W ■ P Lonntag den 11 März ho r issHS'i amnfergg WA it vielem läßt sich schmausen; Vjs Mit wenig läßt sich Hansen; Daß wenig vieles sei, Schafft nur die Lust herbei! Und seid von Herzen froh; Das ist das A und D. Göthe, Clandine von Bella Billa I. Nachdruck verboten. Das Pflegekind. Roman von Elsbeth Meyer-Förster. (Fortsetzung.) Schweigsam ging man wieder hinüber in das Wohnzimmer. Weit standen die Fenster offen, die weiche Herbstluft drang herein und mischte sich mit denl Geruch des Kaffees, der noch in der Kanne dampfte. Eine ganz leichte Dämmerung senkte sich bereits hernieder. Sie wischte leicht über die Wände hin und blieb in den Ecken haften. An der Schwarzwälder Uhr trat aufgeregt der Kuckuck heraus und rief siebenmal aus glucksender Kehle. Dann tickte wieder nur fieberhaft der Pendel. — Drunten im Hofe, auf welchen das Fenster des „Berliner Zimmers" hinausging, verstummten die Kinderstimmen, die dort geschrieen und gelärmt hatten. Befangen saßen die drei Frauen und horchten auf bei der plötzlichen Stille. Und sekundenlang ging über die Drei die seltsame Illusion hin, daß es aufgehört habe, Sonntag zu sein, daß dunkler Werkeltag urplötzlich alles Feierliche verschlungen habe. „Ich höre Schritte auf der Treppe — das ist Paul!" rief die Mutter. Sie eilte hinaus. Paul hatte schon die Entreethür erschlossen und trat ihr entgegen. „Ist sie da?" schrie er mehr als er rief. Und als die Mutter erschrocken nur den Kopf schüttelte, ließ er sich schwer in der kleinen Küche aus einen Stuhl fallen. „Bei Fräulein Windelbach ist sie garnicht gewesen", stieß er hervor. „Sieh, Mutter, ich habe es geahnt: Sie ist vor uns geflohen." In diesem Augenblick riß jemand an der Glocke; die Mutter stürzte hinaus, während nun auch die Großmutter und Johanne aus dem Zimmer kamen. Vor der Thür stand ein Dienstmann, der gleichmütig einen Brief aus der Tasche seiner blauen Bluse zog. „Js et hier wohl recht — bei Herrn Paul Brinkmann?" fragte er; die Mutter nickte, sprechen konnte sie nicht. Unfähig, sich noch länger zu beherrschen, entriß sie dem Manne beinahe den Brief. Nun standen sie alle in der kleinen Küche, um den Bries herum, der wie eine Bombe zwischen sie niedergesaust war. Die Mutter hielt ihn noch immer in der Hand. „Willst Du ihn nicht öffnen, Paul?" hauchte sie. „Er ist an Dich gerichtet." Er wandte sich ab und trat ans Fenster. „Ich, kann Dir den Wortlaut sagen", stieß er hervor. „Gebt mich frei!" steht in dem Briefe. „Ich kann den Krüppel, den Schwächling, nicht zum Manne nehmen." Wie es klar wird vor dem Auge eines Zuschauers, wenn die verhüllenden Schleier und Gazen des Vorhanges fallen, so wurde es plötzlich klar vor Johannes Augen. In diesem einen Moment verstand sie und erläuterte sie sich, alles, was die Frauen ihr zu raten und zu denken aufgegeben hatten, was sie aus Pauls gedrücktem Wesen, aus Nettchens Verschlossenheit als ein Rätsel empfunden hatte. In diesem Moment, wo sie alles begriff, was diesem Fa- milienlcid zu Grunde lag, fühlte sie sich als eine Fremde, eine aufdringlich Hinzugekommene, und scheu, von ihrer Anwesenheit in dieser Stunde aufs tiefste bedrückt, drängte sie sich in die äußerste Ecke. Die Großmutter hatte ihrer Tochter den Brief aus den zitternden Händen genommen und ihn geöffnet. Mit lauter, tonloser Stimme, als rezitierte sie eine oadje, die weitab von allem Zusammenhang mit ihnen allen liege, las sie vor: Lieber Paul! Ich kann Dich nicht lieben, wie ich ja niemand liebe in der werten Welt. Ich würde Dich fürs Leben unglück- lrch machen, und wenn ich denke, daß ich heiraten soll, und eine Ehefrau und Hausfrau werden, packt mich Verzweiflung. Aber — hier stockte die Großmutter. Eine leichte Röte flog über ihre eingefallenen Wangen, dann las sie rasch