(Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Zehntes Kapitel. Im Festsaale ging es inzwischen lustig her. Alles was die gute Gesellschaft von Waldenberg an hervorragenden weiblichen Schönheiten aufzuweisen hatte, waltete hinter den Verkaufstischen mit größerer oder geringerer Grazie des ungewohnten Amtes. Da wurden zu den erstaunlichsten Preisen Blumen, Zigaretten, Photographieen und tausend Nichtigkeiten verhandelt, die von edlen Menschenfreunden aus dem überall vorhandenen Vorrat unbrauchbarer Geburtstagsgeschenke oder unverkäuflicher Ladenhüter hervorgesucht worden waren, um dem humanen Werke zu dienen. Mit Rücksicht auf die Thatsache, daß Doktor Hermann Ruthardt bei weitem das größte Verdienst um die nach, jahrelangen Kämpfen endlich gesicherte Einrichtung des Kinderkrankenhauses hatte, war es dem Komitee als eine Ehrenpflicht erschienen, seinem Töchterchen den mit den wertvollsten Spenden besetzten Verkaufstisch zu überweisen, und mit wahrem Feuereifer nahm sich Margarete ihrer Aufgabe an, alle diese Dinge, unter denen Rudolf Sandorys Geschenke weitaus die schönsten und kostbarsten waren, so vorteilhaft als möglich zu ver- Die Freude an dem glänzenden Erfolg ihres Bemühens strahlte von dem rosigen Gesicht des jungen Mädchens. Wenn es in ihrem Herzen irgend einen versteckteil Kilmmer gab, so hatte sie ihn zu dieser Stunde jedenfalls vergessen. — Der Regierungspräsident, der das Fest ebenfalls mit seiner Anwesenheit beehrte, hatte dem holden Evchen einen Strauß srischer Rosen überreicht, und Margarete hatte die duftigen Blüten an ihrem Kleide befestigt. , Sie fuhr ein wenig zusammen, als plötzlich eine wohlbekannte jugendliche Männerstimme, deren heitere Sicherheit freilich etwas erkünstelt klang, dicht neben ihr Lormtag ven 11. November m Simon Dach. Und stets im Herzen hege. ie wohl ist doch der Mensch daran, Der sich in Gottes Wege , In tiefster Demut schicken kann, Was er ihm auferlege! Dies nimmt der höchsten Kunst den Preis. Herr, hilf, daß ich es lern' und weiß, sagte: „Mein Sinn steht nach einer der Rosen, bella signorina! Ich, weiß wohl, daß Sie mit allen Schätzen Venedigs nicht zu teuer bezahlt wäre; aber ich, bitte huldvoll zu erwägen, daß ich nur ein armer Teufel bin, der vielleicht ungeprägtes Gold im Herzen, doch wenig gemünztes im Beutel trägt". Es war Walter Sartorius, der so zu itjr gesprochen hatte. Zum erstenmal seit jenem Besuch in ihres Vaters Hause redete er sie an, und seine Augen verrieten noch viel deutlicher als die in scherzhafter Form vorgebrachte Bitte, wie viel ihm an einer freundlichen Antwort gelegen war. Margarete, die bisher noch keinem Käufer die passende Erwiderung hatte schuldig bleiben müssen, zeigte sich befangen und verwirrt. Sie senkte die Lider, und ihr Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an. Aber sie machte doch eine Handbewegung nach dem Rosensträuße, wie um das Verlangen des jungen Veneti- aners zu gewähreü. Da stand wie aus der Erde gewachsen Rudolf Sandorys imposante Gestalt neben dem jungen „Wenn diese Rosen verkäuflich, sind", sagte er, „so bin ich bereit jeden Preis dafür zu zahlen. Und ich schwöre, daß ich sie als ein kostbares Kleinod hüten und bewahren werde". Margarete ließ die erhobene Hand sinken. Ihre Verlegenheit war dieser doppelten Bewerbung gegenüber zur völligen Ratlosigkeit geworden. „Dort drüben ist ein ganzes Zelt voll Blumen", sagte sie unsicher. „Sie werden da gewiß viel schönere finden, als diese". , Walter Sartorius schwieg; der dunkelbärtige Radscha aber schien nicht willens, sich so leicht abweisen zu lassen. „Nicht die Rose ist es, die mich reizt, sondern; die Hand, aus der ich sie empfangen würde. Noch einmal/ holder Stern des Westens: zehn goldene Kronen für diese eine Blume! Wie glücklich wäre ich, wenn ich über eine wirkliche Krone verfügte für dies schöne Haupt". Er hatte in die Falten seines weiten Gewandes gegriffen und streckte ihr die mit Goldstücken gefüllte Hand entgegen. Dabei fiel der weite Aermel ein wenig zurück, und an seinem Handgelenk wurde die breite Narbe sichtbar, deren Geschichte er Margarete vor kurzem erzählt hatte. Offenbar einer plötzlichen Eingebung folgend -nestelte das junge Mädchen die schönste der Rosen aus dem kleinen Strauß los. „Nicht für Geld ist diese Rose feil", fagte sie, einen komisch feierlichen Ton anschlagend, „so wenig sür die Reichtümer Venedigs als sür die Schätze Jndieps. Aber - 642 sie sei der Lohn des Tapferen für seine heldenmütige That". Sie konnte es nicht vermeiden, daß ihre Finger die Hand Sandorys berührten, während sie ihm die Rose überreichte, und dabei fühlte sie wieder jenes Erröten, von dem sie zu ihrem eigenen Verdruß gerade in der Gegenwart dieses Mannes so häufig heimgesucht wurde. Halb schon von Reue erfüllt über ihre Handlungsweise, zog sie die Hand rasch zurück und wandte den Kopf einigen Damen und Herren zu, die eben an ihren Verkaufsstand herantraten. Sie konnte es noch eben gewahren, wie sich Walter Sartorius schweigend, mit festzusammengepreßten Lippen und ernstem Gesicht zurückzog, und sein Blick, der wie in schmerzlichem Vorwurf auf ihr ruhte, verursachte ihr eine ganz eigene, beklemmende Empfindung im Herzen. Amh Rudolf Sandory war langsam weiter gegangen, nachdem er die Rose in seinem ^Gürtel befestigt hatte. Inmitten des Saales, wo das Menschengewühl allerdings ziemlich dicht war, stieß ihn jemand, ohne sich zu einem Worte der Entschuldigung veranlaßt zu sehen. Mit einem Zucken des Unmuts in dem bärtigen Antlitz wandte sich Sandory um; aber die Zorneswolke verschwand sofort von seiner Stirn, als er in dem unhöflichen Menschen den Staatsanwalt Georg Lengfald erkannte. Er blickte ihm mit spöttischem Lächeln nach und strich wie in einem Gefühl besonderen Behagens seinen langen, weichen Bart. Gleich darauf ließ er sich in eine heitere Unterhaltung mit Herrn Franz Efchenbach ein, der ziemlich hilflos in dem auf und nieder wogenden Menschenstrome umherzutreiben schien. „Es ist außerordentlich schön", versicherte ihm der schüchterne Hamburger Privatgelehrte, „aber inan muß doch wohl jünger sein, als ich, um es fo recht bis zum Grunde zu genießen". Sandory redete ihm zu, noch eine Weile zu bleiben, da das Beste sicherlich erst kommen würde, und nachdem er ihn eine Viertelstunde lang geduldig angehört hatte, machte er sich auf eine gute Manier von ihm los. Diesmal war es das zunächst der Bühne belegens Champagnerzelt, dem er auf dem kürzesten Wege znstrebte. Er mußte eine lebendige Mauer von befrackten und kostümierten Herren durchbrechen, ehe er bis in den kleinen, aus bunten Seidenvorhängen und orientalischen Teppichen geschmackvoll hergestellten Kiosk gelangte. Wie eine Fee, die aus verzaubertem Quell einen Trank der Verjüngung zu spenden vermag, verteilte Dora Norrenberg da drinnen die überschäumenden Gläser, nach deren jedem sich immer mehrere Hände zugleich ausstreckten. Auch sie lächelte jeden zum Lohn für seine Spende freundlich an; aber es war ein kokettes, herausforderndes Lächeln, himmelweit verschieden von dem unschuldig sonnigen Kinderlachen auf Margaretens liebreizendem Gesicht. Und die Scherzworte, die zwischen der schönen Bacchantin und ihren Verehrern getauscht wurden, hatten hier einen ganz anderen, ungleich freieren Klang. Dora hielt es offenbar für ihre Pflicht, nach Möglichkeit in dem Charakter der Rolle zu bleiben, die sie einmal