebenjährigen Kriege die Starostei Zips. Auch in Polen erwarb er, nachdem er, dem Beispiel August des Starken folgend, zur katholischen Kirche übergetreten war, großen Landbesitz und bekleidete mehrere einträgliche Aemter, andere übertrug 452 er seinen Söhnen. Am 27. Mai 1737 erhob Kaiser Karl VI. den mächtigen Günstling in den Reichsgrafenstand. Seine Politik war die für Sachsen verderblichste. Die Neutralität Sachsens im österreichischen Erbfolgekriege verkaufte er an Frankreich für jährliche 2 Millionen Livres. Anfangs mit Sachsen auf feiten Friedrichs des Großen stehend, rief er, von dessen Gegnerin Maria Theresia erkauft, plötzlich ohne Wissen seines Gebieters die Armee von Friedrichs Seite hinweg, und schürte seitdem unablässig durch seine Gesandten zum Kriege gegen den Preußenkönig, den er grimmig haßte. So trieb er das unglückliche Land in einen neuen furchbaren Krieg hinein, während er ihm zugleich aus Geldgier die Mittel zur Verteidigung immer mehr entzog, dadurch, daß er die Armeeschwächte und herabsetzte. Die Folgen blieben nicht aus. Sachsen war, als der siebenjährige Krieg ausbrach, völlig ungerüstet, die ganze Armee mußte, von Hunger überwältigt, die Waffen strecken und wurde ohne weiteres zwangsweise dem preußischen Heer einverleibt. An Brühl, den er als Urheber des Krieges gegen sich betrachtet, rächte sich Friedrich der Große durch Zerstörung des Schlosses in Pfördten und seines Palais und Gartens in Dresden; der Schuldige selbst entging leider seiner Rache, denn der Kurfürst su>nd sein würdiger Minister warteten den Krieg, den sie angezettelt hatten, in ruhiger Sicherheit in Polen ab, während das sächsische Volk unter den Schrecken des Feldzugs unsäglich zu leiden hatte. Wofür verwendete nun Brühl die von ihm erpreßten ungeheuren Summen? Der Minister setzte seinen Stolz darin, den luxuriösesten Haushalt Europas zu haben. Kein König von seinen Zeitgenossen, sagt Archenholtz, kam ihm vielleicht an häuslichem Glanz und Ueppigkeit gleich. Ein herrlicher Marstall, wertvolle Sammlungen, eine üppige Tafel verschlangen Gelder auf Gelder. „Alles, was in Kunstarbeiten auszeichnend und einzig war, das kostbare und außerordentliche, was in London und Paris, wegen der hohen Preise, selbst unter den Briten und Franzosen, nicht sogleich Käufer fand, wurde von ihm zur Zierde seiner Paläste erstanden. Das auserlesenste davon war in seinem Palast in Dresden zusammengehäuft. Alle Zimmer prangten mit künstlichen Uhren von endloser Verschiedenheit und Aufstellungsart, mit Statuen, Medaillons und Gemälden, mit den kostbarsten Lackierungen, mit Gold eingelegten Thürschlössern, mit prächtigen Tapeten und porzellanenen Oefen in Form antiker Bildsäulen, römischer Mausoleen oder griechischer Tempel. Das außerordentlichste aber war die ungeheure Garderobe dieses Ministers; ganze Säle waren von der Decke bis zum Boden mit Schränken voll Kleidermassen angefüllt. Zu jedem Anzug gehörte eine besondere Uhr, Tabaksdose und Degen. Die Kleider waren en miniature gemalt und in ein Buch eingetragen, das ihm täglich zur Auswahl vorgelegt wurde. Von 40 Kammerdienern hatten vier allein die Aufsicht über diesen Kleiderschatz, den sie den Fremden als eine Seltenheit zeigten." Zwölf Schlösser nannte der Minister fein Eigentum, 300 Diener eilten auf seinen Wink herbei. Unter seinen Pretiosen befanden sich allein 835 Tahatieren, auf 376 000 Thaler geschätzt. Er besaß 30 Kutschen, .800 Anzüge, 198 gestickte Staatskleider, 47 Pelze und 43 Schlafröcke. Eines Abends gab er ein Fest in seinem Garten (auf der Brühlschen Terrasse), bei dem nach jedem Gange das benutzte Tafelgerät aus Gold und Silber in die Elbe geworfen wurde. Das war freilich nur Prahlerei; denn int Wasser fing man die hineingeworfenen Stücke in großen Netzen wieder ans. Am 5. Oktober 1763 starb König August, am 28. desselben Monats und Jahres schied auch! sein „treuer Diener" Brühl aus dem irdischen Leben. Sein Nachlaß.wurde auf nicht weniger als 2 830 644 Thaler geschätzt, allerdings betrugen die vorhandenen Schulden ebenfalls das hübsche Sümmchen von 1291000 Thalern. Nach! dem Tode des Günstlings ließ der Nachfolger des