entschlossen weiter: Mer ich sende Dir einen Ersatz für mich. Ein Mädchen, das tausendmal besser ist als ich, und dem es sehr schlecht geht auf der Welt, und mit dem Du so glücklich werden wirst, wie Du mit mir elend geworden wärst. Stoße Johanne nicht fort. Dann wird Euch in der Ferne segnen Eure stets getreue . . Nettchen. Einst, wenn ich etwas großes geworden bin, will ich Euch reichen und klingenden Lohn schicken für alle gebrachten Opfer." —-- „Den Rücken voll Prügel!" sagte die Großmntter, als' sie geendet hatte. Große und schwere Thränen, mehr des ohnmächtigen Zornes wie der zertretenen Liebe, fielen aus ihren Augen nieder auf das Papier. „Oh daß ich den Rohrstock an ihr kaput geschlagen hätte!" jammerte sie. Johanne hatte sich so tief in den Winkel gedrückt, der durch ein schräg an die Wand gelehntes Plättbrett entstanden war, daß sie wie in einer Versenkung ver- 138 schwand. Sie hatte die Empfindung, daß sie sich nie mehr würde aus dieser Ecke hervorwagen können, ohne vor Scham in die Erde zu sinken; die Aufforderung Nettchens an den verlassenen Bräutigam stand mit Riesenlettern vor ihrer Seelen „Ich sende Dir einen Ersatz für mich. — Stoße Johanne nicht von Dir." — Wie sollte sie sich Paul und den beiden Frauen vor die Augen wagen? Niemand sprach in der kleinen Küche. Paul stand noch immer abgwandt, ganz unbeweglich, kein Zittern verriet eine Erregung an ihm.» Die Großmutter war hinausge- qanqen. Auf'dem Küchenstuhl saß die Mutter, den Kopf auf die Hand gestützt, und mit trocknem Blick las sie mechanisch die Sprüche an den Börten und Fleischbrettern, las sie immer wieder, ohne zu wissen, was sie that. Ganz leise hatte sich Johanne aus ihrem Winkel hervorgeschoben, scheu und fast lauernd, zum Sprunge nach der Entreethür bereit. In demselben Moment wandte Paul sich um, und sein Blick traf den angstvoll nach ihm gerichteten des jungen Mädchens. „Sie wollen doch nicht fort, Fräulein Johanne?" fragte er. Seine Stimme klang weich, ohne eine Spur von Bitterkeit. Johanne stand und blickte ihn an. „Ich bin doch jetzt wohl nur lästig?" flüsterte sie „Nein!" sagte Paul. „Ich bitte Sie, bleiben Sre der uns, Fräulein Johanne." Sein Blick war so voll Mitleid, daß er Johanne tote ein kleines, warmes Flämmchen ins Herz fuhr. ,Ja, bleiben Sie!" sagte nun auch die Mutter. Sie erhob sich aus ihrem Hinbrüten, Erleichterung lag in ihrer Stimme. Sie war auf einen wilden Schmerzensausbruch gefaßt gewesen. Und nun sand sie Paul beherrscht, imstande, mit einem fremden Mädchen freundliche Worte zu wechseln. Eine seltsame Hoffnung schwellte ihr das Herz. Wenn es möglich wäre! Wenn Paul die Ungetreue vergessen könnte! . , Mit einem flehenden Blick auf das junge Mädchen ging sie hinaus. Paul und Johanne standen allein. ' „Könnte ich Ihnen nur etwas sagen", flüsterte Johanne, „was Sie trösten könnte. Aber mir selbst tst ja so weh. Es ist, als wäre einem jemand gestorben. Nettchen war die einzige Freundin, die ich bisher hatte. Wie lieb müssen Sie sie gehabt haben." „Ja", sagte Paul, „unendlich". Und mit fester «stimme fügte er hinzu. „Nie, nie im Leben werde ich sie vergessen." — _______ Me werde ich sie vergessen!" Das Wort verlor nichts an seinem Ernst. Aber mit der Zeit wurde es milder, bekam einen weicheren, wesenloseren Sinn. Ein Jahr verging, und der Gedanke an Nettchen ragte in Pauls stilles Leben immer mehr herein wie nur ein übersinnlicher Traum. Wenn er sie im Geiste vor sich sah, ihre leidenschaftliche Erscheinung, das trotzige, kecke Gesicht mit dem glühenden Augenpaar, diese Gestalt voll herausfordernder Lebenslust, schien es ihm etwas unfaßbares, daß er nach diesem Bilde der trotzigen Kraft einst hatte die Arme ausstrecken wollen. Wie man einen Nachtwandler aufscheucht, hatten Nettchens