übernommen hatte, und nur ein sehr scharfes Ohr hätte vielleicht dann und wann herausgehört, daß etwas Gemachtes und Trotziges in ihrer Lustigkeit war. Sie wußte Sandorys wohl sogleich bei seinem Näherkommen ansichtig werden, denn er überragte ja alle diese Waldenberger jungen Herren um ein beträchtliches, und ihm zuerst hielt ihr schöner weißer Arm jetzt das Kelchglas mit dem köstlichen perlenden Naß entgegen. „Ihr habt Euch lange erwarten lassen, edler Maharadscha — fast zu lang für einen getreuen Sklaven". „Meine Dienstzeit ist leider um, holde Priesterin des Dionysos; denn der Glückliche ist da, dem ich blutenden Herzens weichen muß". Er hatte laut genug gesprochen, daß Georg Lengfeld, der nur wenige Schritte von ihm entfernt war, jedes seiner Worte verstehen konnte. Nicht in dem Kreise, der beharrlich das Champagnerzelt umdrängte, aber doch nahe genug, um alles zu beobachten, was dort geschah, stand der Staatsanwalt im Gespräch mit Franz Norrenberg. Man brauchte die beiden nur anzusehen, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß ihre Unterhaltung nichts weniger als heiter und freundlich war. Lengfelds Gesicht war so dunkel gerötet, wie es sonst nur nach besonders reichlichen Mahlzeiten der Fall zu sein pflegte, und er begleitete seine hastig hervorgestoßene Rede mit Gebärden, die zuweilen etwas geradezu Leidenschaftliches und Drohendes annahmen. Ob Dora etwas davon gewahrte, ließ sich aus ihrem Benehmen nur schwer erraten. Wohl wanderten ihre dunklen Augen zuweilen auch nach jener Richtung, aber sie streiften über die Gruppe der beiden Männer jedesmal hinweg, wie wenn dort nichts als Luft gewesen wäre, und ihre ausgelassene Munterkeit erschien gleich nachher viel eher gesteigert, als gedämpft. Auf Sandorys Erwiderung warf sie mit einer stolzen, kampflustigen Gebärde den Kopf zurück. „Ich aber wähle mir meine Diener nach eigenem Gefallen", rief sie mit erhobener Stimme, „und ich erkenne kein Gesetz an außer meinem eigenen Willen. Ihr bleibt für diese Nacht mein Trabant — so will ich's und befehl' ich's. Evoe!" Damit setzte sie das Glas, das sie noch immer in der Hand gehalten, an ihre Lippen, und nachdem sie den Schaum davon geschlürft hatte, reichte sie es Sandory, der es ohne Erwiderung, aber mit desto beredterem Blick bis auf den letzten Tropfen leerte. Selbst diejenigen von den Umstehenden, welche geneigt waren, der Maskenfreiheit eines Kostümfestes sehr weitgehende Zugeständnisse zu machen, fanden, daß dies Benehmen allzu frei sei für eine junge Dame aus gutem Bürgerhause. Auch mochte sich bei dem einen oder anderen in dieses Mißfallen wohl eine eifersüchtig neidische Regung gegen den stattlichen Fremden mischen, der hier innerhalb weniger Wochen zum Mittelpunkt des allgemeinen Interesses geworden war. Jedenfalls begann sich der bisher festgeschlossene Kreis vor dem Champagnerzelt rasch in auffälliger Art zu lichten, und als gleich darauf eine Trompetenfanfare verkündete, daß an anderer Stelle neue Augenweide zu erwarten sei, wurde es hier sogar völlig leer. Eine Quadrille von Landsknechten und Marketenderinnen sollte inmitten des Saales getanzt werden. Tas war ein Schauspiel, welches sich natürlich keiner entgehen lassen wollte. Auch Dora trat, da für den Augenblick niemand mehr nach ihrem Champagner verlangte, aus dem Zelt hervor, um sich unter die Zuschauer zu mischen. Wie zur Bekräftigung ihrer letzten Worte machte sie Miene, Sandory's Arm zu nehmen; aber da stand plötzlich Georg Lengfeld an ihrer Seite und umfaßte mit festem, beinahe schmerzhaftem Griff ihr Handgelenk. „Du wirst die Freundlichkeit haben, mir einige Minuten unter vier Augen zu schenken, Dora! Ich wünsche Dir etwas zu