Kurfürsten seine Güter und fein Vermögen mit Beschlag Belegen antb eine Untersuchung eröffnen, welche einen erschreckenden Einblick in die ^ungeheuren Veruntreuungen gewährte, die sich der gewissenlose Mann hatte zu Schulden kommen lassen. Schließlich erbten seine Söhne doch noch die Güter des Vaters — Sachsen aber bewahrt sein Andenken nicht als das eines Wohlthäters und Genius der Menschheit, sondern als das eines der nichtswürdigsten Menschen aller Zeiten und Völker. Die Brühlsche Terrasse ist ja eine herrliche Schöpfung, aber sie stellt wahrlich eine Sehenswürdigkeit vor, welche das unglückliche Land teuer bezahlt hat! Wann dürfen wir das kleine Kind zum er st en Mal an der Hand führen? Sobald dasselbe einige Sicherheit int Gehen gewonnen hat. Man muh hierbei sich genügend bücken, damit das Kind seinen Arm nicht emporzureckett braucht, und muß dasselbe möglichst gleichmäßig wechselnd bald am rechten, bald am linken Arm führen, um keine Schiefheit der Schultern hervor- zurusen. Dem Kinde thnn diese selbständigen Bewegungen^ besonders bei schönem Wetter außerordentlich gut, und es findet selbst das größte Vergnügen dabei. Mr die Küche. Mailänder Lendenbraten. Der Lendenbraten wird geklopft, mit Salz und Pfeffer eingerieben, mit Speck, Kapern und Sardellen gespickt, mit Mehl bestäubt und in einer Kasserolle mit Zwiebeln, Wurzelwerk, Speck, 2 Eßlöffeln Olivenöl und einem Glas Wein 2 Stunden gedünstet. Nach dieser Zeit deckt man ihn auf, damit er Farbe bekommt und die Sauce verdünstet, gießt einige Löffel Fleischbrühe daran, läßt alles zusammen nochmals aufkochen und gießt die schöne dickflüssige Sauce über den Braten. Litterarisches. Cl. Zahn, Im Schoße der Familie. Roman, Verlag von Otto Janke, Berlin. Preis Mark 5,—. Cl. Zahn hat in ihrem mit Beifall aufgenommenen Roman „Die Posthalterin" eine ganz besondere Befähigung für die Schilderung eigenartiger Frauencharaktere bekundet. In obigem Roman führt sie uns ebenfalls eine Frauennatur vor, die, weiblich zart in ihrem Empfinden, es dennoch vermag, ihrer Gefühle Herr zu werden, und, da sie sich verraten sicht, sich ganz auf eigene Kraft zu stelleu. Wie ihr das gelingt, und welche Schwierigkeiten und Enttäuschungen sie zu überwinden hat, das ist meisterhaft geschildert. Der Roman erfüllt in Wahrheit einen ethischen Zweck, da er in dem Lose des einen Weibes das Geschick so vieler widerspiegelt. Ueber die Unruhen in China, welche die ganze Welt in atemloser Spannung erhalten, bringt die „Gartenlaube^' einen höchst lesenswerten Aufsatz aus der Feder Paul Lindenbergs mit allerlei Abbildungen. C. Falkenhvrst hat anläßlich der Legung des ersten deiitschen Ueberseekabcls, das von englischen Einflüssen völlig frei ist, unter der Ucberschrift „Deutsche Ueberseekabel" eine interessante Abhandlung beigesteuert, und I. C. Heer reiht seinen „Spaziergängen durch die Weltausstellung in Paris" den zweiten, von C. Ravn illustrierten Artikel an. Auch des Aufstiegs, welchen Graf von Zeppelin mit seinem Luftschiff vom Bodensee unternahm, wird in Bild und Wort gedacht. Mit einem tiefempfundenen Gedichtchen, das sich „Wanderbursch" betitelt, ist Reinhard Volker vertreten, Ludwig Ganghofer fesselt mit seinem Hochlandsroman „Der Dorfapostel" die volle Aufmerksamkeit des Lesers und Paul. Robran giebt feinem Großstadtroman „Kampf ums Glück" einen versöhnlichen Abschluß. Aus dem reichhaltigen Bilderschmuck möchten wir die reizende Kunstbeilage hervorheben, welche das von ihm selbst gemalte Bildnis des berühmten Katzenmalers Adam mit seinen Modellen wiedergiebt. Kapselrätsel. Nachdruck verboten. Aus dem ersten und dem letzten der folgenden Wörter sind je drei, aus jedem der übrigen Wörter zwei zusammenhängende Buchstaben zu entnehmen, sodaß sich daraus ein Sprichwort ergibt. Feuerwehr — Karoline — Wachtel — Schwägerin — Taschenuhr — Stallknecht — Schwimmlehrer — Rheinländer — Pfingstfest — Altenburg.____________________________ Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Linden — Linsen. Äebattutt: <6. Burkbardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Uninerfitätl-Buch- und Gteirrdruckerei (Pietsch Erben) in (Biegen.