Worte ihn wachgerufen. Diese rücksichtslosen Worte, in denen sie ihm ein anderes Wesen zum Ersatz für sich selber anbot, hatten auf ihn nicht die Wirkung gehabt/ wie sie vielleicht auf eine brutalere Natur gehabt haben würden: Ihn mit Geringschätzung gegen das ihm angebotene Wesen zu erfüllen. Ohne es zu ahnen, hatte Nettchen ihrem Pfeil die Schärfe genommen, hatte dem verratenen Freunde in Worten, mit denen sie in kindischer Feigheit für den Moment eine Ablenkung hatte schaffen wollen, ein Mittel gegen die Verzweiflung gereicht. Paul war in seiner seelischen Gedrücktheit und in seiner Selbstdemütigung Nettchen gegenüber nie zu dem Gedanken gekommen, daß irgend ein weibliches Wesen, ausgenommen die Mutter und Großmutter, jemals in ihm eine Zuflucht suchen könnte. Zum erstenmale im Leben hatte er die Bemerkung gemacht, daß ein junges Mädchen tief vor ihm errötete, und die Augen zu Boden schlug, und diese Erkenntnis hatte ihn im Moment der bittersten Erfahrung mit einer Art Stolz erfüllt. Lange dachte er in den Tagen, die dem Ereignis ge- Professor Victor Aim6 Huber, geboren am 10. März 1800 in «Stuttgart, gestorben am 19. Juli 1909 in Wernigerode. Nachdruck verboten. An die hundertjährige Wiederkehr des Geburtstages mancher Männer, deren Name auf allen Lippen schwebt, wird in «unseren Tagen erinnert, Auch solche? Namen werden genannt, deren Gedächtnis doch nur in beschränkten Kreisen fortlebt. Zn den Männern, die in einer gewissen Verborgenheit gelebt, dennoch aber durch ihren Einfluß gerade auf" die im Vordergründe stehenden, führenden Persönlichkeiten eine eigenartige Bedeutung für die Entwickelung des gesamten öffentlichen Lebens im verflossenen Jahrhundert gewonnen haben, gehört Viktor Aimee Huber. Eine merkwürdige Erscheinung tritt bei dem Namen Huber vor das Auge derer, die ihn gekannt haben. Schwerfällig in Gestalt und Bewegung, hat . «nestr Mann den zartesten Perlen spanischer und französischer Volkspoesie auf seinen Wanderungen nachgeforscht und sie gesammelt. £ejtig im Vertreten feiner Urbedeutung. fo baß man sich vor ihm fürchtete in öffentlichen Versammlungen, schrieb er Briefe voll zartester Feinheit, innigster, herzbewegender Liebenswürdigkeit. Merkwürdige Gegensätze waren in seinem Wesen und Leben von Anfang an verbunden. Wird doch kaum ein zweiter Mensch zii nennen sein, bei dem es bis ins erwachsene Alter zweifelhaft war, ob er evangelisch oder katholisch, ob das Französische oder Deutsche seine Mutter spräche sei, wo er eigentlich sein Vaterland habe. Ist doch als Vorarbeiter und als Bahnbrecher für die gemeinsame Arbeit zur Lösung der sozialen Aufgaben kaum einer ihm ebenbürtig in unserem Volk, und zugleich hat em Lassalle mit wahrhaft glühenden Worten dankbarster Verehrung ihm gehuldigt, freilich — ohne Gegenliebe zu finden. Viktor Aimee Hubers Eltern standen nicht nur mit den führenden Geistern der Zeit in Verbindung; sein Vater war ein naher Freund Schillers. In Gemeinschaft mit Körner, dem Vater des Dichters, schrieb der Vater Hubers 1784 als junger Mann den bekannten Huldigungsbrief an Schiller nach Mannheim, der Schillers Uebersiedeluug nach Leipzig zur Folge hatte. Der erste Gatte der Mutter unseres Huber, Georg Forster, stand wieder Goethe nahe. Als Schriftsteller, Welt- umfegler geschätzt, zählte Forster in den ersten Jahren seines Ehestandes in Mainz unter den oft und gern in sein Haus eintretenden Gästen neben Wilhelm v. Humboldt, Fr Jacobi auch Goethe. Später geriet Forster in Mainz in sehr bedenkliche Gesellschaft französischer Revolutionäre, folgte ihnen nach Paris und starb dort einsam, fern von den Seinen. Deren Pflege und Fürsorge hatte er schon Jahre lang vorher seinem Freunde Huber überlassen,. dem die Witwe Therese geb. Heyne, des bekannten