sagen". Es war, als ob sie sick> unwillig losreißen und ihm ein zorniges Wort zurufen wollte. Dann aber schien sie mit einemmale zu anderen Entschlüssen gekommen zu sein. Sie lächelte sogar mit einer gewissen herablassenden Freundlichkeit uno sagte mit einem starken Anflug von mitleidiger Ironie: „Wenn es wirklich nur einige Minuten sein sollen, mein Freund — und wenn es durchaus keinen Aufschub duldet, warum sollte ich Dir die kleine Gefälligkeit nicht gewähren?" Sie nickte Sanjdory mit bedeutsamem Augenaufschlag zu und folgte ihrem Verlobten in eines der kleinen Nebenzimmer, die jetzt des Schautanzens wegen alle leer geworden waren. Der Staatsanwalt drückte hinter sich die Thür ins Schloß und blieb mit verschränkten Armen vor Dora stehen. „So also schauen die Rücksichten aus, die Du auf meine Wünsche nimmst? Es war Dir darum zu thun, mich herauszufordern — nicht wahr?" Sie hatte sich in einen Sessel fallen lassen und lehnte den stolzen Kopf zurück, gelangweic: und gleichgiltig. „Es war mir darum zu thun, meinen Willen durchzusetzen — nichts weiter, lieber Georg! Und ich denke, daß' ich Dich über diese Absicht von vornherein nicht im ungewissen gelassen hätte". „Ich habe es aber nicht für möglich gehalten, daß — S4Z Du Ernst machen könntest. Und ich begreife nicht, wie Dein Vater Dir gestatten konnte, in einem so unschicklichen Anzuge unter einen Hausen fremder Menschen zu gehen". „Mein Vater kümmert sich nicht um meine Toilettenangelegenheiten. Und ich muß mir im übrigen einen Ausdruck, wie Tu ihn von meinem Kostüm gebrauckt „un, mit aller Entschiedenheit verbitten". „Du wirst mir's Wohl gestatten, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. So lange wir den Leuten als Verlobte gelten, ist Deine Ehre auch die meinige, und so wenig ich einem anderen erlauben würde, sie anzutasten, so wenig kann ich es dulden, daß Tu selber in gefallsüchtigem Leichtsinn das Gerede der Welt herausforderst". (Fortsetzung folgt.) Martini. Kulturgeschichtliche Skizze von F. Kunze. Nachdruck verboten. Die gesegnete Zeit des Herbstes zeichnet sich trotz ihrer sonstigen Feplosigkeit doch durch zwei halbfeierliche Tage aus, welche eine gewisse Aehnlichkeit untereinander aufweisen, obgleich ste hinsichtlich ihres Namens verschieden sind, nämlich „Michaelis" und „Martini". Beide Gedenktage christlicher Heiligen fallen auf feststehende Termine und sind ihrem eigentlichen Charakter nach veredelte Ueber- bleibsel altgermanischer Ernte- und Herbstfeierlichkeiten. Je nachdem der Abschluß sommerlicher Feldarbeiten in den einzelnen Gegenden früher oder später stattsand, ging die damit verknüpfte Feierlichkeit entweder auf Michaelis oder Martini über, und es ist sowohl der biblisch^ Erzengel Michuel als auch der im Jahre 402 zu Tours in Frankreich- gestorbene Bischof Martinus an die Stelle des in den anfänglichen Bekehrungszeiten verbannten Wodan, des altdeutschen Götterpräsidenten, getreten. Diesem heidnischen Beschützer jeglicher Feld- und Gartensrüchie zu Ehren hielten unsere germanischen Altvordern zur Herbstzeit, sobald die Ernte stattgefunden, feierliche Opferfeste ab, deren eigenartige Ueberreste besonders am Tage „Martini" wahrzunehmen sind. Das ursprünglich! kirchliche Martinsfest wurde aus germanischem Boden auch mit besonderem Glanze gefeiert; es war nicht blos ein kirchliches, sondern auch- ein volkstümliches Fest, ähnlich unseren Kirmestagen. Was von den zu Wodans Ehren abgehaltenen Erntedankfesten noch lebensfrisch vorhanden war, das wurde mit dem heiligen Martin von Tours in sehr nahe Verbindung gebracht, so daß gewissermaßen dieser frühkatholische Bischof zum christianisierten Wodan wurde. Aus diesem Grunde sind es au