Göttinger Philologen fein gebildete, edel angelegte Tochter, die Hann zum Ehebunde reichte. Sie hatten von Mainz nach Straß bürg, von dort nach Nenfchatel wandern müssen. Dem Ruf' des Buchhändlers Cotta folgte Huber der Vater nach folgt waren, darüber nach, wie es wohl hatte möglich sein können, daß er jeden Gedanken, jeden Atemzug feines Herzens einer Frau gab, die nie nach ihm Verlangen gezeigt hatte. .. Eine so große Scham hierüber erfaßte ihn, daß sie fast stärker wirkte, als der bohrende Schmerz um den Verlust. Es gewährte ihm eine Art Linderung, sich in den Gedanken an Johanne zu versenken, die vor ihm gestanden hatte in so demütiger Verwirrung, als wäre er ein großer, schöner, starker Mann, vor dem ein weibliches Herz erzittern müsse. — . Mehr als je trug er nun eine Traumwelt mit sich herum, in der sich die Erinnerungen an Nettchen immer mehr von ihrer Schwere lösten und gleich Schmetterlingen in das Reich der entschwundenen Illusionen entflatterten; ' während sich die Gedanken an Jobanne zu einer ruhigen, kraftvollen Stimmung verdichteten, die mit noch keinerlei Wünschen verbunden war, nur ein stummes Sich-Genugen in sich schloß. (Fortsetzung folgt.) 139 Tübingen, dann Stuttgart, endlich Ulm, um bei der Zeit- jchrift „Weltkunde", aus der die „Augsburger Allgemeine Zeitung" entstand, leitend mitzuwirken. Nach des Vaters frühem Tode brachte die schriftstellerisch hoch befähigte und emsig thätige Mutter ihren Knaben in die Anstalt von Fellenbergs nach Hofwyl in der Schweiz, die in Pestalozzis Geist geleitet wurde. Anfangs studierte der junge Huber Medizin, aber- spanische und französische, auch italienische Sprache und Litteratur waren die Welt, in der er lebte. Er machte — eigentlich als Mediziner — eine Reise nach Paris. Dort entwickelte sich zuerst seine Gabe, das soziale Leben im kleinen und einzelnen wie im großen und ganzen zu beobachten. „Guckkastenbilder und sonst allerlei" nannte Huber kleine, knappe Schilderungen des Lebens im Pariser Arbeiterstande und sonst in Paris, die seine Mutter zuerst aus seinen Briefen in Cottas Zeitschriften veröffentlichte. Cotta erkannte diese feinen, meisterhaften Schilderungen sofort als einen Schuß ins Schwarze, honorierte gut und ermutigte zu weiteren Reisen und Schilderungen. Später Huber ganz die Leitung der Augsburger Allgemeinen Zeitung zu übertragen, war sein Plan, auf den aber Huber nicht einging, um seine Freiheit zu wahren. In Spanien schwelgte Huber in Forschungen im Schatze uller Dichtungen, beobachtete das Volksleben, schwärmte mit den freiheitsdurstigen, aber wenig thatkräftigen Spaniern, reiste über Frankreich und Holland nach England, studierte die Lage der Arbeiterwelt in allen diesen Ländern und wurde vor allem durch das, was er in England an Organisation der industriellen Arbeit, Genossenschaftswesen in verschiedenster Gestalt kennen lernte, vorbereitet zu dem, was er geworden, nämlich ein sozialer Prophet oder Apostel im edelsten Sinne des Wortes, trotzdem er sich immer als einen Prediger in der Wüste gefühlt hat, und — nicht ganz mit Unrecht. Bis Huber weiteren Kreisen als sozialer Berater und Pfadfinder bekannt wurde, dauerte es noch lange. Irr Bremen fand er den Hafen, nicht nur in einer überaus glücklichen Ehe, und in einem befriedigenden Beruf als Lehrer an einer höheren Handelsschule, vor allem in der klaren Entwickelung entschieden christlicher, nie wieder schwankender evangelischer Gesinnung. In Rostock, darnach längere glückliche Jahre in Marburg, wirkte Huber als Professor der neueren romanischen Litteratur. Mehr und mehr bewegten ihn überwiegend die sozialen Zustände. Zunächst schrieb er bedeutende politische Artikel und Broschüren.König Friedrich. Wilhelm IV. von Preußen war als Kronprinz längst auf ihn aufmerksam geworden. Er war es, der 1843 -die Berufung Hubers an die Berliner Universität, aber zugleich mit dem Auftrag, eine politische, sonderlich den sozialen Aufgaben gewidmete Zeitschrift zu begründen, veranlaßte. Mit Begeisterung folgte Huber dem Ruf. Seine sozialen Ziele wurden durch neue Reisen nach England, Frankreich und Holland immer mehr vertieft. Er gründete die Zeitschrift: „Janus", wirkte anregend auf Bestrebungen der öffentlichen Wohlthätigkeit und die Hebung der arbeitenden Klassen. Aber Huber hatte gerade in Berlin mit manchen Hindernissen zu ringen. Vor allem wurde der Stil, in dem er schrieb, immer schwerfälliger. Das Doppelamt zeigte Mißlichkeiten. Beinahe freier entfaltete Huber seine Kräfte im ausschließlichen Blick auf die sozialen Verhältnisse, seit er sein Amt 1852 in Berlin aufgab, und nach Wernigerode sich zurückzog. Hier schrieb er eine große Anzahl für die soziale Aufgabe bahnbrechender Schriften, vor allem auch über die Wohnungsnot. Er sah klar wie kein anderer die Schäden und die Wege der Abhilfe in Vereinigung freiwilliger Kräfte. Er verstand die umfassenden Ziele der Inneren Mission, wie ein Wichern sie zündend aussprach. Was auf sozialem Gebiet in Deutschland in der letzten 'Hälfte der vorigen Jahrhunderts gearbeitet ist, ruht auf Hubers Schultern. Aber — er selbst erntete wenig Dank und Anerkennung, weil seine Schreibweise nur wenigen, die sich die Mühe gaben, seine Gedanken ganz zu verstehen, mundgerecht war. Was die Kaiserliche Botschaft im Jahre 1881 von sozialen großen Aufgaben entrollte, war eine Frucht, deren Samen Huber mehr als irgend einer sonst gesät hatte. Jetzt darf man reden von einer Freudenernte, die auf seine Thränensaat gefolgt ist. Während Huber bis an sein Ende 1869 auf sozialem Gebiet schriftstellerisch unermüdlich thätig war — eine Zeit lang suchte ihn ein Schultze-Delitzsch, von Lassalles Huldigungen war schon die Rede —, opferte er Zeit, Kraft und Geld, um in Wernigerode in sozialem Sinne wertvolle Schöpfungen ins Leben zu rufen. Auch hier blieb er anfangs unverstanden. Aber das herrliche, 1863 von ihm und seiner Ehefrau erbaute St. Theobaldi-Vereinshaus, der ersten eins in der Reihe dieser Häuser, wirkte vorbildlich und besteht zum Segen. Eine Herberge zur Heimat, eine Fülle anderer Bestrebungen der Inneren Mission haben hier ihren Mittelpunkt. Ein Handwerkerverein, Darlehensund Vorschußvereine beweisen sich bis heute als eine soziale Wohlthat. Hubers ebenbürtige, gleichgesinnte Gattin wirkte in seinem Sinne bis zu ihrem Ende 1891 in der Stille fort. Einiges über die Spechtmeise. Die Spechtmeise, die auch den Namen Kleiber führt, gehört zu den Standvögeln, denn sie verläßt unsere Gegend auch im Winter nicht, und» sie verschönert !durch ihr liebliches Gezwitscher und ihr munteres Thun und Treiben die öde, winterliche Natur. Das Gefieder derselben ist auf dem Rücken graublau; Brust und Bauch gelblichrostfarben; durch das Auge geht ein schwarzer Strich. Von den Klettervögeln ist sie die gewandteste, denn sie läuft ebensogut den höchsten Baum von unten hinauf, als mit dem Kopfe nach unten gerichtet, wieder herab, und sie gebraucht dabei, wie die Spechte Und die anderen Klettervögel den Schwanz nicht. Sie nimmt daher in dieser Beziehung mit Recht unter ihnen die erste Stelle ein. Die Spechtmeise ist ein sehr nützlicher Vogel; denn sie ist immer fleißig daran, die Spalten und Risse der Rinde von Bäumen nach verborgenen Insekten, Eierhäufchen der Schmetterlinge und dgl. zu durchsuchen. Man sieht diesen Vogel auch oft in Gärten, wo er sich sehr emsig bemüht, an den Obstbäumen die schädlichen Spanner und deren Bruten massenhaft zu vernichten. Die Specht- meise wird, wie schon oben bemerkt, auch Kleiber genannt; sie wirkt sehr nützlich für unsere Meisen, indem sie mit ihrem kräftigen Schnabel in die Bäume kleine Höhlen zum Nistbau derselben herstellt. Die Nahrung des Kleibers besteht ferner noch aus aus Kerbtieren, Nadelbaumsamen, Beeren der Zaunrübe, Hanf, Eicheln und Bucheckern. Sein Nest baut der Kleiber in Baumlöcher, und wenn das Loch zu groß ist, so klebt er es mit Erdklümpchen, die er mit dem Schnabel herbeiträgt, so weit zu, daß nur noch eine Oeff- itiutg bleibt, wo er eben durchkann. Der Kleiber legt 6—9 Eier in sein Nest, die von dem Weibchen allein in etwa 14 Tagen ausgebrütet werden. In der Regel brütet der Kleiber jährlich nur einmal, und er nistet auch gern in aufgehängten Nistkästchen. Der Kleiber ist demnach ein recht nützlicher Vogel, und er verdient gewiß in hohem Maße den Schutz der Menschen. Ganz besonders bitte ich meine werten Herren Kollegen, ihren Schulkindern die Spechtmeise eindringlich zu schildern, damit sie sich durcheigene Anschauung von deren Nützlichkeit überzeugen können. Gießen, März 1900. H. Curschmann. Vom Monat März. März 1900. Nachdruck verboten. Rach dem strengen, ungewöhnlich schneereichcn Februar ist mit dem Marz auf dem Markte völlige Frühlingsstimmung eingezogen. Wenn auch in den Lüsten Winter und Frühling noch um die Herrschaft streiten, hart ist der Kampf zwischen Frost und Lenzeswärme, so gehört doch dem Frühling der Sieg. Schneeglöckchen und Märzveilchen melden es, knospende Anemonen und Seidelbast verkünden den baldigen Friedensschluß. Frisches Grün kommt in reicher Auswahl zum Markt, sogar die Theekräuter sind schon zur Stelle. Spitzwegerich, das alte, hochgeschätzte, „lösende" Mittel iuirb in der allgemeinen Husten- und Schnupfenzeit von den Theegläubigen mit Freuden begrüßt, und frischgrünes Preißelbeerkraut findet gleichfalls lebhafte Nachfrage. Nach vielfacher Erfahrung ist gegen Schnupfen und Husten 140 eine nach den, Aufenthalt im Freien genossene Tasse Bouillon aus Liebigs Fleisch-Extrakt ein weit besseres Vorbeugungsmittel, als alle übrigen Thees, sie wirkt, erwärmend und stärkend. Suppcnkräutcr werden alle Tage besser, mau sehe sich aber vor, denn unter den auf den Markt kommenden findet sich mancherlei, das nicht dazu gehört, z. B. Hahnensußblütter, Scharbockskraut, Waldkerbel und dergleichen. Aus dem Freien kommt für die Küche billiger, getriebener Schnittlauch, grüne Petersilie, die kleine Feld- und die gleich billige, aber viel zartere Garten- rapuuze, Bitterkresse, die unschuldige Konkurrentin der echten Erfurter Brunnenkresse, welch letztere in Delikatessenhandlungen stets frisch zu haben ist. Die Brunnenkresse mit ihrem salzig würzigen, den Appetit anregenden Geschmack gehört zu den gesündesten Gemüsen und hat den Vorzug, daß sie den ganzen Winter über frisch zu haben ist. Man genießt sie wie Schnittlauch auf Butterbrot, verwendet sie hauptsächlich zu Salat, aber auch als Blattwürze und als warmes Gemüse, welches namentlich in England eine beliebte Beigabe zu jungen Hühnern ist. Wer den strengen Geschmack der Brunnenkresse nicht liebt, kann sie mit Spinat oder Rapunze zusammen kochen. Heimische Radieschen und Kopfsalat sind gleichsalls am Platze, letzterer steht aber an Güte und Größe erheblich hinter dem festköpsigen Pariser Salat zurück. Endivien siebt es noch in allen Formen, namentlich hat sich die weiße Spargelendivie als Gemüse wie als Salat rasch Liebhaber erworben. Mit frischen Treibgemüsen stehen wir noch ganz int Zeichen der Pariser Gemüse-Zufuhr, die uns grüne Bohnen, junge Schoten, große lange Gurken, zarte Treib- karotten, Artischocken in großen Köpfen und mächtige Kardy- stauden bringt. Auch sahen wir junge Kohlrabi, die allerdings noch eine kostspielige Delikatesse bilden, gleich dem, vorhandenen weißen und grünen Treibspargel, Tomaten, englischen Bleichsellerie für den Nachtisch und zarte Rhabarberstengel für Kompott. Aus Algier und Malta kommen fortgesetzt Transporte neuer Kartoffeln, die infolge dessen im Preise zu sinken beginnen. Zwiebeln halten ihre Preise. Ueberwintertes Gemüse ist auf dem Markte noch in allen Sorten zu erlangen, aber die Ware ist naturgemäß mit allen Fehlern des Lagerns behaftet, giebt viel Abfall und entbehrt des frischen Geschmackes. Mit dem Augenblick, wo das kommende Frühjahr den Kohlarten den Gnadenstoß giebt, taucht unser einziges Frühlingsgemüse, der Spinat, reichlicher auf, bleibt aber noch teuer. Die Hauptsache ist, daß die Kartoffeln noch so gut sind, als ständen wir im Herbst, allerdings ist dieses unentbehrliche Nahrungsmittel etwas teurer als in früheren Jahren. Kein anderes.Gemüse läßt sich auf so mannigfaltige Weise zubereiten als die Kartoffel. Eine sehr schmackhafte Beigabe zu frischer Wurst oder Schwarzfleisch sind saure Kartoffeln. Man schält, wäscht und zerkleinert 1 Kilo Kartoffeln, setzt sie mit kaltem Wasser an, thut eine Zwiebel, 6 Pfefferkörner und eine Nelke, ein Viertel Gramm Lorbeer und 20 Gramm getrocknete Pilze daran und läßt sie weich kochen. Alsdann giebt man 15 Gramm Liebigs Fleisch-Extrakt und 60 Gramm ausgelassenen Rindstalg dazu, läßt das Gemüse nochmals aufkochen, damit die Brühe seimig wird, und giebt vor dem Anrichten eine in feine Scheiben geschnittene saure W t = V LV qillQU. Den Obstmarkt beherrschen die Früchte des Südens, Orangen, Citronen und Limonen. Im Delikateßverkehr sind weiße Cal- ville und Tyroler Edeläpfel zu haben. Von Treibfrüchten giebt es Erdbeeren und hiesige Ananas, die besten Sorten neben der billigen westindischen St. Michael und Marseiller Ananas. Die Eierpreise sinken im März, und den Geslügelmarkt beherrscht das Huhn. Die als Vorboten der hiesigen Geflügelzucht noch spärlich erscheinenden Backhühnchen werden teuer bezahlt. Der Geflügelhandel geht im März in den Delikateßläden flotter. Da sind Hamburger Enten und Gänse, Puten usw. Die Küche wendet in diesem Monat ihr Interesse mehr noch dem vierfüßigen Schlachtvieh zu. Junge Ziegen sind für den bürgerlichen Sonntagstisch sehr empfehlenswert, ebenso Lammflersch. Neben diesen aber bildet das augenblicklich ausgezeichnete Kalbfleisch einen der beliebtesten Braten, den man in folgender Weise zur Feinschmeckerspeise gestalten kann. Man legt 5 Kilo Kalbskeule vier Tage in eine Weinmarinade, in der sie täglich gewendet werden muß, dann spickt man sie und brät sie auf die gewöhnliche Art im Ofen gar und saftig. Das Hauptaugenmerk wird dann auf die Zubereitung der Sauce gerichtet, für die man vorher 4 Trüffeln, 10 weiße Champignons, 2 kleine geschälte Pfeffergurken und etwa 75 Gramm Fray-Bentos-Zunge würf- lich schneidet. Der Vratensaft wird nun mit brauner Mehlschwitze, i Glas Rotwein, 15 Gramm Krebsbutter, 10 Gramm Liebigs Fleisch-Ertrakt und 1 Glas Schaumwein verkocht, durchgestrichen, mit den zerschnittenen Zuthaten heiß gerührt und zum Teil über den zerschnittenen Braten gegeben, zum Teil neben gebackenen Kartoffeln besonders gereicht. Für Wild ist die Auswahl knapp, da außer dem Wildschwein sämtliches Wild Schonzeit hat, ebenso das Wildgeflügel, das sich auf Fasanenhähne und die Zufuhr von russischem Geflügel beschränkt. Als Seltenheit der deutschen Jagd erscheint un März die Schnepfe, und gleichzeitig mit ihr pflegen die Kibttze etnzu- tresfen, sodaß auch Ende des Monats auf die so hoch geschätzten Kibitzeier zu rechnen ist. Tas Hochwasser und der Eisgang haben nicht nur den Ftfch- saug im freien Strome beeinträchtigt, sondern auch in den Fisch- hältereien viel Schaden aiigerichtet. Für die Fastenzeit bietet der Markt reiches Angebot in Fischen. Alle Süßwassersische sind in diesem Monate gut, Flußhechte, Karpfen, Zander, Rhein- salm und Silberlachs sind vorzüglich. Der offene Markt hat starke Zufuhr von Weißfischen, Brassen, Barschen rc. Seefische sind in allen Sorten vorhanden, Steinbutt, Seezunge, Schellfisch und Kabliau. Hummern sind niedrig im Preise, und für Austern ist der März noch günstig. Die jetzt zum Angebot kommenden Froschkeulen sind ein willkommenes Fastengericht. Die Hauptsaison für Froschkeulen ist wohl im Herbst, weil die Frösche zu dieser Zeit weit fetter und schmackhafter sind, doch kommen auch im März und April Froschkeulen aus die Tasel. Lrtteraxrsehes. Katechismus derStenographie von Pros. Heinrich Krieg. Dritte, vermehrte Auflage. In Originalleinenband 3 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Der am 10. Februar verstorbene Verfasser dieses Buches, Oberregierungsrat und Vorstand des königlichen stenographischen Instituts zu Dresden, war der verdienstvollste und hervorragendste Vertreter des Gabelsberger'schen Systems. _ In der von ihm selbst noch neu bearbeiteten dritten Auslage seines Katechismus, eines Leitfadens für Lehrer und Lernende der Stenographie im allgemeinen und des Systems von Gabelsberger im besonderen, hat er ein mustergültiges Lehrbuch hinterlassen, das bei klarer, wissenschaftlicher Fassung eine erstaunliche Fülle kritisch gesichteten historischen Stosses im ersten Teile enthält, während der zweite Teil — Gabelsbergers Lehrgebäude — dem Verlangen nach einer Anleitung zur leichten, schnellen und dabei doch sicheren Aneignung der stenographischen Korrespondenzschrift in jeder Beziehung Rechnung trägt. Die stenographischen Vorlagen sind nach Kriegs Handschrift von dem rühmlichst bekannten Stenolithographen Adolf Schöttner in Dresden ausgeführt worden. Eine schmückende Beigabe ist die Abbildung des Gabelsberger-Denkmals in München. Wie halte ich mit meinem Einkommen haus'? Diese für jede Hausfrau überaus wichtige Frage hat die weitverbreitete Zeitschrift ..Dies Blatt gehört der Hausfrau!" (Verlag von Friedrich Schirmer, Berlin SW.) zum Gegenstände eines Preisausschreibens für ihre Leserinnen gemacht. Da „Dies Blatt gehört der Hausfrau!" ein eminent praktisches Blatt ist und es als feine vornehmste Ausgabe betrachtet, den Hausfrauen mit Rat und That beizustehen, ihre Erfahrungen zu erweitern und ihre hauswirtschastlichen Kenntnisse zu bereichern, so ist dieses Preisausschreiben, das als ein ernstes, soziales Werk zur Förderung des Familienlebens aufgefaßt werden muß, ein natürliches Ergebnis seiner anerkennenswerten Tendenz. — Für die Unterhaltung sorgt der Roman „Weibliche Studenten" von Heinrich Lee in der Romanbibliothek von „Dies Blatt gehört der Hausfrau" Der bekannte Verfasser schildert in liebevoller Weise die Bestrebungen der Frauen, ihr Wissen zu vervollständigen und ihr Arbeitsgebiet zu vergrößern. Von diesem Hintergründe hebt sich das ergreifende Schicksal der Heldin wirkungsvoll ab und hält das Interesse des Lesers bis zum fröhlich ausklingendcn Schlüße wach. Probenummern mit dem Preisausschreiben und dem Anfang des Romans versendet die Geschäftsstelle obiger Zeitschrift gratis und franko. ______________ Versteckrätsel. Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in-folgenden Wörtern versteckt sind wie die Silbe „an" in „Wanderer." Munterkeit — Großvater — Jerusalem — Demetrius — Bedacht- samkeit — Finsternis — Kadetten — Versicherung D— Leinwand — Wachtmeister. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Kreuzrätsels in vorigerWuntmer. ASK p c l f h ° A p f e l sine Sehl e s i e n Kl a s s i k e r i i k nee e n r Redaktitm: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Drühl'schen IIniverfitäts-Buch- »nd Steindrnckerei (Pietsch Erbens in Niesten